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Belletristik
Buch Leseprobe Scherbenbilder, Melina Coniglio
Melina Coniglio

Scherbenbilder


All about love

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Kapitel 1
Haru – Frühling




Ein schrilles Klingeln riss Kai an jenem sonnigen Montagmorgen aus seinem tiefen Schlaf. Müde schlug er die schweren Lider auf und fand sich kurz darauf in seinem wie immer ziemlich verwüsteten, aber dafür auch ziemlich gemütlichen Doppelbett wieder. Umgeben von seinem MP3-Player, seinem geliebten Stofftier und zahlreichen Büchern, die er bereits gefühlte tausend Male gelesen hatte, seufzte er verschlafen, während er etwas benommen nach seinem Wecker tastete und ihn mit einem dumpfen Schlag ausstellte. Mechanisch griff er kurz darauf nach seinem Handy, das sich direkt neben seinem halbnackten Oberkörper unter der kuscheligen Decke befand, nur um im Anschluss etwas enttäuscht auf dessen hellen Display zu starren. „7:30 Uhr, keine neuen Nachrichten“- las er im Stillen. Ein unangenehmer Kloß bildete sich in seinem Hals, drohte ihm die Kehle zu zuschnüren, die Luft zu entziehen, doch er vertrieb das leere Gefühl des Verlassenseins mit einem bloßen Kopfschütteln schnell wieder. Er musste langsam Aufstehen und sich fertigmachen, wenn er nicht zu spät zu seinem ersten Tag an der neuen Schule kommen wollte. 

Ohne weiter zu murren setzte sich Kai auf, genoss für einen kurzen, letzten Moment die warmen Sonnenstrahlen, die durch das große Fenster fielen und seine Haut kitzelten, bevor er sich barfuß auf seinen Weg ins Badezimmer begab. Glänzende Pokale strahlten ihm auf diesem entgegen, sollten ihm eigentlich das Gefühl geben, etwas Besonderes zu sein, doch das taten sie nicht. Ganz im Gegenteil, sie deprimierten ihn nur. 
Aus dem Seitenwinkel erhaschte er einen kurzen Blick auf eine seiner zahlreichen Urkunden, die akkurat in der frisch polierten Glasvitrine in seinem Wohnzimmer direkt neben den Trophäen aufgereiht waren, doch er senkte seinen Blick direkt wieder, als die große Lotusblume, die sorgfältig unter der Signatur der Gläubiger platziert worden war, sich heimlich in sein Sichtfeld schlich. 
Es stellte das Wappen seiner Familie dar, das Zeichen der Nakamarus, einer der wohl einflussreichsten Familien ganz 
Ohanamis, seiner Heimatstadt. Es stand für Wohlstand, es repräsentierte Macht, alles, was sich Kai für sein eigenes Leben niemals gewünscht hatte und doch war es ihm regelrecht in die Wiege gelegt worden. Schon als kleiner Junge war ihm schnell bewusst geworden, dass er anders war, ganz anders, als sein strenger Vater ihn von Anfang an hatte haben wollen. Er passte einfach nicht in die Rolle des Vorzeigesohns, des stolzen Erben, des elitären Anwaltssohns. Diese Tatsache hatte ihre Beziehung zueinander bereits sehr früh belastet, was über die Jahre hinweg zu einem ziemlich angespannten und vor allem distanzierten Verhalten beiderseits geführt hat. Ihre gar katastrophale Vater-Sohn-Verbindung war letztendlich auch der Grund dafür gewesen, warum Kai vor ein paar Monaten von Zuhause ausgezogen war, um sein letztes Schuljahr weit weg von seinem Elternhaus zu verbringen. Er hatte so lange den Tag seines 18. Geburtstags herbeigesehnt, sich von ganzem Herzen einen Neuanfang gewünscht, ein normales Leben und an jenem Tag bot sich ihm genau diese Chance. Endlich konnte auch er einmal ein ganz normaler, junger Erwachsener sein.

