zurück zum Buch
|
|
| Vlad. Die Dracula-Korrektur. Roman
von Dieter Schlesak
belletristik
|
| ISBN10-Nummer: |
| 3937139362 | | ISBN13-Nummer: |
| 9783937139364 | | Ausstattung: |
| Kartoniert mit Vlad-Bild | | Preis: |
| 16,20 € | | Mehr Infos zum Buch: |
| Website | | Verlag: |
| Pop Verlag, Ludwigsburg 2007 | | Kontakt zum Autor oder Verlag: |
| schlesak@tiscali.it |
|
|
|
|
|
|
Leseprobe
|
|
DAS FESTMAHL Der Gestank hatte sich etwas verzogen, der zweite Teil, der gemütliche, mit Likören, Dulceata, tödlich süßem Gebäck aus Rusciuc und Tarigrad, Halva, Serbet Kaffee, Vutca wieder, Wasserpfeifen wurden gereicht- und hereinkamen noch Clowns gesprungen und Schauspieler, die Lautari, die Zigeunerkapelle, war ja sowieso die ganze Zeit laut dabei gewesen; drei Stunden saufen und Toasts ausbringen, war nun angezeigt. Erstaunlich, dass nicht alle bei den letzten Toasts völlig besoffen unter den Tisch fielen. Man trank aus Pokalen von einer Oca (1,2 l) Größe. Außer dem Metropoliten mussten alle stehen. Dieser brachte als erstes einen Toast auf die Gesundheit des Fürsten aus. Der zweite galt dem "Kaiser" (Sultan oder wer, der Kaiser von Wien?). Dann trank der Woiwode auf die Gesundheit jedes einzelnen der versammelten Großbojaren, das ging so drei Stunden lang. Und niemand durfte den Toasttrunk verweigern, mancher ließ den Wein einfach am Mund herunter rinnen, tat als trinke er, und war schließlich völlig durchnässt, als wäre er inkontinent, Geübte ließen es ins Essen rinnen, manche hatten Schwämme am Körper angebracht. Als letztes, es war meist schon Abend, brachte der Fürst einen Toast auf Gott den Herrn aus. Dazu kam es nicht. Denn als die ersten Heiterkeitsausbrüche und besoffenen Gesänge hörbar wurden, unterbrach Vlad vom Tafelende her das laute Treiben im Saal, wo man die Luft vor Tabakrauch aus Wasserpfeifen und Vutcahauch, Schweiß und Darmdüften schneiden konnte, und es entstand eine bedrückende Stille; Vlad richtete das Wort an den ältesten Gast, es war der höchstrangige Vel Marele Postelnic, ein schon grauhaariger Zeremonienmeister; er war mit den andern Würdenträger des Hofes, die den Fürsten bedient hatten, aus einem Nebenraum, wo sie auch unter sich getafelt hatten, längst zurückgekehrt. Vlad also mit energischer Stimme, die viele als Beginn eines Prozesses und Strafgerichts schon kannten: "Wie viel Woiwoden und Fürsten des Landes hier auf diesem Thron habt ihr, Marele Postelnic, in Eurem Leben kennen gelernt?" fragte er wie aus dem Hinterhalt. Die Antwort kam hüstelnd und heiser mit Greisenstimme: "Es mögen wohl an die dreißig gewesen sein, ich habe viel gesehen und gehört in meinem langen Leben, Maria-Ta!" Und so befragte Vlad alle der Reihe nach bis zum Jüngsten, es war der zweite Spatar, der Untergebene des Marele Spatar, des Kommandanten der Kavallerie, der angeheiterte Offizier kaum älter als fünfundzwanzig, wurde so befragt: "Und Ihr, Spatar secund?" Der erhob sich, wie es sich gehörte, sagte etwas verlegen mit hoher und belegter Tenorstimme:: "Ja, Maria-Ta, es mögen wohl an die sieben gewesen sein, ich bin ja auch noch nicht lange im Amt, Maria-Ta!" Vlad klatschte in die Hände, winkte dem Tretilogofat, dem Hofschreiber, ebenfalls ein Vertrauter und neuer Mann aus der persönlichen Garde: "Lies den Hrislov, das Schreiben vor..." Alle erzitterten bei diesen Worten, denn sie wussten, dass