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Belletristik
Buch Leseprobe Theaterblut, Rita Hausen
Rita Hausen

Theaterblut



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Die Sternkammer


 


In London herrschte der Schwarze Tod. Mit einem Schiff, das von Indien zurückkehrte, soll die Pest nach England gekommen sein. Es waren nur noch Sterbende und Tote an Bord, keiner mehr am Steuer. Das Schiff wurde von der Flut an die Küste getrieben und lief auf. Nur Ratten verließen das Wrack, huschten scharenweise an Land, schienen zugleich aus Kellern, Schuppen, Verliesen hervorzuquellen, Ratten mit Krusten an den Augen, Schorf an den Ohren, Blut an Nase und Maul, mit kahlen Stellen im stumpfen Fell. Sie brachten Tod und Verderben und gleich darauf lagen sie verendet im Dreck.


 


Bald vernahm man aus Häusern lautes Beten und Klagen. Wanderprediger erhoben ihre Stimmen und stellten die Pest als gerechte Strafe Gottes für die allgemeine Sündhaftigkeit dar. Quacksalber priesen wirkungslose Wundermittel an. Leichen wurden von Balkonen und Fenstern mit Seilen herabgelassen, um von Totenträgern des Nachts aufs Pestfeld gefahren zu werden.


 


Viele Londoner flohen aufs Land, in der Hoffnung, so der Ansteckung zu entgehen. Die ganze Stadt war ein Leichenhaus, es starben bis zum Ende des Jahres 1592 sechzehntausendfünfhundert Menschen.


 


Die Theater waren wegen der Pest geschlossen worden. Der Dichter Christopher Marlowe führte auf dem Gut seines Freundes und Gönners Thomas Walsingham in Scadbury ein angenehmes Leben als Hauspoet. Sein Freund war großzügig und witzig, doch sein Blick erinnerte Marlowe manchmal an dessen Onkel, den Herrn des Geheimdienstes, der bis Kurzem die Spinne im Zentrum eines Netzes aus Intrigen und Spitzelei gewesen war. Er ahnte, dass sein Gönner zum Teil das Handwerk des alten Mannes geerbt hatte. Jedenfalls war sein Verhältnis zu Tom unbefangener und inniger gewesen, als Sir Francis noch lebte.


 


Als er in seinem Zimmer das Hufklappern auf dem Kopfsteinpflaster des Hofes hörte, hatte er böse Vorahnungen; und als er erfuhr, dass ein Kurier des Kronrates gekommen war, drehte sich ihm eine Faust im Magen um. Der Bote forderte ihn auf, unverzüglich nach London mitzukommen. Das Schriftstück, das er vorwies, kam direkt vom Kronrat, den mächtigsten Männern im Lande. Männern, die zu Tod oder Folter verurteilen konnten. Marlowe fragte den Boten, ob er den Grund für seine Festnahme kenne, er antwortete mit einem Achselzucken.


 


Er wurde vor die Sternkammer bestellt. Schlimmer konnte es nicht kommen. Dieses Gericht war für Anschläge auf die Verfassung von Staat und Kirche zuständig. Die Prozedur des Verfahrens wurde von Fall zu Fall ganz nach Belieben festgelegt oder geändert und, wie sich herumgesprochen hatte, immer zum Nachteil des Angeklagten. Verteidiger, Protokolle, Anklageschriften waren unbekannt.


 


„Ich bin so gut wie tot“, sagte er zu seinem Freund.


 


„Das glaube ich nicht“, antwortete Tom.


 


„Wie denn nicht?“


 


„Das erkläre ich dir, wenn du zurück bist.“


 


„Zurück?“, rief Marlowe, „du träumst ja wohl.“


 


Er umarmte Tom, stieg auf das bereitgestellte Pferd und machte sich mit dem Abgesandten auf den Weg. Ihm war schlecht vor Angst. Was würde auf ihn zukommen?


 


Lange bevor sie die Stadt erreichten, tauchte in der Ferne ein Gewirr aus roten Dächern auf, inmitten von hohen Kirchtürmen und rauchenden Schornsteinen. Im Licht der Sonne sah die Stadt frisch aus, überhaupt nicht wie ein Ort, an dem die Pest wütete. Sie passierten das Stadttor und Marlowe kam es so vor, als habe sich seit seinem Fortgang vor drei Wochen nichts geändert. Die Straßen waren an beiden Seiten von aufragenden Holzgebäuden gesäumt, die das Licht aussperrten. Hier lebten Arm und Reich dicht gedrängt beisammen. Markthändler priesen ihre Waren an – Milchmädchen, Quacksalber, Fischverkäufer. Hammerschläge von Zimmerleuten hallten durch die Gassen; Sänften, Fuhrwerke und Kutschen drängten sich durch das Gewimmel der Leute. Über allem hing der Gestank der Ausscheidungen von Mensch und Vieh, was Marlowe nach den Wochen auf dem Land besonders auffiel. Auch am Flussufer empfing sie fauliger Geruch. An einer Straßenecke stießen sie auf zwei Totenträger, die dabei waren, mehrere Pestleichen auf einen Karren zu heben. Marlowe wandte sich angewidert ab, hielt sich Mund und Nase mit der Hand zu und eilte schnell vorbei.


 


Wenig später stand er vor dem Kronrat, der in einem Raum tagte, der Sternkammer genannt wurde. Durch zwei Fenster schien die Maisonne herein und machte gerade aufgewirbelten Staub sichtbar. Dennoch kam Marlowe der Saal sehr düster vor. Er war rundum mit dunkler Eiche getäfelt, die Rückwand bedeckte ein Gobelin, der eine königliche Jagd zeigte. An der Decke befanden sich vergoldete Sterne auf kobaltblauem Grund.


 


Achtzehn Männer saßen hinter einem langen Tisch, elegant und nach spanischer Mode dunkel gekleidet mit einem dazu passenden Gesichtsausdruck. Ihre großen Halskrausen wirkten, als wären ihre Köpfe abgeschnitten und würden auf einem weißen Tablett präsentiert. Unter ihnen war Robert Cecil, der nach dem Tod von Francis Walsingham dessen Funktionen übernommen hatte und nun der Erste Staatssekretär war. Am anderen Ende saß der Erzbischof von Canterbury. Einer der Herren war Ferdinando Stanley, ihm gut bekannt als Lord Strange, ein weiterer war Robert Devereux, der Earl von Essex. Der Präsident der Sternkammer, Lord Puckering, saß in der Mitte. Er fragte Marlowe: „Wissen Sie, warum Sie hier sind?“ Marlowe, um eine aufrechte Haltung bemüht, antwortete: „Vielleicht verlangt die Königin nach meinen Diensten.“ Diese Antwort schien kühn, doch nicht so weit hergeholt, denn er war schon mehrfach sowohl in Frankreich als auch in Schottland in geheimer Mission unterwegs gewesen. Lord Puckering warf einen Blick auf die vor ihm liegenden Papiere, richtete dann einen düsteren Blick auf Marlowe und entgegnete: „Ihre Loyalität der Königin gegenüber steht in Frage, Mr. Marlowe.“


 


Er erschrak, doch er beherrschte die Kunst des Schauspielerns und ließ sich nichts anmerken. Der Erzbischof von Canterbury, ein kleiner vierschrötiger Mann, ergriff nun das Wort: „Was wissen Sie über den Bühnendichter Thomas Kyd?“


 


Marlowe antwortete kühl: „Wir kennen uns gut, haben uns sogar zwei Jahre eine Wohnung geteilt.“


 


„Kyd behauptet, Sie seien enge Freunde.“


 


„Ich würde ihn als Bekannten bezeichnen. Wir haben uns in letzter Zeit nicht sehr häufig gesehen, besonders seit die Theater geschlossen sind.“


 


„Hat er jemals Abschriften für Sie angefertigt?“


 


„Er ist ein Lohnschreiber und fertigt gute Abschriften. Kann sein, dass ich ihn einmal gebeten habe, etwas für mich zu kopieren. Ich erinnere mich nicht.″


 


Marlowe starrte auf den Spitzensaum seines Ärmels, zwang sich dann jedoch, den Blick wieder den Amtsträgern zuzuwenden.


 


Der Präsident fragte mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme:


 


„Dann bestreiten Sie also, dass Sie der Verfasser einer von Kyds Hand verfertigten, ketzerischen Abhandlung sind?“


 


„Ja, das bestreite ich. Ich weiß gar nicht, was das für ein Traktat sein soll. Ich bin verantwortlich für meine eigenen Schriften, nicht aber für Ketzereien anderer Leute.“


 


Blitzschnell schob der Erzbischof nach: „Dann übernehmen Sie die Verantwortung für Ihre eigenen ketzerischen Schriften?“


 


Marlowe erschrak erneut, suchte in seiner Verwirrung Blickkontakt zu Lord Strange, der mit der Andeutung eines Lächelns antwortete, und sagte mit sicherer Stimme: „Ich verfasse keine ketzerischen Abhandlungen, Eure Lordschaften.“


 


„Aber es gibt verschiedene Personen, die Sie des Atheismus und der Ketzerei beschuldigen.“


 


„Dann lügen diese Personen.“


 


Lord Puckering beugte sich zu Robert Cecil hinüber und sie flüsterten eine Weile miteinander.


 


Dann erklärte Puckering mit monotoner Stimme: „Der Rat wird weitere Untersuchungen durchführen. Wir werden Klage gegen Sie wegen Ketzerei und Atheismus erheben.“


 


Marlowe zitterten die Knie. Das war das Ende. Man würde ihn ins Gefängnis bringen, unter Folter ein Geständnis erzwingen und hinrichten. Wie aus weiter Ferne hörte er


 


die Stimme des Alten, der verkündete: „Unterdessen sind Sie ein freier Mann, haben sich aber dem Kronrat zur Verfügung zu halten bis zu dem Zeitpunkt, an dem Sie Nachricht erhalten über weitere Maßnahmen.“


 


Der Lord setzte ein behäbiges Lächeln auf und nickte zum Zeichen, dass Marlowe gehen könne. Der so unverhofft auf freien Fuß Gesetzte verbeugte sich und taumelte hinaus. Vor der Tür stieß er auf Baines, der offensichtlich darauf wartete, eingelassen zu werden. Sein Erzfeind. Spion des Erzbischofs. Wahrscheinlich steckte er hinter der Denunziation. Marlowe fühlte sich so schwach auf den Beinen, dass er sich nicht zu einer Bemerkung ihm gegenüber aufraffen konnte. Er ging grußlos und verwirrt an ihm vorbei. Die Welt um ihn herum war ins Schlingern geraten und er musste sich erst einmal fassen. Ihm war schwindlig vor Erleichterung und atmete tief durch. Erst nach und nach wurde ihm klar: Er war vor den Kronrat gerufen und freigelassen worden. Das geschah selten, denn Verdachtsmomente wogen ebenso schwer wie nachgewiesene Fakten, wenn jemand vor dieses Gremium bestellt wurde. Während er in den Strom der Menschen eintauchte, fragte er sich, ob und wie er die Ankläger von seiner Unschuld überzeugen konnte. Kyds Verhalten schmerzte ihn. Wie kam er dazu, ihn derart zu belasten? Sie hatten sich doch immer gut verstanden. Man hatte offensichtlich sein Zimmer durchsucht und etwas Verdächtiges gefunden. Und Kyd hatte es ihm in die Schuhe geschoben. Ohne Not hatte er das sicher nicht getan. War er womöglich gefoltert worden? Marlowe kamen Schreckensbilder von Streckbank, Daumenschrauben und glühenden Zangen in den Sinn. Ihm wurde übel und Tränen schossen ihm in die Augen. Er blieb stehen und stützte sich an einer Hauswand ab. Genau das hätte ihm auch widerfahren können. Viel hatte da nicht gefehlt.


 


 


 


Tief beunruhigt ritt Marlowe nach Scadbury zurück und die Szene vor dem Kronrat zog vor seinem inneren Auge immer wieder vorbei, bis sie ihm schließlich vorkam wie eine Szene auf der Bühne. Beinahe war er versucht zu glauben, dass das alles gar nicht wirklich geschehen war. Als er beim Abendessen mit Tom Walsingham zusammensaß, erzählte er ihm den Verlauf des Verhörs.


 


„Ich fürchte, demnächst werde ich verhaftet. Sie graben allerlei aus, Ketzerei und Verrat. Wie kann es sein, dass ich eine solche Aufmerksamkeit errege? Ich bin doch nur ein kleiner Fisch und meine Stücke wurden nie durch die Zensur beanstandet. Andererseits - ich habe Baines gesehen, wie er mit Papieren in der Hand nach mir hineinging. Seit der Geschichte in Vlissingen weiß ich, dass er mir übel will und ihm alles zuzutrauen ist.“


 


Nachdenklich antwortete Walsingham: „Ich habe Gerüchte gehört, dass es eine Intrige gegen Raleigh gibt. Ihm wollen sie ans Leder. Bis zum letzten Sommer war er erklärter Favorit der Königin, wurde von ihr mit Reichtümern und Ehrungen überschüttet. Doch durch seine heimliche Heirat mit einer ihrer Hofdamen hat er ihre Gunst verloren und sich ihren Unmut zugezogen.“


 


„Ich habe gehört, dass er im Tower sitzt“, sagte Marlowe bedrückt.


