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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Schmetterlingssegler, Dieter Wolf
Dieter Wolf

Schmetterlingssegler


ein Roman nicht nur für Segler

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 An der Außenmole des Yachthafens Pirita legte er vor der Zollstation an. Im Büro fragte man in gebrochenem Deutsch nach der Crew-Liste. Als Peter erklärte, dass er einhand segelte, meinte der Beamte: „Was ganz allein, Mister Banff? Das nix gut. Aber in Tallinn plenty schönes Frauen - very good", und drückte den Stempel in den Pass. Anschließend inspizierte der Staatsdiener das Boot gründlich, wobei Peter argwöhnisch aufpasste, dass nichts gestohlen wurde, aber rasch erkannte, dass sein Misstrauen unbegründet war.
 Im Hafen fand die Cubby einen Liegeplatz in der Nähe der Galaxy, die nicht einzuklarieren brauchte und deshalb schon festgemacht hatte. Allerdings hatte es bei deren Landemanöver offensichtlich eine Panne gegeben, denn einige der Leute betrachteten heftig palavernd eine schadhafte Stelle am Bug. Keiner von ihnen machte Anstalten, Peter beim Festmachen zu helfen, wie dies eigentlich unter Seglern üblich ist. Ihn störte das wenig. Sorgfältig verschloss er sein Boot und schlenderte zur Galaxy hinüber. Dort hatte sich am Steg die Gruppe der Diskutierenden derart vergrößert, dass er beschloss, den Havaristen später unter die Lupe zu nehmen. Er meldete sich beim Hafenmeister an, erkundete und inspizierte die Örtlichkeiten in dem gewaltigen Gebäudekomplex, der vor Jahren anlässlich der Olympischen Spiele errichtet worden war. Der Baustil erinnerte mit seinem vielen Beton stark an das Olympiazentrum in Kiel-Schilksee. Nur war alles verwinkelter. In einer finsteren Durchfahrt lagen riesige Berge leerer Getränkedosen. Ein Mann war gerade dabei, diese Dosen in Handarbeit klein zu pressen. Es gab auch einen Lebensmittelladen mit Unmengen von alkoholischen Getränken. Peter kam mit ein paar finnischen Seglern ins Gespräch, die sich interessiert die Spirituosen ansahen, die für finnische Verhältnisse ungeheuer billig waren. Anschließend wechselte er im Foyer des angegliederten Hotels etwas Geld ein und stieg in den Bus nach Tallinn.


 Auf dem Rathausplatz in der Altstadt setzte er sich in eines der vielen Straßencafés, bestellte ein Bier und beobachtete in der warmen Abendsonne die Leute an den Nebentischen, und die Menschen, die an ihm vorbeiflanierten. Er staunte, wie viele hübsche Frauen es gab, und es freute ihn besonders, wenn es ihm gelang, hier und da einen koketten Blick zu erhaschen. Bald verschwand die Sonne jedoch hinter den Häusern. Ihm wurde kühl, und er fuhr zurück zum Hafen. Der Wächter am Tor der umzäunten Marina erkannte ihn und ließ ihn passieren, ohne dass er sich ausweisen musste.
 An Bord nahm Peter einen kleinen Imbiss und ging wieder an Land, um durch den Hafen zu bummeln und die Wasserfahrzeuge zu beschauen. Als erstes interessierte ihn die Galaxy. Es war ein schöner, alter Holzbau, leider etwas heruntergekommen. Die Segel waren liederlich aufgetucht, die Leinen unfachmännisch aufgeschossen (zusammengelegt). Geradezu laienhaft wirkte die Vertäuung der Festmacherleinen. Diese waren kreuz und quer gespannt und mit Phantasieknoten verknüpft. Kein einziger Seemannsknoten war zu entdecken. Das Fahrzeug musste mit dem Bug heftig gegen die Betonkante der Pier geknallt sein. Einiges Holz war herausgesplittert. Die Wasserstagkette, die normalerweise den Klüverbaum nach unten spannt, baumelte lose von der Nock des Baumes auf die Pier.