dieses Schreiben ihren eigenen Hochverrat offenbarte. Vlad griff sich vor allem den Aufrührer der Verschwörung heraus, den Vel Marele Spatar ... Und teuflisch lachend erklärte er den für abgesetzt, und dass er nun seinen liebsten Rappen, seinen Hengst zum neuen Spatar ernenne. Ein entsetztes Gemurmel ging durch den Saal. Um den Haupthochverräter entstand eine Leere, alle wichen vor ihm zurück, allein stand er jammernd da, und fiel auf die Knie: "Gnade Maria-Ta, Gnade!" Und er rutschte auf den Knien dem Fürsten zu: "Es ist wahr, ja, ich bin ein Hochverräter, gib mir den Tod, aber verschone meine Familie, meine Söhne, meine Frau... Gnade, Gnade", winselte der Ertappte... Und die übrigen Würdenträger, Großbojaren und ihre Söhne versuchten sich der Tür zuzuschieben, einige an die Fensterreihen, um noch zu entkommen, wankend, die Fettwänste dazu, schwer vom Alkohol und den vielen Gängen. Worauf Vlad in seiner gefürchteten Art donnerte! Unheil verkündend war auch für alle, dass er den neuen Aga, den Kommandanten der Infanterie und der Palastwache und "Miliz", herbeiwinkte, und ihm etwas zuflüsterte. Den alten Aga hatte Vlad schon gleich bei Machtantritt 1456, abgesetzt, in die Wüste geschickt, und einen vertrauten Offizier aus dem neuen Bauernheer bestimmt. Der neue Aga, eine jugendliche Gestalt aus dem Volk, jetzt in hohem Rang, das hatte es noch nie gegeben, durchschritt hocherhobenen Hauptes den Saal, und wie selbstbewusst der sich der Tür zu bewegte, als käme er aus höchsten Bojarenkreisen. Vlad also donnerte und herrschte die Anwesenden an, als der Aga mit der Miliz und der Palastwache, sowie einigen Männern der persönlichen Garde wiederkam, die Soldaten und die Wache umzingelten die Hochverräter, andere postierten sich an Türen und Fenstern. Jetzt erst zeigte sich, wer die "Diener" und Höflinge waren, die zum großen Erstaunen und wider jedes Hofzeremoniell mit im Speiseraum gewesen waren, wenn auch nicht am Haupttisch des Fürsten, der Würdenträger und Gäste. Die Donnerstimme Vlads: "Führt sie ab, führt auch ihre Frauen und Kinder ab, jetzt gleich noch an diesem Abend sollen sie alle am Pfahl ihre Tat bereuen..." 7 DIE PFÄHLUNG DER HOCHVERRÄTER Jammern und Wehklagen erfüllte den Raum, doch je zwei der Diener, zum Großteil Zigeuner, Bulgaren und Albaner, hie und da auch ein Türke, ergriffen die Dickwänste und ihre Söhne und fesselten sie. In langer Reihe wurden sie hinausgetrieben, zu dem für sie so unendlich langen Weg vor die Tore der Stadt ... Allen voran der Spatar und der Postelnic, die Hauptverräter, die mehrmals hinfielen, mit Fußtritten und Peitschenhieben wieder aufgemuntert, weiterwanken mussten, der Hinrichtungsstätte zu. Spatar und Postelnic kamen mit fünf andern und ihren Frauen und Söhnen auf ein Gerüst, das während des Gelages vorbereitet worden war, hoch über Tîrgoviste auf der Stadtmauer stand es, so dass alle sehen konnten, was mit Hochverrätern geschieht; das Volk hatte es geahnt oder gewusst und wartete schon auf das Schauspiel. Die fetten Bojaren und ihre Frauen standen da wie eine Herde schwarzer Schafe, zwei lange Reihen, dicke Männer und dicke Frauen gefesselt und aneinander gekettet. Weinend, schreiend, um Gnade bettelnd, als der Fürst mit seiner Garde und dem Resthofstaat erschien, den neuen Würdenträgern, die längst gewählt worden waren und nun in Amt und Würden, aber