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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Leben im Matriarchat, Lean Birkthal
Lean Birkthal

Leben im Matriarchat


Eine Reise durch die Geschichte der Frau

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Menui im Alten Ägypten Menui war Halbwaise. Ihr Vater war bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen. Ihre Mutter, die als Witwe nur einen sehr niederen Status innehatte, musste schnellstmöglich versuchen, ihre Tochter zu verheiraten. Einerseits wollte sie ihre Tochter versorgt wissen, andererseits blieb für jeden mehr übrig, wenn eine Esserin am Tisch fehlte. Menuis Mutter traf sich heimlich mit Herren der höheren Gesellschaft, um ihnen ihren Körper gegen Naturalien zur Verfügung zu stellen. Da in ihrer Gegend viele allein stehende Frauen ihr kärgliches Dasein fristen mussten, war sie gezwungen, sehr vielen Männern zu Willen zu sein, um ihre Familie über die Runden zu bringen. Um Menui für Männer attraktiv zu machen, hatte sie sie im Alter von zehn Jahren pharaonisch beschneiden lassen. Sie hatte mit über zwanzig Männern schlafen müssen, um genug für die Arbeit einer professionellen Beschneiderin zusammenzubekommen. Sie hätte es auch selbst tun können, war aber davor zurückgeschreckt. Wenn ihre Tochter schon leiden musste, dann wenigstens so wenig wie möglich. Die Fingerfertigkeit und Schnelligkeit einer professionellen Beschneiderin hätte sie niemals erreichen können. Sie hasste dieses Ritual und wäre fast vor Kummer gestorben, als sich Menuis Heilung über Wochen hinzog. Sie wusste, welche Schmerzen sie ihrer Tochter bereitet hatte, kannte aber keinen anderen Ausweg, um ihr ein einigermaßen lebbares Leben zu ermöglichen. Menui war kaum vierzehn, als ein Freier sich für sie interessierte. Menui war alles beigebracht worden, was einen Ehemann befriedigen würde. Allerdings suchte der Freier keine Frau für sich, sondern für seinen Sohn. Der Halb-wüchsige war für sein herrisches und überhebliches Auftreten bekannt, verfügte aber über einen Vater mit viel Einfluss und einem stattlichen Vermögen. Obwohl Menuis Mutter klar war, dass ihre Tochter an der Seite dieses großspurigen und verwöhnten Jünglings niemals glücklich werden würde, stimmte sie einer Hochzeit zu. Kurz vor der Vermählung sprach sie beim Vater des Bräutigams vor und bat ihn, ihre Tochter vor der Hochzeitsnacht selbst öffnen zu dürfen. Natürlich war es eine barbarische Handlung, die eigene Tochter aufzuschneiden, aber immer noch besser, als diese Arbeit von einem brutalen Ehemann durchführen zu lassen. Sie sprach aus Erfahrung. Ihr eigener Ehemann, der Vater von Menui, war nicht gerade zaghaft mit ihr selbst umgegangen. Diese Prozedur wollte sie ihrer Tochter ersparen. Es war nicht außergewöhnlich, dass die Mutter oder eine Schwester die Ehefrau öffnete, da viele Männer es nicht ertragen konnten, mit einem Messer am Unterleib einer Frau zu hantieren. Viele Männer öffneten ihre Ehefrauen nur ein-mal. Danach überließen sie diese Brutalität gern anderen, da sie die Blutungen und die Schreie der Frau nicht aushielten. Der Sohn wurde gerufen und vom Vater befragt. Da der Jüngling schon immer in der Öffentlichkeit mit seiner angeblich überbordenden Männlichkeit geprahlt hatte, lehnte er ab und erklärte, dass er die Öffnung seiner zukünftigen Frau natürlich selbst vornehmen würde. Er hätte keine Lust, diese schöne Tätigkeit anderen zu überlassen. Er sei schließlich ein richtiger Mann und hätte keine Lust, sich von seinen Freunden wegen irgendwelcher weibischen Anwandlungen auslachen zu lassen. Betrübt trat Menuis Mutter den Heimweg an. Obwohl ihr der Vater des Jünglings noch einen Korb voller Früchte mit auf den Weg gegeben hatte, wurde ihr nicht wirklich warm ums Herz, wenn sie an die bevorstehende Hochzeitsnacht ihrer Tochter dachte. Es gab nun keine Möglichkeit mehr, ihre Tochter zu schützen und das machte Menuis Mutter rasend. Wie konnte es sein, dass der große Gott Amun so eine Ungerechtigkeit zuließ? Kaum hatte sie ihr kleines Haus erreicht, da brach es aus ihr heraus und Tränen der Verzweiflung und der Wut rannen über ihre Wangen. Sie selbst war grausam von einer Tante beschnitten worden, um das Ritual selbst und auch die kleine Feier möglichst günstig zu halten. Nach ihren immer wiederkehrenden Öffnungen und Vernähungen, konnte sie kaum noch laufen. Der Dauerschmerz ließ sie mehr als einmal verzweifeln. Und hätte sie nicht ihre Kinder gehabt, hätte sie sich schon längst das Leben genommen. Nun musste sie mit ansehen, wie auch ihre Tochter diesen Qualen ausgesetzt wurde. Und sie war nicht in der Lage, das zu verhindern. Als Menuis Wunden verheilt waren, hatte sie sich schnell mit den neuen Gegebenheiten angefreundet. Das Urinieren dauerte nun etwas länger und die schönen Gefühle, die sie sich zuvor ab und zu gemacht hatte, waren verschwunden. Als allerdings ihre erste Monatsblutung einsetzte, war es mit der Beschaulichkeit sofort vorbei. Immer wieder musste ihr ihre Mutter helfen, das schnell gerinnende Blut mithilfe eines kleinen Stockes aus der kleinen Öffnung zu bekommen. Jeden Morgen hatte Menui höllisch Schmerzen, wenn das Blut, das sich über Nacht angesammelt hatte, und der Urin ins Freie strebten und von einem Blutpfropf aufgehalten wurden, der die winzige Öffnung blockierte. Noch einmal suchte Menuis Mutter den Vater des Bräutigams auf und schilderte eine Frauenöffnung in den wildesten Farben, um die Öffnung ihrer Tochter durch den jungen Mann zu verhindern. Allerdings erklärte der Vater des Bräutigams, sein Sohn würde sich nicht umstimmen lassen. Er selbst hätte versucht, ihm die Öffnung auszureden, sei aber mit seiner Bitte gescheitert. Er könne nichts tun. Sein Sohn sei schließlich der Bräutigam und müsse selbst bestimmen, was er mit seiner zukünftigen Frau tun oder lassen wolle. Der Vater des Bräutigams erklärte, dass er es schon lange aufgegeben hätte, seine Frauen selbst zu öffnen, da ihm dieses grausame Ritual alles andere als gefallen würde. Menuis Mutter waren die Hände gebunden. Sie sah keinen Ausweg mehr. Was konnte sie noch tun, um ihrer Tochter diese Tortur zu erleichtern? Sie öffnete ihre alte Holzkiste und nahm ihr bestes Messer heraus. Damit strebte der Stadtmitte entgegen. Nach etwa einer halben Stunde hatte sie ihr Ziel erreicht. Vor einem Haus blieb sie stehen und zog den Vorhang, der einen zur Straße hin offenen Raum abschirmte, beiseite und trat ein. Ein Mädchen von etwa zehn Jahren stand in einer Ecke des Raumes und drehte an einer Kurbel, um einen schweren Schleifstein in Drehung zu versetzen. Eine Frau stand vor dem Schleifstein und schärfte gerade das Blatt eines Spatens. Durch das laute Schleifgeräusch hatte sie Menuis Mutter nicht kommen hören. Erst als das Mädchen in die Richtung von Menuis Mutter nickte, fuhr die Schleiferin herum, legte den Spaten beiseite