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Belletristik
Buch Leseprobe Love beats faster, Josie Charles
Josie Charles

Love beats faster



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Prolog


 


18 Monate zuvor


 



Catania, Italien


 



Alessia


 


Ich betrachte mich selbst in dem mannshohen Spiegel, der die Rückwand des Fahrstuhls einnimmt. Das lange Haar fällt mir glänzend über die Schultern, meine dunklen Augen sind stark betont, das knielange Paillettenkleid sitzt hauteng – so eng, dass es unmöglich wäre, ein Schenkelhalfter mit Pistole darunter zu verstecken. Auch die winzige Handtasche, die ich dabei habe, ist viel zu klein für eine Waffe, und so komme ich mir fast nackt vor, während ich in den obersten Stock eines der wenigen Hochhäuser von Palermo fahre.


Sollte die Sache schief gehen, muss ich mich ganz auf meine körperlichen Fähigkeiten verlassen. Aber sie wird nicht schief gehen. Sie darf nicht.


Ich blicke mir selbst ins Gesicht und sage mir in Gedanken die Worte, die ich jetzt seit Wochen übe.


Mein Name ist Luciana, ich studiere Personalmanagement, ich bin ein offener und fröhlicher Mensch. Mein Name ist Luciana …


Ich atme tief durch, als der Aufzug hält und ein hohes Pling ertönt. Dann wende ich mich den Türen zu und straffe die Schultern, während sie langsam aufgleiten und mir eine neue Welt enthüllen.


Das Licht in der Galerie mit Blick über die Stadt ist gedämpft, leise Pianomusik erfüllt den Raum, untermalt von Stimmengewirr. Small Talk, falsches Gelächter, das Klirren von Champagnergläsern.


Ich setze mein perfekt einstudiertes Lächeln auf, trete aus der Kabine und lasse den Blick über die Menge schweifen.


»Signorina.« Ein Kellner hält mir ein Tablett hin und ich greife nach einem Kelch mit teurem Rosé, als wäre das selbstverständlich für mich. Als wäre ich eines dieser Mädchen, die Luxus dringender brauchen als Luft zum Atmen. Und das ist gut, denn ab heute werde ich genau so ein Mädchen sein.


Ich nehme einen Schluck und durchschreite den Raum, ohne die Kunstwerke an den Wänden auch nur eines Blickes zu würdigen. Ich weiß, wie sie aussehen. Ich weiß, welchem Stil sie entsprechen und was der Künstler zum Frühstück isst. Ich habe mich im Vorfeld genau über alles informiert. Doch ich bin nicht wegen des Künstlers hier.


Langsam, beinahe gelangweilt, setze ich meinen Weg fort, ignoriere die anwesenden Frauen und sehe mir die Männer genauer an. Und dort, in der Nähe der Fenster, entdecke ich ihn. Er trägt einen maßgeschneiderten Anzug und trotz der späten Stunde eine Sonnenbrille im Haar. Sein Lächeln ist gewinnend und jede seiner Gesten verrät, dass er sich für ganz besonders wichtig hält. Keine Frage, das ist er.


Salvatore Cosentino. Der Mann, den ich vernichten werde.


 


***


 


Arecibo, Puerto Rico


 


Alex


 


Jahrestag. Ich weiß, dass dieses Wort für die meisten Menschen etwas Gutes bedeutet. Einen Grund zum Feiern. Für mich bedeutet es, noch härter zu arbeiten als sonst. Erst das gewöhnliche Training, zwei Sparringskämpfe statt einem. Ich habe beide gewonnen.


Dann eine Runde durch die Stadt. Es regnet heute, und wenn es hier regnet, dann richtig. Die Palmen biegen sich im Wind, die Rinnsteine laufen über. Ich jogge durch knöcheltiefe Pfützen, vorbei an den Gassen, in denen ich meine ersten Fights hatte, vorbei am Hafen, raus aus dem Ort, in die Wildnis und wieder zurück. Aber es ist wie an jedem Jahrestag – das Laufen bringt mir keine Ruhe. Es ist, als sei der Geist meines Vaters hinter mir her, ein Mann, der keine Ruhe findet, weil sein Tod bis heute keine Gerechtigkeit nach sich gezogen hat.


Er ist vor mehr als zehn Jahren gestorben und alle, die damit zu tun hatten, machen mittlerweile weiter, als hätte er nie gelebt. Als würde es keine Rolle spielen, was damals genau geschehen ist. Wer schuld war. Und wer dafür immer noch nicht zur Rechenschaft gezogen worden ist.


Es ist schon fast Abend und es regnet immer noch, als ich mein Motorrad vor dem Grundstück meiner Mutter parke, als ich über den Zaun klettere und mich heimlich zu dem Gedenkstein schleiche, der zwischen abgeernteten Mangobäumen in der hinteren Ecke des Gartens steht. Es ist grober Stein, darauf eine kleine Messingplatte, deren Schrift kaum noch lesbar ist. Ich kenne die Worte, die darauf stehen, genau: Viel zu früh gegangen, aber kein Abschied ist für immer.


