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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Wahrheits Wanken, Melanie Schüer
Melanie Schüer

Wahrheits Wanken



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Kapitel 1
Draußen wächst die Dunkelheit immer mehr heran.
Ob der Nebel wohl die Felder bald schon ganz verschlingen kann?
Mir ist, als würd’ ich immer weniger verstehen,
nur noch schwach und sehr verschwommen sehen.
Die Tage sind, wie sie schon immer waren -
schon seit vielen, immer gleichen Jahren.
Fast so weit, wie die Erinnerung noch reicht.
Nur, dass ihre Selbstverständlichkeit mehr und mehr verbleicht.
Plötzlich sind da lauter Fragen,
so laut und schwer, ich kann sie kaum ertragen.
Ich weiß nicht, was passieren wird.
Es ist, als ob mein Leben an Festigkeit verliert.
Mit zitternden Händen klappte Mia das kleine Tagebuch zu und versteckte es in ihrem Sockenschrank. Sie wusste, dass sie große Probleme bekommen würde, wenn ihre Mutter oder ihr Vater es entdecken würden. Gedankenverloren sah sie sich in ihrem engen, dunkel und schlicht möblierten Zimmer um. Die kahlen, weißen Wände mit dem kleinen
Kippfenster gegenüber von ihrem schmalen, altmodischen Bett - ein so gewohnter Anblick und doch immer weniger vertraut.
Schon in ihrer Kindheit, als sie so gern geschrieben hatte, hatte ihr Vater es ihr verboten. „Ich möchte nicht, dass du mit diesem sinnlosen Zeug deine Zeit vergeudest! Wir sollen jede Stunde, die wir haben, wertschätzen und für gute, nützliche Zwecke einsetzen.“ Mia hatte das nicht verstehen können. Das Schreiben machte doch so viel Spaß und da
waren so viele tolle Geschichten in ihrem Kopf - warum durfte sie die nicht aufschreiben? Einige Wochen später hatte sie deshalb ihren ganzen Mut zusammengenommen und ihre Mutter auf das Thema angesprochen. Die hatte sich Mias Kurzgeschichten und Gedichte mit einem Lächeln angesehen und es nicht ganz verbergen können, dass sie Gefallen
daran fand und stolz darauf war, wie schön Mia ihre Fantasien und Gedanken in Worte fassen konnte.


Mias Mutter war eigentlich ein eher emotionaler Mensch, versuchte aber meist, diese Eigenschaft zu verbergen - zu Mias Leidwesen,
denn sie liebte es, wenn ihre Mutter endlich einmal Gefühle zeigte. Sie sah es so gern, wenn sich in dem blassen, von
einer viel zu großen, runden Brille dominierten Gesicht ein breites Lächeln zeigte. Mit ihren braunen, kinnlangen
Locken und den kleinen Grübchen auf den Wangen wirkte Carmen dann richtig fröhlich. Für Mias Geschmack passierte
das viel zu selten. Ihr Vater war noch reservierter und kühler als ihre Mutter. Sein schmales, stets perfekt rasiertes
Gesicht mit den kalten, grau-blauen Augen und den glatten dunkelblonden Haaren passte dazu. Obwohl Mia wusste,
dass ihre Eltern sie lieb hatten, wünschte sie sich oft, häufiger von ihnen in den Arm genommen zu werden.
„Das hast du schön gemacht“, hatte ihre Mutter anerkennend gesagt, „Doch wenn der Große Jünger dagegen ist, geht
es eben nicht. Aber ich werde Martin mal ansprechen und fragen, was genau die Vorschrift besagt.“ Nach ein paar
Tagen hatte ihre Mutter Mia dann den Beschluss des regionalen Leitungsjüngers Martin mitgeteilt: Kreatives Schreiben
nur dann, wenn damit Gott oder die Mutter Gottes geehrt werden.
Mia hatte es versucht. Sie hatte es wirklich versucht. Aber immer, wenn sie etwas zur Ehre Gottes oder der Mutter
Gottes schreiben wollte, war ihr Kopf völlig leer. Ihr fiel einfach nichts ein. Und es machte auch keinen Spaß, so unter
Zwang zu schreiben. Ihre Fantasie war voller Geschichten, die auf das Papier gebracht werden wollten. Aber sie durfte
nicht.
Ihr Versuch, heimlich zu schreiben, scheiterte: Ihr Vater fand ihre Geschichten und verpasste ihr mehrere Ohrfeigen.
Das tat weh, aber am schlimmsten war es für Mia, dass er ihre kleinen Werke nicht einmal las, sondern sofort zerriss.
Die Ohrfeigen hatte sie ja schon erwartet, schließlich kannte sie ihren Vater. Aber sie wären erträglicher gewesen, wenn
er sich die Geschichten zumindest angeschaut hätte. Mia war stolz darauf und hätte alles für nur ein bisschen
Anerkennung von ihrem Vater gegeben. Sie spürte Enttäuschung und eine leise Wut in sich.
