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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Renata Komanetschy, Simone Petzold
Simone Petzold

Renata Komanetschy


Mein buntes Leben

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Heute ist mein Geburtstag. Laut Pass wurde ich am neunzehnten August neunzehnhundertfünf geboren, bin jetzt also dreiundneunzig und fühle mich leider auch so. Ich habe schon das zweite Paar Plastikhüften und kann nun alles andere als sportlich durch die Gegend laufen. Ach, was habe ich doch früher gern getanzt; aber gut, es ist wie es ist und wir werden ja alle nicht jünger. Mein Vater betrieb damals eine kleine Schneiderei und meine Mutter kümmerte sich um uns Kinder, den Haushalt und manchmal auch um die Buchführung des Ladens. Wir waren wahrlich nicht reich, aber auch nicht so richtig arm. Mein Vater konnte sich kein Automobil leisten, aber unser Pferdegespann war auch nicht schlecht. Wozu musste man auch mit einem Affenzahn durch die Gegend brausen? Es ging doch auch langsam gut voran. Die Automobilisten, ja, so nannten sich damals einige Autofahrer, bekamen doch gar nichts von der schönen Landschaft mit. Die kajohlten so durchs Feld, erschreckten Pferde und Kühe und fuhren ein Huhn nach dem anderen platt. Ich denke, dass zu der Zeit der Begriff „verlorene Eier“ entstanden ist, da ein plattes Huhn ja auch sein Ei verliert, oder? Ich hatte drei Schwestern und zwei Brüder, so waren wir also zu acht. Wenn man dann noch die Großeltern dazurechnete, kamen wir auf zehn Teller am Mittagstisch. Die mussten jeden Tag gefüllt sein. Aber das ging ganz gut, da sich die Großeltern ein paar Schweine und zwei Kühe hielten. Und Steckrüben und Kartoffeln gab es ja genug auf den Feldern ringsum. Ab und zu kam es sogar vor, dass nicht alle Hühner platt waren und so hatten wir fast täglich ein Ei zum Frühstück. Manchmal hatten sogar so viele Hühner den Angriff der Automobilisten überlegt, dass wir ein paar Eier abends zwischen die Bratkartoffeln rühren konnten. Diese Begebenheiten hingen immer ein wenig von der Jahreszeit ab. Im tiefsten Winter fuhr kaum ein Automobil und die Hühner hatten ein schönes Leben. Im Sommer ging es auch. Da waren die Wege bei uns manchmal ausgetrocknet und die Automobile konnten ungehindert, aber sehr stark staubend, vorüber fahren. Auch die Hühner hatten so eine reelle Chance zu entkommen. War es im Frühjahr oder Herbst aber nass, verwandelte sich unsere Straße in einen Morast und die Automobile kamen oft dermaßen ins Schleudern, dass wir immer vorsichtig nach rechts und links schauen mussten, um nicht überfahren zu werden. Da ich noch kein Huhn gesehen habe, das sich rechts und links umblickt, bevor es eine Straße überquert, sollte es immer wieder zu den oben schon beschriebenen tragischen Schicksalsschlä-gen kommen. Manchmal kamen so fünf oder sechs Automobile pro Tag bei uns durch und wir Kinder zählten laut mit, um abschätzen zu können, ob abends Eier zwischen die Bratkartoffeln gerührt werden konnten oder nicht. An einem völlig verregneten Sonntag zählten wir sogar fünfzehn Automobile und uns war klar, dass es heute trockene Bratkartoffeln gab. Meine zwei älteren Brüder wurden schon früh von Mutter unterrichtet. Die konnten schon lesen und schreiben, bevor sie zur Schule kamen. Wir Mädchen wurden nicht unterrichtet, jedenfalls nicht im Lesen und Schreiben. Wir durften immer so