und begrüßte ihre Freundin mit einer heftigen Umarmung. Alle drei Personen im Raum wussten, dass die Schleiferin mit ihrer Arbeit eine schwere Straftat beging. Frauen waren solcherlei Arbeiten strikt verboten. Da sich der Ehemann der Schleiferin allerdings mit einer jüngeren Frau abgesetzt und sie und ihre Tochter im Stich gelassen hatte, war ihr nichts anderes übrig geblieben, als die Werkstatt ihres Ex-Mannes weiterzuführen. Natürlich kannten alle Menschen in der Stadt die Geschichte der Schleiferin und wussten, dass sie Schleifarbeiten annahm, obwohl sie das nicht gedurft hätte, aber alle schwiegen. Einige Wenige hatten Mitleid mit der armen Frau, andere sahen die Lage etwas pragmatischer. Die Frau machte gute Arbeit, und das zu einem außergewöhnlich niedrigen Preis. Manche bezahlten gar nicht, weil sie wussten, die Frau hatte keine Möglichkeit, das ihr zustehende Geld einzutreiben. Das Schicksal der Schleiferin hing also vom guten Willen ihrer Nachbarn ab. Menuis Mutter umarmte die Schleiferin lange und erzählte ihr von der bevorstehenden Hochzeit. Die Schleiferin gratulierte Menuis Mutter zu dem hoch angesehenen Schwiegersohn. Vielleicht war der neue Schwiegersohn ja großzügig und ließ Menuis Familie mit in seinem riesigen Haus wohnen. Menuis Mutter hätte dann nicht mehr mit fremden Männern das Lager teilen müssen. Allerdings erklärte sie der Schleiferin, dass sie gern weiterhin mit Männern schlafen würde, könnte sie dadurch ihrer Tochter die Torturen ersparen. Sie hatte sich nach dem Tod ihres Ehemannes und der Geburt ihres letzten Kindes nicht mehr vernähen lassen, da ihr schon damals klar geworden war, wie sie in Zukunft ihren eigenen Lebensunterhalt und den ihrer Kinder erwirtschaften musste. Kam ein Mann zu ihr, rieb sie sowohl ihn, als auch sich selbst mit Kamelfett ein. Um den Mann nicht anschauen zu müssen, bückte sie sich schnell. Die meisten Männer bestiegen sie von hinten und waren schnell fertig, da sie gelernt hatte, ihre Muskeln dermaßen anzuspannen, dass eine große Reibung erzeugt wurde. Erst nach vielen Minuten trennten sich die Frauen voneinander. Menuis Mutter übergab der Schleiferin das Messer mit der Bitte, es besonders scharf und spitz zu schleifen. Je schärfer das Messer, desto geringer die Schmerzen. Obwohl der Spaten noch lange nicht fertig geschliffen war, ließ sie ihn in der Ecke stehen und machte sich augenblicklich daran, das Messer zu schleifen. Die Schleiferin gab sich sehr viel Mühe und prüfte immer wieder mit dem Finger und den Augen die Schärfe des Messers. Erst nach über einer halben Stunde schien sie zufrieden und übergab das Messer an Menuis Mutter. Als diese nach der Bezahlung fragte, winkte die Schleiferin ab. Für so eine Arbeit wollte sie von ihrer besten Freundin keine Gegenleistung haben. Menuis Mutter strahlte die Schleiferin glücklich an, umarmte sie zum Abschied und verschwand durch den Vorhang. Auf dem Heimweg gingen ihr immer wieder dieselben Gedanken durch den Kopf. Würde ihre Tochter sehr leiden müssen? Würde sie schreien und damit Schande über die Familie bringen? Würde sie stark bluten und ihren Bräutigam damit abstoßen? Würde sie ohnmächtig werden? Würde sie gleich beim ersten Mal schwanger werden? Sie rief sich zur Ordnung. Sie konnte nichts tun, um ihrer Tochter zu helfen. Sie würde ihrer Tochter das Messer mitgeben. Sie würde ihr auftragen, es auf dem Tisch neben dem Lager zu positionieren. Es musste unbedingt in Reichweite liegen. Der Bräutigam musste es sofort sehen und für gut befinden, um zu verhindern, dass er sein eigenes Messer nahm. Krank vor Angst erreichte sie ihr kleines Haus. Die Wut über ihre Hilflosigkeit sorgte dafür, dass Menuis Mutter in der folgenden Nacht kein Auge zutat. Immer wieder grübelte sie im Kreis herum, ohne dass ihr eine Lösung des Problems einfallen wollte. Als sie kurz wegnickte, träumte sie, sie selbst würde ihre Tochter öffnen – nicht ganz, nur ein wenig, um den ersten Stich zu erleichtern. Sofort schreckte sie hoch. Genau, das war die Lösung. Bis zur Hochzeitsnacht waren es noch ein paar Tage. Bis dahin würde die Wunde verheilt sein. Sie stand auf und holte Menui von ihrem Lager. Um die anderen Kinder nicht zu wecken, zog sie ihre Tochter ins Freie. Niemand war in der Nähe und so erklärte sie Menui flüsternd ihren Plan. Menui, die sich an ihren Beschneidungsschmerz noch sehr gut erinnern konnte, stimmte sofort zu. Während die Mutter das Messer herbeiholte, suchte sich Menui ein Stück Holz. Schon eilten beide dem Ufer des Nils zu und suchten sich eine unsehbare Stelle. An einigen Stellen war das Schilf sehr dicht und bot damit ausreichend Schutz. Allerdings mussten die beiden Frauen auf der Hut sein. Wenn man ein Krokodil sah, war es zu spät. Diese riesigen Tiere konnten eine Schnelligkeit entwickeln, die man ihnen gar nicht zutraute. Die Chance, einem ausgewachsenen Krokodil zu entkommen, war sehr gering. Auch die Flusspferde durften nicht unterschätzt werden. Obwohl sie nur Pflanzen fraßen, waren sie noch gefährlicher als Krokodile, sollten sie sich gestört fühlen. Durch sie kamen mehr Menschen ums Leben, als durch die Angriffe der großen Echsen. Vorsichtig bahnten sie sich einen Weg durch das Schilf. Endlich erreichten sie eine kleine Insel. Erst im letzten Moment erkannten sie, dass sie nicht allein waren. Ein riesiges Krokodil hatte es sich auf der Insel bequem gemacht. Schnell traten die Frauen den Rückzug an. Obwohl sie viele Geräusche erzeugten und jeden Moment mit einem Angriff rechneten, blieb alles friedlich. Eine winzige Nachbarinsel lag trocken und verlassen vor ihnen. Vorsichtig schritten sie näher. Menui legte sich sofort nieder und nahm das Holzstück zwischen die Zähne. Im Mondlicht sah sie das Messer aufblitzen, bevor sie von einem beißenden Schmerz durchzuckt wurde. Sie musste all ihre Willenskraft aufbringen, um nicht zu schreien. Wenn dieser winzige Schnitt schon solche Schmerzen auslöste, was sollte dann erst geschehen, wenn ihr Bräutigam sie öffnete? Menui biss eisern die Zähne zusammen. Nur ein leises Gurgeln konnte sie nicht unterdrücken, als ihre Mutter ihre Öffnung ein wenig vergrößerte. Schnell brachte die Mutter eine Salbe auf die Wunde, die für solche Momente entwickelt worden war, und zog ihr ein Tuch zwischen den Beinen hindurch, das sie über den Hüften verknotete. Mit zitternden Beinen stand Menui auf. Erst jetzt wurde ihr klar, was ihre Mutter auf sich nahm, um ihr zu helfen, und eine große Welle der Dankbarkeit rollte über sie hinweg. Sie hatte mit Schmerzen gerechnet, mit solchen allerdings nicht. Auf dem Heimweg musste sich Menui mehrmals setzen, um nicht ohnmächtig zu werden. Obwohl ihr das Wasser bis zum Hals stand, traute sie sich nicht zu urinieren. Als sie es nicht mehr aushielt, hockte sie sich hin und ließ es einfach laufen. Es brannte wie Feuer, aber sie war in einem Bruchteil der Zeit fertig, die sie