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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Winterleuchten, Christine Spindler
Christine Spindler

Winterleuchten



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Luna Jannik hockte in Mantel und Gummistiefeln auf der Holztreppe neben dem Windfang und schaute ohne Eile zu, wie ihre Tante Evi den Reißverschluss ihres taubenblauen Anoraks einfädelte und dabei Amazing Grace summte, ihr Anziehlied. Mit der gleichen Geduld hatte Evi vor über zehn Jahren Morgen für Morgen gewartet, während Luna und Stella sich für den Kindergarten fertig machten. Häschen, der grau getigerte Kater, kam durch die Katzenklappe in der Haustür herein und brachte den Wetterbericht mit: nasse Fellspitzen und dreckige Pfoten. Er rieb seinen Kopf an Lunas Hosenbein und schnurrte sich warm. Evi unterbrach ihr Summen.

„Dein Futter steht schon bereit", sagte sie zu Häschen, der daraufhin in die Küche trippelte. Sie fuhr fort, sich anzuziehen. Jetzt waren die Druckknöpfe dran, einer nach dem anderen, bedächtig.

„Kennst du den Unterschied zwischen Geduld und Hoffnung?", fragte Luna, als Evi den letzten Knopf geschlossen hatte und wieder aufnahmefähig war.

Evi schüttelte langsam den Kopf. „Nein, ich glaube nicht."

„Geduld nährt sich von Gewissheit", sagte Luna. „Hoffnung nährt sich von Ungewissheit."

Evi sagte „Ah" und ließ die Worte auf sich wirken. Luna liebte es dabei zuzusehen, wie Evi in ihren Gedanken aufging.

Viele Menschen fanden, dass man Evi ihre geistige Behinderung ansah, aber Luna konnte keinerlei Anzeichen dafür entdecken. Außerdem fand sie Evi wunderschön. Sie hatte ein Gesicht wie eine Sonnenblume: offen und warm. Ihr langer, blonder Zopf, den sie jeden Morgen so oft neu flocht, bis er symmetrisch war, hing bis zur Rückenmitte, von einer ordentlichen Samtschleife gehalten. Nur wenn sie sprach, mit ihrer schleppenden Stimme, die jedes Wort durch nassen Sand zu schleifen schien, wurde ihr Anderssein offenbar.

„Ja", sagte Evi schließlich, „das könnte stimmen." Sie holte den rechten Fingerhandschuh aus der rechten Anoraktasche und streifte ihn über. Dann war der linke Handschuh aus der linken Tasche dran. Bei Evi hatte alles seinen festen Platz und seine feste Zeit. Jeden Freitagnachmittag um drei begleitete sie Luna zum Friedhof.

„Ich bin fertig", sagte Evi, nachdem sie ihre Mütze aufgesetzt und gerade gerückt hatte.

Luna stand auf, klappte ihre Kapuze hoch und ging mit Evi in den Regen hinaus. Es war ein wütender Regen, von eiligen Wolken auf der Flucht vor dem Wind abgeworfen wie Ballast.

Am Ende der Sackgasse, in der die Janniks wohnten, stand in einem parkähnlichen Garten mit Laubengängen und Hochbeeten die architektonische Sensation des Dorfes - ein Haus mit rundem Grundriss, einem Kuppeldach und zwei Türmen. Die Besitzer, ein kinderloses Ehepaar, waren vor einem halben Jahr in ein Seniorenstift gezogen. Seitdem stand das Rundhaus zum Verkauf. Luna, die unbedingt wissen wollte, wie es von innen aussah, hatte mehrfach vergeblich versucht den Makler zu überreden, sie einmal bei einer Hausführung dabei sein zu lassen.

Selbst heute, im strömenden Regen, blieb Luna kurz stehen und ließ den Blick einen Moment lang sehnsüchtig auf dem Haus verweilen.

„Ich weiß, warum du das Haus so gern magst", sagte Evi. „Weil es die Form des Vollmonds hat."

Luna lächelte. „Ja, es ist so rund wie der Mond meiner Träume."

Hand in Hand gingen sie den Fußweg hinunter, der zur Parallelstraße führte, und dann weiter zur großen Dorfstraße, von der nach zweihundert Metern der Weg zum Friedhof abbog.

Stellas Grab lag am hinteren Ende, wo der Friedhof in den Wald überging. Luna brauchte irgendeinen körperlichen Kontakt mit ihrer Schwester und legte eine Hand auf das schlichte Holzkreuz, bei dessen Anblick sie jedes Mal denken musste: Auf meinem Kreuz wird einmal das gleiche Geburtsdatum stehen.

Evi bückte sich und sammelte Laub auf.

Tabea und Urban, Lunas Eltern, waren nie dabei, wenn Evi und Luna das Grab besuchten. Sie kamen immer alleine her, jeder für sich. Nur ein einziges Mal war die ganze Familie hier versammelt gewesen, vor zwei Jahren. Es hatte geschneit, und die aufgeworfene Erde, in die der Sarg hinabgelassen wurde, war eine klaffende Wunde in der Schneedecke gewesen.

Trotz dieser bitteren Erinnerung liebte Luna den Schnee nach wie vor. Übermorgen war bereits der erste Advent, und immer noch war keine einzige Schneeflocke gefallen. Luna sehnte sich nach Schnee. Dann verschwand die Welt unter einer behutsamen Decke und die Zeit verging langsamer, damit die kurzen Wintertage sich in aller Ruhe auf die Nächte vorbereiten konnten.

Während ihre Hand wie von selbst das nasse Holz streichelte, erinnerte sie sich an eine Winternacht vor sieben oder acht Jahren, in der Urban mit ihr und Stella auf die große Wiese gegangen war, die sich an das Wohngebiet anschloss. Sie waren juchzend durch den frisch gefallenen Schnee gelaufen und hatten sich schließlich erschöpft fallen lassen. Über sich den Himmel, unter sich den Schnee, hatte Luna sich völlig geborgen gefühlt. „Schau mal, wie viele Spuren wir gemacht haben", hatte Stella sich gefreut.

Einen Gedankensprung weiter fand Luna sich an der Ostsee wieder. Über Dünen waren sie gelaufen, wo man keine Spuren hinterlässt, sondern nur den Sand neu mischt. Dann waren sie im Herbstwald und fegten mit den Stiefelspitzen die Blätter hin und her. Zuletzt liefen sie barfuss durch Frühlingspfützen und hinterließen nasse Abdrücke auf der Straße, die mit jedem klatschenden Schritt kleiner wurden.

Luna wartete, bis Eva die eingesammelten Blätter zum Komposthaufen brachte, dann beugte sie sich über das Grab und flüsterte: „Meine Spuren werden immer auch deine Spuren sein."

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