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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Paula, Henning Schramm
Henning Schramm

Paula


Roman

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Paula dachte zurück an die Zeit, als sie ein zwölf-, dreizehnjähriges Mädchen war und von der großen Liebe geträumt hatte, und wie sie damals ihre verträumten Gefühle auf FCK, den Autor ihrer Indianergeschichten, übertragen hatte. Er war ihr großer Star, wie für andere Mädchen ihres Alters damals John Travolta oder Silvester Stallone. Sie war überzeugt, dass ein Mann, der über Liebe so einfühlend schreiben konnte, selbst zu solch großer Liebe fähig sein musste.


So schön die Welt war, die sie in ihren Büchern erlebte, so schwer war für sie aber oft die Wirklichkeit, das Erleben des Alltags, wenn sie sich angefeindet und ausgegrenzt fühlte. Je weniger Anerkennung sie fand, desto rebellischer und provozierender führte sie sich auf. Zu ihrem eigenen großen Unglück hinkte sie gleichaltrigen Mädchen körperlich fast um ein Jahr hinterher, was ihr zusätzliche Hänseleien einbrachte, mit denen sie zu kämpfen hatte. Die verzögerte körperliche Entwicklung war für sie besonders schmerzhaft, als sie in ein Alter kam, wo bei den meisten Mädchen der Busen zu wachsen begann, sich bei ihr selbst aber nichts dergleichen anbahnte. Sie war eifersüchtig und beneidete insgeheim diese Mädchen, die mit ihren Brüsten die Blicke der Jungen auf sich ziehen konnten, obwohl viele dieser Mädchen, wie sie glaubte, nicht so hübsch waren, wie sie selbst. Sie fühlte sich ungerecht behandelt, nicht nur von den Mädchen, sondern auch von den Jungen, die sie mit hochnäsiger Nichtbeachtung straften. Sie zeigte beiden die kalte Schulter und rächte sich damit für die inneren Verletzungen, die diese ihr zugefügt hatten. Die Folge war, dass sie nicht nur bei den Mädchen, sondern auch bei den Jungen den Ruf hatte, empfindlich, unzugänglich und überheblich gleichermaßen zu sein. Sie galt bald als Einzelgängerin und Sonderling, hatte keine feste Freundin und war im Kreise Gleichaltriger oftmals unwillkommen.


Dieses Gefühl hatte sie nicht nur in diesem Kreis, sondern oftmals auch bei ihrer eigenen Mutter. Diese hatte ihr ein schwankendes Fundament mit auf den Lebensweg gegeben. Sie wuchs auf in einer Atmosphäre von permanentem Beziehungschaos. Männer gingen ein und aus, Eifersuchtsdramen wechselten ab mit Versöhnungen, der Verliebtheit ihrer Mutter folgten Niedergeschlagenheit und Depressionen, auf sexuelle Euphorie folgte oftmals berechnende sexuelle Verweigerung. Alles das spielte sich unmittelbar vor Paulas Augen ab, und sie war diesem Treiben ihrer Mutter wehr- und hilflos ausgeliefert. Bei den Erziehungsversuchen ihrer Mutter spielten Äußerlichkeiten, Körperlichkeit und die Herausbildung eines Bewusstseins, das die Frau auf ihre Sexualität reduzierte, eine weitaus wichtigere Rolle als die Herausbildung von Innerlichkeit, Charakterstärke und Intellekt. In einem Alter, wo die tiefgründige Suche nach Stabilität und Identität einem Höhepunkt zustrebte, wurde ihr vermittelt, dass das Glück der Frau wesentlich außerhalb ihrer selbst lag, nämlich in den Händen der Männer, und sie musste gleichzeitig über ihre Mutter die Erfahrung machen, dass dieses von den Männern gewährte Glück äußerst zerbrechlich war und zumindest bei ihrer eigenen Mutter nie zu dem erhofften Ergebnis geführt hatte.


Als bei ihr im vierzehnten Lebensjahr endlich die ersehnten Merkmale weiblicher Reife unübersehbar geworden waren, spürte sie, wie die Blicke der Liebhaber ihrer Mutter manchmal unverhohlen musternd zwischen ihrem Körper und dem ihrer Mutter hin und her gingen. Paula suchte sich selbst und fand sich als sexuelle Konkurrentin ihrer Mutter wieder.


