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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Waisen des Lebens, Tina Reuter
Tina Reuter

Waisen des Lebens


Roman

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Das Schiff war völlig überfüllt, da viele Passagiere ihre Reise nach Frankfurt ebenso wie wir aufgrund der unklaren Lage in der Stadt immer wieder aufgeschoben hatten. Auch die Kaufleute hatten angesichts der von den französischen Besatzern verfügten Handelsbeschränkungen lange Zeit von ihren Geschäften mit den Frankfurter Partnern absehen müssen. So traf nun der Vormesseverkehr mit dem lange zurückgestauten regulären Handel zusammen. Die Folge davon war, dass sich am Bug des Schiffes die Warenballen in so bedenklicher Menge stapelten, dass schon die geringste zusätzliche Fracht zu genügen schien, um das Schiff zum Kentern zu bringen.
In der Kajüte staute sich die Hitze der letzten Tage in einer Wolke aus Staub und schlechter Luft. Wir stellten daher nur kurz unsere Reisekoffer in einer Ecke ab und begaben uns dann an Deck, wo wir uns vom Morgenwind und der vom Wasser aufsteigenden Kühle ein wenig Erfrischung versprachen. Da die Fahrgäste dort bereits dicht gedrängt standen, kletterte Annie umstandslos auf das längliche Dach der Kajüte, wohin ich ihr nach einigem Zögern folgte. Um Kühlung zu finden, hätten wir allerdings schon ins Wasser springen müssen. Schon früh am Morgen war es so heiß, dass die Kleider einem nach kurzer Zeit am Leibe klebten.
Annie versuchte zuerst, sich und mir durch wildes Wedeln mit den Armen Luft zuzufächern. Als auch das nichts half - die Bewegungen führten eher dazu, dass es ihr noch heißer wurde -, rief sie dem Treidler zu: "Hee! Hüü! Immer lustig voran!" Erwartungsgemäß wandte der Mann ihr aber noch nicht einmal das Gesicht zu. Er war vollauf damit beschäftigt, die Pferde anzutreiben - denn natürlich hätten auch diese weitaus mehr Lust gehabt, sich in den Schatten eines Baumes zu legen und zwischendurch die Nüstern in das taunasse Gras zu tauchen, anstatt das voll beladene Schiff stromaufwärts zu ziehen.
Erschöpft legte Annie schließlich ihren Kopf in meinen Schoß. Eine Weile lang ruhte sie schweigend in dem Schatten, den mein Körper auf sie warf. Dann hatte sie plötzlich eine neue Idee. "Komm' mit!" rief sie, indem sie aufsprang. "Mir ist ein alter Regenzauber eingefallen."
Sekunden später befand sie sich schon am Rand des Schiffes und spuckte mit großem Ernst drei Mal in den Fluss, dessen regungslose Oberfläche sich daraufhin jedes Mal wie widerwillig kräuselte. Dann vollführte sie mit beiden Händen abwechselnd schwungvolle Bewegungen im Wasser, zu denen sie ein paar exotisch klingende Worte murmelte. Anschließend begab sie sich zu der anderen Seite des Schiffes, wo sie sich aufs Neue in ihre rituellen Handlungen vertiefte.
Zu guter Letzt zelebrierte Annie ihren Regenzauber noch am Bug des Schiffes. Der Schiffsführer, der dort schwitzend das holzlöffelartige Steuer ins Wasser hielt, ermahnte sie jedoch, in ihrem Tun innezuhalten. Er war der Meinung, Annie beleidige durch ihr Verhalten die Reichsfahne, die am äußersten Ende des Bugs schlaff vom Mast herabhing. Aber Annie war so vertieft in ihren Regenzauber, dass die Einwände des Mannes sie gar nicht erreichten. So packte dieser sie schließlich ziemlich rüde am Arm, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Darüber erschrak Annie so sehr, dass ihr ein recht lautes Windchen entfuhr. Sie errötete, hatte sich jedoch rasch wieder unter Kontrolle. "O je!" seufzte sie mit gespielter Betroffenheit. "Jetzt wird es ein Gewitter geben."


 


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