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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Stadtgeflüster, Edith Oltmanns
Edith Oltmanns

Stadtgeflüster


Geheimnisse & Flaschenpost

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Kl. Leseproben aus Geheimnisse


Es ist noch früh, Katrin steigt leise aus dem Bett, schlurft ins Bad und sieht in den Spiegel. Sie erschrickt, ihr Gesicht ist blau und angeschwollen, als sie hätte sie einen Boxkampf gehabt. Gott sei Dank, es ist Wochenende, so hätte sie unmöglich arbeiten können. Katrin geht in die Küche und mit Wucht zieht sie ein Brotmesser aus dem Messerblock und läuft auf Dieters Bett zu. Sie hebt die Hand und will zustechen. Plötzlich hält sie inne, ihr glühender Blick bleibt am Nachttisch hängen und ganz entspannt kann sie blitzartig loslassen. ‚So nicht du Monster’, begreift sie schnell. Sie weiß exakt, es war das letzte Mal, dass er ihr wehgetan hat. Zwei Stunden, zwei Stunden reichen. Sie stellt den Wasserkocher an und backt tiefgefrorene Brötchen auf. Wie immer deckt sie geschmackvoll den Esstisch mit ihrem Hennenmustergeschirr. Dieter kommt eine halbe Stunde später frisch geduscht runter und haucht ihr einen Kuss auf die Wange. Katrin zuckt zusammen. „Es tut mir sehr leid Katrin. Ich weiß nicht, was da in mich gefahren. Es kommt nie mehr vor, ich verspreche es.“ ‚Sieh mich an, du Dreckskerl, was du gemacht hast’, sagt ihr Blick. Er sieht sie nicht an. Katrin antwortet ihm nicht. Wie ein Film läuft alles nochmals vor ihrem inneren Auge ab. Ihr unbezähmbarer Zorn lässt ihren geschändeten Körper erstarren. Verkrampft tut sie so, als sei alles in Ordnung. Mit aller Kraft versucht sie die Übelkeit, die in ihr hoch steigt, zu bezwingen. Im Affentempo saust sie los, zieht mit Gewalt die Tür vom Klo auf und entleert ihren Mageninhalt in die Kloschüssel. Völlig erschöpft kriecht sie zum Waschbecken. Sie wäscht ihr Gesicht, guckt in den Spiegel und sie sieht eine seltsame Maske. Ihre Haut ist aschfahl, und sie hat tiefe Augenringe. Katrins Gedanken überschlagen sich. Zwei Stunden, zwei Stunden reichen.


 


Bernd, ist mit seinen 1,75 m kein Riese, strahlt aber durch sein Auftreten Größe aus. Die dunkel umrandete Brille lässt ihn überaus intelligent aussehen. Heute ist er früher zu Hause, aber er findet Hanna nicht vor. ‚Na ja, die hängt noch bei einer ihrer Freundinnen ab’, denkt er. „Man, wo bleibt die denn?“ ruft er ungeduldig, als es fast Mitternacht ist. Immerzu blickt er zur Tür. Um 0:30 Uhr tritt Hanna in den Flur. Bernd steht direkt vor ihr. Hanna sieht in total entgeistert an und fragt: „Du bist schon da?“ Statt zu antworten, taxiert Bernd sie von oben bis unten. Hanna bricht in hysterisches Lachen aus. Er schüttelt mit dem Kopf und will wissen, was ihr Aufzug zu bedeuten hat. „Karneval, ja Karneval“, stößt Hanna blitzartig hervor und die Verzweiflung macht sich in ihr breit. „Karneval, um diese Zeit?“ Bernd dreht sich einmal um sich selbst und brüllt. „Willst du mich verarschen?“ „Schatz, du weißt doch“, gequält kommen die Worte über ihre Lippen. „Aber was machst du schon hier?“ „Schweife nicht ab.“ Scheinbar hat der Teufel seine Hand im Spiel, denn das Telefon klingelt. Bernd ist schneller und erwischt als Erster den Hörer. „Hallo Hanna, geht es dir besser? Also, ich wollte dir sagen, dass von mir niemand erfährt, womit du abends dein Geld verdienst, versprochen“, hört er am anderen Ende Monika sagen. „Ist ja äußerst interessant“, Bernd wirft Hanna einen zornigen Blick zu. Er fasst sie unsanft bei den Schultern und fragt mit erhobener Stimme: „Na, womit verdienst du denn abends dein Geld? Hä?“


 


Kl. Leseprobe aus Flaschenpost


Manfred dreht nervös die Wählscheibe des alten Telefons, das im Flur steht, die Nummer vom Zettel aus der Buddel. „Asmussen“, er hat sich verwählt. Noch mal dreht er die Scheibe des Telefons. „Dr. Hansen“ hört er eine Stimme am anderen Ende. „Ja hallo, ja hier ist Manfred, Manfred Mensen aus Esens. Aus Esens. Ich, ich hab’ die Buddel gefunden“, krampfhaft hält er den Hörer in der Hand, damit er ja nicht runter fällt und wartet gespannt. „Das ist aber eine Überraschung, Herr Mensen. Richtig? Esens? Wo liegt das?“ “In Ostfriesland“, beantwortet Manfred seine Frage. „Ah, so weit hat es die Buddel also geschafft“, ruft Dr. Hansen erstaunt. „Ich darf Sie beglückwünschen. Mein Mandant hat kurz vor seinem Tod darum gebeten, diese Flaschenpost zu versenden. Und was jetzt zu Manfreds Ohren durchdringt, lässt sein Blut in den Adern stocken, die Knie zittern und im Kopf fahren seine Gedanken Karussell. „Ich habe? Nee nicht? Das kann ich nicht glauben. „Ja Herr Mensen, es stimmt. Sie können es mir definitiv glauben. Wann können Sie nach Hamburg kommen? Wann darf ich Sie erwarten?“ will Herr Hansen wissen. „Mmmorgen, gleich morgen, mmmorgen Abend. Nee, nein, nachmittags, ja nachmittags“, stottert er. „Gut, sehr gut. Meine Adresse ist die Heinemann Str. 70 im Hamburg. Finden Sie das?“ „Ja, ja“ antwortet Manfred. „Heinemann Str. 70, in Hamburg.“ „Dann bis morgen, Herr Mensen“ Opa Mensen sitzt ganz still in seinem Sessel, dessen Stoff ziemlich abgenutzt ist. Ab und an kneift er sich in den Oberschenkel, um heraus zu bekommen, ob er alles träumt. Während er andauernd in seinem kleinen schäbigen Zimmer in die Runde sieht, vernimmt er immer die Worte vom Notar.


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