Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern



Kategorien
> Belletristik > Zwischen Popcorn & Zuckerwatte
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Belletristik
Buch Leseprobe Zwischen Popcorn & Zuckerwatte, Josie Charles
Josie Charles

Zwischen Popcorn & Zuckerwatte



Bewertung:
(43)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
408
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
im Kindle Shop unter http://amzn.to/2DCNnq8
Drucken Empfehlen

Prolog


 


Poppy


 


Ich weiß, dass es kindisch ist, aber ich bin jedes Mal aufs Neue aufgeregt. Mit wackligen Beinen steige ich eine der Treppen hinauf, die an der Außenseite des Devil’s Kettle zu den Zuschauerplätzen führen. Der Kettle ist ein kreisrundes hölzernes Gebäude im Freizeitpark Mississippi Kingdom, das auf mich schon immer eine ganz besondere Anziehungskraft ausübt. Und zum Glück nicht nur auf mich: Hier bin ich eine von vielen Neugierigen, die sich in die schmalen Sitzreihen schieben und gespannt auf den Beginn der Show warten.
Meine Handflächen sind feucht und ich wische sie unauffällig an meinen Shorts ab. Vielleicht hätte ich mich nicht ganz nach vorne setzen sollen.
Was, wenn er mich sieht?
Sei nicht albern, sage ich mir. Wenn er auf seiner Maschine sitzt, hat er Besseres zu tun, als sich die Zuschauer anzusehen. Das scheinen jedoch längst nicht alle hier zu glauben. Ich sehe mich um und entdecke überall aufgetakelte Mädchen und Frauen, die erwartungsvoll hinunter auf die Schotterfläche in der Mitte des Kettle blicken. Keine Frage, sie sind auch wegen Ethan hier. Und glaubt man seinem Image, wird er heute Abend mindestens eine von ihnen näher kennenlernen. Viel näher …
Das Gebrüll eines Motors reißt mich aus meinen Gedanken. Auch ich wende meinen Blick nach vorn. Jenseits der Absperrung geht es gut fünf Meter in die Tiefe. Dort unten befindet sich eine ebenfalls runde Fläche, flankiert von der sogenannten Steilwand.
Mein Herz klopft, als der Motor ein weiteres Mal aufbrüllt. Dann schießt eine schwarze Maschine aus einem der Zugänge und mein Herz macht einen Sprung in meiner Brust. Den Fahrer würde ich aus hunderten erkennen. Wegen seiner Lederjacke, seiner muskulösen Figur und der Art, wie er auf der Maschine sitzt, tief hinuntergebeugt wie ein Stier kurz vor dem Angriff. Geschickt lenkt er das Motorrad exakt in die Mitte des Kettle und beginnt dann Staub aufzuwirbeln wie Disconebel, indem er mit durchdrehenden Reifen im Kreis fährt. Er trägt keinen Helm und das angedeutete Grinsen, das er dabei zu uns nach oben wirft, sorgt für ein Kreischkonzert.
Ich schlucke. Wie sehr ich mir wünsche, diese anderen Frauen würden verschwinden und ich hätte ihn ganz für mich.
Aber was wäre dann, Poppy? Er würde einfach an dir vorbeigehen und sich eine Interessantere suchen.
Ich verscheuche den Gedanken und konzentriere mich wieder auf die Show. Ethan scheint genug davon zu haben, Donuts in den Schotter zu fahren. Er lässt den Motor aufkreischen, rast auf einen der Ausgänge zu und verschwindet darin. Ich weiß genau, was jetzt passiert. In einer schmalen Gasse zwischen den Wänden des Kettle wird er an Geschwindigkeit aufnehmen. Und dann geht die Show erst so richtig los.
Gebannt lausche ich auf die Motorengeräusche seiner Kawasaki Ninja und kann es kaum erwarten, dass er wiederkommt. Es ist verrückt, aber selbst wenn ich ihn nicht sehe, löst er mehr in mir aus, als es jeder andere Mann je getan hat. Und dann, als aus den Lautsprechern Gitarren aufheulen und nicht nur Ethans Motorrad, sondern gleich mehrere schwere Maschinen in den Kettle rasen, kann ich mich kaum noch auf meinem Sitz halten.
Während ich wie gebannt bin, applaudieren die anderen Zuschauer begeistert, als die Motorräder noch mehr an Fahrt aufnehmen und dann schließlich das tun, was ich immer wieder unglaublich finde: Sie rasen Richtung Wand, überbrücken dort scheinbar alle physikalischen Gesetze und fahren plötzlich direkt an der Steilwand entlang, in einem 90-Grad-Winkel zum Boden, so als würden sie die Schwerkraft mühelos überwinden.
Ethan ist der Schnellste von ihnen – und der, der die riskantesten Manöver wagt. Während die anderen mit ihren Maschinen um ihn herumfahren, schwingt er sich vom Sattel, hält sich nur noch am Lenker fest und fliegt einen Moment durch die Luft, ehe er wieder zum Sitzen kommt.
Der Applaus wird noch stärker, aber das reicht Ethan nicht. Als wäre nichts dabei, nimmt er die Hände vom Lenker und animiert die Leute, lauter zu klatschen. Freihändig rast er an der Wand entlang, so atemberaubend schnell, dass ich fast schon Angst um ihn habe, obwohl ich weiß, wie gut er ist.
»Er ist so heiß!!«, ruft ein Mädchen irgendwo neben mir über den Lärm hinweg.
Ich blicke kurz zu ihr und sehe dann zu, wie Ethan den Lenker wieder packt, sich tiefer über die Maschine beugt und noch mehr Gas gibt. Er beschleunigt stärker und stärker, so heftig, dass der gesamte Kettle zu vibrieren beginnt. Die Zuschauer halten die Luft an, vor allem, als er plötzlich von der Steilwand wieder in die Mitte und von dort aus dem sichtbaren Bereich heraus schießt. Erneut hört man ihn außen herum fahren, und dann erscheint er plötzlich auf der Rampe an der rechten Seite der Halle.
Gebannt sehe ich zu, wie er die Rampe hinauf rast, in vollem Tempo, absolut furchtlos. Er springt ab und vollführt mit dem Motorrad einen Salto in der Luft. Auf der anderen Seite landet er sicher und schafft es sogar, wieder aus dem Kettle zu fahren, ohne einen seiner Kollegen zu erwischen, die immer noch an der Steilwand unterwegs sind.
Jetzt springen die ersten Zuschauer auf und johlen begeistert.
Ich bleibe sitzen und lächle in mich hinein. Jedes Mal, wenn er es schafft, die Menge so mitzureißen, empfinde ich einen seltsamen Stolz. Aber ich weiß, dass das Blödsinn ist. Denn die Wahrheit ist, dass es nichts gibt, was Ethan und mich verbindet. Ich bin einfach nur eine Bewunderin von vielen. Und das werde ich auch immer bleiben.


