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> Belletristik > Plötzlich war alles anders
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Belletristik
Buch Leseprobe Plötzlich war alles anders, Daggi Geiselmann
Daggi Geiselmann

Plötzlich war alles anders


Wie ich lernte, mit der Angst zu leben

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1.  Alles andere als heile Welt

 


»Ich kann und will so nicht mehr länger leben. Ich bin doch hier nicht der Trottel vom Dienst für alle!« Genervt schrie ich mein verschmiertes Spiegelbild an, während ich versuchte, den Spiegel im Bad noch vor dem ersten Kaffee wieder gebrauchsfähig zu machen.


»Mama, was hast du gerade gesagt, und wo, zum Teufel, sind meine neuen Jeans? Ich hatte sie dir gestern zum Waschen gegeben und sie sind nicht in meinem Schrank!« Meine Tochter Stefania stand in der Badezimmertür, die Hände in die Hüften gestemmt und sah mich vorwurfsvoll an.


»Hatte keine Zeit dafür und warum, zum Teufel, ist der Spiegel schon wieder so dreckig, du warst die Letzte gestern im Bad?«


Ohne auf meinen Vorwurf einzugehen, überhäufte sie mich mit Vorwürfen, dass sie nie das anziehen könne, was sie gerade gerne wolle, weil ihre Mutter stundenlang am Computer sitzen würde, anstatt sich um die Wäsche zu kümmern.


»Warum sitze ich denn so viel am Computer? Um euch zu ernähren, verdammt noch mal!« Wütend fragte mich, warum ich mich vor meiner achtzehnjährigen Tochter rechtfertigte, statt ihr eins hinter die Löffel zu geben.


»Es wird immer besser, nun hält sie uns schon vor, dass sie uns ernähren muss!«, schrie Stefania, machte auf dem Absatz kehrt und rannte in ihr Zimmer.


»Dreh mir nicht das Wort im Mund um!«, brüllte ich ihr nach.


 


Von unserem Geschrei und dem Zuknallen ihrer Tür wachte nun auch mein Mann auf. Morgens um halb sieben war er sowieso nie ansprechbar und dementsprechend war er auch gelaunt.


»Was ist das für ein Theater? Kann man denn nie seine Ruhe haben?« Grummelnd goss er sich Kaffee ein.


Meine Tochter hatte ihn gehört und wahrscheinlich erreichen wollen, dass er aufwachte. Sie kam aus ihrem Zimmer, rannte auf ihren Vater zu, warf sich ihm an den Hals und heulte.


»Mama hat meine Jeans nicht gewaschen und ich habe nichts anzuziehen für die Schule. Ich bleibe heute zuhause! Ihre Schuld!« Und wieder krachte ihre Zimmertür zu, dass sogar die Fensterscheiben in der Küche wackelten.


Inzwischen waren beiden Jungs wach geworden und hatten Stefanias Spruch, dass sie nicht in die Schule gehen würde, gehört.


»Dann gehen wir auch nicht, wenn sie nicht geht«, riefen sie und wollten sich wieder hinlegen.


»Von wegen, ab mit euch in die Schule! Und wenn Madame meint, sie hätte nur eine einzige Hose im Schrank, dann soll sie heute hierbleiben und in Zukunft ihre Wäsche selbst waschen!«, rief ich.


»So weit kommt es noch, dass die Kinder ihre Wäsche waschen, während du an dem scheiß Computer sitzt und nichts tust!«, mischte sich nun mein Mann Michele ein.


»Nichts tust?«, wiederholte ich gedehnt. Das hätte er nicht sagen sollen. Nicht an diesem Tag, an dem ich eh schon in Weltuntergangsstimmung war, nachdem ich mir die Nacht am Computer um die Ohren geschlagen hatte und nach vier Stunden Schlaf wieder aufgestanden war und dann noch vor dem Kaffee einen zum hundertsten Mal verschmierten Spiegel im Bad vorfand. Ich sah rot und hatte wahrscheinlich schon Schaum vor dem Mund, als ich auf ihn zuging und wild gestikulierte.


»Ah, ich tu nichts den ganzen lieben langen Tag über und was machst denn du, während ich am Computer bin und versuche, uns mit meiner Arbeit zu ernähren?«, fragte ich zornig.


»Pah – ernähren, ich habe noch keine Reichtümer gesehen, die du verdient hast!«


»Keine Reichtümer, aber immer noch mehr, als du seit ewigen Zeiten nach Hause gebracht hast.« Ich fühlte mich unglaublich gekränkt, und er trank völlig ungerührt seinen Kaffee.


»Ach, andere, die schreiben können, verdienen Tausende von Euros in der Zeit, die du verplemperst an dem blöden Computer und dabei nur Krümel nach Hause bringst und deine Kinder vernachlässigst!« Nach diesen Worten verzog er sich wieder ins Bett.


Genau da hatte er mich an meinem wunden Punkt getroffen. Anstatt ihm etwas zu entgegnen, gab ich klein bei, wurde still, sorgte dafür, dass Venera, Daniele und Kevin, die uns schweigend zugehört hatten, rechtzeitig zur Schule kamen.


Stefania bekam ich bis zum Mittagessen nicht mehr zu sehen, sie hatte sich ins Mädchenzimmer eingeschlossen, nachdem ihre Schwester Venera sich für die Schule fertig gemacht hatte.


Endlich kam ich zu meinem ersten Espresso und der ersten Zigarette, weil wenigstens drei meiner fünf Kinder aus dem Haus waren. Ich atmete tief durch und versuchte, den Vorfall zu vergessen. In Windeseile wollte ich nun den Haushalt erledigen, um mich dann dem Schreiben zu widmen. Aber es kam wieder einmal ganz anders.


Meine älteste Tochter, die bereits verheiratet war und hochschwanger, rief mich an.


»Was ist denn bei euch wieder los? Warum wäschst du Stefania ihre Wäsche nicht mehr?«


»Aha, Madame hat sich bei dir ausgeheult«, erwiderte ich schroff.


Es folgten weitere Vorwürfe, was ich denn für eine Mutter sei, die von den Kindern verlange, ihre Wäsche zu waschen, nur um meinem Hobby nachzugehen. Ich schluckte, Tränen flossen, meine Stimme versagte fast, als ich sie leise fragte, ob sie schon vergessen hätte, wie und wovon wir gelebt hatten, als sie noch bei uns wohnte.


»Klar weiß ich das, aber das ist kein Grund, meine Geschwister zu vernachlässigen!« Dann musste ich mir noch sagen lassen: »Vergiss nie, dass du in erster Linie Mutter bist und keine weltbekannte Autorin!«


 


Das war zu viel. 


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