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Belletristik
Buch Leseprobe Nach Albanien, Karl!, Peter Marxheimer
Peter Marxheimer

Nach Albanien, Karl!


Eine Reise in das Jahr 1914

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Begegnungen in Wien, ein Auftakt

Ganz Wien ein Kaffeehaus!

So empfand es Karl Richter, als er von Berlin nach Wien gezogen war. Gespräche aller Art, das Schreiben der Manuskripte, die Zeitungsrecherche - alles fand im Kaffeehaus statt. Deshalb hatte Wien eine Menge davon, an die 1 000 wohl.

Es hatte auch mit der unterschiedlichen Haltung zum Leben zu tun: In Berlin vergnügt man sich zwischendurch, in Wien arbeitet man zwischendurch, hieß es. Oder: In Wien macht man einen Witz, in Berlin ist es schon Blasphemie. Beide Metropolen waren eben anders und Karl genoss den Unterschied: Des zackigen Bierernstes der Berliner Militärmonarchie überdrüssig, sprach ihn die weinselige Realitätsflucht des Wieners tausendmal mehr an. Sie half ihm, den oft blutigen Ernst seines Journalistenberufs besser zu verkraften.

Ganz Wien ein Kaffeehaus, voran das Café CENTRAL. Mit seinen 250 stets aktuellen Zeitungen war es bald Karls Lebensmittelpunkt geworden. Hier verbrachte er alle Zeit, die nicht in der Redaktion oder in seiner kleinen Dachmansarde benötigt wurde, und studierte regelmäßig, was in der Welt so passiert war. Fast alle Freunde und Bekannte traf er hier und manch kleine Mahlzeit wurde der Einfachheit halber hier eingenommen.

Dabei war Wien, was die Entstehung einer solch ausgeprägten Kaffeehauskultur anging, nicht einmal Vorreiter, sondern London, wo 1688 ein gewisser Edward Lloyd einen ausschließlich reinen Kaffeeausschank gründete. In seinem Kaffeehaus trafen sich Kaufleute, Kapitäne und Versicherungsagenten, um ›News‹ zu hören und Geschäfte zu machen. Bald darauf existierten nach Lloyds Vorbild 3 000 solcher Kaffeehäuser in der Londoner City, also auf engstem Raum. Aus dem Vorbild selber wurde später die größte Versicherungsgesellschaft der Welt und LLOYD hießen dann auch alle daraus hervorgegangenen Schiffsunternehmungen. In Wien, wo man sich immer rühmte, nach erfolgreicher Türkenabwehr das erste Kaffeehaus des Kontinents überhaupt eröffnet zu haben, kam es zu einer viel weniger spektakulären Entwicklung: Hier diente es Künstlern und Wissenschaftlern als Treffpunkt und wurde öffentlicher Schreibtisch für Journalisten, Literaten und alle, die sich dafür hielten.

In diesem Sinne saß Karl an einem sommerlichen Augusttag des Jahres 1913 wieder einmal in solch einem Kaffeehaus. Nicht in irgendeinem, sondern im CENTRAL natürlich. Bei Kaffee und Zeitung ging er hier wie so oft seiner Arbeit nach - ›zwischendurch‹, wie der Wiener sagte. Diesmal aber hatte er ganz schön gehöriges Herzklopfen dabei, denn er wartete auf sie.

Während er eine ›Melange‹ schlürfte, seinen Lieblingskaffee, in dem Hell und Dunkel eine innige Beziehung eingehen, und sein Blick durch den Kneifer recht ziellos über die vor ihm liegenden Journalseiten irrte, stellte er sich insgeheim bange Fragen: Wie sieht sie wohl jetzt aus? Werde ich sie überhaupt wiedererkennen? Er hatte sie ja nur einmal gesehen bisher, das war in Berlin, kurz vor seinem Umzug nach Wien. Und sie hatte ihm zwar geschrieben, doch ohne Photo dabei. Das heutige Treffen kam kurzfristig und ausschließlich telegraphisch zustande.

Würde sie ihn wieder so beeindrucken wie vor zwei Jahren, in Berlin? Karl spürte noch immer, wie er damals, als Volontär mit Korrekturen beschäftigt, über seinen Kneifer hinweg in ihr strahlendes Gesicht geblickt hatte. Seine Atmung blieb augenblicklich still, so verblüfft war er! Sie war von München angereist, um der Wochenschrift DIE ZUKUNFT einen engagierten politischen Artikel über die unsäglichen Zustände im osmanisch-türkisch beherrschten Albanien anzubieten.