sonst immer gebraucht hatte. Menui und ihre Mutter hofften inständig, dass die Wunde bis zur Hochzeitsnacht verheilen würde. Täglich wurden die Auflagen gewechselt und nach und nach erholte sich das Mädchen von ihrer Qual. Schon nach fünf Tagen war nichts mehr zu sehen. Allerdings hatte der Hilfsschnitt der Mutter eine große Angst in ihr ausgelöst. Wenn dieser kleine Eingriff schon dermaßen große Schmerzen auslösen konnte, was sollte dann erst passieren, wenn ihr Ehemann sie ganz aufschnitt? Am Hochzeitstag brach Menui in Panik aus. Es hätte nicht viel gefehlt und sie wäre weggelaufen. Menuis Mutter suchte eine Freundin auf und ließ sich ein weißes Pulver geben, das eine betäubende Wirkung ausübte. Anstatt nur eine kleine Dosis zu nehmen, verschlang Menui aus lauter Angst den ganzen Inhalt des Säckchens auf einmal. Die betäubende Wirkung setzte schon nach wenigen Minuten ein und sorgte dafür, dass Menui nur noch apathisch in einer Ecke saß. Als die Delegation des Bräutigams eintraf, um Menui abzuholen, musste sie von zwei Frauen gestützt werden, um den kurzen Weg bis zum Haus des Ehemannes hinter sich zu bringen. Als der Bräutigam das Mädchen erblickte, runzelte er die Stirn. Menuis Mutter erklärte ihm, dass ihre Tochter vor Freude über die Hochzeit fast ohnmächtig geworden sei. Er solle sich keine Sorgen machen. Das würde sich wieder geben. Die aufwändige Hochzeitszeremonie erlebte Menui wie in Trance. Alle Stimmen kamen von ganz weit her und sie selbst schien nur noch zu schweben. Der Schnitt tat barbarisch weh, konnte sie aber nur für einen kurzen Moment aus ihrer Traumwelt holen. Die anschließende Befruchtung durch den Ehemann ging völlig an ihr vorbei. Auch das erneute Vernähen war eine Aktion, die sich nicht wirklich interessierte. Während die Gäste die erfolgreiche Befruchtung feierten, lag Menui völlig weggetreten auf ihrer Liege und dämmerte dem nächsten Morgen entgegen. Da ihr Ehemann über ein großes Vermögen verfügte und Menui nicht weiter beachtete, ließ sie sich von dem Tage an immer wieder das weiße Pulver kommen. Ihre Mutter betrachtete Menuis Veränderung mit großer Sorge. Sie wusste, dass viele Frauen aus höheren Kreisen im Laufe der Zeit abhängig geworden waren. Menui erklärte ihr, dass sie um die Gefährlichkeit des Pulvers wüsste und versprach ihr, das Pulver nach Abheilung der Wunden abzusetzen. Sie hielt Wort und griff erst wieder darauf zurück, als die Geburt ihres ersten Kindes unmittelbar bevorstand. Die Hebamme musste mehrmals nachschneiden, um das Leben des Kindes zu retten, und Menui verlor sehr viel Blut. Sie war dermaßen schwach, dass ihr Ehemann das Kind sofort nach der Geburt einer Amme übergab, um Menui zu schonen. Es sollte Wochen dauern, bis sie sich von der Prozedur erholt hatte. War ihr zuvor schon das Laufen ab und zu schwer gefallen, so humpelte sie ab jetzt permanent. Um eine kleine Erleichterung zu erreichen, ließ sie sich heimlich von ihrer Mutter erneut ein Stück öffnen. Da ihr Ehemann sich überwiegend mit seinen Mätressen vergnügte, kam er nie dahinter. Während der Geburt ihres dritten Kindes wäre Menui fast verblutet. Durch das ständige Aufschneiden und Zunähen war ihr Unterleib dermaßen vernarbt, dass die Hebamme Mühe hatte, das Kind ans Licht der Welt zu holen. Viele Wochen lag Menui im Fieber und rang mit dem Tode. Während sich ihr Ehemann nicht um sie kümmerte, wachte ihre Mutter Tag für Tag und rund um die Uhr an ihrem Krankenlager. Als Menui endlich aus ihren Fieberträumen erwachte, war sie entschlossen, so einer Prozedur in Zukunft aus dem Weg zu gehen. Sie ließ nach einer Heilerin schicken, die ihr geschickt in jedes Ohr ein Loch stanzte. Dabei wurde der Gebärmutterpunkt zerstört. Diese kleine Operation sorgte bei den meisten Frauen dafür, dass eine Schwangerschaft verhindert werden konnte. Als ihr Ehemann davon erfuhr, war er außer sich vor Zorn. Nur sein Vater, der Menui große Sympathie entgegenbrachte, konnte seinen Sohn besänftigen und davon abhalten, seine Ehefrau zu verstoßen. Menui verspürte keine Lust mehr, mit ihrem Ehemann zu verkehren. Sie hatte ihm unter Lebensgefahr drei Kinder geboren und das musste reichen. Da ihr Ehemann ebenfalls das Interesse an Menui verloren hatte, schuf sie sich nach und nach den einen oder anderen Freiraum. Gemeinsam mit ihrer Mutter suchte sie oft die Schleiferin auf, um dem überheblichen Getümmel im Hause ihres Ehemannes zu entkommen. Im Laufe der Zeit fanden immer mehr Frauen den Weg in die kleine Schleiferei. Hier konnte diskutiert und gescherzt werden, ohne einer dauernden Beobachtung ausgesetzt zu sein. Immer häufiger blieben Menui und ihre Mutter im Hause der Schleiferin, wenn die anderen Frauen gegangen waren. Während Menui mit der Tochter des Hauses das nächtliche Lager teilte, tauschten die Mütter Zärtlichkeiten miteinander aus. Da alle vier Frauen verstümmelt worden waren, waren sexuelle Kontakte ausgeschlossen. Mehr als einmal erinnerten sich die Frauen an die schöne Zeit vor der Beschneidung. Damals hatten sie sich als Mädchen noch das eine oder andere schöne Gefühl beibringen können. Heute tat jede Berührung nur noch weh. Eines Tages stieß eine Frau zu ihnen, die aus dem Norden zugewandert war. Als einmal wieder das Thema Beschneidung auf den Tisch kam, erklärte sie, dass in der Gegend, aus der sie stammte, nicht vernäht werden würde. Der Beschneider würde Klitoris und kleine Schamlippen abtrennen, die Vagina aber offen lassen. Mütter würden ihren Töchtern beibringen, sich schöne Gefühle zu erzeugen, ohne dass eine Klitoris vorhanden war. Wären die hiesigen Frauen nicht verschlossen, könne sie dieses Training gern übernehmen. Menui und ein paar andere Frauen beschlossen daraufhin, sich öffnen zu lassen, um das Angebot der Neuen ausprobieren zu können. Wieder dauerte es Wochen, bis alles verheilt war. Kaum hatte die letzte Narbe aufgehört zu bluten, gingen die Frauen frohen Mutes ans Werk. Während Menui und die Tochter der Schleiferin keine großen Schwierigkeiten damit hatten, sich schöne Gefühle auszulösen, dauerte es bei anderen Wochen, ehe sich etwas tat. Menuis Mutter und die Schleiferin übten unentwegt, ohne zu einem befriedigenden Ergebnis zu gelangen. Eines Abends, sie hatten gerade das Haus betreten, trat ihnen Menuis Ehemann in den Weg. In seiner überheblichen Art erklärte er den beiden Frauen, dass er in Zukunft informiert werden wolle, sollten sowohl seine Ehefrau, als auch seine Schwiegermutter den Hang verspüren, einen Ausflug machen zu wollen. Für Frauen seines Standes würde es sich nicht geziemen, sich mit Straßengesindel abzugeben. Menui und ihre Mutter nickten eifrig, um dem aufwallenden Zorn des Mannes zu entgehen, und begaben sich schnell, aber nicht auffällig hastig, in ihre Gemächer. War ihnen Menuis Ehemann auf die Schliche gekommen? Hatte er sie gar ausspionieren lassen? Beide rätselten an diesen Fragen