Ein leises Seufzen entwich ihm, als er ins Bad tapste, das Licht einschaltete und sich etwas skeptisch im Spiegel betrachtete. Seine braunen, kurzen Haare standen in alle Himmelsrichtungen und seine bernsteinfarbenen Augen waren in dunkle Schatten gehüllt. 
Ein schiefes Grinsen zierte seine Lippen, während er sich kaltes Wasser über seine Handgelenke laufen ließ. Zum Glück ging es ihm in Wahrheit nicht so schlecht, wie er in jenem Moment aussah. Das war eben der Preis, den man nach einer durchzechten Nacht an einem Sonntag mit viel zu viel hartem Alkohol, coolen Menschen und guter Musik zu bezahlen hatte. 

Genüsslich schloss er seine Lider, als das kühle Nass sein Gesicht benetzte, ihn wieder zurück in die Realität holte. Das schläfrige Gefühl verschwand und ließ die Welt um ihn herum wieder etwas klarer werden. Die wiederkehrenden Erinnerungen an die vergangene Nacht ließen sein Grinsen breiter werden. Es war also doch kein Traum gewesen. Er hatte wirklich hemmungslos mit einem wildfremden Typen auf einer Party herumgeknutscht, ohne Angst davor haben zu müssen, wie seine Eltern wohl auf die pochenden Knutschflecken an seinem Hals reagieren würden. 

Kai schmunzelte schelmisch in sich hinein, als er seine Nase in einem wohlig riechenden Handtuch vergrub. Er hatte es bis zu jenem Zeitpunkt noch gar nicht so richtig realisiert, doch jetzt wurde es ihm immer mehr bewusst: 
Er war frei. 
Er konnte tun und lassen was er wollte und musste sich keinerlei Gedanken über Konsequenzen und die Folgen für seinen gesellschaftlichen Ruf machen, denn dieser Teil seines Lebens, seiner Geschichte gehörte von nun an der Vergangenheit an. 
Endlich konnte er einfach einmal nur er selbst sein, er musste sich nicht länger verstellen. Denn an jenem Tag, als er sein Elternhaus verlassen hatte, hatte er im Herzen aufgehört, ein Nakamaru zu sein.

Nachdem Kai sein morgendliches Ritual im Badezimmer vollzogen hatte, kehrte er in alter Frische in sein Wohnzimmer zurück, nur um kurz darauf seine zerknüllten Klamotten, die er in der Nacht zuvor einfach achtlos auf den Fußboden geworfen hatte, wieder mühevoll aufzusammeln. 
Während er mit ein paar gekonnten Bewegungen seiner geschickten Finger die Knöpfe seines schneeweißen Hemdes zuknöpfte, ertönte das leise, ihm nur allzu bekannte Klingeln seines Laptops, das ihm verriet, dass er eine E-Mail erhalten hatte. 
Neugierig, mit seinen Lederschuhen in der Hand, eilte er daraufhin zu seinem Schreibtisch und stellte mit einem freudigen Funkeln in den Augen fest, dass seine Mutter ihn offenbar an seinem besonderen Tag doch nicht vergessen hatte. 


″Guten Morgen Kai, 

ich wünsche dir für deinen ersten Schultag alles nur erdenklich Gute. Genieße dieses letzte Jahr. Lass dich bitte von niemandem unterkriegen und mach das Beste aus dieser einmaligen Chance. Ich bin unheimlich stolz auf dich und dein Vater wird das bestimmt auch bald sein, gib ihm nur ein bisschen Zeit.

Ich habe dich sehr lieb, 

Mama″

Ein bittersüßes Lächeln schlich sich auf Kais Lippen, bevor er seinen Laptop zuklappte und ohne Socken in seine Schuhe schlüpfte. „Ach Mama...“- dachte er sich, während er im Flur verschwand und sich seinen Haustürschlüssel von dem dazugehörigen Schlüsselbrett schnappte. 
„Er wird niemals stolz auf mich sein und das weißt du auch ganz genau.“


Aikos blaugrüne Augen ruhten nachdenklich auf ihrem aufgeschlagenen, lilafarbenen Notizbuch, das zu jenem Zeitpunkt auf ihrem Schoß ruhte, während die Kopfhörer in ihren Ohren ihren Kopf mit lauten Gitarrenklängen beschallten. Wie gebannt starrte sie auf die weiße Seite vor sich, die noch komplett unbeschrieben war, da sie bei bestem Willen keinen vernünftigen Satz zustande brachte. Nur die Überschrift ihres Werkes, das den Titel „All about love“ trug, war auf dieser zu sehen und lachte sie nun buchstäblich aus. Ein schiefes Lächeln huschte über ihre schmalen Lippen. Mann, war das Leben doch ironisch. 

