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Belletristik
Buch Leseprobe Secret Circle, Amanda Frost
Amanda Frost

Secret Circle


Brennende Sehnsucht Teil 3

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Kapitel 1

 


David


 


„Ich schwöre feierlich, die Mitglieder des Secret Circle in allen Belangen zu unterstützen. Obendrein verpflichte ich mich, ewiges Stillschweigen über diese Verbindung zu wahren. Sollte ich jemals gegen eine dieser Richtlinien verstoßen, ist es dem Circle erlaubt, angemessene Strafen zu verhängen, die schlimmstenfalls meinen Tod bedeuten könnten.“


Zugegeben, ein wenig unwohl fühle ich mich schon. Verschreibe ich doch mein Leben einer Organisation, über die ich nur unzulänglich im Bilde bin. Detaillierte Informationen werde ich nämlich erst im Laufe der Zeit erhalten.


Doch ich vertraue meinem Kumpel, Brandon Quest, der mich über das Bestehen des Circle informiert und zum Beitritt bewogen hat. Auch weiß ich momentan jede Abwechslung zu schätzen, denn ich bin quasi ausgebrannt. Jahrelang eine der größten Filmfirmen der Welt zu leiten, hinterlässt seine Spuren. Ich benötige dringend eine Auszeit von der sogenannten Traumfabrik Hollywood mit all ihren Intrigen und Lügen, und ich gehe davon aus, dass dieser mächtige Geheimbund mir Derartiges bieten kann.


Während Dr. Catwick, das älteste aktive Mitglied, das in Leder gebundene Buch mit dem silbernen Oktopus-Ornament an sich nimmt, worauf ich soeben den Eid geschworen habe, unterschreibe ich die Satzung. Ich lege den Füller beiseite und atme tief durch. Somit wäre die Aufnahmeprozedur abgeschlossen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.


Mit verhaltener Neugier betrachte ich die vielen businessmäßig gekleideten Männer und die beiden Frauen, die sich zur heutigen Sitzung des Circle in dem ausgebauten Kellergewölbe einer New Yorker Kirche eingefunden haben. Zwar wirkt der fensterlose Raum ein wenig makaber, die bequemen Ledersessel und der massive Holztisch in der Mitte verleihen ihm jedoch einen Hauch Gemütlichkeit.


Niemals hätte ich vermutet, dass sich im Herzen von Manhattan der Treffpunkt einer der bedeutendsten Logen der Vereinigten Staaten befindet. Dass solche Geheimbünde existieren, war mir allerdings bewusst, denn auch in Hollywood halten die mächtigen Personen, bei denen es sich ausnahmslos um Männer handelt, zusammen. Wie gut, dass durch die MeToo-Bewegung endlich die eine oder andere Seilschaft gesprengt werden konnte, es war mir nämlich schon lange ein Dorn im Auge, wie schamlos manche Fernsehbosse ihre Position ausnutzen. All dieser Einfluss kommt jedoch in keiner Weise der Macht des Secret Circle gleich, der die Politik und Wirtschaft der USA beherrscht.


Eric Carpenter, der Vorsitzende, nickt mir wohlwollend zu. In seinem teuren dunklen Anzug repräsentiert der attraktive schwarzhaarige Mann den Manager schlechthin. Obwohl er erst Mitte dreißig ist, muss er steinreich sein. Genau bin ich jedoch nicht darüber unterrichtet, welche Firmen seinem Konglomerat angehören, aber es gibt wohl kaum eine Branche, in der er nicht tätig ist.


Auch seine neben ihm sitzende Ehefrau Ava vermittelt in dem dunkelblauen Kostüm einen geschäftstüchtigen Eindruck, wenngleich ihre wilden brünetten Locken, die ein ausdrucksvolles Gesicht umrahmen, dieses biedere Outfit Lügen strafen.