Ihre Mutter hatte in dieser Zeit einen gutaussehenden, schwarzhaarigen Liebhaber, durchtrainiert und muskulös. Paula gefiel der Typus Mann und sie kokettierte mit ihm, wie Lolita in dem Buch von Nabokov, das sie gerade las. Sie merkte, dass er Interesse an ihr hatte. Sie spielte mit seinen Gefühlen und empfand einen eigentümlichen Reiz, als sie sah, wie ihre Mutter eifersüchtig auf dieses Spiel reagierte. Als ihre Mutter eines Abends außer Haus war, kam er in ihr Zimmer. Sie lag schon im Bett und las, wie immer, ein Buch. Er tat so, als wollte er gute Nacht sagen und murmelte ihr säuselnd etwas ins Ohr. Dann gab er ihr einen harmlosen Kuss auf die Stirn und fuhr ihr über das Haar. Plötzlich schob sich seine Hand unter die Bettdecke. Er streichelte ihren Körper, ihre Brüste, ihr Geschlecht. Sie lag regungs- und willenlos da. Er beugte sich abermals über sie, Himbeergeruch drang in ihre Nase, während er versuchte, seine Zunge in ihren Mund zu pressen. Dann versuchte er, auch in ihr Geschlecht einzudringen. Sie biss und kratzte, stieß ihn weg. Er gab sein Vorhaben auf und ließ sie mit sich allein.


Sie sagte ihrer Mutter nie etwas von diesem Geschehen. Sie schämte sich und hatte Schuldgefühle vor ihr, aber auch vor sich selbst. Sie war nicht nur verwirrt und fassungslos über die Tat dieses Mannes, der versucht hatte, sie zu vergewaltigen und die Mutter mit der Tochter zu betrügen, sondern auch darüber, dass sie uneingestandene, angenehme Gefühle hatte, deren sie sich schämte. Sie war erschrocken, wie nah Fantasie, die Fantasie Lolitas, und Wirklichkeit beieinander lagen und wie schnell sich Spiel in Ernst verwandeln konnte.


 


Erst lange Zeit nach diesem Ereignis, als sie sich in ihrem jungen Körper als Frau eingerichtet hatte, verlor sie die Scheu vor begehrlichen Blicken und verspürte einen angenehmen Kitzel, wenn ihr Körper bei den Männern Wirkung zeigte. Sie gefiel sich in dieser Zeit in sexuell besonders aufreizenden und provokanten Posen. Sie fand es prickelnd, in engen Pullis mit tiefem Ausschnitt ohne BH durch die Straßen zu schlendern und die Blicke der Männer auf sich zu ziehen.


Die Neigung, sich und ihren Körper zu präsentieren, wurde auch durch ihre Mutter angeheizt. Als sie den ansehnlichen Körper ihrer damals fünfzehnjährigen Tochter entdeckte, schickte sie sie auf einen Schönheitswettbewerb. Der Erfolg war mäßig, aber Paula genoss es, sich im Bikini oder einem hautengen Kleid den geilen Augenpaaren der Männer im Parkett auszusetzen.


Aber das war Oberfläche. Sie hatte in sexuellen Dingen seit dem Vergewaltigungsversuch ein klares Bild von sich entwickelt und zu diesem Selbstverständnis gehörte, geduldig auf die große Liebe zu warten. Es war ihr fester Entschluss, sich nur dem zu öffnen und nur mit dem Mann zu schlafen, der es in ihren Augen wert war, eine Jungfrau in seinen Armen halten zu dürfen. Diese Verweigerungshaltung, die sich allerdings nur auf die Penetration bezog und nicht auf sonstige sexuelle Praktiken, war ihr streng gehütetes Geheimnis. Kein Mensch sollte von dieser, wie sie selbst wusste, etwas altmodischen und anachronistischen Einstellung jemals Kenntnis erhalten - außer natürlich irgendwann einmal der Auserwählte, der ihren großen Glückstraum mit Leben füllen sollte.


