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Belletristik
Buch Leseprobe Zwei mal Herz ist gleich eins, Karina Förster
Karina Förster

Zwei mal Herz ist gleich eins



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Kapitel 1

 


Ich schließe die Wohnungstür auf und lehne mich von innen dagegen. Innerlich sacke ich zusammen. Zu Hause. Mein gemütliches Heim ist ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft, die aus einem frustrierten, depressiven Scheidungsopfer, einem Weltenbummler und mir besteht.


Als Erstes streife ich mir die schwarzen Lackpumps von meinen schmerzenden Füßen. Krachend landen sie in der Schuhecke. Wie wohltuend es ist, diese Schuhe abzustreifen und die zwei Fußsohlen auf dem kühlen Parkett zu spüren. Ich strecke und recke die Zehen, lockere beide Füße, damit sie schneller begreifen, dass sie nicht mehr in ihrem unbequemen Gefängnis eingesperrt sind. Zögernd kommt wieder Leben in meine Zehen. Die Schuhe, die ich auf Arbeit trage, nerven mich.


Mir ist klar, dass mein Problem nicht nur auf meine Schuhe allein zu reduzieren ist, denn zurzeit nervt mich vieles auf meinem Lebensweg. Die Schuhe sind lediglich Sinnbild dafür. Ich bin an irgendeiner Weggabelung falsch abgebogen und seitdem zwänge ich meine Füße dort hinein. Die Letzten, die etwas dafür können, sind meine Schuhe, auch wenn es für mich bequemer als die Wahrheit wäre.


Nervgrund eins: Mein Gemütliches zuhause ist ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft. Mit dreißig Jahren eine miserable Karriere.


Nervgrund zwei: Mein Arbeitgeber schlug mir eine Versetzung nach München vor, die mir mehr Kopfzerbrechen bereitet, als mein Umfeld sich ausmalt. Wenn ich nach Hause komme, platzt mir mein Schädel vor lauter Grübelei. Ganz sicher wäre die Versetzung auf meinem beruflichen Lebenslauf grandios anzusehen und im Geldbeutel würde etwas hängen bleiben, aber meine Familie wohnt hier. Ich bin nicht einmal angetan von der Arbeit, die ich tagein tagaus bewältige. In Kürze steht eine Entscheidung an.


Immer öfter stelle ich mir die Frage, was ich von meinem restlichen Leben erwarte. Ich muss mir dann eingestehen, dass ich es falsch gestalte, und spüre das am deutlichsten, wenn ich nach Hause komme. Niemand wartet auf mich, außer eine Dusche und mein Bett …, bald in einer Stadt, in der ich keine Menschenseele kenne und Meilen von meiner Familie entfernt lebe.


Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr, so sieht meine Zukunft aus.


Wie öde!


Abgespannt schleppe ich mich in das Bad und entkleide mich. Ich brauche eine erfrischende Dusche. Das warme Wasser rinnt die Haut hinab und spült die unsichtbare Hülle ab, die ich mir im Laufe des Tages zulege. Hier zu Hause brauche ich sie nicht und bei dieser Gepflogenheit werde ich wieder halbwegs zu der, die ich bin. Jedes Mal denke ich, wie wünschenswert es doch wäre, wenn ein solches Ritual unnötig sein würde. Stattdessen ist die Dusche zur Hüllenabwaschzentrale verkommen.


Ich drehe den Wasserhahn auf kalt, halte meinen pochenden Kopf unter den erfrischenden Strahl, bis die Wirkung soweit gesteigert ist, dass der Schmerz im Schädel überlagert wird. Erst dann drehe ich den Wasserhahn zu, bleibe aber unter dem Brausekopf und lehne meinen Kopf gegen den kühlen Hahn.


Aus der Dusche kommend, wickele ich mich in mein Badehandtuch ein und trete vor den Spiegel, wo mich eine junge Frau mit geröteten Augen müde ansieht. Ohne Kopfschmerzen und verweint kommt meine Irisfarbe voll zur Geltung. Sie ist grünbraun, überwiegt mit Grünanteilen, die beim Betrachter entweder Behagen oder Unbehagen auslösen. Mein braunes, leicht gelocktes Haar klebt mir am Kopf und das kalte Wasser rinnt in dünnen Fäden zum weißen Handtuch hinab, welches mich umhüllt. So angetan bin ich nicht von mir und wende mich angewidert ab.


Behäbig gehend komme ich in der Küche an und fülle Wasser in den Wasserkocher.


Ich nehme mir einen Keks, den meine Mutter bei ihrem letzten Besuch für uns backte und in eine Dose aus Blech legte. Es sind meine Lieblingskekse und ich erinnere mich, wie ich meiner Mutter beim Backen zusah.


 


Sie stand am Tisch, die grüne Leinenschürze um ihre untersetzte Hüfte geschlungen. Ein Lächeln umspielte ihre reizvoll geformten Lippen. Von ihr habe ich meine Augenform, die an ein großes Bonbon erinnert. Ihr Blick war offen und fröhlich, was zu ihren Mundwinkeln passte, denn die waren vom Lächeln nach oben gebogen. Ihre braunen Haare hatte sie zu einem Zopf gebunden. Er hing über ihre linke Schulter. Ich sehe ihr sehr ähnlich und weiß, wie ich einmal in ihrem Alter aussehen werde. Leicht untersetzt, glatte Haut und graue Strähnchen, die nicht nur allein für ein erfahrenes Leben stehen. Werde ich gleichermaßen so glücklich und zufrieden strahlen, wie sie?


Was sie macht, macht sie immer mit Hingabe. Ich betrachtete sie lange, denn ich fegte erst kürzlich die Scherben meiner zweiten Beziehung zusammen.


Kurzerhand erkundigte ich mich bei ihr: »Was mache ich falsch?«


Mitten im Kneten hielt sie inne und sah mich mit ihren bildhübschen, klaren Augen an. Ihre Iris leuchtete im Licht des Fensters und ließ sie atemberaubend aussehen.


»Aber Liebes! Du machst nichts falsch. Benno war falsch.«


Sie kam zu mir um den Tisch, der vom Mehl klebte, und schloss mich in ihre mütterlichen Arme. Sie hielt mich fest, küsste liebevoll meine Stirn und wiegte mich, als sei ich zehn Jahre.


»Ich hatte Glück.«


»Ich will auch mal Glück haben!«, heulte ich los, dabei mochte ich nicht weinen. Ich kam mir aber wie eine elende Versagerin vor, die ein ödes, trostloses Leben im Hamsterrad lebt und von ihrem Arbeitgeber nach Belieben in die Fremde versetzt werden kann.


»Das wirst du«, tröstete sie mich und küsste meine nasse Wange. »Wenn du weißt, was du willst, wirst du eines Tages glücklich. Höre einfach immer auf dein Herz, wenn Entscheidungen anstehen, dann findest du, was du dir so sehr wünschst. Genieße in der Zwischenzeit meine Kekse, die bringen dir auch Glück in dein Herz.«


Ich lachte unter Tränen schniefend über ihre Auslegung des Glücksgefühls. Meine Mutter war entzückt, dass sie für mich die viel zu enge Kurve hinbekam. Ihre liebevolle Art, mich aufzumuntern, wenn ich es brauche, funktionierte schon immer und dazu braucht sie nicht einmal etwas Tiefschürfendes zu sagen, denn schlichte, kurze Sätze treffen immer in das Schwarze und beruhigen mich.


Sie tänzelte wieder zu dem unfertigen Teig und knetete ihn summend weiter. Nach einer Weile war das Blech mit ausgestanztem Keksteig belegt und ich schob es zu meinem Lieblingslied fröhlich summend in den vorgeheizten Backofen.


 


Einer dieser Kekse, die mir Glück bringen, zerkrümelt nun in meinem Mund und ich beschließe, meine Mutter nachher anzurufen. Der Wasserkocher klackt und holt mich aus den Erinnerungen. Gedankenversunken übergieße ich den Teebeutel in der Tasse.


In meinem Zimmer schlurfe ich müde zum Schreibtisch, auf dem der Laptop steht. Ich fahre ihn hoch und öffne eine Suchmaschine. Portale für Stellenangebote gibt es viele und ich gebe, wie jeden Abend, verschiedene Suchbegriffe ein. Die interessantesten Angebote lege ich in ein Verzeichnis ab und öffne es für die Ablage der neuen Stellenanzeigen. Heute werde ich mal zur Abwechslung bei irgendeiner Stelle anrufen, denn es soll nicht länger nur beim Abspeichern von Stellenanzeigen bleiben.


Mein Handy klingelt und ich lehne mich in den Drehstuhl zurück. Mit meiner Teetasse in der Hand sehe ich nach, wer mich anruft.


Es ist Benno.


Nervgrund drei.


Ich trinke einen großen Schluck, denn ich habe keine Eile seinen Anruf entgegenzunehmen.


»Benno?«, melde ich mich unhöflich und kurz angebunden.


»Amelie, grüß dich!«, trällert er überfreundlich und ich stelle mir insgeheim vor, wie er dabei auf einer undefinierbaren, schleimigen Pampe ausrutscht. Seine nur zum Schein positive Laune geht mir gewaltig auf den Zeiger.


»Was gibt es?«, will ich noch eine Spur unfreundlicher erfahren.


»Wollte kurz fragen, wie es dir geht«, antwortet er in dieser Sekunde vorsichtig und extrem unterwürfig.


Wir waren lange genug zusammen, damit er einschätzen kann, wie ich in schlechter Stimmung drauf bin. Vor Wochen hätte ich mich vielleicht gefreut, ihn zu hören und die Hoffnung gehegt, dass er zu mir zurückkehrt. Mitgenommen vor Liebeskummer hätte ich alles getan, um besagtes Gefühl loszuwerden. Wie blöd, aber leider wahr! Erfreulich ist jetzt, dass ich über diese beschämende Stufe der Selbsterniedrigung hinüber bin.


»Mir geht es beschissen, ich brauche einen neuen Job und einmal guten Sex für meine Hormone«, blöke ich in das Handy. Ganz sicher begehrt er Letzteres auch und hofft, diesen Punkt in einem Schäferstündchen abzuhaken.


Benno schluckt.


»Noch was?«, frage ich bissig.


»Du wirkst gereizt«, erkennt der Blitzmerker und tönt dabei einen Hauch enttäuscht. Ging er etwa davon aus, dass ich vor Begeisterung platze, wenn er sich plötzlich täglich bei mir meldet und Interesse bekundet?


»Na klar bin ich gereizt, denn bei blöden Fragen reagiere ich nun einmal gereizt.«


»Na ja, beim Sex könnte ich dir gerne behilflich sein, dann steigt deine Laune vielleicht.«


Wusste ich es doch! Ich könnte mich echt übergeben. Er ist so ein hormongesteuerter Trottel.


»Das Letzte, was ich will, ist Sex mit Einem, dem ich vor Wochen noch so gleichgültig war, wie eine Frau dem Pontifex. Im Übrigen: Wenn du unbedingt Sex mit mir willst, versteh ich nicht, warum du während unserer Beziehung zu deiner Verflossenen zurückläufst. Ne, danke, lass mal gut sein, Benno! Da sinkt meine Laune eher in den Keller, als das sie steigt!«


Eine kleine Pause entsteht, in der ich hoffe, er begreift, dass ich mich nicht über seinen Anruf freue und ihn nicht in meinem Bett will.


»Hattest du Stress auf Arbeit oder ist es nur der fehlende Sex?«, fragt er allen Ernstes.


Ich überlege einen Moment, wie ich diesen unmöglichen Mann durch das Telefon gezogen bekomme. Nein, besser nicht! Er schnallt weder, was er mir für Schmerzen bereitete, noch, dass er mir gestohlen bleiben kann.


Die Sache mit der Versetzung nach München brauche ich ihm erst recht nicht anzuvertrauen. Der Typ ist so was von unsensibel und unverschämt!


»Der Grund meiner Gereiztheit geht dich einen Scheiß an! Mein weiteres Leben geht dich einen Scheiß an, seitdem du …!«


Ich beiße mir auf meine Zunge, denn ich will nicht mit ihm über meine verletzten Gefühle plaudern. Ganz gewiss nicht mit ihm!


»Ich höre«, sagt Benno geboten vorsichtig und wartet auf weitere Informationen, die ich nicht liefere.


»Lass mich in Ruhe! Ich bin müde und gestresst. Ich versuche seit Monaten, mein Leben auf die Reihe zu bekommen. Ohne dich, also höre auf, mich anzurufen!«


»Lass mich dir helfen.«


»Ich will, dass du mich in Ruhe lässt! Falls ich irgendwann über dich lachen kann, rede ich vielleicht wie eine Erwachsene mit dir, aber im Moment bin ich unfähig dazu und kann nicht über dich lachen. Das kann durchaus daran liegen, dass mein letzter Freund ein waschechtes Arschloch war.«


»Machst du etwa mit Bernd, diesem Versager rum?«, fragt er jetzt gereizt und atmet schneller.


Bernd ist mein Mitbewohner, mit dem ich vor ihm eine Affäre hatte und den ich menschlich schätze. Ich ziehe eine Grimasse, denn ich verstehe nicht, was es Benno angeht und warum er plötzlich eifersüchtig reagiert.


»Und wenn ich mit dem Innenminister von Japan rummache. Was willst du von mir und was interessiert es dich? Du nervst mich!«


»Aber ich liebe dich!«


»Lüge!«, schreie ich los.


»Es tut mir leid«, murmelt Benno.


Ich höre es, fühle aber nur die Leere in meinem erkalteten Herzen. Lange Zeit ist es im Telefon mucksmäuschenstill, bevor er leise ergänzt: »Ich war ein Hornochse.«


Wo kann ich das unterschreiben, denke ich und rolle mit den Augen.