herum, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Menui hatte beschlossen, sich nie wieder von ihrem Ehemann derart brutal behandeln zu lassen und suchte verzweifelt nach einem Ausweg. Irgendwie musste es doch gelingen, sich diesem Angeber zu entziehen. Zwei Tage später erklärten die beiden Frauen Menuis Ehemann, sie würden einen Stadtbummel machen wollen. Da er nichts dagegen hatte, tauchten sie schnell im Gewimmel der Menschen unter, die durch die teils sehr engen Gassen huschten. Menui hatte das Gefühl, verfolgt zu werden, und zog ihre Mutter plötzlich in den Eingang eines Töpfers. Kaum zehn Sekunden später ging eine von Menuis Sklavinnen an ihnen vorüber. Menui sprang nach draußen und sprach die Frau von hinten an. Diese fuhr erschrocken herum. Als Menui fragte, was sie hier zu suchen hätte, stotterte die Sklavin ein paar unverständliche Worte. Menui ließ nicht locker und erfuhr, dass ihr Ehemann die Sklavin auf sie angesetzt hatte, um zu erfahren, was die beiden Frauen so trieben. Menui erklärte der Sklavin, dass sie und ihre Mutter nichts Verbotenes tun würden und schickte die Frau zurück zum Haus. Kaum war die Sklavin außer Sicht, drehte Menui um und strebte dem Haus der Schleiferin zu. Kaum hatten sie den kleinen stickigen Raum betreten, erklärte Menui, dass irgendetwas geschehen müsse. Ihr Ehemann hätte bestimmt Verdacht geschöpft und würde sie ohne mit der Wimper zu zucken foltern und töten lassen, sollte er hinter ihr gemeinsames Geheimnis kommen. Da Menui und ihre Mutter vor Einbruch der Dunkelheit zurück in ihrem Haus sein wollten, um keinen Verdacht zu erregen, versprach die Schleiferin, sich Gedanken zu dem Thema zu machen. In zwei Tagen wolle man sich erneut treffen, um dann einen Plan auszuhecken. Im Grunde genommen wussten alle Frauen im Raum, dass der Plan auf eine Flucht hinauslaufen würde, aber keine sprach das Wort aus. Beim nächsten Treffen erklärte die Schleiferin, dass sie mit mehreren Frauen geredet hätte. Alle hätten sich für eine Flucht ausgesprochen, da keine Frau in diesem Land eine Chance für eine Lebensweise in Freiheit erkennen konnte. Die Frau aus dem Norden hatte zugesagt, eine Flucht in ihre Heimat zu organisieren und finanziell zu unterstützen. Diese Frau war nicht nur die Gespielin eines reichen Ägypters, sondern auch die Gesellschafterin von dessen Ehefrau. Dadurch hätte sie Zugang zum Schmuck ihrer Chefin und würde sich den einen oder anderen goldenen Ring heimlich einstecken, um schnellstens hier wegzukommen. Da die Schleiferin von niemandem kontrolliert wurde, war es für sie ein Leichtes, mithilfe des Goldes der Nordfrau Proviant und Reiseutensilien zu erwerben. Auf den Erwerb eines Kamels verzichtete sie, um keinen Argwohn zu erregen. Esel hingegen fielen nicht besonders auf. Diese kleinen Last- und Reittiere wurden eher für den Warentransport in der Stadt oder der nahen Umgebung benutzt, als für lange Überlandreisen. Da es eines Abends einmal wieder eine unerfreuliche Auseinandersetzung mit ihrem Ehemann gegeben hatte, drängte Menui zur baldigen Abreise. Im Grunde genommen war es nur eine Kleinigkeit gewesen, die ihren Ehemann in Rage gebracht hatte. Diesmal hatte er sich dermaßen in seinen Zorn hineingesteigert, dass er mit einer Peitsche nach ihr geschlagen hatte. Dieser Ausbruch hatte in Menui das letzte Fünkchen Sympathie für ihren Ehemann zum erlöschen gebracht und sie davon überzeugt, dass eine schnelle Abreise unumgänglich war. Schon in der übernächsten Nacht nahmen Menui und ihre Mutter die heimlich gepackten Sachen auf, warfen sich alte Umhänge über, die noch aus der armseligen Zeit vor der Hochzeit stammten, und stahlen sich aus dem Haus. Ehe der Morgen erwachte, mussten sie weit genug weg sein, um den Häschern, die ihr Ehemann mit Sicherheit aussenden würde, entkommen zu können. Um als Gruppe nicht aufzufallen, hatten die Frauen sich am Rande der Stadt verabredet. Menui und ihre Mutter strebten, die alten Tücher fest um sich geschlungen, dem Treffpunkt zu. Da auch nachts reger Betrieb herrschte, fielen die beiden armselig gekleideten Frauen nicht auf. Schon nach nicht einmal einer halben Stunde hatten sie den Treffpunkt erreicht, an dem die anderen bereits warteten. Die Nordfrau schlug vor, dem Fluss den Rücken zu kehren und nicht an dessen Ufer nach Norden zu ziehen. Dort würde Menuis Ehemann bestimmt zuerst suchen lassen. Eine Flucht durch die staubtrockenen Berge würde den Frauen niemand zutrauen. Da sie für genug Proviant und Wasser gesorgt hatten, stand dieser Idee nichts im Wege, und schon wurde losmarschiert. Gegen drei Uhr nachts hatten die Frauen die ersten Ausläufer der Berge erreicht und machten nach einer weiteren Stunde des harten Marschierens hinter einer Wegbiegung Rast. Da einige Frauen Anstrengungen dieser Art nicht gewohnt waren, ließen sie sich für den weiteren Anstieg ein wenig mehr Zeit. Die Ebene lag hinter ihnen und hier oben würde bestimmt niemand nach ihnen suchen – zumindest nicht sofort. Die Frau aus dem Norden meinte, die Frauen sollten nach einer Höhle Ausschau halten, in der sich alle verstecken könnten, bis die nächste Nacht hereinbrechen würde. Am Tage wäre ein Weitermarschieren nicht ratsam, da es hier oben sehr heiß würde und obendrein die Staubwolke viele Kilometer weit zu sehen wäre. Erst als die Morgensonne ihre ersten Strahlen aussandte, fanden die Frauen einen überhängenden Felsen unter dem sie rasten wollten. Eine Höhle hatten sie nicht entdecken können. In einer Reihe legten sie sich völlig erschöpft unter den Stein, verzehrten etwas von ihrem Proviant und tranken Wasser in langen Schlucken. Während die Frau aus dem Norden sofort einschlief, lagen Menui und die anderen noch lange wach. Jetzt, da sie zur Ruhe gekommen waren, kroch die Angst entdeckt zu werden, unaufhaltsam in ihnen hoch. Ein paar Frauen malten sich ein übles Horrorszenario aus und begannen hysterisch zu werden. Menui, ihre Mutter und die Schleiferin hatten über eine halbe Stunde zutun, um die Frauen wieder zu beruhigen. Sollte jetzt eine Frau durchdrehen und davonlaufen, würde ein solches Verhalten die ganze Gruppe gefährden. Eine der Frauen brauste dermaßen auf, dass die Schleiferin keine andere Lösung sah, als der Frau mit einem Stein zu drohen. Die Frau aus dem Norden, die von dem Lärm aufgewacht war, erklärte mit klaren Worten, dass sie nicht davor zurückschrecken würde, jede Frau sofort und auf der Stelle zu erschlagen, die es wagen sollte, diese Reise durch ihr ungebührliches Verhalten zu gefährden. Gegen Mittag, die Hitze war kaum noch erträglich, schliefen endlich alle Frauen ein. Die nächste Nacht würde hart werden und dafür mussten alle Frauen fit sein. Die Sonne war kaum blutrot am Horizont untergegangen, da waren alle Frauen auch schon auf den Beinen. Die Esel wurden beladen und jede schulterte ihr Bündel. Nach wenigen Minuten brachen die Frauen auf und quälten