einfach gekleidet, die Kaftane von Vlad geschenkt, je nach Rang, neben ihm standen. "Gnade, Gnade, Maria-Ta", hörte man sie im Chor, Männer- und Frauenstimmen, in allen Tonlagen durcheinander schreien. Jammern und Weinen. Nichts da. Alle mussten, flankiert von je zwei Henkern, zusehen, was oben auf der Bühne Grässliches geschah, um zu wissen, was sie noch in dieser Nacht oder spätestens am frühen Morgen an Qualen erwarten würde; sie werden sich in die Hosen scheißen, Damen und Herren, sie werden sich die Hosen voll pissen, denn da gibt’s kein Austreten, kein Pardon! Nur Peitschenhiebe und Fußtritte. Es wird nach Kacke, das Festmahl ausgeschissen, und nach Angstschweiß stinken! Und sie werden umfallen vor Müdigkeit, reihenweise, und dürfen es nicht, die Peitschen knallen immer häufiger. Apoplexie für die Fettesten, und einige wird der Schlag treffen, sie erlösen, sie hatten gute, gnädige Schutzengel des Falstaff. Vielleicht müssen sie auch nur warten, weil nicht genug dünne Eichenpfähle bereitliegen, die von Knechten noch schnell herbeigeschafft werden müssen; doch zehn liegen bereit: vier Arschien lang, doch nicht zugespitzt und nicht mit Eisen beschlagen, um die inneren Organe nicht zu verletzen, damit die Verurteilten so länger leiden, die Schau der dort oben hängenden und schreienden Fettwänste mindestens einen Tag lang dauere, zum Exempel für andere Übeltäter und Hochverräter! Die Pfähle von oben bis unten mit Talg eingefettet. Und am Gerüst Balken, zwischen die die Pfähle eingepasst werden konnten, so befestigt, dass zehn Verurteilte auf ihren Marterpfählen da hängen und wie schreckliche Schattenrisse weit in die Stadt und ins Land zu sehen sein würden. "Und die Frauen, und die Söhne, manche noch halbe Kinder!" wagte Ioan leise und demütig zu fragen, und Bernardo schloss sich ebenso angstvoll der Frage an. "Ihr habt zu schweigen! Das entscheide ich, die ganze Sippe, dieses Geschmeiß muss ausgerottet werden, sonst fängt alles bald von vorne an. Man reißt ja auch im Garten nicht nur das größte Unkraut aus, sondern alles, was dazu gehört mit Stumpf und Stiel, und möglichst tief ..." herrschte Vlad seine Berater an! Und dann gab er einen Wink, die furchtbare Zeremonie begann oben auf der Mauer mit Kreischen und Schreien, das Gerüst wie eine Schreckensbühne in der beginnenden fahlen Dämmerung, hinter der Kirche eine Ahnung vom Abendstern. Vollmond war heute zu erwarten. Das hatte Ioan seinem Herrn noch zugeflüstert, ihm auch gewagt zu sagen, es sei kein gutes Omen, die Sterne ständen schlecht. Doch Vlad sagte fast trotzig, "langweile mich nicht", es sei ihm völlig egal. War’s ihm aber nicht, das sah man seinem wie eine teuflische Maske wirkenden totenblassen Gesicht an, das Zorn, Erregung, Entschlossenheit, aber auch eine seltsame Gleichgültigkeit ausdrückte, als ginge ihn dies alles letztlich nichts an. Und diese Nacht sollte auch der Anfang seines Unglücks und Untergangs sein! Ioan wusste das genau, konnte aber nichts verhindern, und das stimmte ihn in seiner Ohnmacht tieftraurig, ja, wütend, und Bernardo auch; sie wollten sich nun drücken, doch brutal hielt sie der Fürst zurück: "Ihr bleibt!" Sollten auch sie das furchtbare Exempel hier mit ansehen müssen, traute er letztlich auch ihnen nicht?! Ein Untergebener des Aga befehligte 20 Henker. "Wenn ihr das nicht schnell und gut macht, und