„David, ich freue mich, dich in unserer Runde begrüßen zu dürfen“, ergreift Eric das Wort. „Es ist uns eine Ehre, dass ab sofort einer der wichtigsten Männer Hollywoods zu uns gehört. Uns liegen viele Themen am Herzen, wie: Terrorabwehr, die Wahrung des weltweiten Friedens und selbstverständlich das Wohl der amerikanischen Wirtschaft. Und ich bin mir sicher, du kannst uns zukünftig mit Dokumentationen, Reportagen oder sogar Filmen unterstützen.“


Ich nicke. „Liebend gerne, lasst mich einfach wissen, was ich tun kann.“


„Da in den Staaten bald Wahlen anstehen, geht es uns momentan in erster Linie um die Förderung unserer Wunschkandidaten, sei es durch Medienpräsenz oder saftige Geldspritzen.“


„Klingt gut“, verkünde ich. „Wem soll ich mehr Sendezeit gewähren? Obendrein könnte ich ein Team von Reportern bitten, einige Interviews mit verschiedenen Politikern zu führen. Ihr müsstet mir dann bloß vorab mitteilen, ob sie in den Augen der Welt positiv oder negativ dargestellt werden sollen.“


Eric grinst. „Ich sehe, du hast das Prinzip des Circle bereits verstanden.“ Er überreicht mir einen schmalen Ordner. „Hier hast du eine Liste mit unseren Verbündeten und den weniger unterstützungswürdigen Kandidaten.“


Ich greife danach und öffne ihn neugierig. Das hört sich doch schon einen Tick aufregender an, als seit Jahren Blockbuster zu produzieren, die dann ohnehin wieder beim Publikum durchfallen, da die Menschen allein mit visuellen Reizen kaum mehr zufriedenzustellen sind. Ein Problem der modernen Gesellschaft, die immer höher hinauswill und zur Befriedigung ihrer Ansprüche ein Superlativ nach dem nächsten anstrebt. Und sollte sich diese überzogene Anspruchshaltung in gleichem Maße fortsetzen, wird die Menschheit gewiss irgendwann einen Supergau auslösen und danach wieder bei Ackerbau und Viehzucht beginnen. Aber vielleicht ist das ja der Lauf der Welt.


Gespannt beäuge ich die Namen auf den Unterlagen, die die eine oder andere Überraschung für mich bereithalten. Der Circle scheint massiv an der Wahrung des Weltfriedens interessiert zu sein. Auch wenn gewaltverherrlichende Filme seit Jahren angesagt sind, bin ich froh, dass hier versucht wird, das Land in ruhigem Fahrwasser zu halten.


Nachdem wir noch festgelegt haben, in welcher Höhe Spendengelder fließen sollen, gehen wir zum Thema Allgemeines über. Jeder, den ein Problem plagt, sei es privater oder geschäftlicher Natur, darf jetzt um Unterstützung bitten.


Prompt meldet sich mein Freund Brandon zu Wort. Bevor ich als junger Kerl der Army beitrat, haben wir eine Zeit lang zusammen bei den New York Rangers Eishockey gespielt. Genau wie Brandon bin ich im Big Apple aufgewachsen. Erst eine Erbschaft spülte mich nach Hollywood, doch im Herzen bin ich immer New Yorker geblieben.


Mein Kumpel trägt ebenfalls einen Anzug, und auch wenn ich ihn eher in Jeans und Lederjacke kenne, kann er sich mit seinem dunkelblonden Haar und den kantigen Gesichtszügen in diesem Outfit sehen lassen. Er ist der Eigentümer des New York Observer, einem weltweit agierenden Verlags- und Pressehaus. Da er ein paar exzellente Drehbuchautoren beschäftigt, arbeiten wir bereits seit geraumer Zeit zusammen.


Auch er ist in Begleitung seiner Ehefrau erschienen, ungeachtet der Tatsache, dass die aufgeweckte Rothaarige an seiner Seite hochschwanger ist.