Nach einem Seufzer höre ich: »Gute Nacht, Amelie.«


Ich beende das Gespräch, ohne ihm zu antworten. Wir waren ein halbes Jahr zusammen und ich begann mit jedem Monat ernsthafter, an mehr zu denken. Aber er nicht und so ging er, für mich überraschend.


Zu seiner Ex.


Jetzt ruft er mich täglich an und fragt, wie es mir geht. Offensichtlich will er wieder zurück. Ich braute viele schlaflose Nächte, um über ihn wegzukommen. Bis jetzt versuchte ich, meine verletzten Gefühle zu sortieren, und mein Herz ist für ihn erkaltet. Ich vermag mit niemand Seite an Seite zu gehen, der mein Vertrauen derart mit Füßen tritt. Egal wie vorsichtig er wieder an meiner Tür klopft. Untreue kann ich unmöglich verzeihen.


Konnte ich nie.


Von dieser Beziehung sind schmerzhafte Erinnerungen an ein reizvolles Gefühl und Wünsche an mein Leben übrig geblieben. Einen aufrichtigen Partner, eine stabile Partnerschaft und eine solide Arbeit. Habe ich aber alles nicht. Ich habe die Schnauze voll und könnte sofort abhauen. Zwei Sachen einpacken und abdüsen in ein neues Leben. Ich will nachhaltig etwas verändern, doch dafür ist es erforderlich, dass ich endlich mal radikal denke und mir einen Tick mehr zutraue als jetzt.


Ich sehe an meine Pinnwand hinauf, wo ein kleiner Zettel mit handschriftlichen Notizen hängt.


 


Traumjob gesucht!


Ohne pochende Kopfschmerzen,


Zufriedenheit,


Sinnvolle Tätigkeit,


Nachhaltig,


 


Nach dem Gespräch beim Kekse backen, schrieb ich eine weitere Liste. Sie ist an das Universum gerichtet und hängt seit dem letzten Besuch meiner Mutter an der Pinnwand. Ich lese sie mir oft durch und fühle dabei die Dinge so, wie sie sich für mich anfühlen sollten. Ich schrieb sie, damit meine Wünsche den Mann für mein Leben erreichen.


 


Traumprinz gesucht!


Bitte sei:


Über deine Beziehung vor mir hinweg,


Ernsthaft an einer Familie mit mir (gerne auch mit Hund) interessiert,


Wahrhaftig in mich verliebt,


Ein Mensch, der uns durch uns wachsen und erblühen lässt,


 


Falscher Freund, falsche Arbeit …, das sind die Dinge, die ich zukünftig aktiv ausschließen werde. Falscher Freund erledigte sich bereits und nervt derzeit mit Anrufen. Ein neuer Mann an meiner Seite steht also definitiv noch irgendwo in den Sternen.


Der nächste Punkt, an dem ich aktiv etwas unternehme, wird meine Arbeitssituation sein. Schon seit Längerem weiß ich, dass er der Hauptgrund für meine Kopfschmerzen ist. Ich will mich nicht wegen einer Arbeit, egal wie gut bezahlt, räumlich von meiner Familie entfernen, zumal ich München als Stadt nicht mag. Von der Mentalität und den Lebensgewohnheiten mal ganz zu schweigen. Es ist einfach nicht mein Ding und passt überhaupt nicht zu mir.


Ich lege das Handy aus meiner Hand und sehe von meiner Pinnwand zu dem Laptop. Das Verzeichnis ist noch geöffnet. Ich klicke wahllos eine Stellenanzeige an.


Es ist ein Stellenangebot einer Gärtnerei.


Ein Helfer in Großrachenau, nördlich von Berlin, wird gesucht. Die Aufgaben: Unkraut entfernen, Bepflanzungen, Aushilfe im Hofladen und Hofcafé. Eine Ausbildung ist nicht erforderlich. Einzige Bedingungen: Deutschkenntnisse, Fleiß und der Wille, sich rasch einzuarbeiten.


Klingt möglich, sinnvoll und nach einem entschiedenen Schnitt in meiner geradlinigen beruflichen Laufbahn. Extrem radikal, aber habe ich die Courage?


Diese Branche hält sicher nichts von Krawattenträgern, wie ich sie aus meiner kenne. Dort zählen ein dickes Auto vor der Tür, eine teure Wohnung in bester Stadtlage und ein Urlaub auf Finanzierung, der nach einer Woche vorüber ist. Meine Branche lebt so oberflächlich, wie die Medien es als Ideal predigen, in mir jedoch nichts als Übelkeit aufsteigen lässt. Das ist so gegen die Natur, des Gemeinwohls und des Weltgefüges. Für das schlechte Gewissen dieser Raubbau-Lebenseinstellung wird dann regelmäßig gespendet. Wie früher in der Kirche kann sich jeder so scheinbar das Seelenheil erkaufen. Ein moderner Almosenablass. Inneren Frieden kann sich hingegen niemand mit Geld erkaufen, dafür muss gearbeitet werden, nur lohnt sich das für viele Menschen nicht. Es ist weitaus mühevoller als der Ablasshandel, der heutzutage nur anders genannt wird.


Ich betrachte das Stellenangebot noch immer. Letztlich komme ich zu dem Schluss, dass es eine Chance ist, die ergriffen werden muss. Die Branche ist so konträr zu meiner, dass ich sehen will, ob hier eine andere Lebenseinstellung gelebt wird. Eine, die vermutlich besser zu mir passt ohne tägliche Kopfschmerzen und unliebsame Versetzungen. Hier wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eher in der Erde gewühlt und mit der Natur gelebt, als sich von ihr zu entfernen.


Was soll’s! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Kurzerhand wähle ich die Nummer, die auf dem Stellenangebot steht. Eine Frau Lea Winter ist die Ansprechpartnerin, die ich erreichen will. Es klingelt. Erst nach einiger Zeit meldet sich eine Frau. Sie hört sich jung an und klingt etwas außer Atem.


»Winter.«


»Hallo, hier ist Amelie Richter. Frau Winter, ich rufe Sie an, weil ich eben Ihr Stellenangebot las. Die Stelle interessiert mich und wollte wissen, ob Sie noch suchen.«


»Hallo Frau Richter. Ja, wir suchen bis dato noch jemanden. Haben Sie denn Kenntnisse in diesem Bereich?«


»Sie meinen Gartenbau? Nein, nur das, was ich aus dem Garten meiner Eltern kenne. Im Stellenangebot wurden keine Fachkenntnisse vorausgesetzt«, erinnere ich sie. »Ich meine, ich kann arbeiten, will arbeiten. Ich würde mich gerne umorientieren, weil das, was ich arbeite, mich auf Dauer unzufrieden macht. Gärtnerei klingt für mich aufregender als Bürojob.«


»Sie arbeiten im Büro?«, fragt sie ungläubig. Im Hintergrund höre ich, wie ein lauter Wagen vorbeifährt und hupt.


»Ja, ich bin Bürokauffrau, aber ich habe es satt und möchte etwas Sinnvolleres tun. Noch bin ich in Anstellung, aber ich suche ernsthaft etwas Neues.«


»Ich frage nach, weil die Meisten ins Büro wollen. Ins Warme und gut bezahlt.«


Bitter lache ich auf.


»Glauben Sie mir. Ich suche was Anderes, was Sinnvolleres. Und gut bezahlt ist es schon lange nicht mehr. Das Einzige, wo ich Ihnen recht geben kann, ist, dass es warm und trocken ist. Aber was, wenn ich als Mensch im Warmen und Trockenen auf der Strecke bleibe?«


»Im Garten Ihrer Eltern. Was haben Sie dort gemacht, also gearbeitet?«


Sie scheint interessiert zu sein und weil sie weiter nachfragt, deute ich das vorsichtig als Fisch am Haken.


»Unkraut gejätet, Beerenobst und Rosen geschnitten, die Pflanzen gewässert …«


»Wann haben Sie Zeit für ein persönliches Gespräch?«, unterbricht sie mich.


»Morgen Nachmittag«, antworte ich aus dem Konzept gekommen, aber eilends. Ich frage mich, was von dem Gesagten sie überzeugte, mich näher kennenzulernen.


»Morgen passt mir gut. Um fünf? Die Adresse haben Sie ja. Wenn Sie in den Hof kommen, ist rechts im Altenteil das Büro, wo Sie mich finden.«


»Fein. Ich werde da sein«, verspreche ich und ziehe meinen rechten Unterarm mit meiner geballten Faust vor Freude nach unten.


»Bis morgen also«, sagt Frau Winter und beendet unser Gespräch.


Ich kann mein Glück kaum fassen. Das ging ja unproblematisch, wie Teig ausrollen. Was auch immer sie überzeugte, morgen kann ich sie noch mehr überzeugen und wenn ich Glück habe, bin ich bald von meinem Frustjob weg. Dann habe ich einen weiteren Punkt in meinem Leben verändert. Noch einmal sehe ich zu meiner Liste an der Pinnwand.


Geht doch!


Voller Elan tänzele ich summend in die Küche. Dort treffe ich auf Bernd, meinen frustrierten Mitbewohner, der Anfang vierzig ist. Nachdem sich seine Frau von ihm getrennt hatte, vermietete er kurzerhand die freien Zimmer. Jetzt wohnen wir hier zu dritt, teilen uns die Miete, Freud und Leid. Wenn ich keinen Freund habe und der Hunger nach Nähe groß ist, sogar mal mit Bernd die Nähe.


»Na? Wie war dein Tag?«, fragt er mich, als ich in die Küche trete. Seine Stimme klingt matt und extrem energielos. Er hat wieder eine depressive Phase und seine Stimmmuskeln verraten es mir. Ich gehe zum Kühlschrank, hole mir ein Bier heraus, setze mich an den Tisch zu ihm und sehe ihn an. Er sieht so beschissen aus, wie ich mich vorhin fühlte. Nach dem Telefonat eben bekam ich Auftrieb und fühle mich jetzt motiviert.


»Grauenvoll. Ich hatte wieder so Kopfschmerzen von dem ganzen Mist. Hab eben ein Vorstellungsgespräch für morgen vereinbart.«


Bernd hebt seine müden Augen und sieht mich an, als hätte es ihn kalt erwischt.


»Was?«, will ich wissen. »Wer, außer mir kann irgendetwas an dem ganzen Mist ändern? Du solltest es auch endlich, statt deiner Frau nachzuheulen und dir dein Leben damit selbst zu versauen.«


»Für mich ist der Zug abgefahren«, entgegnet er schlapp und sieht auf den Tisch. Wie bei so vielen Menschen bekam er schwere Depressionen als Nebenwirkung von der Scheidung und erholte sich nie davon, weil er nichts dagegen unternimmt. Er ist ein Zombie, ein Wrack, das auf seine Verschrottung wartet, indem er einen um den andern Tag überlebt, statt lebt. Bevor ich mit Benno zusammen kam, teilten wir ein paar Mal miteinander unsere Ärmlichkeit an Nähe, weiß daher sehr genau, wie hungrig er nach Zärtlichkeit und Liebe ist, dabei liebevoll und einfühlsam, aber auch verletzt.


Er machte neulich eine Andeutung, dass er sich vorstellen kann, gelegentlich wieder etwas Nähe bei mir zu finden. Vielleicht auch mehr. Doch als Partner lehnte ich ihn ab, denn zu intensiv liebt er weiterhin seine Frau und Kinder. Im Herzen lebt er bis heute bei ihnen. Loslassen ist schwer.


»Du sitzt in dem Zug. Du selbst entscheidest, ob du in der ersten Klasse sitzt, in der zweiten oder im Frachtabteil.«


»Klugscheißerin!«, bellt er mich heiser an.


»Bernd, ich sage dir das, weil du ein hinreißender, liebenswerter Mensch bist, der es verdient, glücklich zu sein. Lass dir helfen! Tu es für dich, denn das bist du dir schuldig. Der Rest findet sich dann auch noch.«


»Du findest mich hinreißend?«, fragt er skeptisch. Mich verwundert es nicht zum ersten Mal, dass das Selbstbewusstsein dieses Vierzigjährigen lediglich bis zur Tischkante reicht. Seine braunen Augen heften sich voller Zuversicht an mich. Ich sehe einen kleinen Jungen vor mir, der um Liebe und Beachtung bettelt. Das, was ich sagte, war die Wahrheit, also nicke ich.


»Es ist doch egal, wie oft ich dir das sage, wenn du unfähig bist, es selbst genauso zu erkennen. Dein Spiegel ist verzerrt und du brauchst Hilfe. Ärztliche.«


»Ich brauche dich«, sagt er trotzig. »Damit wäre mir mehr geholfen.«


»Ach Bernd, das besprachen wir doch schon mehr als einmal. Du bist blockiert und hängst bis heute deiner Mutter nach und jede feste Beziehung nach ihr wird daran scheitern, wie deine Ehe daran scheiterte. Ich will einen Mann, kein Kind, das eine Ersatzmutter sucht. Du sagst zwar, dass du mich brauchst, aber was du suchst, ist der Ersatz für einen Verlust, den niemand imstande ist, zu ersetzen.«


»Dann tröste mich. Mir egal, wie du das nennst.«


Eigensinnig verzieht er seinen Mund. Ich stehe auf. Bernd sieht mich mit glasigen Augen an. Das Wort Trost löst in mir Ablehnung aus. Aus seinem Mund tut es zudem weh. Das ist mein geheimer Nervgrund vier.


Ich neige mich zu ihm herab und küsse ihn auf seine Wange voll grau melierter Stoppeln. Was wäre er für ein liebevoller Partner, wenn er den Verlust seiner Mutter und seiner Frau überwinden könnte? Er umarmt mich und drückt mich kurz an sich.


»Schlaf fein, Bernd«, sage ich und reiße mich von ihm los.