 


„Er ist inzwischen freigelassen worden. Vom Hof verbannt lebt er zurückgezogen auf seinem Landschloss Sherbourne in Dorset. Er hofft, dass der königliche Groll sich wieder legt, aber es gib etliche Leute bei Hofe, die das verhindern wollen. Es gibt einige, die ihm seine Bevorzugung neideten und sich über seine Demütigung schadenfroh die Hände reiben. Man hasst ihn für seine grenzenlose Überheblichkeit, und er ist bei niemandem beliebt, weder bei Hofe noch beim Volk. Er will nun einen Sitz im Unterhaus einnehmen, wenn das Parlament wieder einberufen wird. Ich habe gehört, dass er sich keineswegs geschlagen gibt, sondern mit unvermindertem Stolz auftritt. Er muss sich vorsehen, er hat mächtige Feinde.“


 


„Wieso warst du dir so sicher, dass ich zurückkommen würde?“


 


Tom lächelte geheimnisvoll. „Du hast doch bestimmt einige hohe Herren gesehen, die dir bekannt waren. Ich weiß, wer Mitglied im Kronrat ist. Da gibt es gewiss einige, die dir helfen wollen.“


 


„Ja. Lord Strange war da.“


 


„Inzwischen neugekürter Earl von Derby. Robert Cecil und Robert Devereux stehen auch auf deiner Seite.“


 


„Woher willst du das wissen?“


 


„Robert Cecil ist unser oberster Auftraggeber. Er kennt deine Loyalität und die Verdienste, die du dir erworben hast.“


 


„Aber Cecil und Devereux sind doch Rivalen. Sie können sich nicht ausstehen“, rief Marlowe.


 


 „Allerdings sind beide sich darin einig, Raleigh nicht wieder nach oben kommen zu lassen. Sie haben dich vielleicht als Bauernopfer erkoren, um Raleigh in Schach zu halten. Ich reite morgen nach London, um mich zu erkundigen, was los ist.“


 


 


 


Als Walsingham sich in sein Zimmer zurückzog, nahm Marlowe seinen Tabaksbeutel und zündete sich eine Pfeife an. Im Gegensatz zu ihm mochte Thomas den Geruch des Tabakqualms nicht. Die Angewohnheit, Rauch zu trinken, hatte er durch Raleigh kennengelernt. Der Duft des Tabaks entführte ihn in die Zeit, als er in London in seine seltsame Abendgesellschaft eingeführt würde.


 


 


 


Die Schule der Nacht


 


 


 


Das Durham-Haus, die Stadtresidenz Raleighs, thronte düster über der Themse. Die abergläubischen Bewohner in der Umgebung munkelten, es werde von seltsamen Leuten besucht, darunter dem Satan selbst. Doch Marlowe wusste, dass hier Menschen über die tiefsten Geheimnisse der Welt diskutierten, angeregt vom Qualm der Tabakspfeifen. Dabei machten sie sich frei von Regeln, die Staat und Religion aufgestellt hatten. Einer der Besucher der Abendgesellschaften war der Earl von Northumberland, der auch der Wizard-Earl genannt wurde, weil er ein Nekromant und Alchemist war. Der Mathematiker und Astronom Thomas Harriot gehörte ebenfalls dazu. Er rechnete mit Koeffizienten und Wurzeln, hatte die Oberflächenformen des Mondes und die Jupitermonde erforscht sowie den gesamten Himmel kartografiert, so dass Raleighs Kapitäne sich selbst auf den fernsten Ozeanen niemals verirrten. Zudem Dr. Dee, der Hofastronom der Königin und der berühmte Francis Drake.


 


Marlowe erinnerte sich daran, als er das erste Mal das Haus betrat. Sobald das Tor hinter ihm ins Schloss gefallen war, fühlte er sich wie in einer Festung. Die Korridore führten zu zahllosen, ineinander verschachtelten Räumen.


 


Die erste Begegnung mit Raleigh löste bei ihm zwiespältige Gefühle aus. Neben seine Bewunderung trat auch eine gewisse Abneigung dagegen, wie Sir Walther sich in Szene setzte. Denn er war manchmal unnachgiebig und demonstrierte seine Macht. Er hatte dunkles Haar, seine Augen waren grün und von einer beunruhigenden Direktheit. Seine Stimme war hoch und klang eigentümlich gepresst. Er trug ein dunkelgrünes eng tailliertes und stark wattiertes Schoßwams mit steifer Hemdkrause, abgesteppt, mit goldenen Borten und engen Ärmeln. Darunter war der gefältelte Kragen seines Leinenhemdes zu sehen. Über den engen Trikothosen trug er eine Hose in kugeliger Form, die bis zu den Knien reichte. Er wirkte sehr elegant. Doch auch die anderen Herren standen ihm darin nicht nach, während Marlowe noch immer seine Studentenkleidung trug, die aus mausgrauen Kniehosen und einem einfachen schwarzen Wams bestand.


 


Beim Essen sprachen sie zunächst über die unruhige Kolonie Irland und die unerforschten Gebiete der Neuen Welt. Nach dem Hauptgang kam Harriot auf die Lehren von Giordano Bruno zu sprechen.


 


„Die Gegenwart Gottes in allem, was lebt und existiert, ist ein schöner Gedanke. Das genügt doch. Die Sonne ist sein Symbol. Sie ist ein unbewegter Ball, um den wir uns, ebenso wie die anderen Planeten drehen. Allerdings wollen viele das nicht wahrhaben. Sie denken, der Mensch werde herabgesetzt, wenn er nicht mehr im Mittelpunkt steht.“


 


„Aber Bruno verleugnet Jesus Christus und versteckt Gottvater unauffindbar im unendlichen Weltall“, warf Raleigh ein.


 


Der Wizard-Earl meinte: „Dass Gott auf die Erde herabsteigt, ist ein großartiges Gedicht. Es verdeutlicht, dass der Geist zu Fleisch werden kann.“


 


„Aber der Geist wird Fleisch durch ein Wunder. Wir brauchen keine Wunder. Oder zumindest eine neue Vorstellung davon. Etwas kann wunderbar sein und gleichwohl mit der Vernunft zu erklären“, wandte der Dichter Walter Warner ein.


 


An dieser Stelle nahm Marlowe seinen Mut zusammen und sagte: „Ich würde sagen, es gibt einen unbewegten Beweger. Dieser ist jedoch nicht notwendig von einer für uns begreiflichen Beschaffenheit, kein Urbild von uns selbst. Was man Gott nennt, kann sehr wohl eine unmenschliche Energie wie die Sonne sein, der es gleichgültig ist, ob sie uns einen wärmenden Segen oder einen sengenden Fluch spendet. Es kann eine Kraft sein, die durch Wandel fortschreitet, deren Möglichkeiten in ihrem Wesen enthalten sind und die durch Umwandlung der Materie in Geist am Ende zur Verwirklichung dessen gelangt, was sie ist. Am Ende der Zeit kann Gott verwirklicht werden, doch bis dahin ist er nur ein menschliches Konstrukt.“


 


Alle wandten sich erstaunt Marlowe zu, einige nickten, andere wiegten bedenklich den Kopf.


 


Matthew Royden, der ebenfalls Dichter war, rief aus: „Hört den Verfasser des Tamerlan!“


 


Sir Walter fragte: „Hat Gott denn einen Gegenspieler?“


 


„Wenn Gott existiert, muss er ihn haben“, antwortete Marlowe, „denn das Universum wird ja eigentlich nur durch die Wirkung von gegensätzlichen Kräften zusammengehalten. Die Lehre Brunos lautet: Aller Wandel ist Zusammenprall von Gegensätzen.“


 


Der Wizard-Earl meinte: „Diese Antagonismen sind jedoch nicht nur chemischer oder physikalischer Natur, sondern es sind auch moralische Gegensätze.“


 


„Ach was“, wandte Harriot ein, „die Moral können wir aus dem Spiel lassen. Sie ist von Menschen gemacht.“


 


„Genauer gesagt: Die Obrigkeit bestimmt, was gut und böse, recht und unrecht ist. Und dann benutzen sie Gott zu ihrer Rechtfertigung. Gott wird bemüht, um die Erlasse des Staates abzusegnen“, führte Warner aus.


 


„Die Versöhnung der Gegensätze geschieht nur durch die Zahlen“, ereiferte sich nun Harriot. „Der Schlüssel zu allem ist die Mathematik. Sie erlaubt uns, die beiden Welten auszumessen, die als einander entgegengesetzt gelten, das unendliche Große und das unendlich Kleine. Ich hoffe nicht, dass man meine Logarithmentafeln als Werke teuflischen Ursprungs verbrennen wird.“


 


„Was sind Logarithmen?“, fragte Marlowe.


 


„Ein Logarithmus“, antwortete Raleigh, „ist die Angabe der Potenz, in die eine Zahl, die Basis, erhoben werden muss, um eine andere Zahl, den Numerus, zu erzielen.“


 


„Versteh ich nicht“, sagte Marlowe.


 


„Ich auch nicht“, gab Sir Walter behaglich schmauchend zurück, woraufhin alle lachten. Raleigh fuhr fort: „Unser neuer Freund hier erfüllt jedenfalls Londons Ohren mit der Raserei seines Tamerlan.“


 


Daraufhin zitierte Marlowe eine Stelle, die er seinem Helden in den Mund gelegt hatte:


 


„Natur, von der wir all erschaffen sind,


 


Aus Elementen vier, die sich bekriegen,


 


Belehrt uns, hoch und weit hinaus zu trachten;


 


Und unsre Seele, fähig zu begreifen


 


Den wundersamen Aufbau dieser Welt


 


Und jedes Wandelsternes Bahn zu messen,


 


Nachjagend der Unendlichkeit des Wissens


 


In rastloser Bewegung wie die Sphären,


 


Gebietet uns, nicht Ruh zu geben, bis


 


Die schönste aller Früchte nicht geerntet:


 


Der reine Segen und das höchste Glück,


 


Die reife Süße einer Erdenkrone. -                         


 


Kritiker werfen mir vor, mein Held stehe außerhalb der Welt christlicher Werte und göttlicher Ordnung. Dabei zeige ich nur konsequent auf, wohin ungehemmtes Machtstreben führt. Ganz so, wie Machiavelli es dargestellt hat.“


 


„Die Tatsache, dass Sie einen heidnischen Protagonisten ohne jede Geringschätzung präsentieren, ist ein Beweis für Ihre Unabhängigkeit von bestehenden Konventionen und Traditionen. Das gefällt mir. Wir hier widmen uns genau einer solchen Haltung“, fügte Raleigh lobend bei.


 


„Und er kennt den Machiavelli, eine Lektüre, die eigentlich verboten ist“, ergänzte Warner.


 


„Man muss sich fragen, warum er verboten ist. Die Leute sollen die Politik der Mächtigen nicht verstehen und nicht durchschauen“, sagte Harriot.


 


 


 


Raleigh


 


 


 


Nicht nur Marlowe, alle Welt war unterrichtet über den sagenhaften Aufstieg Walter Raleighs. Er war der Spross eines alten Seefahrer- und Bauerngeschlechts aus Devonshire und gehörte nicht zum Adel. Er war Reservist der königlichen Leibgarde. Er hatte militärische Erfahrung, Kenntnisse der Seefahrt, studierte zwei Jahre in Oxford.


 


Mit einer Hundertschaft zog er gegen die rebellischen Iren, als König Philipp von Spanien sie mit Söldnern unterstützte. Seine Operation war erfolgreich und er erhoffte sich nun eine Beförderung zum Offizier der Leibwache.


 


Er sah gut aus, groß gewachsen mit dunklem Haar und Bart und hatte gepflegte Umgangsformen. Er wusste, dass die Frauen ihm zugetan waren. Er war selbstbewusst und fühlte das Zeug zum Feldherrn in sich, war zudem ehrgeizig und auf der Suche nach Möglichkeiten des Aufstiegs.


 


Hin und wieder ging er zu einem der Theater in Shoreditch. Dann stand er in dem runden offenen Zuschauerraum Kopf an Kopf mit Tagelöhnern, Marktweibern und Handwerksburschen. Sein Blick schweifte zu den überdachten Galerien der drei Ränge, auf denen sich Kaufleute, Handwerker und Adlige drängten. Das Theater war für alle da. Jeder wollte spannende Geschichten sehen, Neues erfahren, sich unterhalten. Der ehrlose Stand der Schauspieler hatte an Ansehen gewonnen, nachdem hohe Adlige sich zu Patronen für eine Truppe gemacht hatten. Bei der Aufführung eines neuen Stücks saß der Intendant der königlichen Hoflustbarkeiten unter den Zuschauern, und wenn es ihm gefiel, forderte er die Schauspieler auf, es vor der Königin zu zeigen.


 


Raleigh hatte bei einer der Abendrunden einmal erzählt, wie es ihm gelungen war, Elisabeth auf sich aufmerksam zu machen.


 


„Ich überquerte den Hof in Whitehall, der Regen hatte soeben nachgelassen. Ich dachte: Der Sitz der Königin ist bei weitem nicht so prächtig, wie ich es in Erinnerung habe. Mir fiel auf, dass die Wasserspeier an der Dachtraufe der großen Halle defekt waren, sodass das Wasser am Mauerwerk herabrann und dort hässliche dunkle Spuren hinterließ. Der Park wirkte trostlos um diese Jahreszeit. Regentropfen hingen an den kahlen Sträuchern und Bäumen. Der Rasen war grau und feucht, die Rosenstöcke eingebunden in Stroh und Sackleinen.


