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> Belletristik > Warum nur hasst ihr uns?
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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Warum nur hasst ihr uns?, Michael Grotefendt
Michael Grotefendt

Warum nur hasst ihr uns?



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Kapitel 1 - Frühjahr 1864
Am Wasser angekommen, erblickte ich Spirit Eye, der auf einem Felsen etwas flussabwärts von mir saß und anscheinend in Gedanken versunken aufs Wasser starrte. Dieser Spirit Eye war ein seltsamer Mann.
Da er mich anscheinend nicht bemerkt hatte, beschloss ich ihn zu überfallen. Ich trat also etwas ins Ufergebüsch zurück und schlich mich an ihn heran. Als ich nur noch etwa einen Meter hinter ihm war, schien er immer noch nichts bemerkt zu haben. Ich spannte also die Muskulatur in meinen Armen und Beinen, um ihn mit einem Sprung in den Rücken zu überraschen. Mit keinem anderen Krieger würde ich mir solch einen Streich erlauben, aber bei Spirit Eye war es etwas anderes. Mit all meiner Kraft sprang ich dann plötzlich auf ihn zu. Insgeheim freute ich mich schon auf sein erschrecktes Gesicht. Allerdings musste ich feststellen, dass mich, kurz bevor ich ihn fassen konnte, zwei kräftige Hände an den Oberarmen ergriffen und mich kurzerhand in den Fluss beförderten. In hohem Bogen flog ich auf die Wasseroberfläche zu und versank dann erschreckt in den Fluten. Nachdem ich mich zur Wasseroberfläche hindurch gekämpft hatte, wurde ich von schallendem Gelächter empfangen. Anstatt Spirit Eye‘s erschrecktes Gesicht zu sehen, fühlte ich mich nun selbst sehr beschämt.
Ich schwamm zum Ufer und entstieg dem Fluss. Außer dass ich nun patschnass war, musste ich feststellen, dass mir auch noch mein wah-HOO-keh-zah (Fischspeer) sowie ein Großteil meiner Pfeile fehlten. Außerdem stand Spirit Eye immer noch vor mir und schüttete sich aus vor Lachen.
„Warum hast du das getan?", fragte ich ihn ärgerlich.
„Warum wolltest du Grünschnabel einen erwachsenen Krieger erschrecken?", fragte mich Spirit Eye, immer noch mit Tränen in den Augen.
Mein Ärger ließ etwas nach, mein Verstand gewann wieder die Oberhand und ich musste ihm recht geben. Durch meine dumme Idee, einen erwachsenen und erfahrenen Krieger überfallen zu wollen, hatte ich selbst Schuld an meinem überraschenden Bad, und mit dieser Einsicht verflog nun auch der letzte Rest Ärger in mir. „Als du da vorhin gesessen hast und aufs Wasser geschaut hast, da hast du sehr besorgt und traurig ausgesehen", sagte ich zu ihm. „Ist etwas Besonderes geschehen?"
„Ach weißt du, Timber Wolfe ist gestern Abend von einem Jagdzug mit einigen von Black Kettles Leuten zurückgekehrt und er berichtete von Zusammenstößen einiger Sahiyena (Cheyennes) mit Weißen!"
„Was soll‘s", sagte ich. „Wir haben Frieden mit den Weißen und der wird bestimmt nicht wegen einiger Zwischenfälle gebrochen werden."
„Oh, Eagle Bird, du bist noch sehr jung, erst wenige Winter alt, du wirst noch viel lernen müssen, insbesondere über die Weißen."
„Wieso, wenn wir mit ihnen Tauschgeschäfte gemacht haben, waren sie immer sehr nett. Einmal hat mir einer von ihnen sogar eine süße, klebrige Stange zum Lutschen geschenkt", erwiderte ich.
„Eagle Bird, hör mir einmal gut zu", sagte er, „ich habe sehr viele Erfahrungen mit ihnen sammeln müssen. Und ich habe eines bitter feststellen müssen: Wenn sie einen Vorteil erzielen können, ist ihnen nichts heilig: Ihre Verträge nicht, ihre Gesetze nicht, ich bezweifle sogar, dass sie auf ihre eigenen Eltern Rücksicht nehmen würden, geschweige denn auf die Befehle ihres großen Weißen Vaters!"
„Siehst du das nicht etwas schwarz?"
„Ich bin ein alter Mann und habe meine Erfahrungen gemacht, und ich befürchte, dass auch dir diese Erfahrungen nicht erspart bleiben. Sie sind wie eine Krankheit, man kann vor ihnen nicht davonlaufen!"
Nach diesen Worten stand er auf und ging ins Lager. Gefesselt von seinen Worten, vor allem von der Ernsthaftigkeit mit der er sie gesprochen hatte, blieb ich sitzen und dachte eine Weile darüber nach. Der Tonfall seiner Stimme zeigte eigentlich, dass er wusste wovon er sprach, andererseits waren die Weißen bei den wenigen Treffen, die ich miterlebt hatte, sehr nett und freundlich gewesen.


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