Ich war schon damals gegen diesen Spruch, als der Stein aufgestellt wurde. Denn mein Vater ist nicht gegangen. Sein Tod war nicht friedlich. Und alle, die jetzt so tun, als wäre die Sache vorbei, als wäre alles wieder in Ordnung, nur weil sie ihm eine Gedenkstätte errichtet haben, ein leeres Grab, an dem sie regelmäßig stehen und traurige Gesichter machen können, sind verdammte Heuchler.


Aber ich werde keiner dieser Heuchler sein. Ich werde für Gerechtigkeit sorgen.


Und ich werde mich auf diesem Weg von nichts und niemandem aufhalten lassen.


 


Kapitel 1


 


Gegenwart


 



Sant’Ambrogio, Italien


 


Alessia


 


38 Grad. Mindestens. Jetzt reicht es mir.


Ich stehe von der Sonnenliege auf und tappe in Richtung Poolhaus. Nach den ersten paar Schritten wird mir klar, dass ich besser meine Flip-Flops angezogen hätte und nach den nächsten paar Schritten scheinen mich meine Fußsohlen abwechselnd zu fragen, ob ich eigentlich bescheuert bin, bei dem Wetter barfuß herumzulaufen. Der Boden ist heiß, und das ist noch untertrieben. Es fühlt sich vielmehr an, als würde ich nicht über Granitplatten, sondern über ein voll aufgedrehtes Ceranfeld laufen. Ein Wunder, dass es noch nicht nach verbranntem Fleisch riecht.


»Signora! Signora, warten Sie!«


Ich halte inne und verziehe das Gesicht. Seit beinahe einem Jahr wohne ich jetzt in diesem Haus, aber an das Personal habe ich mich immer noch nicht gewöhnt. Heimlich nenne ich Rosa, die Assistentin, sowie die Köchin, die Haushälterin und den Gärtner Salvatores Minions.


»Signora! Ziehen Sie doch Ihre Schuhe an!« Rosa schneidet mir den Weg ab und stellt meine Badelatschen vor mich. »Sie tun sich doch weh!«


»Habe ich schon«, gebe ich ein wenig zerknirscht zu und steige in die Flip-Flops von Prada, die Salvatore mir geschenkt hat und die sage und schreibe 200 Euro gekostet haben. 200 Euro! Für Flip-Flops! Ich bin fast vom Stuhl gefallen, als ich das Preisschild gesehen habe. Kein Mensch, der halbwegs bei Verstand ist, würde so viel Geld für einfache Schlappen ausgeben. Aber ich behaupte auch nicht, dass Salvatore bei Verstand ist. Wie betont er immer so schön? Er sei verrückt. Verrückt nach mir.


»Danke, Rosa«, sage ich. »Sie haben mir das Leben gerettet.«


Rosa lacht leise und richtet sich auf. Sie ist Italienerin, genau wie ich, aber mit ihrem rötlichen Haar und der hellen Haut würde sie viel eher als Britin durchgehen. »Ich bitte Sie, dafür bin ich doch da.«


»Wenn Sie nicht wären, hätte man meine Fußsohlen heute zum Abendessen servieren können.« Sofort fällt mir auf, was ich da gerade gesagt habe und vor allem, wie ich es gesagt habe. Ich räuspere mich, stelle mich ein bisschen aufrechter hin und füge hinzu: »Natürlich nur im übertragenen Sinne.«


Wieder dieses verhaltene Lachen von Rosa. »Sie sind ein wirklicher Scherzkeks, Signora«, sagt sie dann und deutet in der nächsten Sekunde aufs Poolhaus. »Möchten Sie einen Sonnenschirm? Ich bringe Ihnen gern einen.«


Innerlich seufze ich. Sehe ich aus, als hätte ich keine Kraft einen Sonnenschirm zu tragen? Oder als wäre ich geistig irgendwie zu beschränkt, ihn aufzuspannen? Aber nach außen hin habe ich mich wieder völlig im Griff. »Das wäre wunderbar«, sage ich und lächle.


Rosa scheint regelrecht froh über den Gefallen zu sein, den sie mir tun kann. »Legen Sie sich wieder hin.« Damit macht sie kehrt und eilt davon.


Ich gehe ein wenig unschlüssig zurück zu meiner Liege und blicke dabei auf die Sonnenlichtreflexe im blauen Poolwasser. Das Becken ist riesig, ein Profischwimmer könnte darin trainieren. Die Steinplatten drumherum sind mit edlen Ornamenten versehen. Die Liegen, die für Sonnenhungrige bereitstehen, bestehen aus biegsamem Tropenholz und Bast. Alles ist vom Feinsten hier, die Poollandschaft ist gerade angemessen für die mediterrane Villa, die sich in ihrem Rücken erhebt – doch die Zeit, in der ich darüber staunte, ist längst vorbei. Und auch die Zeit, in der ich zum Spaß durchrechnete, was dieses ganze Zeug gekostet haben muss, habe ich hinter mir. Jetzt langweile ich mich nur noch und warte darauf, dass es endlich losgeht. Zum Glück dauert es nicht mehr lange, und so langsam beginnt sich eine innere Unruhe in mir breitzumachen, die meine aufgezwungene Untätigkeit nur noch unerträglicher macht. Die letzten Nächte konnte ich kaum schlafen.