***



Kapitel 1



Poppy


 


»Einen schönen Abend noch«, rufe ich dem Pärchen hinterher, das gerade eine große Portion Popcorn bei mir gekauft hat und nun Hand in Hand auf den Zelteingang zusteuert. Sie scheinen mich nicht zu hören, zumindest reagieren sie nicht. Ich sehe ihnen nach, bis sie verschwunden sind und atme auf.
Sie waren die Letzten, die an meinem Süßigkeitenstand angestanden haben, was bedeutet, dass ich jetzt dreißig Minuten Pause habe. Dreißig Minuten frei, während meine Schwester Candice, die von allen nur Candy genannt wird, das Publikum unterhält.
Ich kann es nicht erwarten, aus dem süßlichen Geruch nach kandierten Früchten, Zuckerwatte und Apfelbonbons herauszukommen. Es ist so schwül und warm heute, dass ich es hinter meinem Tresen kaum aushalte. Schnell schalte ich die kleine Lampe über meinem Verkaufsstand aus und will gerade das Vorzelt verlassen, um frische Luft zu schnappen, als ich es mir urplötzlich anders überlege. Durch den geöffneten Vorhang sehe ich, dass draußen eine schwarz glänzende Kawasaki Ninja steht.
Und ich weiß genau, wem dieses Motorrad gehört.
Auf einmal habe ich es gar nicht mehr eilig, Pause zu machen.
Stattdessen wende ich mich um und schiebe mich durch die grün-weiße Zeltplane, um mir doch Candys Show anzusehen. Sie hat noch nicht begonnen, der Raum ist erfüllt von Gemurmel und dem Rascheln der Süßigkeitentüten.
Geduckt verschwinde ich unter der Zuschauertribüne, um kein Aufsehen zu erregen. Als Artistenkind kenne ich jede Zeltstange, jede Stolperfalle und jeden Riss in den Planen in- und auswendig. Auch wenn hier unten fast komplette Finsternis herrscht, schaffe ich es unbeschadet bis zum Rand der Bühne. Erst dort komme ich wieder unter der Tribüne hervor und stelle mich neben meinen Vater, der mir zulächelt. Er hat gerade meine Schwester angekündigt – das weiß ich, weil der Ablauf immer der gleiche ist. Drei Mal pro Tag, an fünf Tagen die Woche.
Nur Candys Show selbst ändert sich von Zeit zu Zeit. Sie langweilt sich schnell und probiert gern mal was Neues aus. Unsere Eltern haben nichts dagegen. Sie erhoffen sich, dass aus diesem Grund die Zuschauer zwei- oder auch dreimal kommen.
Ich schaue mich um, doch es dauert einen Moment, bis sich meine Augen an das Halbdunkel gewöhnt haben. Als ich endlich mehr als nur Silhouetten erkenne, stelle ich fest, dass fast jeder Platz besetzt ist. Alle wollen Candy und ihre moderne Freakshow sehen.
Da mein Vater noch immer neben mir steht, wende ich mich wieder der Bühne zu. Sie ist gespenstisch blau beleuchtet und vom Boden steigt Nebel auf. Ich kann meine Schwester noch nicht sehen, doch ich weiß, dass sie bereits inmitten der Nebelschwaden kauert. Wie jedes Mal, wenn ich zusehe, bin ich ein kleines bisschen aufgeregt – fast als wäre ich es selbst, die dort oben auf ihren Einsatz wartet. Vermutlich ist das kein Wunder, denn Candy und ich sind Zwillinge und schon immer auf eine ganz besondere Art verbunden.
Die Musik setzt ein, ein schneller Beat, der für einen Zirkus viel zu heftig wäre, für Candy aber genau das Richtige ist.
Auch wenn wir ein gestreiftes Zelt haben, Popcorn verkaufen und meine Eltern früher Artisten waren, sind wir kein Zirkus. Wir haben lediglich einen Platz im Mississippi Kingdom, einem Freizeitpark am Rande von Memphis, Tennessee. Wir befinden uns in einem Teil des Parks, der Ancient Fair genannt wird. Hier sieht es aus wie auf einem altmodischen Jahrmarkt. Es gibt ein Riesenrad, das so langsam fährt, dass man meinen könnte, man bewegt sich überhaupt nicht, ein Karussell mit Holzfiguren, Dosenwerfen, Kistenklettern, ein Spiegellabyrinth und natürlich die Live Shows. Neben den Auftritten von Candy, der Schlangenfrau, finden hier regelmäßig Ethans Motorradstunts, aber auch Zauberdarbietungen und Westernreiten statt. Die Kulisse ist perfekt: Holz und bunte Stoffe, so weit das Auge reicht, dazu Orgelmusik bis in die entlegensten Winkel. Und wir haben die Auflage, so wenig elektrisches Licht wie möglich zu benutzen, um den Zauber nicht zu zerstören.