sich im Schein des Mondes den schmalen Pfad hinauf. Allen war klar, dass ihre Flucht bemerkt worden war. Während einige diese Erkenntnis erneut an den Rand einer Hysterie brachte, spornte es die anderen zusätzlich an. Jetzt war es zu spät. Entweder sie kamen durch oder wurden von den Männern entdeckt und zurückgebracht. Die zweite der beiden Alternativen wollten sich die Frauen lieber nicht ausmalen. Kaum eine würde eine Rückkehr lange überleben. Am Ende der zweiten Nacht hatten sie endlich eine kleine Höhle gefunden. Alle Frauen fanden Platz darin, nur für die Esel reichte es nicht ganz. Die Frauen banden die Tiere im Eingang der Höhle fest, befreiten sie von ihrer schweren Last, gaben ihnen Futter und Wasser und legten sich, nachdem sie selbst Hunger und Durst gestillt hatten, in den Schatten. In der Höhle war es um einiges kühler als draußen. Diese angenehme Kühle in Verbindung mit der Erschöpfung sorgte dafür, dass auch die aufgeregtesten Frauen schnell einschliefen. Menui erwachte gegen Mittag und trat ins Freie. Sie erklomm eine kleine Anhöhe und schaute über die Berge, die bereits hinter ihnen lagen, in die Ebene hinaus. Alles war friedlich. Wären sie verfolgt worden, hätte sie eine Staubwolke sehen müssen. Da dies nicht der Fall war, beruhigte sie sich schnell. Als sie allerdings mit den Augen den Weg verfolgte, den sie in der letzten Nacht hinter sich gebracht hatten, wurde ihr flau im Magen. Ihre Spuren waren bis zur letzten Kurve eindeutig erkennbar. Irgendjemand würde bestimmt bald auf diese Spuren stoßen und Alarm auslösen. Das musste sie sofort verhindern. Menui sprang von der Anhöhe und lief zur Höhle zurück. Sie weckte ihre Freundin, die Tochter der Schleiferin, und flüsterte ihr ihre Erkenntnis zu. Das Mädchen war sofort auf den Beinen und schon hatten beide die Höhle verlassen. Trotz der Hitze rannten die beiden mit Decken bewaffnet den Weg ein paar Kilometer zurück nach unten. Dann breiteten beide ihre Decken aus und schleiften diese, wieder bergan gehend, hinter sich her. Das Ergebnis war zwar nicht ganz befriedigend, aber zumindest konnte nun die Anzahl der Flüchtlinge nicht mehr aus dem Sand herausgelesen werden. Der Wind würde ein Übriges tun. Erst am späten Nachmittag erreichten die beiden die Höhle. Menuis Mutter und auch die Schleiferin weinten vor Glück, als sie ihre Töchter wieder in die Arme schließen konnten. Natürlich hatten sich beide Frauen große Sorgen gemacht. Als Menui ihren Alleingang erklärte, erntete sie bewundernde Blicke. Menui und die Tochter der Schleiferin legten sich für zwei Stunden auf ihre Decken, um für den Weitermarsch fit zu sein. Die beiden jungen Frauen wurden erst geweckt, als die Esel schon beladen worden waren. Und wieder ging es stundenlang bergan. Am Ende dieser Nacht begannen zwei Frauen zu schwächeln. Sie erklärten, sie könnten nicht mehr weitergehen. Am nächsten Morgen würden sie umkehren wollen. Es kostete einige Überredungskunst, die beiden von einer Fortsetzung der Reise zu überzeugen. Die Schleiferin erklärte Menuis Mutter flüsternd, dass sie die beiden eher über die nächste Klippe schubsen würde, als sie gehen zu lassen. Die beiden Frauen würden, sollten sie ihren Häschern in die Hände fallen, gnadenlos plaudern, um ihre eigene Haut zu retten, und sie damit alle ans Messer liefern. In der fünften Nacht schleppten sich die Frauen nur noch dahin. Jegliche Kraft war verbraucht worden. Deshalb beschlossen sie, eine Nacht auszusetzen. Nahrung und Wasser würden noch eine Weile reichen und so könnten sich die Erschöpften eine Pause gönnen. Kaum hatten sie einen Felsüberhang erreicht, den sie als Lager nutzen wollten, keimte bei den hysterischen Frauen erneut der Gedanke an eine Rückkehr auf. Das führte dazu, dass sowohl die Schleiferin, als auch die Frau aus dem Norden hellhörig wurden und die beiden nicht mehr aus den Augen ließen. Mitten in der Nacht wurde Menui plötzlich aus dem Schlaf gerissen. Ihre Mutter, die Schleiferin und die Nordfrau waren an ihrem Lager vorbeigelaufen und hatten sie dadurch mit Sand überhäuft. Im Mondenschein erkannte sie, dass die drei den Berg hinunter rannten. Menui weckte ihre Freundin und rannte den Frauen nach. Als sie um eine Wegbiegung kam, erkannte sie, dass die Schleiferin gerade dabei war, jemandem einen Stein auf den Kopf zu schlagen. Menui erstarrte. Was ging hier vor? Jetzt erkannte sie auch ihre Mutter und die Nordfrau. Kaum eine Sekunde später wurde Menui von ihrer Freundin eingeholt und beide gingen auf die gespenstische Szenerie zu. Als sie die anderen erreichten, lag eine Frau im Sand und rührte sich nicht mehr. Was war hier passiert? Die Nordfrau erklärte, dass die Schleiferin keine andere Wahl gehabt hätte, als die Ausreißerin niederzuschlagen, um deren Flucht zu verhindern. Menuis Mutter beugte sich zu der Liegenden hinunter, um sofort Kopf schüttelnd wieder hochzukommen. Die Frau war tot. Die Flucht hatte ihr erstes Opfer gefordert. Unter einem Feldvorsprung gruben die Frauen mit den Händen eine Grube, in die die Tote ge-bettet wurde. Anschließend wurde das sandige Grab wieder verschlossen. Die Schleiferin machte keinen glücklichen Eindruck, aber keine der anderen Frauen machte ihr einen Vorwurf. Alle erklärten, dass die Schleiferin in Notwehr gehandelt hätte, um den Rest der Gruppe zu schützen. Diese Aktion hatte ein Zeichen gesetzt. Ab jetzt tanzte keine mehr aus der Reihe. Nach drei weiteren Nächten hatten sie die Berge fast hinter sich gelassen. Endlich hatten die Frauen die Möglichkeit, in die Ebene östlich der Berge zu blicken. Da sie bis jetzt noch keine Verfolger ausgemacht hatten, fühlten sie sich relativ sicher. In der Ferne tauchten zwei kleine Häuser und ein paar Palmen aus dem Morgendunst auf. Da würde es Wasser und Nahrung geben. Um nicht bei Tag über die weite Ebene laufen zu müssen, zogen sie sich noch einmal in eine kleine Höhle zurück. Erst am späten Nachmittag, die Sonne stand schon tief hinter den Bergen, die sie in den letzten Tagen bezwungen hatten, marschierten sie auf die Häuser zu. Die Nordfrau hatte den Frauen eingeschärft, so leise wie möglich vorzugehen. Keine der Frauen war jemals bis hierher vorgedrungen und so wusste natürlich auch niemand, wer sie dort an der Oase erwarten würde. Gegen Mitternacht erreichten sie die erste Palme und rasteten kurz, um zu Atem zu kommen. Die Oase lag friedlich im Halbdunkel. Nur hin und wieder bewegten sich die Wedel, wenn der Nachtwind mit ihnen spielte. Die Nordfrau und die Schleiferin ließen die anderen Frauen an der Palme zurück, um allein vorauszugehen und die Lage zu erkunden. Nach etwa einer halben Stunde tauchten sie wieder zwischen den Palmen auf und erzählten, dass die Häuser verlassen wären. Die Nordfrau vermutete, es würde sich um eine winzige Karawanenstation handeln, die nur genutzt würde, um frisches Wasser und ein paar Datteln aufzunehmen. Hastig