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Belletristik
Buch Leseprobe Mitternachtssonne, Christian-Lothar Ludwig
Christian-Lothar Ludwig

Mitternachtssonne



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Bod, Thalia, Weltbild
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Kapitel 1 Es war ein harter Tag, ein richtig harter Tag. Einer der Tage, an denen gemachte Männer einfach ins Bett fallen und sofort schlafen. Ein Tag bei dem die meisten Menschen mittags schon genug haben und nur noch nach Hause wollen. Für mich war es ein Tag wie jeder andere. Ich hatte schon schlimmere, aber auch viele bessere. Besonders war dieser Tag trotzdem, ich wusste es nur noch nicht. Ich hatte es nämlich nicht kommen sehen, niemand hätte das gekonnt. Ich war fast zuhause, in meinem kleinen Appartement in Londons schönem Stadtteil Camden, und konnte endlich raus aus der stickigen U-Bahn, die in dem ungewöhnlich heißen Sommer viel zu überlaufen war. Es roch überall nach Schweiß, der sich mit dem Geruch des alten Mauerwerks vermischte und zu einer undefi-nierbaren Kombination wurde. Hier konnte man Menschen aller Schichten beobachten. Vom gestriegelten An-zugträger mit Aktentasche, zu kunterbunt gekleideten Transvestiten über hochschwangere Frauen bis hin zu Punks in dreckigen und zerrissenen Klamotten mit obligatorischer Bierdose in der Hand. Die U-Bahn fuhr in meine Endstation ein und die Türen öffneten sich. Sofort trat ein Strom von Menschen heraus und presste sich entlang der wartenden Passanten. Ich lief vorbei an den vielen verschiedenen Menschen und direkt auf das „Way Out“ Schild zu. Vorbei an einem der vielen Straßenmusikanten, der versuchte, ein paar Münzen in der U-Bahn zu verdienen. Danach ging ich die Treppe hoch und zahlte meine Fahrt kurz mit der Karte. Endlich konnte ich raus an die frische Luft. Von der Haltestelle bis zu meiner Wohnung waren es nur fünf, vielleicht sechs Minuten zu laufen. Ich ge-noss es so gut ich konnte. Die warme Brise, die um meine Nase wehte, die laute Rockmusik, die vom Platz gegenüber aus einer Menschenmenge zu kommen schien und die Möwen, die sich über die Müllsäcke auf der Straße hermachten. London wie es leibt und lebt, nichts Ungewöhnliches aber in meinen Augen wunderschön. Meine Wohnung lag im Keller in einer der vielen bunt bemalten Seitenstraßen der High Street. Mir gefielen die vielen Graffitis, die hin und wieder über Nacht an den Wänden erschienen und die Stadt viel bunter und schöner machten. Hier konnte man das Leben atmen, es war immer laut und voller verschiedener Eindrücke aus aller Welt. Hier fühlte ich mich wohl und konnte perfekt abschalten nach meinem langen Arbeitstag. Ich war als Totengräber auf dem Highgate Cemetary beschäftigt. Wie ich zum Totengräber wurde? Eine lange Geschichte. Geboren und aufgewachsen war ich im Norden Deutschlands, erzogen von religiösen Eltern in einem kleinen Dorf mitten im Nichts. Ich hatte nach der Real-schule, durch großen Druck meiner Eltern, eine Ausbildung als Krankenpfleger mit Auszeichnung beendet und danach für einige Jahre im gleichen Krankenhaus gearbeitet. Für mich war das allerdings nicht das Leben, dass ich für mich wollte. Ich machte es eher einfach nur meinen Eltern recht. Eigentlich wollte ich Künstler oder Musiker werden, spielte deswegen oft Gitarre, zeichnete viel und versuchte mich hier und da als Schauspieler. Es reichte jedoch nur für das alljährliche Theater im ländlichen Schützenheim, in dem ich Mitglied war. Im Allgemeinen wohl ein normales Leben ohne große Höhen und Tiefen und ohne nennenswerte Ereignisse. Tief