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Buch Leseprobe Mein Kopf, der ist ein Zimmer, Erdmann Kühn
Erdmann Kühn

Mein Kopf, der ist ein Zimmer



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Traum 1


Ich werde wach und öffne ganz vorsichtig die Augen. Dämmerlicht. Alles wirkt verschwommen und unwirklich. Mein großer Zeh guckt unter der Bettdecke hervor. Ich ziehe ihn ein und schaue mich langsam in meinem Zimmer um. Die groben, schwarz gestrichenen Holzdielen wie ein Abgrund, bodenlos. In der Mitte des Zimmers schwebt darauf das Bücherregal, fast grell die sorgsam aufeinander geschichteten weißen Steine vom Bau, dazwischen schimmert geheimnisvoll das rötliche Holz der Kiefernbretter. Durch die großen, hohen Fenster fällt ein diffuses Licht in den Raum, wie Nebel, beleuchtet dies und das. Die sorglos über den alten Holzstuhl geworfenen Kleidungsstücke, ein Strumpf ist auf den Boden gerutscht. Auf dem Schreibtisch türmen sich Bücher, Hefte, Papiere, einige zerknüllt, Gläser, eine leere Flasche Rotwein von gestern Abend. Die alte Schreibmaschine in der Mitte ragt aus dem Chaos heraus, ein frisches Blatt ist eingespannt.


Das Licht irritiert mich. Irgendetwas stimmt nicht mit dem Licht. Ich gehe mit den Augen noch einmal das ganze Zimmer ab. Die Schnur der einsam baumelnden Deckenlampe aus blauem Metall müsste mal wieder von dicken Staubflusen befreit werden. Der Flokati vor dem Bücherregal liegt zottelig weich und kuschelig ausgestreckt wie ein großes Schaf. Vereinzelte Chipskrümel auf dem schwarzen Holzboden. Ein Teller mit Gabel thront elegant auf einem wackeligen Bücherstapel. Irgendetwas Undefinierbares liegt darauf. Was habe ich gestern gegessen? Ich kann es vom Bett aus nicht erkennen. Die Gitarre, lässig an das Bücherregal gelehnt, wartet auf mich. Ganz in der hintersten Ecke steht mein Cello, der Bogen hängt daneben an der Wand. Was stimmt da hinten nicht? Hinter dem Regal, was ist da? Ich kann es nicht erkennen und richte mich im Bett auf. Da sitzt jemand im Halbdunkel auf meinem alten Ledersessel! Ich schaue genau hin. Es ist Oma. Sie sitzt dort und schaut in den Raum hinein, aber sie sieht mich nicht. Sie sieht durch mich hindurch. In diesem Moment wird mir klar, das kann nicht sein. Oma ist Anfang des Jahres gestorben. Sie kann dort nicht sitzen! Ich träume noch immer!


Mit einem heftigen Ruck richte ich mich jetzt wirklich auf und spähe ins Zimmer. Mein Herz pumpt wie ein Dampfhammer und ich atme erst einmal tief durch, um mich wieder zu beruhigen. Auf dem Ledersessel sitzt niemand, nur ein paar alte Klamotten liegen dort, die schon längst in die Wäsche gehören. Ansonsten ist alles genau so, wie ich es eben noch im Traum gesehen habe. Ich zwicke meinen Arm. Au! Ja, ich denke, ich bin jetzt wirklich wach. Ich strecke mich noch einmal und werfe dann die Bettdecke von mir.


 


 


Ankunft in Köln


Im Frühjahr 1976 fährt Friedel die Orte an, die für ein Studium infrage kommen. Hamburg hat ihm gut gefallen, die große Stadt, offener und großzügiger als West-Berlin, die Nähe zum Wasser, der Hafen und der Wind vom Meer. Der salzige Geruch von Freiheit und Abenteuer. Aber Hamburg klappt nicht, die Prüfung an der Musikhochschule hat er zwar bestanden, aber für das Lehramtsstudium ist sein Notenschnitt von 2,5 nicht gut genug. Und Lehrer will er ja werden, Sonderschullehrer. Also bleiben noch Dortmund und Köln, dort, wo Sonderschullehrer ausgebildet werden. Zuerst ist er nach Dortmund gefahren. Die neu gebaute Betonfestung am Stadtrand hat ihn anfangs abgeschreckt, aber dann hat er schnell eine sehr nette Studentin kennengelernt, die ihn ein wenig herumführt und im schönsten Ruhrpott-Dialekt erzählt, das sei alles nicht so schlimm hier und man gewöhne sich schnell daran und sehe dann gar nicht mehr, wie hässlich das aussähe. Wichtig wäre doch, dass die Leute nett wären – und das wären sie hier auf jeden Fall! Dabei schaut sie ihn mit einem derart entwaffnenden Lächeln an, dass Friedel ihr sofort zustimmen muss. Ja, es bestätigt seinen Eindruck. Die Leute sind vielleicht etwas rau, aber offen, herzlich und hilfsbereit. Dortmund ist schon mal eine Option.