Aiko seufzte laut, während sie sich sichtlich frustriert ein paar rosafarbene Haarsträhnen aus dem Gesicht strich und für einen kurzen Moment von ihrem Tagebuch aufsah. Aufmerksam beobachtete sie die zahlreichen Schüler der Takumi-Highschool, die ihre große Pause bei diesem wunderschönen Frühlingswetter, genau wie sie, auf dem riesigen Schulhof verbrachten. Nur waren diese im Gegensatz zu ihr nicht ganz allein. 
Sie spürte die Blicke einiger ihrer Mitschüler im Nacken, fühlte förmlich, wie sie schlecht über sie redeten und das, obwohl kein einziges Geräusch ihrer Umwelt länger zu ihr vordrang. Doch ihr war es egal, wahrscheinlich weil sie sich mit der Zeit viel zu sehr daran gewöhnt hatte, eine Außenseiterin zu sein.

Aiko richtete erneut ihren Blick ernst auf die aufgeschlagene Seite ihres Notizbuches, die nur darauf wartete, endlich von ihr beschrieben zu werden. Entschlossen setzte sie den Kugelschreiber in ihrer Hand auf dem leeren Papier an, wobei der Ärmel ihres viel zu großen Holzfällerhemdes etwas nach oben rutschte und ein paar kleine Narben an ihrem Handgelenk freilegte. Doch bevor sie ihre zurechtgelegten Worte niederschreiben konnte, drängelten sich auch schon ein paar ihrer Mitschüler achtlos an ihr vorbei, um wieder in das große Gebäude, vor dem sie direkt saß, zu gelangen. Verwundert sah sie daraufhin auf und bemerkte etwas erstaunt, dass der Schulhof immer leerer wurde. Scheinbar hatte es zur nächsten Stunde geläutet und sie hatte es einfach nicht mitbekommen. War die Zeit dieses Mal wirklich so schnell vergangen?

Ohne großartig weiter darüber nachzudenken klappte Aiko ihr Tagebuch zu und stopfte es kurzerhand samt Kugelschreiber in ihren Rucksack, den sie kurz darauf schulterte. Während sie sich von den kalten, steinernen Treppenstufen erhob, zog sie an dem Ärmel ihres Hemdes, um dessen Saum wieder genau über der Hälfte ihres Handrückens zu positionieren, bevor auch sie sich schließlich zurück in das Hauptgebäude ihrer Schule begab. 
Doch anstatt sich direkt auf den Weg zum Klassenzimmer zu machen, um nicht zu spät zum Unterricht zu kommen, wie es sich für eine vorbildliche Schülerin gehörte, schlenderte sie erst einmal gemütlich die leeren Flure entlang, um noch etwas aus ihrem Schließfach zu holen. In den paar Minuten, die sie wahrscheinlich verpassen würde, würde sie sowieso keiner vermissen, wenn das überhaupt einmal jemand tat. Außerdem konnte sie es sich bei ihren guten Noten mehr als nur einmal leisten, die Lehrer mit ihrer permanenten Unpünktlichkeit in den Wahnsinn zu treiben. 

Als sie schließlich direkt vor ihrem Schließfach stand, öffnete sie dessen Tür mit einer geschickten Bewegung am Zahlrad auch sogleich. Entschlossen schnappte sie sich einen großen, türkisfarbenen Ordner aus dessen Innerem, nur um besagte Tür kurz darauf wieder mit ordentlichem Schwung zuzuknallen. Sie holte tief Luft, während sie sich den Ordner unter den Arm klemmte. Eigentlich hatte sie überhaupt keine Lust, jetzt noch in den Unterricht zu gehen, aber was blieb ihr schon für eine Wahl. 
Etwas widerwillig drehte sich Aiko auf dem Absatz um, um sich zu ihrem Klassenzimmer zu begeben, wurde dabei jedoch von einem ihrer Mitschüler aufgehalten, der sich ihr unerwartet in den Weg stellte und sie mit seinen erstaunlichen 1,90m um ganze zwei Köpfe überragte. Er grinste sie schief an, während er ihr die Kopfhörer aus den Ohren zog und provozierend mit ihnen spielte. Aiko wurde aufgrund der plötzlichen Nähe, die er zu ihr suchte, sichtlich unruhig, weswegen sie sich suchend in dem Flur umsah. 
Zu ihrem großen Erschrecken stellte sie jedoch kurz darauf fest, dass sich ein weiterer ihrer Mitschüler direkt hinter ihr positioniert hatte um ihr sämtliche Fluchtmöglichkeiten abzuschneiden. Außer ihnen befand sich absolut niemand dort. Sie war ihnen wortwörtlich ausgeliefert.