in mir wollte ich aber raus aus diesem Einheitsbrei und weg aus der Kleinstadt, in der ich inzwischen wohnte, ganze zehn Kilometer von wo ich aufgewachsen war. Unter der Woche und oft am Wochenende ging ich statt-dessen meiner Arbeit nach. An freien Tagen hieß es feiern bis in die Morgenstunden, wohl um meinem tristen Alltag zu entfliehen, ich weiß es nicht. Hier gaben sich Alkohol und Drogen beziehungsweise Medikamente die Klinke in die Hand. Ich war während der Arbeit und am Wochenende ständig high auf irgendetwas. Seit man mir nach der Ausbildung den Schlüssel zum Medizinschrank gegeben hatte, war entweder das Kranken-haus oder der ständig bekiffte Nachbarsjunge mein Dealer. Es war zwar nicht immer etwas verfügbar, aber ich kam über die Runden und konnte gut damit leben. Mein Aussehen war in meinen Augen Durchschnitt, ich sah bestimmt nicht aus wie ein Model, aber bei den Mädchen kam ich immer gut an. Den Grund dafür konnte ich mir selbst nicht erklären. Allerdings fand ich selten eine, die mich für mehr als eine Nacht interessierte. Die wenigen festen Beziehungen, die ich einging, scheiterten meistens entweder an meiner Unausgeglichenheit oder meinem ständig wachsenden Desinteresse für meine Freundinnen. Keine hielt es länger als ein paar Monate mit mir aus und im Nachhinein kann ich jede einzelne dafür verstehen. Als wieder eine meiner Beziehungen nach nur wenigen Wochen in die Brüche ging, war das schlussendlich für mich der Auslöser, aus meiner Heimat wegzugehen und mein Glück irgendwo anders zu versuchen. Es reichte mir mit Deutschland, ich wollte neue Erfahrungen sammeln und mein - vom Filme schauen - erprobtes Englisch beweisen. Ich hatte viele Überlegungen und entschied mich letztlich für London. Im Sommer war die Stadt einfach nur traumhaft und im Winter war es immer noch angenehmer als Zuhause. Es regnete zwar viel, aber das machte mir nichts aus. Ich mochte die Sonne zwar lieber, aber gegen Regen hatte ich auch nichts einzuwenden. Hier fing ich anfangs wieder als Pfleger in einem Krankenhaus an. Schnell musste ich feststellen, dass die Schränke mit den guten Sachen in England wohl besser überwacht wurden als in meiner Heimat. So flog ich nach wenigen Wochen und zwei Ermahnungen aus meinem Job. Um mir die Wohnung und das Leben leisten zu können, nahm ich den erstbesten Job an, den ich kriegen konnte. Da ich nicht von meinem Ersparten leben wollte, deswegen wirklich dringend eine Arbeit benötigte und es nach Jahren in Sachen Ekel kaum schlimmer werden konnte, rief ich bei der erstbesten Anzeige in der Zeitung an und wurde Totengräber. Hier waren die Menschen, mit denen ich zu tun hatte, wenigstens nicht aufbrausend und gehässig, ich musste keine Schwei-nereien aufputzen und an den Tod hatte ich mich im Krankenhaus schon lange gewöhnt. Die ständig dreckigen und rauen Hände waren ein Nachteil und dass ich ziemlich komische Kollegen hatte, die ich tagsüber aber eher selten zu Gesicht bekam. Jeder hatte seinen Bereich, in dem er zuständig und für sich allein unterwegs war. Entweder kümmerte ich mich als Gärtner um den Friedhof und die Gräber oder ich grub frische. Dafür war die Bezahlung gut, da wohl nur wenig Menschen interessiert an meiner Arbeit waren. Mir gefiel an meinem Job die Ruhe. Niemand beschwerte sich und ich konnte, wenn ich wollte, den ganzen Tag über Musik hören. Außerdem mochte ich die vielen Engelsstatuen, die auf dem Friedhof überall rumstanden. Ich fühlte mich ir-gendwie wohl, wenn eine dieser Statuen in meiner Nähe war. Für mich war es erwiesen, dass das durch meine Eltern bedingt war. Sie