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Belletristik
Buch Leseprobe Secret Circle, Amanda Frost
Amanda Frost

Secret Circle


Gefährliche Sehnsucht

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Kapitel 1

 


Cassandra


 


„So langsam geht mir das echt auf die Nerven.“ Ich löse den Blick von der Tageszeitung, die aufgeschlagen vor mir liegt, und betrachte herausfordernd meine drei männlichen Kollegen, die zusammen mit mir an dem runden Besprechungstisch sitzen. „Woher nimmt dieser Quest bloß seine Informationen?“


Joey, der blonde Agent zu meiner Rechten, zuckt belanglos mit den Schultern. „Zufall?“


Vehement schüttle ich den Kopf. „Nie im Leben! So viele Zufälle gibt es nicht.“


„Das sehe ich genauso“, mischt sich mein Boss ein, der wie üblich in einem maßgeschneiderten dunklen Anzug steckt und darin völlig overdressed wirkt. Doch das ist nun mal seine Art, beim Senior Management des FBI Eindruck zu schinden. „Cassandra, gehe ich recht in der Annahme, dass du Lust auf einen kleinen Shopping-Trip in den Big Apple hättest?“


Unterdrückt schmunzelnd lehne ich mich zurück. „Liebend gerne! Es ist höchste Zeit, sich diesen Typen einmal vorzuknöpfen.“


Joey lacht leise. „Aber sei vorsichtig, sein Ruf als Playboy eilt ihm weit voraus. Du wärst nicht die Erste, die sich in einen Verdächtigen verguckt.“


Ich ziehe die Augenbrauen hoch und bedenke meinen Kollegen mit einem Killerblick. „Ich bitte dich. Glaubst du im Ernst, ich wäre so dämlich, mir einmal mehr das Herz brechen zu lassen?“


Joey winkt lässig ab. „Sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“


Ich vermeide es, den dunkelhaarigen Agenten zu meiner Linken anzuschauen. Denn er ist derjenige, der mir den erneuten Beweis geliefert hat, dass man als Frau besser ohne das starke Geschlecht zurechtkommt.


Stattdessen widme ich meine Aufmerksamkeit wieder meinem Vorgesetzten. „Okay, Graham, was genau erwartest du von mir?“


„Du beobachtest diesen Quest jetzt seit Monaten. Gib uns vorab einen kurzen Abriss über seinen Werdegang.“


Ich nicke. Unterlagen benötige ich keine, da ich über ein fotografisches Gedächtnis verfüge. Informationen, die ich mir einmal eingeprägt habe, kann ich jederzeit wieder abrufen. Einer der Gründe, warum es mit mir und den Männern nicht klappt. Wer will schon ein wandelndes Lexikon als Frau, das zudem nicht die geringste Schandtat vergisst?


Nachdem ich mich geräuspert habe, lege ich los: „Brandon Arthur Quest, geboren 1986 in New York City als Sohn reicher Unternehmer. Eine ältere Schwester: Emily. Sie ist Schauspielerin und ein aufsteigender Stern am Theaterhimmel. Die Tageszeitung, der New York Observer, wurde vor ca. 80 Jahren von seinem Großvater gegründet; das Pressehaus befindet sich seitdem im Familienbesitz. Nach einem mit Bravour abgeschlossenen Studium der Journalistik stieg Brandon ebenfalls in das Presse- und Verlagswesen ein. Er kann einen ausgesprochen hohen IQ vorweisen, spricht mehrere Sprachen fließend und interessiert sich für anspruchsvolle Literatur. Früher war er zudem als Eishockeyspieler recht erfolgreich, doch mittlerweile hat er sich aus dem Sport zurückgezogen.“


Ich pausiere sekundenlang, um meinen Kollegen Zeit zu geben, sich diese Flut an Informationen zu verinnerlichen. Im Lauf der Jahre habe ich gelernt, dass nicht jeder dem Tempo meiner Gedankengänge folgen kann.


