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Wolfsmond


Kurzgeschichten und Gedanken

von Shila Wolf

belletristik
ISBN13-Nummer:
9783837014693
Ausstattung:
Paperback
Preis:
7,50 €
Verlag:
BoD
Kontakt zum Autor oder Verlag:
Marion@shila.de
Leseprobe
Leise sang sie die letzten Worte mit: „ … y el trago de licor que obliga a
recordar si el alma esta en orsái, che, bandoneón.“
Manchmal kann Schmerz so schön sein.
Sie fühlte, wie ihre Wangen feucht wurden und schniefte mit der Nase. Hastig
kramte sie in ihrer Handtasche nach einem Papiertuch und schnäuzte sich,
„Sentimentale Kuh“, schimpfte sie mit sich selbst. Aber gegen Erinnerungen
kann man sich nicht wehren, sie kommen einfach.
Damals war sie auch diese Treppe hinunter gestiegen, allerdings sehr viel
fröhlicher und ausgelassener als heute. Und genau wie damals schob sie den
heute abgegriffenen, roten Samtvorhang beiseite und stand auch schon direkt
am Rande der kleinen Tanzfläche. Hier war es nicht ganz so dunkel wie in dem
schmalen Gang und sie konnte alles gut erkennen. Eben hatte der nächste
Tango begonnen und die Paare schoben sich an ihr vorbei. Viele ganz
hingegeben an die Musik, Wange an Wange, in fließenden Bewegungen.
„Barrio plateado por la luna, rumores de milonga, que es toda mi fortuna …”,
klang es aus dem Lautsprecher.
Und dann entdeckte sie ihn, mitten auf der Tanzfläche. Ihr Herzschlag schien
auszusetzen und sie schlug die Hände vor ihr Gesicht. Aber er hatte sie ganz
offensichtlich nicht gesehen. Wie sollte er auch? So versunken wie er
tanzte. „Mein Gott, er sieht noch immer sehr gut aus, das Alter hat ihm
nicht geschadet, im Gegenteil“, dachte sie bei sich. Seine Haare waren
grauer, aber noch immer voll. Im Gegensatz zu ihr war er schlank geblieben
und seiner Figur sah man an, dass er regelmäßig Sport trieb. Und er tanzte
wie früher, nein, noch besser. Seine Bewegungen waren fließend, wie aus
einem Guss. Seinen Pausen sah man an, dass sie gewollt und keine
Verlegenheitslösung waren. Seine Füße glitten leicht über den Boden und die
Verziehungen wirkten selbstverständlich und nicht aufgesetzt oder
angeberisch. Er war das positivste Bild eines Tangotänzers, das man sich
vorstellen konnte: Männlich, tragisch, heiter, melancholisch, alles auf
einmal.
Melanie riss sich zusammen und suchte nach einem dunklen Plätzchen, wo man
nicht so schnell entdeckt werden konnte. Sie wollte nicht, dass er ihre
Anwesenheit zu früh bemerkte. In eine Ecke gedrückt suchte sie in ihrer
Handtasche nach dem Fächer. Beim Kramen ertastete sie das Messer und lies es
sofort wieder los, als hätte es ihr die Hand verbrannt.
Sie fühlte sich irgendwie ertappt. Hastig klappte sie den Fächer auf und
hielt ihn sich vor das Gesicht.
Warum nur ist sie hierher gekommen? Es hätte doch genügt, sein Auto zu
suchen, die Bremsschläuche durchzuschneiden und wieder zu verschwinden. Ein
paar Wochen die trauernde Witwe zu spielen würde ihr nicht schwer fallen.
Schließlich weiß doch alle Welt, wie sehr sie Marcus geliebt hat. Einmal
hatte sie ihn gefragt, warum er sie nicht einfach verlässt, so kalt wie er
mit ihr umgeht.
„Diese Genugtuung, Recht gehabt zu haben, werde ich meinen Eltern nicht
geben. Außerdem habe ich mich an dich gewöhnt.“
Er sagte das so ruhig als ob er lediglich eine lapidare Bemerkung zum Wetter
gemacht hätte und sie hat nie mehr gefragt.
Sie wollte, dass er sie sah, sie wollte, dass er ihr Kleid bemerkte, das
Kleid, dass sie anhatte als sie sich in ihn verliebte, das sie trug während,
oder besser, vor ihrer ersten gemeinsamen Nacht. Er sollte im Moment seines
„Unfalls“ wissen, dass sie es war. Er sollte in den letzten Momenten seines
Lebens wissen, dass sie sich nicht mehr alles gefallen lässt. Er sollte
wenigstens in diesem kurzen Augenblick wieder Respekt vor ihr haben. Und er
sollte sie als Tangotänzerin in Erinnerung haben.
Klappentext
Kurzkrimi aus der Tangoszene, Kurzgeschichten, Gedankengänge, Nachdenkliches
und Humoristisches, Fotografien, Gemälde