Obwohl sie es nicht eilig hatten, trieben sie ihre Pferde zum schnellen Galopp. Das untätige Warten der letzten Tage forderte nach einem Ausgleich und so war der Ausritt bald zu einem rasanten Wettkampf geworden. Die Gedanken an die Jagd, die man für den Nachmittag geplant hatte, beflügelten den Ehrgeiz. Der mächtige Hufschlag von zehn Pferden erschütterte den Boden und wirbelte feuchte Erde durch die Luft. Da sie auf dem festen Grund schneller vorwärts kamen, als im hohen Gras, das abseits wuchs, nutzten sie den Weg zur vollen Breite aus. Ein Ochsenkarren wurde gnadenlos abgedrängt und noch ehe die Bauern ihre derben Flüche aussprechen konnten, waren die Reiter bereits wieder verschwunden. Christian versuchte, sich am Rand zu halten, um nicht zwischen den anderen Reitern eingekeilt zu werden. Allmählich gelang es ihm, einen kleinen Vorsprung herauszuholen und bald war er eine ganze Pferdelänge voraus. Hinter ihm trieben die Verfolger ihre Tiere mit lauten Kommandos an, die Tiere schnaubten deutlich hörbar. Wilde Flüche der Reiter bestätigten Christian, dass sich die anderen Pferde auf dem engen Weg gegenseitig behinderten. Dies erhöhte seine Chance, sich weiter abzusetzen. Doch bald sah Christian, dass der Weg in einen Wald hineinführte. Dort würde er kaum das hohe Tempo beibehalten können, was allerdings auch für die anderen Reiter galt. Und da es dort wegen der Begrenzung durch die Bäume noch enger würde, war es wichtig, den unbedrängten Platz an der Spitze der Gruppe bis dahin zu verteidigen. Aber schon merkte er, dass links neben ihm zwei Verfolger aufholten und so trieb auch er sein Pferd weiter im vollen Galopp dem dunklen Wald entgegen. Die Vernunft sagte Christian, das Tempo etwas zurückzunehmen. Links und rechts des Weges schienen die Baumstämme vorbeizufliegen, man wollte meinen, es sei eine dichte Palisadenwand. Nicht auszudenken, wenn das Pferd durch einen falschen Schritt vom Wege abkam. Und hoffentlich war nun hier kein Ochsenkarren unterwegs. Christian blickte nach vorne, alles schien frei. Doch dann kam eine Biegung, die man nicht einsehen konnte. Erst dicht davor bemerkte Christian, dass es sich um eine Gabelung handelte. Er ritt auf der rechten Seite des Weges, also folgte er der rechten Abbiegung – wer vorne war, gab die Richtung vor. Doch als der Lärm hinter ihm leiser wurde, drehte er sich kurz um und merkte, dass da niemand folgte. Als er wieder nach vorne sah, erblickte er direkt vor sich einen Jungen, der wie erstarrt dastand. Immer noch im vollen Galopp würde er das Kind im nächsten Augenblick unter die Hufe bekommen, doch zum Ausweichen war es auch bereits zu spät. Also gab Christian die Zügel frei, statt an ihnen zu ziehen und wie erhofft, sprang das Pferd in einem großen Satz über den Jungen hinweg. Kaum, dass das Tier stand, schwang er sich aus dem Sattel und lief zurück. Der Junge, Christian schätzte ihn auf sieben oder acht Jahre, hatte sich zu ihm umgedreht. Er hielt ein Körbchen mit Pilzen in der Hand, an dem man erkennen konnte, dass er etwas zitterte. "Na, das ist ja noch mal gut gegangen." Christian beugte sich zu dem Kind hinunter und lächelte, während er ihm beruhigend über den Kopf streichelte. Ihm waren sogleich die leuchtend grünen Augen des Jungen aufgefallen, die mehr neugierig als ängstlich blickten. Um den Hals trug das Kind an einem Lederband einen tropfenförmigen Bernstein. "Scheiße!", fluchte Christian, als seine Finger etwas Feuchtes spürten. Er besah sich den Kopf des Jungen und konnte erkennen, wie etwas Blut durch die hellblonden Haare troff. Ein Huf musste die kleine Platzwunde verursacht haben. Christian zog ein Tuch hervor und drückte es sanft auf die Verletzung. "Ist nicht schlimm! Tut es weh? Hast wohl einen tüchtigen Schreck bekommen?" Der Junge reagierte nicht und Christian fiel ein, dass ihn das Kind natürlich nicht verstehen konnte. Er blickte sich suchend um. Wo waren nur die anderen? Es war völlig still. Bald war die Blutung gestillt und der rote Fleck in den hellblonden Haaren sah schlimmer aus, als es war. Christian hielt sein Pferd am Zügel und blickte abwechselnd zurück zur Weggabelung und auf den Jungen. Was sollte er bloß tun? Er musste die anderen wiederfinden. Aber der Junge schien irgendwie unter Schock zu stehen. Er konnte ihn doch nicht einfach so hier zurücklassen, auch wenn die Verletzung nur klein war. "Wo kommst du denn hier? Wo bist du zu Hause?", fragte Christian und wies mit dem Arm im Wald herum, als würde der Junge dadurch seine Worte besser verstehen, "Wenn du hier Pilze sammeln warst, musst du doch hier irgendwo wohnen." Der Junge blickte ihn weiter irgendwie erstaunt an und besah sich dann das Pferd, ohne sich von Fleck zu rühren. Christian bemerkte, dass das Kind nun nicht mehr zitterte. "Wenn