tolle Sachen wie Wäsche waschen oder bügeln oder Tisch abräumen üben. Das fand ich schon damals ungerecht, wenn nicht zu sagen, sehr ungerecht, aber es war nicht zu ändern. Auch wären wir liebend gern einmal mit zu der Jungenbude gegangen, die sich die Bengels im Wald gezimmert hatten, aber leider wurde uns das von unserer Mutter strengstens untersagt. So konnte ich immer nur zusehen, wie die Jungs auf Bäume kletterten oder mit einer alten Dose kickten. Wir Mädchen durften höchstens mal fangen oder suchen spielen. Das wurde aber immer schnell langweilig. Ich war mal auf einen Baum geklettert. Das war gar nicht so schwer, auch wenn mir mein langes Kleid ein bisschen im Wege war. Als Mutter mich da oben erblickte, kam sie sofort angerannt und zeterte, als hätte ich ein Huhn überfahren. Sie schrie, dass ich mein Kleid unten zu halten sollte. Man könne ja alles sehen. Darüber hatte ich mir hier oben überhaupt keine Ge-danken gemacht. Erst jetzt, als sie es sagte, fiel es mir auch auf. Aber wie sollte ich nun wieder vom Baum kommen? Dazu waren zwei Hände zum Klettern unerlässlich und so konnte ich mich entscheiden. Entweder das Kleid unten zu halten, um meine Blöße zu be-decken und elendlich verhungern oder das Kleid loslassen und runterklettern. Ich entschied mich für die zweite Lösung, obwohl Mutter damit gar nicht einverstanden zu sein schien. Die konnte aber auch manchmal richtig verstockt sein. Die würde lieber ihre Tochter hoch im Baum verhungern lassen, als ein Gerede der Leute in Kauf zu nehmen. So was dummes aber auch. Kaum hatte ich wohlbehalten den Erdboden erreicht, bekam ich auch schon Eine runtergehauen. Was hatte die nur? So schlimm war es doch nun auch nicht gewesen. Sofort wurde ich zu meiner Lieblingsarbeit abkommandiert. Was meine Lieblingsarbeit war? Wäscheschlagen, ja, Wäscheschlagen war schon immer mein größtes Ziel, mein schönster Traum, alles, was ich je gewollt hatte. Ihr wisst nicht, was das ist? Nach dem Einweichen der Wäsche muss diese auf einem großen Stein ausgeschlagen werden, angeblich um den Dreck rauszuklopfen. Mir gelang das nicht immer. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, dass ich den Dreck eher hinein klopfte als heraus, was mir dann wieder mal eine Backpfeife einbrachte. Ach, das Leben war einfach ungerecht. Hätte ich nicht auch ein Junge sein können. Diese Buben brauchten sich nicht so abzuquälen. Von wegen schwaches Geschlecht und so. Ich hatte nicht das Gefühl, dass irgendjemand auf der Welt Rücksicht auf das schwache Geschlecht nahm. Wir wurden ja gern als blöd hingestellt, zum arbeiten aber waren wir nicht zu schwach. Unsere Brüder hänselten uns gern und meinten, wir wären ja sowieso viel zu minderbemittelt, um andere Dinge tun zu können. Damit meinten die dann Budenbauen oder Baumklettern oder so was. Auch war ich ziemlich neidisch, weil die Jungen zur Schule gehen durften und wir Mädchen nicht. Der Dorfschulmeister kam zwar mehrmals zu uns ins Haus und mahnte meine Mutter, auch uns Mädchen zur Schule zu schicken, aber die fand immer wieder Ausreden, um das zu verhindern. Dann und dann mussten wir da und da helfen und übers Jahr auf dem Acker und im Winter war das und das zu tun und so hatten wir eigentlich nie Zeit, zur Schule zu gehen. Eines Tages wurde der Dorfschulmeister so böse, dass meiner Mutter nichts anderes übrig blieb, als auch uns zu dem Haus mit der Glocke vor der Tür zu