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Belletristik
Buch Leseprobe You & me for (n)ever, Josie Charles
Josie Charles

You & me for (n)ever


Gefangene Herzen

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Prolog

Heute



Casey


Ich bestelle einen Whiskey ohne Eis. Der wird mir helfen, den Kopf freizukriegen, denn das hier ist der wichtigste Abend seit langem.


Endlich geht es los. Anstatt sie, wie die letzten Wochen über, nur aus der Ferne zu beobachten, werde ich Scarlett begegnen. Und das wird der Anfang von ihrem Ende sein.


Nicht vom Ende ihres Lebens, das nicht – auch wenn ich zugeben muss, dass ich zeitweise darüber nachgedacht habe, sie und ihre Familie für das, was sie getan haben, mit Blut bezahlen zu lassen.


Aber ihre Zeit als die angesehene Tochter eines der perfektesten Paare von Long Island wird schon bald vorbei sein. Ich will sie am Boden sehen. Und dabei habe ich sie mal geliebt. Schon komisch, wie die Dinge manchmal laufen.


Ich erinnere mich noch genau an unsere erste Begegnung. Es war ein warmer Morgen drüben in Montauk. Ich war mit meinem Motorrad unterwegs, auf der Jagd nach einem Kerl, der meinen Eltern Geld schuldete. Ich erwischte ihn am Hafen und war kurz davor, die hundert Dollar aus ihm herauszuprügeln. Doch dann sah ich sie.


Sie saß auf den Stufen am Hafengelände und das braune Haar fiel ihr über die Schultern, zu lang und wild für ein Southampton-Mädchen. In ihren hellen Augen lag ein abenteuerlustiger Ausdruck. Im ersten Moment dachte ich, sie wäre eine von uns. Dann erfuhr ich, dass sie mit ihren Eltern da war, die am Hafen Fisch für eine Party in ihrer Villa kaufen wollten. Aber da hatte ich mich schon in sie verliebt.


Tja, und jetzt empfinde ich das Gegenteil von Liebe für sie. Das hat sie sich ganz allein zuzuschreiben. Und wenn sie auch nur einen Funken Verstand hat, dann rechnet sie bereits mit mir.


Ich nehme mein Glas entgegen und trinke einen großen Schluck, der in meiner Kehle brennt wie Feuer. Dann sehe ich mich nach ihr um. Ich bin bereit.


***


 


Kapitel 1

Old Bethpage, Long Island


16. September 2017


Heute


Scarlett


»Wer hat den Größten, wer hat den Schönsten? Zeigt her eure Prachtstücke!«, dringt es von einem festlich geschmückten Holzstand an mein Ohr, aber bevor ich mich genauer umsehen kann, haben mich auch schon die Mädels umringt.


Natürlich. Das ist ihr Stichwort.


»Na, meiner bestimmt nicht. Seiner ist krumm wie eine Gurke«, kichert Annie und stößt mir in die Rippen. »Wie sieht es mit Damiens aus?«


»Wer will das wissen?«, stöhnt Danielle. Sie ist Damiens Schwester und offenbar alles andere als scharf drauf, etwas über das Prachtstück ihres Bruders zu hören.


»Wir alle«, lacht Leila und reißt eine offene Flasche Champagner in die Höhe, wobei wir anderen mit Tropfen besprenkelt werden. »Auf Damiens bestes Stück!«


Meine Freundinnen stimmen johlend mit ein und heben rosafarbene Plastikbecher, die sie an Bändern um den Hals tragen, hoch. Eigentlich darf man Alkohol nur an den Ständen trinken, die welchen verkaufen, aber das nimmt hier auf dem Long-Island-Jahrmarkt zu meinem Unglück niemand so genau.


Ich wische mir den Champagner mit dem pinken Schleier, den mir Annie ins Haar gesteckt hat, aus dem Gesicht. »Ihr wisst aber schon, dass der Kerl da drüben über Kürbisse redet? Auf der Long Island Fair wird jedes Jahr der größte und schönste Kürbis von den Besuchern gewä-«


»Ja, ja, ja, langweilig.« Leila gähnt demonstrativ, dann setzt sie die Champagnerflasche an und nimmt einen großen Schluck. Erst danach füllt sie die Becher der anderen auf.