Albanien - dieser Name allein schon hatte sein Interesse geweckt. Dass dann eine Frau, eine so hübsche zumal, über das kleine Balkanland an der Adria geschrieben hatte und nach eigenem Bekunden auch noch infolge persönlichen Erlebens, hatte ihm jedoch den Atem verschlagen.

Denn Albanien, das mythisch anmutende ›Land der Skipetaren‹, war ihm bis dahin fast nur aus Karl Mays Reiseerzählungen bekannt. Es war der geeignete geographische Hintergrund jugendlicher Reiseträume und Abenteuerphantasien. Lediglich ein engagierter Oberlehrer seiner Realschule hatte einmal versucht, die schöne Illusion platzen zu lassen und seinen Schülern die osmanische Provinz am westlichen Balkanrand in seiner Wirklichkeit begreifbar zu machen, es vom Dasein Mayschen Kulissenzaubers sozusagen zu befreien. Vergessen Sie Karl May!, hatte er dabei unmissverständlich gefordert - immer wieder.

Nun wäre Karl Richter zu jener Zeit kaum in der Lage gewesen, sich ein anderes Bild als das aus Mays Büchern zu machen. Aus einem weniger begüterten Elternhaus stammend war an weite Reisen nicht zu denken. Der Vater bekam als kleiner Zollbeamter kargen Sold und lukrative Erbschaften boten sich halt nicht an. Seine Versetzung von Breslau nach Berlin brachte die Richters zwar der Ostsee näher, doch so ein Strandurlaub auf Rügen konnte kein levantinisches Lebensgefühl wie im Morgenland vermitteln. Ebenso die traditionellen Sommerwanderungen im Riesengebirge: Bei aller Phantasieanstrengung führten diese nie und nimmer durch irgendwelche ›Schluchten des Balkan‹. Die beschränkte Weltsicht aufgrund der beschränkten Möglichkeiten ersetzte eben nicht die tollen Reisephantasien, die May so trefflich mit geschriebenen Worten in Gang bringen konnte.

Als habe Oberlehrer Szamatolski das berücksichtigen wollen, hatte er, der rundum talentierte Pultundtafel-Darsteller, in einer Mischung aus statistisch-geographischem Wissen und Erinnerungen an eigene Reisen, angereichert mit neuesten Forschungsberichten und das Ganze durchgespickt von mitreißender Mimik und Gestik - bei der türkische Sprachkenntnisse als überzeugendes Stilmittel wirkten -, versucht, seinen Schülern die Vorstellung von exotischer Ferne einfach, aber eindringlich nahe zu bringen. Wenn er also Albaniens Ebenen, Gebirge und unregulierte Flüsse als ungezähmte Natur und seine Bewohner als halbwilde, indianergleiche Figuren vor den geistigen Augen seiner Schüler auferstehen ließ, dann kamen Mays bekannte Schilderungen mit der erlebten und erforschten Welt des rein sachlich denkenden Lehrers im Schüler Karl Richter derart intensiv zusammen, dass der unbändige Wunsch, selbst einmal dorthin zu reisen, um sich vor Ort von der Rauheit des Landes, der Wildheit der Leute und dem Reiz exotischer Ferne zu überzeugen, immer häufiger aufkeimte.

Aber Jahre vergingen und erst jene Begegnung damals mit Amelie, der schriftstellernden Freiin aus München, hatte eine - zugegebenermaßen zaghafte - Annäherung an den Balkan ausgelöst, indem Karl kurz darauf nach Wien zog und sich dort eine Stelle als Journalist suchte ...



Frühling in Durazzo




So, wie ganz Wien ein Kaffeehaus, ganz Triest ein Hafen, war ganz Durazzo ein Tollhaus!

Den Eindruck hatte jeder hier, denn die Kunde von der Ankunft des deutschen Prinzen Wilhelm zu Wied in der mittelalbanischen Hafenstadt am Sonnabend, den 7. März 1914, hatte ihren großen Schatten schon seit einiger Zeit vorausgeworfen und die Menschen von überall her angelockt. Und es war zu befürchten, dass alles noch toller werden würde!

Der auffallend warme, in der Frühe jedoch noch wolkenverhangene Morgen versprach im neuen Kleinstaat Albanien, nicht halb so groß wie das Königreich Bayern, aber auch nicht größer als das Königreich Belgien, zur Begrüßung seines ersten Fürsten, hier Mbret, ›König‹ genannt, trockene, milde Witterung. Königliches Wetter also.