Zumindest draußen halten sich auch alle an diese Vorgaben. Hier drinnen sieht es allerdings ganz anders aus. Erst vor kurzem haben meine Eltern in eine nagelneue Lichtanlage investiert, sowohl die Musik als auch die Show an sich sind alles andere als verstaubt. Diese Mischung aus früher und heute ist es, was die Leute Tag für Tag herlockt.
Der Beat wird noch schneller, dazu setzt ein donnernder Bass ein und das Licht beginnt zu flackern, als würde es blitzen.
Und dann erhebt sich Candy aus dem Nebel. Sie stützt sich auf den Armen ab und hat die Beine grotesk nach vorne gebogen, sodass ihre Füße neben ihrem Gesicht stehen. Sie steckt in einem engen Body, der aussieht wie die Haut einer Schlange. Ihr schwarzes Haar glänzt wie flüssiges Pech und ihre hellblauen Augen funkeln im Blitzlicht wie Diamanten.
Auch wenn sie meine Zwillingsschwester ist, sieht sie doch vollkommen anders aus als ich. Sicher, wir haben dieselben Gesichtszüge, sind gleich groß und auch unsere Augenfarbe ist dieselbe. Aber ansonsten haben wir nicht viel gemein.
Mein Haar ist hellbraun und außer rotem Lippenstift trage ich eigentlich gar kein Make-up. Candy ist immer totenbleich, ihre Lippen und Augen sind schwarz geschminkt und sie trägt ein Septumpiercing in der Nase. Ihre schlanken Beine stecken meist in engen Lederhosen, während ich Jeans bevorzuge. Mein Kleidungsstil ist generell um einiges farbenfroher als ihrer. Ich liebe Rockabilly-Mode – Candy hingegen scheint alles zu mögen, was direkt aus der Hölle stammt.
Wir sind grundverschieden und trotzdem ein Herz und eine Seele. Zumindest war es bis vor kurzem so.
Candy ist nicht nur meine Schwester, sie ist auch meine beste Freundin und wir zwei waren stets unzertrennlich. Wann immer es ging, eisten wir uns von unseren Jobs im Freizeitpark los und gingen zusammen herunter an den Fluss oder in eine der Bars an der Beale Street. Mit den anderen Schaustellern hatten wir deshalb nicht viel zu tun, doch das hat uns nie gestört.
Seit einiger Zeit verhält sich Candy jedoch komisch. Ständig schleicht sie sich abends weg und auch tagsüber ist sie immer öfter nicht auffindbar. Ich glaube, dass das an irgendeinem Typen liegt, doch wenn ich sie frage, wird sie jedes Mal zickig und weicht mir aus.
Apropos Typ.
Ein Raunen geht durch die Menge, als Candy ihren verdrehten Körper auf den Händen vorwärts bewegt und ich nutze den Moment, in dem alle inklusive meinem Vater abgelenkt sind, um mich noch mal umzusehen.
Irgendwo hier muss er doch sein …
Ich suche die Ränge ab, blicke von einem faszinierten Gesicht ins andere, doch ihn kann ich nirgendwo entdecken. Vielleicht war es einfach Zufall, dass sein Motorrad direkt vor dem Eingang stand. Möglicherweise hat er es nur da geparkt und ist –
Ha! An einer Absperrung vor dem Sattelgang, der quasi den Backstagebereich darstellt, entdecke ich ihn schließlich doch noch. Er hat die muskulösen Arme vor dem Körper verschränkt und sieht zur Bühne. Auch aus der Entfernung kann ich das gefährliche Funkeln in seinen Augen erkennen. Wie alle anderen schaut er gebannt dabei zu, wie Candy ihren Körper verbiegt. Der Unterschied ist nur, dass es mich bei ihm stört zu sehen, wie sehr er sie bewundert.
»Na, Kleines, überwältigt von den ganzen Zuschauern?«, fragt mein Dad und holt mich aus meinen Gedanken.