waren relativ gläubig und das färbte wohl ein wenig auf mich ab. Während meiner Kindheit standen auch immer Engelsfiguren in unserem Haus herum. Wir gingen einmal die Woche zur Kirche, beteten vor dem Abendessen und vor dem zu Bett gehen. Als ich älter wurde und in die Pubertät kam, hatte ich deswegen oft Streit mit meiner Mutter. Ich begann zu rebellieren und wollte mein eigenes Ding durchzie-hen, weg von der Kirche. Einfach nicht so sein wie sie. Inzwischen war ich an meiner Wohnung angekommen und auf der Treppe, die nach unten zu meiner Woh-nungstür führte, dachte ich nochmals über meinen Tag nach. Es war heute doch irgendwie ein härterer und schwererer Arbeitstag als sonst, obwohl ich nur zwei kleine Löcher gegraben hatte, ganz zum Schluss. Aber es waren die beiden, die mir zu schaffen machten. Die kleinen Löcher sind am schwersten auszuheben. Ich hatte den Tod von Kindern im Krankenhaus öfters miterlebt, daran gewöhnen konnte ich mich nie. Als Totengräber war es nicht besser, speziell wenn mein Kunde nicht einmal fünf Jahre alt geworden war. Das Schlimmste für mich war allerdings, dass die beiden Löcher heute direkt nebeneinanderlagen. Es waren ver-mutlich Zwillinge, denn da stand nur ein gemeinsamer Geburtstag auf dem bereits gelieferten Holzkreuz. Lei-der stand da aber auch ein gemeinsamer Todestag für Sarah & Alison Doe. Ich wusste zwar nicht, was den beiden zugestoßen war, es musste aber auf alle Fälle eine Tragödie gewesen sein. Die Familie der beiden tat mir unendlich leid. Solche Begebenheiten brachten mich immer noch weiter weg von der Kirche. Wie konnte ein Gott, der seine Schöpfung liebte, so etwas zulassen? Wie konnte er es passieren lassen, dass so viele Menschen hungerten, dass Familien durch Tod und Kriege auseinandergerissen und für immer getrennt wurden? Für mich war das kein liebevoller Gott, er war gehässig und grausam. Dieses Wesen sah den Menschen wohl gerne beim Leiden zu. Aus welchem anderen Grund würde er, wenn es ihn überhaupt gab, einen ganzen Planeten voller Leben lang-sam aber sicher ins Verderben schicken? Meine Oma hatte mir früher öfters aus der Bibel vorgelesen und die wenigen Stellen, an die ich mich erinnern konnte, bestanden für mich immer aus Leid und Schmerz. Ich konnte das alles nicht verstehen, vielleicht wollte ich auch einfach nicht. Es machte für mich keinen Sinn. Wie konnten manche Menschen so blindlings einem Buch folgen, dass von Menschen, viele Jahre nach den eigentlichen Ereignissen, geschrieben wurde? Wie konnte man an etwas glauben, dass man nicht sehen, fühlen oder anfas-sen konnte? Ich glaubte lieber an mich selbst, wobei ich damit wohl auch nicht besonders gut dran war. Mit diesen Gedanken steckte ich den Schlüssel in meine Wohnungstür, drehte ihn zweimal nach links und öffnete die Tür. Beim Betreten meiner Wohnung kam mir ein ungewöhnlicher Geruch entgegen. Es roch vertraut und doch fremd. Eine leichte Mischung aus Weihrauch und Rosenduft, der aber immer wieder kurzzeitig von einem absolut ekelerregenden Gestank übertüncht wurde. Für gewöhnlich roch es bei mir eher nach abgestandener Luft und Zigarettenqualm. Da ich im Untergeschoss wohnte, war lüften leider nicht gerade effektiv. Es herrschte einfach nie ordentlicher Durchzug. Jetzt roch es jedoch mehr als ungewöhnlich. Ich dachte mir aller-dings nichts dabei. Was sollte schon sein? Wahrscheinlich war nur der Vermieter kurz in meiner Wohnung gewesen. Das war wohl die einfachste Erklärung, auch wenn sie keinen Sinn machte. Mit absoluter Ruhe zog ich meine Schuhe aus, legte meine Cap auf das kleine Schuhregal im