 


Jemand hatte mir den Tipp gegeben, mit etwas Glück würde ich die Königin hier antreffen, aber ich machte mir wenig Hoffnung. Doch dann sah ich sie in einiger Entfernung mit einem kleinen Gefolge den breiten Weg herankommen, der zu dem lang gestreckten See im Park führte. Keine Wache ging voraus, denn das duldete Elisabeth bei ihren Spaziergängen nicht, sehr zum Leidwesen Walsinghams, der auf stärkere Sicherheitsvorkehrungen drängte. Doch gewiss lauerten seine Leute hinter den Hecken, um den Weg zu beobachten. An ihrer Seite befand sich der Hofastronom Dr. Dee und in gebührendem Abstand Männer der Leibwache und Hofdamen. Die Königin bog in einen Seitenpfad. Ich nahm einen Weg, der den Pfad kreuzte, und richtete es so ein, dass ich fast gleichzeitig mit ihr an den Schnittpunkt kam. Die Königin blieb einige Schritte vor der Kreuzung stehen, weil eine Pfütze sie am Weitergehen hinderte. Sie suchte nach einer Möglichkeit, das Hindernis zu umgehen. Ich riss meinen Mantel von der Schulter, den ich ganz neu gekauft hatte, und bedeckte mit ihm die Pfütze, sodass sie trockenen Fußes darübergehen konnte. Elisabeth lächelte mich überrascht und freundlich an. Bevor ich das Knie beugte, trafen sich kurz unsere Blicke. Sie nickte mir wohlwollend zu, erkundigte sich nach meinem Namen und versprach: »Ich werde Ihnen den Mantel ersetzen.“


 


Wenig später erhielt ich die Einladung zu einer Audienz. Sie empfing mich nicht im offiziellen Audienzsaal, sondern in einem kleinen, mit Gobelins behängten und mit Teppichen ausgelegten behaglichen Zimmer, das zu ihren Privatgemächern gehörte. Ein Spinett und die an der Wand hängende Laute verrieten, dass die Königin hier musizierte.


 


Elisabeth trug ein rotes Samtkleid ohne Reifrock, kostbar mit Spitzenborten und Perlenbesatz ausgestattet. Im Kamin brannte ein Feuer, und die Kerzen reichten gerade aus, das Zimmer in mattes Licht zu tauchen. Sie lehnte bequem im Sessel. Keiner ihrer hohen Herren war anwesend, nur ihre Kammerfrau.


 


Sie forderte mich auf, von meinem Einsatz in Irland zu erzählen. Ich vermutete, dass sie sicher keinen sachlichen Bericht hören wollte, sondern etwas Abenteuerliches. Später trug ich ihr selbst verfasste Gedichte vor und wir musizierten zusammen. Als die Königin falsche Töne spielte, lachten wir vergnügt.“


 


Von da an führte sein Weg steil nach oben, er wurde der Favorit Elisabeths und wurde mit Ehren überhäuft. Er ritt bei der Jagd an ihrer Seite. Er tanzte mit ihr beim Ball in der Great Hall die ausgelassene Gagliarde, hob sie bei der Volte hoch und drehte sie in der Luft, sodass die königlichen Untergewänder zu sehen waren.


 


Raleigh erhielt zwei Güter als Lehen, wenig später das ausschließliche Recht, Lizenzen für den Weinhandel zu vergeben. In kürzester Zeit hatte er fünf Bedienstete, einen Sekretär, zwei Truhen voller Kleider, bewohnte in Whitehall vier Räume. Er wurde in den Adelsstand erhoben und ging an der Seite der Königin in Samt und Seide.


 


Doch es stellte sich bald Überdruss ein. Einem Freund gestand er: „Ich sitze an der Tafel, und während ich rede und lächle, zermartere ich mir mein Hirn nach witzigen Aussprüchen. Ich weiß nicht, was ich esse und welchen Wein ich trinke. Ich drechsle an Komplimenten für die Königin. Und dann schäme ich mich manchmal, wenn sie über meine banalen Wortspiele kichert. Was hab ich von diesem Degen, den Diamanten und all dem Kram? Ich will etwas tun, etwas leisten. Mir genügt es nicht, am Hof in den Tag hineinzuleben, ein Müßiggänger zu sein.“


 


Er bat Elisabeth um einen Auftrag, doch sie schlug ihm alles ab. Sie ließ ihn nicht einen Tag von ihrer Seite. Raleighs Traum war eine Expedition in die Neue Welt, um an der nordamerikanischen Küste eine Basis für England zu errichten.


 


Nach zwei Attentatsversuchen verlangte die Königin seinen Rat in einer wichtigen Staatsangelegenheit, nämlich bei der Frage, wie sie mit der gefangenen Maria Stuart verfahren sollte. Raleigh sagte: „Lassen Eure Majestät Maria frei, wird sie sich an die Spitze des alten katholischen schottischen und englischen Adels stellen und mit Hilfe König Philipps und der katholischen Liga den englischen Thron erobern wollen. Bleibt sie ihre Gefangene, werden die Komplotte nicht aufhören. Man kann die Sache wenden, wie man will: Nur eine tote Maria ist England nicht mehr gefährlich.“


 


Walsingham, der bei der Unterredung dabei war, gefiel diese Antwort, aber die Königin wandte ein: „Angenommen sie würde in einem Hochverratsprozess verurteilt, dann gäbe ihre Hinrichtung unserem spanischen Vetter vor aller Welt einen Vorwand, in unser Land einzufallen, und er würde in diesem Fall bestimmt nicht zögern.«


 


»Wenn wir stark genug sind, wird es König Philipp nicht wagen, uns anzugreifen«, trumpfte Raleigh auf. »Aber um es mit Spanien aufnehmen zu können, müsste vor allem die Flotte schlagkräftiger und besser gerüstet sein.“


 


Daraufhin ernannte die Königin ihn zum stellvertretenden Marineschatzmeister, was bedeutete, dass er auf Inspektionsreisen gehen musste. Das verschaffte ihm ein wenig Distanz zum Hof. Vor allem, er konnte endlich etwas Sinnvolles tun.


 


Gespräche mit Francis Drake fachten seine Amerikaträume wieder an, aber Drake war für das Vorhaben nicht zu begeistern. Er kaperte lieber spanische Schiffe und brachte das Erbeutete nach England.


 


Nach und nach gewann Raleigh die Königin dafür, eine Expedition zu unterstützen, um eine Kolonie in Amerika zu gründen. Sie sollte nach der jungfräulichen Königin »Virginia« heißen. Doch als die Zurüstungen dafür so weit gediehen waren, dass die Schiffe auslaufen konnten, wollte Elisabeth Raleigh nicht ziehen lassen. Mit der Begründung, dass sie ihn in England brauche, zur Verteidigung der Küsten gegen die Spanier.


 


Zu dieser Zeit tauchte der junge Essex am Hof auf und Raleigh fürchtete nicht ohne Grund, dass Elisabeth ihre Gunst nun ihm zuwenden würde. Seine Stellung am Hof war allerdings so gefestigt, dass er die Hinwendung der Königin zu Essex mit Gelassenheit betrachtete.


 


Gefahr drohte von einer ganz anderen Seite. Er lernte eine Hofdame kennen, Bess Throckmorton, und verliebte sich in sie. Sie wurde schwanger und sie heirateten heimlich. Als die Königin davon erfuhr, stellte sie Raleigh zunächst unter Hausarrest, dann wurde er im Tower gefangen gesetzt. Ebenso seine Frau.


 


Einige Lords, denen der Aufstieg Raleighs ein Dorn im Auge war, empfanden es als Genugtuung, dass nun das Ende seiner Karriere gekommen war.


 


Nach drei Monaten konnten Raleigh und Bess den Tower verlassen, wurden aber vom Hof verbannt und durften nicht in London wohnen. Sie lebten danach auf dem Landgut Sherborn.


 


Raleigh engagierte sich als Abgeordneter im Unterhaus. Der Sitzungsort des Parlaments befand sich in Westminster. Der alte Palast beherbergte Regierungsbehörden und Gerichte. Die Kapelle St. Stephan diente als Sitzungssaal des des Unterhauses. Hier saßen die Vertreter der Grafschaften, Städte und Marktflecken dicht gedrängt auf den harten Chorbänken, mit den Schreibtafeln auf den Knien. Sie behielten Mäntel und Pelze an, denn es war kalt und es gab keinen Kamin.


 


Hier traf Raleigh auf Francis Bacon. Der elegante Anwalt erging sich in geschliffenen Wendungen. Das Unterhaus bewunderte seine Redekunst und seine scharfsinnigen Argumente. Raleigh war jedoch häufig nicht seiner Meinung, aber er hatte es schwer, sich gegen ihn durchzusetzen.


 


 


 


Theater


 


 


 


Marlowe ging zu Bett, doch er konnte nicht schlafen, seine Gedanken schweiften weiter in die Vergangenheit.


 


Als er nach seinem Studium nach London gegangen war, fand er im Obergeschoss eines unscheinbaren Häuschens in der Bischopsgade Street eine Unterkunft, die zudem nicht weit weg war von der Behausung Tom Watsons, mit dem er befreundet war. Hier war der Bezirk der Schauspieler. Es gab ganze Straßen, in denen hauptsächlich Schauspieler wohnten. Die Theater waren nicht weit entfernt. Diese wiederum lockten Gasthäuser und Bordelle an. Bühnenautoren und Schauspieler trafen in den Quartieren und Tavernen häufig zusammen. Das Theaterviertel von Shoreditch war der städtischen Gerichtsbarkeit entzogen und so trieben sich hier auch abgerissene, arme Scholaren und Soldaten in Hintergassen und finsteren Winkeln herum, gemeinsam mit Schnapsverkäufern, Strumpfflickern und Dirnen, die von der französischen Krankheit gezeichnet waren. Hier tummelten sich Wahrsager, Flickschuster und Bürger, die zechen wollten.


 


Als die größte Sensation galt gerade die „Spanische Tragödie“ von Thomas Kyd.


 


In diesem Stück ging es durchgängig um Rache und Vergeltung, drastisch dargestellt, sodass dem Publikum ein Schauer nach dem anderen über den Rücken lief. Die Sprache war wuchtig und mitreißend. Es gab Verse, die schon bald zu stehenden Redewendungen und von anderen Dramatikern aufgenommen wurden. Kyd war sechs Jahre älter als Marlowe und verdiente sich sein Geld als Amtsschreiber.


 


Marlowe grübelte darüber nach, warum ausgerechnet Kyds Zimmer durchsucht worden war. Ihm war es am allerwenigsten zuzutrauen, das Pamphlet gegen die Hugenotten verfasst zu haben. Wenn das der Grund war. Oder womit sonst hatte er die Aufmerksamkeit der Untersuchungsbehörden erregt? Thomas Kyd war eher zurückhaltend und unscheinbar. Er führte in den Schenken nie das große Wort. Hatte er das unselige Talent, sich in Missgeschicke zu verstricken? War er einfach ein Pechvogel? Selbst über seinen Riesenerfolg konnte er sich nicht richtig freuen. Alle lobten sein Trauerspiel, es machte beim Publikum den größten Eindruck, aber es gelang Kyd danach nicht mehr, etwas Vergleichbares zu schreiben. Er konnte wohl selbst nicht an sein Glück glauben. Er sah nicht die Anerkennung, sondern ärgerte sich über die zahlreichen Parodien seines Stücks. Seine Selbstzweifel wurden nachgerade so groß, dass er nichts mehr zustande brachte.


 


Marlowe hatte zwei Jahre mit Kyd in einem Zimmer gewohnt und sein Ringen mitverfolgt. Gelegentlich arbeiteten sie zusammen, vor allem war Kyd ihm bei der Abfassung von Edward II. zur Hand gegangen. Er erinnerte sich an seine makellose Schönschrift. Kyd hatte schließlich die Stellung eines Sekretärs bei Robert Radcliffe, dem Earl von Sussex, angenommen. Marlowe seufzte. Wieder grübelte er darüber nach, warum Kyd ihn beschuldigt hatte. Er machte sich klar, dass er noch lange nicht aus dem Schneider war. Es geschah äußerst selten, dass jemand, der in die Mühlen der Justiz geriet, einfach so davonkam. Angst machte sich erneut in ihm breit, und um sich abzulenken, ließ er weitere Erinnerungen in sich aufsteigen.


 


 


 


Als Marlowe nach London kam, ging es gerade mit dem Curtain abwärts und Henslowe baute ein neues Haus auf der anderen Seite der Themse. An der Stelle des Gebäudes hatten wilde Rosen gestanden, deshalb wurde das neue Theater Rose genannt. In der Nähe gab es eine Bären- und Stiergrube, von wo Brüllen und Knurren herüberdrang. Dort wurde wesentlich mehr Blut vergossen als im Theater, wo das Blut von geschlachteten Schweinen in Blasen unter den Kleidern der Spieler versteckt wurde, um dann hervorzuquellen, wenn jemand auf der Bühne erstochen wurde. Das Rose war ein zweckmäßig erdachtes Gebäude. Die Anordnung war etwa die gleiche wie der Plan der Innenhöfe von Gasthäusern, worin noch vor einiger Zeit Theaterstücke aufgeführt worden waren. Es gab eine obere und eine untere Galerie ringsum mit Bänken für das Publikum. Die Bühne hatte ebenfalls eine obere Galerie, die Terrasse genannt, über der sich ein Turm erhob. Die Bühne reichte unten weit in die Zuschauer auf den Stehplätzen hinein. Es gab eine Falltür, die in den Keller führte, der die Hölle oder die Unterwelt darstellte. Im Hintergrund war der Raum, in dem die Schauspieler agierten und der durch einen Vorhang abgetrennt werden konnte.


 


Hier wurde alsbald sein Tamerlan aufgeführt, den er während der letzten Monate seines Theologiestudiums geschrieben hatte. Tamerlan, der unbedeutende Stammesführer, der aus innerem Drang die Weltmacht anstrebte und sich von niemandem aufhalten ließ. Eroberung und Erfolg waren die Hauptthemen des Stücks:


 


In Eisenketten halte ich die Parzen gefangen - mit eigner Hand dreht ich Fortunens Rad - und eher soll die Sonn´ aus ihrer Sphäre taumeln als Tamerlan geschlagen oder überwältigt sein.