Dann jedoch kommt er nach Köln und die Stadt nimmt ihn sofort in ihren Besitz. Der Dom, der breite Fluss mit seinen Brücken und den ausgedehnten Uferpromenaden. Es hat fast etwas von Nachhausekommen. Er fühlt sich von Anfang an wohl in Köln und es ist ihm völlig klar, er wird hier studieren und nicht in Dortmund. Die Kölner sind anders als die Leute im Pott, aber ebenso freundlich und hilfsbereit. Selbst als er von der ZVS, der Zentralstelle für die Studienplatzvergabe, eine Absage für das Sonderschulstudium in Köln bekommt – auch hier ist sein Notendurchschnitt zu schlecht – beschließt er nach Rücksprache mit der Studienberatung, erst einmal das „normale“ Lehramtsstudium an der PH, der Pädagogischen Hochschule, in Köln zu beginnen. „Später kannst du immer noch rüber wechseln“, raten sie ihm, „nach dem ersten oder zweiten Semester klappt das meistens!“


Schon am ersten Tag findet er ein kleines möbliertes Zimmer in Lindenthal, fünf Fußminuten von der PH entfernt. Es ist der erste Zettel, den er an der Pinnwand vom Studentenwerk entdeckt. Ein Anruf, eine ältere Dame erklärt ihm am Telefon, er solle in die „Charlesstraße“ in Lindenthal kommen. Er fragt noch einmal nach. Ja, in die Charlesstraße. Was ihn irritiert, ist, dass die Frau nicht Scharls sagt, mit einem „s“ am Ende, son-dern Scharl ohne „s“. Was ihn noch mehr irritiert, als er auf dem Stadtplan sucht: In Köln gibt es gar keine Charlesstraße! Er fragt den Mann vom Studentenwerk. „Wie, et jibt keine Scharrlstroß in Kölle? Sischerlisch jib et die, leeve Jung, und zwar in Lindenthal!“ Zum Glück kommt Friedel auf die rettende Idee, sich die Scharrlstraße buchstabieren zu lassen, S C H A L L – jetzt endlich weiß er, wo er hin muss: In die Schallstraße! Das Zimmer ist wirklich nur ein winziges Kämmerchen, sieben Quadratmeter, mit schrägen Wänden direkt unterm Dach. „Klein, aber mein!“ denkt sich Friedel. Alles, was er braucht, ist drin: Ein kleiner Schreibtisch mit Blick auf die Lindenthaler Dächer, ein Regal für Bücher, ein altes Liegesofa, auf dem zur Not auch zwei Leute eng aneinander gekuschelt schlafen können, eine ge-räumige Kommode, in der sowohl die Cellonoten, Ordner, Blöcke, Kleinkram, als auch überlebenswichtige Vorräte passen: zwei verschiedene Marmeladen, eine gelb, eine rot, Nudeln, Ketchup, Apfelmus.


Die winzige Küche für die vier Dach-Studenten ist im Flur direkt gegenüber, hier gibt es einen Kühlschrank, eine Doppel-kochplatte und eine kleine Spüle. Noch kleiner ist das Gemeinschaftsklo. Eine Dusche gibt es nicht, Waschen muss man sich am kleinen Handwaschbecken im Klo mit kaltem Wasser. Dafür kostet das Zimmer auch nur 60 Mark im Monat. Da Friedel noch nicht weiß, ob er BaföG bekommen wird und wie viel, ist das schon mal eine gute Einsparmöglichkeit, um mit möglichst wenig Geld über die Runden zu kommen.