Eingangsbe-reich und ging in Richtung Wohnzimmer, das in meinem Appartement als Durchgangszimmer diente. Der Geruch wurde immer stärker und schien, trotz geschlossener Türen, entweder aus meinem Schlafzimmer oder dem direkt danebenliegenden Bad zu kommen. Um endlich meine Kontaktlinsen loszuwerden, ging ich also zuerst ins Bad. Dort fand ich alles vor wie immer. In wenigen Sekunden hatte ich die Linsendose geöffnet, beide Augen von der Sehhilfe befreit und mit der speziellen Lösung die beiden kleinen Behälter aufgefüllt, dann noch schnell meine Brille aufgesetzt und schon war ich zurück im Wohnzimmer. Um dem Rosenduft auf die Schliche zu kommen, öffnete ich behutsam die Tür zum Schlafzimmer. Mit je-dem Zentimeter verstärkte sich hierbei der Geruch. Das konnte auf keinen Fall vom Vermieter kommen, er war bestimmt auch nicht in meiner Wohnung gewesen. Höchstwahrscheinlich hätte er mir auch Bescheid gegeben. Da sich die Tür zum Bett hin öffnete, konnte ich zuerst nicht sehen, woher dieser wohlduftende Gestank kam. Erst als ich mit einem Fuß im Zimmer stand, erkannte ich, dass eine Art riesiges umgedrehtes Kreuz mit menschlichen Umrissen über meinem Bett hing. Es leuchtete, beziehungsweise glühte an manchen Stellen in einem hellen bläulichen Licht. In diesem kurzen Augenblick war in dem düsteren Zimmer allerdings genaueres schwer zu erkennen. Es sah aber so perfekt aus, dass es eine von einem Künstler geschnitzte und dann bemalte Holzfigur sein musste. Ich erschrak, ging rückwärts aus dem Zimmer und zog die Tür wieder zu. Da der Schlüssel außen steckte, sperrte ich schnell ab und leicht panisch dachte ich mir: „Was ist das? Ist jemand in meine Wohnung eingebro-chen? Warum steckt der Schlüssel außen? Habe ich den Schlüssel dahin gesteckt? Heute Morgen sah doch eigentlich alles normal aus? War da vielleicht noch jemand in meiner Wohnung? Was soll ich tun? Die Polizei rufen? Zuerst selbst nachsehen, was passiert war?“ Geistesgegenwärtig lief ich schnurstracks in die Küche und bewaffnete mich mit dem größten Messer, das ich finden konnte, in der rechten Hand und dem Fleischklopfer in der Linken. So stand ich nun da, die Hausschuhe an, bewaffnet und verstört. „Was passiert hier? Was geht hier ab?“ hämmerte es in meinem Kopf. Es roch inzwischen, trotz geschlossener Schlafzimmertür, in der gan-zen Wohnung nach Weihrauch und Rosen, der Gestank war mittlerweile verschwunden. Der liebliche Geruch hatte aus irgendeinem Grund eine beruhigende Wirkung auf mich, was für mich ein komisches Gefühl war. Einerseits pochte es in meinem Schädel: „Was ist mein nächster Schritt? Was mache ich, wenn da wirklich jemand ist? Greift mich derjenige an? Wer zur Hölle bricht in Wohnungen ein und hängt mannsgroße Kreuze an Schlafzimmerwände? Wie transportiert man ein so großes Kreuz durch London? Das muss ein totaler Psychopath sein, derjenige wird sich bestimmt wehren, wenn ich ihn zur Rede stelle. Ist da überhaupt jemand? Wäre ich nicht schon attackiert worden, wenn da jemand wäre?“ Alle möglichen Gedanken schossen durch meinen Kopf, aber keiner wollte so richtig Sinn ergeben. Auf der anderen Seite allerdings, fühlte ich mich in diesem Moment völlig wohl und beschützt. Ich konnte es nicht einordnen, kannte dieses Gefühl nicht. Schnell lief ich ins Wohnzimmer, legte mein Messer ab und griff zum Telefonhörer, um Hilfe zu rufen. Ich wählte den Notruf, doch die Leitung war tot. Da erinnerte ich mich an den kleinen gelben Zettel, den ich vor einigen Tagen im Briefkasten hatte. Man informierte mich, dass die Leitung umgestellt wurde und ich in den nächsten Tagen teilweise kein Internet oder Telefon hatte. Wie das Leben so spielt, war das also genau heute. „Hatte das vielleicht jemand gewusst und damit geplant?