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Danach hatte Mia beschlossen, ganz mit dem Schreiben aufzuhören. Ihre Mutter hatte ihr erklärt, dass die Fantasie
gefährlich sei und sie vom wahren Glauben abbringen könnte. Das akzeptierte Mia, denn vom rechten Weg abkommen,
das wollte sie keineswegs. Dann verzichtete sie lieber auf das Schreiben, wenn es so riskant war. Schließlich sagte das
der Große Jünger und was er sagte, war die vollkommene Wahrheit. Er stand ja in direkter Verbindung zu Gott.
Der Große Jünger stand in der Hierarchie der „Wahren Gottes Nachfolger“, kurz „WGN“, ganz oben. Ihm
untergeordnet waren die Staatenjünger, die den Großen Jünger in den einzelnen Nationen vertraten; nach ihnen folgten
in der Rangfolge in Deutschland die Landesjünger, welche für je ein Bundesland zuständig waren und die regionalen
Leitungsjünger, die bestimmten Bezirken vorstanden. Den Großen Jünger selbst kannten nur sehr wenige persönlich
und es war eine besondere Ehre, ihn treffen zu dürfen. Es gab viele Bücher von ihm, in denen er die WGN-Anhänger
lehrte, was sie über den wahren Glauben wissen mussten. Oft zitierte und erklärte er darin auch bestimmte Bibelstellen.
Mia war als Kind von WGN-Anhängern aufgewachsen. Sie wohnte mit ihren Eltern und ihrem drei Jahre jüngeren
Bruder Hannes gemeinsam mit drei anderen Familien in einem großen WGN-Gemeinschaftshaus auf dem Land, etwa
40 km entfernt von Köln. Es war toll, so viele andere Kinder im Haus zu haben. Das Grundstück, auf dem sie lebten,
war ein alter Resthof und jede Familie hatte eine eigene Wohnung.
Man traf sich aber mindestens dreimal am Tag zu den WGN-Gemeinschaftsversammlungen, um zusammen zu beten,
die Schriften des Großen Jüngers zu studieren und zu singen. Das nächste Haus war knapp zwei Kilometer entfernt und
dort wohnten auch keine Kinder. Aber mit insgesamt vier Familien im Haus hatte Mia als Kind nie das Gefühl gehabt,
isoliert zu sein. Ihre beste Freundin war Fay, deren Eltern vor vielen Jahren aus den USA nach Köln gezogen waren, um
den wahren Glauben zu verbreiten. Ihre Mutter Juliane kam aus Puerto Rico und von ihr hatte Fay wohl das schöne
schwarze, glänzende Haar geerbt, das perfekt mit ihren großen, haselnussbraunen Augen harmonierte. Ihr dunkler Teint
und die vollen Lippen unterstrichen Fays exotisches Aussehen. Mia beneidete sie oft darum. Sie empfand ihre langen
welligen, hellbraunen Haare und ihre blauen Augen als langweilig, ihr Gesicht als zu kantig und ihre Lippen als zu
schmal. Auch mit den hellen Sommersprossen auf der Nase und den Wangen hatte Mia sich noch nie so recht
anfreunden können - obwohl Fay stets behauptete, dass diese „total süß“ seien. Immerhin konnte Mia mehr Schokolade
essen als die hübsche Fay, die, ebenso wie ihr Vater John, eine leichte Neigung zum Übergewicht hatte und somit etwas
korpulenter gebaut war als die schlanke Mia, deren Eltern beide groß und sportlich waren. Fay war ein sehr fröhliches,
aufgewecktes Mädchen und so wurde es mit ihr nie langweilig. Ihr gelang es immer irgendwie, die eher ruhige und
nachdenkliche Mia aus der Reserve zu locken und zum Lachen zu bringen. Gemeinsam mit Fay, deren fünf
Geschwistern und Eltern fuhr Mia mehrmals wöchentlich in die Stadt, um dort Botschaften des Großen Jüngers zu
verteilen und die Leute zu den WGN-Versammlungen einzuladen. In der Stadt gab es immer viel zu sehen und sie
mochte Fays Eltern. Eigentlich. Bis zu diesem Tag vor ihrem zwölften Geburtstag.
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Kapitel 2
Ihre Eltern waren zum ersten Mal für mehrere Wochen auf Missionsreise und während dieser Zeit passten Fays Eltern
auf Mia auf. Obwohl Mia der Gedanke, so lange von ihren Eltern getrennt zu sein, nicht gefiel, hatte sie sich darauf
gefreut, drei Wochen lang mit Fay in einem Zimmer übernachten zu können. Sie hatte sich die Zeit bei Fays Familie
sehr lustig vorgestellt und zu Beginn war sie das auch. Nachts flüsterten die Mädchen manchmal noch heimlich und
tauschten ihre Ideen darüber aus, wie wohl die Welt-Kinder lebten.