»So, hier haben wir den perfekten Schutz gegen die Mittagshitze!« Kaum habe ich mich gesetzt, kommt Rosa zurück und schleppt ein Ungetüm von Sonnenschirm mit sich, unter dem eine ganze Großfamilie Platz finden würde. Sie müht sich ganz schön ab, als sie das Riesenteil in den dafür vorgesehenen Ständer zu wuchten versucht und ich würde ihr gerne helfen, aber das geht nicht.


»Danke«, sage ich stattdessen. »Sie sind ein Schatz.«


»Nicht … doch«, keucht sie, hat den Schirm endlich in eine aufrechte Position gebracht und öffnet ihn.


Augenblicklich wird es kühler. »Wow«, sage ich und strecke mich wieder auf der Liege aus. »Das fühlt sich besser an. Diese Wärme wird mir ja überhaupt nicht fehlen.«


»Die Wettervorhersage sagt für Chicago in den nächsten Tagen auch 28 bis 30 Grad an.«


Ich ächze. Sagt man über Chicago nicht, es sei die Windy City? Da habe ich automatisch mit kühlerem Wetter gerechnet. Ein Fehler, wie es jetzt scheint. Verdammt. Diese Hitze macht mich irre, und wenn sie es hier schon tut, wird sie es dort noch viel mehr tun.


»Apropos. Ich habe Ihre Koffer bereits für Sie gepackt. Sie brauchen sich darum also nicht mehr zu kümmern.« Rosa zieht ihr Handy hervor und öffnet vermutlich eine der vielen Listen, die sie führt, damit sie keine ihrer Aufgaben vergisst und wir unsere Gehirne nicht übermäßig anstrengen müssen.


»Das ist sehr nett«, sage ich, auch wenn ich mir dabei ausmale, wie ich in die Villa laufe, alles wieder herauszerre und die Koffer selber neu packe, nur um etwas zu tun zu haben.


»Das habe ich doch gern gemacht. Ich habe fast all Ihre Sachen unterbekommen, nur bei den Schuhen musste ich ein wenig sortieren. Sie haben jetzt fünf paar gewöhnliche High Heels, vier Paar Sandalen und Sandaletten, drei Paar Stiefeletten, zwei Paar Stiefel, ein Paar Turnschuhe und Ihre Uggs dabei. Kommen Sie damit hin?«


Ich runzle die Stirn und blicke hinauf zu dem cremeweißen Dach, das der Sonnenschirm über mir bildet. Was ist der Unterschied zwischen Sandalen und Sandaletten? Ich wünschte, ich wüsste mehr über Mode. »Das klingt gut«, sage ich schließlich, »aber die Uggs können hier bleiben. So kalt scheint es in Chicago ja nicht zu werden.«


»Sie werden sicherlich bis in den Herbst dort sein, wenn nicht bis in den Winter«, widerspricht Rosa. »Dafür hat Signore Cosentino sie Ihnen doch extra gekauft.«


Ich weiß. Ich erinnere mich, wie Salvo mir die Schuhe feierlich präsentiert hat, mit dem Hinweis, dass sie mal etwas anderes seien und er sehr bedaure, dass sie keinen hohen Absatz hätten. Salvatore hat einen Schuhtick, vielleicht ist es sogar ein kleines Fetisch. So genau weiß ich das noch nicht. Ich weiß nur, dass er die Uggs hässlich findet, aber das ist nicht der Grund, aus dem ich sie hier lassen möchte. Sie sind mit echtem Fell gefüttert, das finde ich das Schlimme daran. Unter normalen Umständen würde ich niemals Pelz tragen.


»Gut, dann lassen Sie sie drin«, sage ich trotzdem.


»Sie werden noch froh darüber sein, wenn Sie erst kalte Füße haben.« Rosa tippt auf dem Telefon herum, dann steckt sie es weg und sieht mich an. »Denken Sie daran, dass Sie sich in etwa einer Stunde für die Feier heute Abend fertigmachen müssen. Ich habe Ihnen ein Kleid bereit gelegt, das wird anschließend gereinigt und uns hinterhergeschickt.«


»Rosa, das ist doch nicht nötig …«


Sie lächelt verschmitzt. »Das ist eines seiner Lieblingskleider, also vertrauen Sie mir. Und jetzt entspannen Sie sich noch ein wenig. Die Reise morgen wird hart genug.« Sie blickt auf das halbleere Glas auf dem kleinen Tischchen neben meiner Liege. »Ich lasse Ihnen einen schönen kalten Eistee bringen«, sagt sie dann, und mit diesen Worten ist sie auch schon wieder weg.


Gott, wie ich sie beneide! Rosa hat immer was zu tun. So viel, dass sie sich vermutlich das Leben wünschen würde, das ich hier führe. Ich kann den ganzen Tag mit Sonnenbaden, Schwimmen, Schlafen und Wellness verbringen. Oder zum Shoppen in eine der umliegenden Städte fahren. Aber das Problem ist, dass ich das eigentlich gar nicht möchte. Ich bin innerlich unruhig und nun, da ich für diese Unruhe kein Ventil mehr habe, wird sie von Tag zu Tag stärker. Morgens, wenn alle noch schlafen oder Salvatore bereits unterwegs ist, ziehe ich mich in die sizilianische Wildnis jenseits des Anwesens zurück und trainiere ein wenig. Aber das ist kein Ersatz für eine echte Aufgabe.