 


Solche Zeilen erregten das Publikum, denn hier spiegelten sich zielgerichteter Ehrgeiz und kühner Individualismus, was dem Zeitgeist entsprach. Die Zuschauer hörten fremde, wohlklingende Namen von Fürsten, Königen und Feldherren. Es war die Rede von riesigen Heeren und Schlachten, von Leichen, zu Bergen getürmt, von Eroberungen und unermesslichen Schätzen. Alles geriet zu Prahlerei und maßloser Übertreibung, doch von einer Kraft, wie man sie selten aus Worten vernommen hatte.


 


Marlowe sah vor seinem inneren Auge den Schauspieler Ned Alleyn, der die Hauptrolle spielte, wie er ein Ale trank, um sich die Kehle zu schmieren und dann als Tamerlan Persien, Afrika, Europa etc. eroberte, durch Persepolis ritt und die Babylonier abschlachtete.


 


Tamerlan stieg auf seinen Thron und sprach: „Ich bin die Sonne. Mild erhebe ich mich im Osten, nun aber, da ich hoch im Mittag stehe, borgt das Taggestirn sein Licht von mir. Unsere Schwerter, unsere Lanzen und Granaten füllen die Luft mit feurigen Meteoren. So wird man, wenn der Himmel sich blutrot färbt, sagen, dass ich ihn selbst so rot gemacht, damit kein anderer Gedanke sei als an Blut und Krieg!“


 


Am liebsten hätte der Held auch Sonne und Mond an die Kette gelegt. Frauen nahm er sich im Vorbeigehen, hastete von einer zur anderen, solange bis er sich in eine unsterblich verliebte. Das war dann auch die große Wende im Leben des Helden.


 


Das Werk hatte einen riesigen Erfolg und machte ihn berühmt.


 


Seine Kritiker jedoch sprachen davon, dass sich Tamerlan der Hybris schuldig mache, und das Stück voller Rohheit, Gewaltexzesse und Geschmacklosigkeit sei. In einer Szene fordert Tamerlan dazu auf, Menschenfleisch zu essen, das fanden viele abscheulich. Sein ärgster Kritiker war Robert Greene, den er von Cambridge her kannte. Er bezeichnete das Stück als atheistisch und ohne Moral. Robert Greene war ein paar Jahre älter als er, hatte ebenfalls seinen Magister in Cambridge gemacht, einige populäre Stücke geschrieben, die als Kassenschlager galten. Er war aber auf Erfolge anderer Autoren extrem neidisch. Greene tat sich mit einem anderen Kritiker zusammen, der Nash hieß. Er war frisch aus Cambridge gekommen und hatte ähnlich wie Marlowe beschlossen, sich als freier Schriftsteller durchzuschlagen. Er war von Ehrgeiz zerfressen, weswegen er andere gerne herabsetzte.


 


 


 


Rettungspläne


 


 


 


Marlowe schlief schlecht und fühlte sich am nächsten Morgen zerschlagen. Er schleppte sich zum Frühstück. Ein Diener brachte ihm Tee und Butterbrote und richtete ihm aus, dass Sir Tom ausgeritten war. Marlowe drehte eine Runde im Park, setzte sich dann an den Schreibtisch und rekapitulierte: Der Ketzerei oder des Atheismus bezichtigt zu werden, war extrem gefährlich. Es ging dabei ja nicht nur um Glaube oder Unglaube, es bedeutete zugleich, die Hoheit von Englands Kirche zu bestreiten und damit das Recht der Königin, Kirche und Reich zu regieren. Das war Hochverrat. Und Hochverrat wurde mit einer grausamen Hinrichtung bestraft.


 


Er hatte Beziehungen zu einflussreichen Personen, doch würde ihn das letztendlich schützen? Was hatte der Kronrat gegen ihn in der Hand? Was stand in der Schrift, die man bei Kyd gefunden hatte? Er grübelte vor sich hin und war nicht fähig, eine einzige Zeile zu schreiben. Erst am Nachmittag hörte er Hufschlag, bald darauf verschiedene Stimmen. Er eilte in den Hof und sah, dass Tom zurückgekommen war. Tom unterhielt sich mit Frizer und Skeres, die beide für Francis Walsingham gearbeitet hatten und nun im Dienst von Tom standen.


 


Tom nahm Marlowe beiseite und erklärte: „Ich habe in London über meine Mittelsmänner einiges in Erfahrung bringen können. Die Sache ist tatsächlich sehr ernst.“


 


„Was wirft man mir denn vor?“, rief Marlowe verzweifelt.


 


„Verschiedenes. Einmal geht es um die Abschrift, die bei Kyd gefunden wurde. Sie enthält die Lehren des Arianismus. Zum Zweiten geht es um das Pamphlet gegen die holländischen Einwanderer, das mit Tamerlan unterschrieben ist und dir angedichtet wird.“


 


Marlowe war bleich geworden, Tom nahm ihn in die Arme und flüsterte: „Keine Angst, Kit, ich arbeite an einem Plan, dich da rauszuhauen.“ Er küsste ihn und strich ihm durch das Haar. Marlowe seufzte. Schon im April war diese Hetzschrift gegen eingewanderte protestantische Kaufleute aus Holland und Frankreich aufgetaucht. Sie war in Blankversen und in seiner stilistischen Manier verfasst, enthielt Bezüge zu seinen Werken. Es sollte der Eindruck erweckt werden, dass er dahinter stand.


 


Tom riss ihn aus seinen Gedanken: „Kyd wurde auf der Streckbank verhört und hat dich unter der Folter belastet.“


 


„O nein! Wie furchtbar“, rief Marlow aus, legte seinen Kopf auf Toms Schulter und begann zu weinen.


 


„Beruhige dich. Man hat ihn inzwischen freigelassen.“


 


„Wie kann ich mich beruhigen.“


 


„Die Cecils stehen auf unserer Seite. Der mächtige Lord Burghley und sein Sohn“, flüsterte Tom, „aber niemand darf es wissen. Es muss alles geheim bleiben. Sie wollen natürlich nicht offiziell mit einem Fall von Ketzerei in Verbindung gebracht werden.


 


Ich habe noch etwas mit Skeres und Frizer zu bereden. Es ist besser, ich halte dich aus den Plänen zunächst einmal raus. Wenn es so weit ist, werde ich alles mit dir besprechen.“


 


Marlowe löste sich von Tom, nickte und ging ins Haus.


 


Die Lehren des Arius! Auch darüber hatten sie bei den Abendgesellschaften gesprochen. Und in seinem Theologiestudium war es ein Diskussionsthema gewesen. Die Auffassung war bei vielen beliebt, da sie ein Dilemma löste. Denn wenn man annimmt, dass Vater und Sohn von gleichem Wesen sind, dann hat man zwei Götter. Und das verstößt gegen das Monotheismusgebot. War Jesus aber einfach nur ein von Gott inspirierter Mensch, ist dieser Widerspruch bereinigt. Arius hatte allerdings noch eine abgewandelte Position entwickelt: Christus wird die Göttlichkeit nicht abgesprochen, ist aber von Gott geschaffen, wenn auch vor Anbeginn der Welt. Alles andere widerspräche der Einmaligkeit Gottes. Zudem kann nur ein Mensch leidend am Kreuz sterben, kein Gott. Die menschliche Natur war in Christus also dominant.


 


Die Lehre des Arius war zu Beginn des Christentums sehr verbreitet, bis sie auf mehreren Konzilien verurteilt worden war. Im Glaubensbekenntnis hieß es von da an über Christus: „Gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater.“


 


Durchaus möglich, dass er eine Schrift über den Arianismus zwischen seinen Papieren gehabt hatte – und Kyd wohnte ja noch in dem Zimmer, das er mit ihm geteilt hatte. Es war bei der Durchsuchung gefunden worden und Kyd hatte unter der Folter ausgesagt, dass es von ihm sei.


 


 


 


Geheimagent (1584-86)


 


 


 


Marlowe lernte Tom Watson zufällig in einer Schenke in Cambridge kennen. Er war auf der Durchreise nach Newmarket, als seinem Pferd ein Eisen losging und er gezwungen war zu warten. Er kam an seinen Tisch und stellte sich vor: „Tom Watson, Doktor beider Rechte.“ Er war elegant gekleidet, trug ein dunkelrotes besticktes Wams, eine dazu passende kugelige Hose und eine spanische Capa, die ihm bis zur Hüfte reichte und deren Kanten mit reich bestickter Borte versehen war. Marlowe dagegen trug eine schwarze abgewetzte Scholarenkutte.


 


Marlowe antwortete interessiert: „Ihren Namen habe ich schon gehört. Sie übersetzen griechische Werke?“


 


„Ja, die Antigone von Sophokles habe ich übersetzt. Und wer sind Sie?“


 


„Ich heiße Christopher Marlowe. Ich studiere an der King´s School, mit dem Priesteramt als einziger Aussicht. Ein Gönner zahlt mir ein Stipendium. Mein Vater ist Schuhmacher.“


 


Die dunklen Augen Watsons ruhten mitfühlend auf Marlowe. Er erzählte ihm von den Theatern in London: „Das Theater bietet Zerstreuung, den Gewaschenen wie den Ungewaschenen. Ich schreibe Possen für die Bühne. – Lockt Sie das Leben eines Landpfarrers?“


 


Marlowe zuckte mit den Schultern: „Was anderes bleibt mir nicht. Mein Ehrgeiz gilt der Poesie, aber davon kann kein Mensch leben.“


 


„Kommen Sie mich doch in den Ferien besuchen. Sie können in meinem Haus wohnen. Im Freibezirk Norton Folgate, nicht weit vom Curtain-Theater, in der Bishopsgate.“


 


Marlowe nahm die Einladung an und wenige Wochen später saß er mit Watson in Burbages Theater und bewunderte den Schauspieler Ned Alleyn. Er war sehr groß gewachsen und überragte alle um mehr als eine Haupteslänge. Er verstand es, eindrucksvoll einherzuschreiten und beeindruckte durch seine furiose Stimmkraft. Er sprach pathetisch und untermalte seine Worte mit wirkungsvollen Gesten.


 


Da Tom Watson die Schauspieler kannte, begrüßte er sie nach der Aufführung hinter der Bühne. In der Garderobe war es heiß, die Schauspieler fluchten und schimpften wild durcheinander, während sie sich ihrer Kostüme entledigten. Ned Alleyn wischte sich die angemalten Altersfalten aus dem jungen glatten Gesicht und lächelte ihm zu. Danach gingen sie in eine Schankstube, wo sie auf Henslowe trafen, der ihnen eine Runde Bier spendierte und davon sprach, ein neues Theater zu bauen.


 


Watson machte Marlowe die Tätigkeit für den Geheimdienst schmackhaft. Vor allem stellte er ihm in Aussicht, Ansehen zu gewinnen und gut bezahlt zu werden. Marlowe erklärte sich bereit, Sir Francis Walsingham aufzusuchen, und Watson vermittelte ihm ein Gespräch.


 


Sir Francis war ein schmächtiger Mann, von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet. Deshalb wurde er von der Königin trotz seines weißen Teints der Mohr genannt. Er hatte einen Geheimdienst aufgebaut und bezahlte weitgehend aus seiner eigenen Schatulle nicht weniger als dreiundfünfzig Schnüffelagenten von Calais bis Konstantinopel. Nach einigen einleitenden Worten schob er Marlowe ein Schriftstück über seinen mit Akten und Notizen beladenen Tisch. Darin stand etwas über Eid, Verschwiegenheit und lebenslange Treue. Walsingham sagte: „Pflicht und Diskretion sind das Wichtigste in unserem Dienst. Unterschreiben Sie hier!“


 


„Augenblick, dies sollte ein erstes Gespräch sein. Ich möchte eine solche Verpflichtung nicht eingehen. Ich bin Student und habe noch etliche Studienjahre vor mir. Ich dachte, Mister Watson hat Ihnen meine Lage erklärt.“


 


Walsingham heftete zwei strenge Augen auf Marlowe und antwortete: „Wir können niemanden brauchen, der schwankend in seinen Entschlüssen ist. Die Unterschrift dient der Befestigung in einer allerhöchsten Treuepflicht. Wir dulden kein Schwanken.“


 


Marlowe zögerte und starrte auf die handgemalte Karte von Europa, die an der Wand hing, mit rotköpfigen Nadeln besteckt, die die Orte bezeichneten, an denen Spione für England tätig waren.


 


„Erklären Sie mir zuerst einmal, was ich zu tun hätte, würde ich den Vertrag unterschreiben.“


 


„Sie werden Poley kennenlernen. Er wird Ihr Helfer und Leiter sein, nächst mir Ihr Vorgesetzter. Zurzeit befindet er sich im Gefängnis, allerdings nur wegen eines fiktiven Verbrechens, denn er soll dort Priester ausschnüffeln. Er wird in Kürze wieder draußen sein. Sie werden ihn in Dover treffen,  bei Ihren ersten Schritten in Europa wird er Sie begleiten.“


 


„Ich soll auf den Kontinent!“, rief Marlowe aus.