Ich frage mich, die wievielte Flasche sie da gerade leeren. Ich hatte erst einen Cocktail und einen Sekt und fühle mich schon so betrunken, als hätte man mir eine Wodka-Infusion gelegt. Die anderen trinken deutlich mehr, was sich auch in ihrer zunehmend ausgelassener werdenden Stimmung niederschlägt. Auch wenn ich versuche, mich von ihnen anstecken zu lassen, gelingt es mir nicht so richtig. Ich bin kein großer Fan von Bachelorette-Partys, von pinken Tüllkleidern, Krönchen und kitschigen Schleiern. Warum muss der Abschied vom Junggesellendasein unbedingt auf diese Art gefeiert werden?


Doch ich werde das sicher nicht laut sagen, denn meine vier Mädels haben sich so viel Mühe gegeben und ich möchte ihnen den Spaß nicht verderben. Auch wenn ich eigentlich jetzt gerade viel lieber zu Hause bei Damien wäre. Er hat auf eine Party mit seinen Freunden verzichtet. Stattdessen haben er und Chad Dafoe, Damiens Arbeitskollege und guter Freund, letztes Wochenende einen Segeltörn gemacht. Ganz ohne Alkohol, Stripperinnen und das ganze Zeug. Ich fand es superromantisch, dass er über all diesem Unsinn steht, aber Leila hat ihn als Langweiler bezeichnet und dann erst recht darauf bestanden, richtig einen drauf zu machen.


Und nun sind wir hier und reden über das beste Stück meines Verlobten.


»Süße, eins sag ich dir! Wenn meine Hochzeitsnacht in nicht mal zwei Wochen stattfinden würde, hätte ich bei den Worten Größter und Schönster was anderes im Kopf als Kürbisse!« Leila klopft mir auf die Schulter und die Mädels lachen. Dann entdecken sie einen Tortenstand und laufen gesammelt darauf zu, während ich zurückbleibe.


Nicht einmal zwei Wochen.


Keine Ahnung weshalb, aber durch Leilas Worte wird mir auf einmal mulmig zumute. Dabei freue ich mich doch auf die Hochzeit. Auf den neuen Lebensabschnitt, der damit beginnt. Oder?


»Es ist ganz normal, dass man kalte Füße kriegt«, murmle ich und ein kleines Mädchen, das an der Hand seiner Mutter an mir vorbeigezogen wird, blickt verstört auf meine Sandalen.


Ich lächle das Kind kurz an, dann beschließe ich abseits zu warten, bis die Mädels den Stand mit dem Kuchen geplündert haben. Ich lege die Schärpe ab, die ebenfalls pink und mittlerweile feucht ist und nach Champagner riecht. Dann zerre ich mir auch den Schleier aus dem Haar und fühle mich gleich etwas besser. Es ist einfach nicht mein Ding, herumzurennen und allen zu demonstrieren, dass ich bald heiraten werde. Und erst recht sind diese dämlichen Spiele alles andere als nach meinem Geschmack. Vorhin musste ich schon stinkige Socken sortieren, die Leila irgendwelchen wildfremden Jahrmarktbesuchern abgenommen hat – schließlich müsste ich mich in Zukunft ja auch mit Damiens Schwitzesocken rumärgern – und einen Passanten finden, der ebenfalls Damien heißt, um ihm eine Nackenmassage zu verpassen. Ich möchte nicht wissen, was die anderen –


Ehe ich den Gedanken zu Ende gedacht habe, spüre ich, wie sich eine Gänsehaut auf meinen Armen bildet. Auf einmal fühle ich mich irgendwie komisch. Als würde ich beobachtet. Schnell sehe ich mich um, aber keiner der Passanten nimmt Notiz von mir. Doch das Gefühl ist da, ganz eindeutig. Es ist, als würde jemand direkt vor mir stehen und mich anstarren. Jemand mit eiskaltem Blick.


Aber da ist niemand.


Gott, Scarlett! Was wird das denn jetzt? Eine vorhochzeitliche Panikattacke? Ich schüttle den Kopf über mich selbst, sehe mich noch mal um und starre auf einmal direkt in Summers Gesicht.


»Kaloriiiien«, flötet sie neben mir und hält mir einen Cupcake unter diese Nase, dessen Topping weiß wie Schnee und mit einer dicken Kirsche verziert ist.


»Die kann ich gebrauchen«, sage ich und beiße hinein. »Sorg dafür, dass die anderen auch was essen, sie müssen wieder ein bisschen nüchterner werden.«


»Wer muss hier nüchterner werden?«, fragt Leila und zwängt sich durch eine Gruppe von Jungs zu uns. »Ich habe hier einen Baileys-Cupcake. Solltet ihr zwei Spaßbremsen auch mal probieren.« Sie mustert uns tadelnd, dann verengen sich ihre Augen auf einmal zu Schlitzen und sie sieht mich an, als hätte ich gerade angekündigt, einen Weltkrieg starten zu wollen. »Sag mal!«


Ich ziehe perplex die Augenbrauen hoch. »Äh.« Mehr bringe ich nicht hervor. Dann beiße ich wieder in den Cupcake, um nicht noch mehr sagen zu müssen.