›Kaiserwetter‹, wie es in der deutschen Heimat Mbret Wilhelms I. genannt wurde, war noch sonniger, sommerlicher und nur dem ranghöheren Cousin, gleichfalls ein Wilhelm und Inhaber des deutschen Kaiserthrones, vorbehalten. Willi, ich höre, du willst mein Kollege werden?, soll er seinem in Potsdam Dienst tuenden Vetter im vergangenen Herbst spitzzüngig und entsetzt zugleich zugerufen haben, wenig erbaut von dem ›Unsinn mit Albanien‹. Das war natürlich keine Empfehlung für Kaiserwetter.

Aber auf ein zustimmendes Hoch vom deutschen Kaiser kam es in Durazzo heute auch gar nicht an, weder akklamatorisch noch meteorologisch. Das politische Deutschland und sein oberster Repräsentant hatten sich schon früh dagegen entschieden und somit anderen Herren Europas das Sagen hier überlassen. Dass die sich ausgerechnet auf einen deutschen Prinzen vom Rhein geeinigt hatten, war die Folge eines immerwährenden Zwangs zu diplomatischen Kompromissen. Seit der Proklamation der Unabhängigkeit durch 37 Patrioten im November 1912 in Valona hatte ja Andrang auf den neu zu besetzenden Thron geherrscht. Darunter waren Prinzen verschiedenster Länder und Kulturen als Kandidaten, aber nicht jeder war geeignet.

Zum Beispiel Prinz Fuad aus Ägypten, ein Mohammedaner, dessen Familie ihren Ursprung in Südalbanien vermutete. Seine Chancen waren gar nicht so schlecht für ein Land, das zu drei Vierteln moslemisch geprägt ist. Sogar der Vatikan machte sich zusammen mit Italien, wo Fuad seine Militärzeit verbracht hatte, für ihn stark.

Doch Österreich-Ungarn wollte einen Prinzen des christlichen Abendlandes wie zum Beispiel den angesehenen, tatkräftigen und vermögenden Herzog Wilhelm von Urach aus Württemberg. Zunächst waren alle Großmächte auch dafür außer - Italien. Ein Katholik, man glaubt es kaum, kam für Italien nicht in Frage: zu vatikanisch, zu österreichisch! Somit auch für Russland nicht, somit auch für Frankreich nicht, gemäß der Allianz. Auf diese Weise schieden ebenfalls drei Prinzen der Bonapartes aus. Auch der steinreiche Herzog von Montpensier konnte mit Geld und seinem Auftauchen vor Ort, in Valona, nicht alle Stimmen der Mächte auf sich vereinen.

Da kam nur noch ein protestantischer Prinz in Frage: eben dieser Wilhelm zu Wied, drittgeborener Spross aus dem kleinen Fürstentum um das mittelrheinische Neuwied. Er galt als wenig vermögend, war aber der geeignete Kompromisskandidat, zumal ihn keine der rivalisierenden Schutzmächte Österreich und Italien, sondern der neutrale Kleinstaat Rumänien vorgeschlagen hatte. Als keine Großmacht Widerspruch erhob, brauchte er nur einzuwilligen. Sein kaiserlicher Cousin war - wie erwähnt - nicht maßgeblich.

Und nun stand die Ankunft Wieds am Ort seines neuen Amtes endlich an - das Ereignis! Niemand in Albanien wollte es sich entgehen lassen. Wer kommen konnte, kam. Es waren inzwischen wohl mehr Besucher da, als die Stadt Einwohner besaß. Das erforderte einen festlichen, aber auch gut organisierten Rahmen.

Karl war eigentlich kein Freund derartiger Huldigungen oder ähnlich inszenierter Feierlichkeiten, hier aber wollte er dabei sein. Entgegen der allgemeinen Jubelstimmung verhielt er sich ruhig, wie auch Werner und Rudolf. Alle drei galten als ausländische Berichterstatter und mussten mit den anderen Auslandsgästen auf der Estrade hinter dem Gartengitter ausharren.

Von hier eröffnete sich zum Glück ein freier Blick auf den Landungssteg und den gesamten Hafenplatz davor. Auf dem, etwa 120 mal 120 Meter messend und mit Dünensand bedeckt, stand eine große Musikertribüne, darauf versammelt die 60-köpfige BANDA MUNICIPALE aus Bari, die am Morgen eigens über die Adria gekommen war und nun probte, währenddessen - es war schon Mittag - der Platz um die Tribüne wie auch der anschließende, noch rechtzeitig begrünte Palaisgarten sich mit Menschen füllte. Tausende weißer Filzkappen mit ebenso vielen schwarzroten Fahnen bildeten einen undurchdringlichen Wall. Auf der brüchigen Venezianermauer dahinter saßen verschleierte Frauen mit ihren Kindern. Die Balkone, Fenster und Terrassen der Gebäude am Platz waren ebenfalls dicht mit Menschen gefüllt ... Eine dieser Terrassen sei nur für die Damen der Familie Toptani reserviert!, flüsterte man.