Sie kannten diese Kinder ja ein wenig aus der Schule, aber nach der letzten Unterrichtsstunde wurden Fay und Mia
immer sofort von ihren Eltern abgeholt und an Klassenfahrten durften sie nicht teilnehmen. Ihre Eltern hatten ihnen
erklärt, dass die Welt-Kinder, also die, die nicht zu den WGN gehörten, auf einem bösen, falschen Weg waren und
deswegen eine große Gefahr darstellten. Auch die Lehrer waren auf diesem bösen Weg und die WGN-Kinder mussten
nur deshalb zur Schule, weil ihre Eltern vom Staat dazu gezwungen wurden, sie dorthin zu schicken. Der Große Jünger
habe aber gesagt, dass der Kontakt zur Welt so weit wie möglich begrenzt werden solle, weil es Gott sehr wütend
mache, wenn die WGN-Mitglieder mit diesen Menschen zu tun haben. Die meisten von ihnen seien von Dämonen
beherrscht und je mehr Kontakt man zu ihnen habe, desto größer sei die Gefahr, dass auch man selbst von diesen
Dämonen ergriffen werde. Mia fand diese Vorstellung furchterregend und versuchte deshalb, so wenig wie möglich mit
ihren Mitschülern zu reden. Manchmal gab es deswegen Ärger und sie musste mit ihrem Klassenlehrer unter vier
Augen sprechen. Aber sie wusste ja, dass auch der auf dem bösen Weg war und somit brauchte sie ihn nicht allzu ernst
zu nehmen.
Sie verstand natürlich, dass sie sich von den bösen Kindern fern halten musste, aber dadurch war sie auch oft sehr
einsam, weil keines von den anderen WGN-Kindern in ihrer Klasse war. Fay war eine Jahrgangsstufe über ihr und sie
konnten sich nur in den Pausen treffen. Dann wurden sie oft von den anderen Schülern geärgert und beschimpft.
Deshalb hasste Mia die Schule und freute sich schon darauf, sie nach dem neunten Schuljahr verlassen zu dürfen.
Aber manchmal spürte sie auch eine gewisse Neugier. Die Welt-Kinder schienen so völlig anders zu leben. Sie
redeten von Fernsehsendungen, Computerspielen, von Bands und Stars … all das kannte Mia nicht. In der WGNKindergruppe
hatte sie gelernt, dass all diese weltlichen Beschäftigungen äußerst schädlich für den wahren Glauben
waren. Sie waren ja von den Menschen produziert, deren Gedanken von Dämonen geleitet wurden und führten die
Menschen noch weiter vom wahren Glauben weg. Durch Fernsehen, Computerspiele und all diese Tätigkeiten setzte
man sich also ebenso den Mächten der Dämonen aus wie durch engen Kontakt zu Welt-Menschen.
Mia wusste all das und wollte so etwas auf gar keinen Fall riskieren, aber manchmal wünschte sie sich doch, das,
wovon ihre Mitschüler immer sprachen, mal mit eigenen Augen zu sehen - es klang gefährlich, aber auch spannend und
lustig. Manchmal sehnte sie sich danach, sich mal mit den anderen Kindern zu treffen, nicht immer die Außenseiterin zu
sein und sich von ihnen ihre Lieblingssendung oder ihr Lieblingsspiel zeigen zu lassen. Selbstverständlich ging das
nicht - so etwas wäre eine schlimme Sünde.
Aber ab und zu war diese Neugier eben doch da und es tat gut, mit Fay darüber zu reden.
Und so waren die ersten Tage mit Fays Familie wirklich schön und amüsant. Doch dann, am 23. August, einen Tag
vor ihrem Geburtstag, geschah etwas, das Mia nie vergessen würde.
Es war Samstag und die Hausgemeinschaft versammelte sich zum Morgengebet. Zuerst wurde ein Teil aus dem
neuesten Buch des Großen Jüngers vorgelesen, dann fingen die Erwachsenen an, in Zungen zu reden und zu singen und
befahlen den Kindern, zu beten und Gott zu preisen. Plötzlich wurde der Gesang jäh unterbrochen: John, Fays Vater,
verpasste Mia eine Ohrfeige. Empört heulte Mia auf, doch John schrie zurück: „Du hast nicht intensiv gebetet! Du warst
nicht aufrichtig! Du hast in deinen Gedanken die Mutter Gottes nicht verehrt! Ich hatte eine deutliche Vision von deinen
Gedanken und sie waren sündig! Du weißt, was der Große Jünger über so etwas sagt: Solche Sünden müssen hart
bestraft werden.“ „Aber ich hatte keine sündigen Gedanken.“, protestierte Mia, „Wirklich nicht, ich -“ „Und jetzt wagst
du es auch noch, zu lügen!“, brüllte John und schlug erneut auf sie ein. Als der Schmerz langsam nachließ, spürte Mia
Wut in sich aufsteigen, ein Gefühl, das sie in dieser Intensität noch nie gespürt hatte. Auf einmal empfand sie nur noch
Ablehnung gegenüber John, der sie vor allen anderen grundlos beschimpfte und demütigte. Es war, als wäre es nicht sie
selbst, die lauthals von sich gab: „Halt deinen dummen Mund! Hör auf zu lügen!“ Mia wurde von allen Seiten entsetzt
angestarrt. In Johns Augen funkelte der Zorn: „Du wirst dich sofort entschuldigen. Sofort. Entschuldige dich und gib
deine Sünden zu.“ „Nein, das werde ich bestimmt nicht!“, schrie sie, noch immer völlig aufgebracht. Schon damals, als
man ihr das Schreiben verboten hatte, hatte sie einen Widerstand in sich gespürt, ein leises Aufbegehren gegen das, was
sie als die einzige Wahrheit kannte. Es schien, als würde das, was sie damals noch so unterdrückt geahnt hatte, nun
explodieren: „Du hast doch keine Ahnung, was ich denke! Du sagst nur das, was dir gerade passt! Du solltest dich
schämen, mich grundlos zu schlagen!“ Als sie das Kopfschütteln der Umstehenden sah, wurde Mia noch zorniger.