Brandon fährt sich gedankenverloren über die Narbe an seinem Kinn, die er sich vor Urzeiten beim Eishockey zugezogen hat, bevor er letztendlich loslegt. „Mir brennt da etwas mächtig unter den Nägeln. Meine Schwester hat ihren ersten Vertrag für eine Hauptrolle in einem Hollywood-Blockbuster unterschrieben.“ Er nickt in meine Richtung. „Ich danke dir noch einmal für deine Unterstützung, David.“


„Nicht dafür. Ich erkenne Talent, wenn ich es sehe.“ Zugegeben, ich habe einiges dazu beigetragen, dass Emily Quest auf Anhieb diese Rolle bekam. Nachdem ich mir eins ihrer Theaterstücke zu Gemüte geführt hatte, entschied ich, ihre Karriere ein wenig zu beschleunigen. Nicht zuletzt, da ich Brandon den einen oder anderen Gefallen schulde.


Zwar kenne ich Emily nicht persönlich, bin mir jedoch sicher, dass sie in Hollywood einschlagen wird wie eine Bombe. Selten ist mir eine Frau begegnet, die wandlungsfähiger ist. Und obwohl ich beabsichtige, mir eine Auszeit zu nehmen, ist der Produzent in mir niemals gänzlich abzustellen und mir geistern schon einige Rollen durch den Kopf, für die Emily wie gemacht sein sollte.


Brandon nickt. „Jetzt zu der negativen Seite: Bereits vor Drehbeginn wird Emily leider mit den Schattenseiten des Stardaseins konfrontiert. Sie erhält nämlich seit Kurzem Drohbriefe.“ Er schlägt eine Ledermappe auf und reicht uns Kopien.


Selbst wenn ich hart im Nehmen bin, erschüttert mich der Text:


 


Miese Schlampe, du wirst es bereuen, begnadeten Schauspielerinnen die Rolle gestohlen zu haben!,


 


steht in Schreibmaschinenschrift auf einem Stück Papier.


 


Es wird sich rächen, dass dein Bruder seinen Einfluss geltend gemacht hat. Steig aus, wenn du nicht sterben willst!,


 


lautet das zweite Schreiben.


 


„Gibst du mir bitte die Originalbriefe“, schaltet sich Rick Masters, der FBI-Chef, prompt ein. „Und mach dir keine allzu großen Sorgen, wir werden gewiss rasch in Erfahrung bringen, wer dahintersteckt.“


Brandon reicht ihm die Papiere. „Ich danke dir.“


Rick winkt lässig ab. Dieser Typ sieht exakt so aus, wie man sich gemeinhin einen derart mächtigen Mann vorstellt: hochgewachsen, schlank, attraktiv, graue Schläfen und gehüllt in einen maßgeschneiderten schwarzen Anzug, der ihn sowohl seriös als auch autoritär erscheinen lässt.


„Ich werde mal herausfinden, wer sonst noch für die Rolle in Betracht gekommen wäre“, bringe ich mich ein, um nicht völlig überflüssig zu wirken.


„Danke“, äußert Brandon in meine Richtung, „das bedeutet mir viel. Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann.“ Er wendet sich wieder der Gruppe zu. „Ein Anliegen hätte ich noch: Kennt jemand eine zuverlässige Bodyguard-Agentur? Auch wenn Emily nicht gerade in Begeisterungsschreie ausbrechen wird, möchte ich ihr einen Leibwächter zur Seite stellen, sonst würde mich die Angst um sie irgendwann ins Grab bringen.“


Während die Anwesenden noch diskutieren, welche Security-Firma die geeignete sein könnte, kommt mir eine Idee. „Ich mache das!“


Einige Augenpaare mustern mich verdutzt.


„Du kennst eine seriöse Agentur?“, hakt Brandon nach.