»Ethan ist hier«, murmle ich wenig geistreich und reiße mich von seinem Anblick los.
»Hm«, macht mein Vater nur und ich sehe, dass sich seine Miene verfinstert. Wie die meisten im Mississippi Kingdom hat er keine sonderlich gute Meinung von Ethan. Es heißt, er wäre ein arroganter Draufgänger und würde ständig überall nur für Chaos sorgen.
Candy und ich haben auch mit ihm und seinen Jungs nicht viel zu tun, doch in diesem Fall wünschte ich, es wäre anders. Bisher hat Ethan mich immer nur wie Luft behandelt. Nein, eigentlich noch nicht einmal das, denn Luft braucht man zum Atmen – Ethan hingegen braucht mich für gar nichts. Wann immer wir uns begegnen, geht er einfach an mir vorbei, als wäre ich gar nicht da. Wenn er mich nur einmal aus seinen stahlblauen Augen ansehen oder mir dieses Grinsen schenken würde, das Typen wie er immer so perfekt draufhaben …
Träum weiter, Poppy. Und behalt deine Träume bloß für dich. Sogar Candy würde dich für verrückt erklären, wenn du ihr beichtest, dass du ausgerechnet auf Ethan Seale stehst.
»Er soll sich von meinen Mädchen fernhalten«, sagt mein Vater nun doch noch. »Sonst bekommt er es mit mir zu tun.«
Er sieht entschlossen und sogar ein wenig finster in Ethans Richtung und ich muss lachen. Mein Dad ist der gutherzigste Kerl auf der ganzen Welt. Ich glaube, er würde eher selbst seine Zelte abbrechen, als Ärger mit Ethan und seinen Jungs anzuzetteln.
»Er sieht doch nur zu, Dad«, beschwichtige ich ihn.
»Das will ich für ihn hoffen«, murrt mein Vater, dann blicken wir beide wieder in Candys Richtung, denn jetzt beginnt die Show erst richtig.
Zur Musik, die einen mystischen, geheimnisvollen Klang angenommen hat, hebt meine Schwester die Füße in die Luft und stützt sich nur noch auf den Armen ab. Während sie finster ins Publikum blickt, dreht sie die Beine ganz langsam um ihren Kopf herum im Kreis. Ihre Füße sind nackt, die Nägel schwarz lackiert. Um ihre Fesseln winden sich metallene Reifen. Sie sieht sexy aus, anmutig und zugleich so unheimlich, dass irgendwo im Publikum ein kleines Kind zu weinen beginnt. Doch die meisten Zuschauer johlen begeistert, als Candy sich schließlich nach vorn über den Kopf abrollt, sicher zum Stehen kommt und in einer einzigen fließenden Bewegung den Oberkörper so weit nach hinten biegt, dass ihre Fingerspitzen den Boden berühren.
Was sich Ethan wohl bei diesem Anblick denkt?
Sicher stellt er sich vor, was man mit einem so biegsamen Körper alles anstellen kann.
Als hätte Dad meine Gedanken gelesen, seufzt er in diesem Augenblick tief. »Ich fürchte, der hat wirklich ein Auge auf deine Schwester geworfen. Ach, Pops.« Er drückt meine Schulter. »Manchmal wünsche ich mir, Candy wäre ein bisschen mehr wie du!«
Damit wendet er sich ab und verlässt schweren Herzens seinen Wachhundposten.
Ich presse die Lippen zusammen und versuche mich nicht zu ärgern, auch wenn ich eigentlich doppelt Grund dazu habe.
Zum einen, weil er mich Pops genannt hat. Ich hasse es, wenn er das tut. Ich bin doch kein Pfeife rauchender alter Mann aus Iowa!
Und zum anderen, weil er mir wieder mal vor Augen geführt hat, dass ich ganz anders als Candy bin. Sie ist die, nach der sich die heißen Typen umdrehen. Ein Star. Und ich bin die Schwester eines Stars.
Ich beschwere mich nicht, schließlich bin ich selbst schuld. Ich habe mich nie um eine andere Rolle bemüht und kann mir auch kaum vorstellen, derart im Rampenlicht zu stehen, wie Candy es Tag für Tag tut. Sicher, ich wäre manchmal gern so sexy und geheimnisvoll wie sie. Doch im Großen und Ganzen ist alles okay so, wie es ist.
Manche Menschen sind nun einmal für das Rampenlicht geboren und andere, nun ja, für den Süßigkeitenstand.