Es ist ja bald vorbei, sage ich mir und beschließe, vernünftig zu sein und noch ein wenig meine Kräfte zu sammeln. Also mache ich die Augen zu, lausche auf die Geräusche aus dem Dorf, das ein ganzes Stück unterhalb des Anwesens liegt und auf das ferne Rauschen des Meeres, und nach ein paar Minuten dämmere ich tatsächlich weg.


 


***


 


Ich stehe vorm Spiegel in meinem Ankleidezimmer und mustere mich in dem engen dunkelroten Kleid, das Salvatore so mag. Es betont meinen schlanken Körper, meine schmale Taille und durch den Schlitz am Schenkel auch meine Beine. Sehr wohl fühle ich mich nicht darin, aber darauf kommt es auch nicht an. Ich schlüpfe in ein Paar High Heels, schwarze Louboutins, die mir Salvo auf unserer Hochzeitsreise nach Paris gekauft hat, und verfluche die Schuhe jetzt schon. Nichts ist so unbequem wie Louboutins. Was gäbe ich jetzt für meine alten Bikerboots.


Eingehend betrachte ich mich von oben bis unten, dann entscheide ich, dass ich für den Anlass aufgestylt genug bin. Heute Abend wird noch einmal die ganze Familie zu uns in die Villa kommen, um sich zu verabschieden. Alle wissen, was von unserer Reise nach Chicago abhängt, alle sehen es als Mission, als letzten Strohhalm, um den legendären Cosentino-Clan zu retten, und so wird es sich kein noch so entfernter Cousin nehmen lassen, heute hier zu sein. Ich mag diese Leute nicht besonders. Sie sind unfassbar wichtigtuerisch. Aber was habe ich für eine Wahl?


Ich wende mich vom Spiegel ab und verlasse das beinahe gänzlich leer geräumte Ankleidezimmer. Eigentlich will ich nach unten gehen um nachzusehen, ob Salvatore schon zu Hause ist – stattdessen laufe ich ausgerechnet Tommaso in die Arme.


Tommaso, Salvos Sohn aus erster Ehe, kommt praktisch im selben Moment aus dem Bad, als ich aus dem Ankleidezimmer trete, und weil er auf sein Handy starrt, rennt er ungebremst in mich hinein.


»Au, pass doch auf!«, beschwere ich mich, als ich mit der Schulter gegen die Wand pralle, und weiß sofort, dass ich einen Fehler gemacht habe. Denn Tommasos Blick, als er von seinem Smartphone aufsieht, verrät mir sofort, dass er mich keineswegs versehentlich angerempelt hat.


»Sorry, Mutter«, sagt er und seine Stimme trieft vor Ironie. Kein Wunder. Er ist ein Jahr älter als ich. »Aber ich hab so eine seltene Augenkrankheit.« Er baut sich vor mir auf und lässt die Muskeln spielen. »Für Schmarotzer bin ich einfach blind.«


Haha. Er ist ja so lustig. Am liebsten würde ich ihm für seine blöden Sprüche direkt eine knallen. Stattdessen setze ich ein verletztes Gesicht auf und frage: »Wann wirst du endlich damit aufhören?«


Tommaso mustert mich von oben bis unten, so wie ich mich gerade eben gemustert habe, nur mit viel mehr Geringschätzung im Blick. Noch immer steht er dicht vor mir und hofft vermutlich, dass er mir Angst macht. Mit seinen vielen Muskeln und seinem hochgewachsenen Körperbau wäre das bei manch anderer vielleicht auch der Fall. Ich hingegen finde ihn nur lächerlich, denn trotz allem hat er ein Babyface und alberne kleine Gel-Löckchen, mit denen er einfach wirkt wie ein überbreiter TV-Schönling aus der Schokoladenwerbung.


»Wenn du aufhörst, dich von meinem Vater aushalten zu lassen, vermutlich«, sagt er


»Okay, und wann wirst du damit aufhören?«, kann ich mir einen kleinen Seitenhieb nun doch nicht verkneifen, denn Tommaso hat trotz seiner 25 Jahre keinen Job und bisher noch nie irgendwas zum Familienvermögen beigetragen. Ich weiß, dass sich das bald ändern wird, aber das wird es bei mir auch, denn wir werden in Chicago beide arbeiten. Nichtsdestotrotz machen ihn meine Worte nur umso wütender.


»Jetzt hör mir mal gut zu«, zischt er und beugt sich so weit zu mir herunter, dass ich den Minzhauch seines Kaugummis riechen kann.