die Verräter bis zum morgigen Mittag noch leben, kommt ihr selbst auf den Pfahl", drohte der Fürst, der mit den Hauptleuten seiner Garde und dem neuen Aga ebenfalls gleich unmittelbar neben dem Gerüst auf der Mauer stand! Und vor allem den zitternden Spatar und auch den Postelnic, der von zwei Henkern, einem riesigen Zigeuner und einem kleinen Bulgaren, gestützt werden musste, Hassvoll und fast schadenfroh beobachtete, sie hätten ihm ja ein ähnliches Schicksal zugedacht, vielleicht lebendig begraben werden, selbst das Grab schaufeln, wie es seinem älteren Bruder Mircea geschehen war?! Oder auch lebendig begraben und später den Pfahl einschlagen, um das Leiden mit Luftzufuhr zu verlängern? Oder auch gepfählt? Wer weiß? Ringsum in gehörigem Abstand auf der Mauer, auf den Hausdächern, den Bäumen und in den Fenstern der höchsten Häuser, doch auch vor der Mauer und auf den Straßen das neugierige Volk, das die Massenpfählung wie ein dramatisches Theaterspektakel erwartete, abgesperrt die Hinrichtungsstätte durch leichte Reiter den "strajeri" und der persönlichen Garde Vlads. Das Volk reckte die Hälse, schob und drängte näher, drängte und stieß, um möglichst gut zu sehen und zu hören. Zu hören war unerträglich viel: Die Luft war vom Jammern und Schreien und Weinen erfüllt, dazu blies ein starker Ostwind, vermischte sich mit den klagenden Menschenstimmen. Dass Gotterbarm. Knebel wären besser gewesen! "Doamne Miluieste", hört man die Frauen beten. Da wurde den fünf fetten Frauen und Männern oben befohlen, sich mit dem Gesicht nach unten hinzulegen, niemand tat es freiwillig, nur unter Hieben und Stößen; den dicksten Bojaren, es war der Hofmarschall, musste man unter Ächzen und Stöhnen richtig hinlegen, wie ein zu schlachtendes Tier. „Je zwei Zigeuner banden an jeden Fußknöchel der Verurteilten einen Kälberstrick. Dann begannen sie, wie befohlen mit dem Dicksten, dem Postelnic, zogen den Kaftan hoch, bis der ungeheuer fette Hintern sichtbar wurde, irgendein Beinkleid schien er auch anzuhaben, sie spreizten ihm die Beine weit auseinander. Und dazu sah man, wie ein Dritter, es war der Agauntergebene Radu Mire, der so ausnahmsweise beauftragt war, der legte einen eingefetteten Pfahl auf zwei kurze Rundhölzer, die Pfahlspitze wies nun genau zwischen die aufgedunsenen geröteten Beine des Vel Marele Postelnic Cretulescu, Mire zog ein kurzes breites Messer aus dem Gürtel, kniete sich vor den ausgestreckten Todeskandidaten, stach und schnitt unter dem tierischen Gebrüll Cretulescus rein in das Beinkleid und in den Anus, den er brutal "erweiterte", Rauschnitt. Ioan wandte sich ab, als der gefesselte Körper unter dem Messerschnitt erschauerte und sich trotz des schweren Gewichts unter dem furchtbaren Schmerz bis zur Hüfte aufbäumte, sofort aber zurückfiel und mit großem Krach auf die Brettertribüne aufschlug, dass das ganze Gerüst wie unter einem Schlag erzitterte. Der hochgestellte Henker ließ sich davon nicht aufhalten, er sprang auf, ergriff einen der großen Holzhämmer, die an der Bretterwand lehnten, und begann auf das untere Ende des Marterpfahls einzuschlagen, der nun langsam in die blutende Wunde eindrang; Cretulescu war so erschöpft, dass er nach einem einzelnen schrecklichen spitzen Tierschrei, nur noch schwer atmend stöhnen konnte ... und weiter nur noch "Oleo, Oleo Mama, Gnade, Gnade... Muttergottes