„Nein, ich persönlich werde Emily beschützen.“


Mein Kumpel verzieht das Gesicht. „Sicher, dass du nicht zu viele Bond-Filme produziert hast?“


Diese Aussage entlockt mir ein Schmunzeln. „Nur wenige Menschen wissen, wie ich bei der Army eingesetzt war, bevor ich Seals Productions in Hollywood übernommen habe. Fakt ist, ich bin Ex-Navy-Seal sowie ausgebildeter Einzelkämpfer. Und ganz ehrlich, manchmal fehlt mir diese Action schon ein bisschen. Daher würde ich mich gerne um Emilys Sicherheit kümmern. Brandon, vertrau mir, sie wird bei mir in besten Händen sein.“


Dieser bläst unentschlossen die Backen auf. „Ist das so eine Art Midlife-Crisis?“


Verdrossen lege ich die Stirn in Falten. „Mit 37? Ich bitte dich. Nein, ich muss endlich einmal etwas anderes tun. In einem solchen Job hätte ich das Gefühl, wieder sinnvoll eingesetzt zu sein. Ständig Superheldenfilme oder unrealistische Actionkracher zu drehen, treibt mich sonst noch in den Wahnsinn.“ Ich schaue in die Runde, da unser Gespräch von den restlichen Anwesenden aufmerksam verfolgt wird. „Aber keine Sorge, ich werde die Interessen des Circle vertreten, wann immer nötig.“


Eric nickt verständnisvoll.


Brandon hingegen schüttelt unwirsch den Kopf. „Und wie zum Teufel soll ich Emily verständlich machen, dass ihr höchster Boss ab sofort ihr Leibwächter sein wird?“


Ich zucke mit den Schultern. „Das muss sie ja gar nicht wissen. Zwar gehört mir halb Hollywood, da ich mich bisher jedoch meist im Hintergrund gehalten habe, kennen die wenigsten Menschen meinen Namen oder mein Aussehen. Und mir würde diese Herausforderung wirklich Freude bereiten.“


Brandon zögert noch einige Sekunden, ehe er nickt. „Einverstanden. Ich vertraue dir.“ Er atmet vernehmlich aus. „Jetzt kann ich bloß beten, dass Emily das niemals in Erfahrung bringt, sonst können wir uns beide warm anziehen.“


Kapitel 2

 


Emily


 


Missmutig zerre ich einen Umschlag aus dem Briefkasten, den ich schon im ungeöffneten Zustand als weiteres Drohschreiben erkenne.


Ich habe das so satt!


Am liebsten würde ich die Rolle bereits vor Antritt hinwerfen, aber dann hätte dieser feige Erpresser gewonnen, und das kann und will ich nicht zulassen. Vielleicht sollte ich doch auf Brandons Anliegen eingehen und mir einen Bodyguard zulegen, zumindest vorübergehend.


Nervös betrete ich den Fahrstuhl, der mich mit einem kaum vernehmbaren Surren in mein schickes Apartment in einem Altbau in Greenwich Village transportiert. Oben angekommen husche ich flugs in die Wohnung. Mein Herz rast, während ich die Tür hinter mir verriegle. Auch wenn ich es meinem Bruder gegenüber niemals zugeben würde, schüchtern mich diese Drohungen ein.


Ein Knacken in der Küche lässt mich zusammenzucken. Doch schnell wird mir bewusst, dass das gewiss Simon und Theodore sind, meine heiß geliebten Frettchen. Schon mehrfach haben sie mir in letzter Zeit um ein Haar einen Herzinfarkt beschert, denn seit Wochen bin ich ein nervliches Wrack und habe die Freude an Hollywood längst verloren.


Ich marschiere in die Küche, zerre eine Flasche Wein aus dem Kühlschrank und öffne meinen beiden Kleinen das Türchen ihres ausladenden Käfigs, was sie sofort überglücklich herausstürmen und an mir hochklettern lässt.


