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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Saitenwind, Yvonne Wacker
Yvonne Wacker

Saitenwind


Sammys Weg

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Alptraum - Kapitel 1 

Mein Blick ist zum Fenster gewandt. 
Regentropfen schlagen gegen die Scheibe. 
Ich höre Gelächter, aber ich bin allein. Sitze auf einem Stuhl in der leeren Klasse. 
Ich stehe auf, gehe die menschenleeren Flure entlang. Nur das Lachen begleitet mich. Ich werde schneller, komme in die Eingangshalle. Die Tür nach draußen! Fliehen. Weit weg von hier. Das ist alles was ich will. 
Ich trete hinaus in den Regen. Auf das Schultor zu. Das Lachen verstummt. Endlich. Stille. 
Aber ich sehe die anderen Schüler, die mit mir auf dieses Gymnasium gehen. Sie schauen mich an und stecken die Köpfe zusammen. Ich weiß, was sie sagen, auch wenn sie keinen Laut von sich geben. 
Streber. Besserwisser. Lehrers Liebling. 
Und ich? Ich schweige. Obwohl ich schreien will. Ganz laut, damit sie es auch alle hören können. 
Aber meine Stimme ist versiegt. Unterdrückt durch die Erziehung meiner Mutter. Die Frau, die mir alles genommen hat. 
Meinen Bruder, Francis. Rausgeschmissen. Sein Weg war die Musik, nicht das Abitur. Das passte nicht in ihren Plan. 
Mein Lachen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal fröhlich war. 
Mein Rückgrat. Aber habe ich überhaupt je eines gehabt? 
Und wenn sie so weiter macht, nimmt sie mir auch meine Seele. 
Meine Schritte tragen mich weiter auf das Tor zu. Maik und seine Gang stehen dort, so wie immer. Sie werden mich auslachen, Witze reißen, wenn ich vorbei gehe. Ich dachte, ich könnte mich daran gewöhnen, aber das werde ich wohl nie. 
Was sind das für Blicke in ihren Augen? Sie sind anders. Nicht so wie sonst. Bösartig. Brutal. Sie gelten mir allein. Warum sollte es auch anders sein? Sie finden doch immer etwas, um über mich zu lachen. Schon seit Jahren. 
Ich will dort nicht durch, aber ich muss. 
Zähne zusammenbeißen, Hände in der Tasche zu Fäusten ballen, Ohren abstellen. Einen Schritt, noch einen. Auf das Tor zu. Blicke wie Schwerter. Noch drei Meter, zwei, einer... 
Maik packt mich am Kragen, drückt mich gegen eine Wand. Mein Kopf schlägt auf. Er zerspringt vor Schmerz. Ich sehe nur noch Schatten. Sinke auf die Knie. 
Pause. Ruhe. Aber nur kurz. 
Das Lachen setzt wieder ein und dann schlagen sie zu. Treten, prügeln, bis mein Körper so schwach ist wie meine Seele. 
Dunkelheit. 
Warum das alles? Weil ich nicht so bin wie ihr? 
Hochintelligent. 
Dazu gestraft mit einem Namen, den ich selbst hasse: Samuel. 
Ich kehre zurück. 
Bin wieder in der Klasse. 
Regentropfen an der Scheibe. Lachen. 
Endlosschleife. 
Wie lange soll das noch so weiter gehen? Ich will das nicht mehr! Nein! Nein! 

Verschiedene Auszüge 

"Du hast wieder Drogen genommen." 
Manuel winkte ab, versuchte die Wahrheit herunter zu spielen. "Es waren zwei Züge von..." 
"Es ist egal, wie viel es war! Was meinst du, was deine Eltern machen, wenn sie davon Wind bekommen?" 
"Was die denken, ist mir egal", meinte Manuel. 
"Du lügst und das weißt du genau." 
Ich weiß zwar nicht warum, aber sie bedeuten dir noch etwas. Sonst würdest du nicht die ganze Zeit deine Hand am Handy haben, um nicht eine SMS, einen Anruf zu verpassen, der vielleicht von ihnen sein könnte. 
Nachdem Manuel nichts erwiderte setzte Sammy noch einen drauf: "Die bringen dich in ein Heim, das traue ich ihnen zu. Willst du das?" 
"Meinst du, das würde irgendeinen interessieren?" 

--- 

"Weil du es nicht sehen willst. Du schaffst es ja nicht mal mit mir zu reden ohne vorher was genommen zu haben. Ich wollte dir helfen, aber du hast ja nichts Besseres zu tun gehabt, als mich wegzustoßen. So wie du es mit allen tust, die dir helfen wollen. Weißt du, was ich langsam glaube? Du willst überhaupt nicht, dass sich etwas ändert. Es ist ja viel einfacher den Kopf in den Sand zu stecken." 
Unsanft packte Manuel das Mädchen an den Armen. "Du verstehst es nicht, oder? Ich will dich nicht mit in den Abgrund ziehen." 
"Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass wir dem Abgrund hätten entkommen können, gemeinsam? Ich wusste, wie es um dich steht und habe mich trotzdem in dich verliebt. Ich war bereit den Weg mit dir aus dem Schatten zu gehen." 
"Du bist naiv." 
"Lieber das, als so dumm zu sein meine Probleme mit Drogen zu unterdrücken. Das machst du doch nur, weil du zu feige bist dich deinen Schwierigkeiten zu stellen!" 

--- 

Zitate 

"Die Musik bedeutet mir alles, genau wie Signo! Sonst hätte ich das alles nicht einmal riskiert. Ihr habt mir doch erst wieder einen Lebenssinn gegeben! Euch zu verlieren bringt mich um!" - Sammy 

"Ich will wissen, warum sie mich nicht zur Adoption frei gegeben haben, wenn sie doch nie ein Kind wollten. Ich habe alles versucht, damit sie mich lieben, damit ich auch nur etwas Aufmerksamkeit bekomme. Bis zur 2. Klasse habe ich alles getan, um ihren Vorstellungen gerecht zu werden. Ich wollte doch nur, dass sie mich wie ihr eigenes Kind lieben und auch einmal zu einem Schulfest kommen und ich nicht allein dort bin. Ich kam an den Punkt, wo ich keine glücklichen Familien mehr sehen konnte." - Manuel 

"Ich habe gehört, dass Menschen, die im Koma liegen noch hören, wenn man mit ihnen spricht. Du musst kämpfen, gib dich nicht auf. Ich werde so oft hier sein, wie ich kann und mit dir reden. Ich lasse dich jetzt nicht allein und tue alles, was möglich ist, um dir zu helfen. Wir schaffen das. Gemeinsam. Sammy hat mir ein Foto von dir gegeben. Du hast ein wunderschönes Lächeln, bitte gib mir die Möglichkeit es zu sehen." - Mara


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