***


 


Ethan


 


Candy weiß wirklich, wie sie mit ihrem Körper umgehen muss, damit einem als Mann warm wird. Die meisten anderen Schlangenmenschen, die ich bisher gesehen habe, waren für mich einfach nur Freaks. Candy hingegen sorgt dafür, dass ich sie am liebsten sofort ins Bett zerren will. Oder auf das Sofa in ihrem Backstagebereich, das ich zufälligerweise ziemlich gut kenne.
Es gab eine Zeit, da haben wir uns fast jeden Abend dort vergnügt. Dort oder an irgendeinem anderen Ort im Park, der nach Torschluss fast vollkommen verlassen ist. In letzter Zeit sehe ich sie jedoch seltener – ein Umstand, der sich dringend ändern muss.
Während Candy sich aufrichtet und verführerisch die Hüften kreisen lässt, ehe sie in die nächste aberwitzige Pose gleitet, nehme ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung neben der Bühne wahr. Ich drehe den Kopf, kneife die Augen zusammen und bin überrascht, Candys Schwester Poppy dort zu sehen. In einer Bluse, die sie vermutlich aus dem Schrank ihrer Großmutter gestohlen hat, steht sie da, mit überkreuzten Beinen, und kaut sich den roten Lippenstift von der Unterlippe.
Unmerklich schüttle ich den Kopf. Wie können zwei Schwestern nur so unterschiedlich sein? Die eine macht vor begeisterten Zuschauern auf Catwoman, die andere erfüllt schon jetzt die besten Voraussetzungen, um in ein paar Jahren als einsame Katzenfrau zu enden.
Ich beobachte, wie Poppy eine Haarsträhne, die aus ihrer seltsamen Hocksteckfrisur herausschaut, mit dem Zeigefinger aufdreht und kann mir das Grinsen kaum verkneifen. Kein Wunder, dass ihre Eltern sie an den Süßigkeitenstand verbannt haben. Ganz genau da passt sie auch hin.
Dann jedoch zwinge ich mich, wieder zur Bühne zu sehen. Denn eines steht fest: Poppy ist so ziemlich die letzte Frau in Tennessee, die mein Interesse weckt. Ich bin wegen Candy hier.
Gerade setzt der letzte Part der Musik ein und sie zeigt nochmal, was sie kann. Sie geht in den Handstand, die Wirbelsäule weit durchgebogen, und spreizt ihre Beine zum Spagat.
Dem Publikum gefällt der Anblick, es belohnt Candy mit ziemlich lautem Applaus, und auch ich finde gar nicht schlecht, was ich da sehe.
Einzig eine Person im Raum blickt in diesem Moment nicht zur Bühne: Poppy. Auch wenn ich sie nicht ansehe, spüre ich, dass ihr Blick auf mir ruht und ich weiß genau, was für ein Ausdruck dabei in ihren Augen liegt.
Unmerklich schüttle ich den Kopf. Manche Frauen wissen einfach nicht, was gut für sie ist – und Poppy Avens scheint definitiv dazuzugehören.


