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Belletristik
Buch Leseprobe Mein altes neues Leben, Angela Zimmermann
Angela Zimmermann

Mein altes neues Leben



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Im Hintergrund höre ich Mona wieder einmal durch mein Haus wirbeln. Sie ist dabei, in meinem Haus Ordnung zu schaffen, was eigentlich nicht ihre Aufgabe wäre. Aber seitdem Rico nicht mehr da ist, bekomme ich das nicht auf die Reihe. Normalerweise ist es gegen meine Natur, Sachen liegen zu lassen und dringende Dinge nicht zu erledigen. Trotzdem greife ich nicht ein, erstens weil ich noch nicht dazu in der Lage bin und zweitens stört es mich nicht. Es ist mir egal, wie es aussieht, weil ich keinen Sinn mehr darin sehe hier überhaupt noch etwas zu tun.


Auch heute mache ich mir einen Tee und setze mich in meinen Schaukelstuhl an die Terrassentür. Ich starre in den voll Wolken hängenden Himmel. Er weint bitterlich, wie mein Herz.


Meine tiefschwarzen Haare hängen wie ein Trauerflor über meine Schultern und verdecken zum Teil mein weinendes Gesicht. Der schöne Glanz ist verschwunden, wie auch das Leuchten meiner braunen Augen, die in Tränen ertrinken. Jeden Morgen beim Blick in den Spiegel erkenne ich mich ein Stück weniger.


Roose, Ricos Katze, die er über alles geliebt hat, natürlich gleich nach mir, schmiegt sich sanft in meinen Schoß. Sie weicht mir nicht mehr von der Seite, denn sie scheint genauso zu trauern und leiden wie ich.


Die schützende Hand von Mona, die sich leise zu uns gesellt, greift nach meiner, was ich aber kaum spüre. Die Kraft und Sicherheit, die sie mir damit geben will, nehme ich unbewusst und ohne jeden Widerstand entgegen. Ich bin einfach zu schwach und reagiere nun schon seit einigen Wochen nur noch auf das, was andere von mir wollen, mit fast vollkommener Abwesenheit.


Das geht nun schon so, seit mein Mann Rico den Unfall hatte und das Szenario immer und immer wieder vor meinen inneren Augen vorüberzieht.


Es ist der schlimmste Tag meines Lebens gewesen und bei jedem Gedanken daran, auch wenn er nur verschwindend kurz ist, zerreißt mir das Herz in tausende Splitter.


 


Es war ein wunderschöner sonniger Sonntag, der erste in diesem Jahr und so war es wie in jedem Frühling. Rico putzte sein Motorrad und machte seine erste Tour. Ich war nicht begeistert, weil ich mit ihm in unserem Garten Ordnung machen wollte. Der Winter war lang gewesen und die ersten Sonnenstrahlen lockten einen hinaus, um etwas zu tun. Eigentlich wollte ich die Abdeckung der Rosen entfernen und vielleicht auch noch den Gartenteich säubern, denn unsere kleinen Goldfische sind nach dem Winter wieder mobil, aber sie schwimmen in ziemlich trüben Wasser. Aber nein! Also saß ich letzten Endes allein auf der Terrasse, nachdem ich die Gartenstühle aus unserem Keller geschleppt habe, mit einer Tasse Kaffee und einem Buch und wartete darauf, dass Rico wieder nach Hause kommt. Jedoch verging die Zeit und es wurde schon wieder sehr frisch, sodass ich mich in der Küche zu schaffen machte. Ich suchte mir Arbeit im Haus, um mich abzulenken, denn im Unterbewusstsein wurde mir schon klar, dass irgendetwas nicht stimmte. Rico war nie so lange unterwegs und außerdem wurde es auch schon dunkel. Mit einem mulmigen Gefühl, rief ich Mona, meine beste Freundin an und sie war kurze Zeit später bei mir. Gemeinsam warteten wir und es dauerte nicht lange, da klingelte es an der Tür. Ich war schon nicht mehr in der Lage zu öffnen. Ich wusste, dass etwas passiert sein musste, denn ich habe das Polizeiauto kommen sehen. Mona übernahm das und ließ die zwei Männer herein.