»Wann hast du das Vorstellungsgespräch?«, fragt er und sieht versunken auf meine nackten Beine.


»Morgen. Siebzehn Uhr.«


»Ich werde an dich denken. Ich denke immer an dich.«


»Gute Nacht.«


»Gute Nacht, Klugscheißerin«, neckt er mich. Ich hebe lächelnd mein Shirt über das Gesäß, um ihn im Hinausgehen zu zeigen, wo er mich mal darf.




 


Kapitel 2

 


Ich wähle am Morgen darauf ein Outfit, das nicht zu schick für die Gärtnerei, aber doch im Büro passabel ist. Gleich nach Arbeit will ich mir die Stelle in der Gärtnerei angeln. In der Nacht lag ich wach und malte mir ein Leben als Angestellte in einer Gärtnerei aus. Blumentöpfe über Blumentöpfe, Hände voll Erde bis unter die Fingernägel und nach Acker riechend. Obwohl ich wenig Schlaf bekam, bin ich früh wach und sofort munter.


Auf Arbeit recherchiere die Route nach Großrachenau und sehe mich per Landkarte dort um, wenn ich Zeit finde. Aus der Vogelperspektive erkenne ich einen Dreiseithof und zwei große, kommerzielle Gewächshäuser. Rings um den Hof sehe ich Felder und erst in einigem Abstand weitere Höfe. Mehr Zeit für Recherche bleibt mir nicht, denn es geht heute hektisch auf Arbeit zu. Liebend gern hätte ich gesehen, ob sie eine Homepage haben und ein wenig Information über den Hof gesammelt, aber na ja, wenn schon ins kalte Wasser, dann in vollem Ausmaß.


Nach Büroschluss, den ich kaum erwarten kann, fahre ich durch eine Feldlandschaft außerhalb des Speckgürtels von Berlin. Es ist Frühlingsanfang und zartes grün zeigt sich auf den Futterfeldern. Oft sind die Dörfer nach dem gleichen Schema angelegt. Ein Dorfkern, um eine Kirche und einige Höfe außerhalb. Alles über Bundesstraßen und Autobahnen verbunden, damit die Landbevölkerung schnell in die Großstadt zur Arbeit gepumpt werden kann.


Morgens ins Büro, abends ins Haus zurück, das dann längst im Dunkeln liegt. Alles, damit der Anblick, für den sich müde geschuftet wird, ja nicht genossen werden kann. Muss jeder selbst entscheiden, ob er in der Tretmühle bleiben will. Für mich kommt das nicht in Frage. Ich habe schon Kopfschmerzen, obwohl ich nur in einer Mietwohnung wohne und die teile ich mir sogar noch finanziell mit Anderen.


Das Navigationsgerät kündigt mir die Ankunft an. Ich biege in einen schmalen Feldweg ein, der zum Dreiseithof führt. Felder säumen die kleine Schotterstraße, die ich schon aus der Vogelperspektive sah. Ein Schild weist den Weg zum Hofladen und Hofcafé, das nur am Wochenende geöffnet ist.


Vor einem schmiedeeisernen Zaun ist ein Kundenparkplatz angelegt, auf dem ich mein Auto parke. Ich steige aus. Langsam gehe ich durch das große, offene Tor zum Altenteil, welches rechts gelegen ist und in dem das Büro sein soll. Alles ist so, wie Frau Winter es mir beschrieb.


Gegenüber dem Altenteil liegt ein Wohngebäude, an deren Fenster Blumenkästen mit Frühlingspflanzen angebracht wurden. Eine Katze sonnt sich auf den Stufen zu der Eingangstür. Der Innenhof ist sauber. Ein alter, dicker Baum steht in der Mitte des Hofes. Zwischen Wohntrakt und Altenteil liegt die Scheune, die zum Teil neu ausgebaut wurde, denn in der oberen Etage sind bodentiefe Fenster zu sehen und die Fassade wurde im modernen Stil mit Holz verkleidet.


Vögel im Hausbaum, der zarte Blattknospen trägt, zwitschern vergnügt. Ihr Lied schallt von allen drei Seiten wieder. Bald werden sicher die ersten grünen Blätter sprießen. Zart grün, zerbrechlich fast und dann wird es wärmer.


Ich atme kurz ein und schließe meine Augen. Landleben pur und ich werde sofort gelassen, trotz pochender Kopfschmerzen. Wenn ich hier weitere zehn Minuten stehen bleiben würde, wären sie sicher ganz verschwunden. Das ist um einiges besser als Dusche.


Ich gehe zu einer Bank vor dem Büro, auf der eine größere Katze liegt und sich reinigt. Meine Hand gleitet zu dem schwarzen Tier und krault das weiche Fell. Der Kopf dreht sich genüsslich in meine Richtung. Hätte ich mehr Zeit, würde ich definitiv ausführlicher mit dem freundlichen Tier schmusen und auch ohne Pochen im Kopf sein.


Alles ist hier sagenhaft beruhigend. Hier will ich arbeiten.


Die Tür öffnet sich und eine Frau erscheint. Sie sieht mich überrascht an. Ihre Augen fahren zu der Katze hinab, die ich kraule. Blaue Augen mustern mich danach kalt von oben bis unten. Sie ist etwa in meinem Alter, blond und wirkt künstlich aufgetakelt. Ihre Haare sind streng nach hinten gekämmt, wo ein Haargummi den Zopf hält, der ihrem Typ überhaupt nicht schmeichelt.


Sie hebt eine ihrer unnatürlich stark gezupften Augenbraue, als ich es wage, sie anzusprechen.


»Guten Tag. Ich bin Amelie Richter. Sind Sie Frau Winter?«


»Tag«, sagt sie und ich bin nach dem ersten Ton heilfroh, dass ich mit meiner Vermutung falsch lag. Sie näselt stark. »Nein, bin ich nicht. Sie ist im Büro. Sind Sie eine Bewerberin?«


»Bin ich. Warum fragen Sie?«


»Weil sehr viele kommen und auch wieder gehen.«


»Woran liegt das?«, erkundige ich mich. Damit unterbreche ich sie, wie sie mich unverhohlen mustert.


»Übernehmen sich«, erklärt sie desinteressiert und geht an mir vorbei.


»Und du? Arbeitest du auch hier?«, frage ich ihr hinterherrufend und verfolge, wie sie steif auf ihren abgeschrammten Absätzen davon wackelt. Sie bleibt stehen und dreht sich zu mir um, wobei ihre blauen Augen mich taxieren. Ihr Mund spitzt sich zu und anschließend entscheidet sie, zu sprechen.


»Sagen wir es mal so: Ich bin die rechte Hand des Chefs.«


Hätte eure Majestät mal besser geschwiegen, geht es mir durch den Kopf und verweigere ihr jetzt entschieden den Hofknicks. Leute, die von sich im Plural sprechen, kann ich so gar nicht ertragen.


»Na, das wird ja lustig«, entladen sich meine Gedanken lautstark. Der Hausbaum in meinem Blickfeld wirft plötzlich lange Schatten. Dabei wirkt der Hof so malerisch.


»Kommt ganz auf den Humor an, den du hast. Wo kommst du her?«


»Berlin, und du?«


Ich fand mit meiner Frage stehenden Fußes eine neue Freundin. Zusammengekniffene Augen versprühen Gift, obwohl ihr Mund lacht. Bemüht dünkelhaft presst sie hervor: »Ganz sicher nicht von dort. Viel Glück Großstadtgöre.«


»Vielen Dank, Dorfschönste und rechte Hand des Chefs«, rufe ich ihr hinterher, drehe mich um, drücke die Türklinke hinunter und stehe in dem Büro.


Ein Tresen erstreckt sich rechts vor mir. Dahinter steht ein Schreibtisch mit Papieren und aufgeschlagenen Heftern. Mir gegenüber sehe ich einen runden Tisch und vier Stühle. Dort stehen zwei Tassen von einem Meeting. Vermutlich mit der Dorfschönsten und rechten Hand des Chefs.


Nahe dem Tisch reihen sich an einer Wand Regale und Schränke auf, die bis zum Schreibtisch erstrecken. Die einheitlichen Ordnerrücken lassen vermuten, dass hier eine auf Ordnung bedachte Persönlichkeit arbeitet. Ein Blick auf den Tisch bestärkt meine Vermutung. Die Ablagekörbe quellen nicht über, Staub ist nirgends zu entdecken, der Schreibtisch wirkt voll Arbeit, aber nicht planlos.


Am Schreibtisch steht eine mittelblonde, schlanke Frau, die sich zu mir umdreht. Ihre Hand ruht auf ihrem Unterleib. Ich trete an den Tresen und sehe aus dem Fenster, das einen überwältigenden Ausblick auf den Hof und das gegenüberliegende Wohnhaus bietet.


»Ja, ich weiß, aber sage ihr bitte, dass ich noch dringend drei Weitere benötige«, sagt sie in das schnurlose Telefon und nickt. »Ja, wir sprachen doch darüber. Sag ich ja. Nein. Damit hat es nichts zu tun. Das ist mir egal, du, ich habe jetzt das Vorstellungsgespräch.«


Für eine Sekunde lächelt sie einnehmend und mustert mich dezent mit ihren blaugrauen Augen. Sie deutet auf den Tisch, auf dem die beiden Teetassen stehen und bittet mich, Platz zu nehmen.


Ich gehe zum Tisch, während sie weiter telefoniert.


»Ich melde mich anschließend bei dir. Ja, mach ich. Sag mal, vertraust du meinem Urteil nicht?«, lacht sie und sieht zu mir. »Solltest du aber!«


Ich lächele gelassen zurück und setze mich.


»Gut, bis später«, sagt sie, legt den Hörer auf und kommt vom Schreibtisch zum Tisch. Sie trägt eine weite, bequeme Pumphose aus Leinen und ein schlichtes Shirt, was ihrer schlanken Figur sehr schmeichelt. Ihr Gang ist leicht und geschmeidig. Freundlich und warm, wie am Telefon neulich begrüßt sie mich und reicht mir ihre Hand.


»Guten Tag. Tut mir leid, dass Sie einen Moment warten mussten. Haben Sie gut her gefunden?«


Sie räumt die beiden Tassen vom Tisch und stellt sie auf Tablett ab, das am Tresen steht.


»Ja, es war sehr einfach, den Hof zu finden.«


Sie setzt sich mir gegenüber und sieht mich neugierig, aber offen lächelnd an.


»Ich fand unser Telefonat gestern sehr interessant und wollte Sie kennenlernen. Leider kann mein Bruder, mit dem ich diesen Hof führe, heute nicht mit bei dem Gespräch sein, denn er ist auf einer Messe, bedauert aber seine Abwesenheit. Wir unterhalten uns dementsprechend allein.«


»Gut«, sage ich und ahne, mit wem sie eben telefonierte. Der Chef von der rechten Hand, die ich eben vor der Tür traf. Wenn er so Eine zur rechten Hand macht, bin ich mal gespannt auf ihn.


»Warum wollen Sie wechseln?«, setzt sie wieder an. Auf diese Frage wartete ich. Nun soll ich mich präsentieren und sie kann sich ein genaueres Bild von mir machen.


»Ich erhielt ein Angebot für eine Versetzung, nur leider sehe ich mich nicht dort. Leider sehe ich mich überhaupt nicht mehr in meiner Branche. Eine Versetzung wäre für mich ein Abstieg, kein Aufstieg. Meine Familie ist mir sehr wichtig und die Entfernung wäre mir eindeutig zu groß.«


»Wohin sollten Sie denn versetzt werden?«


»München.«


»Das ist weit.«


Ich nicke zustimmend.


»Und wie sind Sie auf unsere Branche gekommen?«


»Reiner Zufall. Ich las ihre Stellenanzeige und mir ging durch den Kopf, wie wunderbar radikal die berufliche Veränderung für mich wäre«, gebe ich offen zu.


»Laufen Sie weg?«


Ich lache leise auf, denn das trifft ja auf eine ganz kuriose Weise zu. »Oberflächlich betrachtet sieht es so aus, ja. Vor der Versetzung und vor den Scherben meiner letzten Beziehung. Anders betrachtet, suche ich einen Neuanfang, bin zum Risiko bereit und wild entschlossen.«


Klar ist mir bewusst, dass ich jetzt sehr viel mehr über mich preisgebe, als ich muss und wir können damit nahtlos zum Fachlichen überleiten. Es geht direkt in die Vollen.


»Sie sagten, dass Sie keinerlei Kenntnisse haben?«


»Falsch. Lediglich keinerlei Ausbildung in Ihrer Branche«, sage ich bestimmt und mit fester Tonlage, die Selbstsicherheit ausstrahlt.


»Wenn ich Sie mir so ansehe …«, murmelt sie diplomatisch. Es klingt weder überheblich noch abfällig.


»Lassen Sie sich von Kleidung täuschen?«, unterbreche ich sie und hebe meine Augenbrauen verwundert in die Höhe. Mein Blick ist fragend und herausfordernd zugleich. Sie faltet ihre Hände und sieht mich unumwunden an. Punktlandung. Meine Gegenfrage traf genau ins Schwarze.


»Sie sagten, dass Sie Rosen geschnitten haben?«, fragt sie über den netten Gesprächsverlauf ganz augenscheinlich vergnügt.


»Ja, im Garten meiner Eltern.«


»Welche?«


»Strauchrosen, Beetrosen …«


»Wo lag der Unterschied?«, unterbricht sie mich schnell, denn sie will testen, ob ich nur so rede oder doch ein wenig Verständnis für die Natur habe.