Zwei Leute können gleichzeitig zu Besuch kommen und sich nebeneinander auf die Bettliege setzen, Friedel auf den Schreibtischstuhl, dann ist das Zimmer voll. Wenn Friedel Cello übt, muss er die Tür abschließen, denn sonst würde ein Besucher den Notenständer umreißen. Im Zimmer nebenan wohnt Ali, ein hagerer Iraner mit schwarzem Haar und dunklen Augen. Im Bücherregal seines immer ordentlich aufgeräumten Zimmers stehen mehrere dicke Marx-Engels-Bände. Er lädt Friedel öfter zum Tee ein, den er in einer kleinen Metallkanne auf-gießt, die er jeden Tag nach Gebrauch mit Scheuermittel so lange behandelt, bis sie wieder rundum blitzt. Ali ist immer für ein Gespräch zu haben, aber wenn er von sich selbst oder von Persien erzählt, bekommt er diese tiefen Schatten um die Augen. Er ist geflohen, um in Deutschland zu studieren, darf aber nicht studieren, da er die nötigen Papiere nicht vorweisen kann. So verbringt er seine Tage mit Spaziergängen, Gesprächen und der Lektüre des Kapitals auf Deutsch. Er kann gar nicht fassen, dass Friedel noch nichts von Karl Marx gelesen hat, wo er doch Deutscher ist und ihm das Lesen auf Deutsch viel flüssiger von der Hand geht als einem ar-men persischen Studenten. Das sei doch das Wichtigste: Gerechtigkeit und Arbeit für alle. Friedel bekommt ein schlechtes Gewissen, wenn er mit Ali erzählt, weil es ihm selbst ja eigentlich gut geht, im Vergleich zu Ali sogar blendend, und er einfach studieren kann, was er will. Er lädt Ali öfter mal zu einem Kölsch in der Eckkneipe ein, aber auf mehr als ein Kölsch lässt sich Ali nie ein. Die Unterhaltungen mit ihm werden schnell tiefgründig und schwermütig, er findet die Leichtigkeit und den sorglos-amüsanten Plauderton der Kölner befremdlich. Friedel dagegen hat sich schnell daran gewöhnt und mag gerade das an den Kölnern: Man kann einfach so ein bisschen vor sich hin schwätzen und braucht nicht immer tiefsinnige Themen. Man darf sich sogar in eine Unterhaltung spontan mit einmischen, wenn man Lust hat, und wird dabei sofort geduzt und in den Kreis mit aufgenommen – so etwas kennt er aus Berlin nicht.


Die Kehrseite der Kölner Leichtigkeit bekommt er auch schnell mit: Wenn man mit jemandem am Abend zuvor Kölsch getrunken und über Gott und die Welt gesprochen hat, kann es trotzdem ein paar Tage später passieren, dass der andere einen anscheinend nicht wiedererkennt oder nicht weiter beachtet. Nicht aus Bosheit oder Vergesslichkeit, es ist eher eine Art Oberflächlichkeit. Friedel ist sich anfangs manchmal unsicher, mit wem er jetzt befreundet ist oder einfach nur oberflächlich bekannt. Das „Drink doch ene met!“ des Kölners bedeutet nicht viel mehr als eine freundliche Einladung zum Mittrinken und Miterzählen. Man sollte sie auf jeden Fall annehmen und genießen, sich aber nicht zu viel davon versprechen. Wenn man das einmal kapiert hat, lebt es sich als Zugereister sehr angenehm und einfach in Köln.


Dazu kommt, dass man als Student in Köln auf eine Menge anderer „Immis“, Immigranten, trifft, die alle von der Kölner Gastfreundlichkeit und Aufgeschlossenheit profitieren. Friedel lernt eine stattliche Anzahl Sieger-, Sauer- und Münsterländer kennen, Eifeler und Voreifeler, Bergische und Oberbergische, Ruhrpöttler, Menschen vom Niederrhein und aus Ostwestfalen. Alle bringen ihre eigene Klang- und Sprachfärbung mit und ihre regionalen Eigenheiten. Friedel staunt immer wieder, wie vielschichtig und verschieden dieses große Nordrhein-Westfalen ist. Und trotzdem übernehmen sie alle, egal aus welcher Ecke sie kommen, ganz schnell die Begeisterung für Köln, Kölsch und Karneval. Auch Friedel fühlt sich schon bald als preußischer Rheinländer oder rheinischer Preuße – je nachdem. Wenn er Berliner Besuch hat oder mit Berlin telefoniert, stellt er automatisch auf den Berliner Slang um. Das Herz pocht vernehmlich lauter, sobald er irgendwo jemanden richtig berlinern hört. Wenn er in Berlin zu Besuch ist, sagen ihm die Leute in den ersten Tagen: „Du hast ja schon diesen rheinischen Singsang drauf!“ Und wenn er dann wieder zurückkommt nach Köln, sagen ihm die Kölner: „Jetzt berlinerst du aber wieder richtig!“ Wenn er in Köln „Zuhause“ sagt, meint er Berlin, wenn er das in Berlin sagt, meint er Köln. Sein blaugelb gestrichener VW-Käfer hat auf jeden Fall noch das Berliner Nummernschild, das hat viele Vorteile. Dazu kommt, dass er den ersten Wohnsitz unbedingt in West-Berlin behalten muss, damit nicht irgend-jemand beim Bund auf die Idee kommt, ihn zur Bundeswehr zu schicken. Berliner „dürfen“ ja nicht zum Bund – und das findet Friedel überhaupt nicht schlimm. Er will lieber studieren als strammstehen und marschieren. Und schießen schon gar nicht.


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