Was dann geschah, kann ich nur noch vage wiedergeben, denn bei dem Wort Unfall war ich praktisch nicht mehr anwesend. Ich fiel in ein tiefes schwarzes Loch und hörte die Worte nur noch aus der Ferne, wie durch einen undurchdringlichen Schleier. Mona saß neben mir auf der Couch, wo ich einfach niedergegangen bin und unterhielt sich mit den Polizisten. Komplett zusammengesackt bin ich dann, als ich hörte, wie der eine Polizist sagte, dass mein Mann leider am Unfallort noch verstorben sei. Warum Rico? Warum verliere gerade ich meinen Mann? Wir sind doch erst Mitte dreißig und haben unser ganzes Leben noch vor uns. Das kann alles nicht wahr sein. Ich fühlte mich absolut leer. Konnte keinen Gedanken fassen oder die Polizisten nach irgendetwas fragen. Es ging einfach nichts mehr.


Die Männer verließen unser Haus und Mona meinte, dass wir das am nächsten Morgen erledigen würden und sie sich auch um mich kümmern würde. Ich wusste nicht, dass das, was wir da machen sollten, das Unbeschreiblichste sein sollte, was man von einem Menschen verlangen kann. Meinen Mann identifizieren. Warum ich? Können das nicht seine Eltern tun? Mona erklärte mir, dass ich, seine Ehefrau, die erste Angehörige bin und es deswegen machen müsste. Aber er hatte doch seine Papiere dabei?


Alle möglichen Fragen schossen mir gleichzeitig durch den Kopf. Die Polizisten haben nicht gesagt, wo es passiert ist und ich wollte es auch nicht wissen. Nur eines war mir klar: Er wollte in die Sächsische Schweiz und da gibt es viele Straßen mit gefährlichen Kurven.


Ich weiß nicht wie lange es gedauert hat, aber ich stand wie in Trance auf und suchte im Telefonbuch nach der Nummer von Ronny. Er ist ein guter Freund von Rico und ist unser Anwalt. Wie ein Roboter wählte ich seine Nummer und als er abnahm, erklärte ich ihm kühl, was passiert ist. Ich bat ihn, sich um alles zu kümmern, was mit dem Unfall zu tun hatte. Ich wusste damals schon, dass ich nie die Kraft haben würde, mich mit Details des Unfalls auseinanderzusetzen. Nach dem ersten Schreck versprach Ronny mir, mit von Tränen erstickter Stimme, dass er alles in die Hand nehmen würde. Ausdruckslos setzte ich mich, mit dem Telefon in der Hand, wieder auf die Couch und Monas Arme umschlangen mich. Zusammen weinten wir, ohne den Versuch, den Tränen Einhalt zu gebieten. Mir liefen die Tränen wie bei einem kleinen Kind über das Gesicht und durchnässten Monas hübsche Bluse, was ich jedoch nicht bemerkte. Eine Stunde später war unser Wohnzimmer gefüllt von trauernden und schluchzenden Menschen. Wie sie alle hier hergekommen sind, weiß ich nicht mehr, ich erinnere mich nur noch daran, dass mir ein Arzt eine Spritze gegeben hat. Ich versank in meinem Schmerz und meine Augen schlossen sich.


Am nächsten Morgen lag ich in meinem Bett, ohne zu wissen wie ich dahin gekommen bin, und meine Hand griff auf die leere Bettseite neben mir. Mein Herz krampfte sich zusammen und meine Augen füllten sich wieder mit Tränen, denn augenblicklich wurde mir wieder klar, was passiert ist. Ich war allein und nicht fähig aufzustehen, bis ich Geräusche wahrnahm, die aus der Küche kommen mussten. Mit den wenigen Kräften die ich besaß, mühte ich mich aus dem Bett, schlüpfte in meinen Morgenmantel und ging leise nach unten. Ich wusste nicht, wer sich in meiner Küche zu schaffen machte und mir viel ein Stein von Herzen, als ich Mona sah und nicht meine Mutter. Ihr erdrückendes Mitleid hätte ich in diesem Moment nicht ertragen können.