***


 


Poppy


 


Als ich viele Stunden später endlich im Bett liege, ist es ein Uhr nachts und meine Hände sind von Lebensmittelfarben bunt gesprenkelt. Den ganzen Abend über habe ich Zucker gefärbt, Paradiesäpfel glasiert und Orangen kandiert.
Eigentlich hätte ich längst fertig sein wollen, doch ich musste vorhin einen Umweg vom Zelt zum Parkplatz nehmen, weil mir mal wieder jemand aufgelauert hat – mein Stalker, wie Candy ihn nennt. Sein Name ist Antsy und er ist der Clown der Ancient Fair. Ich bin niemand, der sich grundsätzlich vor Clowns fürchtet. Doch die Sache mit Antsy ist ein bisschen unheimlich: Seit Jahren ist er auf der Fair ständig in meiner Nähe. Mindestens einmal am Tag kauft er sich etwas an meinem Stand. Und das, obwohl ich ihm nie irgendwelche Hoffnungen gemacht habe.
Ich seufze. Klar, dass der einzige Mann, der sich weit und breit für mich interessiert, ein aufdringlicher Clown ist.
Wie auch immer. Jetzt bin ich fertig und will eigentlich nur noch schlafen. Ich kuschle mich zwischen die ungefähr 50 Kissen, die mein Bett einnehmen, schließe die Augen und lausche dem Grillenkonzert vor dem Fenster. Es ist Juli, der Sommer nimmt gerade richtig Fahrt auf. Die Tage sind schwül und die Nächte warm. Ich liebe diese Zeit.
Wann sonst fühlt man sich so lebendig wie im Sommer?
Ich vergrabe das Gesicht in meinem verschlissenen Lieblingskissen und beginne gerade wegzudämmern, als ich das leise Quietschen der Tür vernehme, die sich öffnet und gleich wieder schließt. Ein paar fast lautlose Schritte, dann wird meine dicke Matratze erschüttert, als sich ein zweiter Körper darauf fallen lässt. Der Duft von Patchouli steigt mir in die Nase und im nächsten Moment schlingen sich auch schon zwei Arme erstaunlich fest um mich.
»Ich bin fertig!«, erklärt Candy. Sie lallt ein wenig und ihr Atem riecht nach Whisky.
»Du hast dein eigenes Bett, schon wieder vergessen?«, erinnere ich sie, obwohl ich mich freue, dass sie hier ist. Doch gleichzeitig versetzt es mir einen Stich, dass sie schon wieder ohne mich unterwegs war.
»Deins ist viel gemütlicher«, nuschelt meine Schwester schon fast im Halbschlaf, »und du riechst so lecker!«
Ich muss lachen. Etwas, das Candy auszeichnet, ist, dass sie immer sagt, was sie denkt. Manchmal ist das schmerzhaft, manchmal peinlich, aber zumindest weiß man bei ihr immer, woran man ist.
Sie fehlt mir ganz schön in der letzten Zeit. Bis wir 18 waren, haben wir uns sogar dieses Zimmer geteilt. Dann hat Dad ihr den Dachboden ausgebaut, aber sie kam trotzdem noch fast jede Nacht zu mir runter. Jetzt sind wir 23 und könnten eigentlich ausziehen, um uns was Eigenes zu suchen. Aber da wir beide nicht studieren und mit Mom und Dad zusammenarbeiten, macht das wenig Sinn. Zumindest sehe ich das so.
»Ich stand bis gerade in der Küche«, sage ich.
»Ich hätte dir helfen sollen«, gähnt Candy. »Ich bin eine schlechte Schwester.«
