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Belletristik
Buch Leseprobe Schicksalsfäden, Stephanie Pinkowsky
Stephanie Pinkowsky

Schicksalsfäden



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Kapitel 6


Sanfter Trost


 


Blumen über Blumen und schwarz umrandete Trauerkarten. Linda glaubte, an den Beileidsbekundungen zu ersticken. Ihre Eltern, ihre Tante und unzählige von Samuels Feuerwehrkollegen fanden sich nach der Tragödie in ihrem Haus ein. Sie würde es verkaufen, dort wollte sie nicht mehr leben. Ben hielt Mittagsschlaf, sodass Linda sich den Trauergästen zuwenden konnte. War es nicht makaber, Kaffee und Butterkuchen zu servieren, wo ihre Welt in Trümmern lag? Wäre es nicht besser, sie und ihr kleiner Sohn wären ebenfalls tot? Zwei Nächte nach Samuels Suizid war sie kurz davor gewesen, dem schlafenden Kind ein Kissen aufs Gesicht zu drücken. Linda hatte vor seinem Bettchen gestanden und ihn betrachtet. Ben schlummerte friedlich. Er war ja noch so klein und bekam überhaupt nicht mit, welches Familiendrama sich um ihn herum ereignete. Die verzweifelte Witwe hielt das Kissen bereits in der Hand und näherte sich dem zarten Gesicht. In ihrer Nachttischschublade befanden sich Schlafmittel. Linda nahm jeden Abend eine Tablette, um zumindest in einen Dämmerzustand gleiten zu können. An richtigen Schlaf war seit Miriams Tod nicht mehr zu denken. In der Vorratskammer stand noch eine Flasche Schnaps. In Kombination mit dem Schlafmittel perfekt für einen sanften Selbstmord. Linda wollte ebenfalls sterben, dann wären sie alle vier wieder vereint. Doch sie schaffte es einfach nicht. Sie konnte ihrem Baby nicht wehtun! Und alleine lassen wollte sie Ben in dieser grausamen Welt genauso wenig, denn eines Tages würde er es begreifen und seine Mutter dafür hassen.


„Nein!“, sagte Linda an jenem Abend laut zu sich selbst und ließ das Kissen sinken. Ihr Sohn war ein unschuldiges Kind. Ben verdiente es, zu leben und glücklich aufzuwachsen. Für ihn musste sie stark bleiben. Linda würde ihm eine gute Mutter sein, auch wenn ihr eigenes Herz nicht mehr fähig war, Freude und Glück zu empfinden.


Das Stimmengewirr verursachte ihr Kopfschmerzen. Gabeln klapperten, es wurden Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht. Jemand legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Kind, soll ich dir helfen?“ Lindas Mutter nahm ihrer Tochter die Kaffeekanne aus der Hand. „Leg dich hin, ich kümmere mich hier um alles.“ Tränen schossen in Lindas Augen.


„Mama, ich kann nicht mehr!“ Sie hielt sich an ihr fest, wimmernd und zitternd.


„Doch, du musst.“ Sie nahm das Gesicht ihrer Tochter in beide Hände. „Für dein Kind. Benjamin braucht dich. Und wir brauchen dich auch.“


Linda nickte, dann ging sie lautlos die Treppe ins Schlafzimmer hinauf. Ben schlief dort in seiner Wiege. Linda strich dem Baby zärtlich über die Wange. Dann setzte sie sich aufs Bett und versuchte, tief durchzuatmen. Sie öffnete ihre Nachttischschublade und schob die Schlaftabletten beiseite. Stattdessen griff sie nach den Schmerzmitteln. Das Dröhnen und Pochen in ihrer Schläfe musste doch endlich einmal abklingen! Sie legte sich zwei Tabletten auf die Zunge, glücklicherweise stand neben dem Nachttisch eine angefangene Flasche Wasser. Dann schloss Linda die Augen. Sie verlor jegliches Zeitgefühl. Wie lange saß sie nun auf dem Bett? Das konnte sie im Nachhinein nicht sagen. Es war totenstill, sie hörte nur den Atem ihres Kindes. Ein leises Knarren riss Linda schließlich aus ihrer Trance, jemand schob die Tür auf. Sie öffnete die Augen. Im Türrahmen stand ein kleines Mädchen mit dunklen Augen und langen, goldbraunen Haaren. Es war Marleen, die vierjährige Tochter ihres Schulfreundes David. Er war mit seiner Familie zur Trauerfeier angereist. Magnus ebenfalls, allerdings allein. Beide Freunde hatten Linda lange umarmt, während sie hemmungslos an deren Schultern weinte. Sie blickte das Mädchen an. Es trug ein schwarzes Kleid mit Sternenmuster und dazu Lackschuhe. Etwas ähnliches hatte Miriam auch immer gerne angezogen, dachte Linda.