„Sein Vater starb überraschend vor drei Jahren, woraufhin Brandon die Geschäftsführung des Observer übernahm“, setze ich schließlich wieder an. „Er ist single und scheint rund um die Uhr zu arbeiten, was erklären könnte, warum sein Verlagshaus der Konkurrenz immer einen Schritt voraus ist. Ab und an wird ihm ein Verhältnis mit einer Schauspielerin, einem Model oder einer Journalistin nachgesagt. Doch bezüglich seines Privatlebens schweigt er beharrlich. Seine Macht und sein Imperium wachsen von Tag zu Tag. Inzwischen gehören ihm obendrein mehrere Fernsehsender und Agenturen.“


Ich befeuchte meine ausgetrockneten Lippen mit der Zunge. Verdammte Klimaanlage! „In letzter Zeit macht er allerdings vorwiegend durch die Berichterstattung des Observer Schlagzeilen. Auch wenn es abwegig klingt, scheint Brandon Quest bereits über wichtige Ereignisse im Bilde zu sein, ehe sie überhaupt geschehen. Sei es auf wirtschaftlicher, politischer oder internationaler Ebene. Am Anfang wurde das noch als Zufall abgetan, doch inzwischen machen Spekulationen die Runde, er habe irgendeinen mächtigen Informanten an der Hand, der entweder in der Regierung oder der Wirtschaft beheimatet sei. Daher nahm das FBI die Ermittlungen auf. Wir gehen von Betrug, politischen Gefälligkeiten und Insiderhandel aus.“


Mein Boss nickt wohlwollend. „Danke für diese kompetente Zusammenfassung. Will heißen, wir müssen mit äußerster Vorsicht an die Sache herangehen, da seine Informationsquelle sich sogar im Weißen Haus befinden könnte.“


Ich nicke. „Der Gedanke kam mir auch schon. Also, welche Vorgehensweise schlägst du vor?“


Mein Chef wendet sich Liam zu, meinem Ex. Ein Mann, der sich hervorragend in die Riege meiner Verflossenen eingereiht hat, da er nicht mit Frauen umgehen kann, die intelligenter und zudem erfolgreicher sind als er.


„Liam, du bist der Profi, Undercover-Einsätze betreffend. Was meinst du?“


Liam wirft mir einen intensiven Blick aus seinen dunklen Augen zu, der mein Herz zum Rasen bringt.


Verflucht, ich sollte längst über diesen Kerl hinweg sein. Was hat er bloß an sich, dass es mir so schwerfällt, ihn zu vergessen?


„Also ich denke, Braini … äh Cassie, ist mehr als geeignet für einen derartigen Einsatz.“ Ein spöttisches Grinsen zuckt um seine Mundwinkel, was mir verdeutlicht, dass dieser Versprecher mit purer Absicht geschah.


Liam nannte mich früher häufig Braini – eine Ableitung des Wortes Gehirn. Dabei bin ich gar nicht altklug, auch wenn meine Mitmenschen das oft annehmen. Mein Kopf platzt einzig vor Informationen, die gelegentlich ungewollt nach außen drängen.


„Dieser Quest ist hochintelligent und liebt anspruchsvolle Literatur“, knüpft er nach kurzer Bedenkzeit wieder an. „Da haben wir doch einen hervorragenden Ansatzpunkt. Unsere Cassie mit ihren britischen Wurzeln ist belesen und spricht obendrein ein astreines Oxfordenglisch. Warum verkaufen wir sie unserem Pressefuzzi nicht als englische Journalistin mit Literaturstudium? Das sollte sein Interesse wecken.“


Erzürnt starre ich ihn an. „Erstklassige Idee, Liam, es gibt da bloß das winzige Problem, dass ich nicht einmal annähernd genug Ahnung von hoher Literatur habe. Daher wird das nicht funktionieren.“


Er neigt den Kopf provozierend zur Seite. „Ach, Cassie, die gesammelten Werke von Shakespeare lernst du doch über Nacht auswendig, oder?“


„Klar, dass ein Kerl aus Minnesota einzig Shakespeare kennt!“, fauche ich zurück. „Aber was ist mit Dickens, Austen, Woolf, Brontë, Wilde und all den anderen?“


„Immerhin scheinst du die meisten Schriftsteller zu kennen, damit bist du uns bereits um Welten voraus“, mischt sich mein Boss ein und führt mir meinen Fehler vor Augen.