steh mir bei... Gnade... ohhhhhh... Herr, Maria-Ta... Gnade, Gnade" wimmerte. Ioan blickte zum Fürsten hinüber, dessen Gesicht war unbeweglich starr und mitleidlos, doch etwas wie Genugtuung machte sich auf den bleichen Zügen bemerkbar. Der Aga übergab dann einem der Zigeuner den Hammer, der war noch vorsichtiger, nach jedem zweiten Schlag sah er sich zuerst den Körper, der sich zusammenkrampfte und aufbäumte, dann den Pfahl an, es durfte ja kein lebenswichtiges Organ verletzt werden! Bei jedem neuen Schlag krümmte und buckelte sich die Wirbelsäule des Gefolterten, doch die beiden Zigeuner mit den Kälberstricken, zogen die Beine wieder auseinander und streckten ihn zu Boden. Nur Vlad und seine Suite konnten hören, wie Cretulescu mit der Stirn auf den Bretterboden schlug, Blut und Kot kam aus der Wunde, strömte auf den Boden, tropfte auf die Stadtmauer, und dazu ein ungewöhnliches, noch nie gehörtes Geräusch, die Schmerzensmusik des fetten gequälten Körpers, nein, kein Todesröcheln oder Wehklagen, der gefolterte Körper gab ein Knarren und Knirschen von sich, wie ein trockner Baumstamm, der bricht. Nicht nur Ioan und Bernardo, auch vielen der Kriegsgewohnten Männer zitterten die Beine, sie hatten ganz blasse Gesichter und die Finger wurden eiskalt. Viele Frauen aus dem Volk beteten und weinten. Wie es den zuschauenden Bojaren und ihren Frauen erging, kann niemand nachfühlen; Frauen wurden weinend ohnmächtig, sanken zu Boden, die Henker ließen es sogar zu, und ein Vornic bekam einen Herzanfall und starb unter Krämpfen... Aber die meisten erstarrten, wirkten wie halbtot vor Angst... jeden Schlag fühlten sie im eigenen Darm wie glühendes Eisen. Der Henker sah, wie sich am linken Schulterblatt die Muskeln spannten, die Haut sich hob, er legte den Hammer beiseite, nahm das Messer und machte einen tiefen Schnitt, dann trieb er den Pfahl so weit, dass er eine Handbreit sichtbar wurde, wie ein Lamm am Spieß, so lag der Marele Postelnic da, merkwürdig verkrampft und steif der ganze Körper nun wie ein Brett. Die Zigeuner drehten ihn auf den Rücken. Der Aga ging und sah dem Gefolterten ins Gesicht, ob er noch lebe, ja, das Gesicht aufgedunsen, die Augen weit aufgerissen, ebenso der Mund, als müsse er nach Luft schnappen, die Lippen im Krampf erstarrt. Sie banden ihm die Füße am Pfahl fest. Dann hoben sie unter einem kraftlosen Schrei des Mannes, vorsichtig den Spieß, steckten ihn in die vorbereitete Balkenritze und nagelten ihn fest. Vlad winkte den Aga zu sich heran, der beugte sich über das Gerüst hinab zum Fürsten. Vlad schien unzufrieden. Beim nächsten Opfer, es war nicht wie erwartet eine Frau, vielleicht die fette jupâneasa Cretulescu, oder eine der schönen jungen Damen, wie es einige der geilen Männer erwartet hatten, sondern der Vel Marele Spatar; und der wurde nun genau wie sein Vorgänger behandelt, nur – der Eichenpfahl wurde ihm, nach Vlads bewährter Art, etwa sechzig Zentimeter in den Anus getrieben, dann der eingefettete Pfahl neben dem jetzt wieder schreienden Cretulescu aufgerichtet, während der Kavalleriekommandant nur stöhnte, keinen Schrei von sich gab, doch sein eignes Gewicht, der Fürst hatte es befohlen: sein Körpergewicht, das erheblich war, wie seine Verbrechen, ihn langsam hinabzog, dass der Tod sich immer mehr in seinen Leib bohrte... das Ende aber die einzige Erlösung sein sollte!