»Och Mensch, Scarlett, weißt du, wie lange ich für diese Frisur gebraucht habe?«, jammert jetzt auch Annie und endlich verstehe ich.


Ich blicke zu dem Schleier und der Schärpe, die ich über einen Zaun gehängt habe, der den Tortenstand von einem Steakgrill trennt, und krame im Kopf nach einer Ausrede. »Hey, ich zieh das beides gleich wieder an, ich habe es nur abgelegt, weil …«


Ich sehe mich auf der Suche nach einem guten Grund um. Meine Augen wandern über die Heuballen, die überall herumliegen und als Sitzgelegenheiten dienen, über die kleine Bühne, auf der irgendein einsamer Künstler Country-Songs performt, und bleiben schließlich an einem mit Lämpchen verzierten Zelt am Rande des Festplatzes hängen. Es ist lila und hat über dem Eingang ein Messingschild, auf dem FORTUNE steht. Eine Wahrsagerin!


»Ich wollte mir gleich noch die Zukunft voraussagen lassen«, erkläre ich und deute hinüber zu dem Zelt. »Da ist es doch bescheuert, wenn die Wahrsagerin sofort sieht, dass ich bald heiraten werde.«


Leila scheint nicht überzeugt, aber die anderen dafür umso mehr.


»Das ist eine gute Idee«, stimmt mir Danielle zu. »Vielleicht erfahre ich dann, wann ich endlich Tante werde!«


Summer und Annie haken mich unter und steuern mit mir auf das Zelt zu.


»Platz da, hier kommt die Braut«, ruft Annie dabei immer wieder und die meisten Besucher gehen uns tatsächlich aus dem Weg.


Ich stopfe mir den Rest des Cupcakes in den Mund und bin froh, dass ich mich so von dem Geglotze der Leute ablenken kann. Auch wenn ich eigentlich nichts von Schicksal, Vorhersagen und Visionen halte, bin ich gespannt, was mir diese Wahrsagerin zu erzählen hat.


***


 


Madame Destiny, ihr Fortune-Zelt und die gesamte Einrichtung sind ein wandelndes Klischee. Als ich den schwarzen Samtvorhang beiseiteschiebe, dringt mir der Geruch von Räucherstäbchen entgegen. Überall flackern LED-Kerzen und in der Mitte des Zelts sitzt Madame Destiny auf dem Boden vor einer Glaskugel, die von innen heraus leuchtet. Sie hat sich ein mit Pailletten besticktes Tuch um den Kopf gelegt und trägt große, goldene Kreolen. Ihr Blick ist abwesend an die Decke gerichtet und ich erwarte geradezu, dass sie leise, meditative Summgeräusche von sich gibt. Doch als ich nähertrete, ist nichts dergleichen zu hören.


»Hallo«, sagt sie stattdessen, sieht mich an und deutet auf den Platz jenseits der Glaskugel. »Setz dich bitte.« Ihre Stimme klingt sanft und melodisch.


Ich sehe mich noch einmal um, dann setze ich mich im Schneidersitz vor sie. »Hi.«


»Wie heißt du?« Madame Destiny sieht mich weiter an, aber auf eine Art, die nicht aufdringlich und penetrant ist.


»Sollten Sie mir das nicht sagen können?«, frage ich, was natürlich nicht ganz ernst gemeint ist.


»Dann müsste ich raten, aber dafür bist du nicht hier. Also, Liebes, wie heißt du?«


»Scarlett.«


»Mein Name ist Gabriella«, sagt sie und ich bin verwundert, dass sie sich nicht mit ihrem albernen Künstlernamen vorstellt. »Gibt es etwas Bestimmtes, das du gerne wissen würdest?«


»Eigentlich …« Ich zucke mit den Schultern. »Können Sie mir einfach etwas über meine Zukunft sagen? Meine nahe Zukunft?«


Gabriella lächelt unbestimmt, dann schließt sie die Augen.


Ich runzle die Stirn, denn ich hätte erwartet, dass sie jetzt anfängt, in ihre Zauberkugel zu starren und kryptische Worte vor sich hinmurmelt. Oder dass sie meine Hand greift und die Linien darin nachfährt. Doch sie schweigt einfach nur und hält die Augen geschlossen. Und das eine ganze Weile.