“ Ich schob diesen Gedanken zur Seite, damit konnte ich mich später beschäftigen. Stattdessen griff ich zum Handy, das neben dem Telefon lag. Sofort wählte ich die 112 für den Notruf. „The Person you are calling is not available at present“, kam es mir aus dem Hörer entgegen. Ich bekam Gänsehaut. „Was zur Hölle passiert hier? Der Notruf ist tot?“ Ich probierte es noch zwei-mal, doch bekam ich immer dieselbe Antwort. „Das kann doch nicht sein!“, langsam geriet ich in Panik und suchte die Nummer meines einzigen Kumpels in London aus meinen Telefonkontakten. Dabei sagte ich immer leise vor mich hin: „Tom, bitte geh ran, bitte bitte geh ran!“ - „The Person you are calling is not available at present.“ „Fuck!“ Er hatte vermutlich das Handy aus, war in der Arbeit oder fuhr gerade mit der U-Bahn. Ich war also wohl auf mich allein gestellt. Seit der Gestank verschwunden war, wurde der wohltuende Geruch immer stärker. Er war trotzdem nicht penetrant, sondern eher wohlig. „Was bleibt mir jetzt übrig?“, überlegte ich, „Nach draußen laufen und wie ein Mädchen um Hilfe schreien? Garantiert nicht!“ Es blieb mir nur eins: die Tür zum Schlafzimmer aufsperren, auf das beste hoffen aber auf alles vorbereitet sein! Ich steckte mein Handy in die Hosentasche, nahm mein Messer wieder in die Hand und schlich mich zur Schlafzimmertür. Während ich geschickt daran zog, drehte ich den Schlüssel einmal ganz vorsichtig nach rechts, um möglichst kein Geräusch zu erzeugen. Nach einem ganz leisen, aber durchaus hörbaren „Klick“ war die Tür wieder aufgesperrt. „So ein Mist“, dachte ich mir. Vielleicht hatte der Eindringling es nicht gehört, das Schlafzimmer lag schließlich zur Straße und London war an diesem Nachmittag laut wie immer. Andererseits wusste er jetzt vielleicht, dass ich komme. Möglicherweise war da aber auch einfach niemand. Aus dem Schlafzimmer konnte er auf alle Fälle nicht entkommen, die Fenster waren dazu viel zu klein. Schließlich wohnte ich unter der Erde, wie meine Kunden auf dem Friedhof. Ich drehte den Türgriff, öffnete die Tür um einen Spalt und trat dann in bester Actionfilmmanier dagegen. Vielleicht stand der Eindringling schließlich dahinter. Die Tür sprang sperrangelweit auf und rammte mit einem Knall gegen meinen Schrank, der direkt angrenzend aufgebaut war. Ein Schwall von Weihrauch-Rosenduft kam mir entgegen. Ich spähte durch den Schlitz zwischen Tür und Angel, konnte aber nichts Ungewöhnliches erkennen. In der kleinen Fläche zwischen Tür und Schrank schien sich niemand zu verstecken. Leicht geduckt und mit größter Vorsicht machte ich einen weiteren Schritt in mein Schlafzimmer und riskierte einen schnellen Blick um die Tür. Dabei ignorierte ich das Kreuz über meinem Bett und spähte an der Front des Schrankes entlang. „Da ist niemand!“, flüsterte ich mir leise selbst zu und überlegte weiter: „Entweder ist er im Schrank oder er liegt zwischen dem Bett und der Wand zur Straße.