 


„Ja, und zwar bald. Ich sende Sie nach Reims. Dort ist ein Zentrum katholischer Verräter entstanden, wo Teufeleien gegen unsere Königin ausgebrütet werden, für deren Vereitelung wir beten müssen. Und nicht nur das. Wir müssen etwas unternehmen.“


 


„Was hätte ich da zu tun?“


 


„Spähen, lauschen, lernen! In Erfahrung bringen, was für Absichten bestehen, horchen, wo von Mordanschlägen und Aufruhr die Rede ist. Die Namen der Verräter herausfinden, die zum Verrat auffordern. Sprechen Sie Französisch?“


 


„Ich habe es von den Hugenottenkindern auf der Straße gelernt, aber auch Unterricht genommen, den ein hugenottischer Lehrer mir kostenlos gab. Ich komme aus Canterbury, dort wohnen viele Hugenotten. Sie sind allerdings nicht sehr beliebt. Die Stadt ist voll von ihnen, sie nehmen den ganzen Fluss in Anspruch, weil sie Wasser für ihre Webereien brauchen. Sie leben in einer Welt für sich und sprechen ihre eigene Sprache.“


 


„Sie sind reformierten Glaubens und unsere Waffenbrüder! Als ich Gesandter in Paris war, standen unsere Türen allen Protestanten offen, die in Furcht vor den Messern und Keulen der Katholiken lebten. Ich habe das Massaker in der Bartholomäusnacht erlebt. Eine ungeheure Wut und Gewalt richtete sich gegen unsere Brüder in einem unglaublichen Gemetzel. Es gab keine Gasse, nicht die allerkleinste, in der nicht einer den Tod fand und das Blut floss in Strömen über die Straßen. Die Seine war mit Leichen bedeckt und rot von Blut.“


 


Die Stimme des alten Mannes hatte zu zittern begonnen, doch er fasste sich schnell wieder. „Haben Sie noch Fragen?“


 


„Wann und wie lange müsste ich nach Reims. Jetzt sind Ferien, aber sie dauern nicht ewig.“


 


„Sie sollten am 6. Juli in Dover sein. Weitere Details erst, wenn Sie unterschrieben haben.“ Walsingham tunkte die Feder in ein Tintenfass und reichte sie Marlowe.


 


Noch immer zweifelnd unterschrieb er; die Tinte glänzte tiefschwarz, als er den Vertrag über den Schreibtisch zurückreichte. Walsingham hob nun an, ihm weitere Instruktionen zu geben, da flog die Tür auf und ein jemand trat ein.


 


„Warte bitte einen Moment. Wir sind gleich fertig“, sagte der Staatssekretär mit einer guten Portion Ärger in der Stimme. Marlowe sah auf und erblickte einen jungen Mann, etwa im gleichen Alter wie er selbst, mit kastanienbraunen Locken, ovalem Gesicht, in dem große blaue Augen leuchteten. Er war elegant aber nachlässig gekleidet. Der Kragen seines Hemdes stand offen und die gefältelten Manschetten sahen ziemlich zerknittert aus. Das Wams war bestickt und die Ärmel geschlitzt. Diese und weitere Details drangen in wenigen Sekunden in sein Bewusstsein und es war, als ob ihn ein Sonnenstrahl nach langer Dunkelheit treffe. Doch der Sonnenstrahl ging hinaus und die Tür schloss sich hinter ihm. Wie aus weiter Ferne hörte er die Erläuterungen Walsinghams. Dann war er entlassen. Als er in den Flur trat, stand dort der ungeduldige junge Mann und lächelte ihn an, bevor er das Zimmer des Staatssekretärs betrat.


 


Watson hatte auf Marlowe gewartet und erkundigte sich, wie es gelaufen sei, doch er gab nur fahrige und zerstreute Antworten. „Wer war das“, fragte er Watson verwirrt. „Der junge Mann, der in Walsinghams Büro gestürmt ist? Sein Neffe. Was ist mit ihm?“


 


„Ach nichts“, antwortete Marlowe und lenkte unvermittelt zu einem anderen Thema über: „Ich war nicht darauf gefasst, gleich einen Vertrag zu unterschreiben, der zudem auch noch lebenslang gelten soll. Kommt mir vor wie ein Teufelspakt. Walsingham sieht zudem genau so aus.“


 


Watson lachte und Marlowe fuhr fort:


 


„In Canterbury habe ich einmal ein Volkstheaterstück über den Doktor Faustus gesehen. Mephostophilis, der Abgesandte der Hölle, trug schwarze Kleidung, eine schwarze, eng anliegende Kappe, sein Gesicht war weiß und seine Miene düster. Der ehrwürdige Staatssekretär hat schon gewisse Ähnlichkeiten mit ihm.“


 


„Seine Majestät nennt ihn Mohr, eben weil er immer dunkle Kleidung trägt“, meinte Watson amüsiert.


 


 


 


Zwischen Engel und Teufel


 


 


 


In der folgenden Nacht schlief Marlowe denkbar schlecht und hatte beunruhigende Träume. In einem Traum wurde er von Mephostophilis genötigt, einen Pakt mit seinem Blut zu unterschreiben, doch als er sich in den Finger stach, floss kein Blut heraus. Eine Stimme rief ihm zu: „Flieh!“ Dann erschien ihm ein Engel, der die Züge von Sir Walsinghams Neffen hatte.


 


Er stand spät auf, Watson war schon weggegangen. Er streifte durch die Straßen Londons, zunächst ziemlich ziellos, schließlich entschloss er sich, zu Walsinghams Haus zu gehen und mit dem Neffen zu sprechen. Er musste ihn kennenlernen. Zuvor ging er in eine Schenke und trank sich Mut an.


 


Er hatte Glück. Der junge Walsingham war zuhause und bereit, ihn zu empfangen. „Was führt Sie zu mir?“, fragte er höflich. „Waren Sie nicht gestern bei meinem Onkel?“


 


Marlowe merkte, dass sich seine Stimme belegt hatte, und räusperte sich. „Sind Sie auch beim Dienst, wie er das nennt?“


 


„Sind Sie deshalb hier? Das kann ich mir nicht denken. Mein Onkel hat gelegentlich Verwendung für mich. Ich bin gar nichts, der unnützeste aller Walsinghams.“


 


Er schenkte sich und Marlowe Wein ein.


 


„Hüten Sie sich vor meinem Onkel, er zieht sie rein in seine Intrigen und Geschäfte.“


 


„Die Warnung kommt zu spät. Ich habe gestern einen Vertrag unterschrieben.“


 


„Sie haben geheimdienstliche Ambitionen?“


 


„Nicht wirklich. Eher poetische, vielleicht auch fürs Theater.“


 


„Ich mag London nicht, ich reite morgen zurück nach Scadbury. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich meinem Onkel anzudienen.“


 


„Durch Tom Watson. Ich wohne bei ihm.“


 


„Er hat Sie angeworben?“


 


„Kann man so sagen.“


 


„Warum sind Sie zu mir gekommen?“


 


„Ich wollte Sie wiedersehen.“


 


Thomas Walsingham sah Marlowe in die Augen und lächelte.


 


„So sollten wir Freunde werden.“ Er erhob sein Glas und sagte: „Ich heiße Tom.“


 


„Ich heiße Christopher.“


 


„Ich werde dich Kit nennen.“


 


Tom stand auf, beugte sich über Kit und küsste ihn.


 


Auf dem Nachhauseweg schwebte Marlowe wie auf Wolken und begann zu dichten:


 


Hätt ich mehr Seelen als da Sterne leuchten,


 


Ich gäb sie alle dem Geliebten.


 


Durch ihn werd ich der Erde großer Kaiser


 


Und baue Brücken durch die leichte Luft.


 


Ich habe nun, was stets mein Herz ersehnt.


 


 


 


Einsatz in Frankreich


 


Walsingham hatte Marlowe an seinen Sekretär Phelippes verwiesen, um letzte Instruktionen und Geld für die Reise zu erhalten. Von Watson wusste Marlowe bereits, dass dieser Schreiber unbezahlbar war, sein scharfer Verstand vermochte jeden Geheimcode zu knacken. Stunden und Tage konnte er damit zubringen, über einer neuen Chiffre zu brüten. Er besaß außerdem die Fähigkeit, jede Handschrift zu fälschen.


 


Marlowe ging also zu Phelippes. Er hatte ein größeres Arbeitszimmer als Walsingham, saß an seinem Katheder, von zwei Männern flankiert, die emsig mit quietschenden Federkielen schrieben. Er war klein und dünn, mit Brille, strohblondem Haar und Bart. Sein Gesicht war von Pockennarben übersät.


 


„Ah, der Neuling“, sagte er.


 


„Ich bin Christopher Marlowe.“


 


„Weiß ich, weiß ich.“ Er nahm einen großen Schlüssel und öffnete damit einen eisernen Kasten, daraus holte er einen kleinen Lederbeutel und hielt ihn Marlowe hin.


 


In diesem Beutel befand sich genügend Geld, um sich neu einkleiden zu können. Er konnte endlich seinen Studentenkittel ablegen und kaufte sich ein elegantes schwarzes Wams mit orangefarbenen Streifen.


 


Am 2. Juli ritt er nach Canterbury, wo er seine Eltern und Geschwister besuchte. Dann ging es am 6. Juli weiter nach Dover, wo er im Gasthof namens Luce nach Robert Poley fragte. Der kam alsbald aus dem hinteren Teil des Gastraumes und stellte sich vor. Sein Händedruck war kraftvoll. Der blonde Bart gestutzt, das Wams von gutem Schnitt. Der Ausdruck des Gesichts freundlich und heiter. Am Tisch saß ein weiterer Mann, der ihm als Nicholas Skeres vorgestellt wurde. Dieser war so ziemlich das genaue Gegenteil von Poley. Schwarzhaarig, ungekämmt, schmutzig und finster blickend. Sie aßen zusammen und Poley erklärte: „Morgen früh setzen wir mit der ersten Flut über. Skeres und ich reisen dann weiter nach Paris, Sie nach Reims.“


 


„Kann ich nicht mit nach Paris kommen?“, bat Marlowe.


 


„Sie haben einen Auftrag in Reims zu erledigen.“


 


„Sir Francis hat mir gesagt, dass Sie im Gefängnis waren, um Priester auszuhorchen.“


 


„Ja, sie reden in ihrer Not, viele Geheimnisse werden im Gefängnis verraten. Mit mir reden sie, ich spreche ihre Sprache. Aber ich bin froh wieder draußen zu sein und die Seeluft zu genießen. Ich wurde geboren, als die Bloody Mary, wie man sie nennt, Philipp von Spanien heiratete. Daher wurde ich im alten Glauben erzogen. Manche meinen, ich würde ihn heute noch praktizieren. Doch das tue ich nur zum Schein. Ich habe übrigens ein wenig Geld für Sie. Ich gebe es Ihnen morgen. Und Anweisungen: Sie schreiben sich am Kolleg ein und sagen, dass Sie für unsere Kirche studieren, aber Zweifel hätten. Unschlüssige sind ihnen dort willkommen.“


 


„Soll ich nicht den alten Glauben vortäuschen?“


 


„Nein, es ist besser, wenn Sie einer sind, der im Glauben schwankt und nach Klarheit sucht. In Wirklichkeit suchen Sie nach denen, die über den Kanal kommen, um ihre teuflischen Ränke ins Werk zu setzen. Man will unsere Königin verjagen und eine andere Königin einsetzen. Welche können Sie sich ja denken.“


 


„Meinen Sie, es werden Mordanschläge auf Königin Elisabeth geplant?“


 


„Ja. Manche sprechen auch heuchlerisch davon, sie zu entfernen oder ihr den trübseligen Ruhesitz auf Fortheringay zu überlassen, in dem jetzt noch die Rivalin schmachtet.“


 


„Und ich soll Leute aufspüren, die solche Pläne hegen?“


 


„Ja, versuchen Sie, Namen in Erfahrung zu bringen.“


 


„Wie lange soll ich in Reims bleiben?“


 


„Etwa einen Monat. Sie schreiben sich als Student der Theologie im Kolleg ein. Sie sind sehr gastfreundlich. Halten Sie die Ohren offen. Am meisten erfährt man in der Nähe der Beichtstühle, in Schenken oder in den Schlafräumen.“


 


Marlowe war verwundert, dass man ihm diese Mission ganz allein anvertraute, einem jugendlichen Anfänger.


 


Wie besprochen begab er sich nach der Überfahrt unverzüglich nach Reims, erhielt dort einen Platz im Kolleg und machte erste Bekanntschaften. Als er nach drei Tagen in einer Schenke einkehrte, stutzte er. Da saß Thomas Walsingham zusammen mit einem weiteren Mann. Marlowe klopfte das Herz bis zum Hals, als er zu seinem Tisch ging und ihn begrüßte.


 


 „Wie kommst du jetzt so schnell hierher“, fragte er ihn und setzte sich. Tom lächelte ihn an und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Wir können dich doch hier nicht völlig allein auf einsamem Posten lassen. Die Mission ist zu wichtig.“


 


Er stellte ihm Frizer vor, der ebenfalls im Dienst von Francis Walsingham stand.


 


„Poley sprach vom Kolleg als dem Mittelpunkt der Verschwörung“, sagte Marlowe.


 


„Die Schottenkönigin soll auf den Thron gelangen, und dann werden die Spanier und Franzosen eingeladen, uns wieder unter Roms Fittiche zu bringen. Wenn wir den Nachweis erbringen können, dass es eine Verschwörung gibt, dann geht es Maria Stuart an den Kragen. Es wurde nämlich im Kronrat ein Beschluss verabschiedet, dass sie hingerichtet werden soll, sobald ein Komplott aufgedeckt wird, ganz gleich, ob sie davon Kenntnis hat oder nicht.“


 


„Das scheint mir nicht gerecht zu sein“, wandte Marlowe ein.


 


„Gerecht oder nicht, das ist Staatskunst. Ich dachte, du kennst den Machiavell.“


 


 Marlowe überlegte kurz und antwortete: „Der Herrscher, der dem Staat dient, muss die Gesetze der traditionellen Moral verletzen. Schreckt er davor zurück, geht er zusammen mit seinem Staat unter, dessen elementare Bedürfnisse er falsch verstanden hat. Für einen Herrscher ist es nach Machiavelli egal, ob er als gut oder als böse gilt. Wichtig ist nur, ob er Erfolg hat oder scheitert. Damit der Herrscher nicht scheitert, darf er vom Volk nicht gehasst werden.


