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Buch Leseprobe Wolfsmond, Shila Wolf
Shila Wolf

Wolfsmond


Kurzgeschichten und Gedanken

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Leise sang sie die letzten Worte mit: „ … y el trago de licor que obliga a

recordar si el alma esta en orsái, che, bandoneón.“

Manchmal kann Schmerz so schön sein.

Sie fühlte, wie ihre Wangen feucht wurden und schniefte mit der Nase. Hastig

kramte sie in ihrer Handtasche nach einem Papiertuch und schnäuzte sich,

„Sentimentale Kuh“, schimpfte sie mit sich selbst. Aber gegen Erinnerungen

kann man sich nicht wehren, sie kommen einfach.

Damals war sie auch diese Treppe hinunter gestiegen, allerdings sehr viel

fröhlicher und ausgelassener als heute. Und genau wie damals schob sie den

heute abgegriffenen, roten Samtvorhang beiseite und stand auch schon direkt

am Rande der kleinen Tanzfläche. Hier war es nicht ganz so dunkel wie in dem

schmalen Gang und sie konnte alles gut erkennen. Eben hatte der nächste

Tango begonnen und die Paare schoben sich an ihr vorbei. Viele ganz

hingegeben an die Musik, Wange an Wange, in fließenden Bewegungen.

„Barrio plateado por la luna, rumores de milonga, que es toda mi fortuna …”,

klang es aus dem Lautsprecher.

Und dann entdeckte sie ihn, mitten auf der Tanzfläche. Ihr Herzschlag schien

auszusetzen und sie schlug die Hände vor ihr Gesicht. Aber er hatte sie ganz

offensichtlich nicht gesehen. Wie sollte er auch? So versunken wie er

tanzte. „Mein Gott, er sieht noch immer sehr gut aus, das Alter hat ihm

nicht geschadet, im Gegenteil“, dachte sie bei sich. Seine Haare waren

grauer, aber noch immer voll. Im Gegensatz zu ihr war er schlank geblieben

und seiner Figur sah man an, dass er regelmäßig Sport trieb. Und er tanzte

wie früher, nein, noch besser. Seine Bewegungen waren fließend, wie aus

einem Guss. Seinen Pausen sah man an, dass sie gewollt und keine

Verlegenheitslösung waren. Seine Füße glitten leicht über den Boden und die

Verziehungen wirkten selbstverständlich und nicht aufgesetzt oder

angeberisch. Er war das positivste Bild eines Tangotänzers, das man sich

vorstellen konnte: Männlich, tragisch, heiter, melancholisch, alles auf

einmal.

Melanie riss sich zusammen und suchte nach einem dunklen Plätzchen, wo man

nicht so schnell entdeckt werden konnte. Sie wollte nicht, dass er ihre

Anwesenheit zu früh bemerkte. In eine Ecke gedrückt suchte sie in ihrer

Handtasche nach dem Fächer. Beim Kramen ertastete sie das Messer und lies es

sofort wieder los, als hätte es ihr die Hand verbrannt.

Sie fühlte sich irgendwie ertappt. Hastig klappte sie den Fächer auf und

hielt ihn sich vor das Gesicht.

Warum nur ist sie hierher gekommen? Es hätte doch genügt, sein Auto zu

suchen, die Bremsschläuche durchzuschneiden und wieder zu verschwinden. Ein

paar Wochen die trauernde Witwe zu spielen würde ihr nicht schwer fallen.

Schließlich weiß doch alle Welt, wie sehr sie Marcus geliebt hat. Einmal

hatte sie ihn gefragt, warum er sie nicht einfach verlässt, so kalt wie er

mit ihr umgeht.

„Diese Genugtuung, Recht gehabt zu haben, werde ich meinen Eltern nicht

geben. Außerdem habe ich mich an dich gewöhnt.“

Er sagte das so ruhig als ob er lediglich eine lapidare Bemerkung zum Wetter

gemacht hätte und sie hat nie mehr gefragt.

Sie wollte, dass er sie sah, sie wollte, dass er ihr Kleid bemerkte, das

Kleid, dass sie anhatte als sie sich in ihn verliebte, das sie trug während,

oder besser, vor ihrer ersten gemeinsamen Nacht. Er sollte im Moment seines

„Unfalls“ wissen, dass sie es war. Er sollte in den letzten Momenten seines

Lebens wissen, dass sie sich nicht mehr alles gefallen lässt. Er sollte

wenigstens in diesem kurzen Augenblick wieder Respekt vor ihr haben. Und er

sollte sie als Tangotänzerin in Erinnerung haben.

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