|
|
Klappentext
|
|
Schlesak hat die Hand immer am Puls der Zeit. Auch in „Vlad. Die Dracula-Korrektur,“ seinem neuesten Buch. Und was wäre natürlicher für einen Transylvanier, als über die Verballhornungen und Verkitschung dieses Themas zu schreiben: Denn „Dracula“ ist inzwischen zu einem Symbol für Kitschliteratur geworden und zum Symbol der Vermarktung von Schund. Und das ist falsch. Denn was hier vermarktet wird, ist ja letztlich weder Kitsch, noch Schund, und nicht einmal ein Märchen, keine Legende, "ES" bedroht jeden einzelnen von uns, ist unerbittlich und gnadenlos wirklich erwartet jeden: der Tod. Und man muss sich fragen: Kommt daher diese enorme Wirkung des Sujets!? Viele Todes- und Begräbnisritualien sind nur aus Angst vor Gespenstern entstanden, etwa dass der Verstorbene ein Widergänger ist, hier umgeht. Und dies Sujet ist so alt wie die Menschheit. Stokers Romanerfolg hat hier seine Ursache. Sehen Sie sich bitte auch Schlesaks sehr lesenswerte Bücher an: „Der Verweser“, (Ein spannender Italien-Roman), „Romans Netz“, ein Liebesroman (Über die verheerende Wirkung von Chat und Mail auf unsere Gefühle!), und „Capesius, der Ausschwitzapotheker“ (Capesius war der Apotheker seiner Heimatstadt in Transsylvanien). Schlesak hat die Hand immer am Puls der Zeit. Auch in „Vlad. Die Dracula-Korrektur,“ seinem neuesten Buch. Und was wäre natürlicher für einen Transylvanier, als über die Verballhornungen und Verkitschung dieses Themas zu schreiben: Denn „Dracula“ ist inzwischen zu einem Symbol für Kitschliteratur geworden und zum Symbol der Vermarktung von Schund. Und das ist falsch. Denn was hier vermarktet wird, ist ja letztlich weder Kitsch, noch Schund, und nicht einmal ein Märchen, keine Legende, "ES" bedroht jeden einzelnen von uns, ist unerbittlich und gnadenlos wirklich erwartet jeden: der Tod. Und man muss sich fragen: Kommt daher diese enorme Wirkung des Sujets!?
|
|
Rezension
|
|
Dieter Schlesak. VLAD. Die Dracula-Korrektur. Roman. Ludwigsburg (Pop) 2007, 199 S., 16,20 € (3-937139-36-4) „Im realen Rumänien kannten die Einheimischen nie einen ‚Dracula’, auch Vampire wurden bisher keine gesichtet. Selbst der Nationalheld Vlad Tepes Draculea (sprich: Wlad Tsepesch Drökulea), genannt „der Pfähler“ und Stokers Dracula-Vorbild, hat sich hier in den letzten Jahren nicht die Ehre gegeben; schließlich ist er schon seit 500 Jahren tot. Für Stoker und die Filmwirtschaft bleibt er jedoch stets der transsylvanische Ahasverus, der nicht sterben kann.“ (S. 173) Wer Dieter Schlesaks historischen Roman, angelockt von dem faszinierenden und zugleich ernüchternden Titel, zur Hand nimmt, der sollte zuerst mit der Lektüre des in jeglicher Hinsicht aufschlussreichen Nachwortes beginnen. Der Autor, so wie der legendäre Draculea im siebenbürgischen Schäßburg geboren, begab sich in den 1990er Jahren, während eines Besuchs in seiner Heimatstadt, auf die Spuren des historisch verbürgten und mythisch umwölkten Fürsten Dracul, Ritter des Drachenordens, der von seinem Vater Vlad II. den Namen Dracul, rum.: der Teufel, geerbt hatte. Diese in der europäischen Kultur und Mediengeschichte so mystifizierte Gestalt, die realiter zwischen 1431 und 1476 lebte, und sich seit dem frühen 19. Jahrhundert in ein fiktional aufgeladenes Gruselmonster verwandelte, wurde auch zum Inbegriff einer zeitlosen Geisterlandschaft Siebenbürgen, in der angeblich Vampire zur schaurigen Wonne von Schriftstellern, Filmregisseuren und Sensationstouristen lebten. Spätestens seit Abrahams Bram Stokers Briefnovelle „Dracula“, 1897 auf der Grundlage eines inspirativen Besuchs von Slains Castle bei Aberdeen publiziert, geistert die Figur des „Grafen“ Dracula durch Romane, Gedichte und seit den frühen 20er Jahren auch durch unzählige Spielfilme. Und obwohl, wie Schlesak recherchierte, der „rumänische Gelehrte Grigore Nandris … auf einem Kongress in New York (1963) den ‚historischen Dracula’ und dessen