Was soll’s? Dann nutze ich eben den Moment, um mich noch ein bisschen umzusehen. Ich stehe auf und mache ein paar Schritte durch den Raum. Gleich neben dem Eingang entdecke ich eine kleine Galerie. Ungefähr ein dutzend Bilder hängen dort in verzierten Rahmen, die Madame Destiny mit irgendwelchen Provinz-Prominenten zeigen. In der hinteren Ecke befindet sich ein geschnitzter Tisch, auf dem ein altmodischer Spiegel steht. Ansonsten ist das Zelt bis auf die zahlreichen Kerzenständer und Teelichthalter leer.


Von draußen sind die gedämpften Stimmen der Jahrmarkbesucher zu hören und das Geplapper meiner Mädels. Ich wende mich wieder Gabriella zu, setze mich in den Schneidersitz und warte. Sie atmet ganz ruhig. Als ich gerade fürchte, dass sie eingeschlafen ist, öffnet sie die Lider und blickt mich an. Wieder erscheint dieses unbestimmte Lächeln auf ihren Lippen.


»Was haben Sie gesehen?«, frage ich und komme mir in dem Moment kein bisschen albern vor, denn irgendwie beeindruckt es mich, dass sie es nicht nötig hat, einen riesen Zirkus um ihre Vorhersage zu machen.


»Eine turbulente Zukunft liegt vor dir. Du wirst eine Entscheidung treffen müssen, die dein Leben verändert.«


Mit einem Mal komme ich mir blöd vor. Was habe ich denn erwartet? Dass sie weniger unkonkret ist als das Tageshoroskop einer Klatschzeitung? Natürlich reden Wahrsagerinnen irgendwelches Zeug, das praktisch auf jeden zutrifft. Aber ich werde ganz sicher nicht so blöd sein und mich in irgendeiner Form danach richten.


»Ah ja, alles klar, danke. Wie viel macht das?« Ich will mich erheben, aber Gabriella hält mich am Arm fest.


»Das ist keine Floskel, Scarlett. Es geht um eine wirklich wichtige Entscheidung.« Sie macht eine kurze Pause und ihre Stimme wird weicher. »Denn du wirst heute Abend die Liebe deines Lebens treffen.«


Ich grinse. Ja. Hoffentlich, aber ich fürchte eher, dass ich Damien erst in den frühen Morgenstunden wiedersehen werde. »Oh ja, bestimmt.«


Gabrielle bleibt ernst und schüttelt den Kopf. »Ich meine nicht deinen Verlobten, Scarlett.«


Mir gefriert das Grinsen spürbar auf dem Gesicht. »Wie bitte?«


»Ich meine damit nicht deinen Verlobten«, wiederholt Gabriella und sieht mir tief in die Augen. »Wenn du ehrlich zu dir selbst bist, dann weißt du auch, dass er es nicht ist.«


Ich merke, wie sich eine Gänsehaut auf meinem Körper ausbreitet. Was redet sie denn da? Ich habe nie jemanden so geliebt wie Damien.


Außer …


Ich verbiete mir jeden Gedanken an ihn. Ja, ich habe ihn mal geliebt. Jetzt liebe ich Damien und ihn hasse ich. So einfach ist das.


Außerdem drängt sich mir plötzlich die Frage auf, woher sie überhaupt von Damien weiß.


»Dann habe ich ja heute noch einiges vor, was?« Ich versuche locker zu klingen, aber irgendwie ist meine Stimme heiser.


»Halte die Augen auf und triff deine Entscheidung, wenn es so weit ist. Triff die richtige. Es geht hier um deine Zukunft und dein Glück. Vergiss das nicht«


»Alles klar. Ich gebe mein Bestes und …« Immer noch bin ich völlig perplex. Wie kann sie wissen, dass ich verlobt bin? Ich habe den ganzen Kram, der mich als zukünftige Braut kennzeichnet, draußen gelassen. Vielleicht erlauben sich die anderen hier einen fiesen Streich mit mir. Andererseits war es meine Idee, herzukommen. Aber Leila, Summer, Annie und Danielle haben sich nur zu schnell davon überzeugen lassen.


»Mach’s gut, Scarlett.«


Ich sehe Madame Destiny an, dann verstehe ich und stehe auf. Das war eindeutig ein Rauswurf. Ich suche nach dem Geldschein, den ich zuvor eingesteckt habe, aber die Wahrsagerin schüttelt den Kopf.