Um ein ordnendes Spalier zu bilden, rückte ein Teil der noch jungen Armee an. Etwa 80 Reiter stellten sich vom Landungssteg bis zum Gartengitter in eine Reihe auf. Ihnen gegenüber postierten sich ebenso viele Fußsoldaten. Mitten darin marschierten Abordnungen der verschiedenen Städte und Dörfer mit Fahnen und beschriebenen Tafeln unter Gesang und Beifallklatschen auf. Am meisten Beifall erhielten die Kosovo-Albaner als Verlierer der neuen Grenzziehung. Gesänge tönten auch aus dem Garten, wo die Schuljugend, festlich in Weiß gekleidet und mit Fähnchen in den Händen, eingereiht war.

Während der Aufstellung wurde ein blutroter Laufteppich ausgerollt. Der Weg, den das Fürstenpaar samt Hofstaat demnach nehmen würde, führte vom Landungssteg längs der erneuerten Kaimauer zum Garten, dann, Rechtsschwenk, über einen breiten Pfad direkt zu der mit Lorbeer und Palmen geschmückten Freitreppe am Palaiseingang. Alles in allem vielleicht 100 Meter. Man brauchte bei normalem Schritt höchstens zwei Minuten dazu.

Während also alles schwatzend und singend wartete und unsere drei Freunde von der Estrade herab schweigend das fröhliche Treiben beobachteten, entdeckte Karl inmitten der Menschentraube auf dem Landungssteg zwischen Kontrollkommission, Konsuln, holländischen Offizieren, Notabeln sowie Geistlichen aller Konfessionen plötzlich ein ihm bekanntes Gesicht: Amelie. Sie hat ja heute Geburtstag, dachte er, wie ihr Albanien - als Fürstentum jedenfalls.

Sie stand dicht neben Monsignore Katschorri und seinem Chef, dem Erzbischof. Im Pfarrhaus von Dom Katschorri wohnte sie, wie sie bei der Begegnung neulich berichtet hatte. Und mit seiner Hilfe war sie dran, ein Lazarett einzurichten, denn die medizinische Versorgung in Durazzo lasse zu wünschen übrig. Darüber hinaus hatte sie Karl klargemacht, dass sie seine Anwesenheit schön fände, aber keine Zeit für ihn habe. Das hatte Karl mächtig enttäuscht, zumal sie einige Tage später, als die Delegation von Deutschland zurückkehrte, mit ihrem adligen Freund Ekrem Bey Vlora nach Valona reiste und dafür offensichtlich genügend Zeit hatte ...

Nun brach die Sonne verheißungsvoll durch die Wolken und ein Kanonenschuss über Durazzo verkündete laut, dass die Kriegsyacht TAURUS samt Begleitschiffen vom Bergrücken aus im Norden gesichtet worden sei. Dies war das Zeichen für den weiteren Teil des Begrüßungsrituals. In der Bucht ankerten nämlich seit einiger Zeit drei Kreuzer als Stationäre: der österreichische PANTHER und Italiens IRIDE und MISURATA. Sie hatten alle Flaggengala angelegt und erwiderten den Schuss vom Festland mit Geschützdonner aus allen Rohren. Man hörte sogar die begleitenden Hurrarufe der Matrosen. Darein mischte sich das Glockengeläut der Kirchen und etliche Kommandoschreie. Nervosität trat auf, griff um sich. Auch Karl und seine Freunde wurden angesteckt. Als Teil eines Kollektivs, verschmolzen zu einer Psyche aus Tausenden von Seelen, war Abgrenzung einfach nicht möglich!

Aus der Menschentraube auf dem Landungssteg hatte sich nun ein Grüppchen von Notabeln gelöst, angeführt von Essad Pascha. Die schritt vor zu dem nagelneuen Motorboot, das die Stadt jüngst angeschafft hatte, und legte einige Minuten später ab, um dem Fürstenpaar entgegen zu fahren.