Warum half ihr niemand? Warum waren alle so verlogen? Von Abscheu erfüllt spuckte sie auf den Boden, direkt vor
Johns Füße. Sofort traf sie wieder ein Schlag, härter und brutaler als vorher. Mia fühlte sich, als würde sie vor
Schmerzen und Aufregung bald in Ohnmacht fallen. Die anderen blickten Mia erschrocken an. Nur Fay rief mit
tränennassen Augen: „Aber Papa, Mia hat doch gar nichts getan!“ In dem Moment erhielt sie von Juliane, ihrer Mutter,
ebenfalls eine Ohrfeige. Roland, der andere Familienvater, betete laut um Zurechtweisung dieser störrischen,
undankbaren Kinder, während John Mia am Arm aus dem Zimmer zerrte. „Bereust du, was du getan hast?“, fragte er sie
mit vor Wut bebender Stimme. Mia zitterte am ganzen Leib: „Ich habe nichts Böses getan!“ John packte sie und zog sie
die Kellertreppe hinunter. Mia hatte noch nie in ihrem Leben so viel Angst gehabt, sie schrie und weinte und rief
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jämmerlich nach ihren Eltern. „Deine Eltern hätten genau das Gleiche mit dir getan!“, rief John zornig, „Sie wissen,
was der Große Jünger über gedankliche Lästerung und rebellisches Verhalten sagt! So etwas wird hier nicht geduldet!
Aber das werde ich dir schon beibringen!“ Er schmiss sie auf den Boden und öffnete seinen Hosenknopf. „Bitte!“,
flehte Mia, „Bitte tu mir nichts, bitte, ich werde so etwas auch nie wieder tun …“ Angsterfüllt sah sie in Johns wütend
funkelnde Augen.
Was danach geschah, war das Furchtbarste, Schrecklichste, das sie je erlebt hatte. Es tat wahnsinnig weh, war ekelig
und einfach grausam.
Als er mit ihr fertig war, ließ John sie auf dem Boden liegen und zog sich wieder an: „Ich hoffe, das war dir eine
Lehre.“, sagte er, bevor er den dunklen Kellerraum verließ und hinter sich abschloss.
Im Nachhinein wusste Mia nicht mehr, wie lange sie dort auf dem kalten Boden gekauert hatte. Es konnten drei
Stunden oder auch nur 15 Minuten gewesen sein. Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Sie fühlte sich so schmutzig,
so gedemütigt, so verletzt. Sie krümmte sich auf dem Boden, weinte und schluchzte und fühlte sich so elendig wie nie
zuvor.
Irgendwann wurde die Tür aufgeschlossen und jemand beugte sich zu ihr hinunter. Es war Fay. Mia sah, dass auch sie
geweint hatte. „Macht er das auch mit dir?“, fragte Mia mit zerbrechlicher Stimme. Fay schluckte: „Bisher noch nicht,
aber er hat meiner Schwester mal damit gedroht. Er sagt, es ist das äußerste Mittel. Nur, wenn man etwas ganz
Schlimmes macht.“ „Meine Eltern würden so etwas nie tun!“, protestierte Mia. Fay hatte wieder Tränen in den Augen:
„Der Große Jünger sagt aber, dass es manchmal nicht anders geht.“ Vorsichtig streichelte sie ihre Freundin: „Es tut mir
leid. Ich habe die ganze Zeit an dich gedacht.“ Schluchzend schlang Mia die Arme um sie. Sie wünschte sich, diesen
Tag für immer aus ihrem Gedächtnis streichen zu können. Doch er verfolgte sie - immer.
Am nächsten Tag stand eine kleine Geburtstagstorte auf dem Tisch und Fays Mutter schenkte Mia ein Kinderbuch
vom Großen Jünger. Mia versuchte zu lächeln, aber sie konnte dieser Frau kaum noch in die Augen schauen. Die letzten
Tage bei Fays Familie vergingen quälend langsam.
Als ihre Eltern zurückkehrten, fiel Mia ihnen weinend in die Arme und wollte sie gar nicht mehr loslassen. Erstaunt
fragte ihre Mutter: „Was ist denn mit dir los?“ Schluchzend berichtete Mia, was Fays Vater ihr angetan hatte. Sie
bemerkte, wie ihre Mutter blass wurde und auch ihr Vater wirkte erschrocken. Ihre Mutter nahm sie in den Arm.