»Ist schon gut. Ich glaube, ich habe dir mehr Probleme bereitet, als dass ich dir geholfen habe. Bis bald.«


»Dankeschön«, murmle ich und schleiche in Richtung Ausgang. Diese ganze Nummer war ziemlich seltsam.


Ich passiere den Vorhang und merke erst jetzt, wie warm es im Innern des Zeltes war. Obwohl wir heute fast dreißig Grad hatten und es auch gegen Abend nicht deutlich abgekühlt ist, fröstle ich an der frischen Luft. Vielleicht liegt der Schauer, der mir über den Rücken läuft, aber auch an etwas anderem. An den Worten von Gabriella zum Beispiel. Woher wusste sie von meiner Verlobung? Woher …?


»Na, wie war es?«, fragt mich Leila und drückt mir einen bunten Cocktail in die Hand. »Nachschub!«


Ich nehme das Glas und mein Blick fällt auf meine Finger. Und auf den daran steckenden Verlobungsring. Beinahe hätte ich hysterisch aufgelacht. Ich dumme Kuh! Für einen Moment habe ich mich doch tatsächlich von Madame Destiny und ihrer Show beeindrucken lassen.


»Oh Mann«, murmle ich und trinke einen großen Schluck. Dabei macht sich Erleichterung in mir breit.


Wie ich schon immer gewusst habe: Es gibt keine hellseherischen Fähigkeiten, kein Schicksal und erst recht keine Frauen, die auf Jahrmärkten die Liebe deines Lebens kommen sehen.


***


 


»Und da steigst du jetzt rein.«


Ich stehe, nur mit Spitzenunterwäsche bekleidet, hinter einem Bettlaken, das Annie und Danielle vor mich halten, während um mich herum hunderte von Leuten über den Jahrmarkt strömen. Hin und wieder versucht einer einen Blick hinter das Laken zu werfen, wird dann aber von Leila mit wüsten Beschimpfungen vertrieben.


»Bespann jemand anderen, du Kinderriegel auf zwei Beinen!«, ruft sie gerade einem jungen Typen mit Milchgesicht hinterher.


Ich muss lachen. Langsam zeigt der Alkohol Wirkung und ich bin gespannt auf meine nächste Aufgabe. Summer hat auf den Boden einen Papieroverall gelegt, auf den lauter Herzchen gemalt sind. Eins sitzt auf meiner linken Brust, eins direkt auf meiner rechten Pobacke und eins auf meinem Bauch knapp über meinem Schritt. Der wenige Rest ist an unverfänglichen Stellen platziert worden.


»Rein mit dir«, fordert sie mich wieder auf und ich beeile mich, das knisternde Kleidungsstück anzuziehen. Es sitzt weit und ist relativ durchsichtig. Zum Glück ist es bereits dunkel, sodass ich dennoch halbwegs vor Blicken geschützt bin.


»Los geht’s!« Danielle und Annie lassen das Laken fallen und direkt sehen einige Passanten zu uns.


Sicher gebe ich einen lustigen Anblick ab, in meinem weißen Maleranzug und mit pinkem Schleier. Aber das ist mir mittlerweile so was von egal.


»Auf geht’s!«, stimme ich zu und hake mich bei Summer und Annie unter.


Leila geht vor und bahnt uns einen Weg durch die Leute. Unter einem Laternenpfahl bleibt sie stehen. »Hier ist es perfekt! Denn es geht jetzt um Maßarbeit, und dafür brauchen wir etwas Licht!«


»Maßarbeit?«, frage ich und höre selbst, dass ich ganz schön lalle.


Doch anstatt mir eine Antwort zu geben, verschwindet Leila in der Menschenmenge um kurz darauf mit drei Typen im Schlepptau zurückzukehren. »Ich habe auch gleich die ersten Fans gefunden, die dir gerne die Kleider vom Leib schneiden wollen!«


»Kleider vom Leib?« Ich kapiere immer noch nichts und mustere die drei Typen erstmal. Zwei könnten Brüder sein. Sie haben dunkelblondes Haar und tragen den gleichen Kapuzenpulli. Der dritte im Bunde trägt eine Glatze und grinst so dümmlich, dass ich mich frage, ob er überhaupt eine Ahnung hat, was Leila von ihm will. Dann fällt mir auf, dass auch ich keine Ahnung habe und ich wiederhole meine Frage.


»Klar!« Leila präsentiert mir eine Schere. »Sie dürfen sich jetzt jeder ein Herzchen ausschneiden.«


»Aus mir?« Ich blicke an mir herunter.