Wie bereits erwähnt, das ist keine Angabe, sondern lediglich zu viel Wissen im Kopf.


„Schon“, murmle ich, „aber wie soll ich dadurch an Brandon Quest herankommen?“


Liam verzieht das Gesicht. „Ach, Cassie, nichts leichter als das. Er wird auf dich zukommen.“


Ich verdrehe die Augen. „Aber sicher doch! Weiß er das schon?“


Mein Ex schmunzelt. „Wir nutzen unsere FBI-Kontakte und platzieren eine Eilmeldung in einer der führenden Tageszeitungen. So wie ich diesen Quest einschätze, wird er vor Wut kochen, da jemand dem Observer voraus ist, und alle Hebel in Bewegung setzen, um den verantwortlichen Journalisten ausfindig zu machen. Entweder um denjenigen zu vernichten oder um ihn für sein Pressehaus zu gewinnen. Und wenn du ihm dann noch erzählst, dass du dich für Literatur interessierst, solltest du ihn am Haken haben. Du bist dazu prädestiniert, glaube mir.“


Mein Chef nickt zufrieden. „Hervorragende Idee. Wir verkünden den Wechsel eines hochrangigen Managers in die Politik, vorzugsweise einer aus der Rüstungsindustrie, so etwas sorgt immer für Wirbel. Es gibt da nämlich jemanden, der schuldet mir noch einen Gefallen und ist zudem stets an Medienpräsenz interessiert. Und sobald wir den Fall gelöst haben, widerrufen wir es einfach, so dürfte niemandem Schaden zugefügt werden. Was denkst du, Cassie?“


Nachdenklich beiße ich mir auf der Unterlippe herum. „Ich weiß nicht. Soll ich den Einsatz unter einem Decknamen durchführen?“


„Das liegt ganz bei dir“, ergreift Liam rasch wieder das Wort. „Ich würde dir jedoch vorschlagen, bei deinem richtigen Namen zu bleiben, so läufst du schon nicht Gefahr, in dieser Hinsicht einen Fehler zu begehen. Außerdem gibt es den Namen Cassandra Andrews derart häufig, dass ihn überhaupt niemand mit der FBI-Agentin in Verbindung bringen würde.“


„Damit könntest du richtig liegen“, gebe ich widerwillig zu.


Mein Chef schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. „Perfekt, ich leite alles in die Wege. Da wir nicht wissen, über welche Kontakte dieser Quest verfügt, werde ich dir vorsichtshalber eine neue Identität in unseren Systemen anlegen lassen.“ Ein Grinsen zuckt um seine Mundwinkel, während er nach meinem Blick sucht. „Und in der Zwischenzeit plünderst du die städtische Bibliothek.“


Seufzend erhebe ich mich.


Auf was habe ich mich da bloß eingelassen?


Kapitel 2

 


Brandon


 


Ich lehne mich in dem bequemen Sessel des abgedunkelten Separees zurück, nippe an dem eisgekühlten Gin Tonic in meiner Hand und beobachte das Schauspiel, das sich mir bietet.


Hinter einer Glasscheibe, die auf der gegenüberliegenden Seite verspiegelt ist, befinden sich drei Personen. Die zwei gut gebauten Kerle haben die hübsche Blondine mittlerweile komplett entkleidet. Nun schlüpfen auch die Männer aus ihren Hosen und tragen jetzt nur mehr knappe Strings am Leib.


Die junge Frau sinkt vor einem der Typen auf die Knie und zieht ihm mit sinnlicher Langsamkeit den String herab. Sein bereits halbsteifer Schwanz federt ihr entgegen. Rasch lässt sie ihre Zunge über die Spitze seines Penis gleiten, bevor sie diesen verführerisch in ihren Mund saugt. Wobei sie derart gekonnt vorgeht, dass der Kerl binnen kürzester Zeit mit einem mächtigen Ständer gesegnet ist.