Identität (aufdeckte) … und im Anschluss daran es … zu einer Demythisierung“ (S. 176) kam, fehle es an einer fairen Auseinandersetzung mit der realen Gestalt Draculea. Denn deren verfälschtes Image werde weiterhin von Sensationsgier und Zugeständnissen an den Publikumsgeschmack genährt. Schlesak demontiert in seinem Nachwort die zahlreichen Fälschungen und Legenden um Vlad den Pfähler, wobei er sich zahlreicher Quellen bedient, in denen der Todes- und Blutfürst mit sehr unterschiedlichen Wertungen versehen wurde. Er verweist explizit auf die deutsche spätmittelalterliche Literatur, in der die älteste Quelle bei Marcus Ayrer in Nürnberg um 1488 (!) gedruckt wurde, er nennt den Straßburger Druck von 1500, wo Vlad unter seinen gepfählten Opfern speist, er zitiert Stephanus Gerlach, ein Zeitgenosse Vlads, der in seinem „Türkischen Tagebuch“ die schreckliche Folter en detail beschreibt und er setzt sich mit der Dracula-Handschrift in der Stiftbibliothek St. Gallen auseinander, die angeblich zwischen 1460 und 1470 von zwei Mönchen aufgezeichnet worden sei. Trotz solcher grauenerregenden Quellen bleibt der Autor in kritischer Distanz zu den schriftlichen Zeugnissen, obwohl er sie ausgiebig in seiner Romanhandlung benutzt. „Die (meist erfundenen) Scheußlichkeiten des Vlad Draculea, …, sind grausame Fiktion.“ (S. 185f.) Mit dieser Feststellung verweist Schlesak auf die Wirkungsweise einer mittelalterlich geprägten Phantasie, die zwischen pathologischem Ergötzen an Hinrichtungen und Folter und dem Versuch schwankte, der historisch verbürgten Gestalt des Fürsten Vlad eine annähernd gerechte Position in der wirren Geschichte zu verleihen. Der Heerführer Vlad Draculea II, der sich zwischen den Großmächten des osmanischen Reiches und des ungarischen Königreichs unter Matthias Corvin zwischen 1458 und 1464 mit Gewalt, List und Tücke behaupten wollte, ist aufgrund von Verrat und gefälschten Briefen zwölf Jahre Corvins Gefangener. An diesem Versuch seien die zahlreichen Dracula-Filme des 20. Jahrhunderts insofern gescheitert, als sie wesentliche, die historische Tragödie des globalen Verrats (!) ausgeklammert hätten. Sie diene bei Curtis und auch bei Francis Ford Coppola nur als pittoresker Hintergrund, der mit blutigen Szenen, verkitschten Liebesgeschichten und Vlad als hasserfülltem Untoten aufgefüllt worden sei. Die eigentliche Tragödie um Vlad jedoch, der Verrat seines Bruders Radu und seines Vetters Stefan sowie die ausbleibende Hilfe des ungarischen Königs Corvin, der ihn jahrelang als Gefangenen in der Festung Višegrad bei Budapest hält, habe keine der Filme in Bilder umgesetzt. Schlesak unternimmt im Anschluss an seine Kritik den lobenswerten Versuch, die von literarischen und filmischen Texten entstellte Figur einer interpretatorischen Analyse auszusetzen. Sein Fazit ist ernüchternd und desillusionierend: „Heute sind Draculas Schauergeschichten zu Fertigteilen der Kulturindustrie und der Werbung geworden, Stereotypen, die an alte Ahnungen appellieren, um neue Lüste zu wecken und zu verkaufen. Was hier vermarktet wird, ist das Geheimnis von Liebe, Sex und Tod auf niedrigster Ebene. Alpträume. Monster, Un-Tote und Phantome drücken das aus, was wir uns nicht eingestehen wagen, Heimlichkeiten und geheime Wünsche, von Todesängsten bis zu Erlösungshoffnungen, dazu Sehnsucht nach ungehemmtem Ausleben aller Begierden. Dracula ist ein Pendant zu Dr. Freud: ein großer Entlarver des Trieblebens.