 


Der perfekte Fürst muss die traditionellen Moralvorstellungen vorspielen können, das heißt, er muss den Schein der Tugendhaftigkeit wahren.“


 


Tom klatschte ihm Beifall: „Richtig, mein Lieber. Genau daran orientieren sich Elisabeth und ihre Ratgeber.“


 


Walsingham hatte ein Zimmer in einem Gasthaus genommen und als Frizer weggegangen war, nahm er zärtlich Marlowes Hand und bat ihn, am Abend zu ihm zu kommen.


 


Marlowe ging in eine Nachmittagsvorlesung, doch er war wie von einem Fieber gepackt und konnte sich nicht auf die Ausführungen konzentrieren. Stattdessen grübelte er über den Begriff der Liebe nach. War Liebe mehr als der poetische Schrei des Verlangens und das Glück der Befriedigung? War es der Ausdruck für den Einklang der Seelen? Ihm fiel der Mythos von Plato ein, dem zufolge die Menschen ursprünglich kugelförmige Rümpfe hatten mit vier Händen und Füßen, zwei Gesichtern mit je zwei Ohren auf einem Kopf, den ein kreisrunder Hals trug. Die Gesichter blickten in entgegengesetzte Richtungen. Mit ihren acht Gliedmaßen konnten sich die Kugelmenschen schnell fortbewegen, nicht nur aufrecht, sondern auch so wie ein Turner, der ein Rad schlägt. Es gab nicht nur zwei Geschlechter, sondern drei: Manche Kugelmenschen waren rein männlich, andere rein weiblich, wiederum andere hatten eine männliche und eine weibliche Hälfte. Die Kugelmenschen verfügten über gewaltige Kraft und großen Wagemut. In ihrem Übermut wollten sie sich einen Weg zum Himmel bahnen und die Götter angreifen. Daher entschied sich Zeus, die Kugelmenschen zu schwächen, indem er jeden von ihnen in zwei Hälften zerschnitt. Diese Hälften sind die heutigen zweibeinigen Menschen. Diese jedoch leiden schwer unter der Trennung von ihren anderen Hälften. Sie umschlingen einander in der Hoffnung, zusammenwachsen und so ihre Einheit wiedergewinnen zu können. Durch die sexuelle Begegnung können sie ihr Einheitsbedürfnis vorübergehend befriedigen und so die Sehnsucht zeitweilig stillen. Sie leiden aber weiterhin unter ihrer Unvollständigkeit; jeder sucht die verlorene andere Hälfte. Die Sehnsucht nach der verlorenen Ganzheit zeigt sich in Gestalt des erotischen Begehrens, das auf Vereinigung abzielt. Die Art des Vereinigungsstrebens der Zweibeiner hängt davon ab, zu welchem der drei Geschlechter sie einst gehörten: zu den rein männlichen Kugelmenschen, zu den rein weiblichen oder zu denen mit einer männlichen und einer weiblichen Hälfte. Je nach dieser ursprünglichen Beschaffenheit eines Kugelmenschen suchen dessen getrennte Hälften jetzt einen Menschen des anderen oder einen Menschen des gleichen Geschlechts. Damit erklärt Platon die Unterschiede in der sexuellen Neigung. Wie es aussah, hatte Marlowe seine andere Hälfte gefunden. Das war ein großes Wunder und ein ungeheures Glück.


 


Für die Kirche war die Liebe zwischen zwei Männern eine schwere Sünde. Darauf stand die Todesstrafe. Sie mussten sehr vorsichtig sein.


 


Die Stunden schlichen dahin, doch endlich kam der Abend und Marlowe ging in den besagten Gasthof und wurde dort von Tom herzlich und zärtlich willkommen geheißen. Es folgte eine wundervolle Nacht der Erfüllung und der Lust. Sie schenkten sich einander und gaben sich vollkommen hin. Müde und glücklich schliefen sie eng aneinandergeschmiegt ein.


 


 


 


Am nächsten Tag gab ihnen Frizer eine Lektion in Kryptologie, worin er ein Experte war. „Die erste Methode funktioniert mithilfe einer Chiffrier-Doppelscheibe. Die Klartext-Buchstaben stehen am Außenrand der Scheibe, die Chiffrier-Buchstaben am Rand der kleineren Innenscheibe. Die zweite funktioniert ähnlich mit einer Pappschablone, die man entsprechend hin – und herschiebt. Ich gebe jedoch zu bedenken, dass die Mitnahme einer Scheibe oder Schablone, selbst bei gutem Versteck viel zu gefährlich ist. Unauffälliger ist die Verschlüsselung mittels eines Buches, beispielsweise eines medizinischen Fachbuches, das in zwei identischen Exemplaren vorliegen muss. Als Grundlage der Verschlüsselung einigt man sich auf eine bestimmte Seite. Für die Mitteilung „Ich brauche einen Kurier“, sucht man für den Buchstaben „I“ die entsprechende Position auf dieser Seite, also zum Beispiel Zeile 2, Buchstabe 8, abgekürzt: 2/8 und so weiter. Der Empfänger der Nachricht kann nun, da er das gleiche Exemplar des Buches hat, die Botschaft entschlüsseln.


 


Ich warne trotzdem davor, eine Nachricht per Briefpost nach London zu schicken. Denn auch sorgfältig versiegelte Briefe werden geöffnet, besonders wenn sie ins „feindliche“ Ausland adressiert sind. Siegel können vorsichtig abgeschmolzen und so originalgetreu kopiert werden, dass selbst ein kundiges Auge keinerlei Zeichen eines Eingriffs erkennen kann. Wenn sich dann in dem Brief ein verschlüsseltes Schreiben befindet, wird es sofort konfisziert. Man kann aber einen Trick anwenden: Man schreibt belangloses Zeug über Familie, Wetter, persönliche Erlebnisse und trägt auf der Rückseite mit Geheimtinte die Zahlenfolge ein. Geheimtinte stellt man nach folgendem Verfahren her: Das Briefpapier wird 24 Stunden in Wasser mit Alaun und Ammoniak eingeweicht, dann beschrieben. Die Schrift ist unsichtbar. Der Adressat macht das Geschriebene lesbar durch die gleiche Alaun- und Ammoniaklösung. Diese Chemikalien lassen sich mitnehmen in Glasfläschchen, die als Medikamente getarnt sind, damit sie bei einer Kontrolle des Gepäcks nicht auffallen.


 


Trotz all dieser Vorsichtsmaßnahmen ist es am besten, einen verlässlichen Boten zu schicken, wenn man einen Bericht oder eine Nachricht an den Geheimdienst senden möchte.“


 


Thomas Walsingham blieb nur wenige Tage. Er hatte einen Auftrag seines Onkels in Paris zu erledigen. Der Abschied fiel Marlowe sehr schwer, aber er wusste ja, dass er Tom in London oder Scadbury wiedersehen würde. Frizer blieb in Reims, um ihn zu unterstützen.


 


In einer Schenke lernte er einen Hauptmann mit Namen Fortescue kennen, der ihn wiederum mit einem Gilbert Gifford und einem John Savage bekannt machte. Als Gifford hörte, dass Marlowe Engländer war, begann er zu lamentieren: „Meine Familie lebte seit grauer Vorzeit in Staffordshire und diente dem Gott, der Henry dem Siebten gut genug war. Auch seinem Sohn, bis die Hure Anne Boleyn ihm mit ihren schwarzen Augen den Kopf verdrehte. Wieso sind wir auf einmal Verräter?“ Gifford trank einen tiefen Zug aus seinem Becher und schaute Marlowe verbittert an.


 


„Doch hier in Reims können wir ganz ohne Groll beim Wein zusammensitzen. Ich studiere Theologie in Cambridge. Was mich hierher zieht, ist der Wunsch, meine Zweifel zu zerstreuen. Und sie zerstreuen sich in der Erkenntnis, dass religiöse Änderungen niemals wirklich religiös sind, sondern Staatsangelegenheiten“, antwortete Marlowe.


 


„Allerdings“, geiferte Gifford, „und wenn Philipp von Spanien sein Reich ausdehnt, könnte er wieder einen katholischen Monarchen auf den englischen Thron setzen. Vielleicht bekämen die Giffords dann ihren Stammsitz in Staffordshire zurück. Von Spaniens Gnaden.“


 


„Lassen wir doch die Staatsaffären ruhen“, rief Fortescue aus. „Wir wollen lieber trinken. Und singen.“ Er stimmte mit hoher einschmeichelnder Stimme ein Lied an, in das Marlowe einstimmte.


 


So tranken sie und sangen zusammen fröhliche Lieder und verabschiedeten sich schließlich vor der Schenke. Marlowe war nicht so betrunken, wie er die drei glauben gemacht hatte. Er schlich ihnen nach, um sie zu belauschen. Fortescue sagte zu Gifford: „Sei ein bisschen zurückhaltender in deinen Äußerungen. Vielleicht ist er ein englischer Spitzel.“ Gifford machte eine wegwerfende Handbewegung und sagte „Ach wenn schon!“ Wenige Straßen weiter verabschiedete sich Fortescue von den beiden anderen, die darauf kurz stehen blieben. „Ballard will bald nach London, um sich mit Babington zu treffen“, teilte Gifford Savage mit.


 


Am nächsten Tag sprach Marlowe mit Frizer darüber. Dieser erklärte: „Dachte ich´s mir doch. Dieser Fortescue, der damit prahlt, er habe in den Niederlanden gegen die Spanier gekämpft, ist in Wirklichkeit Pater Ballard, ein Jesuit. Ein gefährlicher Mann.“


 


„Und wer ist Babington?“


 


„Er stammt aus einer wohlhabenden katholischen Familie in Dethick, Derbyshire. Es ist allgemein bekannt, dass er ein Parteigänger der Stuart ist. Als der Earl von Shrewsbury für Marias Gefangenschaft verantwortlich war, ging Babington ihm zur Hand. Er hat vermutlich oft mit ihr gesprochen. Soll auch ihr Bote gewesen sein.“


 


„Wenn Babington und Ballard sich treffen, liegt der Verdacht nahe, dass sich die Verschwörer in Reims mit Katholiken in England zusammentun wollen“, konstatierte Marlowe.


 


 


 


Wenige Wochen später war Marlowe zurück in England und nahm sein Studium wieder auf, zumindest dem Schein nach. Denn seine Hauptbeschäftigung bestand darin, ein Drama über den skythischen Herrscher Tamerlan zu verfassen. Tom kam ihn besuchen und las, was er geschrieben hatte.


 


„Das ist aber ziemlich blutrünstig, was du da schreibst!


 


Die Straßen voll von abgetrennten Gliedern


 


Und blut´gen Leibern, wo noch Leben keucht.“


 


„Ich zeige Tamerlans unaufhaltsamen Aufstieg zur Macht. Er hat dabei keinerlei moralische Skrupel und behandelt die Besiegten mit ausgeklügelter Grausamkeit. Er verliebt sich schließlich in die Tochter des ägyptischen Sultans. Bei seiner Vermählung mit ihr schließt er Waffenstillstand mit der ganzen Welt.“


 


Tom umarmte und küsste ihn, er flüsterte: „Das tun wir jetzt auch.“


 


»Ja«, antwortete Marlowe mit sehnsüchtigem Seufzen. „Wir vereinigen uns und schließen dabei Frieden mit der ganzen Welt.“


 


 


 


Eines Tages kam ein Bote, der ihn aufforderte, mit nach London zu kommen. Er solle sich dort mit Poley treffen.


 


Der Agent eröffnete ihm: „Mir fehlt es an Kurieren. Du musst nach Frankreich und Kontakt zu Gifford aufnehmen. Er wird in London gebraucht. Vermutlich ist er auf dem Weg nach Paris, um sich mit Thomas Morgan zu treffen, der ein enger Vertrauter der schottischen Königin ist. Gifford muss diesen Brief erhalten.“


 


Poley überreichte Marlowe einen versiegelten Brief.


 


„Wieso an Gifford? Was haben wir mit dem zu schaffen?“


 


Poley grinste breit. „Bist wohl nicht auf dem neuesten Stand? Der arbeitet inzwischen auch für uns. Walsingham konnte ihn davon überzeugen.“


 


„Kann man ihm denn trauen?“


 


„Trauen kann man in unserem Geschäft niemandem. Du solltest übrigens eine Waffe tragen. Paris ist eine Stadt voller Gefahren. Und dich erwartet übles Wetter für die Überfahrt. Mach dich gefasst auf einen stürmischen Kanal.“


 


Es wurde in der Tat eine sehr unangenehme Überfahrt. Das Schiff schaukelte furchtbar und Marlowe klammerte sich verkrampft am Geländer fest. Über ihm flatterten die riesigen Segel lautstark im Wind, der salzige Gischt durch die Luft trieb. Das Deck war belebt von geschäftig hin und her eilenden Männern, die Kommandos brüllten oder Befehle ausführten. Marlowe sah kraftlos und bleich in die grüne See tief unter sich und wartete darauf, dass sich ihm der Magen erneut umdrehte.