»Natürlich nicht aus dir, sondern aus deinem Anzug. Na, Jungs, wer will anfangen?«


Einer von den beiden Brüdern schnappt sich die Schere und geht damit fachmännisch um mich herum. Er betrachtet mich von allen Seiten, dann deutet er auf das Herz, das sich an meinem Unterleib befindet. »Das da.«


»Uuh, da will es aber jemand ganz genau wissen!« Leila scheint begeistert und die Jungs strahlen, nur ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll.


»Dann leg mal los«, sage ich.


Das lässt sich der Typ nicht zweimal sagen. Sein Grinsen wird noch breiter, als er mit der Schere in das Papier schneidet.


Nun versammeln sich auch wieder meine anderen Freundinnen um uns und Annie filmt das Ganze mit ihrem Handy.


»Wenn ihr das auf YouTube stellt …«, drohe ich.


»Wir sind ja nicht lebensmüde.« Danielle hält mir eine Whiskeyflasche an die Lippen und ich trinke notgedrungen.


Ich sehe herunter zu dem Typen, dessen Freunde jetzt ebenfalls ihre Handys gezückt haben. Er hat es schon fast geschafft. Mein Bauchnabel und der Saum meines schwarzen Spitzenslips sind zu sehen.


»Yes!« ruft er, als er fertig ist, und hält das Papierherz in die Höhe.


»Das darfst du jetzt behalten und dir einrahmen.« Leila schiebt ihn an den Schultern beiseite. »Jetzt du«, fordert sie den anderen vermeintlichen Bruder auf, der sogleich auf das Herz an meinem Arm deutet.


»Wie langweilig«, stöhnt Leila, gibt ihm dann aber die Schere.


So geht es immer weiter, bis nur noch das Herzchen an meiner Brust übrig ist. Ich habe mittlerweile so viel Schnaps intus, dass ich mit der Stirn an der Laterne lehne und warte, bis Leila einen letzten Kandidaten für die Aufgabe gefunden hat. Mittlerweile ist es leerer geworden. Die Kinder und Familien sind längst zu Hause und auch die familienfreundlichen Stände haben bereits geschlossen. Von einigen Bierständen und von den Bühnen ist jetzt Partymusik zu hören und immer wieder passieren uns Gruppen von singenden Feierwütigen.


Ich nehme all das wie durch Watte wahr. In meinen Ohren dröhnt es und in meinem Kopf dreht sich alles. Seit einer guten Stunde habe ich keinen klaren Satz mehr rausgekriegt und mein Magen brennt von dem ganzen Alkohol, den ich durcheinander eingeflößt bekommen habe. Am liebsten will ich nach Hause, aber Leila hat noch zwei weitere Aufgaben angekündigt. Ich hoffe, dass sie nichts mit Schnaps zu tun haben.


»Da haben wir deinen letzten Kandidaten«, ruft Leila.


Ich hebe den Kopf und habe Probleme, mich umzudrehen. Als ich es schließlich geschafft habe, glaube ich, meinen Augen nicht trauen zu können.


Und nicht nur meinen Augen, sondern auch meinem Verstand, der plötzlich vollkommen verrückt zu spielen scheint. Mein Herz rast und meine Hände beginnen zu zittern.


Lauf, sagt eine Stimme in meinem Inneren, hau ab, so schnell du kannst!


Doch ich rühre mich nicht von der Stelle, stattdessen starre ich den letzten Kandidaten, wie Leila ihn genannt hat, nur weiter an und bin unfähig, etwas zu sagen geschweige denn zu tun.


»Oh Mann, unsere Scarlett ist hackedicht!«, freut sich Leila.


Ja, das muss es sein. Daran muss es liegen. Ich bin total betrunken und bilde mir etwas ein.


Aber warum bin ich mir dann so sicher, dass dort vor mir Casey Navarro steht?


»Wenn das so ist, hoffe ich, dass die Hochzeit nicht schon morgen stattfindet«, sagt auf einmal der Kerl, den Leila für mein letztes Herzchen ausgesucht hat, und kaum höre ich seine Stimme, bin ich mir auf einmal nicht mehr so sicher. Sie klingt viel tiefer, als ich sie in Erinnerung habe. Rauer. Aber Gott, er ist auch älter als damals.


»Nein, nein, erst am übernächsten Dienstag. Wir haben noch genug Zeit, die Braut auszunüchtern!« Leila zwinkert mir zu, dann hält sie dem Typen die Schere hin und ich bin für einen Moment versucht, etwas zu rufen wie »Nicht!«


Aber dann rufe ich stattdessen mich selbst zur Vernunft, blinzle, um meinen Blick halbwegs klar zu bekommen, und zwinge mich dann, mir den Kerl genauer anzusehen.