Leider kann ich die süßen Kerlchen nicht den ganzen Tag in der Wohnung herumtollen lassen, da sie die Angewohnheit haben, alles anzuknabbern, was nicht niet- und nagelfest ist. Wobei es keine Rolle spielt, ob es sich dabei um Teppiche, Kissen oder Kabel handelt. Und da die zwei bereits den einen oder anderen Kurzschluss verursacht haben, sperre ich sie in letzter Zeit regelmäßig ein. Anfänglich nahmen sie mir das übel und straften mich mit Missachtung, doch mittlerweile haben sie sich damit abgefunden und freuen sich umso mehr, sobald ich die Wohnung betrete.


Zu dritt sinken wir auf das bequeme Ledersofa im Wohnzimmer. Simon erklimmt derweil meine linke Schulter, während Theodore auf den Tisch hüpft und sich auf eine Schale mit Äpfeln stürzt. Gierig haut er seine kleinen Zähne in eine Frucht und schmatzt genüsslich vor sich hin.


Mit zittrigen Fingern öffne ich unterdessen den Brief, wobei ich darauf bedacht bin, keine Spuren oder Fingerabdrücke zu vernichten.


 


Das wird deine erste und letzte Rolle in Hollywood sein!,


 


steht auf einem weißen Stück Papier.


 


Entsetzt lasse ich das Schreiben sinken.


Himmel noch mal, als ob ich etwas dafürkönnte, auf Anhieb die Rolle der Königin Elisabeth in einem aufwendigen Historienfilm ergattert zu haben!


Zugegeben, ich vermute, dass mein Bruder Brandon dabei seine Finger im Spiel hatte. Durch seinen internationalen Verlag, der auch Unmengen von Drehbuchautoren beschäftigt, besitzt er nämlich weitreichende Kontakte in die Stadt der Engel.


Aber hallo, wer nutzt denn heutzutage seine Beziehungen nicht, insofern er über welche verfügt?


Folglich dürfte ich kein schlechtes Gewissen haben, doch ich bin nun mal ein Mensch, der durch Fleiß und Können zu Ruhm gelangen möchte. Ja, vielleicht ist diese Einstellung antiquiert, aber so bin ich eben.


In diesem Moment läutet mein Handy, was meine Frettchen erschrocken hochschrecken und zu Boden hüpfen lässt, wo sie in zwei unterschiedliche Himmelsrichtungen davonschießen. Glücklicherweise werden sie nicht weit kommen, auch wenn es manchmal mühsam ist, sie wieder einzufangen.


Ich richte meine Aufmerksamkeit auf das Display des Telefons.


Wenn man vom Teufel spricht!


„Hallo, Junior, alles in Ordnung?“, begrüße ich meinen Bruder.


„Aber sicher doch. Ich wollte dir nur mitteilen, dass ich die beiden Drohbriefe einem ranghohen Agenten beim FBI übergeben habe. Gewiss können die rasch herausfinden, wer das Geschmiere verfasst hat. Obendrein ist es mir gelungen, einen Bodyguard für dich zu engagieren. Einen zuverlässigen Mann, mit dem ich früher für kurze Zeit zusammen Eishockey gespielt habe. Er wohnt seit ein paar Jahren in L.A. und kennt sich dort bestens aus. Zudem ist er ein Ex-Navy-Seal und mit allen Wassern gewaschen. Bitte denk darüber nach, ich würde mich um Längen besser fühlen, wenn da jemand wäre, der ein Auge auf dich hat.“


Ich seufze. „Also gut, du hast gewonnen. Heute kam nämlich der dritte Brief.“


„Verdammt!“, flucht Brandon. „Bring ihn bitte morgen mit ins Theater, und bei der Gelegenheit kann ich dir auch gleich deinen neuen Aufpasser vorstellen. Er weilt zufälligerweise gerade in New York. Einverstanden?“


„Geht klar, vorher wirst du ohnehin keine Ruhe geben.“


Er lacht leise. „Du kennst mich einfach zu gut. Wir sehen uns.“


Schon ein wenig beruhigter beende ich das Gespräch und lehne mich zurück. Simon schleicht sich derweil von der Seite an und klettert an meinem Bein hoch. Ich schnappe ihn und streichle sanft über das fast schwarze Fell seines Rückens. Theodore besitzt eine wesentlich hellere bräunliche Farbe, so kann ich die beiden Nager problemlos auseinanderhalten.