„Oh, Entschuldigung“, murmelte das Kind. „Ich wollte eigentlich ins Bad.“


„Die zweite Tür rechts“, antwortete Linda, doch das Mädchen rührte sich nicht von der Stelle. Marleen kauerte unschlüssig im Türrahmen, bis sie sich schließlich auf Linda zubewegte. Das Kind setzte sich zögerlich neben die Frau. „Du bist sehr traurig.“


„Ja“, antwortete Linda. Für einen Augenblick versuchte sie sich vorzustellen, ein Wunder sei geschehen und Miriam wäre wieder bei ihr. Doch dann schüttelte Linda diesen Gedanken ab. Marleen war Davids Kind, ihre Tochter war tot. Sie saßen schweigend nebeneinander, ehe Marleen aufstand und sich neugierig die Bilder auf der Schlafzimmerkommode ansah. Linda ließ sie gewähren. „Sie sind im Himmel. Ganz bestimmt! Und sie wollen nicht, dass du so viel weinst.“ Erst jetzt bemerkte Linda die Tränen, die unkontrolliert über ihre Wangen liefen. Das Kind entdeckte neben den Fotos einen eingerahmten Zeitungsartikel. „Darf ich?“


Wieder nickte Linda. Es war doch alles gleichgültig! Sollte die Kleine sich doch neugierig die Überreste ihrer zerbrochenen Welt anschauen. „Feuerwehrmann Samuel Weber rettet Rentnerin aus ihrer brennenden Wohnung“, las das Mädchen. Linda schloss die Augen und lauschte der Kinderstimme. Stolz erfüllte ihr Herz. Die Erinnerung an den Mann, der er einmal gewesen war, heilte. Sie wollte an den tapferen Helden denken, nicht an den traurigen Säufer. „Er war ein mutiger Mann“, stellte das Kind fest, als es den Artikel zu Ende gelesen hatte. „Aber was ist denn eine Rentnerin?“


„Das ist jemand, der in einem Alter ist, in dem er nicht mehr arbeiten muss“, erklärte Linda. „Ach so.“ Das Mädchen nickte. Die Situation drang verzögert in Lindas Bewusstsein. Doch als sie die Tatsache erfasste, weiteten sich ihre Augen vor Staunen. Vor ihr stand eine Vierjährige, die ihr flüssig aus der Zeitung vorlas! Nur die vereinzelten englischen Begriffe hatte sie falsch ausgesprochen. Aber ansonsten las sie fließend und fehlerfrei. „Marleen, warte mal!“, unterbrach sie das Kind. „Du kannst schon lesen? Du gehst doch noch gar nicht zur Schule!“ „Ich lese immer“, erzählte das Mädchen. „Und ich habe ein Bilderbuch gebastelt und mir Geschichten dazu ausgedacht. Möchtest du es sehen?“ Aus ihrer kleinen, rosafarbenen Stoffhandtasche holte sie ein selbstgebasteltes Büchlein hervor. Das Papier war an den Ecken geknickt, doch das verlieh dem Bastelwerk einen gewissen kindlichen Charme. Die Rechtschreibung war noch nicht ganz korrekt, dennoch blinzelte Linda ungläubig. Sie betrachtete die bunten Zeichnungen und blätterte durch die fantasievoll ausgestalteten Märchengeschichten. Miriam hatte lediglich ihren eigenen Namen schreiben können.


„Du darfst es behalten“, sagte Marleen. „Vielleicht möchtest du Ben daraus vorlesen, wenn er älter ist.“ Kurz darauf erklang ein leises Quengeln, Marleen spähte neugierig in die Wiege. „Oh, wie süß!“, seufzte sie. „Ich wünsche mir so sehr, dass Mama und Papa auch noch ein Baby bekommen! Ich möchte so gerne ein Geschwisterchen haben!“