machten sich die Frauen auf den Weg und hatten die Häuser, die von weitem größer erschienen waren, als es ihrer tatsächlichen Größe entsprach, nach wenigen Augenblicken erreicht. Schnell wurde noch die unmittelbare Umgebung erkundet und schon hatten es sich die ersten Frauen auf den vorhandenen Teppichen bequem gemacht. Im Morgengrauen weckte Menuis Mutter alle Frauen. Die Wasserschläuche mussten gefüllt und Datteln gepflückt werden. Obwohl allen die Erschöpfung in den Gliedern saß, kamen die Frauen sofort ihren Aufgaben nach. Die Oase strahlte zwar eine angenehme Friedlichkeit aus, aber lange bleiben wollte keine der Frauen. Am Abend, als alle Arbeiten erledigt worden waren, wurde Kriegsrat gehalten. Wie sollte es nun weitergehen? Woran sollten sich die Frauen in Zukunft orientieren? Die Nordfrau erklärte, sie hätte von ihrem Vater gelernt, dass man sich am Nordstern orientieren könne. Würden die Frauen den links liegen lassen, würden sie irgendwann das große Meer erreichen. So wurde also beschlossenen, in zwei Tagen in Richtung Meer aufzubrechen. Aus zwei Tagen wurden schließlich vier. Jetzt sah sich keine Frau mehr getrieben und die Erholung tat allen gut. Am späten Nachmittag, die Berge warfen lange Schatten, wurden die Esel beladen und die Bündel geschultert. Jeder Wasserschlauch war noch einmal mit frischem Wasser gefüllt worden und die Körbe bogen sich unter der Last der Datteln. Da niemand wusste, wie weit es bis zum Meer war, wurde jede Transportmöglichkeit ausgenutzt. Während sie wegen der Hitze nur nachts wanderten, verbargen sie sich tagsüber in kleinen Geländesenken unter aufgespannten dunklen Tüchern. Sie fühlten sich nicht direkt bedroht, wollten aber dennoch jedes Aufsehen vermeiden. Eines Morgens entdeckten sie am Horizont eine Staubwolke. Vorsichtig spähten sie über den Rand einer Sanddüne und erkannten eine Karawane, die sich quer zu ihnen bewegte. Langsam trotteten hunderte von Kamelen, die schwer mit großen Salzplatten beladen waren, an ihnen vorüber. Die Treiber dösten vor sich hin, ohne die Frauen zu entdecken. Erst als die Karawane außer Sicht war, gingen die Frauen weiter. Keine hatte Lust darauf, nach diesen endlosen Strapazen als Sklavin an einen arabischen Händler oder Scheich verkauft zu werden. Noch einmal hatten die Frauen das Glück, auf eine kleine Oase zu stoßen. Da sich allerdings erneut eine große Staubwolke näherte, blieben die Frauen dort nicht sehr lange. Schnell waren die Vorräte aufgefüllt und schon waren sie wieder auf dem Weg gegen Osten. Nach zweieinhalb Wochen sahen sie zum ersten Mal das Meer. Die glitzernde Unendlichkeit faszinierte die Frauen dermaßen, dass sie fast eine halbe Stunde lang stehen blieben und ihre Blicke andächtig über das leicht gekräuselte Wasser schweifen ließen. Als sie von Ferne eine Staubwolke auf sich zukommen sahen, rannten sie zum Strand hinunter und gruben sich in Windeseile in den Sand ein. Sie hatten es bis hierher geschafft und keine hatte Lust, in einem Harem zu verschwinden. Als Menui kurz aufblickte, erkannte sie, dass es sich nur um einen Staubteufel handelte, also um eine kleine Windhose, die den Sand aufwirbelte. Schnell war der winzige Sandsturm vorüber und schon standen alle zum ersten Mal in ihrem Leben an der Wasserlinie eines Ozeans. Das Salz brannte auf ihrer ausgezehrten Haut, als sie die Füße ins Wasser hielten, aber keine konnte sich dazu entschließen, zurückzutreten. Die Nordfrau schaute sich um und meinte, es sei gut, nach Norden aufzubrechen. Je näher sie ihrer alten Heimat kam, desto fröhlicher wurde sie. Dort würde sie sich auskennen und mit den Frauen ein schönes Leben führen können. Noch ein paar Wochen und das Ziel würde in erreichbare Nähe rücken. In einem kleinen Fischerdorf, in dem sie Rast machten, wurden die Frauen neugierig und skeptisch beäugt, ohne dass allerdings jemand versuchte, sich ihnen in den Weg zu stellen. Sie ergänzten ihre Vorräte und verschwanden in der Nacht, ehe jemand auf die Idee kommen konnte, sie zu verraten. Als sie am nächsten Morgen eine längere Rast einlegten, stellten sie mit Erstaunen fest, dass ihre kleine Reisegruppe angewachsen war. Drei junge Frauen aus dem Dorf hatten sich ihnen angeschlossen, was ihnen in der fast stock-dunklen Nacht gar nicht aufgefallen war. Die drei waren ihnen in einigem Abstand einfach gefolgt und erklärten, dass sie es leid seien, den Rest ihres Lebens mit greisen Ehemännern das Lager zu teilen und obendrein wie Sklavinnen gehalten zu werden. Zwei Tage später erreichten sie eine größere Ansiedlung. Hier lagen sogar kleine Schiffe am Ufer. Diese Leute schienen von Fischfang und Handel zu leben. Hatten im letzten Dorf nur Hütten gestanden, so gab es hier sogar ein paar Häuser. Da sie freudig aufgenommen wurden, beschlossen die Frauen, eine Weile hier zu bleiben. Nach den vielen Strapazen konnten alle eine kleine Ruhepause gebrauchen. Im Dorf erfuhren sie, dass es auf der anderen Seite des Meeres ein Reich gab, in dem eine Königin herrschte. Diese Frau hatte dafür gesorgt, dass Frauen einen höheren Status hatten, als Männer. Obendrein solle es dort sehr friedlich zugehen. Später erfuhr die Nordfrau, dass es in ihrer Heimat Krieg gegeben hätte. Viele Menschen seien verschleppt und als Sklaven verkauft worden. Daraufhin trafen sich eines Abends alle Reisefrauen, um zu beratschlagen. Sollten sie ihren Weg nach Norden fortsetzen oder auf der anderen Seite des Meeres im Reich der liebevollen Königin ihr Glück versuchen. Da immer noch keine der Frauen Lust darauf hatte, als Sklavin zu enden, wurde einstimmig beschlossen, eine Überfahrt zu wagen. Gleich am nächsten Morgen wurde nach einem Fischer oder Händler gesucht, der für die Überfahrt sorgen sollte. Allerdings fand sich niemand, der die Frauen auf die andere Seite bringen wollte. Das Meer sei zu rau, das Wasser zu tief und obendrein müsste man für so eine weite Überfahrt die Küste verlassen. Erst ein goldner Ring aus dem Fundus der Nordfrau konnte einen der Fischer überzeugen. Ein weiterer Ring wurde gegen Proviant eingetauscht und schnell war das kleine Schiff beladen. Kurz vor der Abfahrt, der Fischer und die Frauen waren be-reits an Bord, stiegen plötzlich noch vier Männer zu. Die Frauen waren einigermaßen beunruhigt und teilten das dem Fischer mit. Der winkte nur ab und erklärte, er würde die Männer zum Steuern des Schiffes benötigen. Schließlich hät-te er die Verantwortung und müsse eine fehlerfreie Überfahrt garantieren. Am Abend, das Schiff hatte die Küstenlinie lange verlassen, konnte Menui ein Gespräch mit anhören, das sie sehr stutzig machte. Während die Frauen im vorderen Teil des Schiffes auf den Planken saßen, hatten es sich die Männer hinten bequem gemacht. Einer hatte dem anderen zugeflüstert, dass er sich demnächst auch ein Haus würde leisten können. Wenn man die Weiber erstmal Gewinn bringend verkauft hätte, würde es ihm