Es waren seine Augen, die mich im ersten Moment so erschreckt haben – weil ich mir sicher gewesen bin, dass ich diese Augen kenne. Dass es seine sind.


Aber sie sind grün und nicht blau.


Und wenn ich mir den Rest von ihm so ansehe, stelle ich noch weitere Unstimmigkeiten fest.


Er kommt mir größer vor als damals und ich sehe, dass sich seine Muskeln deutlich unter seinem dunklen Shirt abzeichnen. Auch die Lederjacke, die er darüber trägt, sitzt an den Armen ziemlich eng und ich brauche einen Moment, ehe ich meinen Blick davon lösen kann. Casey war früher schon gut gebaut, aber so gut?


Ich betrachte das Gesicht des Mannes, doch der Alkohol sorgt dafür, dass sich mein Blick nicht sofort scharf stellt. Er trägt einen Dreitagebart, das allein lässt ihn schon ganz anders wirken als früher.


Doch trotzdem glaube ich die Züge darunter zu erkennen.


»Also.« Der Kerl mit der Schere erwidert meinen Blick ganz gelassen. »Was soll ich tun?«


»Nichts weiter«, sagt Leila leichthin, »schneid ihr einfach nur das Herz raus.«


»Klingt verlockend«, sagt der Auserwählte, und dann hebt er auch schon die Hand mit der Schere.


Im selben Moment mache ich ganz automatisch einen Schritt zurück, sodass ich den kühlen Laternenpfahl in meinem Rücken spüre. »Nein!«, rufe ich, doch als ich Leilas zweifelnden Blick bemerke, habe ich schlagartig das Gefühl, mich total albern aufzuführen. »Ich denke, ich behalte dieses Herz lieber … als Souvenir.«


»Blödsinn, Charlie!«, lacht Leila und ich bin versucht, sie anzufahren, dass sie mich nicht mit diesem Spitznamen ansprechen soll. Vielleicht habe ich Glück und er hat mich noch nicht erkannt.


Aber andererseits kennt Casey Navarro meinen richtigen Vornamen. Er weiß, wie ich aussehe, er weiß, wie ich rede, er weiß, wie ich bin, wenn ich getrunken habe.


Er weiß alles über mich, und als er mir tief in die Augen sieht, während ich mich gegen den Laternenpfahl drücke und irgendeinen Unsinn rede, frage ich mich, wie ich auch nur eine Sekunde lang daran habe zweifeln können, dass er es ist. Ich erkenne ihn, verdammt noch mal. Ich würde ihn aus Hunderten von Männern erkennen.


Und plötzlich fluten Bilder mein Gehirn. Bilder von einer verschwommenen Gestalt, die meinen Kopf anhebt und mir Wasser einflößt, die kein Wort spricht und deren Blick ich so deutlich auf mir spüre wie grabschende Hände. Ich weiß, dass er mich töten könnte, dass er mir einfach den Hals umdrehen könnte. Oder Schlimmeres. Dabei dachte ich, dass er mich liebt.


Und jetzt steht er vor mir.


»Ich weiß nicht«, sagt er mit einem amüsierten Blick in Richtung Leila und reißt mich aus meinen Gedanken. »Sie scheint ziemlich an diesem Stück Papier zu hängen. Vielleicht sollten ihre Freundinnen an einem Abend wie diesem etwas gnädiger zu ihr sein.« Doch anstatt von mir zu weichen, tritt er noch einen Schritt näher heran.


Sein Geruch wabert zu mir herüber. Männlich. Herb. Nein, so hat er früher nicht gerochen, und auch das Tattoo, das ich unter dem Kragen seines T-Shirts hervorblitzen sehe, ist zweifellos neu. Ich spüre seine Körperwärme, sehe, wie sich seine Brust beim Atmen hebt und senkt und stehe einfach nur da, ungläubig, zweifelnd, mit einem Chaos aus Gedanken und Gefühlen in meinem alkoholvernebelten Hirn.


»Bringt es hinter euch, Leute«, sagt Leila und ich höre förmlich, wie sie grinst, und dann höre ich auch die anderen Mädels im Hintergrund johlen.