Linda hob den kleinen Jungen aus der Wiege und bedeutete dem Mädchen, sich wieder aufs Bett zu setzen. „Ganz vorsichtig.“ Sie legte ihr das Baby in den Arm, wobei sie es aber nicht richtig losließ. Marleen war dennoch entzückt. Sie strahlte über das ganze Gesicht. Wieder glaubte Linda für einen Augenblick, Miriam vor sich zu sehen. Ihre Tochter hatte ähnlich stolz gestrahlt, wenn sie sich um ihren kleinen Bruder kümmern durfte. Linda fühlte zum ersten Mal seit Monaten so etwas wie Wärme in ihrem Herzen. Sie legte Ben zurück in die Wiege und setzte sich neben Marleen. Sie begann, dem kleinen Mädchen durchs lange, dunkle Haar zu streichen. Die Bewegungen ihrer Hände waren wie ferngesteuert. Das Kind wehrte die Berührung nicht ab, sondern wartete neugierig, was geschehen würde. Miriams Haar war ebenso dick, glänzend und kräftig gewesen, wenn auch deutlich heller. Linda flocht dem Mädchen einen Zopf, dabei summte sie eine leise Melodie. Ein altes Kinderlied, das sie ihrer Tochter immer vor dem Schlafengehen vorgesungen hatte. Marleen stand auf und betrachtete das Ergebnis im Spiegel. Dann wanderte ihr Blick zu dem gerahmten Bild Miriams, auf welchem diese ebenfalls einen geflochtenen Zopf trug. „Oh, jetzt sehe ich aus wie das Mädchen!“


„Ja“, flüsterte Linda. Dann nahm sie das fremde Kind auf den Arm und zog es an sich. Dabei füllten ihre Augen sich erneut mit Tränen.


„Sei nicht mehr so traurig!“ Marleen legte Linda eine Hand an die Wange. „Ich will nicht, dass du weinst.“


„Marleen! Wo bist du?“ Eine besorgte Frauenstimme erklang plötzlich. Es klopfte. Wenig später stand Hannah, Marleens Mutter, im Türrahmen. Linda fühlte sich wie erstarrt. Das Mädchen wand sich plötzlich auf ihrem Arm, sodass sie es hinunterlassen musste. Das Kind lief zu seiner Mutter, welche es sofort hochnahm und ihm über den Rücken strich. Lindas Herz brach bei diesem Anblick ein zweites Mal. Sie schluckte schwer. Hannah bemerkte erst den geflochtenen Zopf, dann das gerahmte Foto. Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Linda fühlte sich mit einem Mal schuldig, als hätte sie etwas Verbotenes getan.


„Liebling, geht es dir gut?“, fragte Hannah ihre kleine Tochter. „Wir haben dich im ganzen Haus gesucht!“ Schnell löste sie den Zopf, als würde er Unheil verursachen. Dann ließ sie das Mädchen hinunter. „Lauf zu Papa“, sagte sie zu dem Kind. Marleen gehorchte wortlos, doch sie lächelte Linda noch einmal schüchtern zu. Dann standen die beiden Frauen sich gegenüber. „Linda, ich weiß, dass du unendlich traurig bist und deine Tochter vermisst.“ Hannahs Stimme brach. Sie sprach in einem leisen Ton und traute sich schließlich sogar, die andere Frau sanft an der Schulter zu berühren. „Aber bitte, mach das nicht noch einmal! Marleen ist nicht Miriam.“ Die Witwe war unfähig, zu antworten. Schließlich brachte sie eine gestammelte Entschuldigung über die Lippen. In Hannahs Augen standen nun ebenfalls Tränen. Die Vorstellung, welches Leid Linda Weber fühlte, ließ ihr das Blut in den Adern stocken. Dieser Frau war das Schlimmste zugestoßen, was einer Mutter passieren konnte. Hannahs Herz schnürte sich zu. Wenn ihrer kleinen Marleen etwas geschah, würde sie auch nicht mehr glücklich werden können. Nie mehr. Mit einem Mal schämte sie sich, auch wenn sie die beobachtete Situation zwischen ihrer Tochter und Linda beunruhigend fand. Doch diese arme Witwe brauchte Mitgefühl, keine Zurechtweisungen oder gar Anfeindungen. Dennoch würde Hannah in Zukunft darauf achten, ihr Kind nicht mehr mit Linda Weber alleine zu lassen. Sie griff nach Lindas Hand und drückte diese. „Nein, entschuldige dich nicht! Es tut mir leid.“


Linda nickte und wischte die Tränen fort. Es gab etwas, dass sie Hannah unbedingt sagen musste. „Sie kann lesen“, murmelte Linda mit tränenerstickter Stimme.Hannah verstand nicht sofort.


„Wie bitte?“


„Ich sagte, Marleen kann schon richtig lesen!“


„Wie kommst du darauf?“ Hannah legte nachdenklich die Stirn in Falten. Natürlich, Marleen war ein sehr kluges Kind. Sie liebte Bücher und kannte sämtliche Kindergeschichten und Märchen auswendig. Aber richtig lesen? Sie war doch gerade einmal vier Jahre alt! Linda deutete auf den eingerahmten Zeitungsartikel. „Sie hat mir den ganzen Artikel vorgelesen, Hannah. Das kann kein Schwindel gewesen sein.“


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