„Meine Kleine …“ Tränen liefen ihr Gesicht herunter. Mia war sich sicher, dass ihre Eltern sofort eingreifen und dafür
sorgen würden, dass John bestraft würde. Sie konnte nicht glauben, dass der Große Jünger das wirklich wollte. Doch zu
ihrem Entsetzen bestätigten ihre Eltern, was Fay ihr mitgeteilt hatte. „Es tut mir leid, mein Schatz, aber so sind leider
die Regeln. Der Große Jünger hat gesagt, dass bei besonders schweren Sünden die Strafe nicht hart genug sein kann.
John scheint von Gott die Anweisung bekommen zu haben, dich auf diese Art zurechtzuweisen.“ Mia starrte ihre Mutter
entsetzt an. Ihr Vater nahm ein WGN-Lehrbuch aus dem Regal, blätterte kurz und las dann vor: „Unsere Kinder müssen
wir in großer Ehrfurcht vor Gott und der Mutter Gottes erziehen. Um sie zu aufrichtigen, gehorsamen Nachfolgern zu
machen, dürfen wir ihnen den Segen der körperlichen Züchtigung nicht verweigern. Die Kinder haben noch keinen
ausreichenden Verstand, um allein durch Worte die Wahrheit zu verstehen. Deshalb ist es unsere Pflicht und
Verantwortung, ihnen ihre Fehler durch leibliche Lektionen bewusst zu machen. Bei besonders schweren Vergehen wie
Lügen, Stehlen, Ungehorsam gegenüber dem Großen Jünger und Lästerung gegen Gott oder die Mutter Gottes sind wir
verpflichtet, entsprechend schwere körperliche Strafen, wie z.B. die sexuelle Bestrafung, zu wählen. All das dient nur
zum Besten unserer Kinder.“
„Aber Papa, ich habe doch nicht gelästert!“, widersprach Mia weinend. Doch ihr Vater schüttelte nur den Kopf und
strich ihr sanft über die Schultern: „John hätte das wohl kaum einfach so behauptet, mein Liebling. Er hat diese Vision
über deine lästernden Gedanken ja schließlich beim Zungengebet bekommen und dabei ist er so eng mit der geistlichen
Welt verbunden, dass er sich nicht geirrt haben kann. Wir können all das jetzt nicht mehr rückgängig machen, aber ich
hoffe, du hast daraus gelernt.“ Ungläubig starrte Mia in das strenge, ernsthafte Gesicht ihres Vaters und wandte sich
verzweifelt an ihre Mutter: „Aber Mama … willst du auch nichts machen?“ Ihre Mutter umarmte sie noch einmal fest,
doch entgegnete entschlossen: „Mia, du hast gehört, was der Große Jünger lehrt. John hat getan, was er tun musste. Bete
ab jetzt wieder aufrichtiger und intensiver und dann wird so etwas nicht noch einmal vorkommen müssen.“
Dieses Erlebnis hatte Mias Bild von ihren Eltern zerstört. Sie waren schon immer streng gewesen und Schläge waren
in Mias Kindheit keine Seltenheit gewesen. Aber dass sie sich an diesem Tag auf Johns Seite stellten und diese
Grausamkeit, die er Mia angetan hatte, rechtfertigten, das konnte sie nicht fassen und das bewirkte einen starken Bruch
im Vertrauen zu ihren Eltern. Sie wusste zwar nun, dass der Große Jünger gesagt hatte, diese Art von Gewalt sei
manchmal nötig und sie wusste, dass der Große Jünger sich nicht irrte. Aber ihr Gefühl sagte ihr deutlich, dass das, was
an diesem 23. August im Keller geschehen war, falsch war. Falsch und schlecht und grausam.
6
Kapitel 3
Die Zeit verstrich ohne große Vorkommnisse - ein Jahr, zwei Jahre. Mia versuchte, ihre Zweifel zu unterdrücken,
eine gute WGN-Anhängerin zu sein und oft funktionierte das auch. Sie war sehr beschäftigt - nach der Schule musste
sie mit Fay und den anderen Kindern viele Haushaltsarbeiten erledigen und danach oft Botschaften des Großen Jüngers
an Welt-Menschen verteilen. Nachmittags und abends fanden außerdem Gemeinschaftsversammlungen statt, bei denen
gebetet, in Zungen gesprochen und aus den Büchern des Großen Jüngers vorgelesen wurde. Einmal in der Woche
fuhren sie in verschiedene Städte, um an Großversammlungen der WGN teilzunehmen, bei welchen die regionalen
Leitungsjünger predigten. Abends musste sie zudem oft auf Kinder aus dem Haus aufpassen, wenn deren Eltern
beschäftigt waren.