»In der Art des Schnittes. Jede Rosengattung hat andere Wuchseigenschaften, die beim Schnitt berücksichtigt werden müssen.«


»Woran erkennen Sie ein Auge an einem stark verholzten Trieb?«


Ihre Fragen erinnern mich an einen schnellen Schlagabtausch beim Tischtennis. Zweifelsfrei will sie Fakten abklopfen, ohne dass mir Zeit zum Luftholen bleibt. Es ist definitiv gutes Tischtennis.


»Es ist schwarz und liegt …«


»Sie bekommen die Stelle.«


»Bitte?«, frage ich verblüfft, obwohl ich kapierte, dass ich den Schlagabtausch bestanden habe und als guter Gegner gelte. Lediglich der Inhalt kam für mich überraschend schnell.


»Sie bekommen die Stelle«, wiederholt sie. »Wenn Sie wollen.«


Frau Winter steht auf und geht zum Schreibtisch. Von dort holt sie Papiere, kommt zum Tisch zurück und breiten ihn vor mir aus.


»Das ist der Vertrag. Lesen Sie ihn durch! Schlafen Sie noch eine oder zwei Nächte darüber. Wenn Sie Fragen haben, können Sie sich gerne bei mir melden. Wir können Ihnen gerne ein Zimmer im Altenteil anbieten und ich würde Ihnen das gerne noch zeigen, damit Sie alle Fakten kennen, bevor Sie fahren. Das Zimmer wäre kostenlos. Essen ebenfalls. Dafür ist das Gehalt weniger. Kommen Sie mit?«


Ich bin baff. Mit so einer schnellen Entscheidung rechnete ich nicht. Warum auch immer, ich ging davon aus, dass sie sich mit ihrem Bruder beraten wird. Die müssen ja echt dringend jemanden suchen. Frau Winter wartet an der Tür auf mich. Ich erhebe mich und folge ihr durch die Bürotür nach draußen. Mit ihrem Arm deutet sie auf das linke Gebäude.


»Dort wohnen wir. Mein Bruder, seine Tochter, mein Mann und ich. In der Scheune ist das Büro meines Bruders untergebracht, unter dem Sie arbeiten werden. Schade, dass Sie ihn heute nicht kennenlernen können. Er hätte Ihnen heute sicher gerne weitere Einzelheiten gezeigt, damit Sie sich besser entscheiden können, aber nun ja. Es ist, wie es ist.«


Neben dem Hofladen ist eine Tür, die sie aufschließt und eine Treppe emporsteigt. Wir stehen in einem Flur, von dem sechs Türen abgehen. Sie bleibt vor einer stehen, öffnet sie mit dem Schlüssel und wir betreten ein geräumiges, Licht durchflutetes Zimmer. Es ist sauber und hell. Ein Bett, ein Schrank, ein Sessel, eine Pantryküche und ein integriertes Bad.


»Sie müssen hier nicht wohnen, wenn Sie lieber mit dem Auto pendeln wollen.«


»Nein, ich würde das gerne nutzen, so spare ich mir zwei Stunden durch den Stau. Außerdem will ich pünktlich zur Arbeit erscheinen«, sage ich und sehe aus dem Fenster. Die Sonne steht im Südwesten und geht bereits unter. Ihr mattes, gelbes Licht durchflutet den rechten Teil des Zimmers. Vor dem Fenster sehe ich den Hausbaum, der mit seinen zarten, frischen Triebspitzen von der untergehenden Sonne angeleuchtet wird. Die Vögel im Baum kann ich durch die geschlossenen Fenster hören. Gott, ist das hier das Paradies?


»Gut, abgemacht«, sagt Frau Winter. »Lesen Sie sich den Vertrag in Ruhe durch und wir telefonieren danach. Können Sie in vier Wochen anfangen?«


»Ist mir lieb.«


»Prima, dann höre ich von Ihnen?«


Ich drehe mich zu ihr und lächele sie zufrieden an.


»Morgen Abend haben Sie meine Entscheidung. Es sei denn, Sie zahlen so unterirdisch, wie mein jetziger Chef.«


Sie lacht laut und wirft ihren Kopf zurück.


»Bitte nennen Sie mich Lea!«


»Okay, Lea. Ich bin Amelie.«


»Wir zahlen nicht viel, aber du kannst hier wohnen und hast Essen frei. Deine Entscheidung. Würde mich freuen, wenn du zusagst. Entschuldige bitte, ich erwarte einen dringenden Anruf von einem wichtigen Kunden und muss in das Büro zurück«, sagt Lea und wendet zur Tür. Ich folge ihr bis an die Bürotür, wo wir uns verabschieden.


Mit dem Vertrag in meiner Hand stehe ich im Innenhof und jubel innerlich vor Freude, dass ich den Zuschlag bekam. Ich blättere ihn durch. Er ist sehr detailliert und enthält sogar meine Aufgaben einzeln aufgeführt. Das ist selten. Mein Gehalt ist nicht berauschend, aber in Anbetracht dessen, dass Kost und Logis frei sind, ist es fair. Ich stolpere über die Befristung des Vertrages.


Das ist nicht gut.


Durch die Fensterscheibe sehe ich Lea, die am Schreibtisch stehend telefoniert. Ich klopfe, trete ein und warte geduldig, bis sie das Gespräch beendet. Sie müht sich ab, einen verärgerten Kunden zu beschwichtigen. Irgendwer kommissionierte vor zwei Tagen ruinierte Ware, was den Kunden nun fuchsig in das Telefon schreien lässt. Müde beendet sie das Gespräch und sieht mich fragend an.


»Ja? Was gibt es? Du siehst nicht begeistert aus.«


»Im Vertrag steht, dass die Stelle befristet ist und das kann sehr schwierig für mich werden. Ich meine, ich bin fest angestellt und kündige ungern für zwei Monate mit ungewisser Zukunft. Klar bin ich da wenig begeistert«, platze ich heraus.


»Verstehe«, sagt Lea und kommt zu mir. Sie deutet mich zu setzen.


»Ich würde jemand wollen, der unbefristet bei uns arbeitet. Sieh es als Probezeit an und wir reden noch mal, wenn die rum sind. Ich kann dir keine Hoffnungen machen, würde mich aber wirklich freuen, wenn du dich bewährst und wir in zwei Monaten besprechen, ob du dich dauerhaft hier auf dem Hof siehst. Ich kann dich leiden und das ist mir in puncto Zusammenarbeit wichtig. Wichtiger als Fachkenntnisse. Die kann sich schließlich auf verschiedene Weise erarbeitet werden.«


»Es ist also eine Probezeit, ich verstehe«, sage ich.


»Ja«, antwortet sie. »Das ist das Maximale, was ich bei meinem Bruder herausholen konnte, nachdem ich ihm erzählt hatte, dass du aus dem Büro kommst. Verstehe es nicht falsch. Er will nur absolut sicher sein und nicht alle paar Tage neue Leute einarbeiten müssen.«


»Danke, für deine offenen Worte, Lea.«


»Von mir immer gerne. Schon am Telefon warst du mir sympathisch und wenn du dich bewährst, kann er gar nicht anders, als dich unbefristet einstellen. Aber das liegt an dir«, sagt sie und lächelt. Das Telefon klingelt erneut und Lea sieht entschuldigend zu mir.


Ich stehe auf und sage eilig: »Okay, ich melde mich. Es geht hier wohl ziemlich hektisch zur Sache.«


Lea lacht: »Nur im Moment. Eigentlich ist alles entspannt, uns ist vorgestern ein blöder Fehler unterlaufen, den wir korrigieren müssen.«


»Na ja, dann will ich mal gehen.«


»Ich freue mich, von dir zu hören«, sagt Lea und hebt am Tisch den Telefonhörer ab. Im Hinausgehen sehe ich sie winken und höre, wie sie sich mit ihrem Namen meldet. Sie guckt mir hinterher, als ich über den Hof zum Auto gehe und ihre Augen folgen mir, während sie am Telefon spricht.


 




 


Kapitel 3

 


Da der Kalender Mitte März zeigt, dunkelt es rasch. In Berlin angekommen, ist das Licht des Tages längst Geschichte. Ebenso das fröhliche Zwitschern der Vögel, die im Hausbaum saßen. Sie klingen in mir nach und ich empfand den Hof als pure Natur, die ich hier in den Straßenschluchten von Berlin vermisse. Hier ist ein Baum vor dem Haus schon ein seltenes Glück. Stille ist, wenn überhaupt, nur in den eigenen vier Wänden zu finden.


Für mich war es ein Tag voller Gegensätze. Hektische Arbeit, wenn möglich ohne eigene Persönlichkeit, dann idyllische Landatmosphäre mit der ausgeglichenen Lea. Zuletzt wieder die Großstadthektik mit Autohupen, genervten Menschen und wenig Stille.


Ein Punkt geht an den Dreiseithof.


In der Wohnung fliegen zuerst wieder meine Pumps in die Ecke. Ich entdecke Bernds Schuhe im Schuhregal und spähe in die Küche. Sie ist leer, also ist er in seinem Zimmer.


Ich lege den Vertrag auf den Küchentisch und stelle den Wasserkocher an. Kurz darauf sprudelt das Wasser und ich gieße es in meine Tasse. Am Tisch schreibe ich Pro und Contra auf ein Blatt Papier, damit ich zu meinen Gedanken einen visuellen Eindruck erhalte. Ich beschrieb zwei Zettel mit meinen Gedanken, die ich zu jeder Variante habe.


 


Gärtnerei


Ohne Kopfschmerzen,


Sinnvoll,


Hoffnung auf erfülltes Leben,


Befristet/Probezeit,


 


Bürojob


Kopfschmerzen/Versetzung,


Sinnlosigkeit,


Überforderung,


Unzufriedenheit,


Unbefristet,


 


Ich nehme mir einen Schluck Tee und stelle fest, wohin trotz neuer Probezeit, ein weiterer Punkt geht. Ich will keine täglichen Kopfschmerzen mehr.


Zwei zu null.


Wenn ich an finanzielle Sicherheit denke, dann müsste ich in dem derzeitigen Job bleiben. Ich schiebe die Zettel fort und raufe mir die Haare.


Bernd kommt in die Küche und setzt sich schwerfällig mir gegenüber an den Tisch. Ich hebe meinen Kopf nicht, sehe nur, dass er schweigend meine Zettel umdreht und sie studiert.


»Du warst dort?«, fragt er, liest noch immer meine Stichpunkte und schielt zu dem Vertrag.


»Ja.«


»Hab an dich gedacht. Wie lief es?«


Jetzt sehe ich zu ihm auf und in seinen dunkelbraunen Augen, die mich an einen Teddy erinnern, lese ich Spannung. Große, runde und immer traurige Augen ruhen auf mir. Seine grau melierten Haare sind fettig und seinem Kinn täte eine Rasur nicht schlecht.


»Habe vorhin ne Pro und Contra Liste geschrieben.«


»Du immer mit deinen Listen!«, murmelt er genervt und sieht sich den Zettel mit den Kontra-Punkten genauer an. »Suchst einen neuen Job und bei Contra hängst du jetzt fest? Das ist so typisch für dich. Listen schreiben ist eben sinnlos.«


»Es ist befristet für zwei Monate. Für eine Art Probezeit, weil ich aus dem Büro komme«, erkläre ich und schiebe den Vertrag genervt zur Seite. Ich übergehe seinen Argwohn an meiner Listen-Marotte. »Der Mitinhaber traut einer aus dem Büro den Job nicht zu. Ich habe in diesem Fall die Qual der Wahl: Versetzung oder Probezeit.«


»Hallo? Seit wann ist die Meinung anderer entscheidend für dein Leben? Denke mal an deine albernen Listen an der Pinnwand. Wozu machst du die überhaupt die Mühe, wenn du jetzt sowieso hier sitzt, und grübelst?«, erinnert mich Bernd.


»Er wird seine Gründe haben.«


»Papperlapapp! Kann doch egal sein, ob er es dir zutraut, solange du es dir zutraust.«


»Da gibt mir ja vermutlich der Richtige reizend klingende Lebenstipps, he?«


»Gut, dann schweige ich eben.«


Beleidigt lehnt er sich zurück und sieht stur an mir vorbei.


»Ich bekäme dort ein Zimmer und spare mir so die Spritkosten«, ergänze ich. Bernd reißt seine Augen auf und ich kenne ihn gut genug, um zu sehen, dass er überrascht und erschrocken zugleich ist. Sicher rattert es in ihm, wie er allein in der Wohnung zurechtkommt. Ohne Gespräche und die Sicherheit jemand schläft im Zimmer nebenan. Betrübt sieht er nun auf die Tischplatte und ich schiebe ihm meine Hand zu, die er nicht wahrnimmt.


»Ich dachte, dadurch, dass du dich von Benno getrennt hast, kommen wir uns wieder etwas näher, stattdessen gehst du nun auch?«


Ich atme schwer aus.


»Umgekehrt. Er verließ mich und bei dir wäre ich auf ewig ein Pflaster und ich will mehr, als nur ein Pflaster sein«, sage ich und ziehe meine Hand ein, die er unbeachtet ließ. »Und ich will mehr, als mich ständig irgendwohin versetzen zu lassen. Wer will schon austauschbar wie ein Möbelstück sein oder nur eine Nummer in der Personalabteilung?«


»Zwei Monate sind lang«, flüstert er.


»Nein.«


»Doch, denn in zwei Monaten kann viel passieren.«


»Ja, kann, aber nur, wenn etwas dafür getan wird. Von allein passiert nicht viel.«


Ich stehe auf, nehme Zettel und Vertrag.


»Dir ist es wirklich ernst?«, fragt er leise.


Ich bleibe im Flur stehen und senke meinen Kopf. Es gab Zeiten, in denen ich beileibe gern mit ihm zusammengekommen wäre. Ich schätze ihn als Mensch, konnte es aber noch nie ertragen, wie er sich hängen ließ, statt sein Leben in die Hand zu nehmen. Immer wartet er auf irgendwen. Jemand, der für ihn alles besser macht. Ich gehe zu ihm zurück und bleibe vor ihm stehen.