Aber weiter kommt er nicht, denn in diesem Moment ist unten die Haustür zu hören, gefolgt von Salvatores fröhlicher Stimme: »Wie ich sehe, komme ich der Meute zuvor! Halleluja!«


Tommaso prallt zurück und ich lächle ihn vielsagend an. Hat unser Muskelpaket Angst vor Papi? Nun, wenn Papi ein führendes Mitglied der Cosa Nostra ist, wie in Tommasos Fall, ist das vermutlich gar nicht mal so erstaunlich.


Ich löse mich von der Wand, wende mich der Treppe zu und eile, noch breiter lächelnd, nach unten. »Hallo, Liebling!«


Salvatore steht an der Tür und wird im Vorbeigehen von den Hausangstellten begrüßt, die gerade dabei sind, alles für das abendliche Fest vorzubereiten. Doch er hat nur Augen für mich. Strahlend blickt er mir entgegen und ruft aus: »Diese Frau! Dieses Kleid!«


Ich lache und werfe mich ihm in die ausgebreiteten Arme. »Ich dachte mir, dass du es gern noch einmal sehen möchtest, bevor wir abreisen.«


Er drückt mir einen Kuss auf die Lippen, dann sieht er mich an. »Du wirst es doch wohl mitnehmen! Andererseits wüsste ich da auch ein paar andere Kleidungsstücke, in denen ich dich nur zu gerne sehe …« Während er das sagt, wandern seine Lippen meinen Hals hinunter und mir läuft ein Schauer über den Rücken – ein kalter Schauer der Abscheu.


Doch bevor ich in die Verlegenheit komme, irgendwas Romantisches oder Erotisches oder was auch immer erwidern zu müssen, räuspert sich jemand laut von der Treppe her und Salvo lässt von mir ab.


»Tommaso! Ich wusste gar nicht, dass du schon hier bist!«


»Du meinst, weil ich im Gegensatz zu deinem Frauchen ein Leben außerhalb dieser Villa habe?«


Ich lache leise. »Jetzt tut er wieder so. Dabei war ich erst vorgestern mit Pina bei der Maniküre«, sage ich so unschuldig und tussihaft, wie ich kann.


Salvatore schlingt einen Arm um meine Taille und zieht mich an sich. »Hast du gehört, Tommaso? Meine Frau ist gut damit beschäftigt, für mich schön zu sein.«


Tommaso macht ein Gesicht, als müsste er gleich kotzen. »Verschont mich mit den Details!« Damit verschwindet er in der Küche, vermutlich, um sich von der Köchin einen seiner heiß geliebten Eiweiß-Shakes zubereiten zu lassen. Manchmal führt er sich echt auf wie ein Teenager.


Aber gut, meine Bemerkung über die Maniküre dürfte ihn auch ziemlich provoziert haben. Seit ich vor rund anderthalb Jahren mit seinem Vater zusammengekommen bin, nachdem wir uns auf einer Vernissage in Palermo kennengelernt hatten, liebt er es, mir vorzuwerfen, dass ich es nur auf das Geld seiner Familie abgesehen hätte. Dabei betone ich stets, dass ich auch bei Salvatore wäre, wenn wir gemeinsam in einer Hütte im Wald leben müssten. Und das stimmt sogar. Denn wenn eines nicht der Grund ist, aus dem ich mit ihm zusammen bin, dann ist das sein Geld.


Ich seufze tief. »Ob er sich je vernünftig mit mir unterhalten wird?«


»Lass ihm Zeit, Liebes!« Salvatore wendet sich mir wieder zu. »Er ist nur beleidigt, dass sein alter Herr eine so junge und schöne Frau abbekommen hat.«


»Jetzt übertreibst du aber«, sage ich und winde mich spielerisch in seinem Griff.


»Sag das noch mal, wenn meine Brüder und Cousins nachher mit ihren runzligen Schreckschrauben hier auftauchen.«


Ich lache und lege ihm eine Hand auf die Lippen. »Das sind alles nette Frauen, Salvatore.«


»Nett fühlt sich im Bett aber nicht so gut an wie du«, sagt er und lässt seine Lippen schon wieder über meinen Hals gleiten. »Wann machen wir zwei ein Baby, hm?«


»Salvatore …« Ich spüre selbst, wie ich mich in seinen Armen versteife. Das Thema liegt mir nicht so ganz und ich überlege hektisch nach einer Ausflucht. Gern würde ich das anwesende Personal vorschieben, aber ich habe kein Glück: Im Augenblick sind wir tatsächlich ganz allein in der Diele. »Jetzt im Moment ist es ganz schlecht«, sage ich darum. »Wir sollten erst einmal sehen, wie die Geschäfte in Chicago so laufen, findest du nicht?«


»Du kannst die Geschäfte getrost meine Sorge sein lassen«, erwidert er und sieht mich an. »Ich verstehe gar nicht, dass du dich damit so schwer tust. Den ganzen Tag Freizeit, Entspannung, das klingt für mich himmlisch.«


Ich mustere ihn tadelnd. »Vergiss bitte nicht, dass du 20 Jahre älter bist als ich.«


Er seufzt schwer und fährt sich mit der Hand durchs leicht grau melierte Haar. »Wie könnte ich je!« Dann wendet er sich dem mannshohen Spiegel zu, der an einer der Wände befestigt ist, und richtet spaßeshalber seine Kleider. »Noch bin ich vorzeigbar, aber was wirst du tun, wenn ich erst sechzig bin? Oder siebzig?«


»Ich werde dich als runzlige Schreckschraube bezeichnen, aber nur hinter deinem Rücken.«


Nun ist er derjenige, der mich tadelnd ansieht. »Solange du nicht mit Tommaso durchbrennst.«


»Tommaso hasst mich.«


»Setz dich durch, du bist seine Mutter!«


»Ha ha«, erwidere ich und gebe ihm einen weiteren Kuss. »Jetzt geh dich frisch machen, die ersten Gäste werden bald kommen.«


»Wenn ich dich nicht hätte«, säuselt Salvatore und schiebt sich an mir vorbei Richtung Treppe.