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Paula blieb tränenüberströmt auf ihrem Bett sitzen, alles Leben in ihr erlosch. Vor ihr tat sich ein riesiger Krater auf, ein Asche speiender Krater, der alles Leben verschlang. Alle Verbindungslinien zwischen dem Gestern, Heute und Morgen, ohne die ein Leben sinnlos ist, waren mit einem Schlag gekappt worden und ließen das Leben erstarren. Die Vergangenheit war mit ihrem Großvater gestorben; die vermeintlich unvergänglichen Augenblicke der Liebe wurden von Mark mit den Füßen getreten und zu Tode getrampelt; die Zukunft zerstob im Nichts. Sie war allein, die Lebensfäden zerrissen, auch Jette konnte sie aus diesem Abgrund nicht mehr herausholen. Immer näher war ihr bis vor kurzem noch das Leben gerückt und neues Leben trug sie in sich, doch jetzt wollte sie nur sterben. Sterben, wie ihr das der Großvater vorgemacht hat. Es hatte nichts Beklemmendes, sondern barg ganz offenbar auch für einen jungen Körper etwas Erlösendes.



Wie recht mein Opa doch hat, er war ein wirklich weiser Mensch, dachte sie, und ging ruhig und gefasst in das Schlafzimmer ihres Großvaters, der friedlich auf seinem Bett lag. Auf dem Nachttisch sah sie neben einem Glas Wasser, das auf dem Blatt mit der Diagnose des Neurologen stand, neben einigen leeren noch zwei volle Schachteln Schlaftabletten. Sie gab ihrem Opa einen Kuss auf die Stirn und ging halb betäubt mit den ungebrauchten Packungen Schlaftabletten in ihr Zimmer zurück. Sie setzte sich auf das Bett, griff mit mechanischen Bewegungen nach den Tabletten, schluckte sie und schnitt sich ruhig mit eben den Rasierklingen ihres Großvaters, die sie ihm, kurz bevor sie weggefahren war, gekauft hatte, die Pulsader auf und legte sich hin.


Mit einer Art wohligem Staunen nahm sie war, wie die Energie aus ihrem Körper strömte und dieser alle Schwere verlor. Sie, die einst quirlig und ein Bündel an Willen und überschäumender Energie war, und oftmals nicht wusste, was sie damit anfangen sollte, löste sich auf. Sie, die so unendlich viel Willenskraft aufgewendet hatte, anerkannt, respektiert, wahrgenommen und geachtet zu werden, und sich doch so oft verleugnet hatte, ergab sich leichten Herzens dem Nichts. Der quälende Schmerz wich einem Gefühl des willenlosen Wohlbehagens. Sie atmete tief und ruhig, befreit von jeglicher Angst und körperlicher Enge. Sie dachte an ihren Großvater, der alles für sie war, und sie erinnerte sich an den Kauf der Rasierklingen, mit deren Hilfe sie das Leben hinter sich lassen konnte. Er hatte auch in ihrer letzten Stunde ein gutes Werk getan. Sie musste daran denken, wie sie sich geärgert hatte, weil die Klingen schon wieder teurer geworden waren; alles wird teurer, auch der Tod. Ein angedeutetes Lächeln huschte über ihr Gesicht bei diesem Gedanken. Wie banal war doch der Abschied von der Welt.


.......



Wenn sie nicht als Tote weiter leben wollte, musste sie ihr Leben ändern. Sie musste der neuen Situation Rechnung tragen, und zwar nicht nur im Kopf, sondern auch in ihrem Handeln. Sie ging auf den Balkon und atmete die kalte, wohltuende Luft der schwindenden Nacht ein. So wie die nahende Morgendämmerung die Trennungslinie zweier Zeiten markierte, so war sie jetzt dabei, eine Welt hinter sich zu lassen und einer neuen Zeit entgegenzugehen. Die große, eigentümliche Schönheit eines solchen Wandels konnte sich gerade in dieser Stunde des Übergangs entfalten. Wer nicht die Nacht kannte, konnte nicht behaupten, den Tag zu verstehen und den Glanz der aufgehenden Sonne richtig empfinden. Paula erlebte hier auf dem Balkon fast körperlich die mystische Bedeutung dieser Übergangsstunde, in der die Nacht ihr Geheimnis preisgab, und die ersten Konturen des neuen Tages schemenhaft im frühen Glanz der noch schwachen Sonnenstrahlen sichtbar wurden.


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