»Wenn du deiner Frau nachtrauerst bitte. Wenn du dein Leben damit verbringen willst zu jammern, statt dich zu verändern, bitteschön. Ich mag dich und wäre mal gern mit dir zusammen gewesen, aber dann merkte ich, dass du alles und jeden erdrückst. Mich wundert es wenig, dass deine Frau die Kraft verließ und ging. So wird es jeder Frau ergehen, die mit dir zusammen ist. Ich wünsche mir, du begreifst eines Tages, dass du es bist, der dir im Weg steht. Hol dir Hilfe und lass den liebevollen, zärtlichen Mann in dir endlich glücklich sein!«


Bernd beginnt auf seinem Stuhl zu weinen. Statt ihn tröstend zu berühren, drehe ich mich zum Gehen um und eile aus der Küche in mein Zimmer. Ich will ihn jetzt nicht trösten und überlasse ihn seinen Gefühlen. Mit ihnen wird er seinen Weg finden müssen.


In meinem Zimmer telefoniere ich mit meiner Mutter und erzähle ihr, dass ich einen neuen Job in einer Staudengärtnerei bekomme. Sie ist geschockt, weil sie es deutlich unter meiner Würde sieht, dass ich, als Bürokauffrau, eine Arbeit in einer Gärtnerei aufnehme. Ich arbeite doch in so einem schicken Büro in der Innenstadt. Es dauert eine Weile, bis ich ihr begreiflich machen kann, warum ich mit dem, für sie erstklassigen, Bürojob unzufrieden bin.


»Warum hast du das nie erzählt?«, fragt sie mich matt.


»Dass ich versetzt werden soll? Ich versuchte, dich nicht damit zu belasten. Jeden Tag habe ich Kopfschmerzen, wenn ich von Arbeit komme, seitdem ich davon weiß. Ich musste das erst einmal für mich aufarbeiten. Es laugt mich aus, etwas zu arbeiten, was mir keinen Spaß macht. Jeden Morgen, wenn ich auf Arbeit komme, weiß ich, dass die Arbeit von gestern für den Hintern war und muss wieder neu anfangen. Das passt nicht zu mir.«


»Deine Sorgen sind doch erst recht meine Sorgen. Ich kann es nicht verstehen, was aber nicht heißen soll, dass ich mit ansehen möchte, wie unglücklich du bist. Wenn du etwas Anderes ausprobieren möchtest, begrüße ich das natürlich.«


»Wie sich das anhört: Ausprobieren. Ich will nicht für einen Job fortziehen, der mich nur halb so viel begeistert wie der, den ich jetzt mache. Mag sein, es ist ein neuer Weg, warum aber nicht in einer Gärtnerei neu anfangen? Im Garten hat es mir doch immer Spaß gemacht. Mein Beruf bleibt mir doch und darauf kann ich jederzeit wieder zurückgreifen, wenn das Experiment ein Schuss ins Leere sein sollte. Mehr ins Klo fassen, als im Augenblick, geht doch kaum noch. Was habe ich zu verlieren? Ich muss etwas ändern, jetzt, denn mein Chef drängelt schon wegen der Entscheidung und ich habe keine Lust, es länger aufzuschieben.«


»Dann ändere etwas«, sagt sie entschlossen. »Du bist jung. Wenn du etwas brauchst, lass es uns wissen. Wir helfen dir.«


»Danke, das ist lieb von euch. Ich wünsche mir, dass es nicht so arg kommt. Schön zu hören, dass ihr für mich da seid, wenn es doch hart auf hart kommt. Dürfte ich im Notfall wieder bei euch einziehen?«


»Logisch«, kichert sie in das Telefon.


Mir wird warm ums Herz. Ihre Worte sind es, die dieses Gefühl auslösen. Mit meiner Hand streiche ich mir eine Falte am Oberteil glatt, obwohl dort keine zu sehen ist. Für einen kurzen Moment bin ich sprachlos, denn mir wird bewusst, wie groß der Schritt ist, den ich machen werde und ich gehe ihn ohne Seil und doppelten Boden. Na ja, nicht auf Gedeih und Verderb, denn meine Familie fängt mich im Notfall auf.


»Wann geht es denn los?«, fragt sie nach einer kleinen Pause.


»In vier Wochen, wenn ich ja sage. Ich könnte dort in einem Zimmer wohnen. Stell dir vor, im Altenteil«, grinse ich und verziehe meinen Mund in spannender Erwartung ihrer Reaktion.


»Na, wie das klingt: Altenteil. Das ist doch eher was für mich, als für dich!«, spöttelt sie.


»Dann besuche mich doch!«


»Wenn das eine Einladung ist, nehme ich die herzlich gerne an.«


»Es war eine. So, Mama, ich bin breit und geh jetzt in die Falle. Wir reden noch mal an einem anderen Tag, ja?«


Ich beende das Gespräch und stelle mich vor meine Pinnwand. Mit dem Lohn würde ich in der Lage sein, mich zu versorgen, und meine Eltern fangen mich auf, falls ich die Probezeit nicht bestehe oder andere Komplikationen auftreten. Also ist das doch kein Punkt, um sich die Haare zu raufen. Dieser Punkt geht ebenfalls an die Gärtnerei.


Drei zu null.


Mein Blick gleitet über die Hoffnung. Hoffnung auf ein erfülltes Leben. In diesem Wort steckt eine Menge über mich, dass alle anderen notierten Wörter unbedeutend dagegen wirken. Ich möchte etwas Anderes machen, als zu funktionieren und überleben. Ich will leben. Jetzt, nicht erst morgen oder irgendwann einmal. Mein Herz entscheidet. Keine Mohrrübe vor der Nase, kein Hamsterrad, sondern Selbstbestimmung.


Vier zu null.


Ich unterzeichne den Vertrag und stecke ihn in einen Briefumschlag. Die Pro und Contra Liste zerreiße ich mit einem Lächeln und werfe sie in den Papierkorb. Morgen werde ich den Vertrag postalisch an Lea senden und sie danach anrufen. Ich nehme das Stellenangebot an.


Nachdem ich meine Kündigung geschrieben habe, lege ich mich in mein Bett und sehe mit klopfendem Herzen an die Decke. Eben stellte ich die Weichen für mein Leben neu und werde den sicheren Hafen verlassen. Dabei hoffe ich, dass ich den Herausforderungen gewachsen bin, den Muskelkater und die abgebrochenen Fingernägel überstehe. Aber was sind schon abgebrochene Fingernägel, wenn ein Leben ohne Kopfschmerzen und Selbstbestimmung winkt?


 


 




 


Kapitel 4

 


Am nächsten Tag gehe ich erstklassig gelaunt in das Büro und bitte meinen Büroleiter um ein Gespräch. Ich erkläre ihm, dass ich die Versetzung ablehne und mich obendrein beruflich verändere. In einer anderen Firma. Zerknirscht akzeptiert er meine Kündigung. Heute ist mein erster Arbeitstag seit Langem, an dem mich keine Kopfschmerzen plagen.


Wie verabredet, melde ich mich am späten Nachmittag bei Lea, denn ich will ihr mitteilen, dass ich den Job annehme und der Vertrag unterzeichnet auf dem Postweg ist. Ich wähle die Nummer. Es klingelt. Ich höre eine Männerstimme, die sich mit Kroll meldet und bin irritiert, denn ich erwarte Lea und die heißt Winter mit Nachnamen. Ich überlege kurz, ob ich die Telefonnummer korrekt wählte.


»Guten Tag, hier ist Amelie. Amelie Richter. Ich wollte mit Lea Winter sprechen«, beginne ich fahrig.


»Die ist nicht im Büro«, sagt die Männerstimme knapp. »Kann ich etwas ausrichten?«


Gut, also verwählte ich mich doch nicht.


»Ich wollte Bescheid geben, dass ich mich entschieden habe, die Stelle anzutreten und der Vertrag auf dem Postweg ist. Wenn möglich, würde ich es ihr gerne persönlich sagen.«


Zwei Sekunden herrscht Stille in der Leitung.


»Für persönlich müssen Sie vorbeikommen«, sagt er genervt und ich bin etwas sprachlos über seine abweisende Art.


»Mit persönlich meine ich telefonisch-persönlich«, korrigiere ich mich langsam sprechend. Gut gelaunt sehe ich an die Wand vor mir. Ich bin entschlossen, mir meine gute Laune nicht vermiesen zu lassen. Mein Beruf bringt es mit sich, dass nicht jedes Telefonat ein freundliches Gespräch ist.


»Wie gesagt, für persönlich ist die Anwesenheit nötig«, entgegnet die Stimme ein wenig gereizter. Jetzt bin ich genervt. Es gibt drei Arten von Stinkstiefeln am Telefon. Stinkstiefel, übler Stinkstiefel und ganz übler Stinkstiefel. Mit Letzterem habe ich es anscheinend zu tun. Der ganz üble Stinkstiefel will mich verkackalbern. Bis eben versuchte ich, höflich zu bleiben, aber mein Geduldsfaden reißt. Ich hole meine imaginäre Kalaschnikow heraus und bringe sie in Position.


»Geht’s noch? Ich bin persönlich am Telefon und will sie persönlich am Telefon sprechen. Geht das?«, gebe ich laut in den Hörer zurück. Er sagt keinen Pieps mehr. Meinen Finger belasse ich dennoch am Abzug.


»Ich richte es ihr aus«, sagt er knapp und kühl.


Hat er mich verstanden? Ich straffe mich unruhig und sehe an meine Pinnwand, wo die Listen hängen.


»Danke. Mit wem hatte ich das Vergnügen?«, frage ich bissig. »Nur damit ich weiß, wem ich, wenn ich vorbeikomme, in den Hintern treten kann, sofern meine Nachricht bei Lea nicht ankommt.«


»Alan Kroll, ihrem Bruder«, antwortet er gelassen.


Kennt ihr das Gefühl bei einem Bungee Jumping? Ihr springt und berauscht euch an diesem Gefühl, des freien Falls und der Unbegrenztheit, doch irgendwann kommt der Punkt, an dem das Gummi seine Maximaldehnung erreicht. An diesem Punkt befinde ich mich jetzt. In Zeitlupe begreife ich, dass es wieder nach oben geht, und zwar so rasend schnell, dass mir schlecht dabei wird. Das Herz rutscht nicht nur in die Hose, sondern in die Schuhe. Der ganze Körper reagiert entsetzt, während der Kopf noch im freien Fall und der Unbegrenztheit festhängt.


Ich schlucke und Alan Kroll bemerkt es sicher.


»So«, sagt er, »jetzt bin ich mal gespannt, wie du mir in den Hintern treten willst. So persönlich durch das Telefon und so.«


Seine Stimme klingt nicht laut, aber energisch und gefährlich beherrscht. Ich schweige und blicke betreten drein, denn eben habe ich meinen zukünftigen Chef pikiert.


»Nicht persönlich durch das Telefon«, bleibe ich dennoch fest. Aus unerfindlichen Gründen will und kann ich keinen Rückzieher antreten. Vermutlich steckt mein Kopf noch im freien Fall fest. »Nur persönlich vor Ort. Macht mir mehr Freude, Alan Kroll.«


Auch ich spreche bedacht und energisch. Einst lernte ich in einem Seminar, meine Stimme in so einer Situation, ja nicht piepsig werden zu lassen. Eine Menge Frauen piepsen, wenn sie emotional aufgewühlt sind, und wundern sich, dass sie dann nicht ernst genommen werden.


»Fein. Ich mag dich jetzt schon so richtig leiden, Amelie Richter«, sagt er mit einem Unterton, der mich darauf vorbereitet, dass es durchaus harte acht Wochen für mich werden können. »Dann sehen wir uns in vier Wochen und werden ja erfahren, wer hier wen in den Allerwertesten tritt. Du wirst im Übrigen unter mir arbeiten. Ich freue mich schon jetzt auf unsere Zusammenarbeit.«


Grinst er etwa am anderen Ende der Leitung?


»Na, da liegt ja die Sympathie schon auf zwei Seiten. Was wollen wir mehr? Ich könnte jetzt zurückrudern, aber das mach ich nicht und bin mal gespannt, welcher Hintern mich erwartet. Richte Lea aus, ich bin in vier Wochen da!«


»Mach ich. Bürohäschen.«


»Perfekt. Wie du willst. Ach, falls du Arschkriecher suchst, solltest du den Vertrag besser nicht unterschreiben. Wenn ich eine Meinung habe, dann vertrete ich die. Egal, ob ich unter dir arbeite oder unter dem Papst.«


»Arschkriecherin.«


»Bitte?«, frage ich nach einer kleinen Pause irritiert.


»Du meinst Arschkriecherin«, verbessert er mich und seine Tonlage klingt arrogant.


»Du mich auch«, lächele ich in das Telefon. Mein Herz schlägt bis zum Hals, als ich das Gespräch ohne seine Antwort beende. Ich bin mir selbst fremd und verstehe nicht, welcher Teufel mich in diesem Augenblick reitet. Im Endeffekt ist er schließlich nicht irgendwer, sondern der, der mir in wenigen Wochen meinen Lohn zahlt.


Na das war ja der reinste Raketenstart. Wenn er das Gespräch neulich mit mir geführt hätte, dann dürfte ich den Arbeitsvertrag sicher nicht einmal in einer Glasvitrine liegend ansehen. Mit Sicherheit wäre ich nach zwei Minuten in einem hohen Bogen aus dem Büro geflogen.