schicken. Regelmäßig funktionierte das zwar nicht, aber immer-hin lernten wir lesen und schreiben und sogar ein biss-chen rechnen. Jetzt konnte ich sogar das Meiste aus Vaters Zeitung lesen. Es dauerte zwar ewig, bis ich verstand, was drin stand, aber ich nahm mir eben Zeit dafür. In der Zeitung wurde die große weite Welt abgebildet. Es waren zwar nicht viele Bilder drin, aber doch hin und wieder ein schönes. Wenn ich dann die Frauen aus der großen Stadt sah, wie die mit ihren prächtigen Ro-ben durch die Gegend liefen und sogar in Automobilen mitfuhren, brach schon ab und zu der Neid bei mir aus und ich träumte davon eine Prinzessin zu sein und von einem schönen Prinzen in einem Automobil – Pferde kannte ich ja schon – abgeholt und entführt zu werden. Leider kam nie ein Prinz vorbei und wenn doch, bekam ich es nicht mit. Auch hätte der mich in meiner hübschen schwarzgrauen Kittelschürze und mit mei-nen abgetragenen, aber meistens sauberen Schuhen, gar nicht gesehen. Nein, der hätte mich einfach übersehen und wäre sicherlich schnell weitergefahren, um sich und sein Automobil nicht zu beschmutzen. Ach, was war die Welt doch ungerecht. Aber eines Tages würde auch ich in so einem Automobil sitzen und hochnäsig an den doofen Bauerntölpeln vorbeikutschieren. Keinen Blick würde ich diesen armen Hühnern schenken. Das war dann ein für alle Mal vorbei. Wer gab sich denn auch schon mit solchen Menschen ab? Waren das überhaupt Menschen? War ich denn überhaupt ein Mensch? Ja, wohl schon, aber bestimmt Keiner erster Klasse. Aber träumen darf man ja mal, nicht wahr? Eines Tages erschrak ich fürchterlich. Was hatte ich da heimlich gelesen? Krieg! Es gibt Krieg! Ich konnte mir damals zwar nicht viel unter diesem Begriff vorstellen, aber ich ahnte, dass das nichts Gutes sein konnte. Die Zeitung war voll davon. Der Kaiser hatte sich offensichtlich mit seinen aus-ländischen Verwandten dermaßen zerstritten, dass er wohl keine andere Lösung mehr sah, als ihnen kräftig eins auf die Nuss zu geben. Zumindest las ich das aus den Artikeln heraus. Überall brach ein fürchterliches „Hurra“ aus und kaum jemand war zu bändigen vor lauter Kriegslust und Heldentum und all so was. Na ja, der Zeitung nach hatten wir wohl Panzerschiffe und Kanonen genug. Ob die allerdings für alle Fronten reichen würden, wagte ich zu bezweifeln. Schon ein paar Tage später verließ uns unser Schneidergeselle. Er hatte sich freiwillig gemeldet, um für unser Vaterland und, wie er betonte, für seine Lieben in der Heimat, zu kämpfen und den Feind weit hinter den Rhein zu jagen. Wo der Rhein lag, wusste ich zwar nicht genau, aber es hörte sich sehr weit weg an. Irgendwie klang das Wort Krieg auch nach Abenteuer, aber für uns Mädchen änderte sich im Grunde gar nichts. Wir bekamen vom Krieg und seinen ach so tapferen Helden nichts mit. In unserem Dorf lief alles ganz normal weiter. Noch nicht mal ein edler Offizier kam vorbei, um mich in seinem Panzerwagen zu entführen. Ich hätte mich ja sogar von einem Rittmeister auf einem Pferd entführen lassen, aber auch so einer ließ sich bei uns nicht blicken. Ich muss wohl elf oder zwölf gewesen sein, da kam der Krieg dann doch noch ein wenig zu uns. Immer häufiger konnte man nun Versehrte sehen, also Männer denen man im Krieg dieses oder jenes abgeschossen hatte und nun war ich wiederum froh, ein Mädchen zu sein. Mädchen mussten nicht in den Krieg und so konnte