gut gehen. Menui rutschte von einer Frau zur anderen und überbrachte die bedrohliche Nachricht. Die Männer waren also nicht als Matrosen an Bord, sondern um sie zu bewachen. Die Nordfrau erklärte, sie hätte die Geschichte des Fischers sowieso nicht geglaubt, da keiner der Männer beim Navigieren geholfen hätte. Schnell wurde beschlossen, die Männer loszuwerden. Sie waren schließlich weit in der Überzahl und würden sich jetzt bestimmt nicht mehr unterkriegen lassen. Menui stand auf und schlenderte zu den Männern hinüber. Als sie dem ersten, den sie erreichte, die Hand auf die Schulter legte, fuhr dieser erschrocken herum. Da er aber nicht in ein feindliches Gesicht blickte, sondern lieblich angelächelt wurde, beruhigte er sich wieder und ergriff Menuis Hand. Diese Einladung wollte er nicht ausschlagen und folgte ihr in die Mitte des Schiffes. Als sie den Mast erreicht hatten, legte sich Menui nieder und streckte dem Mann auffordernd ihre Hände entgegen. Die anderen Männer hatten die Szene nur kurz beobachtet und wandten sich wieder ihren Gesprächen zu. Ehe der Mann allerdings Menuis weichen und lieblichen Körper erreichen konnte, wurde er von einer Keule am Kopf getroffen. Mit einem leisen Röcheln ging er zu Boden. Schnell wurde er gepackt und vorsichtig über Bord geworfen. Niemand hatte etwas bemerkt. Menui stand auf und holte sich den zweiten Mann. Auch dieser starb fast lautlos, ohne in Menuis Armen sein Glück gefunden zu haben. Als Menui zum dritten Mal bei den Männern auftauchte, schöpften diese Verdacht und standen auf. Leider hatten sie gegen die Übermacht der Frauen keine Chance. Mit Knüppeln wurden zwei der Männer sofort aus dem Schiff geprügelt. Nur der Fischer selbst wurde an Bord belassen, um den Rest der Überfahrt zu garantieren. Schon am übernächsten Tag kam die Küste in Sicht und den Frauen war die Vorfreude anzumerken. Als sie näher heran waren, sah das Land ihrer Träume gar nicht mehr so einladend aus. Keine Palme war zu sehen, nur Sand und Geröll bis zum Horizont. Der Fischer verhielt sich seit dem vorzeitigen Ausstieg seiner Spießgesellen äußerst zuvorkommend und hatte keinen Versuch unternommen, die Frauen hinters Licht zu führen. Offenbar schien er nicht daran interessiert zu sein, kurz vor dem Ende der Reise noch Bekanntschaft mit den Haien zu machen. Sie segelten fast zwei Tage an der trostlosen Küste entlang, bevor sie auf eine Siedlung stießen. Der Fischer hielt auf die Häuser und Hütten zu. Um nicht auf Grund zu laufen, legte er das Schiff quer zur Küste und winkte zum Ufer hinüber. Schnell wurden ein paar Boote klargemacht, die dem Schiff entgegenfuhren. Als die Boote längsseits gekommen waren, redete die Nordfrau mit den Frauen in den Booten, da sie deren Sprache am besten verstehen konnte. Sie erklärte kurz den Grund ihrer Reise und stieg in eines der Boote über. Sie erklärte den anderen Reisenden, dass sie mitfahren würde, um mit der Chefin des Dorfes zu sprechen. Die einheimischen Frauen würden sich über jeden weiblichen Zuwachs freuen, könnten aber im Moment keine Entscheidung treffen. Das müsse die Chefin übernehmen. Schnell entfernten sich die Boote vom Schiff. Das Anlegemanöver wurde von See aus genau beobachtet, da alle Reisenden keinen sehnlicheren Wunsch hegten, als hier an Land zu gehen und ein schönes Leben beginnen zu können. Nach etwa einer Stunde kehrte die Nordfrau zurück. Den Frauen auf dem Schiff war diese kurze Zeitspanne wie eine kleine Ewigkeit erschienen. Kaum war die Nordfrau wieder an Bord, wurde sie auch schon umringt und mit Fragen bombardiert. Die Nordfrau bat um Ruhe und erklärte, dass alle Frauen, die mit diesem Schiff gekommen waren, willkommen wären. Allerdings seien an diesem Ort die Nahrungs- und Wasserreserven sehr begrenzt und ihnen wurde geraten, noch zwei Tage lang weiterzusegeln, um die Hauptstadt zu erreichen. Dort würde es Wasser und Nahrung in Hülle und Fülle geben. Da die Vorräte auf dem Schiff problemlos für zwei weitere Tage reichen würden, wurde beschlossen, wieder auszulaufen. Die Nordfrau gab den Frauen in den Booten ihren Entschluss bekannt und bedankte sich für das freundliche Entgegenkommen. Winkend verabschiedeten sich die Reisenden und befahlen dem Fischer, sofort in See zu stechen. Da er noch immer keine Chance erkennen konnte, die Frauen loszuwerden oder sich aus dem Staub zu machen, lächelte er untertänig und wendete sein Schiff. Diese gespielte Freundlichkeit stieß bei den Frauen nicht unbedingt auf Wohlwollen und sie beschlossen, den Fischer wie bisher nicht aus den Augen zu lassen. Während fünf Frauen gleichzeitig Wache hielten, konnten sich die anderen entspannt zurücklehnen und die Seefahrt genießen. Der Wind blies nach wie vor stetig aus Südwest und trieb das kleine Schiff schnell vor sich her. In der zweiten Nacht fiel Menui, die gerade Wache hielt, auf, dass die Sterne plötzlich auf der verkehrten Seite des Himmels standen. Schnell weckte sie die Nordfrau und berichtete ihr davon. Die Nordfrau sprang sofort auf und schlug Alarm, als ihr Blick zum Himmel Menuis Aussage bestätigte. Sofort waren alle Frauen wach und bewegten sich gefährlich auf den Fischer zu. Die Nordfrau holte blitz-schnell mit ihrem Knüppel aus und schon ging der Fischer schreiend zu Boden. Die Nordfrau setzte sich auf seine Brust und wartete. Als der Mann sich etwas beruhigt hatte, erklärte er, er habe heimlich gewendet, um die Frauen zum Ausgangspunkt der Reise zurückzubringen. Die Nordfrau stand auf und befahl dem Fischer, sofort wieder Kurs auf die Hauptstadt zu nehmen, andernfalls würde sie ihm hier und jetzt das Lebenslicht ausblasen und ihn über Bord werfen. Die letzten paar Kilometer würden es die Frauen auch ohne ihn schaffen. Schwerfällig kam der Mann wieder auf die Füße und schwankte zum Segel. Kaum hatte er das Schiff gedreht, erschlug ihn die Nordfrau mit ihrer Keule. Als alle Frauen sie überrascht anstarrten, erklärte sie, dass sie dem Fischer nicht mehr getraut hätte. Vielleicht hätte er noch einmal versucht, sie loszuwerden, oder sie im Hafen zu verkaufen. Mit einem Keulenschlag waren diese Sorgen erstmal über Bord gegangen. Der Fischer folgte den Sorgen auf der Stelle und die Nordfrau übernahm das Ruder. Als der Tag anbrach, erkannten sie am Horizont das Dorf, an dem sie schon einmal angehalten hatten. Sie winkten zum Ufer hinüber, legten aber keine Pause ein. Diese Reise musste bald ein Ende haben. In der folgenden Nacht erkannten sie im Mondlicht einen großen Felsen, der weit ins Meer hineinragte. Die Schleiferin, die gerade am Ruder saß, schlug sofort das Ruder herum, um eine Kollision zu verhindern. Das Ausweichmanöver klappte vorzüglich. Allerdings gelang es der Schleiferin nicht, das Schiff hinter dem Felsen wieder auf Kurs zu bringen. Irgendwie schaffte es der Wind immer wieder, sie von der Küste wegzutreiben. Als der Morgen graute, war der Landstrich kaum