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> Belletristik > Wunder brauchen Zeit
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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Wunder brauchen Zeit, Jutta Schütz/Jens Petersen
Jutta Schütz/Jens Petersen

Wunder brauchen Zeit


Liebesroman aus Gefühl, Humor und Erotik

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Kapitel 5


 


 


Ein paar Tage danach erhielt ich einen langen Brief von Uwe. Er musste ihn persönlich in meinen Briefkasten geworfen haben, denn der Umschlag war ohne Briefmarke. Ich steckte ihn, ohne zu öffnen in meine Tasche, da ich sehr in Eile war. Außerdem wollte ich seine Zeilen in Ruhe lesen. Ich fragte mich den ganzen Tag, was er mir wohl geschrieben hatte und wurde immer ungeduldiger. Gegen sechzehn Uhr verließ ich das Büro und fuhr nach Hause. Eilig schloss ich die Tür auf, warf meine Jacke achtlos aufs Sofa und begann zu lesen.


Er schrieb über seine Gefühle, die ihn nicht mehr losließen. Er beschrieb sie voller Leidenschaft, und ich konnte jedes einzelne Wort in meiner Seele spüren.


Nein, sein Geständnis erschreckte mich nicht, seine Gefühle waren nur so überraschend für mich. Sollte ich jetzt schockiert, erschüttert oder traurig sein?


Ich saß auf meinem blau melierten Teppichboden und konnte wegen meiner weichen Knie nicht aufstehen. Dieser tolle Mann hatte mir soeben ein Geständnis gemacht und er vertraute jetzt auf mein Mitgefühl.


Rot lackierte Fingernägel, die Wimpern lang und seidenschwarz getuscht, Make-up und rubinrote, glänzende Lippen. Dazu einen engen und nur bis zum Po reichenden Minirock, Nylonstrümpfe und hohe Pumps.


Uwe fand das an Frauen toll.


Aber am meisten an sich selbst. Die Frau in ihm wollte endlich zu leben anfangen!


Nein, ich war nicht traurig und auch nicht entsetzt, vielleicht nur etwas erschüttert. Und was ich sonst noch fühlte, hätte ich nicht mit Worten beschreiben können. Vielleicht war es so wie rückwärtsgehen, oder im Kopfstand zu versuchen, ein Glas Sekt zu trinken und dabei die Schwerkraft außer Acht zu lassen? Selbstverständlich wusste ich, dass es „solche Menschen" irgendwo gab, nur hatte ich nie einen von ihnen kennengelernt. Und ausgerechnet Uwe sollte solch ein Mensch sein?


Er schrieb über Gefühle, die weiblich oder männlich wären, und ich fragte mich, was Gefühle mit dem Geschlecht zu tun hatten? Und ich dachte mir, nicht männlich oder weiblich bilden den Unterschied, sondern echt und unecht.


Seine Schilderungen, diese Reise in sein Inneres, hatten mich auf eine Weise berührt wie die Tautropfen im Gras, wenn sich der Nebel langsam im Morgengrauen erhebt. Ich spürte, dass er jetzt wie ein Vergissmeinnicht für mich war, das ich ganz nah an meinem Herzen spüren wollte, aber trotzdem nicht pflücken durfte.


An den vorhergehenden Tagen hatte ich sehr viel an ihn denken müssen, und wenn ich an ihn gedacht hatte, dann war es stets ein berauschendes Gefühl gewesen. Daran änderte jetzt auch dieser Brief mit seinem Bekenntnis nichts mehr.


 


Kapitel 6


 


 


Der nächste Tag war mein dreißigster Geburtstag, und ich hatte Uwe zum Frühstück eingeladen.


Pünktlich um neun Uhr klingelte es an meiner Tür und ich öffnete mit glühenden Wangen. Natürlich war ich unsicher und wusste nicht, wie ich mich ihm gegenüber verhalten sollte. Die letzten Wochen hatte ich immer deutlicher gespürt, wie magisch mich dieser Mann anzog, dieser Mann, der jetzt lieber eine Frau werden wollte. Wie selbstverständlich nahm er mich zur Begrüßung in seinen Arm und küsste mich auf den Mund. Viele unbekannte Gefühle baten in diesem Augenblick vor meinem Herzen um Einlass und ich ließ sie einfach ohne weiteres Nachdenken hinein.


Als ich uns Kaffee einschenkte, brachten mich sein umwerfender Charme und sein unwiderstehliches Lächeln etwas aus dem Konzept, und er bemerkte das Zittern meiner Hände.


„Ich spüre deine Unsicherheit mir gegenüber", fing er zögernd an. „Du hast meinen Brief gelesen?"


„Ja, Uwe."


„Und du weißt jetzt nicht, was du sagen sollst?"


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