Und auch in meinem Schritt regt sich jetzt etwas. Ich stelle meinen Drink beiseite, öffne den Reißverschluss meiner Anzugshose und umfasse mit der rechten Hand meine anwachsende Erektion. Sanft streiche ich daran auf und ab.


Während die junge Frau nun dem zweiten Kerl einen bläst, kniet sich der andere hinter sie, zieht ihr Becken hoch und dringt mit einem kräftigen Stoß in sie ein.


Die Kleine stöhnt lustvoll auf, und auch mir entfährt ein Keuchen. Die Bewegungen meiner Finger werden schneller, mein Schwanz härter. Und während das Mädchen abwechselnd von den beiden Männern hergenommen wird, steigt unbändige Lust in mir auf.


Ich kann den Blick kaum mehr von dieser Ménage-à-trois abwenden. Kleine Schweißperlen überziehen jetzt die Körper der Akteure. Ihre lustverzerrten Mienen und das heisere Stöhnen fachen meine Erregung um ein Weiteres an.


Es dauert nicht lange, bis sich ein Ziehen in meiner Lendengegend breitmacht, das den nahenden Orgasmus ankündigt. Ein raues Stöhnen stiehlt sich aus meiner Kehle, als ich letztendlich in meiner Hand komme. Rasch greife ich nach den bereitgestellten Tissues und säubere mich.


Das war mal wieder dringend nötig.


Viel zu lange habe ich meinem bevorzugten Club in Brooklyn keinen Besuch abgestattet, da ich mich während der letzten Wochen um die Übernahme eines großen Verlagshauses gekümmert habe und rund um die Uhr beschäftigt war.


Der Club trägt den Namen Marquess und ist von außen kaum als solcher erkennbar, da er sich in einer der alten Lagerhallen befindet, die noch nicht dem Modernisierungswahnsinn zum Opfer gefallen sind. Einzig durch Empfehlungen erfährt man von seiner Existenz, zudem handelt es sich um ein Etablissement, dessen Jahresbeitrag sich bloß gut betuchte Zeitgenossen leisten können. Dafür wird Diskretion hier großgeschrieben und kein Wunsch einem versagt, was bei mir relativ problemlos ist, denn ich stehe in erster Linie aufs Zusehen. Gelegentlich habe ich dabei zwar auch Sex, doch heute wollte ich einfach nur das Treiben anderer Personen auf mich wirken lassen.


Mir ist bewusst, dass meine Neigungen in dieser Hinsicht ein wenig schräg sind, aber c´est la vie. Jeder Mensch hat seine ganz speziellen Vorlieben und sollte sich nicht dafür schämen, sondern offen dazu stehen.


Ich schließe meine Hose und leere den Gin Tonic in einem Zug. Nachdem ich mir noch an einem kleinen Waschbecken die Hände gewaschen habe, verlasse ich durch eine Hintertür das Gebäude. Eine der schwarzen Limousinen des Clubs steht bereits parat, um mich in mein trendiges Loft in Manhattans Meatpacking District zu kutschieren, in dem ich seit gut fünf Jahren wohne. Das zweistöckige Apartment wurde damals meinen Wünschen entsprechend erbaut, sodass ich mich darin rundum wohlfühle.


Entspannt sinke ich in die ledernen Sitze der Limousine, schließe die Augen und lehne mich zurück. Leise Hintergrundmusik berieselt mich und entlockt mir ein zufriedenes Seufzen.


Als der Wagen nach einiger Zeit vor meiner Haustür zum Stillstand kommt, verspüre ich ein leichtes Hungergefühl. Mit einem großzügigen Trinkgeld verabschiede ich mich von dem Fahrer und marschiere auf einen kleinen Imbiss zu, an dem ich ein Stück Pizza ergattere, das ich voller Genuss auf dem Weg zu meiner Wohnung verschlinge.


Ach, das Leben kann so schön sein!


 


Am nächsten Morgen studiere ich wie üblich an meinem Computer die neuesten Pressemitteilungen und Börsennachrichten. Momentan ereignet sich nichts Weltbewegendes. Durch den Circle weiß ich jedoch, dass das die Ruhe vor dem Sturm ist. In der Automobilbranche bahnt sich die Fusion zweier großer Firmen an, genau genommen ist es sogar eine feindliche Übernahme, was für heftige Turbulenzen am Aktienmarkt sorgen wird.


