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Meine längsten 14 Tage
Als mich vor ein paar Monaten der vierjährige Sohn einer guten alten
Freundin damit nervte, wissen zu wollen, was ich beruflich mache,
wollte ich ihm das möglichst anschaulich schildern. Das sei nicht so
einfach, fing ich an, ja, wie solle man das sagen, druckste ich herum:
Also man fahre mit ganz vielen anderen Menschen in einem schicken
Bus in Länder, wo immer die Sonne scheine, wohne kostenlos in teuren
Hotels, wo es das beste Essen gebe, und am Tage schaue man sich
schöne alte Kirchen an. Na ja, so ungefähr, fügte ich hinzu. „Kriegst
du dafür auch Geld, so wie mein Papa für seine Arbeit?" Nach einiger
Überlegung mußte ich zugeben, ja, ich bekomme dafür auch noch
Geld. Darauf rief Kevin zu seiner Mutter hinüber, „Mama, ich weiß
jetzt, was ich mal werden will."
So oder so ähnlich geht es mir häufig, wenn man mich fragt, was ich
beruflich tue. Zugegeben, ich stehe beim Arbeiten nicht mit Gummistiefeln
im Schlamm, muß mich nicht dauernd bücken oder hinknien
oder am Fließband irgendwelche dumpfen Tätigkeiten verrichten. Ich
bin in gewisser Weise privilegiert. Das ist die funkelnde Vorderseite
der Medaille. Wer aber macht sich schon die Mühe, das Goldstück
auch mal umzudrehen? Meist keiner. Aber glauben Sie mir: Wo viel
Licht ist, gibt es auch reichlich Schatten. Nachdem ich meinen Beruf
in diesem Buch mit so vielen positiven Beispielen dargestellt habe,
muß es sein, daß ich - wenn auch nur einmal - von einer Pilgerreise
erzähle, die mich fast um den Verstand gebracht hätte. Allein durch
die Kraft und die Stärke meines Glaubens, demütig zu sein, konnte ich
die „längsten 14 Tage meines Lebens" überstehen.
ES WAR IM JULI, LETZTEN SOMMER. Ich war am Vorabend
nach Lissabon gekommen und wartete am Mittag des Folgetages am
Flughafen auf eine Pilgergruppe aus Atlanta (Georgia). Wie so häufig
hatte die Maschine ordentlich Verspätung, so daß ich die 28köpfige
Reisegruppe erst gegen 16:30 Uhr in Empfang nehmen konnte. Eine
lange Reise stand uns bevor. Wir wollten gemeinsam volle 14 Tage
von Wallfahrtsort zu Wallfahrtsort pilgern und dabei so berühmte
Städte wie Fatima, Avila, Santo Domingo de Silos, Burgos, Garabandal,
Lourdes und zuletzt noch Paris aus der Nähe kennenlernen. Die
Reisegruppe bestand aus Mitgliedern einer kleinen Gemeinde, die
charismatisch geprägt war, und gewissermaßen die Pfarrgemeinderatsvorsitzende,
eine energische Frau von Mitte sechzig, Joyce Miller,
war mit von der Partie. Ihre graumelierten Haare hatte sie streng
nach hinten gekämmt und mit einem Knoten befestigt. Auf ihrer
spitzen Nase trug sie eine übergroße Brille und dazu ein klassisches
Kostüm. Sie kam mir vor wie eine Gouvernante aus der Zeit um 1900.
Der Beruf der Lehrerin, der Erzieherin, ja auch der Oberschwester
hätte ihr gut zu Gesicht gestanden. Sie war eine Autoritätsperson,
jedenfalls wollte sie unbedingt als solche wahrgenommen werden.
Vom ersten Moment an, als ich sie begrüßte, spürte ich ihre Ausstrahlung.
Als ich ihr die Hand geschüttelt hatte, war mein Eindruck
fertig: „eiskalt", dachte ich mir. Dazu paßten ihre kleinen eisblauen
Augen, die flink hin und her blitzten und denen nichts entging. Die
übrigen Mitglieder dieser Pilgergruppe machten einen gutmütigfreundlichen
und letztlich passiven Eindruck. Ihr Südstaatenakzent,
jener sympathische „southern drawl", verriet dem Kenner sofort ihre
Herkunft. Seit Jahren schon konnte ich feststellen, daß zunehmend
Frauen diese Pilgerreisen prägen und beherrschen. So auch hier.
Mehr als Zwei Drittel der Teilnehmer waren Teilnehmerinnen und
alle jenseits der Sechzig. Ihr ungewöhnlich junger Pfarrer hingegen
begleitete sie. Sein Alter war nur schwer zu schätzen: Menschen mit
einem so markanten Babyface scheinen einfach nicht zu altern. Er
war nicht nur schlank, er wirkte auch sehr sportlich, ja geradezu
muskulös. Ich begrüßte jeden der Teilnehmer wie üblich mit Handschlag
und sagte hier und da ein freundliches Willkommenswort.
Am Ende der Reihe aber bekam ich einen Schreck: Da standen drei
Rollstühle mit kranken oder gebrechlichen Mitreisenden, die von
Flughafenmitarbeitern geschoben wurden. Nachdem unser Gepäck
und die Rollstühle im Bus ihren Platz gefunden hatten, nahmen
wir wie üblich Kurs auf Santarem, um dort eine auf 16:00 Uhr reservierte
Dankesmesse zu halten. Als wir den Flughafen verließen,
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