Ich blicke ihm nach, wie er beschwingt die marmornen Stufen nach oben nimmt und denke, dass er sich schon bald wünschen wird, er hätte mich nie kennengelernt. Wieder lächle ich, und diesmal fühlt es sich zur Abwechslung echt an.


 


Kapitel 2


 


Arecibo, Puerto Rico


 



Alex


 


Ich greife nach Marisols Arm und löse ihre verschwitzte Haut von meiner.


»Hör auf damit«, protestiert sie im Halbschlaf.


»Ich muss aufstehen«, gebe ich zurück. »Mein Flug geht heute Abend und ich muss vorher noch jemanden außerhalb besuchen.«


»Alex.« Sie rollt sich unwillig von mir herunter und sieht mich vorwurfsvoll an, während ich aufstehe. »Flieg von mir aus nach Chicago. Sieh dir die Stadt an. Dein altes Zuhause. Triff ein paar Leute wieder. Schließ mit dem ganzen Mist ab und komm zurück.«


»Und dann?«, frage ich, wobei ich meine Sachen zusammensuche, die auf dem Boden ihres Zimmers verteilt liegen. Marisol lebt mit ihrem Bruder in einer Wohnung, die auch nicht viel größer ist als die auf der gegenüberliegenden Straßenseite, in der ich die vergangenen Jahre über gewohnt habe. Sie leben davon, dass sie noch kleinere Wohnungen an Typen wie mich vermieten. Und an irgendwelche Surfer, Touristen, was weiß ich. »Dann komme ich wieder und wir leben glücklich und zufrieden bis an unser Lebensende?«


»Idiota.« Sie bewirft mich mit einem Kissen. »Ich bin nicht mehr in dich verliebt, falls du das denkst.«


»Ja, das denke ich«, erwidere ich und mustere sie genau. Ihr Haar ist dunkel wie meins, aber statt meiner blauen Augen hat sie braune. Eine echte Puertoricanerin. Marisol und ich waren vor zwei Jahren für eine Weile ein Paar, aber es hat nicht funktioniert. Sie wollte schon damals Familie und das ganze Zeug. Wir haben uns getrennt und sie hatte seitdem ein paar andere Partner, aber von Zeit zu Zeit landet sie immer noch in meinem Bett. Oder ich in ihrem.


»Du bist ein Freund. Und ich will nicht, dass einem Freund etwas zustößt.«


»Dann sei froh, dass du nicht mit den Typen befreundet bist, auf die ich’s abgesehen habe.« Ich ziehe meine Unterhose über und werfe mir den Rest der Sachen über die Schulter. »Kann ich bei euch duschen? Hector hat das Wasser drüben schon abgedreht.« Ich blicke aus dem Fenster, herüber zu dem Gebäude, in dem ich bis gestern gelebt habe. Es ist alt, überall bröckelt der Putz, und seit dem letzten Sturm lehnt eine entwurzelte Palme an der Wand, die dort langsam aber sicher vertrocknet. Das hier ist nicht gerade die beste Gegend der Stadt. Als Kind habe ich außerhalb gewohnt, direkt am Strand. Aber mir gefällt das hier besser. Es ist echter.


»Von mir aus.« Marisol lässt sich zurück aufs Bett sinken und ihre Augen ruhen immer noch auf mir. »Du ziehst es also durch, ja?«


»Ja.« Ich blicke wieder zu ihr herüber.


»Jetzt verstehe ich, weshalb du dir diese Tätowierung hast machen lassen«, sagt sie mit einem Blick auf meinen Oberkörper. »Du bist tatsächlich verrückt.«


Ich lächle sie wortlos an, dann wende ich mich der Tür zu.


»Pass auf dich auf, Alex«, sagt sie.


»Das mache ich immer.« Ich öffne die Tür und bin schon halb draußen, in dem kleinen Flur, der von Marisols Zimmer in den Rest der Wohnung führt, als ich mich noch einmal zu ihr umdrehe. »Darf ich’s noch mal sehen?«, frage ich und lehne mich in den Rahmen.


»Du spinnst ja wohl.«


»Es könnte das letzte Mal sein.«


Marisol schüttelt den Kopf und mustert mich, als würde sie mich für völlig irre halten. Dann zieht sie die dünne Decke ein Stück herunter und lässt mich einen Blick auf ihre prallen Brüste werfen.


