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> Belletristik > Leilani – Die Blume des Himmels
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Belletristik
Buch Leseprobe Leilani – Die Blume des Himmels, Annette Hennig
Annette Hennig

Leilani – Die Blume des Himmels



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Prolog
Berlin, 1990
Nur zögerlich bahnte sich die Sonne einen Weg durch den Nebel. Es war bereits gegen Mittag, als die junge Frau die wärmenden Strahlen spürte, die ihr Gesicht streichelten und ihre blasse Haut verwöhnten.
Sie stieg in ihr Auto, summte eine leise Melodie und vergaß für Augenblicke ihren Kummer. Ihre Winterjacke hatte sie an diesem ersten Frühlingstag gegen die Lederjacke getauscht, die sie so sehr liebte. Weiches graues Nappaleder umspielte die schmal gewordenen Hüften, die überschlanke Taille und den Busen, der merklich an Umfang eingebüßt hatte. Zierlich war sie schon immer gewesen, doch jetzt bot sie einen geradezu mageren Anblick. Das Leid des vergangenen Jahres hatte nicht nur körperliche Spuren hinterlassen, auch ihr trauerndes Herz lechzte nach Sonne und wollte Frieden schließen mit der Qual, die so unverhofft und gnadenlos in ihr Leben getreten war.
Frohen Mutes lenkte sie ihr Auto durch die vertrauten Straßen, doch als sie wenig später vor dem Elternhaus parkte, kehrte ihr ganzes Elend zurück. Sie stellte den Motor ab, blieb einigeAugenblicke ruhig im Wagen sitzen und blickte zum Fenster hinaus auf das Haus, in dem sie aufgewachsen war. Lange verharrte sie jedoch nicht hinter dem Lenkrad. Beherzt stieg sie aus dem Wagen, um zu tun, was getan werden musste. Ihr blieb keine Wahl, nur der Blick nach vorn konnte ihr helfen.
Entschlossen schritt sie auf ihr Elternhaus zu. Zwanzig wundervolle Jahre hatte sie hier verbracht. Vor acht Jahren war sie ausgezogen, bei Freundinnen in einer Wohngemeinschaft untergekommen und hatte sich dann, nach Abschluss ihres Studiums, eine eigene Wohnung eingerichtet.
Weitere zwei Jahre waren seitdem vergangen. Leise seufzte sie. Wie stolz war ihre Mutter damals auf sie gewesen. Später, als sie nicht in ihr Elternhaus zurückgekehrt war, hatte sich Mutters Stolz in Enttäuschung gewandelt. Doch nach ein paar schweigsamen Wochen war die Traurigkeit ihrer Mutter verflogen, und seit jener Zeit konnte die junge Frau ihr neues Leben in den eigenen vier Wänden genießen.
Gedankenverloren öffnete sie das Gartentor. Sein Quietschen ließ sie trotz ihres Kummers lächeln. Oft hatte dieses Geräusch sie verraten, wenn sie zu spät nach Hause gekommen war. Immer hatte sie dann ihrer Mutter vorgehalten, sie fette die Scharniere nur deshalb nicht, um sie besser belauern zu können.
Versonnen schaute sie zur Eingangstür. Das Haus war vor kurzer Zeit frisch gestrichen worden. Ein blasses Himmelblau zierte seither seine Front, die in einem dunklen Blau gehaltenenFensterläden drängten sich in den Vordergrund.
Auf halbem Weg hielt die junge Frau inne und schaute sich um. Wehmütig flog ihr Blick über Blumenbeete und Gartenweg und suchte das Windspiel über der Tür. Sein leises Klimpern erinnerte sie an die Zeit, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war. Ihre Mutter hatte ihr oft eine beschwingte Melodie zu den Tönen der bunten Glöckchen vorgesummt.
Entsetzt sah sie jetzt zur Tür, als sie ihre Mutter im Türrah7
men erblickte, ihr zuwinkend, wie sie es immer tat. Mit ausgebreiteten Armen rannte sie auf sie zu – und blieb an den Stufen, die zum Eingang hinaufführten, stehen.
Das Bild der Mutter war verschwunden, ihre verletzte Seele hatte ihr ein Trugbild vorgegaukelt: Der einzige Mensch, der für sie Familie gewesen war, hatte sich leise davongeschlichen.
Sie straffte die Schultern, holte tief Luft und drehte den Schlüssel im Schloss. Die Tür sprang auf, der vertraute Duft getrockneter Rosenblätter drang an ihre Sinne. Beklommen tratsie ein und wagte nicht, die Tür hinter sich zu schließen.
Die Räume lagen verwaist, Staub hatte sich in den letzten Monaten auf die Möbel gelegt, doch die junge Frau kümmerte es nicht. Auf ihrem Weg durchs Haus erinnerte sie sich an behütete Kindertage. Später, in ihrer Jugendzeit, hatte sie oft mit der Mutter gestritten. Heute kam ihr diese spannungsgeladene Zeit wie ein Sommerspaziergang vor. Bedeutungslos erschienen ihr die Wortgefechte von damals im Gegensatz zu dem Kampf, den sie beide im letzten Jahr gekämpft und schließlich doch verloren hatten.