So hatte sie kaum Zeit für ihre Schulaufgaben. Nur bei den Deutsch-Hausaufgaben gab Mia sich gelegentlich sehr
viel Mühe - nämlich dann, wenn sie etwas Kreatives schreiben sollte. Das war eine gute Möglichkeit, ihre Fantasie
auszuleben, ohne Ärger von ihren Eltern befürchten zu müssen. Schließlich waren das Hausaufgaben. Unter ihre
Aufsätze und Gedichte schrieb ihre Lehrerin Frau Kaiter Kommentare wie „Sehr schön“ oder „Erstaunlich gut.“
Eines Tages nahm Frau Kaiter Mia nach dem Deutschunterricht zur Seite: „Ich würde gern mit dir reden.“ Mia zuckte
mit den Schultern. Sie kannte diese Gespräche ja schon von ihrem Klassenlehrer. Es ging immer um das Gleiche -
darum, dass sie sich mehr integrieren und mehr bemühen sollte. Meistens sagte sie dann recht wenig und tat so, als
würde sie ihn verstehen, um das Gespräch so schnell wie möglich zu beenden. Frau Kaiter stellte einen Stuhl neben ihr
Pult: „Setz dich. Mia, deine kreativen Leistungen im Deutschunterricht haben mich sehr beeindruckt. Du schreibst
wirklich überdurchschnittlich gut.“ Mia sah sie überrascht an. Keine Standpauke? Stattdessen Lob? Ihre Lehrerin fuhr
fort: „Du bist äußerst begabt. Nur scheinst du deine Talente kaum zu nutzen. Woran liegt das?“ Mia sah verlegen zu
Boden. Was sollte sie antworten? „Die Schule ist mir nicht so wichtig … dafür habe ich nicht so viel Zeit …“ „Deine
Eltern gehören zu einer besonderen Glaubensgemeinschaft, oder?“, fragte Frau Kaiter. Mia nickte nur. Ihre Lehrerin
ließ nicht locker: „Sagen sie, dass die Schule nicht wichtig ist? Was machst du denn den ganzen Tag?“ Mia fühlte sich
in die Enge getrieben. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Frau Kaiter war ja auf dem bösen Weg. Sie konnte das
alles nicht verstehen. „Mia, bitte sag mir, was los ist. Du bist so talentiert und es wäre schade, das alles wegzuschmeißen.
Ich glaube auch, dass diese starke Isolation von den anderen Schülern dir nicht gut tut.“ Mia sah auf: „Machen Sie
sich keine Sorgen. Ich bin sehr zufrieden in meiner Glaubensgemeinschaft. Dort zählen einfach andere Werte als gute
Noten.“ „Aber du schreibst doch sehr gern, oder nicht?“ Mia zuckte mit den Schultern: „Ein wenig. Aber es gibt
Wichtigeres.“ „Würden denn deine Eltern deine Schreibbegabung nicht fördern, wenn sie wüssten, wie talentiert du
bist?“, fragte Frau Kaiter. Mia schüttelte entschieden den Kopf: „Nein. Das ist zu gefährlich.“ Ihre Lehrerin sah sie
fragend an: „Gefährlich? Was soll denn am Schreiben gefährlich sein?“ „Die Fantasie. Sie … ist riskant und … ich
möchte auch eigentlich gar nicht darüber reden.“ Frau Kaiter berührte kurz Mias Hand und ihre Stimme klang besorgt:
„Mia, ich habe dich jetzt schon eine ganze Weile beobachtet und nichts gesagt. Aber ich habe den Eindruck, dass mit
dir etwas nicht stimmt. Geht es dir zuhause wirklich gut?“ Mia zuckte zusammen. Sie merkte, dass Frau Kaiter sich
wirklich für sie interessierte. Für sie als Persönlichkeit. Das war ein merkwürdiges Gefühl, irgendwie schön. Sie spürte,
dass ihre Lehrerin ihr Verständnis entgegenbringen würde. Auch, wenn sie ihr von dem Vorfall mit John erzählen
würde. Sie war sich sicher, dass sie ihre Gefühl nachvollziehen können würde, dass sie sie darin bestätigen würde, dass
John etwas Schlimmes getan hatte. Mia spürte plötzlich eine große Sehnsucht, sich dieser lieben Frau anzuvertrauen.
Doch schon im nächsten Moment fielen ihr wieder die Warnungen von den WGN-Versammlungen ein. Sie durfte
sich auf keinen engen Kontakt zu Welt-Menschen einlassen. Das würde sie in den Machtbereich der Dämonen bringen.
Es ging nicht. Sie durfte das nicht tun. Mühsam setzte sie ein Lächeln auf: „Es ist wirklich alles in Ordnung, Frau
Kaiter. Ich werde mal schauen, ob ich mir etwas mehr Zeit für die Schule nehmen kann. Ich muss dann jetzt auch los.“
Frau Kaiter seufzte: „Okay, Mia. Wenn du doch mal reden möchtest, ich bin für dich da. Und bitte vergiss nie, wie
wichtig unsere Freiheit ist.“
Mia wandte sich schnell ab. Irgendwie berührten diese Worte sie, aber vermutlich waren sie Dämonenwerk. Schnell
versuchte sie, sich abzulenken und betete kurz zur Mutter Gottes um Bewahrung vor bösen Gedanken.