 „Hallo Capitano, want a Drrrink?" tönte eine männliche Stimme aus dem Cockpit. Gern folgte Peter der Einladung. Vier Männer und drei Frauen saßen dort, Wodka- und Limonadeflaschen, eine Stange amerikanischer Zigaretten und einige Bund Petersilie vor sich auf dem Tisch. Die Männer muskulöse Playboytypen, die Frauen in elegantem Sportdress, eine schöner als die andere. Man bat ihn an Bord und reichte ihm ein Wasserglas voll Wodka.
 „Oh nein, das ist viel zu viel", versuchte Peter abzuwehren.
 „Musst essen Kraut dazu, dann bleiben Kopf gesund", antwortete Gregor, wobei er auf die Petersilie deutete. Er trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „Miami Beach", hatte kurzes hellblondes Haar, einen schmalen Schnurrbart und fröhlich blitzende blaue Augen. Er sprach etwas deutsch und etwas englisch. Die anderen hatten keine westliche Sprache gelernt - bis auf Natascha, eine Frau mit schwarzem Bubikopf und faszinierenden, schwarzen Augen. Ihr Deutsch war grammatisch einwandfrei, allerdings mit einem starken Akzent beladen. Sie arbeitete als Dolmetscherin für eine russische Firmengruppe.
 „Sag mal, Natascha, ich habe den Eindruck, dass ihr euch auf russisch unterhaltet und nicht auf estnisch." - „Da hast du recht. Wir sind Russen, bis auf Jüri und Marju. Die sind von hier." Dabei deutete sie auf einen jungen Mann mit Goldrandbrille und scharfen Gesichtszügen, der schmächtiger war als die anderen drei, aber hier offensichtlich das Sagen hatte, und auf eine etwas zur Üppigkeit neigende Blondine mit glatten langen Haaren.
„Russen und Esten in einem Boot. Das habe ich nicht erwartet", staunte Peter.
„Na ja", grinste Gregor, „Geschäfte gut, Freundschaft gut."
 Jetzt ergriff Jüri das Wort, Natascha übersetzte: „Wir haben gesehen wie gut du mit dem Boot umgehen kannst. Willst du uns segeln beibringen, wie viel Geld willst du dafür?" - „Das kostet gar nichts. So etwas tu ich gern. Da können wir morgen gleich anfangen."
 Man kam auf den Schaden am Bug zu sprechen. Peter riet zur schnellstmöglichen Reparatur. Diese war auch schon für den nächsten Tag vorgesehen. Dann erzählte er, dass er schon einmal einen Wassereinbruch erlebt hatte. Ein Dichtungsstutzen hatte sich gelöst, und das Wasser stieg mit beängstigender Geschwindigkeit. Bei entstehender Panik wäre es fast unmöglich gewesen, die Ursache zu finden. In diesem Fall hatte er Glück, dass er sich rechtzeitig an den Schwachpunkt erinnerte und das Leck schließen konnte. Das Gespräch wanderte zum Untergang der Estonia, der noch nicht lange her war und bei dem 900 Menschen den Tod fanden. Jüri erzählte, dass mehrere Verwandte von ihm an Bord gewesen waren. Von der Erbschaft konnte er sich das Boot kaufen. Auf Peters Frage, ob die Galaxy früher eventuell Anabella geheißen habe, antwortete Jüri, dass er das nicht wüsste. Er hätte das Boot von einem Agenten gekauft, und da wäre sein Name schon Galaxy gewesen. Auf Peters Bitte, es besichtigen zu dürfen, vertröstete Jüri ihn auf den nächsten Tag. Beim gemeinsamen Segeltraining gäbe es dazu ausreichend Gelegenheit.
 Während die anderen fleißig dem Wodka zusprachen und immer fröhlicher und lauter wurden, füllte Peter sein Glas ständig mit Limonade nach, auch wenn ihm das süßliche Getränk gar nicht gut schmeckte. Er wollte einen klaren Kopf behalten, besonders weil Natascha es ihm angetan hatte. Sie schien zu keinem der Männer zu gehören. Bald waren sie beide ins Gespräch vertieft. Sie plauderten über ihr Zuhause, über ihre Hobbys und Erlebnisse. Peter erfuhr, dass Natascha in Armenien geboren war, ihre Eltern dort immer noch lebten, sie aber schon in jungen Jahren von ihnen getrennt wurde, um eine Kaderschule in Russland zu besuchen. Es war nun schon lange her, dass sie ihre Heimat gesehen hatte.
„Wo hast du so gut Deutsch gelernt?"
„Mein Deutsch ist nicht gut, ich spreche mit viel zu starkem Akzent. Da sind mein Estnisch und mein Französisch viel besser. Bei meiner Arbeit habe ich hauptsächlich aus dem Englischen zu übersetzen. Mit der armenischen Sprache bekomme ich allmählich Schwierigkeiten. Die höre ich zu selten."
„Sag mal, willst du nicht nach Deutschland kommen? Dort könntest du mit deinen Sprachkenntnissen gutes Geld verdienen."
„Würdest du mich denn mitnehmen?"
„Nichts täte ich lieber. Übermorgen segle ich los."
Natascha antwortete darauf nicht, sondern blickte versonnen in die Ferne. Auch Peter grübelte: Die Frau zu Hause an Land zu schmuggeln, wäre sicher kein Problem. Er war noch nie kontrolliert worden, wenn er in Deutschland das Boot verließ. Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis wären sicher nicht so leicht zu bekommen. Aber für so etwas haben die Firmen ihre Rechtsabteilungen, so glaubte er leichtfertig. Seine Gedanken wanderten in eine andere Richtung. Er druckste ein wenig und sagte dann in verlegenem Ton:
„Natascha, bitte lach mich nicht aus. Ich weiß es ist kitschig. Aber ich muss ständig an euer Lied von den schwarzen Augen denken." Sie war gerade aufgestanden, um sich Limonade nachzugießen. Da setzte sie sich auf seinen Schoß und fragte lächelnd: „Meinst du dieses?" Und dann sang sie leise mit hauchender Stimme, dass dem Peter heiß und kalt zugleich wurde. Doch bald stimmten die andern mit ein. Weitere schöne russische Weisen folgten und schallten über den Hafen.


Unvermittelt sagte Natascha: „Ich muss jetzt gehen." - „Willst du nicht noch ein wenig bleiben?" fragte Peter enttäuscht.
„Das geht nicht. Ich habe mir von meiner Freundin das Auto geliehen und muss es jetzt zurückbringen."
Er brachte sie zum Parkplatz. Bevor sie in den Wagen stieg, nahm sie seinen Kopf sanft zwischen beide Hände.
„Pjotr, ist das dein Ernst, dass du mich mitnehmen würdest, und dass ich dort selbständig meinen Lebensunterhalt verdienen könnte?"
„Klar, ich kenne sogar eine Firma, die dich sicherlich einstellen würde. Übermorgen fahren wir los."
Sie sah auf die Uhr und wurde sichtlich nervös, so dass sie kaum Zeit für einen Abschiedskuss hatte. Er blickte noch einige Zeit in die leere Straße, wo ihr Toyota mit quietschenden Reifen hinter der Kurve verschwunden war und lauschte dem sich entfernenden Motorengeräusch nach.


 


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