Doch noch wäre es verfrüht, darüber zu berichten. Ich will ja kein Aufsehen erregen. Dennoch wird meine überregionale Tageszeitung, der Observer, die Nachricht vor allen anderen Blättern publizieren und damit sicher erneut Rekordumsätze einfahren.


Versonnen lehne ich mich in meinem Bürosessel zurück und blicke aus dem Fenster. Nach dem Tod meines Vaters habe ich das Headquarter des Verlagshauses ebenfalls in den Meatpacking District verlegt. Die Büroräume grenzen an meine Wohnung an und ersparen mir dadurch den tagtäglichen Verkehrsstau durch Manhattan.


Einige Meter entfernt verläuft der High Line Park, eine stillgelegte Güterzugtrasse, die zum Naherholungsgebiet umgebaut wurde und mittlerweile das Interesse von Millionen Touristen erweckt. Obwohl es noch früh am Morgen ist, flanieren bereits die ersten über die erhöhte mit Pflanzen und Blumen bestückte Bahnstrecke und beäugen interessiert die außergewöhnlichen Gebäude, die hier in den letzten Jahren errichtet wurden. Die gepflasterten Straßen dieses quirligen Stadtviertels sind mit angesagten Restaurants und Clubs gespickt, die sich in den Hallen der ehemaligen Schlachthöfe befinden. Ein schillerndes Nachtleben ist entstanden, in das ich mich häufig nach getaner Arbeit stürze.


Für den Moment könnte ich mir kein inspirierenderes Umfeld vorstellen, und wenngleich mein Job stressig ist, bin ich mit meinem Dasein in jeder Hinsicht mehr als zufrieden. Nicht zuletzt, da mein Freund Eric mich vor einigen Monaten in den Secret Circle aufgenommen hat.


Selbstverständlich fordert diese Verbindung auch Gegenleistungen, doch das stellt kein Problem für mich dar. Nichts leichter, als hin und wieder einen vernichtenden Artikel in meiner Zeitung zu platzieren, oder irgendetwas über den grünen Klee zu loben. Diese Geheimloge, in der sich seit Jahrzehnten die mächtigsten Personen der Vereinigten Staaten tummeln, ist schlicht und ergreifend allererste Sahne.


Eine Hand wäscht die andere, ist ihr Motto.


Und das kommt meinem Imperium, bestehend aus mehreren Pressehäusern, Verlagen und Fernsehsendern zugute. Momentan arbeite ich nämlich daran, ein paar renommierte europäische und asiatische Nachrichtenblätter zu übernehmen, die von meiner zeitnahen Berichterstattung überrollt werden und nicht länger konkurrenzfähig sind. Ohne den Circle hätte sich mir diese Möglichkeit niemals aufgetan, daher werde ich Eric zu ewigem Dank verpflichtet sein.


Nachdem ich noch ein paar Minuten lang die Touristen in Augenschein genommen habe, die von dem angenehm warmen Herbstwetter profitieren, wende ich mich den Unterlagen auf meinem Schreibtisch zu. Die Einladungskarte zu einem Presseball fällt mir in die Hände.


Mist, den hatte ich völlig vergessen! Er findet ja bereits an diesem Wochenende statt.


Ich mag derartige Benefiz-Veranstaltungen, bei denen man neben Journalisten auch interessante Autoren und Regisseure antrifft, denn ich vergöttere anspruchsvolle Literatur. Zugegeben hin und wieder lese ich auch mal einen stinknormalen Krimi oder Liebesroman, einfach um mir einen Überblick über die aktuellen Bestseller zu verschaffen. Aber im Grunde genommen hängt mein Herz an den Klassikern der Weltgeschichte.


Höchstwahrscheinlich ist diese Neigung vererbt; schon mein Großvater war als Schriftsteller tätig, bevor er den Observer gründete. Texte in unterschiedlichen Sprachen zu verfassen oder zu korrigieren, liegt mir einfach im Blut und ist meiner Ansicht nach ein Muss für den Vorsitzenden eines weltweit agierenden Medienkonzerns.