ich nur etwas dänisch sprechen könnte!", fluchte Christian. "Ich kann dänisch", sagte der Junge in deutschen Worten, ohne seinen Blick vom Pferd zu nehmen. "Dann kannst du mich also verstehen", freute sich Christian und fasste das Kind bei den Schultern. "Kann ich mal mit dir reiten?" "Ich weiß nicht recht. Ich hab es nämlich eilig", versuchte Christian zu erklären, "Meine Freunde, weißt du, die muss ich suchen." "Hier im Wald? Da kann ich dir helfen." "Vielleicht ist es besser, wenn du mir sagst, wo du zu Hause bist, damit ich dich schnell dahin bringen kann. Dann darfst du dich auch auf das Pferd setzen." Schon mühte sich der Junge, die Steigbügel zu erreichen und Christian gab ihm ein wenig Schwung. Nachdem sie beide auf dem Pferd saßen, wies der Junge in die Richtung, die Christian einschlagen sollte und zu dessen Leidwesen führte der Weg weiter von der Weggabelung weg. Nun ja, es würde schon nicht allzu lange dauern. Bald kamen sie aus dem Wald heraus zu einer grasbewachsenen Fläche, auf der ein größeres Gehöft stand. Dahinter konnte man das Meer sehen, welches tosend gegen die steile Felswand brandete. Eine junge Frau mit rotbraunen Haaren trat aus dem Haus. Sie trug eine große Schüssel unter dem Arm und wollte gerade in einem flachen Holzbau verschwinden, als sie die Ankömmlinge bemerkte. Trotz der derben, etwas schmutzigen Kleidung und dem verschwitzten Gesicht, bemerkte Christian sogleich, wie hübsch sie war. Der Junge sprang vom Pferd und lief zu ihr. Er sprach mit der jungen Frau, wobei Christian die Worte wegen der Entfernung nicht verstehen konnte. Sie setzte die Schüssel ab und untersuchte den Kopf des Kindes. Christian war gar nicht wohl dabei. Sein schlechtes Gewissen meldete sich und am liebsten hätte er mit seinem Pferd kehrt gemacht und wäre davongeritten. Aber zum einen hätte dies sein Gewissen kaum erleichtert und zum anderen musste er sich eingestehen, dass er nur ungern den Blick von der jungen Frau nehmen wollte. Doch schon wurden seine Befürchtungen wahr und sie kam ihm mit deutlich verärgerter Miene entgegen. "Was fällt dir ein, dein Pferd wie von Sinnen durch den Wald zu hetzen!", rief sie ihm zu, "Es schert dich wohl gar nicht, ob andere dabei zu Schaden kommen!" "Nein, nein … ich wollte doch nicht … äh …" Christian wusste nicht, was er antworten sollte. Ihn irritierten die harschen Worte etwas, immerhin dürfte ihr kaum entgangen sein, dass er ein Edelmann war. "Ihr hohen Herren glaubt, selbst der Wald gehöre euch allein!" Der Junge zupfte seiner Mutter am Ärmel und flüsterte ihr wieder etwas zu. Offenbar war ihm ihr Schimpfen nicht recht. Christian musste zugeben, dass er auf seinem Pferd vielleicht wirklich eine etwas überhebliche Figur abgab und stieg hinunter. "Ich habe die Blutung mit einem Tuch gestillt. Es ist wirklich nur ein Kratzer", sagte er. "Sag bloß, du hast ein seidenes Taschentuch geopfert. Hoffentlich hat sich dein wertvolles Pferd nichts getan. Es könnte sich den Huf am Kopf meines Sohnes verletzt haben." "Dein Spott ist ungerecht, wenngleich ich zugeben muss, etwas leichtsinnig gewesen zu sein." "Nun also, wenigstens zu dieser Erkenntnis bist du gelangt. Dann wollen wir dich nicht länger aufhalten. Vor kurzem schienst du es noch sehr eilig gehabt zu haben." "Ich kann es dir ja ohnehin nicht Recht machen. Wenn ich dir Geld als kleine Wiedergutmachung anbiete, empfindest du dies als herrische Geste. Reite ich aber nur mit entschuldigenden Worten davon, gilt es dir als kalte Gefühllosigkeit." Sie blickte ihn an und ein Lächeln flog über ihr Gesicht, was er am wenigstens erwartet hatte. "Was also gedenkt der junge Herr in dieser ausweglosen Situation zu tun?" Der Junge zwinkerte ihm gleichsam verschwörerisch zu, als gelte es, mit einer List die schlechte Laune der Mutter zu vertreiben.
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Rügen in der Mitte des 12. Jahrhunderts. Die große Insel und das angrenzende Festland sind Siedlungsgebiet des wendischen Stammes der Ranen, eines Völkchens, welches ebenso kriegerisch wie tüchtig im Handeltreiben ist. Der Fischerjunge Radik sehnt sich danach, in die berittene Garde der Burg Arkona aufgenommen zu werden. Doch so trutzig sich dieses Bollwerk auch über den steilen und felsigen Abgrund im Norden Rügens erhebt – die mächtigen Feinde, wie der Sachsenherzog Heinrich der Löwe und der dänische König Waldemar der Große, sind entschlossen, die Ranen zu unterwerfen. Hierbei können sie sich der eifrigen Hilfe einflussreicher kirchlicher Amtsträger sicher sein, denen der heidnische Tempel des Gottes Svantevit im Inneren der Burg Arkona schon lange ein Dorn im Auge ist.
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Nikolai M. Jakobi
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