“ Nach diesem Gedanken konnte ich spüren, wie noch mehr Adrenalin in meiner Blut-bahn zirkulierte und mein Puls in die Höhe schoss. Ich konnte das Pochen förmlich in meinem Hals spüren. Mein riesiger Schwebetürenschrank war locker in der Lage, zwei Personen zu verstecken. Die waren wohl auch nötig, um diese riesige Holzfigur zu bewegen. Allerdings waren die Türen relativ schwergängig und nur mit Kraft zu öffnen. Von Innen und ohne einen Griff ging das wahrscheinlich nur langsam und mit hohem Kraftaufwand. Voller Vertrauen und mit lautem Geschrei sprang ich also bis zur Mitte der Stirnseite meines Bettes, so dass ich den Gang zwischen Bett und Wand sehen konnte. Das Messer hatte ich zum Zustechen bereit, den Fleischerhammer schwang ich über meinem Kopf. In den Augenwinkeln konnte ich sehen, dass auf meinem Bett zwei große weiße Gegenstände lagen und sich in der Mitte ein leuchtender Fleck befand. Zusätz-lich konnte ich endlich das Kreuz besser erkennen. Es erinnerte mich an ein Bild aus einem Buch, dass ich als Kind bei meiner Großmutter auf dem Dachboden entdeckt hatte. Es war viele Jahre her, dass ich die Zeichnung zum letzten Mal gesehen hatte. Ich konnte mich aber an die Überschrift erinnern, als ob es gestern gewesen wäre: „Das Petruskreuz“. Zwischen meinem Bett und der Wand konnte ich niemanden erkennen. Unter einer der Matratzen konnte er nicht liegen, da war kein Platz. Also ignorierte ich das Kreuz und das Bett weiter, drehte mich schnell um 180 Grad und überprüfte die letzte Möglichkeit - den Schrank. Ich fing an der linken Seite an und atmete tief durch. Dabei legte ich den Hammer ohne hinzusehen kurz auf das Fußteil des Bettes und nahm das Messer in die linke Hand. Dann schob ich mit meinem rechten Arm die Schranktür mit einem kraftvollen Ruck zur Seite und trat einen Schritt nach hinten. Gleichzeitig machte ich mich bereit zu kämpfen und ließ einen Kampfschrei in Richtung des Schrankes los. Das Messer hielt ich fest umklammert und ich war bereit, mich gegen alles zu wehren, was kommen konnte. Nachdem die Tür mit voller Wucht gegen die andere Schrankseite gekracht war, konnte ich den Inhalt des Schrankes sehen. Er war, bis auf ein bisschen Bettwäsche, leer. Allein der Geruch von abgestandener Luft kam mir entgegen, der aber aufgrund des Rosenduftes innerhalb von wenigen Atemzügen verschwand. Also schob ich die Tür wieder in ihre ursprüngliche Position und machte mich daran, die andere Seite des Schrankes zu überprüfen. Zuerst legte ich mir das Messer wieder in meine rechte Hand und schnappte mir den Hammer mit der linken. Mein Herz pochte. Es blieben ihm keine anderen Möglichkeiten, er konnte nur noch in der rechten Schrankhälfte sein. Mir gingen die wildesten Gedanken durch den Kopf: „Ist das nur ein Streich von irgendjemanden? Bin ich bei der versteckten Kamera?“ Ich positionierte mich leicht rechts vor dem Schrank und schob mit voller Gewalt die Tür mit meinem Fuß zur Seite. Mit einem lauten Schrei und meinen beiden Waffen in Kampfposition erwartete ich, dass jemand aus dem Schrank springen würde. Allerdings krachte die Schwebetür wieder nur in die andere Seite des Schrankes und es wurde sofort wieder still. Bis auf meine Klamotten war nichts und niemand in dem Schrank. Meine Wohnung war also leer und ich atmete tief durch. Dabei sog ich den Duft tief in meine Lungen und konnte spüren, dass beim Ausatmen eine Last von meinen Schultern genommen wurde. Endlich konnte ich das Kreuz und was auf dem Bett lag, besser inspizieren. Durch das Leuchten war es anfangs schwer, die genauen Umrisse in dem nicht gerade hellen Zimmer aus-zumachen. Ich kniff meine Augen zusammen und gab ihnen etwas mehr Zeit, um sich an die Situation zu gewöhnen. Sofort atmete ich voller Schock tief ein. Mir blieb schier die Luft weg und ich trat einen Schritt zurück. Das war keine Holzfigur! Da hing eine wunderschöne Frau in einem weißen, ärmellosen Kleid, kopf-über an meiner Wand! Sie war mit riesigen Nägeln, die durch ihr bodenlanges Kleid und die Füße getrieben worden waren, mit dem Kopf nach unten an die Mauer genagelt. Ihre Arme