Andererseits wäre es vermutlich besser für ihn gewesen, wenn er statt auf einer Messe herumzulaufen mit mir gesprochen hätte. Lea ließ ja durchschimmern, dass er wenig begeistert war, als er von meinem Beruf erfuhr. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte ich bestimmt nicht einmal eine Einladung zum Vorstellungsgespräch bekommen. Das Telefonat bestätigt seine Meinung mit Sicherheit, dass Bürokauffrauen die reinsten Zicken sind. Lea erwähnte doch gestern auch, dass es an mir liegen würde, ob ich die Probezeit bestehe. Wenn das so ist, werde ich ihn den Beweis bringen müssen, dass ein Bürohäschen mehr kann, als sich die Nägel zu lackieren. Der wird mich schon noch kennenlernen.


Ich kündigte in meiner alten Firma und egal, ob er unterschreibt oder nicht, mein Leben geht weiter. Wenn nicht, muss ich in vier Wochen meine Mutter anpumpen und mir einen neuen Job suchen, nur eben ohne tägliche Kopfschmerzen, das steht fest.


 


Da ich Urlaub übrig habe, ist mein letzter Arbeitstag in einer Woche. Die versuche ich, gut hinter mich zu bringen. Das Brimborium der Verabschiedung ist schwer zu ertragen, wohingegen das Einräumen meiner Siebensachen Jubel in mir auslöst.


Dann stehe ich das letzte Mal vor dem Bürokomplex und fahre in dem Wissen heim, dass ich nie wieder einen Fuß über diese Schwelle setzen werde.


Bis ich die neue Stelle antrete, bleiben mir drei Wochen Urlaub, die ich nutze, um mir passende Kleidung zu besorgen. Ich brauche bequeme Schuhe, Hosen, Jacken und Shirts.


Von Berufsbekleidungsladen zu Berufsbekleidungsladen fahre ich, wälze Kataloge für Arbeitsklamotten und bestelle bequeme Ausrüstung, die auch ohne Unterschrift auf dem Arbeitsvertrag tragbar ist. Insbesondere lege ich auf Schuhe Wert, die bequem, luftdurchlässig und dennoch arbeitssicher sind. Über den Tag sollten sie nicht schwer wie Klötze werden, meine Füße nicht betäuben und sich gut in den Hintern von Vorgesetzten treten lassen.


So stapeln sich nach und nach in meinem Zimmer Sachen, an die ich früher nicht einmal im Traum dachte. Wie enorm die Umstellung von Büroarbeit doch ist, sehe ich an dem stetig wachsenden Stapel. Nur wenige Klamotten des Büros sind brauchbar und entsprechend lege ich nur zwei Sachen für besondere Anlässe bereit. Es sind meine Lieblingssachen.


Ich nehme mir auch noch zwei Tage Zeit, um meine Eltern zu besuchen. Direkt nachdem ich durch die Eingangstür trete, werde ich sofort wieder zur Tochter. Mir werden meine Lieblingsspeisen vorgesetzt, meine Mutter redet viel mit mir und fragt mich über mein Vorankommen in puncto neuer Arbeitsplatzvorbereitung aus. Sie geht mit mir die restlichen Sachen einkaufen und freut sich, dass ich jeden Morgen vor dem Frühstück jogge. Genau wie sie bin ich beglückt, dass ich meine Tage ohne Kopfschmerzen verbringen kann und wieder vermehrt lache. Es fühlt sich jetzt schon ganz anders als vor Wochen für mich an. Ich bin gefühlte fünfzig Kilo leichter, schleppe keine unsichtbaren Lasten mehr mit mir herum und habe wieder Spaß am Leben.


Bei einem unserer Einkäufe landet, unter dem Drängen meiner Mutter, eine Jogginghose in meinem Einkaufsbeutel. Die könnte ich mir normalerweise nicht leisten und sie bezahlt sie für mich. Ich strahle in Hochstimmung über mein ganzes Gesicht, wie ein Kind, das ein neues Spielzeug geschenkt bekam.


Die zwei Tage bei meinen Eltern gehen schnell vorbei. Der Abschied fällt wie meistens schwer, obwohl meine Mutter mir verspricht mich auf dem Dreiseithof zu besuchen. Ein wenig beklommen wegen der bedeutsamen Veränderung ist mir schon, aber meine Mama ermuntert mich immer wieder und ist enorm stolz auf meinen Mut.


Eine Woche später sind meine Sachen gepackt. Aktuell stapeln sich keine Kisten mehr in meinem Zimmer, sondern zwei Koffer. Die sehe ich mit klopfendem Herzen an. Ich habe das Gespräch mit Leas Bruder nicht vergessen und mir genug Zeug eingepackt, das bei Muskelverspannungen hilft. Falls er zu schräg drauf ist, kann ich ja dann schon früher gehen.


Ich beabsichtige jedoch, ihn zu überraschen. Er nannte mich Bürohäschen und klang dabei so schrecklich dünkelhaft. Dem werde ich mal offenbaren, was ein Bürohäschen alles drauf hat. Da wird er staunen.


Morgen früh ist es endlich soweit. Mein erster Arbeitstag in der Gärtnerei beginnt um acht Uhr in der Frühe.


Am Abend vor der Abreise gehe ich die Liste durch, die ich erstellte. Alles ist darauf abgehakt. Ganz unten notierte ich einen Punkt in Klammern. Den markierte ich als Eventuell-Punkt, denn ich wollte mir noch genau überlegen, ob ich ihn umsetzen will.


Wer weiß, wann ich wieder …, und in einem Dorf ist das nicht unproblematisch. Na ja, dann erst die Auswahl dort. In der Konsequenz beschließe ich, für Bernd und mich zu kochen. Was soll’s.


Bernd hat Feierabend und kommt, durch den einladenden Geruch angelockt, zuerst in die Küche. Er sieht wie immer müde aus. Oft genug erzählt er, dass seine Arbeit als Bauingenieur ihm den letzten Nerv raubt. Die Kraft, sich etwas Anderes zu suchen, fehlt ihm jedoch. Er ist so typisch Hamsterrad und Möhre vor der Nase.


Er ist so energielos, dass er nicht einmal in der Lage ist, bei der Rasur in den Spiegel zu sehen oder sich mit seinen Problemen auseinanderzusetzen. Ich glaube auch, dass er sich hasst.


»Na? Hunger?«, frage ich, als er mit erhobener Nase zu erraten versucht, was ich koche. Bernd kommt zum Herd und sieht mir über die Schulter. Dabei legt er sein Kinn darauf ab und schaut mir zu, wie ich mit dem Kochlöffel die Möhren umrühre.


»Riecht exzellent.«


Bernd sagt immer exzellent, niemals lecker oder köstlich. Exzellent klingt gebildeter. Wo er einst verkehrte, wurde so gesprochen. In Gelächter ausbrechend drehe ich meinen Kopf. Ich bin mir unschlüssig, ob er mein Essen meint oder womöglich mich denn ich tupfte Parfüm hinter meine Ohren, an dem ich jetzt seine Nase spüre.


»Setz dich, ist gleich fertig! Mach mal den Wein auf!«, bitte ich ihn und zeige mit dem Löffel zum Wein, der auf dem Tisch steht. Es ist sein Lieblingswein und sicher wird ihm jetzt klar, was ich von ihm begehre.


»Abschiedsessen?«


»Ja, Abschiedsessen. In den nächsten zwei Monaten bist du hier allein. Chris ist ja auch noch in Belgien unterwegs. Da dachte ich, dass ich dich mal ein wenig verwöhne. Bis Chris oder ich wieder da sind, wirst du allein kochen und essen müssen.«


Er füllt die Gläser schweigend mit Rotwein und setzt sich mir vis-à-vis an den gedeckten Tisch.


»Lass es dir schmecken. Gibt es etwas Neues bei dir?«, frage ich ihn und picke fröhlich eine Möhre auf die Gabel.


»Neues Projekt. Ich leite es.«


»Klingt doch gut, was ist es?«


»Die Oper wird saniert.«


Ich sehe ihn erstaunt an. »Das klingt toll. Finde ich gut. Eine Menge Arbeit, aber damit kannst du dir doch einen Namen machen.«


»Einen Namen habe ich. Bernd!«


Er knallt die Gabel geräuschvoll auf den Tisch und verteilt durch den Schwung einen Schwall Soße auf die Tischplatte. Betrübt sehe ich ihn an, denn meine Freude kam aus tiefsten Herzen.


»Tut mir leid. So meinte ich das nicht.«


»Wie dann?«, schreit er los, springt auf und geht getrieben in der Küche hin und her. Endlich bleibt er vor mir stehen, sieht mich traurig an und sagt: »Entschuldige. Ich bin schlicht und einfach fertig. Chris ist noch Ewigkeiten weg, du gehst für zwei Monate weg. Alle gehen weg. Alle lassen mich allein.«


Sein Problem ist ihm klar, wenn er auch die Personen tauscht. Ich sehe auf meinen Teller nieder. Noch nie stellte er sich seiner Einsamkeit im Leben und ich ahne, welche Qualen ihn in den nächsten Wochen erwarten. Ich kann das Loch sehen, vor dem er steht, dennoch kann ich ihm unmöglich dabei helfen, nicht zu fallen, und ich will es, abgesehen davon, auch nicht mehr.


»Ich weiß.«


»Du weißt einen Scheiß!«, fährt er mich an und ist in einem Satz bei mir.


»Nur die wenigen Brocken, die du mir erzählt hast«, gebe ich verhalten zu bedenken und sehe tapfer in sein Gesicht. »Willst du mir mehr erzählen?«


Bernds Augen hasten und bewegen sich wie Irrlichter in einer dunklen Nacht umher. Ich berühre vorsichtig seinen Arm, worauf er hinab sieht. Auf seinen Stuhl sinkend bebt sein Körper immer stärker, bis er kraftlos zusammensackt.


»Nein, das werde ich nicht.«


Ich trete zu ihm, lege seinen Kopf an meinen Bauch und halte seine Wange. Er umklammert mich. Mit seiner Hand fährt er meine Beine empor und was das bedeutet weiß ich.


Er braucht Trost.


Und ich heute ebenfalls.


Später liege ich neben ihm in seinem Bett und er atmet wieder gleichmäßig. Zufrieden lächelt er mich an.


»Das war genial.«


»Bernd, es war Sex«, erkläre ich und drehe mich ganz zu ihm um.


»Aber es war genialer Sex.«


»Meinetwegen, dann war es genialer Sex«, entgegne ich. Es klingt knapper als von mir beabsichtigt. Ich will ihm nicht wehtun, aber auch nicht wieder ein bestimmtes Thema anschneiden.


»Fandest du das denn nicht?«


Ich frage mich, was er jetzt von mir hören will. Wirke ich wie im Rausch, hin und weg oder wie von Sinnen?


»Bernd, sei bitte ehrlich! Ich tröste dich und du tröstest mich. Mehr nicht. Du liebst deine Frau. Siehst du sie eigentlich vor deinem inneren Auge, wenn du mit mir Verkehr hast?«


»Spinnst du jetzt?«, fragt er peinlich berührt und rückt von mir ab, um mich lange zu betrachten.


»Nein, Bernd. Das war eine ernst gemeinte Frage.«


Ich richte mich auf und sehe im dürftigen Licht seine Augen, die durch mich hindurchsehen. Sein Mund schweigt und ich weiß Bescheid. Ich wusste schon immer Bescheid.


»Früher machte es mir etwas aus. Da war ich heillos in dich verliebt. Aber das war einmal.«


»Du warst verknallt in mich?«, fragt er überrascht.


Sofort bücke ich mich, um mit hastigen Bewegungen meine Sachen, die neben dem Bett verstreut liegen, zu greifen. Danach stehe ich auf. Im Dunkeln sehe ich zu Bernd hinunter.


»Ich sagte, das war einmal. Wie auffallend es dich erstaunt, zeigt doch nur, dass du es nicht einmal bemerkt hast. Erst du, dann Benno. Ich geh in mein Bett. Ich will jetzt allein sein«, antworte ich und fahre mir durch meine wirren und zerwühlten Haare.


»Du bleibst nicht?«


»Nein, Bernd. Was soll ich hier neben dir? Die Seite des Bettes ist belegt und es ist arg eng zu dritt im Bett«, sage ich und verlasse unverzüglich das Zimmer.


Bernd sieht niedergeschlagen hinter mir her, doch das berührt mich wenig. Ich habe, was ich wollte und mehr kann er mir nicht geben. Statt geduldig zu empfangen, nahm ich, wonach mir war. Die Befriedigung meiner körperlichen Lust, ohne mein Herz und meine Seele zu beteiligen.




 


Kapitel 5

 


Noch vor dem Morgengrauen starte ich mit gepackten Koffern in Richtung Norden. Es ist noch dunkel, als ich an einer Tankstelle in Großrachenau anhalte und mir eine Flasche Wasser kaufe. Die öffne ich vor der Shoptür, um zu trinken. Ich habe genug Zeit bis zum Arbeitsantritt. Gegen eine Wand gelehnt sehe ich in den Morgenhimmel. Der Tag zeichnet sich mit einem orangeroten Streifen im Osten ab. Spärliche Wolken treiben dort und kündigen schlechtes Wetter an.


Ich ziehe mir den Kragen meiner grünen Jacke zusammen. Trotz langen und kurzärmligen Shirts erschauere ich. Die schwarze Hose wärmt nicht sonderlich. Wenigstens sind meine Füße, die in grünen Arbeitsschuhen stecken, warm.


Meistens bin ich erst in einer Stunde munter. Um diese Zeit liege ich noch im Bett und drehe mich Minimum dreieinhalb Mal um. Heute dagegen war ich so nervös, dass ich den Adrenalinüberschuss locker an Hormonbedürftige verkaufen könnte.


Hier auf dem Land ist um diese Zeit noch nicht viel los und ich erwäge, wieder in mein warmes Auto zu steigen. Ich bin die einzige Kundin weit und breit, bis ein Fahrzeug die Tankstellenauffahrt einbiegt. Oh, denke ich scharfzüngig, das Leben auf dem Lande startet.