Wie in jeder Branche gibt es natürlich auch hier Kollegen, die dumm sind wie Stroh. Manche haben die Vereinigten Staaten niemals verlassen, veröffentlichen jedoch internationale Bücher oder Zeitungen. Aber nicht mehr lange, denn dann werde ich sie überrannt haben.


Macht ist nämlich etwas, das ich genauso schätze wie gute Bücher, den Broadway und das Theater. Keine Ahnung, woher dieser Geltungsdrang kommt. Mein Vater legte häufig eine ziemlich herabwürdigende Art und Weise an den Tag. Womöglich bereitet es mir ja deswegen Genugtuung, geschäftlichen Erfolg vorweisen zu können.


Zu schade, dass er den Aufstieg des Observer nicht mehr mit eigenen Augen miterleben kann. Als er noch lebte, arbeitete ich zwar bereits als Journalist für sein Pressehaus, legte mich aber niemals sonderlich ins Zeug. Erst seitdem ich die Leitung übernommen habe, ist mein Ehrgeiz erwacht.


Von klein auf besuchten meine Eltern mit mir Broadwayshows, und auch heute noch sind Musicals, Opern oder Theaterstücke nicht mehr aus meinem Leben wegzudenken. Die Illusionen, die dort vermittelt werden, haben seit jeher mein tiefstes Inneres berührt. Alles ist echt, nichts verfälscht. Kein Play-back, kein Photoshop, keine geschnittenen Szenen.


Schizophren, ich weiß, denn ich gaukle den Lesern in meinen Zeitschriften und Reportagen durchaus Dinge vor, die nicht unbedingt der Realität entsprechen. Aber oft genug habe ich den Eindruck, die Menschheit will für blöd verkauft werden. Und dass heutzutage keiner mehr in der Lage ist, zwischen den Zeilen zu lesen, ist sicher nicht mein Problem.


Gedankenverloren drehe ich die Einladungskarte zu dem Presseball in meinen Fingern und entscheide, zuzusagen. Allerdings bräuchte ich eine Begleitperson, um die holde Weiblichkeit von mir fernzuhalten, an einer Beziehung hege ich nämlich nicht das geringste Interesse. Ich liebe es unabhängig zu sein, meinen Neigungen nachgehen zu können, wann immer mir danach ist, und niemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Und so soll es auch bleiben.


Doch welche Lady könnte ich jetzt so kurzfristig als Begleiterin engagieren?


Auf Anhieb fällt mir da bloß eine einzige Person ein.


Ich greife nach dem Telefon und wähle die Nummer meiner Schwester.


Sogleich meldet Emily sich. „Hi, Junior, wo brennt es denn?“


Sie kennt mich einfach zu gut. Vielleicht ist es auch schäbig, dass ich meistens dann anrufe, wenn ich ihre Hilfe benötige. Aber sie ist und bleibt meine große Schwester, die stets für mich da ist.


Seitdem ihr Ehemann vor einigen Jahren bei einem schrecklichen Autounfall starb, fühlt sie sich noch stärker zu mir hingezogen. Irgendwie verständlich, denn außer unserer Mum und mir besitzt sie jetzt keinen weiteren Verwandten mehr. In letzter Zeit ließ sie sich zwar auf ein paar flüchtige Affären ein, doch kein Mann konnte jemals wieder richtig zu ihr durchdringen. Emily ist einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben und ich wünsche ihr von ganzem Herzen, dass sie irgendwann noch einmal die wahre Liebe finden wird.


„Lust auf einen Presseball?“, erkundige ich mich.


„Aber immer doch. Als was, deine Schwester oder eine deiner geheimnisvollen Geliebten?“


„Ich denke, Schwester wäre dieses Mal okay.“


„Zu schade, wo ich mir doch eine brandneue Perücke habe anfertigen lassen.“


„Überzeugt, du bist meine derzeitige Geliebte. Ich oute dich als Tracy, ein Filmsternchen aus Charlotte.“


Sie lacht herzhaft. „Deine Kreativität möchte ich haben.“


„Ach, Süße, die hast du doch längst. Wir sehen uns.“


Schmunzelnd lege ich auf und beabsichtige, mich der Überarbeitung eines Verlagsprogrammes zu widmen, als eine Eilmeldung am unteren Bildschirmrand meines Computers erscheint.