»Die werden mir fehlen«, sage ich, und füge im Weggehen hinzu: »Mehr als deine große Klappe.«


»Alex Silva!«, ruft sie mir nach, »Ich schwöre bei Gott –«


Den Rest ihrer Worte bekomme ich nicht mehr mit. Aber es ist mir ganz recht, wenn wir uns so verabschieden. Die rührselige Nummer kommt nachher noch auf mich zu, und wenn ich ehrlich bin, habe ich schon im Voraus die Schnauze voll davon.


In der Küche, die zwischen Marisols Zimmer und dem Bad liegt, erwartet mich ein ziemlich mies gelaunter Hector. Er sitzt an der Küchentheke, kaut auf ein paar Cornflakes herum und mustert mich, als wäre ich Charlie Manson. Und das, obwohl wir seit unserer Schulzeit so was wie beste Freunde sind.


»Alter, ich weiß, sie ist deine Schwester, aber wir waren mal zusammen, also verstehe ich nicht, weshalb du dich so aufregst.«


Hector schüttelt den Kopf. »Ich bin nicht wegen Marisol sauer. Dass ich dich umbringe, wenn du sie unglücklich machst, weißt du längst.«


»Sondern?«, frage ich, während ich aus meiner Reisetasche, die am Boden steht, frische Sachen suche.


»Das ganze Zeug in deiner Bude! Du kannst nicht einfach alles stehen und liegen lassen! Wo soll ich mit der Matratze hin? Dem Schrank? Dem Sandsack?«


»Behalt ihn und trainier deine Puddingarme.«


»Ich hab meinen eigenen Sandsack, danke! Außerdem ist das lange nicht alles. Was ist mit deinen ganzen Kritzeleien?«


»Du kannst alles wegwerfen, amigo«, erwidere ich und stehe auf.


»Wofür hast du das ganze Zeug fabriziert, wenn ich es jetzt wegwerfen soll?«


»Damit du was zu tun hast«, erwidere ich und schnappe mir einen Apfel aus der Obstschale.


»Komm schon, Alex!« Hector schiebt die leere Schüssel von sich. »Das kannst du nicht bringen! Ich muss die Bude schnell wieder neu vermieten, ich hab keine Zeit, sie zu entrümpeln!«


»Und ich hab ein Ticket nach Chicago.« Hector weiß, dass meine Abreise ziemlich spontan kommt. Erst vor etwas mehr als einer Woche habe ich beschlossen, dass es jetzt losgeht. Trotzdem hätte ich theoretisch genug Zeit gehabt, die Bude leerzumachen, und das weiß er ebenfalls genauso gut wie ich.


»Ist mir egal«, sagt er deshalb.


Ich beiße in den Apfel und denke kurz nach. »Okay«, sage ich dann. »Pass auf. Wir treffen uns in fünf Minuten bei mir und handeln die Sache aus. Gewinnst du, buche ich um und sorge selber für Ordnung. Gewinne ich, machst du’s.«


Hector mustert mich skeptisch und ich sehe ihm an, dass er sich am liebsten nicht auf diesen Vorschlag einlassen würde. Aber gleichzeitig ist er viel zu stolz. Ich fordere ihn hier gerade zu einem Fight heraus. Es könnte unser letzter sein. Er wird den Teufel tun und nein sagen.


Noch einen Moment lang sieht er mich an, dann lacht er lautlos und schüttelt den Kopf. »In Ordnung, muchacho. Tragen wir’s aus.«


 


***


 


»Klopf ab! Na los!« Ich bringe meine Ellbogen noch näher zusammen und mein Choke um Hectors Hals wird zwangsläufig enger.


Hector keucht, versucht aber immer noch, sich zu befreien. Er tastet mit den Händen nach Halt am Boden, um sich irgendwie aus meinem Griff zu winden.


Ich hindere ihn nicht daran, soll er nur rumzappeln. Irgendwann wird ihm klar werden, dass er schon verloren hat. Bis dahin begnüge ich mich damit, meinen Würgegriff noch ein wenig anzuziehen.


Hector gibt einen Laut von sich, der mir ein bisschen zu sehr nach einer Beschimpfung klingt. Eigentlich sollte ich ihm dafür gleich noch eine Extratracht Prügel verpassen, aber er muss nachher noch Möbel schleppen, also wäre es nicht klug, es zu übertreiben.


»Klopf ab«, rate ich ihm erneut. In der Position, in der sich meine Arme gerade befinden – der rechte um seinen Hals geschlungen, der linke halb auf seiner Schulter, halb in seinem Nacken, könnte ich ihm mühelos das Genick brechen. Was ich natürlich nie machen würde. Zumindest nicht bei ihm. Also beschränke ich mich darauf, mir anzusehen, wie seine Gegenwehr schwächer wird, wie er zu husten beginnt und sich eine Ader immer deutlicher auf seiner Stirn abzeichnet.


Okay. Zeit, die Sache zu beenden. Mit einem Ruck verstärke ich den Griff, drücke fester gegen seinen Kehlkopf, seine Augen weiten sich und er klopft endlich ab, zweimal mit der flachen Hand auf die Matte – das Signal, dass der Kampf auf der Stelle beendet ist.