Mäßig interessiert wende ich mich vom Morgenhimmel ab und beobachte, wie ein dunkelblauer Kombi an einer Zapfsäule hält. Die Fahrertür öffnet sich und ein Mann steigt aus. Er sieht zu mir, mustert mich aus der Ferne und grüßt: »Morgen!«


»Morgen«, gebe ich laut zurück. Ich beobachte, wie er um seinen Wagen geht, die Tankklappe öffnet und den Tankschlauch hinein hält. Sein Nummernschild verrät mir, dass er aus dieser Gegend kommt.


Von hier aus kann ich erkennen, dass er etwa Mitte dreißig ist und modisch-alternative Kleidung trägt, die ich eher in einem Berliner Szeneviertel erwarte, als hier auf dem Dorf. Er trägt seine braunen Haare kurz. Sie gehen nahtlos in einen Zwei-Tage-Bart über, durch den die Gesichtshaut durchschimmert. Er wendet mir seinen Kopf zu. Dunkle Augen betrachten mich und ich nicke kurz lächelnd. Das wirkt. Seine Mundwinkel gehen flüchtig hoch. Dann sieht er zu dem kleinen Mädchen auf der Rückbank, die von innen gegen die Fensterscheibe klopft und augenblicklich seine Aufmerksamkeit auf sich lenkt.


Sie hat ebenfalls braune Haare, die ihr süßes Gesicht einrahmen. Ihr Mund lächelt breit und die Hand macht hektische Bewegungen, die ihm gelten. Obwohl sein Gesicht müde ist, grinst er zurück und antwortet ebenfalls mit Zeichen. Bei einem lacht er aus voller Brust auf. Mich durchfährt es bis ins Mark meiner Knochen. Ich fühle mich hellwach und kann jetzt unmöglich wegsehen.


Den Zapfhahn hängt er an die Zapfsäule zurück, reinigt seine Hände mit einem Tuch und wirft es in einen Papierkorb, der neben der Säule steht. Die Autotür öffnend, bittet er das Mädchen, ihn zur Kasse zu begleiten. Er will bezahlen und das bedeutet, er wird gleich an mir vorüber kommen.


»Darf Hase auch mitkommen?«, will sie wissen und klettert aus dem Kindersitz.


»Dann frag Hase aber vorher, ob es ihm nicht zu scharf nach Benzin riecht«, antwortet er geduldig.


Das kleine Mädchen springt aus dem Wagen und wetzt mit auf und ab wippenden Locken in Richtung Tankstellentür. Genau dort stehe ich mit meiner Wasserflasche und lächele sie amüsiert an. In ihrer Hand hält sie ein braunes Plüschtier mit langen, schlabbrigen Ohren, das erheblich mitgenommen aussieht. Sicher ist es eines ihrer Lieblingskuscheltiere, das überall mitkommen muss und ohne das sie nicht einschlafen will.


Sie stapft kühn und entschlossen auf mich zu. Ihr Mund verzieht sich zu einem Lächeln. Genau vor mir bleibt sie stehen und sieht mich an. Sprachlos und überrascht bemerke ich, dass ihre Augenfarbe meiner ähnelt. Grünbraun.


Sie sieht an mir auf.


»Kennen wir uns?«, fragt sie keck.


Ich hocke mich in die Knie, damit sie mich auf Augenhöhe betrachten kann und überlege kurz.


»Nein. Wer bist du?«


»Ich bin Lara und fünf«, sagt sie und hält mir ihre abgespreizten Finger vor meine Nase, damit ich selbst nachzählen kann. Ich berühre jeden ihrer kleinen Finger und zähle langsam nach.


»Eins, zwei, drei, vier, fünf. Schon fünf? Ich heiße Amelie. Freut mich Lara.«


»Mich auch«, raunt sie und steckt mir ihren Kopf entgegen, was die verschwörerische Geste verstärkt und uns zugleich zu Verbündeten macht. Ihr Lachen wird breiter und interessiert studiert sie meine Gesichtszüge.


Hinter ihr nehme ich eine Bewegung wahr und sehe zu den Hosenbeinen ihres Vaters, die sich hinter Lara positionieren. Seine Hand legt sich auf die zarte Haut ihrer Wangen und streichelt Lara. Sie sieht augenblicklich zu ihm auf und lächelt ihn an. Ich richte mich auf.


»Entschuldigen Sie bitte«, beginnt er und stockt, als ich mich aufgestellt habe. Ich sehe in sein perfektes modelliertes Gesicht, das von hellbraunen, lebhaften Augen dominiert wird. Seine Nase verläuft schnurgerade zu seinem Mund hinab, an dem mir zuerst der sinnlich geschwungene Amorbogen auffällt. Wie ich mustert er mein Gesicht.


»Das macht sie normalerweise nicht«, unterbricht er erneut in seinem Satz, ohne den Blick abzuwenden.


»Freundlich sein?«, erkundige ich mich, weil ich wissen möchte, was er mit das meint. Jetzt fliegen seine Augen desorientiert über meine Gesichtszüge, denn wie es aussieht, brachte ich ihn mit meiner Frage durcheinander.


»Ist sie normalerweise unhöflich?«, taste ich mich erneut vor. Jesus, wie kann ich ihn nur für eine Antwort aus seinen Gedanken reißen?


»Oh«, stammelt er und hat sich jetzt gefasst. Sein Blick löst sich von mir, weil er ein Zupfen an seiner Hand bemerkt, das Lara auslöst. Sogar sie verfolgt staunend seine Sprachlosigkeit und ist erpicht zu erfahren, was er über sie sagen wird. Geduldig wartet sie auf seine Antwort, doch er schweigt, während er sie betrachtet. Es ist sicher, er vergaß meine Frage und ich hocke mich wieder vor Lara.


»Es hat mich sehr gefreut dich kennenzulernen, Lara. Fährst du in den Kindergarten?«


»Ja, Papi bringt mich.«


»Toll. Viel Spaß dort!«, sage ich und richte mich wieder auf. An den netten Sprachlosen gewandt, verabschiede ich mich. »Also dann.«


»Dann«, wiederholt er mein letztes Wort, als warte er darauf, dass ich etwas anfüge. Scheu deute ich auf mein Auto. Da er vergleichsweise einsilbig ist, ist dies mein zweiter Versuch ihn zu einer letzten Plauderei vor meiner Weiterfahrt zu bewegen. Schüchtern lächelt er mich an.


Okay, von ihm kommt jetzt nichts mehr, denke ich und will mit meinen Fragen nicht weiter aufdringlich sein. Ich will ihn nicht mit meinem Geplauder in Verlegenheit bringen. Hier auf dem Dorf kennt doch jeder jeden. Ein Gespräch mit mir würde sicher schnell die Runde zu seiner Frau machen.


Langsam zieht er Lara hinter sich in den Shop und schaut verstohlen zu mir. Weil ich auf etwas Weiches trete, sehe ich erschrocken zu Boden. Laras Hase liegt dort. Sie hat ihn vergessen.


Ich hebe ihn auf und flitze in den Shop zurück, um ihn ihr zu bringen. Das Letzte, was ich mir für sie wünsche ist, dass sie ohne ihn keinen Schlaf findet. Kurz vor der Kasse hole ich Vater und Tochter ein. Lara sitzt jetzt auf seinen Arm und belächelt mich. Das wird von ihrem Vater registriert, denn er dreht sich zu mir um. An meiner Hand sieht er Hase hängen und ein Lächeln biegt seine Mundwinkel in die Höhe.


»Lara, du hast Hase liegen lassen«, sage ich und strecke meine Hand samt Hasen zu ihr aus.


»Weil er für dich ist.«


»Für sie?«, fragt ihr Vater verwundert.


»Für mich?«, kommt es zeitgleich aus meinen Mund.


Lara bestätigt leise, indem sie ihren Kopf nickend zu ihrem Vater dreht und ihn aus ihren großen, grünbraunen Augen ansieht. Ihr Finger ist in ihrem Mund, direkt so als fürchte sie seinen Einwand. Unschlüssig sehe ich ihren Stoffhasen an. Ich halte ihn in meiner Hand und warte ebenfalls auf Einwände, die kommen könnten.


Fehlanzeige.


»Bist du sicher, dass du Hase verschenken möchtest, Lara?«, erkundigt er sich stattdessen und sieht forschend in ihr Gesicht. Lara nickt erneut und hält seinem Blick stand. Die Augenbrauen leicht erhoben, nimmt er es damit als gegeben hin.


»Das macht sie normalerweise nicht. Er ist ihr Heiligtum.«


»Eine Menge normalerweise nicht für einen Morgen, oder?«, erinnere ich ihn an seine Einsilbigkeit, die er vor der Shoptür an den Tag gelegt hatte, aber denkbar wäre ja auch, dass es sein Lieblingswort ist. Schnell hebe ich Hase hoch. »Heiligtümer aus Stoffplüsch bekommen bei mir einen Ehrenplatz.«


Ihr Vater kann sich wieder artikulieren und gibt breit lachend zurück: »Tja, was soll ich sagen. Sie mag Sie offensichtlich und das ist auch ein: normalerweise nicht.«


Wie aus der Pistole geschossen, entfährt mir nur eine logische Schlussfolgerung: »Kann dann ja vermutlich auch am Gegenüber liegen. Wie dem auch sei, vielen Dank, Lara. Er bringt mir sicher Glück.«


Ich bin gerührt von dieser kleinen Geste.


»Erst mir, dann dir«, bekräftigt Lara ihren Entschluss und zeigt mit ihrem Finger von sich zu mir. Verlegen sehe ich hoch und merke, dass meine Augen an ihrem Vater kleben bleiben.


»Tja, also dann. Ich muss zur Arbeit.«


Abermals zeige ich auf meinen Wagen, denn ich habe heute nicht ewig Zeit zum Plaudern. Er sieht zu meinem roten Kleinwagen hinüber.


»Kommen Sie aus der Nähe? Ich meine, nicht ausgeschlossen, dass wir uns ja mal wiedersehen?«, erkundigt er sich rasch.


Die Sätze überschlagen sich fast vor Tempo. Bleibt mir die Frage, auf welchen ich antworten möchte. Ich entschließe mich, unpräzise zu bleiben.


»Kann sein«, grinse ich gehend. »Vielleicht, also wenn Hase mir Glück bringt.«


An der Tür drehe ich mich noch einmal zu Lara um, griene sie an und wedle mit ihrem Hasen, der jetzt meiner ist.


 


 




 


Kapitel 6

 


Nachdem ich in den Feldweg einbiege, parke ich auf einem der Kundenparkplätze und gehe zum Büro im Altenteil. Das Büro ist schon hell erleuchtet. Der Hof liegt im trüben Morgenlicht. Heute sehe ich nirgends Katzen. Sie sind gewiss zur Frühstücksjagd. Der Innenhof liegt still und friedlich im faden Licht. Die Vögel im Baum zwitschern ihr Morgenlied. Ich hätte hier morgens um einiges mehr Bewegung vermutet, als ich vorfinde. Im Büro angekommen, sitzt Lea am Tisch. Sie sieht auf, als ich eintrete.


»Guten Morgen und willkommen.«


»Dankeschön.«


»Du bist einverstanden mit dem Vertrag?«, fragt sie und deutet mir Platz zu nehmen.


»Bin ich, solange ich in meinem Zimmer Besuch empfangen darf und nicht leben muss, wie in einem Kloster.«


»Nein«, lacht Lea fröhlich auf. »Na logisch kannst du Besuch empfangen, nur sind die eben nicht gratis in der Kost.«


»Geht klar. Kein Ding. Meine Mutter wollte mich besuchen. Ich glaube, sie ist sehr wissbegierig, was das Leben auf dem Hof angeht. Na ja, wir haben ein gutes Verhältnis.«


»Tja, wohl dem, der bis zum jetzigen Zeitpunkt eine Mutter hat«, sagt sie. Für einen kurzen Moment umspielt Melancholie ihre blaugrauen Augen. »Unterschreibe mir bitte hier, dass ich dir die Schlüssel für dein Zimmer gegeben habe. Alan stößt nachher zu uns. Du hast also etwas Zeit, um dein Gepäck in das Zimmer zu bringen.«


Ich lade meine beiden Koffer aus dem Auto, verstaue alles notdürftig, bevor ich in das Büro zurückkehre.


Ein Becher mit Tee steht für mich bereit und Lea erwartet mich mit der Frage: »Zucker?«


»Ja, ein Stück.«


Ich nehme wieder am Tisch Platz und sehe zu, wie sie ein Stück Kandis in den Tee legt, einen Löffel in die Tasse gibt und mir reicht.


»Wir frühstücken morgens um sieben im Wohnhaus. Mittag gibt es um zwölf. Kaffee ist um vier und Abendbrot um sieben. Du musst nicht immer mit uns essen, denn es ist dir freigestellt. Um die Reinigung deines Zimmers und deiner Wäsche kümmerst du dich. Alan zeigt dir nachher den Hof und die Arbeit für heute. Wir fangen ganz langsam an. Wichtig wäre mir, dass du irgendwann den Hofladen allein bewältigen kannst. Der ist Montag, Mittwoch und Freitag von drei bis sechs geöffnet. Am Wochenende ist unser Hofcafé von drei bis sechs offen und wir brauchen deine Hilfe dort. Viele Ausflügler kehren bei uns ein und rasten. Es ist gratis Werbung für uns.«


»Verstehe. Alan sagt mir, was ich zu tun habe?«


»Genau. Er ist zuständig für die Gärtnerei und dir daher überstellt. Der Hauptteil deiner Arbeit fällt in seinen Bereich. Ich bin für den Hofladen und das Büro zuständig. Die Arbeit im Hofcafé teilen wir uns auf. Es ist ein rotierendes System, damit jeder ein langes Wochenende genießen kann. Jeder hier packt an. Jeder braucht jeden. Wer das nicht versteht, ist hier falsch.«


»Klaro.«


»Bist du nervös?«, höre ich sie belustigt fragen und ich ahne, dass sie den Grund dafür längst kennt.