Nachdem mein geliebter Ehemann vor gut fünf Jahren bei einem schrecklichen Autounfall ums Leben gekommen ist, habe ich mir die zwei zugelegt, da ich die Leere der gemeinsamen Wohnung irgendwann nicht mehr ertrug. Inzwischen bin ich über Mikes Tod hinweg, aber meine bedingungslose Liebe wieder einem Mann zu schenken, ist mir leider nicht mehr gelungen. Nach ein paar zwanglosen Affären, die mir nichts gaben als sexuelle Befriedigung, verzichte ich mittlerweile auf jegliche Dates und widme mich ganz meinem Job als Schauspielerin, der wirklich eine Berufung für mich darstellt.


Während sich der Rest meiner Familie zu den gedruckten Seiten hingezogen fühlt, beherrschen die Bretter, die die Welt bedeuten, seit jeher mein Leben. Bereits als Kind schlüpfte ich in die verrücktesten Rollen und bezauberte Freunde und Familienmitglieder damit. Selbstverständlich studierte ich Schauspiel, und um mich entsprechend verwandeln zu können, absolvierte ich danach eine Ausbildung zur Kosmetikerin und Visagistin.


Mein neuestes Steckenpferd sind Perücken. Der leidige Umstand, dass mein dünnes blondes Haar eine meiner größten Schwachstellen darstellt, ist allerdings nicht der einzige Grund hierfür. Vielmehr trägt mein Bruder die Verantwortung für diesen kleinen Spleen. Da Brandon lange Zeit kein Interesse an einer Beziehung hegte, begleitete ich ihn häufig zu Veranstaltungen. Auf Dauer hätte es jedoch Argwohn erregt, wäre er stets mit seiner Schwester im Schlepptau aufgetaucht, so begann ich mich zu verändern und mimte seine wechselnden Geliebten. Eine Sache, die uns große Freude bereitete.


Doch mittlerweile hat mein Bruder eine gewiefte Ex-FBI-Agentin geheiratet und die beiden erwarten ihr erstes Baby, das Brandons geordnetes Leben gewiss mächtig auf den Kopf stellen wird. Er ist glücklich wie niemals zuvor und wenngleich ich in letzter Zeit häufig auf seine Gesellschaft verzichten muss, gönne ich ihm seine neue Familie von ganzem Herzen.


Mein Job vereinnahmt mich manchmal derart, dass Langeweile ohnehin ein Fremdwort für mich ist. Seit Jahren trete ich mehrmals wöchentlich in einem Broadway-Theater auf. Lange spielte ich Hamlets Geliebte Ophelia, doch leider bin ich mit meinen 35 Jahren nun zu alt dafür und wurde vor Kurzem als Königin Gertrude, Hamlets Mutter, eingesetzt. Ebenfalls eine anspruchsvolle Rolle, aber da das für mich nicht das Ende der Fahnenstange sein soll, habe ich mich nach einigem Hin und Her entschieden, einen Hollywood-Film zu drehen.


Ehrlich gesagt, war das Angebot auch derart interessant und lukrativ, dass ich es gar nicht hätte ablehnen können. Mit dieser Gage dürfte ich für den Rest meiner Tage ausgesorgt haben. Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, in ein paar Jahren schon den Ruhestand anzutreten. Denn was sollte ich dann mit der vielen Freizeit anstellen?


