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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Wachkoma, Jasmin P. Meranius
Jasmin P. Meranius

Wachkoma


Erzählung

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im Buchhandel, Verlag Kern
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Sie hatte kaum ihre Zigarette weggeworfen,


da hörte sie auch schon etwas leise im Gras


rascheln. Sie schaute um sich, um herauszufinden,


woher das Rascheln kam. Doch sie konnte nichts


Ungewöhnliches sehen. Einen kurzen Augenblick


später raschelte es wieder. Beata blickte zum Haus


zurück. Auch dort war nichts zu sehen. Der Vorhang


über der Veranda stand an diesem Abend ganz still.


Sie lehnte sich wieder entspannt zurück. Ihre Augen


waren noch immer weit geöffnet, in die Dunkelheit


blickend. Dann hörte sie es wieder, ohne dass sie


etwas sehen konnte. Bis plötzlich eine dunkle


Gestalt neben ihr stand. Und sie reflexartig einen


lauten Schrei ausstieß.


Ohne auf den Schrecken, den sie Beata soeben


eingejagt hatte, einzugehen, setzte sich die Dürre


neben Beata auf die Hollywoodschaukel. Als


sie spürte, wie Beata daraufhin im Begriff war,


aufzustehen, packte sie sie bei der Hand und hielt sie


fest umgriffen. Sie sprach mit einer unheimlichen


Monotonie in der Stimme, als spulte man ihre Worte


von einem Tonband ab: „Du hast an Farbe verloren


in den letzten Jahren, wie ein gestrandetes, altes


Schiffswrack, dem der glänzende Lack durch die


stechende Sonne abplatzt. Ohne es zu hinterfragen.


Scheinst überhaupt nichts mehr zu hinterfragen.


Du sprichst wie eine Außerirdische, dass man dich


nicht verstehen kann – als hättest du unsere Sprache


vergessen. Verstehst nicht mehr, was wir dir sagen.


Hörst es nicht mehr. Hörst du dich selbst noch? Es ist


das Kostüm, das dich verwandelt. Doch es schützt


dich nicht. Zieh es aus, dann wird alles einfacher


werden.“


Als weiche diese fürchterliche Monotonie in der


Stimme schließlich dem puren Entsetzen, sagte die


Dürre abschließend: „Wieso hast du deine Träume


bloß ausgesetzt, Beata?“


Sie ließ Beatas Hand wieder los und stand auf. Und


verschwand so schnell in der Dämmerung, wie sie


auch gekommen war.


Die Dürre war wieder mal weg. Und Beata blieb


zurück.


Beata hatte es an diesem Abend nicht mehr bis in ihr


Zimmer geschafft. Sie versackte mit einer Flasche


Rotwein, die sie aus der Küche stahl, auf einem


der Sofas im Foyer. Die halbe Nacht ins lodernde


Kaminfeuer blickend, hatte sie sich für diesen


Abend einfach sprichwörtlich ins Koma befördert.


Was sich natürlich rächen sollte, denn sie war


todmüde am nächsten Morgen und fühlte sich


noch immer wie betäubt. Der Wein hatte zwar


allerbeste Arbeit geleistet, doch die Wirkung ließ


mit zunehmendem Kopfschmerz immer mehr nach.


Tabletten hatte sie nicht, also würde sie es mit einer


kalten Dusche versuchen.


Während das Duschwasser wie ein kleiner Platzregen


auf sie herunterprasselte, fragte sie sich, was wohl


schlimmer gewesen war – der unerklärlich vertraute


Inhalt der gestrigen Worte oder die verrückte Dürre,


die sie aussprach? Beata fand keine Antwort darauf.


Ihr Kopf war noch zu vernebelt, um einen klaren


Gedanken zu fassen.


Aber sie konnte sich am Abend vorher noch sehr


klar an das vorletzte Weihnachten erinnern. Da hatte


sie diesen heftigen Streit mit ihrer Mutter. Beata


erinnerte sich sehr gut, wie sie in der Wohnküche


standen, während die Gäste draußen im Esszimmer


auf das Dessert warteten. Ihre Mutter warf ihr


so einiges vor, während sie das Dessert in kleine


Schälchen füllte, sprach davon, sie sei ermattet,


farblos wie eine Schachfigur, stelle die falschen


Fragen an das Leben und setze falsche Prioritäten,


sehe die Karriere immer an erster Stelle. Sie spreche


eine andere Sprache, die selbst sie als Mutter nicht


mal mehr verstehe, die niemand mehr verstehe.


Sie sei verschlossen, distanziert und immer in


Abwehrhaltung. Ihr altes Wesen sei nicht mehr


wirklich zu erkennen, wenn sie nach Feierabend in


ihrer Arbeitskleidung erscheine.


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