Es dauerte nicht lang, da glitt die weiße TAURUS inmitten dunkelfarbiger Kriegsschiffe in die Bucht: ein italienisches, ein englisches, ein französisches. Wo ist das deutsche Schlachtschiff?, hörte Karl einige Landsleute fragen. Die Kapelle hatte alle Nationalhymnen angestimmt, auch die deutsche Kaiserhymne, aber kein Schiff kam dazu.

Die TAURUS und ihre Begleiter gingen vor Anker, von den Stationären erscholl wieder ein vielstimmiges Hurra der Mannschaften. Kanonenschüsse oberhalb Durazzos wurden prompt mit Donnerschüssen der Kriegsschiffe beantwortet. Das Motorboot mit Essad Pascha und den Notabeln konnte man in der Ferne an die weiße Marineyacht anlegen sehen. Die Kirchenglocken läuteten wieder und die Kommandos ›Säbel heraus‹ und ›Präsentiert das Gewehr‹ gellten laut und martialisch über den Platz.

Die Zeit ging auf drei Uhr nachmittags zu. Das Motorboot, von einem Schattensegel überspannt, näherte sich mit der kostbaren Personenfracht dem Land. Über dem Palais stieg die Fürstenflagge auf: Schwarzer Adler auf rotem Grund mit dem Wiedschen Wappenpfau im Mittelfeld. Aus Tausenden von Kehlen scholl es daraufhin ›Rroft Shqypeni‹ und ›Rroft Wied‹ - Ein Hoch auf Albanien, Ein Hoch auf Wied. Die Menge stimmte Freudengesänge an, manche tanzten vor Vergnügen und machten regelrechte Luftsprünge. Die Hurras der fremdländischen Matrosen drüben und der einheimischen Bewohner hüben ergaben einen fast harmonisch klingenden Wechselgesang.

Dann die Landung der Herrschaften! Die Kommandanten der Kriegsschiffe kamen per Motorboote vorausgeeilt und gesellten sich zu den Wartenden auf dem Holzsteg, in gebührendem Abstand folgte das Fürstenpaar. Es betrat ebenfalls die Planken der Landungsbrücke, wobei sich den Damen artig helfende Arme entgegenstreckten, und wurde nach und nach von allen wichtigen Männern des In- und Auslands einzeln begrüßt. Das fiel mal mehr und mal weniger militärisch-zackig aus.

Prinz Wilhelm zu Wied, nun Fürst von Albanien, war von Hause aus Berufsoffizier und trug als passendes Kostüm eine selbst entworfene Uniform in Hellgrau mit goldenen Borten. Auf der Brust prangte das schwarzroten Band des künftigen albanischen Ordens und auf dem Kopf ein weißer Kalpak mit hoher Reiherfeder, was den von Natur aus mit hoher Statur ausgestatteten neuen Landesvater noch größer erschienen ließ. Seine Frau Sophie dagegen, eine zierliche Frau, war ganz in wallendem Weiß gewandet und trug ebenfalls Reiherfedern am Hut.

Das Paar kam vor lauter Händeschütteln und Handküssen nur langsam vorwärts. Hinter ihnen tauchte Essad Pascha auf.

»Er trägt jetzt die neue Generalsuniform«, sagte Rudolf leise.

»Generals -?« fragte Karl zurück.

»Ja, General. Der Fürst hat ihn befördert und die passende Uniform gleich mitgebracht.«

»Aha! So, so.«

Hinter dem mächtigsten Mann Mittelalbaniens erschien der restliche Hofstaat. Karl schaute angestrengt, ob er darunter Buchberger entdecken würde ... Und siehe, da war der Gesuchte schon! Neben ihm eine große, kräftig und martialisch wirkende Gestalt mit überdimensionalem Schnurrbart, der gut und gerne um die Ohrmuscheln hätte gedreht werden können. Das war wohl der italienische Kollege Capitano Castoldi. Beide steckten in schmucken Kabinettsuniformen.

Inzwischen hatten die Ankömmlinge, vorbei an Mitgliedern des Adels und des Bürgertums, vorbei am Konsularkorps, vorbei an den holländischen Offizieren und vorbei an diversen geistlichen Würdenträgern die Stelle erreicht, wo der Landungssteg auf das Ufer stößt und wo die Delegierten der IKK, der Internationalen Kontrollkommission, als Vertreter der sechs Großmächte Aufstellung genommen hatten. Die übergaben durch ihren Wortführer Mister Lamb dem künftigen Fürsten bei der Begrüßung das, was sein Amt bald ausmachte: die staatliche Gewalt. Sie lag bislang in ihren Händen. Dem ersten Mbret wurde sie nun anvertraut ...

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