Und nun, weitere drei Jahre später, saß sie in ihrem Zimmer, um ein Uhr nachts, und hatte heimlich geschrieben. Seit
Jahren, in denen sie sich gezwungen hatte, darauf zu verzichten. Aus Angst. Angst vor ihrem Vater und vor den
Dämonen.
Aber die letzte Zeit war zu viel für sie gewesen. Dieser Drang, all das loszuwerden, aufzuschreiben, schreibend zu
durchdenken - sie hatte ihn einfach nicht mehr unterdrücken können.
Fay hatte sich in der letzten Zeit stark verändert. Es war eine langsame, aber doch unübersehbare Veränderung. Sie
war rebellisch geworden, gefährlich rebellisch. Sie weigerte sich, an Gebetsversammlungen teilzunehmen, stahl sich
nachts heimlich aus dem Haus und, wenn sie bei Versammlungen dabei war, wirkte sie äußerst teilnahmslos.
Mia wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Es war so merkwürdig. Fay war immer unkompliziert gewesen,
gehorsam und dabei fröhlich und begeisterungsfähig. Auf einmal wirkte sie so völlig zurückgezogen und schrecklich
provokant. Oft wurde sie geschlagen, in WGN-Versammlungen zurechtgewiesen und gezwungen, zu bekunden, dass sie
ihre Sünden bereue. Noch hatte sie das stets getan, aber Mia wusste nicht, wie lange noch. Sie hatte Fays Blick gesehen.
Er war kalt gewesen, wütend, voller Hass und Verachtung. Mia wusste auch nicht, wie lange die WGN ihr Verhalten
noch hinnehmen würden.
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Sie hatte große Angst um Fay. Deshalb hatte sie vor ein paar Tagen einen der seltenen unbeobachteten Momente
genutzt und ihre beste Freundin zur Rede gestellt: „Fay, was ist los mit dir? Ich verstehe dich nicht mehr.“ Fay hatte sie
nur kopfschüttelnd angesehen: „Was mit mir los ist? Das sollte ich dich fragen! Wirst du nicht auch langsam mal
erwachsen? Merkst du nicht, wie wir hier eingesperrt sind? Ich wollte länger zur Schule gehen, Mia! Ich wollte die
mittlere Reife machen, aber ich durfte nicht! Damit sie mich hier weiter unterdrücken können!“ Mia verstand gar nichts
mehr. Sie hatte immer gedacht, Fay hätte sich gefreut, endlich mit der Schule fertig zu sein. Sie war ja genau wie Mia
von den anderen Schülern und Schülerinnen gehänselt worden. Mia selbst hatte es zwar schade gefunden, nun keinen
Deutschunterricht mehr zu haben. Und auch Biologie und Geschichte fand sie so spannend, dass sie darüber gern mehr
erfahren hätte. Aber die Freude darüber, nicht mehr ständig Außenseiterin sein zu müssen, hatte doch überwogen.
Außerdem hatte ihre Mutter ihr einige Sachbücher vom Großen Jünger über die Weltgeschichte geschenkt. „Aber du
kannst dich doch auch hier bilden.“, wandte sie deshalb ein, „Es gibt doch viele WGN-Sachbücher, deine Eltern würden
dir bestimmt welche besorgen!“ „WGN-Bücher!“, Fay spuckte das Wort beinahe aus, „Du glaubst doch wohl nicht,
dass da die Wahrheit drin steht! Das ist alles zurechtgebogen, so, wie es in ihr schönes Weltbild passt. Merkst du denn
nicht, was hier gespielt wird? Dass wir unser Leben lang manipuliert wurden?“ Entsetzt sah Mia sie an: „Nicht so laut!
Was redest du da nur? Das ist Lästerung!“ Fay warf ihr einen verächtlichen Blick zu: „Lästerung? Das kann gut sein.
Und weißt du was? Es macht mir nichts aus. Im Gegenteil, ich genieße es! Ja, es ist ein tolles Gefühl, über den Großen
Jünger zu lästern! Und ich würde ihn gern mal treffen und ihm persönlich meine Meinung sagen! Bisher hatte ich nicht
den Mut, aber das kommt schon noch.“ Mia stiegen Tränen in die Augen: „Bitte sei vernünftig. Ich möchte nicht, dass
sie dir etwas Schlimmes antun.“ „Dass sie mir etwas Schlimmes antun?“, Fay lachte bitter, „ Was gibt es denn
Schlimmeres, als einem Menschen seine Freiheit zu nehmen?“
Mit den Worten hatte sie Mia stehen lassen. Oder eigentlich mit diesem einen Wort: Freiheit. Da war es wieder. Das,
wovon auch Frau Kaiter damals gesprochen hatte. Das, was so dämonisch und gefährlich und gleichzeitig so
verheißungsvoll geklungen hatte.