 


 


 


Paris war eine Stadt von solcher Größe, dass London dagegen wie ein Marktflecken erschien. Sie bestand aus einem Gewirr von gewundenen Straßen, voller Gestank und Unrat. Bettler und Kuppler, Beutel- und Halsabschneider sowie Huren, die ihren Busen unbedeckt dem Wind und dem Regen darboten, säumten den Weg. Er ritt zu dem Haus, das ihm als sichere Zuflucht bezeichnet worden war. Die Tür zur Straße stand offen. Er zögerte einzutreten, doch dann tauchte ein Stallknecht auf, der das Pferd zu einem Stall führte. Der Hausherr erschien an der Haustür und musterte ihn misstrauisch, bat ihn aber schließlich mürrisch hinein. Während des Essens, an dem noch zwei schweigsame Männer in Schwarz teilnahmen, stellte er sich als Mister Beard vor, Hauptagent Walsinghams in Paris. Nachdem auch Marlowe sich vorgestellt hatte, fragte er ihn, hinter wem er her sei. Marlowe antwortete: „Hinter Mister Gifford.“


 


„O der ist störrisch, geht seiner eigenen Wege und ist schwer ausfindig zu machen. Er wird irgendwann herkommen, um seine Londoner Post abzuholen.“


 


„Aber der Brief ist dringend.“


 


Beard machte eine wegwerfende Handbewegung. „Für London ist immer alles dringend.“


 


Am nächsten Tag sah sich Marlowe die Stadt an. Der Regen hatte nachgelassen, aber die Straßen waren aufgeweicht. Er versank an einigen Stellen bis zu den Knöcheln in Schlamm und Unrat. Die Häuser erschienen ihm baufällig, waren schief und krumm. In die engen Gassen drangen kaum Licht und Luft. In ihnen staute sich ein infernalischer Gestank. Es war ein Kunststück, sich nicht zu verirren. Ihm begegneten zwielichtige Gestalten und er war froh, einen Dolch unter dem Mantel zu wissen. Er kam zu einem großen Platz vor dem Stadthaus, wo das bunteste Treiben herrschte. Pasteten und andere Backwaren wurden angeboten, Gaukler turnten herum, Straßenmusiker spielten auf, eine Wanderbühne wurde aufgebaut.


 


Als er zu dem Haus des Agenten zurückkam, fand er dort Gifford vor.


 


„Sind Sie der Mann, der mir eine Nachricht aus London bringt?“


 


Marlowe nickte und holte den Brief aus einem Beutel, den er an der Brust trug.


 


„Wir kennen uns aus Reims, oder?“, meinte Gifford, erbrach das Siegel und las. Dann seufzte er. „Ich werde zurückbeordert. Sofort, schreibt er, ohne Säumen.“ Und zu Marlowe gewandt: „Sie sollen mich zurückbegleiten.“


 


Also ritten sie nach Calais und gingen am nächsten Morgen auf die Fähre. Die See war ungewöhnlich glatt, durch die Wolken drang ein wenig Sonnenlicht. Marlowe wurde aus Gifford nicht schlau und fragte ihn: „Sie arbeiten für beide Seiten? Wie kann man das?“ Gifford grinste: „Mir geht England über alles, ein katholisches wär mir lieber. Aber da das nicht möglich ist, setze ich mich für ein halbwegs friedliches England unter protestantischer Herrschaft ein. Ich möchte nicht den alten Glauben von Spaniens oder Frankreichs Gnaden restauriert sehen. England soll nicht von anderen Ländern abhängig sein.“


 


„Aber so friedlich wird das Unternehmen nicht abgehen, fürchte ich. Immerhin plant man die Tötung einer Unschuldigen.“


 


„Ach was, unschuldig!“, rief Gifford aus. „Die katholische Liga trifft Kriegsvorbereitungen, eine Invasion französischer, italienischer und spanischer Truppen. Und solange Maria Stuart lebt, bleibt sie Dreh- und Angelpunkt aller papistischen Verschwörungen und Intrigen, ganz gleich, ob sie sich selbst an ihnen beteiligt oder nicht. Elisabeths Anrecht auf den englischen Thron bleibt anfechtbar, solange mit Maria eine Urenkelin Heinrichs VII. als Thronfolgerin zur Verfügung steht. Aus katholischer Sicht war die Ehe Heinrichs VIII. mit Anne Boleyn nicht gültig und somit wäre Elisabeth unehelich gezeugt. Fest steht, und davon konnte mich Walsingham überzeugen, als Gegenstand der Politik bleibt die Schottenkönigin auch eingemauert eine Gefahr.“


 


 


 


Der Staatssekretär war zufrieden, dass Marlowe den Auftrag so prompt erledigt hatte. Er schickte ihn nach Cambridge zurück, damit er sein Studium abschließen und sein Master-Examen machen konnte. Walsinghams Pläne wurden nun ohne Marlowes Zutun weiter vorangetrieben.


 


 


 


Die Verschwörung


 


 


 


Sir Francis verfolgte nur ein Ziel: Die Bedrohung von Königin Elisabeth ein für alle Mal zu beseitigen. Dazu gab es nur einen Weg: Maria Stuart musste vernichtet werden. Denn wenn es sie nicht mehr gab, würde niemand mehr die Rechtmäßigkeit Elisabeths in Frage stellen und keiner mehr wagen, eine Invasion Englands vorzubereiten. Um sein Ziel zu erreichen, war ihm jedes Mittel recht. Der Schottenkönigin musste zweifelsfrei nachgewiesen werden, dass sie mit Verschwörern gemeinsame Sache machte. Dann würde Elisabeth ihre Skrupel überwinden und sie als Hochverräterin hinrichten lassen.


 


In dieser Angelegenheit war ihm Phelippes eine große Hilfe. Er vermochte es, im Handumdrehen die Illusion einer Konspiration zu erzeugen. Er benutzte Fälschungen und andere kriminelle Methoden, um Babington in die Falle zu locken.


 


Auch Gilbert Gifford war für Walsingham ein Glücksfang. Er genoss das Vertrauen von Thomas Morgan, dem Agenten Maria Stuarts, und war versehen mit Empfehlungsschreiben, die ihm auch das Vertrauen der Stuart verschaffen würden. Doch die wurde auf Walsinghams eignes Betreiben hin inzwischen so stark bewacht, dass es schwierig wurde, ihr Nachrichten zukommen zu lassen. Ihre Korrespondenz wurde in einem Maße verhindert, dass sie keine Verbindung zur Außenwelt mehr hatte und ein politisches Agieren völlig unmöglich war. Nun wollte Walsingham ihr nach monatelanger Postsperre eine Möglichkeit eröffnen, ihre Briefe mit Hilfe Giffords an ihren Aufpassern vorbeizuschmuggeln. Dadurch könnte er Maria dazu bringen, ihre geheimsten Gedanken zu offenbaren. Als Vehikel für Marias Geheimpost wurden Bierfässer erkoren, die ein Brauer aus dem Nachbarort allwöchentlich nach Chartley-House lieferte, wo Maria inzwischen festgesetzt war. Im Spundloch der Fässer sollten in Röhrchen versteckte Briefe hinein- und hinausgelangen.


 


Gifford vertraute dem französischen Gesandten an, dass es eine Möglichkeit gebe, Maria Stuart unbemerkt Nachrichten zukommen zu lassen. Wenige Tage später machte er sich mit der ersten Sendung auf den Weg. Sie enthielt nichts anderes als zwei ihn selbst betreffende Empfehlungsschreiben, in denen Morgan und Chateauneuf für die absolute Zuverlässigkeit des Überbringers Gifford bürgten. Für Maria war es unmöglich, den Betrug zu durchschauen. Die lange Isolation und die bedrückenden Umstände ihrer Internierung hatten sie ohnehin zermürbt.


 


Ehe Babington im Juli 1586 aus der Hand eines Botenjungen den Brief der gefangenen Königin empfing, waren schon ein gutes Dutzend geheimer Sendungen ihren Weg durch die Fässer geschleust worden, von Walsinghams Schreiber Phelippes ohne große Mühe dechiffriert und von seinem Auftraggeber gelesen. Um sicherzugehen, dass der Brauer ihn nicht betrog, ließ der Staatssekretär jede Sendung zweimal auf ihre Vollständigkeit überprüfen. Schon bald fiel ihm auf diese Weise ein Schreiben Marias in die Hände, in dem sie die Invasionspläne der katholischen Liga, von denen man ihr aus Paris berichtet hatte, unmissverständlich guthieß und sich damit des Hochverrats schuldig machte. Aber Walsingham genügte das nicht. Er sah voraus, dass die vorsichtige Elisabeth ihrer Rivalin niemals nur aufgrund solcher Äußerungen den Prozess machen würde, und wartete also ab. Wenige Zeit später sollte ihm Babington unfreiwillig weitere Beweise liefern. Morgan machte die schottische Königin auf den jungen Mann aufmerksam und empfahl ihr, Babington ein Zeichen ihrer Gunst zukommen zu lassen. So schrieb sie an ihn, ermutigte ihn und dankte ihm für seine Bereitschaft, ihr zu dienen. Sie bat ihn, ein Bündel an sie adressierter Briefe, die der französische Gesandte verwahrte, an sie weiterzuleiten. Babington fühlte sich hoch geehrt, tat wie ihm geheißen und fügte der Sendung außerdem noch einen eigenen Brief bei, in dem er der Stuart den Plan der Verschwörung in allen Einzelheiten darlegte und ihre Zustimmung erbat.


 


Pater Ballard gehörte zu den Verbündeten Babingtons und war im Auftrag Morgans unterwegs, um unter den Katholiken in England eine Streitmacht anzuwerben. Dazu hielt er sich schon seit einiger Zeit in den nördlichen Grafschaften auf, um die beim alten Bekenntnis gebliebenen Familien für seine Sache zu mobilisieren. Morgans Vorstellung war, Elisabeth von zwei Seiten in die Zange zu nehmen. Er wollte den katholischen Adel in einen heiligen Krieg treiben, an dem sich auch Frankreich und Spanien beteiligen würden.


 


Am 17. Juli 1586 nahm der von Curll, Marias schottischem Sekretär, verschlüsselte Brief seinen Weg durch das Bierfass in die Hände ihrer Bewacher. Er enthielt die Antwort, dass Maria den Plan der Verschwörer in allen wesentlichen Punkten guthieß. Nur die Ermordung Elisabeths erwähnte sie nicht ausdrücklich.


 


Als Walsingham die von Phelippes entschlüsselten Zeilen las, sprang er vom Stuhl und es hatte fast den Anschein, als wolle er seinen Schreiber umarmen. Was er dann aber doch unterließ. Er atmete tief durch und frohlockte.


 


Babington saß im White-Hall-Inn, als ihn der Brief Marias erreichte. Es blieb ihm jedoch keine Zeit, sich über die Gunst seiner Königin zu freuen. John Savage betrat den Raum und berichtete ihm, dass ein gewisser Mawde, der Ballard auf seiner Mission in Lancashire begleitet hatte, ein Spitzel war. Niemand hatte Gifford im Verdacht, der sich um den 20. Juli nach Frankreich absetzte und damit beiden Seiten ein Schnippchen schlug. Ihm waren wohl Bedenken gekommen, ob der Staatssekretär ihn bei der großen Abrechnung am Ende wirklich zu den Guten zählen würde, obgleich er ihm unschätzbare Dienste erwiesen hatte.


 


An die Stelle von Gifford trat nun Poley, der häufig an den Beratungen der Verschwörer teilnahm. Daran konnte man erkennen, dass ihnen die Kontrolle über die Situation entglitt, da sie selber nicht mehr überblickten, wer in den Plan eingeweiht war und wer nicht.


 


Am 25. Juli ritt Poley zum Palast von Richmond, wohin der königliche Hof verlegt worden war. Er meldete dem Staatssekretär, dass ein Anschlag auf das Leben der Königin geplant sei. Doch Walsingham wollte noch die Antwort Babingtons abwarten, die ihm die Namen von sechs Verschwörern einbringen würde. Auch wollte er der Königin die Gefahr, der sie dank der Wachsamkeit ihres Dieners Walsingham gerade noch entronnen war, in möglichst grellem Licht erscheinen lassen. Schon jetzt ließ er seine Neuigkeiten in wohldosierten Hiobsbotschaften auf die Königin niedergehen. Und Elisabeth reagierte höchst beunruhigt. Walsinghams Meldungen bestätigten ihre schlimmsten Alpträume: der Feind im Innern im Bund mit den mächtigsten Gegnern auf dem Kontinent und in der Mitte des teuflischen Komplotts die Erzrivalin Maria Stuart.


 


Die Antwort Babingtons, die die Namen der sechs Mitverschwörer verraten sollte, ließ auf sich warten. Deshalb beschloss Sir Francis Walsingham am 2. August, die Festnahme des Hochverräters und seiner Komplizen nicht länger hinauszuschieben. Doch Babington war unauffindbar. Alle bekannten Aufenthaltsorte der Verschwörer wurden abgesucht, ohne Erfolg. Walsingham verfluchte sich selbst, dass er nicht früher zugegriffen hatte. Wenig später wurde Ballard festgenommen, Babington konnte fliehen, versteckte sich mit einigen seiner Gefährten bei einer katholischen Familie im Norden. Doch bereits am 30. August wurden sie ergriffen. Tilney, Savage und Tychborne waren zuvor schon verhaftet worden.


 


Der Oberrichter verhörte die Verschwörer drei Tage lang. Sie gestanden die Tat vollumfänglich; bis auf Ballard wurde keiner gefoltert. Sie schoben sich gegenseitig die Schuld zu. Am 16. September wurde der Prozess eröffnet. Die Richter befanden alle des Hochverrates schuldig. Babington, Ballard, Savage und vier weitere Verschwörer wurden am 20. September 1586 hingerichtet. Babington, Ballard und Savage wurden gehängt und gevierteilt. Bei dieser Hinrichtungsart wurde der Verurteilte auf einem Holzrost zum Richtplatz gezerrt, am Hals aufgehängt und, kurz bevor er starb, heruntergenommen. Dann wurden ihm die Gedärme aus dem Leib herausgezogen und die Genitalien abgeschnitten. Zuletzt wurde ihm das Herz herausgerissen. Dann wurde er geköpft und der Körper in vier Teile zerhackt. Als Abschreckung wurden ihre Köpfe auf Lanzenspitzen über der London Bridge zur Schau gestellt.


