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Die Reise zum „Ich"
Auf der Wiese steht ein großer alter Baum mit hoher Krone und weit verzweigten Ästen. Überall blühen Blumen in leuchtenden Farben und Schmetterlinge fliegen umher. Ich stehe mitten in dieser Pracht und sehe ihnen zu, wie sie luftig und leicht von Blüte zu Blüte flattern. Etwas entfernt ist ein kleines, altes Haus mit Butzenscheiben. Ich gehe darauf zu und öffne die knarrende, grüne Holztür. Das ganze Haus besteht aus einem großen Raum. Vom Eingang aus kann ich bis unter die Dachsparren schauen. Innen ist es karg eingerichtet. Nur eine Eckbank, ein schwerer Holztisch und ein prasselndes Kaminfeuer befinden sich darin. Sowie eine Falltür, von der es über eine Treppe in den Keller hinab geht. Hier finden sich ein paar Kisten mit alter Kleidung, ordentlich abgelegte Akten, ein Karton mit Photos von meiner Familie - und noch eine Falltür.
Nein, da will ich nicht hinunter. Dort ist ein furchtbares Monster. Nur unter Mühe und mit heftigster innerer Gegenwehr öffne ich die zweite Falltür. Vor mir, hinter einer Wand aus Panzerglas, steht „das Monster" - ich selbst, nur jünger, mit Krallen und Feuer spuckend, tobend und kreischend. Ich habe Angst. Was passiert, wenn ich diese Furie heraus lasse? Zerfetzt sie mich?
Lange überlege ich, was ich tun soll. „Das Monster" tut mir leid, eingesperrt hinter dieser Glaswand. Zugleich macht es mir Angst. Dann fälle ich meinen Entschluss, trete vorsichtig zur Seite und sperre auf. Das Monster schießt an mir vorbei, nach oben und ins Freie, auf die Wiese. Das ist der Beginn ...
So fing es an, mit der ersten Führung in meine inneren Bilder. Etwas nervös und aufgeregt, aber zugleich neugierig und voller Vorfreude, ließ ich mich auf dieses Abenteuer ein. Begeistern konnte mich dazu, neben den Ausführungen meines Therapeuten, das Buch „Maskenball der Seele" von Matthias Wendel. Darin hatte ich gelesen, welche Themen während einer Reinkarnations-therapie auftauchen können und ich fand die Schil-derungen darin höchst interessant. Auf das, was ich dann alles selbst erfahren durfte, hätte mich allerdings wohl kein Buch auf dieser Welt vorbereiten können.
Das freundliche und helle Bild der Wiese entsprach meiner Stimmung und Schmetterlinge habe ich schon immer geliebt. Deren Leichtigkeit und Farbigkeit faszinieren mich seit jeher. Auch der Gang in den ersten Keller machte mir nichts aus. Den kannte ich gut durch die Auseinandersetzung mit meinem Horoskop. Hier lag all das, ordentlich verstaut und verpackt, was ich mir bereits angesehen hatte. Erleichtert blickte ich mich um und betrachtete das Ergebnis meiner bisherigen Arbeit an meinen inneren Themen. Ich stellte zufrieden fest, dass ich eine ganze Menge erreicht hatte. Fein säuberlich gestapelt meine „alte Kleidung", Masken und Äußerlichkeiten, die ich inzwischen abgelegt hatte. Akten mit Erfahrungen und voller theoretisch bearbeiteter Themen, die als bereits abgehakt und fertig gestellt in diesem Keller archiviert wurden. Genau wie die alten Familien-bilder. Alles bekannt und bestens verstaut.
Doch dann ging es tiefer. Angst breitete sich in mir aus. Wieso noch einen Keller tiefer? Davon war zuvor aber keine Rede gewesen! Nur widerwillig fand ich den Zugang zu diesem zweiten Keller und öffnen wollte ich ihn schon gar nicht. Als ich es schließlich doch tat und „das
Monster" sah, hätte ich am allerliebsten gleich die Tür kräftig wieder zugeschlagen und mehrfach sicher verriegelt. So ganz nebenbei - das habe ich in dieser Sitzung auch ein paar Mal getan. Nur änderte das leider nichts. Dieser abgeschobene, wütende und zornige, traurige und zutiefst verletzte Teil von mir war schließlich trotzdem da. Tief verborgen, weg gesperrt und sicher verriegelt, aber trotz allem vorhanden. Nicht umsonst hatte ich mich zu dieser Reise aus einem inneren Bedürfnis heraus entschlossen.
Natürlich hätte ich jetzt einfach wieder zumachen, aufstehen und die Sitzung beenden können. Dies wäre der einfachste und schnellste Weg gewesen. Das Monster in seinem Gefängnis einfach vergessen. Doch zu diesem Zeitpunkt war mir längst klar, dass dieser Wesensanteil genau derjenige in mir ist, der immer im unpassendsten Moment zum Vorschein kommt. Genau der Anteil, der mich daran hindert, glücklich und frei zu leben. Man kann nämlich nicht glücklich und frei leben, wenn man sich selbst einsperrt und sei es nur teilweise. Das funktioniert einfach nicht.
Es kostete mich unglaubliche Überwindung, diese Furie aus ihrem Gefängnis herauszulassen. Ich hatte Angst, ganz tiefe Angst. Sie grummelte im Bauch, drückte auf die Kehle und nahm mir die Luft. War es gut gewesen, das zu tun? Bin ich eigentlich noch ganz bei Verstand?
Egal, es ist jetzt einfach so. Irgendwo war es bei aller Angst auch befreiend. Wie auch immer es jetzt weiter geht, der Anfang ist gemacht. Ab jetzt gibt es kein zurück mehr. „Das Monster" ist frei.
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Die eigenen inneren Bilder zu entdecken und in Bezug zur derzeitigen Lebenssituation zu setzen, ist eines der größten Abenteuer. Diese spannende Reise in die Tiefen des Unterbewußtseins macht Lust, sich selbst auf den Weg zur Entdeckung des eigenen Ichs zu machen, um anschliessend stärker, bewußter und voller Lebensfreude daraus hervorzugehen.
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