Geschäftsführer aus der Rüstungsindustrie steht offenbar kurz vor Wechsel in ein hohes politisches Amt. Wird der als Waffennarr bekannte Manager seinen Einfluss dort geltend machen können? Und welche Auswirkungen könnte das auf bestehende oder zukünftige Gesetze haben?


Ungläubig schüttle ich den Kopf. Na, das hätte uns jetzt gerade noch gefehlt, wo wir doch im Circle mit aller Macht versuchen, die Waffengesetze zu verschärfen. Aber wie kann so eine Information überhaupt an die Öffentlichkeit dringen, ohne dass der Circle darüber im Bilde ist?


Ich greife erneut nach meinem Handy und rufe meinen besten Freund, Eric Carpenter, den Vorsitzenden des Secret Circle, an.


Schon nach kurzer Zeit meldet er sich. „Brandon, wo brennt es denn?“


„Schalte bitte mal die Nachrichten an!“


„Das glaube ich jetzt nicht“, murmelt Eric Sekunden später. „Warum sind wir nicht benachrichtigt worden? Sollte das der Wahrheit entsprechen, müssen wir alles daransetzen, um diesen Wechsel zu verhindern. Die Staaten benötigen keine weiteren schießwütigen Politiker. Die Macht der Waffenlobby ist ohnehin schon viel zu groß.“


„Du weißt also auch nichts davon?“


„Natürlich nicht. Diese Info hätte ich dir doch rechtzeitig zugespielt.“ Er atmet zischend aus. „Puh, das passt mir jetzt gar nicht ins Konzept, wo wir den Gesetzesentwurf zur Reduzierung von Schusswaffen schon so gut wie durch hatten. Ich berufe in den nächsten Tagen eine außerplanmäßige Sitzung ein. Halte du bitte derweil die Füße still!“


„Geht klar.“


Was ich selbstverständlich nicht tue.


Stattdessen klemme ich mich abermals ans Telefon und spreche ein paar meiner Kontakte in der Industrie und bei Nachrichtensendern an, komme jedoch kein Stück voran. Niemand hat auch nur den Hauch einer Ahnung, worauf diese Information basieren könnte, selbst die großen Rüstungskonzerne scheinen überrascht zu sein. Eifrig suche ich daraufhin im Internet nach detaillierten Hinweisen, werde aber nicht fündig.


In der Zwischenzeit klingelt unablässig mein Telefon und mein E-Mail-Postfach quillt über. Natürlich wollen all meine Journalisten und Redakteure wissen, ob sie über diese Neuigkeit berichten sollen.


Doch was sollen wir bekannt geben?


Es könnte sich um eine Falschmeldung oder reine Spekulation handeln. Daher erteile ich die Anweisung, sich vorerst einmal in Zurückhaltung zu üben.


Am späten Nachmittag erscheint dann endlich ein etwas ausführlicher Artikel. Offenbar hat die Waffenlobby den Wechsel dieses Managers angestoßen, um ihren Einfluss in der Politik stärker geltend zu machen. Das hilft mir allerdings kein Stück weiter, zumal es sich dabei nicht einmal ansatzweise um eine Neuigkeit handelt.


Was mich für den Moment viel mehr interessiert, ist, wer diesen Artikel veröffentlicht hat.


Cassandra Andrews, freie Journalistin, finde ich heraus.


Natürlich kenne ich alle einflussreichen Reporter der Staaten, doch der Name dieser Dame ist mir niemals zuvor zu Ohren gekommen. Auch der Versuch, sie zu googeln, bleibt relativ erfolglos. Ich erfahre einzig, dass sie Literatur und Journalismus studiert haben soll. Noch nicht einmal ein Bild ist im Internet hinterlegt.


Das ist doch zum Haare raufen.



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