waren zu einem Kreuz ausgebreitet und mit denselben Nägeln durch die Handgelenke fixiert. Die Kehle war komplett durchgeschnitten und ihr Rumpf schien auf 16 der rechten Seite verletzt zu sein. Hier konnte man einen Riss im Kleid erkennen, dessen Rand bläulich einge-färbt war. Darunter leuchtete es in dem schönen Blauton. Um den Körper abzustützen, war auch durch jede Schulter ein Nagel in die Wand getrieben worden. Diese beiden ragten relativ weit aus dem Körper heraus, während die anderen bis auf die Haut versenkt waren. Es handelte sich allerdings nicht um Nägel aus dem Baumarkt, diese hier sahen handgefertigt aus. Ähnliche Nägel hatte ich vor Jahren einen Schmied auf einem Mittelaltermarkt herstellen sehen. Es waren daumendicke Stahlnägel, die es in dieser Form wohl nirgendwo zu kaufen gab. Das wunderschöne Gesicht war von Symbolen entstellt, die in beide Backen und die Stirn geritzt waren. Die tiefblauen Augen waren weit geöffnet und starrten ins Leere. Ihre Lippen waren purpurrot und lenkten meine Aufmerksamkeit auf den kleinen Mund. In die Stirn war, bis auf den Knochen, ein auf dem Kopf stehendes Kreuz geritzt. In die Backen hatte jemand zwei Zeichen geschnitten, die ich noch nie gesehen hatte. Diese Sym-bole bestanden aus einigen geraden Strichen verschiedener Längen, die sich alle in einem Punkt schnitten. Trotz allem bluteten die Wunden in ihrem Gesicht nicht, sondern es drang nur ein bläuliches Licht aus ihnen. Ich hatte in meiner Karriere als Pfleger schon vieles gesehen, hier musste ich mich aber zusammenreißen, um mich nicht zu übergeben. Der Schock saß tief in mir, ich konnte es nicht erklären. Die riesige Wunde am Hals war von allen Verletzungen die größte Quelle für das wunderschöne, blaue Licht. Der Kopf hing wohl nur noch am Rückgrat und stütze sich an der Wand ab, wenige Zentimeter wo in der Nacht zuvor mein Kopf gelegen hatte. Zusätzlich zu dem strahlenden Licht, floss eine bläuliche Flüssigkeit aus der klaffenden Wunde an ihrem Rachen. Diese lief über das Kinn, knapp vorbei an dem kleinen Mund und über das Gesicht. Von dort aus bahnte sich die Flüssigkeit ihren Weg über die Schläfe hinweg und entlang der halblangen, gelockten blonden Haare bis auf mein Kissen. Meine Augen folgten dem Rinnsal weiter, bis hin zur Mitte meines Bettes, wo sich eine kleine Pfütze gebildet hatte. Diese leuchtete zwar auch, allerdings mit weit weniger Kraft, als die Wunde selbst. Rechts und links von der Pfütze waren zwei große Objekte abgelegt worden, die mich an Flügel erinnerten. Sie hatten einige Ähnlichkeiten mit denen eines Vogels, jedoch waren diese hier weit größer und wirkten muskulöser. Das Federkleid war beinahe perfekt, es schienen nur wenige der schneeweißen Federn zu fehlen. An den Flügeln konnte man oberarmdicke Gelenke erkennen, mit denen die Schwingen wohl zum Fliegen bewegt wurden. Direkt an dem Gelenk, das mit feinen Daunen übersäht war, konnte man sehen, dass die Flügel aus ihrer einstigen Position gerissen worden waren. Hier hingen zerrissene Muskeln und Sehnen herunter und die Stummel waren mit der Flüssigkeit verschmiert. Selbst jemand ohne medizinischen Hintergrund konnte hier erkennen, dass rohe Gewalt am Werk war. Trotz der Brutalität sah das Zusammenspiel aus dem leichten blauen Leuchten und den weißen Flügeln im Kontrast zu meiner schwarzen Bettwäsche wie ein kleines Kunstwerk aus. Aus dem Nichts hallte es, wie eine Eingebung, durch meinen Kopf: „Erzengel Haniel ist tot“. Mir schossen Tränen in die Augen, ich sah schwarz und sackte zusammen.


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