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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Toll Schreiber und andere Kurzgesch, Zsolt Majsai
Zsolt Majsai

Toll Schreiber und andere Kurzgesch



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Sie stieg die Treppe nach oben und betrat, nur kurz zögernd, bevor sie die Schuhsohle aufsetzte, die dunkel-metallisch glänzende Oberfläche der Plattform. Entfernt glitzerten die Sterne, ihre Lichter in die Plattform spiegelnd. Sandra schaute sich um und spürte eine wohltuende Vertrautheit mit dem Anblick der endlos scheinenden, dunkel leuchtenden Plattform. Während unter ihr der heiße Wüstensand tobte, ließ sie den Plattformzugang hinter sich und marschierte auf das beängstigend anmutende Gebilde zu, von dem sie wusste, dass es das einzige Wesen beherbergte, das ihr nun helfen konnte.


Als sie es erreichte, blieb sie kurz stehen und betrachtete die Formen des Kristallschlosses, die nicht nur ein wenig so wirkten, als wären sie während einer misslungenen LSD-Sitzung entstanden. Damit passten sie aber ganz gut zu der Plattform und der Ebene des Seins, auf der sich Sandra befand. Sie trat auf eine der vielen Wände zu, und als diese sich öffnete, befand sie sich im Inneren des Kristallschlosses. Warme Dunkelheit umspülte sie, und während ihre physischen Sinne vollständig deaktiviert waren, konnte ihr Bewusstsein den Bewohner des Schlosses deutlich wahrnehmen.


"Was suchst du?" fragte das kristalline Schlossbewusstsein in Sandras Gedanken hinein, damit beeindruckend demonstrierend, dass es Sandras Wünsche kannte und ihr dennoch die Möglichkeit gab, für sich selbst zu denken und sich zu entscheiden, was sie ihm mitteilen wollte.


"Mich", dachte Sandra die Antwort.


"Das ist nicht wahr!" erwiderte das Kristallnetz aufbrausend. "Lüg dich nicht an!"


Sandras Geist zerfloss erschrocken, und es dauerte eine Weile, bis er sich wieder neugebildet hatte. Gedanken formten sich und wurden zu Klarheit. "Du hast recht. Ich weiss nicht, was ich verloren habe. Ich spüre nur den Verlust. Dass ich es wiederfinden muss, bevor mich der Verlust zerstört."


"Vielleicht ist es kein Verlust, sondern ein Gewinn", erwiderte das Kristallnetz sanft.


"Aber wie soll ich das wissen?" fragte Sandra verzweifelt.


Das Kristallnetz gab keine Antwort. Doch nach einiger Zeit, die Sekunden, Stunden oder Jahre sein konnten, veränderte es sich, wurde hell und durchsichtig, spürte Sandra ihren Körper wieder, schmeckte, roch, sah, hörte und fühlte. Sandra bemerkte, dass sie sich nun an einem anderen Ort befand, überhaupt sich irgendwo befand, und versuchte zu erkennen, wo. Sie roch Schweiß. Sie hörte Stöhnen. Sie sah Farben. Sie fühlte Schmerz. Und sie schmeckte Tod. Sie kämpfte sich aus dem wogenden Meer der zuckenden Leiber heraus, drehte sich dann um und betrachtete die sterbenden Kreaturen. Sie waren nackt, sahen aus wie Menschen, doch weil ihnen die Seele fehlte, wurden sie wieder der Urmasse zugeführt. Die Körper starben und damit die Kreaturen endgültig. Ausschuss.


Sandra suchte den Ausgang, als sie den fand, gelangte sie durch ihn auf einen kühlen Gang. Hier war nichts vom Todeskampf zu bemerken, nur eine sich dem Ende zuneigende Neonlampe flackerte verzweifelt um die letzten Energiequanten. Sandra entschied sich für eine Richtung und erreichte nach langer Zeit, die aus Stunden oder Tagen bestehen konnte, eine dicke Stahltür. Entgegen ihrer ersten Befürchtung ließ sie sich mühelos öffnen. Dahinter befand sich ein abgedunkelter Raum mit einem Sarg in der Mitte, der von einem schwarzen Licht angestrahlt wurde.


Sandra trat zum Sarg und schaute hinein. Er war leer.


"Was du suchst, ist hier nicht", sagte eine Stimme.


Sandra fuhr erschrocken herum. An die Wand gelehnt stand ein alter Mann in einem Frackanzug und mit Zylinder auf dem Kopf, Stock in der Hand. Mit dem Stock deutete er auf eine zweite Tür, die nun aufschwang. Dahinter ein mit schwarzen Samtvorhängen ausstaffierter Raum, der Boden weich belegt und zwischen rotglühenden Kissen ein Gesicht, aus dessen Mund flüsternd rufend Sandras Name erklang.