Doch darüber werde ich mir zu gegebener Zeit den Kopf zerbrechen. Vielleicht ist dieser Film ja erst der Anfang einer ganz großen Karriere. Ich lasse mich einfach treiben und versuche, das Beste daraus zu machen.


 


Als ich mich am nächsten Abend in der kleinen Garderobe des Theaters für die Rolle schminke, klopft es.


Auf meine Aufforderung hin tritt Brandon ein, gefolgt von einem schrankähnlichen Mann. Mein Bruder verfügt bereits über eine große und kräftige Statur, sein Begleiter stellt ihn jedoch problemlos in den Schatten. Mit dem pechschwarzen Haar und dem Vollbart wirkt dieser Kerl fast ein wenig bedrohlich.


Ich vermute, dass es sich bei ihm um meinen neuen Bodyguard handelt und im Handumdrehen fallen alle Sorgen, die mich unterschwellig seit Wochen begleitet haben, von mir ab. In der Nähe dieses Bären muss man sich einfach sicher fühlen und vor nichts mehr fürchten.


Brandon marschiert auf mich zu und begrüßt mich mit einem Küsschen auf jede Wange, bevor er mit der Hand in Richtung des Unbekannten weist. „Emily, darf ich dir David Stark vorstellen? Er wird dir ab sofort rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Bei ihm solltest du gut aufgehoben sein.“


Ich erhebe mich und reiche meinem neuen Beschützer die Hand. David hat einen festen Händedruck und seine braunen Augen wirken vertrauenserweckend. Er mustert mich seinerseits ebenfalls ausgiebig, doch sein Blick drückt weder Lüsternheit noch Indiskretion aus. Allerdings bin ich mir sicher, dass diese schokoladefarbenen Augen mehr sehen, als ich mir vorzustellen vermag.


„Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen, David.“


Er lächelt und entblößt dabei fast perfekte, weiße Zähne, von denen ein einziger leicht schräg steht. Der kleine Makel macht diesen Mann umso interessanter. „Die Freude ist ganz meinerseits, Emily. Ich habe schon viel von Ihnen gehört.“


Seltsamerweise lässt sein Lächeln in Verbindung mit diesem durchdringenden Blick, der mich nach wie vor gefangen hält, einen Anflug von Hitze in mir aufsteigen. Rasch versuche ich, diese Emotion zu unterdrücken. Ich sollte mir nicht einbilden, dass ich ihm gefalle, seine Aufmerksamkeit ist gewiss berufsmäßig bedingt.


Flugs entziehe ich ihm meine Hand und zupfe mit den Fingern an einem der geflochtenen Zöpfe meiner strohblonden Perücke herum, auf der eine protzige Krone thront. „Ich weiß nicht, was mein Bruder Ihnen erzählt hat. Leider kann ich nicht einschätzen, ob ich wirklich in Gefahr schwebe, oder ob sich da jemand bloß einen blöden Scherz mit mir erlaubt. Womöglich will irgendein Neider verhindern, dass ich nach Hollywood gehe. Daher würde es mich beruhigen, Sie während der nächsten Wochen in meiner Nähe zu wissen. Allerdings ist auch ein großer Außendreh in Schottland geplant. Ginge das für Sie in Ordnung?“


„Selbstverständlich. Im guten alten Großbritannien war ich schon lange nicht mehr. Ich würde mich sehr freuen, Europa einmal wieder einen Besuch abzustatten.“


Es klopft abermals an der Tür, bevor einer der Komparsen den Kopf hereinsteckt und mir mit einem Tippen auf seine Uhr bedeutet, dass mein Auftritt bevorsteht.


Ich nicke, verabschiede mich rasch von meinem Bruder sowie seinem Begleiter und husche hinaus auf die Bretter, die die Welt bedeuten.


Allein die Vorstellung, dass ein Mann wie David Stark ab sofort für meine Sicherheit verantwortlich sein wird, gibt mir ein gutes Gefühl und lässt einen Teil der Last von meinen Schultern abfallen.



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