»Ja, ein wenig«, lächle ich und Lea beugt sich vor.


»Es beißt dich hier niemand und keiner reißt dir den Kopf ab, wenn es am Anfang nicht so läuft. Komm erst mal in Ruhe an!«


Ich nicke und denke an das Telefonat mit ihrem Bruder.


Lea grinst: »Wie alt bist du?«


»Neunundzwanzig.«


»Familie?«


»Keine. Und du?«


Lea sieht mich an. Ihre Augen steuern an mir abwärts. Sie rechnete sicher nicht mit dieser direkten Gegenfrage.


»Ich bin sechsunddreißig Jahre, verheiratet mit Philipp, der in einer Bank arbeitet. Bis heute kein Nachwuchs«, entgegnet sie, legt ihre Hand auf ihren Bauch und blinzelt bei noch keinen Nachwuchs.


»Noch nicht?«, sinne ich ihren Worten nach und sehe zu ihrer Hand hinab, die sie bei ihrer Antwort dort ablegte, um das zu schützen, was vermutlich darin wächst.


»Was?«, fragt sie mich nach langem Schweigen. Ich sehe auf ihre Hand und dann bedeutungsvoll wieder in ihre Augen, die sich ertappt weiten. Schnell löst sie ihre Hand und sieht in ihren Tee.


»Dann sollte ich bei dir meine Zunge hüten, wenn ich Geheimnisse für mich behalten möchte?«, fragt sie mich und bewegt sich mit mir synchron.


»Nein, musst du nicht. Ich höre nur gut zu und habe Augen im Kopf. Die Zunge zu hüten ist leicht, aber in deinem Fall war es nicht nur die Zunge und nicht nur heute.«


Sie ist belustigt und holt tief Luft.


»Ich mag Menschen, die gut zuhören und erst recht Menschen, die Augen im Kopf haben«, gesteht sie und lächelt mich versonnen an. Ich schmunzle, denn wir verstehen uns.


Ich höre, wie die Tür sich öffnet. Dann löse ich meinen Blick von Lea, um in die Richtung des Geräusches zu sehen.


Der Vater von Lara kommt herein.


Verdutzt rattert es in meinem Hirn in einigen Schubladen, um hektisch die Fakten zusammenzufügen. Lea erzählte mir, dass sie mit ihrem Mann, Bruder und deren Tochter im Wohnhaus wohnt, als ich mich vor vier Wochen vorstellte.


Der nette Sprachlose ist Leas Bruder?


Wie er so dasteht, ist er rein körperlich der, den ich an der Tankstelle traf, aber ich schwöre, in der Zwischenzeit ist etwas mit ihm passiert. Was es ist, kann ich mir denken.


Unser Telefongespräch.


Kack!


Der, den ich an der Tankstelle nett fand, ist Alan Kroll, mein neuer Chef. Der vom Telefon.


Na danke auch! Och Mensch, Lara! Hase sollte mir doch Glück bringen!


»Alles klar?«, erkundigt sich Lea bei ihm. »Was ist los, Alan?«


»Alles gut«, gibt er abwiegelnd zurück, sieht mich aber an, als ob er meinen erstaunten Anblick genießt.


»Ernsthaft?«, erkundigt sie sich misstrauisch und das hätte ich an ihrer Stelle gleichfalls getan, denn er macht keineswegs den Eindruck, als sei er tiefenentspannt.


»Lara verschenkte heute Hase «, sagt er bemüht tonlos und sieht mich dabei finster an. Wenn Blicke töten könnten …, aber zum Glück geht das nur in Comics oder Filmen. Bringt Hase mir voraussichtlich doch auf einer Art Glück.


»Hase?«, fragt Lea überrascht. »Wem?«


»An so ne blöde Kuh, die wir an der Tankstelle trafen«, berichtet er flach atmend und sieht zu ihr. Ich richte mich auf und räuspere mich. Sein Tonfall erinnert mich an unser Telefonat. Jetzt nennt mich der nette Sprachlose eine blöde Kuh.


»Versteh ich nicht. Warum sollte sie ausgerechnet Hase verschenken und dann noch an eine blöde Kuh?«, grübelt Lea. »Das passt so gar nicht zu ihr.«


Ich hüstle erneut und sie sieht, aus ihren Gedanken gerissen, zu mir. »Alan, das ist Amelie.«


»Ich weiß«, offenbart Alan ihr und sieht mich mit missbilligend verschränkten Armen an. Ich halte seinem Blick stand.


»Woher?«, will Lea wissen, der dämmert, dass ihr ein Großteil an Informationen fehlt. Alan sieht zu mir herüber und zeigt mit einem Finger auf mich.


»Lara hat ihr Hase geschenkt.«


»Aha, tja dann«, flüstert sie und sieht mich an, als sähe sie mich zum ersten Mal. »Du bist die blöde Kuh, die …?«


»Ich will Hase zurückhaben!«, fährt er mich an und kommt auf mich zu. Röte steigt in sein Gesicht. Seine Schwester guckt verwirrt zu ihm, weil sie ihren Satz nicht beendet hatte und er wütend auf mich losgeht.


»Er wurde mir geschenkt«, antworte ich entschlossen. »Und wenn Lara ihn zurückhaben will, dann bekommt sie ihn zurück. Aber nur, wenn sie es möchte und ohne, dass du sie dazu zwingst.«


Ich führe provokativ meine Tasse zum Mund, um gemächlich einen Schluck des warmen Tees zu trinken, und sehe ihn über den Rand an. Er soll ja nicht denken, dass ich klein beigebe, nur weil er mein Vorgesetzter ist. Lea beobachtet uns fassungslos und versteht praktisch nur Bahnhof, was mit uns los ist.


»Das werde ich nicht und weißt du warum? Du wirst ihn zurückgeben!«, zischt er wütend und bedrohlich. Ich bemerke, wie sein ästhetisch geformtes Gesicht sich weiter verfärbt. Jetzt kann ich nicht anders, als ihn an seinen Hörnern packen und mich auf seinen Rücken schwingen. So lange es geht, will ich mich oben halten.


»Nur, wenn sie danach verlangt«, entgegne ich in aller Seelenruhe. »Ich schätze, sie hatte einen Grund, ihn mir zu schenken. Den möchte ich respektieren und du solltest das ebenfalls, auch, wenn ich in deinen Augen mit einmal eine blöde Kuh bin.«


Peng!


Lea saugt scharf die Luft zwischen ihren Lippen ein, als ob sie etwas sagen oder mich warnen möchte. Doch bevor sie ihre Warnung halbwegs äußern kann, schreit Alan mich an: »Das bist du! Du bist hier zum Arbeiten, nicht zum Tee schlürfen, Miss Großstadttussi!«


Ich salutiere sofort und schreie scheinbar folgsam: »General Oberfeldarsch. Melde mich gehorsam zum Dienst! Hase hat sich heute krankgemeldet und lässt sich untertänigst entschuldigen.«


Lea wiehert vor Lachen los, hält sich ihren Bauch und schlägt sich vergnügt auf die Schenkel. Alan dreht sich erbost zu ihr um, damit sie augenblicklich schweigt.


»Was?«, fragt sie ihn unschuldig tuend und mit ihrer Hand vor dem Mund hell lachend. »Ich mag sie.«


Dann sieht sie mich an und ich grinse, während mein Arm zackig wieder nach unten fährt. Sie hat wenigstens Humor. Von Alan bin ich nicht entlassen. Mit feuerrotem Gesicht wendet er sich zu mir.


»So, Bürohäschen, dann zeige ich dir jetzt deine Arbeit hier in unserem Kaff. Wenn du heute Abend immer noch so vorwitzig grinst, während dein Körper vor Muskelkater sterben will, dann kann ich dir ja gerne mal zeigen, in welchen Arsch du dann zu treten in der Lage bist.«


»Extrem gerne«, sage ich, sehe langsam an ihm hinunter und beuge mich leicht vor, um seine vier Buchstaben in Augenschein zu nehmen. Alan versperrt mir jedoch die Sicht.


»Mitkommen!«, befiehlt er.


Ich sehe zu Lea, die immer noch grinst und sich ihre Hand vor dem Mund hält. Ihr Lachen kann sie kaum unterdrücken. Sie nickt mir aufmunternd zu, während ich mich in Bewegung setze und mit Alan das Büro verlasse.


»Alan!«, ruft Lea ihn zurück. Wedelnd hält sie ihm meinen Vertrag entgegen. »Der Arbeitsvertrag. Du solltest unterschreiben. Ich habe schon.«


Alan sieht von Lea zu mir. Er zögert und sieht abfällig an mir herunter.


»Du führst nie wieder ein Einstellungsgespräch ohne mich, wenn die hier es nicht packt. Ich habe echt keine Lust auf so ein Experiment«, presst er zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen hervor, während er ihr die Papiere aus der Hand reißt.


»Du solltest mir mehr vertrauen, Bruderherz!«, sagt Lea schnell und kühl. Sie schielt zu mir.


Alan setzt gehetzt seine Unterschrift unter beide Exemplare und schmeißt den Kugelschreiber samt Verträgen auf den Tisch. Danach rempelt er mich an, schiebt sich an mir wie an einem lästigen Insekt vorbei und reißt die Tür auf. Eilig stürmt er in den Innenhof.


»General Oberfeldarsch?«, fragt mich Lea und schüttelt ihren Kopf. »Wenn du genauso arbeitest, wie du redest und beobachtest, dann gelingt das Experiment. Hundertprozentig. Los, geh ihm nach! Schnell!«


Ich hebe meine Hand zum Gruß und verlasse das Büro. Alan, der vor der Sitzbank steht, spurtet mit mir im Schlepptau über den Innenhof. Er öffnet die Tür der Scheune mit einem Schlüssel und geht hinein. Gleich links ist ein abgetrennter Raum, in dem Gartengeräte lagern. Mehr Zeit, mich umzusehen, bleibt mir nicht und er ist scheinbar auch nicht in der Gemütsverfassung, mir alles zu zeigen.


»Hacke!«, fordert er mich gereizt auf und nimmt sich selbst eine aus dem Regal. Aus einem Korb holt er sich Handschuhe und steckt sie sich in die hintere Hosentasche. Ein weiteres Paar wirft er mir zu, ohne hinzusehen, ob ich sie fange. Von einer Halterung nimmt er sich zwei Eimer, nickt in Richtung Schubkarre und bellt: »Schubkarren!«


Danach prescht er aus dem Hintereingang der Scheune, wo sich ein Feld erstreckt. Links stehen die zwei riesigen, gewerblichen Gewächshäuser. Die sah ich aus der Vogelperspektive und meine Augen weiten sich staunend, denn sie erscheinen mir sehr lang. Alan weist nach rechts, während er auf das Feld stiefelt und sagt: »Gewächshäuser.«


Ich folge ihm auf das Feld vor uns und bin fest entschlossen meinen ersten Arbeitstag, trotz des Generaltons zu überstehen. Er geht zackig zu einer der unzähligen Reihen auf dem Feld, in denen abgeschnittene Stauden gepflanzt wurden. Dort eingetroffen fordert er mich auf: »Hacken!«


Er selbst beginnt energisch den Boden in einer Reihe zu bearbeiten.


»Hacken!«, äffe ich ihn leise nach, weil er mir mit seinem Befehlston und der schroffen Sightseeingtour auf die Nerven geht. Ich spüre etwas an meinem Bein. Er warf Unkraut, das nun an meiner Hose klebt.


»Klappe!«, brummt er erbost und ich stütze mich auf meinem Hackenstiel ab.


»Was Klappe? Klappe die dritte oder Klappe halten?«


»Klappe halten. Ich will kein Wort von dir hören, bis die Mittagsglocke läutet«, mault er schroff und baut sich vor mir auf. Ich muss leicht meinen Kopf heben, damit ich ihn in seine Augen sehen kann, die mich erzürnt anfunkeln. Wie schon am Telefon kann ich nicht zurückrudern, sondern stichele weiter.


»Du kannst in deine Reihe zurückgehen und mich von dort mit Unkraut bewerfen. Wollte nur mal horchen, ob du auch ganze Sätze reden kannst. Entspann dich, alldieweil! Du bist ja vollkommen … steif.« Ich stehe vor ihm, lockere meine Arme und Beine. »Erst mal warm werden und Lockerungsübungen machen.«


»Ich zeig dir gleich ein paar Lockerungsübungen, wenn du weiter so blöde quatschst«, fährt er mir, mit erhobener Stimme, in meinen Satz.


»Vor kurzer Zeit hätte ich dazu gerne ja gesagt, aber jetzt steht vermutlich auf irgendeine Weise unser Telefonat zwischen uns«, provoziere ich weiter und beuge mich zu den verwelkten Stauden, an denen nur die abgestorbenen Blätter zu sehen sind.


Ich weiß sehr genau, dass ich meinen ersten Tag vorlaut angehe, aber so oder so kommt es unkontrolliert aus mir raus. Normalerweise bin ich überhaupt nicht frech. Wie viel normalerweise noch heute Morgen, denke ich.


»Nicht nur das Telefonat«, entgegnet er schroff, geht in seine Reihe und beugt sich ebenfalls zu den Stauden. »Sei schlicht und einfach bis zur Mittagsglocke still und mach deine Arbeit!«


Ich versuche, mir auf meine Zunge zu beißen, und bin wie gewünscht still.



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