“ (S. 192f.) Und die Moral aus dieser offenbarten Erkenntnis? Die Rückkehr Draculas als Konsum-Vampir in einem nahe bei Schäßburg geplanten Vergnügungspark ist dank zahlreicher Proteste in den Jahren 2002 und 2003 verhindert worden. Wird nun stattdessen ein Dracula-Schloß für Touristen in den transsylvanischen Karpaten gebaut? Was leistet angesichts der Einsicht in den Zynismus der Geschichte da ein Roman, der einen doppelten Titel trägt? Er verweist auf einen kognitiven Anspruch, etwas zu korrigieren, was als Fälschung entlarvt wurde. Tritt Dracula somit als Gegenpol zu VLAD auf? Wie wirksam aber erweist sich die Demontage einer Fiktion zugunsten eines historisch verbürgten, gewalttätigen mittelalterlichen Herrschers? Mit welchen erzählerischen Mitteln wird sie umgesetzt? Am Anfang steht die Person des „Matthias Rotarius, Curryfex oder Wagner, geboren 1425 in Crinen/Kronstadt, Kaufmann und Zunftmeister, mein Vorfahre, starb im Alter von vierunddreißig Jahren als Gepfählter des Vlad Draculea.“ (S. 7) Mit ihr identifiziert sich der Ich-Erzähler, indem er die mittelalterliche Folter-Prozedur en detail beschreibt und sich psychisch und körperlich in das Leiden des gepfählten Opfers versetzt. Dabei gelingt es ihm, auch die Schaulust des gaffenden und mitleidenden Volkes zu erfassen. Danach wendet sich ein Wir-Erzähler an den Leser, um die Ereignisse des Jahres 1459, in dem Matthias Rotarius zu Tode kam, eingehend zu schildern. Dieser Perspektivenwechsel vom subjektiven, nachempfundenen Erleben zur historisch relativierenden Distanz zeichnet Schlesaks Romanhandlung in den folgenden Kapiteln aus. Es wechseln sich anschauliche Schilderungen von Kampfhandlungen und Handelsbeziehungen zwischen dem rumänischen Okzident und dem osmanischen Orient mit Auszügen aus Chroniken ab, Astrologen und Patres tauschen ihre Meinungen über den Fürsten Vlad aus, der Ich-Erzähler mischt sich in die Gedankenwelt seiner Vorfahren, denen er bescheinigt, dass sie die Erfinder der Dracula-Legende gewesen seien. Sie hätten mit ihrer Geschichtsvergessenheit ihren Beitrag zur mythisierten Legende um die historische Figur geleistet. Deshalb tauchen in der vielschichtigen Erzählhandlung immer wieder Fragesätze auf, in denen der Ich-Erzähler die Authentizität der in den Chroniken „verbürgten“ Berichte bezweifelt. Diese methodisch durchdachte Dekonstruktion des schriftlich fixierten historischen Prozesses kommt dem Roman insofern zugute, als der Leser immer wieder aus der fiktional aufgeladenen Lektüre herausgerissen wird, sich rumänischen, lateinischen oder mittelhochdeutschen Textfragmenten gegenübersieht, die manchmal nicht übersetzt (S. 16), dann auch wieder, aufgrund ihrer Übertragung ins Deutsche, der Handlung eine reizvolle Buntheit verleihen. So z.B. wenn sich Pater Bernardo an seine Schulzeit von Vlad in der Spitalsschule, einer Lateinschule im Schäßburg der 1430er Jahre, erinnert und walachische und lateinische Begriffe in den Redetext einfließen lässt (Vgl. S. 82-84). Solche Passagen werden unterbrochen durch Berichte über die Recherchen des Ich-Erzählers, der sich in der Gestalt des Autors über mittelalterlichen Sitten und Bräuche im Stadtarchiv seiner Heimatstadt informiert. Dieser Ich-Erzähler stellt in seinem abschließenden Bericht über die Gefangenschaft des Vlad Draculea in den Verließen des ungarischen Königs Matthias Corvin auch in die schizoide Vorstellungs- und Handlungswelt seines düsteren Helden dar. Erstaunlicherweise hatte Vlad nicht nur das Vertrauen seines Kerkermeisters gewonnen, weil ihn dieser als militärischer Berater einsetzte. Er durfte auch Corvins Schwester Elisabeth heiraten. Ihre Beziehung gerät in den Schilderungen des Erzählers dabei zu einer Mischung aus einer Freudschen Psycho-Pathogenese und einer wollüstigen Show (…).Die ohne Zweifel reizvolle Zurschaustellung mittelalterlicher erotischer Ausschweifungen steht somit im Widerspruch zur intendierten Dekonstruktion eines Mythos, zu dessen Entlarvung der vorliegende Roman in überzeugender Weise beiträgt. Ungeachtet eines solchen Einwurfs ist festzuhalten, dass die Dracula-Korrektur aufgrund der gründlichen Recherche, der einfühlsamen Beschreibung mittelalterlichen Lebenswelten und der Verwendung von unterschiedlichen Erzählern einen spannenden Einblick in eine von Mythen entstellte Geschichte bietet. Prof. Dr. Wolfgang Schlott (Universität Bremen)
|
|
|