Sandra trat durch die Tür, die hinter ihr sich schloss.


Sandra folgte der Aufforderung des Gesichts, näher zu kommen und blieb so stehen, dass ihre Schuhspitzen das Kinn berührten. In diesem Augenblick hoben sich die Samtvorhänge und enthüllten den Blick auf Tausende von Bildschirmen, die Ausschnitte der Welt zeigten. Zu sehen waren Galaxien, Planeten, Lebewesen aller Art und Größe, wie sie miteinander interagierten: Planeten, die sich telepathisch über Sonnensysteme hinweg miteinander unterhielten, genau so wie Menschen oder Menschenähnliche, die auf primitive oder fortgeschrittenere Arten miteinander kommunizierten. Selbst Sternengruppen, die sich zu einem Bewusstsein zusammenschlossen, konnten mit anderen Wesen reden, sofern diese in der Lage waren, die Signale zu empfangen und als Signale zu begreifen.


"Täglich kommen neue Teilnehmer dazu", sagte das Gesicht. "Die Fortentwicklung ist ein ständiger Prozess, früher oder später sind alle Wesen des Universums in der Lage zu verstehen und zu kommunizieren. Deine Rasse, Sandra, die Erdenmenschen, gehören seltsamerweise zu denen, bei denen es besonders lange dauert. Warum? Erdenmenschen haben ein hochentwickeltes Bewusstsein, weigern sich aber, davon Gebrauch zu machen. Das ist irritierend. Es scheint, als hätte das menschliche Kollektiv vor langer Zeit ein Trauma erlitten, das ihm den Willen zur Weiterentwicklung geraubt hat. Wenn das so weitergeht, müssen wir noch einen Psychiater zur Erde schicken, der das Kollektiv regeneriert. Du weisst, was passiert, wenn die Entwicklung nicht bald weitergeht?"


"Nein, weiss ich nicht." Sandra schüttelte den Kopf.


 


"Dann müssen wir die Erdlinge deaktivieren. Sie stören das Gleichgewicht. Das möchten wir natürlich nicht, deswegen werden wir erst andere, regenerative Maßnahmen versuchen bzw. haben schon einige probiert, aber alle sind bislang gescheitert. Ihr seid sehr lernresistent."


"Das tut mir leid", erwiderte Sandra bedrückt.


"Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Wir sind euch ja nicht böse. Wir wundern uns nur."


"Und warum bin ich hier?"


Das Gesicht lächelte. "Darum. Weil du schnell begreifst und nicht lange um den heißen Brei herum redest. Du stellst die richtigen Fragen. Du wirst unsere Psychiaterin sein."


"Ich?" fragte Sandra erstaunt. "Aber ich bin doch nur ein Mensch!"


"Natürlich. Wen sollen wir sonst schicken? Einen Mond, oder einen anderen Planeten? Nein, in solchen Fällen bilden wir immer jemanden aus der Rasse aus, die geheilt werden soll, weil nur so sichergestellt ist, dass die entsprechenden Rassemitglieder zumindest potentiell die Möglichkeit haben, das zu verstehen, was der Psychiater ihnen erzählt. Nicht immer funktioniert das, unser letzter Versuch vor 2000 Jahren irdischer Zeitrechnung ging gründlich daneben und der arme Kerl musste ziemlich leiden. Schlimmer noch, alles, was er gesagt hatte, wurde von einem Verein machtsüchtiger Menschen umformuliert und umgedeutet und als Waffe zur Beherrschung großer Massen missbraucht. Zum Glück war dieser Psychiater im Gegensatz zu dem, was ihm zugeschrieben wird, sehr aktiv im Umgang mit Frauen, so zeugte er viele Nachkommen, die ihrerseits Nachkommen zeugten oder empfingen. Eine davon bist du, deswegen haben wir dich, angesichts deiner intellektuellen und emotionalen Fähigkeiten, ausgesucht. Stellst du dich zur Verfügung?"


 


 


"Darüber muss ich nachdenken", schluckte Sandra. "Die modernen Foltermethoden sind ausgefeilter als Dornenkronen..."


„Gehst du denn davon aus, dass du auch nicht mehr Erfolg haben würdest als dein Vorfahr?“ erkundigte sich das Gesicht süffisant.


„Hm...“ Sandra dachte über eine gute Antwort nach und sagte schließlich: „Ich bin mir nicht sicher, ob und in welche Richtung sich die Erdlinge seitdem weiterentwickelt haben.“


„Bist du der Ansicht, dass wir uns die Mühe sparen und die Erde gleich deaktivieren sollten?“ Das Gesicht ließ nicht erkennen, wie ernst die Frage gemeint war, und Sandra wurde sich der Tatsache bewusst, dass möglicherweise, so die Frage ernst gemeint sein sollte, sie gerade über das Schicksal von geschätzten 6 Milliarden Menschen entschied. Dies führte zu erhöhter Hautfeuchtigkeit, besonders zwischen den Brüsten.