 


 


 


Dabei waren doch alle nur Figuren in Walsinghams großem Plan gewesen, denn er hatte mindestens ebenso eifrig für das Zustandekommen des Komplotts gesorgt wie für dessen Entdeckung. Aber nun war er am Ziel: Maria Stuart wurde zum Tod durch das Beil verurteilt. Elisabeth zögerte, das Urteil vollstrecken zu lassen, doch ihre Berater drängten sie dazu. Maria Stuart sollte am 8. Februar 1587 geköpft werden. Staatssekretär Lord Burghley entwarf Skizzen für ein Bühnenbild und die Sitzordnung bei Maria Stuarts Hinrichtung. Die große Halle in Schloss Fotheringhay wurde zur Plattform ihres letzten Auftritts. In der Mitte des Saales war ein Podest errichtet und mit schwarzer Leinwand überdeckt worden. Rechts und links des Hinrichtungsblocks standen die Sessel für die Grafen Shrewsbury und Kent, an der Wand postierten sich in schwarzen Samt gekleidet und mit schwarzen Masken vor dem Gesicht der Henker und sein Gehilfe. Im hinteren Teil des Saales drängten sich die Zuschauer, etwa zweihundert Edelleute. Maria spielte die Rolle der katholischen Märtyrerin und erklärte ihren Richtern: »Das Theater der Welt ist größer als das englische Reich.« Sie erschien kostümiert in zwei Kleiderschichten in symbolischen Farben, rückte sich den Henkersblock zurecht, sprach Christi letzte Worte am Kreuz auf Lateinisch und war bedacht auf die Wirkung ihrer Selbstinszenierung. Elisabeth fiel die undankbare Rolle der bösen Regentin zu, die zum ersten Mal in der Geschichte eine gesalbte Königin hinrichten ließ. Nur der Henker hatte seinen Part nicht gut eingeübt, denn er musste dreimal mit dem Beil zuschlagen, bis sich das Haupt Marias vom Rumpf trennte.


 


 


 


Während dieser welthistorischen Ereignisse büffelte Marlowe in Cambridge für sein Magister-Examen, zu dem die Universitätsleitung ihn zuerst nicht zulassen wollte, da er zu oft abwesend gewesen sei. Doch ein Schreiben allerhöchster Persönlichkeiten bescheinigte ihm, dass er zum Wohl des Landes unterwegs gewesen sei und ihm deshalb der Magister-Titel nicht verwehrt werden dürfe.


 


Nur bruchstückhaft erfuhr Marlowe von den Festnahmen der Verschwörer und dem Gerichtsurteil. Er wollte nichts davon wissen.


 


Viele Lehrer und Studenten ritten nach London, um die Hinrichtungen mit anzusehen, aber Marlowe dachte nicht daran, sich dieses widerwärtige Schauspiel anzuschauen. Sein Reich war das Theater, wo aus den unter den Gewändern versteckten Blasen nur Schweineblut strömte, wo die Schwerter aus Holzlatten und die Äxte aus Pappmaschee waren. Eine reine Vorspiegelung und weniger gefährlich.


 


 


 


Kurz vor seinem Examen, stürmte Tom in sein Zimmer und zog ihn in eine innige Umarmung. Marlowes Zimmergenosse war ausgegangen.


 


„Ich wäre eher gekommen, aber ich hatte zu tun. Mein Onkel hatte die eine oder andere Verwendung für mich.“


 


„Ich denke, es gibt nichts mehr zu tun, nachdem alle Verräter hingerichtet sind und eine Königin umgebracht wurde.“


 


„Was glaubst du, wie man in Frankreich und Spanien tobt wegen der Hinrichtung Marias! Die Spanier wetzen ihre Messer und kalfatern ihre Kriegsschiffe. Es gibt nach wie vor viel zu tun. Du musst mit mir nach London kommen.“


 


„Ich muss?“


 


„Du bist doch immer noch beim Dienst, oder nicht?“


 


„Ist das der Grund deines Besuches?“


 


„Nein“, sagte Tom und schaute den Freund lächelnd an.


 


„Dann sag deinem blutrünstigen Onkel, dass ich nicht kommen werde. Er hat selbst gesagt, ich solle zuerst mein Studium beenden.“


 


„Ich glaube nicht, dass es ratsam ist, sich ihm zu widersetzen.“


 


„Genau das tue ich aber! Bei erneutem Blutvergießen mach ich nicht mit. Schlimm genug, dass ich bei dem bisherigen mitgewirkt habe.“


 


„Diesmal geht es wirklich um eine Invasion. Wir wollen herausfinden, ob die Spanier tatsächlich ihre Armada schicken.“


 


Doch Marlowe war nicht zu bewegen. Thomas Walsingham musste unverrichteter Dinge abziehen und seinem Onkel mit diplomatischem Geschick die Absage überbringen. Er nahm es widerwillig hin, als sein Neffe ihm darlegte, dass Marlowe mitten im Examen sei. Auch die nächsten Jahre blieb er von Aufträgen verschont.


 


 


 


Der Dichter


 


 


 


Marlowe verkündete in einer Versammlung von Schauspielern und Kollegen:


 


„Ich habe ein Buch über das Leben des deutschen Schwarzkünstlers Johann Faust gelesen. Es war nicht übersetzt, aber der Wizard-Earl hat es mir aus dem Stegreif wiedergegeben. Das lass ich jetzt auf die Bühne los. Faust beschwört den Teufel herauf und schließt einen Pakt mit ihm: Für ein paar Jahre Lebensgenuss und tiefere Erkenntnis vermacht er ihm seine Seele.“


 


„Gib acht, was du schreibst, Kit!“, sagte Ned Alleyn, der schon einige Szenen gelesen hatte. „Es ist ein schönes Stück, aber das Thema ist gefährlich.“


 


„Gefährlicher als der Tamerlan? Das glaube ich nicht.“


 


„Du bringst einen Mann auf die Bühne, der den Teufel beschwört und seine Seele verkauft. Es ist eine gute Rolle, versteh mich nicht falsch. Aber du verurteilst es nicht.“


 


Marlowe zog ein Blatt aus seiner Tasche und sagte: „Hier habe ich einen Monolog, in dem Faust Gott anruft und der nur so trieft vor Reue. Das Stück wird als grimmige Warnung an alle verstanden werden, die ihre Nase in verbotene Dinge stecken.“


 


»Es gibt Leute, die das von dir behaupten. Bradley zum Beispiel hat dich als Atheist bezeichnet.“


 


„Dieser Raufbold“, rief Marlowe mit einer wegwerfenden Handbewegung.


 


Kyd meinte: „Greene behauptet das auch. Er nennt den Tamerlan einen Atheisten.“


 


„Den Tamerlan, nicht mich! Außerdem hat das Stück der argwöhnischen Musterung durch die Obrigkeit standgehalten. Man sollte nicht die Meinung der Figuren mit der Meinung des Schreibers gleichsetzen. Das Theater wäre sterbenslangweilig, wenn wir nur moralisch einwandfreie Personen darstellen würden“, ereiferte sich Marlowe.


 


„Lies uns den Monolog vor, von dem du gesprochen hast“, schlug Ned vor.


 


Marlowe faltete das Blatt auseinander und las:


 


O Faustus,


 


 jetzt hast du nur ein Stündlein noch zu leben,


 


Und dann bist du verdammt in Ewigkeit.


 


Steht still, ihr nimmermüden Himmelssphären,


 


Und hemmt den Lauf der Zeit, eh zwölf sie schlägt!


 


Natur, schlag wieder auf dein schönes Aug´ und gib


 


Uns ew´gen Tag! O lass zum Jahr die Stunde werden,


 


Zum Mond, zur Woche, nur zu einem Tag.


 


Dass Faust bereu und seine Seele rette!


 


Fort gehn die Stern´, es rinnt die Zeit, der Pendel schwingt,


 


Der Teufel naht, die Hölle tut sich auf.


 


O auf zum Himmel, Faust! - Wer reißt mich nieder?


 


Sieh, dort strömet Christi Blut im Abendlicht.


 


Ein Tropfen kann mich retten - o mein Gott!


 


 


 


Wenige Wochen später stand Ned Alleyn als Faust auf der Bühne und beschwor Mephostophilis im dämmrigen Hain. Da die Beschwörungsformeln auf Latein waren, machten sie bei dem gemeinen Volk gehörigen Eindruck. In der unteren Galerie schrie eine Frau laut auf und fiel in Ohnmacht, als einer der Schauspieler als Teufel erschien. In der Folgezeit wurden überall Teufel gesichtet, auch außerhalb des Theaters und außerhalb der Stadt. Und Marlowe galt als einer, der mit seinem Latein den Teufel beschwören konnte und mit Griechisch die schöne Helena von den Toten zurückzurufen vermochte. Es blieb auch nicht unbemerkt, dass er weiterhin häufig zum Durham-Haus ging, wo man aus dem Turmzimmer schwarze Dünste aufsteigen sah. Doch dort sprach und diskutierte man unter der Schirmherrschaft von Sir Walter Raleigh wie zuvor darüber, welche unsterblichen Wahrheiten ein neues Zeitalter begeistern könnten, das die Ketten des Aberglaubens abgelegt hatte.


 


 


 


Kaum hatten sich die Turbulenzen um den Faust gelegt, stellte sich Marlowe der nächsten Gefahr. Er wollte noch lebende Personen auf die Bühne zu bringen, Zeitgenossen sozusagen. Er schrieb ein Drama über den Herzog von Guise und das Gemetzel an den Hugenotten in Paris. Ein Stück, das jeder Diskretion entbehrte. Der Herzog von Guise war einer der Hauptverantwortlichen für das Blutbad an den Hugenotten im Jahr 1572 gewesen und kämpfte jahrelang gegen sie in der „Heiligen Allianz“. Als 1584 der letzte Bruder von König Heinrich III. starb, rückte der Hugenotte Heinrich von Navarra an die erste Stelle der Thronfolge. Der Herzog von Guise machte zweifelhafte eigene Ansprüche geltend. Der König bestimmte daraufhin Karl von Bourbon als Thronerben. Guise  eroberte die Städte Toul und Verdun und zog unter der Zustimmung der Bevölkerung in Paris ein. Der König floh aus der Stadt. Doch er gewann schnell Verbündete und kehrte nach einem halben Jahr zurück. Er ließ den Herzog vor seinen Augen von der Leibwache ermorden.


 


Marlowe schrieb eine Szene, in der der König dem Toten wieder und wieder gegen den Kopf tritt und dann über die Blutflecken an seinen Schuhen schimpft. Allen war klar: Sollte dieses Stück aufgeführt werden, würde der französische Gesandte Zeter und Mordio schreien und bei der Königin Klage führen.


 


 


 


Marlowe fuhr hin und wieder mit einem Boot nach Deptford, um dort herumzulaufen und etwas zu trinken, in Gedanken nicht nur in sein Stück über das Pariser Massaker vertieft, sondern auch in Gedichte und weitere Stoffe für das Theater. Er hatte die Macht des Eroberers gezeigt, die Macht des Wissensdrangs, nun fehlte noch ein Drama über die Macht des Geldes. Er lauschte dem wohltuenden Lärm der Uferschenken, wo die Zimmerleute, Kalfaterer und Segelmacher tüchtig am Zechen waren, denn hier befanden sich die Werften der Marine, wo die Schiffe der Kaufleute und die Kriegsschiffe gebaut wurden. Der Palast von Greenwich war nur eine Meile entfernt. Und so verirrten sich auch Leute aus dem königlichen Gefolge hierher.


 


Gelegentlich kam er mit jemandem ins Gespräch, aber meistens saß er für sich allein, dachte nach und schrieb ein paar Zeilen.


 


 


 


Eines Tages drückte Kyd ihm ein Heftchen mit dem Titel »Der Jude« in die Hand.


 


„Du willst doch ein Stück über die Macht des Geldes schreiben. Vielleicht ist das was für dich.“


 


Marlowe drehte das schmale Büchlein in der Hand und fragte: „Von wem?“


 


„Keine Ahnung.“


 


Mithilfe von Kyd und diesem von einem anonymen Autor verfassten Stück entwickelte Marlowe in den folgenden Wochen die Handlung eines Juden in Malta, der einen Racheakt nach dem anderen verübte, nachdem ihm sein Hab und Gut genommen worden war.


 


Die Türken schicken ihre Flotte nach Malta, um den ausstehenden Tribut einzutreiben. Der Gouverneur der Insel fordert das Geld von den reichen Juden Maltas. Einer von ihnen, Barabas, widersetzt sich dem Befehl, woraufhin sein Vermögen eingezogen und in seinem Haus ein Kloster eingerichtet wird. Von nun an ist es sein Bestreben, sich fürchterlich zu rächen. Während eines Banketts lässt er ein Großteil seiner Gäste niedermetzeln. Ein Diener verrät ihn, und er wird ins Gefängnis geworfen. Die Wärter halten den mit einem Schlafmittel betäubten Juden für tot und werfen ihn über die Stadtmauer. Als Barabas erwacht, eilt er ins Lager der Türken und führt sie in die Stadt, die sie bisher vergeblich zu erobern suchten. Zum Dank ernennen sie ihn zum neuen Gouverneur. Nun ist es ihm möglich, auch an ihnen, die er für sein Unglück verantwortlich macht, Rache zu nehmen. Er lockt die türkischen Hauptleute in sein Haus, um sie zu töten. Da sie aber von seinem Plan erfahren haben, kommen sie ihm zuvor und lassen ihn selbst in die Versenkung hinabstürzen, die ihnen zugedacht war.


 


 


 


 


 


 



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