Mia hatte versucht, die Gedanken daran zu verdrängen, aber manchmal hatte sie sich doch innerlich gefragt, was es
wohl mit diesem Wort auf sich hat. Wenn ihre Eltern davon sprachen, meinten sie die Freiheit von dämonischen
Mächten und das war natürlich etwas Wichtiges. Aber die Art und Weise, wie Frau Kaiter und Fay das Wort
ausgesprochen hatten, schien so ganz anders zu sein - tiefgehender, umfassender. In der Schule hatten sie mal über
Menschenrechte gesprochen - über die Meinungsfreiheit zum Beispiel. Das hatte Mia nachdenklich gemacht. Gab es bei
den WGN diese Meinungsfreiheit überhaupt? Zögernd hatte sie ihren Vater darauf angesprochen, der ihr freundlich,
aber bestimmt erklärt hatte: „Aber natürlich, Mia, es ist sehr wichtig, dass uns der Staat dieses Recht gewährt - aber nur
deshalb, weil so viele Menschen auf dem bösen Weg sind und deshalb die Wahrheit nicht kennen. Daher denken sie,
unsere Meinung sei falsch. Aber weil wir WGN-Mitglieder alle die Wahrheit kennen, sind wir auch alle der gleichen
Meinung. Dieses Gesetz ist also nur nötig, weil nicht alle den wahren Glauben haben.“
Das hatte einleuchtend geklungen. Damals jedenfalls. In der letzten Zeit beschlich Mia eine merkwürdige,
beängstigende Ungewissheit, die alles, was ihr bisher so klar und eindeutig erschienen war, in ein unscharfes, nebulöses
Licht tauchte.
Sie wusste, wie gefährlich Zweifel waren. Waren Zweifel gefährlicher als Schreiben? Konnte sie mit diesen
Gedanken überhaupt noch irgendwie umgehen, ohne zum Stift zu greifen? Sie schaffte es nicht. Die Fragen wurden
lauter, drängender. Je öfter sie im Flur hörte, wie Fay von ihren Eltern angeschrien und geschlagen wurde, je öfter Fay
in den WGN-Versammlungen zurechtgewiesen wurde, desto einnehmender wurden Mias Zweifel. Sie wurden immer
schwerer, schrien in ihr und Mia spürte, dass sie, wenn sie sie nicht aufschrieb, all diese Fragen herausbrüllen müsste.
Und das war eindeutig gefährlicher als heimliches Schreiben. Deswegen hatte sie es gewagt. Es war so wohltuend
gewesen, endlich auszudrücken, was sie fühlte. Als würde sie sich jemandem anvertrauen, der ihr einfach nur zuhörte.
Als sie fertig gewesen war, hatte sie sich leichter gefühlt. Und gleichzeitig schwerer. Denn sie wusste, dass niemand ihr
Werk lesen würde. Es fühlte sich an, als schriebe sie in den Wind hinein, der ihre Worte eiligst davontrug. Niemand
würde sie wahrnehmen. In dem Augenblick fühlte Mia sich sehr einsam.
Und doch hatte sie wieder geschrieben, weil diese Frage nach der Freiheit sie einfach nicht losgelassen, sie
unaufhaltsam zum Papier gedrängt hatte.
Freiheit. Was ist das eigentlich? Ist es, wenn ich von den Dämonen nicht beherrscht werde, wie meine Eltern es
sagen?
Ich ahne, dass es mehr sein muss - eine Befürchtung und eine Hoffnung zugleich.
Kann etwas Hoffnung sein, wenn es verboten ist? Kann etwas verboten sein, wenn es Freiheit ist?
Aber ich weiß ja gar nicht, was Freiheit eigentlich ist. Es klingt so essentiell, so lebensnotwendig und doch habe ich
ja bisher immer ohne Freiheit gelebt. Sagt zumindest Fay.
Kann man so lange ohne etwas Lebensnotwendiges leben? Kann man jahrelang auf etwas Lebenswichtiges
verzichten, ohne es zu merken?
Denn wenn es eine andere Freiheit gibt, dann muss sie wichtig sein. Das spüre ich.
Ist Freiheit das, was Fay verlangt? Das Recht, eine andere Meinung zu haben als der Große Jünger?
Aber verliert sie dadurch nicht die Freiheit von den Dämonen?
Ich frage mich, ob ich frei bin; diese Frage verfolgt mich. Sie macht mir Angst und gleichzeitig ist sie aufregend und
verlockend.
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Denn wenn es eine andere Freiheit gibt, dann möchte ich sie entdecken. Dann möchte ich erfahren, was das ist.
Hört Freiheit wirklich schon da auf, wo jemand der Wahrheit nicht glaubt?
Daran muss es sich entscheiden, hier muss des Rätsels Lösung sein, der Schlüssel zu der Tür, an die ich so vergeblich
klopfe: Wie hängen Freiheit und Wahrheit zusammen?
Denn wenn es eine andere Freiheit gibt, dann ist sie mit Wahrheit verbunden.
Diese zwei Worte- sie sind ja mehr als Worte, doch ist mir ihr Inhalt so fremd -
Diese zwei so großen Worte kreisen in meinem Kopf herum, stoßen mal zusammen und bewegen sich dann
voneinander weg. Ich fühle mich schon ganz schwindlig. Aber ich brauche diese Worte. Ihnen muss ich die richtigen
Fragen stellen, um Antworten zu finden.


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