»So ein Unsinn.« Auch wenn es mir in ihrer Umklammerung schwerfällt, mich überhaupt zu rühren, drehe ich mich zu ihr um. Im Mondlicht, das durchs Fenster hereinfällt, erkenne ich ihr Gesicht. Ihr Lidschatten ist verschmiert, der Lippenstift verschwunden. Das Haar glänzt nicht mehr wie Seide, sondern steht wirr von ihrem Kopf ab.
»Wo warst du noch nach der Show?«, frage ich.
»Unterwegs«, weicht sie mir aus.
Ich hasse es unglaublich, wenn sie etwas vor mir verbirgt. Sie ist meine Zwillingsschwester und es fühlt sich jedes Mal an, als hätte ich selbst ein Geheimnis vor mir.
»Sag schon«, fordere ich.
Candy mustert mich einen Moment lang, dann drückt sie mir einen Kuss auf die Wange und lässt mich los. »Ich werd jetzt in meine Dachkammer kriechen und den Mond anheulen.«
»Du kannst hier übernachten, wenn du willst.« Ich blicke ihr nach, als sie sich aufsetzt und sich genüsslich streckt. Selbst das sieht bei ihr wie eine Akrobatikübung aus.
Über die Schulter lächelt meine Schwester mich an. Ihre Augen sind glasig von dem Whisky, den sie zweifellos getrunken hat, und leuchten trotzdem. »Das geht heute nicht. Ich hab was Großes vor, Schwesterherz.«
Schon wieder so eine Andeutung. Was meint sie damit? Wenn sie ‚was Großes‘ sagt, kann ich mir eigentlich nur vorstellen, dass sie wieder mal was an der Show verändern will. Vor ein paar Jahren war sie noch das süße Schlangenmädchen, heute zieht sie eine düstere Gruselnummer ab. Was kommt als Nächstes? Nacktakrobatik?
Doch irgendwie beschleicht mich ein schlechtes Gefühl. Eine Ahnung, dass mehr dahintersteckt.
»Was soll das heißen?«, frage ich.
»Das wirst du dann sehen.«
Ich runzle die Stirn. »Du kannst mir alles sagen, das weißt du doch?«
Candy mustert mich und schüttelt den Kopf, ihr Lächeln weicht einem beinahe wehmütigen Ausdruck. »Es ist alles in Ordnung, du musst dir keine Sorgen machen. Versprich mir nur eins.«
»Und was?«, will ich immer noch misstrauisch wissen.
»Versprich mir, dass du nie wirst wie ich, Penelope.«
Wow. Bei meinem vollen Namen nennt sie mich eigentlich nur, wenn wir streiten. Oder halt, wenn sie sentimental wird. Bisher kam sie mir gar nicht so betrunken vor. Aber das wird es vermutlich einfach sein, was sie so komisch daherreden lässt – der viele Whisky.
»Ein Gruftie? Sicher nicht.« Ich zwinkere ihr zu und lasse mich wieder in die Kissen sinken.
Candy grinst mich an und schreitet zur Tür. Trotz des Alkohols bewegt sie sich so graziös wie eine Ballerina. »Gute Nacht, ich hab dich lieb.«
Ich sehe ihr nach. »Ich dich auch.«
Candy öffnet die Tür, dreht sich zu mir um und vollführt eine elegante Verbeugung. »Jetzt siehst du mich …«, wispert sie einem Zauberer gleich, dann verschwindet sie in den dunklen Korridor, von wo aus sie langsam die Tür schließt. »… und jetzt nicht mehr.«
Das sind die letzten Worte, die ich höre, ehe die Tür ins Schloss fällt und ich wieder allein im Zimmer bin.


***



 


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2018 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 2 secs