„Na Aiko, warum bist du denn noch nicht im Unterricht?“, fing der Größere an zu sticheln. 
„Ich musste noch ein paar Sachen holen. Wusste nicht, dass das verboten ist“, antwortete Aiko daraufhin nur knapp, während sie ihrem Gegenüber einen angewiderten Blick zuwarf. 
„Du solltest lieber auf deinen Ton aufpassen, viele fühlen sich von diesem nämlich ziemlich vor den Kopf gestoßen“, meldete sich nun der Andere zu Wort und verschränkte dabei abweisend die Arme vor der Brust.
„Mein Gott, könnt ihr mich nicht einfach in Ruhe lassen? Was wollt ihr bitte von mir?“, erwiderte sie nun etwas patziger, mit einem leichten Anflug von Panik in der Stimme. 
„Ich wollte dich eigentlich nur um ein Date bitten...“, säuselte der Größere, während er sich bedrohlich langsam zu Aiko herunterbeugte. Diese wich daraufhin ängstlich zurück, nur um letztendlich so unbeabsichtigt in die Arme des Anderen zu fallen, der sie an den Schultern festhielt. 
„Nicht in tausend Jahren“, schrie Aiko schon beinahe, während sie verzweifelt versuchte, sich aus dem festen Griff ihres Mitschülers zu befreien, doch es war zwecklos, sie war einfach nicht stark genug. 
„Warum denn nicht? Du bist doch die Schulschlampe, die mit jedem sofort in die Kiste steigt, also wieso nicht auch mit mir?“, fragte er nun mit etwas gereizter Stimme und umfasste dabei Aikos Gesicht mit einer Hand, um sie so zu zwingen, ihn direkt anzusehen. 
„Weil du unter meiner Würde bist“, spuckte sie ihm die Worte unverblümt ins Gesicht. Dieser fing daraufhin jedoch nur spöttisch an zu lachen.
„Gut, wenn du dich sträubst, dann muss ich mir eben nehmen, was ich will“, seufzte er schulterzuckend, bevor er Anstalten machte, Aiko unter ihr Shirt zu fassen. 
„Lass sie los“, ertönte plötzlich eine weitere, ihr unbekannte Stimme hinter ihnen. Hoffnungsvoll, mit Tränen in den Augen, sah Aiko daraufhin auf. Auch ihre beiden Mitschüler schienen ziemlich überrumpelt von dem plötzlichen Besuch zu sein, weswegen auch sie sich nach ihm umsahen. 
„Wer bist du denn, Kleiner?“, fragte der Größere herablassend, als Kai, der einen ganzen Kopf kleiner war als er, direkt vor ihm stand und ihm fest in die Augen sah. 
„Ich bin Kai...“ - er überlegte eine Sekunde bevor er seinen Satz beendete - „Kai Nakamaru.“
„Scheiße Alter! Das ist der Neue! Der Sohn von Yuki Nakamaru! Lass uns lieber abhauen, sich mit dem anzulegen ist es wirklich nicht wert“, meldete sich nun der Andere etwas panisch zu Wort. 
„Hör lieber auf das, was dein Freund sagt“, pflichtete Kai ihm mit ernster Stimme bei. Der Größere überlegte kurz, bevor er verächtlich schnaubte. 
„Na schön... Aber das ist noch nicht vorbei“, murmelte er wütend, bevor er mit seinem Kumpel verschwand. Auch Aiko suchte wenige Sekunden später, nachdem sie sich wieder ein wenig gefasst hatte, ohne auch nur ein weiteres Wort zu verlieren, das Weite. 
„Hey, wie wäre es mal mit einem Danke?“, rief Kai ihr wütend hinterher, doch da war sie schon verschwunden.


 


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