Im Zimmer ihrer Mutter streifte ihr Blick das alte Vertiko, das nicht zu den restlichen Möbeln im Haus passte.
Niemals hatte sie es allein öffnen dürfen. Selbst die Augenblicke, in denen die Mutter das Schubfach in ihrem Beisein aufgezogen und ihm etwas entnommen hatte, konnte sie an einer Hand abzählen.
Oft schlich sie sich ins Zimmer, um die verbotenen Dinge unter die Lupe zu nehmen, von denen sie glaubte, dass sie in diesem Schrank schlummerten. Immer, wenn sie die Hände auf das warme Holz legte, stieg Angst in ihr auf, ertappt zu werden, und Zweifel an der Richtigkeit ihres Tuns machten sich breit. Nur ein einziges Mal wagte sie es, die Schublade ein kleines Stück herauszuziehen. Und war von deren Inhalt enttäuscht gewesen: nichts als alte Wäsche, in die Jahre gekommen undvergilbt. Leise schob sie das Schubfach wieder zu und stahl sich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer. Ihre Mutter bedachte sie später an diesem Tag mit einem strengen Blick. Dann erzählte sie ihr eine Geschichte aus der Zeit, als sie selbst noch ein Kind gewesen war. Währenddessen ging sie zum Vertiko und holte zwei auserlesene Stücke hervor, die sie damals bekommen hatte, an denen wertvolle Erinnerungen und ihr ganzes Herz hingen. Kein Wort hatte sie über den Ungehorsam der Tochter verloren, doch die junge Frau glaubte seit jenem Tag, ihre Mutter enttäuscht zu haben.
Schnell schob sie die düsteren Gedanken beiseite und lief die Treppe hinab. Sie atmete tief die frische Luft ein, die zur offenen Eingangstür hereinströmte. Sie ging zurück zu ihrem Auto und nahm die leeren Umzugskartons aus dem Kofferraum, die sie gestern im Baumarkt gekauft hatte. Ein paar Erinnerungsstücke würde sie behalten, mehr nicht. Um einen Käufer für das Haus hatte sie sich noch nicht gekümmert, doch ihr war klar, dass sie ihr Elternhaus verkaufen musste. Sie hatte es ihrer Mutter versprochen und sie würde ihr diesen letzten, wenn auch seltsamen Wunsch erfüllen. Dennoch trauerte sie schon jetzt um dieses Haus, in dem sie so viele Jahre glücklich gewesen war.
Sie hatte keine Geschwister, ihren Vater kannte sie nicht. Nie hatte ihre Mutter von Verwandten gesprochen, und sie hatte sie auch nicht danach gefragt. Beide hatten sie nichts vermisst, ihre Zweisamkeit war ihnen Familie genug gewesen.
Gedankenverloren ging sie ins Haus zurück und begann auszuräumen. Sie öffnete das alte Vertiko und packte eilig dessen Inhalt in die Kartons. Sie überlegte nicht lange, zögerte nicht, betrachtete nur oberflächlich, was sie den Fächern entnahm. Sie würde diese Dinge erst später genauer betrachten, noch waren die Erinnerungen zu schmerzlich.
Als siefertig war, trug sie die wenigen Kartons nach und
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nach die Treppe hinunter und stapelte sie neben der Eingangstür. Dann lief sie noch einmal die Stufen hinauf und legte einen großen Zettel mit der Aufschrift »Bleibt hier!« auf das Vertiko. Der Unternehmer, den sie beauftragt hatte, das Haus auszuräumen, würde in der nächsten Woche mit seiner Arbeit beginnen, und sie musste sichergehen, dass er das alte Möbelstück nicht mitnahm.
Versonnen strich sie über die glänzende Politur und überlegte, wie sie es anstellen sollte, das gute Stück in ihre Wohnung am anderen Ende der Stadt zu transportieren. Als sie den Schrank ein Stück von der Wand abrückte, um sein Gewicht zu prüfen, ertastete sie einen Gegenstand, der an der Rückwand lehnte. Noch einmal zog und schob sie, dann ergriff ihre Hand, was sich ihren Augen noch verbarg. Vorsichtig zog die junge Frau ein Bild hervor, das nicht gerahmt war. Sie trat damit näher zum Fenster, durch das die Sonne jetzt hell ins Zimmer schien. Eine Weile betrachtete sie das mit Ölfarbe gemalte Bild, das genau wie das Vertiko in die Jahre gekommen war. Es zeigte ein Haus, das sie nicht kannte. Auch die Umgebung, in der dieses imposante Haus stand, war ihr unbekannt. Das Gemäldegefiel ihr, und so gesellte es sich zu den Kartons neben der Tür.
Leise, nicht ohne schmerzvolle Blicke, streifte sie dann ein letztes Mal allein durch die Räume.
»Lebe wohl!« Mit Tränen in den Augen, die sie nicht mehr zurückzuhalten vermochte, zog sie die Tür hinter sich ins Schloss. Sie atmete tief durch und kämpfte gegen ihren Schmerz an.
Tapfer marschierte sie zu ihrem Auto, ließ die glücklichen Tage in diesem Haus zurück und machte sich auf den Weg in eine Zukunft, von der sie nicht wusste, wo sie lag.


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