„Vielleicht...vielleicht haben sie sich ja doch in die richtige Richtung entwickelt“, bemerkte sie, nachdem sie ihre Stimme wieder unter Kontrolle hatte.


Das Gesicht lächelte. „Jetzt hast du dich aber fast bepisst vor Sorge. Nun beruhige dich, so schnell deaktivieren wir nicht. Wenngleich ich mir mehr als sicher bin, dass die meisten Erdlinge sich eher zurückentwickelt haben. Allerdings ist dies durchaus normal. Uns macht mehr das Zeitlupentempo Sorgen, in dem das ganze immer noch abläuft. Als wären alle auf der Erde wie gelähmt. Aber gut...du hast unsere Frage noch nicht beantwortet.“


Sandra lüftete ihre Lungen, dann fragte sie statt zu antworten: „Wer bist du eigentlich? Gott?“


Das Gesicht lachte herzhaft. „Ach was. Gott ist nur eine Märchenfigur, die wir ins Spiel gebracht haben, um den weniger entwickelten Wesengruppen eine modellhafte Vorstellung darüber, wie es wirklich ist, zu ermöglichen.“


„Und wie ist es wirklich?“ Sandra ließ nicht locker.


„Wirklich? Hm, was verstehst du eigentlich unter wirklich? Glaubst du ernsthaft, es gibt sowas wie Wirklichkeit? Das ist doch bloß ein imaginatives Konzept des menschlichen Bewusstseins, genau wie Träume es sind, wie Tod oder Leben. Nein, Wirklichkeit existiert einfach nicht.“


„Aber ich bin doch hier und unterhalte mich mit dir!“


„Tust du das? Bist du dir dessen so sicher? Es ist die Art, wie du es wahrnimmst, weil du es nur so erfahren kannst. Aber wie ich es erfahre, dass ist eine ganz andere Sache. Versuch dir ein philosophisches Gespräch zwischen einem Doktor der Philosophie und einer Einjährigen vorzustellen, wobei du die Einjährige bist, dann weisst du im Ansatz, was wir hier tun. Nur ist es eigentlich, aus deiner Perspektive, noch sehr viel komplizierter und komplexer.“


„Jetzt bin ich motiviert...“ Sandra trat zurück, bis sie mit dem Rücken gegen die geschlossene Tür stieß.


„Och...komm schon, so schlimm ist das nun auch wieder nicht. Du kannst ja dafür sorgen, dass aus den Menschen mal Zweijährige werden, wenn du den Job annimmst.“ Das Gesicht lächelte verführerisch.


„Wie soll ich denn soviele Menschen überzeugen? Mein Vorfahre hatte es leichter, da waren es sehr viel weniger...“


„Bist du sicher? Außerdem hatte er kein Internet zur Verfügung. Wie lautet deine Antwort also? Ja oder nein?“


Sandra biss auf ihre Unterlippe und spürte die tiefe Verzweiflung in sich aufsteigen, die anzeigte, dass sie eine Entscheidung treffen musste, zu der ihr der Mut fehlte. Dann kam die Wut. Es spielte nur für sie allein eine Rolle, welches der beiden Worte sie aussprach, für die Erde war es egal. Nur um sie ging es jetzt, und nur sie musste sich entscheiden – für sich selbst.


„Ja“, antwortete sie leise.


„Gut“, sagte das Gesicht. „Dann bekommst du jetzt die Ausbildung, die notwendig ist, damit du deine Aufgabe erfüllen kannst.“


Die Tür, durch die Sandra gekommen war, schwang erneut auf, und der Frackmeister zeigte ihr mit einer Geste an, dass sie ihm folgen sollte. Sandra wollte sich vom Gesicht verabschieden, doch als sie sich zu ihm umdrehte, sah sie dort, wo es sich eben noch befunden hatte, feuerrot brennende Kissen.


Verwirrt folgte sie dem Frackmeister, der den Sarg betrat und darin verschwand. Als sie näher kam, erkannte Sandra, dass der Sarg keinen Boden hatte, sondern stattdessen eine Treppe in die Tiefe führte. Sie folgte dem Frackmeister nach unten.


Sie gelangte in einen hellen Raum, der rundherum gefliest war. In der Mitte des Bodens befand sich ein Abfluss, als wäre sie in einer großen Dusche. Sandra schaute sich neugierig um.


„Was ist das für ein Raum?“ erkundigte sie sich.


„Der Schlachtraum“, antwortete der Frackmeister und holte unter seinem Frack ein langes Messer hervor. 



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