Mona gab mir kurz ein Küsschen, fragte, ob ich etwas schlafen konnte, und stellte mir einen starken Kaffee auf den Tisch. Ohne weitere Worte setzte ich mich und nahm das heiße Getränk dankend an.


„Möchtest du, dass ich mit zum Bestattungsunternehmen komme?“, fragte Mona, und mir wurde augenblicklich übel, bei dem Gedanken, was ich an diesem Tag tun musste.


„Fühlst du dich dazu in der Lage?“, stellte ich die Gegenfrage, die eigentlich jemand mir stellen sollte, ohne weiter zu überlegen, was sie überhaupt gesagt hat.


Nach einer Weile fasste ich einen klaren Gedanken und wendete mich an Mona. „Wieso zum Bestatter? Sollten wir nicht zur Polizei kommen?“


„Nein. Seine Eltern haben noch gestern Abend die schwere Aufgabe übernommen und jetzt ist Rico schon beim Bestatter. Heute Nachmittag können wir im engsten Kreis von ihm Abschied nehmen“, sagte Mona leise und ich hörte, wie auch sie mit den Tränen kämpfen musste, obwohl sie ihr Gesicht vor mir verbarg.


Sabine und Steffen, Ricos Eltern hatten sich um die Identifizierung gekümmert? Wie schwer musste das für sie gewesen sein? Gleichzeitig war ich aber froh, dass ich es nicht machen musste.


„Und wann soll das heute Nachmittag sein?“, fragte ich kurz, verdrängte die Übelkeit die in mir aufstieg und meinen Magen zum verkrampfen brachte.


„16 Uhr und morgen Vormittag will der Bestatter mit euch allen wegen der Beerdigung reden. Aber auch da komme ich gern mit, wenn du mich brauchst“, flüsterte Mona und in diesem Moment war ich unbeschreiblich dankbar, so eine treue Freundin an meiner Seite zu haben.


 


Bis heute ist sie ohne wenn und aber an meiner Seite und kümmert sich um fast alles, was mein Leben momentan bestimmt. Sie hat sogar in Windeseile eine Studentin gefunden, die in unserem Geschäft als Aushilfe eingesprungen ist. Wir haben seit fünf Jahren zusammen einen kleinen Laden in Dresden, in dem wir Babymode verkaufen. Um ihn nicht die ganze Zeit komplett schließen zu müssen, denn den Verlust der Kundschaft würden wir nicht gerade verkraften, suchte sie nach dieser Aushilfe. Sie öffnet zwar nur nachmittags, aber immer noch besser als gar nicht. So ist Mona jeden Tag bei mir und umsorgt mich wie eine Mutter und ich kann ihr nicht genug dafür danken.


 


diesem Moment war ich unbeschreiblich dankbar, so eine treue Freundin an meiner Seite zu haben.


 


Bis heute ist sie ohne wenn und aber an meiner Seite und kümmert sich um fast alles, was mein Leben momentan bestimmt. Sie hat sogar in Windeseile eine Studentin gefunden, die in unserem Geschäft als Aushilfe eingesprungen ist. Wir haben seit fünf Jahren zusammen einen kleinen Laden in Dresden, in dem wir Babymode verkaufen. Um ihn nicht die ganze Zeit komplett schließen zu müssen, denn den Verlust der Kundschaft würden wir nicht gerade verkraften, suchte sie nach dieser Aushilfe. Sie öffnet zwar nur nachmittags, aber immer noch besser als gar nicht. So ist Mona jeden Tag bei mir und umsorgt mich wie eine Mutter und ich kann ihr nicht genug dafür danken.


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