»Ich glaube, Scarlett hat unseren letzten Kandidaten ein bisschen zu liebgewonnen! Sie will ihn einfach nicht gehen lassen!«, ruft Summer. »Wie machen wir Damien klar, dass die Hochzeit geplatzt ist?«


»Wir sagen ihm einfach, Charlie ist heute Abend spontan ihrer großen Liebe begegnet!«


Gelächter, das verwaschen an meine Ohren dringt, während sich in mir alles zusammenzieht.


Du wirst noch heute Abend die Liebe deines Lebens treffen … Ich meine damit nicht deinen Verlobten.


Ich blicke auf. Zwinge mich, Casey Navarro in die Augen zu sehen – oder besser gesagt dem Mann, der zwar tut, als würde er mich nicht kennen, den ich aber sehr wohl zu kennen glaube.


Er war meine große Liebe, damals.


Aber er hat alles kaputtgemacht.


Jetzt steht er da, blickt seelenruhig auf mich herunter und seine Lippen verziehen sich zu einem leichten Lächeln, während er sagt: »Entspann dich.«


Und dann spüre ich seine Hand an meiner Brust. Er greift nach dem Papier des Anzugs, zieht es ein Stückchen von meiner Haut weg, und ich erschauere. Ich erinnere mich an so viele Gelegenheiten, an denen seine Hände mich berührt haben. Meinen Körper von oben bis unten erkundet, mich festgehalten … und dann, wie sie mich einfach überwältigt haben.


Ich halte die Luft an, doch mein Herz beginnt unkontrolliert zu rasen, während ich das Ratschen des Papiers höre, als er die Schere hindurchstößt. Dann streift das kalte Metall meine Haut, nur ganz sacht, dennoch erschauere ich sofort. Das Gefühl von Gefahr ist greifbar, so wie vorhin die Gewissheit, dass ich beobachtet werde. War er es, der mir nachgestellt hat? Hat er mich vielleicht schon den ganzen Abend im Blick gehabt und nur auf die perfekte Gelegenheit gewartet?


»Es wird gar nicht wehtun«, sagt Casey leise. Dann beginnt er zu schneiden.


Wie aus weiter Ferne höre ich den Jubel der anderen Mädels, während ich wie hypnotisiert in seine Augen starre. Er ist es. Er muss es einfach sein! Aber nichts an seinem Verhalten deutet darauf hin, dass ich Recht habe. Auch nicht, als er fertig ist, mit einem breiten Grinsen einen Schritt zurücktritt und Leila das Beweisstück zeigt.


»Na also«, kommentiert sie, »war das jetzt so schlimm, du Memme?« Sie dreht sich zu Casey um und erwidert sein Grinsen. »Du kannst ihr Herz behalten, Sportsfreund. Es gehört dir. Also, viel Spaß mit deinem Souvenir.«


»Viel Spaß noch mit eurer volltrunkenen Braut.«


Leila lacht, dann zieht sie mich mit sich zu den anderen und ich muss mich zwingen, mich nicht nach ihm umzudrehen, mir ihn nicht noch einmal ganz genau anzusehen.


»Was war denn da los?«, fragt Annie. »Weshalb hat das so lange gedauert?«


Während Leila Danielle eine angenervte Antwort gibt, sehe ich mich doch noch einmal um. Aber ich kann ihn nirgends mehr entdecken. Er steht in keinem der kleinen Grüppchen und auch an keinem der Stände in Sichtweite. Ich kann nach wie vor keinen klaren Gedanken fassen. Ich weiß nur, dass ich gerade dem Mann begegnet bin, den ich eigentlich nie wiedersehen wollte.


Aber hätte Leila ihn nicht erkennen müssen? Andererseits ist sie betrunken. Genau wie ich. Gut, wenn er es nicht war, dann war es zumindest jemand, der ihm verdammt ähnlich sieht. Jemand, der dieselben dunklen, fast schwarzen Haare hat, dieselben markanten Gesichtszüge und dasselbe umwerfende Grinsen.


»Okay, ich sage euch was«, wendet sich Annie an uns alle und reißt mich aus meinen Gedanken. »Warum sparen wir uns nicht die restlichen Spiele und gehen einfach was trinken?«


Leila wirkt nicht begeistert, aber sie willigt ein und wir suchen uns einen freien Platz an einem der langen Tische. Ich setze mich, versuche mich auf den Abend zu konzentrieren und sage mir immer wieder, dass der Kerl in der Lederjacke nicht Casey gewesen sein kann. Und nach einer Cola fühle ich mich nicht mehr so komisch – und schon gar nicht, als würde ich beobachtet.


Wer weiß, vielleicht habe ich wirklich nur Gespenster gesehen.


Aber ein komisches Gefühl bleibt.


***


 


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