Ich lasse ihn los und er rollt sich auf den Boden, hustet, hält sich den Hals fest. »Estás loco?«, keucht er. »Bastardo de mierda! Hijo de un perro callejero sarnoso!«


Ich lache ihn aus, während ich aufstehe. Jeden anderen würde ich warnen, dass er besser aufpassen soll, wie er meine Mutter nennt. Als räudige Straßenhündin dürfte sie zumindest sonst keiner bezeichnen. Aber bei Hector weiß ich, dass er es nicht so meint. Er hat nur Schmerzen, das ist alles.


»Hier, wisch dir den Angstschweiß ab.« Ich werfe ihm ein Handtuch zu.


»Vete a la mierda!«, schimpft er weiter, was so viel bedeutet wie dass ich mich verziehen soll.


Nach all den Jahren in Puerto Rico kenne ich so ziemlich jede gängige und auch nicht so gängige Beleidigung. Das Zentrum von Arecibo ist ein Themenpark, aber auf den Hinterhöfen der Vororte wird eine andere Sprache gesprochen.


»Beruhig dich wieder. Du pisst dir ja gleich in die Hose vor lauter Selbstmitleid.« Ich nehme mir ein eigenes Handtuch, wische mir über die Arme und das Gesicht, dann werfe ich es in die Wäschetonne in der Garagenecke. »Kümmerst du dich um das Zeug hier unten auch, wenn ich weg bin?« Meine Wohnung befindet sich eigentlich über der Garage, aber weil sie in der letzten Zeit nicht vermietet war, konnte ich sie mitbenutzen. Als improvisiertes Gym.


»Was heißt, mich darum kümmern?«, fragt Hector, während er sich endlich aufrichtet. Seine Stimme klingt immer noch, als hätte er eine schwere Erkältung. »Soll ich es wegwerfen? Einlagern? Soll ich deine abgewetzten Matten und alten Handtücher etwa noch verkaufen, he?«


»Du kannst dir auch ’nen Pullover daraus stricken, ist mir relativ egal«, gebe ich zu und öffne den alten Kühlschrank, der brummt, als würde ich dort drinnen Bienen züchten. »Hauptsache, ich bin den Kram los.« Ich nehme zwei Flaschen Wasser heraus, werfe Hector eine zu und stelle fest, dass er mich ziemlich ernst mustert. »Was?«, frage ich.


»Ist dir das wirklich alles so egal? Wenn du zurückkommst, musst du irgendwo wohnen.«


»Darüber mach ich mir dann Gedanken.«


»Was, wenn die ganze Sache schief geht? Überleg doch mal! Vielleicht stehst du schon nächste Woche wieder hier auf der Matte, und guckst blöd, wenn ich dein Zuhause ausgeräumt und weitervermietet habe.«


»Die Sache wird nicht schiefgehen«, erwidere ich und leere die halbe Flasche auf ex, wobei mich Hector immer noch ansieht, als wäre einer gestorben.


»Überleg es dir nochmal«, sagt er.


Am liebsten würde ich ihm darauf gar keine Antwort geben. Seit wir uns kennen, hatten wir das Thema dutzende, wenn nicht hunderte Male. »Du weißt, dass ich das nicht tun werde«, sage ich darum nur.


»Es geht um eine alte Geschichte, Alex! Eine Geschichte, die fast älter ist als du! Warum kannst du die Vergangenheit nicht ruhen lassen?«, wiederholt er fast exakt das, was seine Schwester vorhin schon vorgeschlagen hat.


Tja, warum kann ich das nicht? Das ist eine gute Frage. Vielleicht ist es am besten zu beschreiben mit dem Gefühl, eine unbezahlte Rechnung zu Hause liegen zu haben. Man kann sie ignorieren, sie in irgendeiner Schublade verstecken, man kann sie sogar wegwerfen und so tun, als hätte man sie nie bekommen. Aber das ändert nichts an den Tatsachen: Diese Rechnung bleibt offen, und irgendwann muss man sie begleichen. Und genau das werde auch ich tun, denn ich habe nicht vor, mein Leben von einer offenen Rechnung bestimmen zu lassen. Entweder begleiche ich sie oder ich sterbe bei dem Versuch.


Aber vermutlich eher Ersteres, denn ich glaube nicht, dass es so sonderlich einfach ist, mich umzubringen.


»Keine Antwort ist auch eine Antwort«, seufzt Hector, richtet die Matte auf und stellt sie an die Wand. »Wirst du dich wenigstens von Zeit zu Zeit melden? Mal anrufen oder eine Nachricht schreiben?«


»Du klingst wie ’ne eingeschnappte Ehefrau.«


Hector sieht mich beleidigt an, dann wirft er mir sein nasses Handtuch vor die Brust. »Als ob dich eine heiraten würde!« Damit verlässt er die Garage.


»Ich werd schon von mir hören lassen«, sage ich mehr zu mir selbst als zu ihm und mache das Tor zu. Zeit, meine Sachen zu packen. In ein paar Stunden werde ich im Flugzeug sitzen. Zurück nach Chicago. Ich bin gespannt, ob ich die Stadt nach all den Jahren noch wiedererkenne.


 


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