man ihnen auch nichts wegschießen. Da der Geselle nun weg war, man munkelte, er sei irgendwo an der Marne gefallen, half ich in der Schneiderei. Ich durfte Stoffe zuschneiden und später auch bei den Maßnehmereien helfen. Die Damen, die zu uns kamen, wurden immer edler und die freuten sich, dass sie es mit einem weiblichen Wesen zutun hatten. Tja, waren früher immer nur Leu-te aus den Dörfern zu uns gekommen, so kamen jetzt auch Leute aus der Stadt. Die Preise waren dort wohl so explodiert, dass es sich für diese Menschen lohnte, etwas weiter zu reisen, um sich neu einkleiden zu lassen. So blieb es nicht aus, dass ich Menschen, so wie die in den Zeitungen, hautnah kennen lernte. Ich lernte sie nicht nur kennen, sondern sie zogen sich vor mir sogar aus oder an. Ein kleines Schwätzchen konnte da natürlich kaum vermieden werden und so erfuhr ich viele Dinge über die große weite Welt. Wo waren diese Leute schon überall gewesen? Einer erzählte mir, er wäre sogar mal nach Ägypten zu den Pyramiden gereist. Das hatte mich sehr beeindruckt und ich lief noch am selben Nachmittag zu unserem Schulmeister und fragte ihn über Ägypten aus. Er kramte in seinem alten Schrank herum und schenkte mir einen zerfledderten alten Atlas. Das gute Stück wurde zu meinem Heiligtum und immer wenn ich Zeit hatte, blätterte ich darin und sah mir die entferntesten Länder auf den Karten an. Ach, was war Deutschland doch klein. Wenn ich nebenan Russland betrachtete, wurde mir manchmal angst und bange und auch Amerika und China waren ja riesige Reiche. Wie wollten wir dagegen ankommen, wenn die mal böse auf uns wurden? Leider wurden die nicht mehr böse auf uns, sie waren es schon längst. Und das Ergebnis ist hinlänglich bekannt. Der Kaiser „Hurra! Hurra!“ ging nach Holland ins Exil und ließ uns und ein Trümmerfeld zurück. Was ein Mann für ein Mist bauen kann… Auf einer Deutschlandkarte reiste ich im Traum zum Rhein oder nach Berlin oder nach Rügen oder an den Bodensee oder, oder, oder. Diese Ecken würde ich eines Tages kennen lernen. Das nahm ich mir fest vor. An einem kalten Januarmorgen nahm das Schicksal seinen Lauf. Eine edle Dame fragte mich, ob ich Lust hätte, sie nach Berlin zu begleiten. Sie würde schon seit geraumer Zeit ein Hausmädchen suchen und da ich ganz anständig nähen könnte, wäre ich doch genau die Richtige für diese Stellung. Mein Vater äußerte sich nicht dazu. Ihm schien es egal zu sein. Meine nächst jüngere Schwester hatte sich längst in den Laden eingefuchst und so war ich wohl über. Meine Mutter hatte zwar Bedenken, ließ sich dann aber doch überreden. Dass sie dafür eine kleine Geldsumme erhalten und mich praktisch verkauft hatte, erfuhr ich erst viel später. Jetzt sollte also mein Traum von der großen weiten Welt in Erfüllung gehen. Aber bevor es losgehen konnte, musste ich mir nach den Vorstellungen meiner neuen Chefin noch ein paar schöne Kleider anfertigen. Ich konnte ganz gut nähen, ohne wirklich darauf ver-sessen zu sein, und so bastelte ich mir zwei Haus-mädchenuniformen zusammen. Schwarzer Rock, weiße Bluse und eine weiße Schürze dazu. Außerdem sollte ich noch ein gutes Kleid mitbringen, falls die Dame mich auf Reisen bei sich haben wollte. Das war sehr schnell zu machen und bei ihrem nächsten Besuch lud ich meine drei Habseligkeiten in das große Automobil und schon rauschten wir stolz davon.


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