noch zu erkennen. Die Nordfrau, die geschlafen hatte, war außer sich, als sie den Fehler der Schleiferin erkannte. Schnell wurden alle Frauen informiert. Wer hatte Ahnung vom Segeln? Da sich keine meldete, setzte sich die Nordfrau ans Ruder, konnte eine weitere Abdrift aber auch nicht verhindern. Das Land rückte immer weiter in die Ferne. Was war geschehen? Hatte der Wind gedreht? War die Schleiferin eingeschlafen? Die Nordfrau unterdrückte die Panik, die in ihr aufstieg, und schickte drei Frauen ans Segel. Während sie selbst am Ruder blieb, drehten die Frauen das Segel hin und her. Das führte dazu, dass sich das Schiff mehrmals um die eigene Achse drehte. Die Nordfrau erkannte, dass sie nur einen Richtungswechsel einleiten konnten, wenn Segel und Ruder in Einklang waren. Sie hatte sich die ungefähre Lage des Landstrichs gemerkt und ließ die Frauen solange das Segel drehen, bis sich das Schiff in Richtung Ufer bewegte. Alle jubelten, als das Land am fernen Horizont wieder auftauchte. Allerdings waren sie dermaßen weit abgetrieben, dass sie noch eine weitere Nacht auf See verbringen mussten. Un-endlich langsam näherten sie sich der Küste, um mit Schrecken feststellen zu müssen, dass sie sich auf der Höhe des Dorfes befanden, an dem sie nun schon mehrfach vorbeigefahren waren. Ohne weitere Experimente zu wagen, hielten sie auf das Dorf zu und ließen das Schiff auf Grund laufen. Die Frauen, die ihnen schon einmal mit ihren Booten entgegengekommen waren, ließen auch diesmal nicht lange auf sich warten. Die Nordfrau erklärte die Lage und bat um einen Landgang. Da keine Frau an Bord bleiben wollte, wurden alle nacheinander zum Ufer hinübergerudert. Erschöpft und halb verdurstet ließen sich die Frauen auf den Strand fallen. Die Dorfbewohnerinnen schleppten sofort Wasser herbei und reichten es Menui und ihren Gefährtinnen. Die Chefin des Dorfes erschien und erklärte freundlich, aber bestimmt, dass für so viele Frauen kein Proviant vorhanden sei. Die Frauen müssten entweder per Schiff in die Hauptstadt weiterreisen oder den Landweg durch die Wüste benutzen. Die Frauen beschlossen, den sichereren Landweg zu nehmen. Als alle Proviantreserven eingesammelt worden waren, ruhten sich die Frauen den Rest des Tages aus. Am frühen Abend wollten sie aufbrechen. Die Dorfchefin versprach, ihnen eine ortskundige Frau mitzugeben, um ein Verlaufen in der menschenfeindlichen Wüste zu verhindern. Das Land, auf dem sie sich befanden, bildete ein großes Dreieck, das ins Meer hinausragte. Es wäre also kein Problem eine direkte Route zu wählen, um schnellstmöglich ans Ziel zu kommen. Obwohl immer noch völlig zerschlagen, machten sie die Frauen auf den Weg. Sie hatten schon so viele Wüsten durchquert, dass sie sich von dieser hier nicht mehr schrecken ließen. Da sie durch weichen, teilweise knöcheltiefen Sand marschieren mussten, kamen sie nur langsam voran. In einer Nacht war diese Strecke nicht zu schaffen. Obwohl sie weit in den Vormittag hineinwanderten, schien die Hauptstadt kein Stück näher zu rücken. Mittag und Nachmittag verbrachten sie verteilt im Schatten kleiner Felsen, um noch vor Sonnenuntergang erneut aufzubrechen. Erst am folgenden Morgen erkannten sie einen Turm am Horizont. Die Führerin fiel auf die Knie und stieß ein Dankgebet aus. Jetzt war die Rettung nicht mehr weit. Ohne noch einmal zu rasten, marschierten die Frauen auf die Stadt zu. Jede Sekunde schien jetzt zu zählen. Die Wasservorräte waren längst aufgebraucht und einige begannen bereits zu taumeln. Mit letzter Kraft erreichte die Reisegruppe die ersten Häuser. Die Führerin rief laut um Hilfe und sofort stürzten Frauen aus den Häusern und brachten Wasser herbei. Achtzehn Frauen waren vor Monaten gemeinsam mit Menui aufgebrochen, um der Tyrannei zu entkommen. Zweiunddreißig Frauen hatten das Ziel erreicht. Zwei Frauen starben an den Folgen der unmenschlichen Strapazen im Laufe der nächsten beiden Tage. Jede der nun dreißig Frauen half mit, die Gräber auszuheben. Die Frauen gedachten ihrer Flucht, ihres Mutes und ihrer Opferbereitschaft. Jede hatte jeder geholfen und im Laufe der Reise hatten sich die Frauen immer mehr einander angenähert. Entscheidungen waren gemeinsam gefällt und Streitereien gemeinsam geschlichtet worden. Auch die Letzte hatte irgendwann eingesehen, dass alle in einem Boot gesessen hatten und nur Gemeinsamkeit ans Ziel führen konnte. Auch der ersten Toten gedachten die Frauen. Die Schleiferin hatte sie umbringen müssen, um nicht das ganze Unternehmen zu gefährden. Die Frauen hegten keinen Groll gegen die Ausreißerin. Alle wussten, was dauerhafte Erniedrigung und Sklaverei aus Menschen machen konnte. Nach einer Woche der Erholung waren sie von der Königin empfangen worden. Im Palast mussten sie von ihrer Flucht erzählen. Zum Schluss erklärte die Königin, sie wäre erstaunt und beeindruckt vom Mut der Frauen und würde eine dauerhafte Ansiedlung nach Kräften unterstützen. Frauen solchen Formats würden eine Bereicherung ihres Reiches darstellen. Die Königin ließ zwei Häuser für die Frauen bauen und versorgte sie mit Nahrung und Kleidung aus dem Palast. Einmal pro Woche kam sie persönlich vorbei, um sich nach dem Befinden der Neuen zu erkundigen. Schnell waren die Frauen integriert und gaben ihr Bestes, um sich für die freundliche Aufnahme erkenntlich zu zeigen. Schnell lernten sie die Sitten und Gebräuche kennen und wähnten sich im Paradies. Die Königin sorgte dafür, dass es den Frauen in ihrem Reich an nichts fehlte. Fischerinnen warfen ihre Netze aus, Baumeisterinnen erstellten Häuser und Näherinnen sorgten für Kleidung, die vor der glühenden Sonne schützte. Ziegen und Schafe wurden gehalten, deren Dung zum kochen und backen benutzt wurde. Kamele halfen, Waren über weite Strecken nach Norden zu transportieren. Töpferwaren und Schmuck wurde gegen Holz und Getreide eingetauscht, da der eigene Boden nicht viel hergab. Mehrere kleine Bäche, die aus den Bergen der Küste zustrebten, wurden zum Bewässern genutzt oder in unterirdische Kavernen geleitet, um die Trinkwasserversorgung zu garantieren. Männer durften sich nur in dem kleinen Frauenreich ansiedeln, wenn sie sich zuvor einer Totalkastration unterwarfen. Nach einer solchen Operation, die nur von ausgebildeten Frauen vorgenommen werden durfte, wurde dem Neuankömmling ein weiblicher Name gegeben. Obendrein musste er weibliche Kleidung tragen und durfte sich keiner Arbeit verschließen. Ex-Männer waren beliebt. Sie verweiblichten im Laufe der Zeit, ohne allerdings gänzlich ihre Körperkraft zu verlieren. Frauen, die nicht mit Frauen leben wollten, hatten die Möglichkeit, sich entweder mit Ex-Männern zusammenzutun oder allein zu wohnen. Sehr selten kam es vor, dass eine Frau mit einem Mann leben wollte. Dazu musste sie allerdings das Reich verlassen. Da Frauen außerhalb des Reiches weniger wert waren, als Ziegen oder Kamele, siedelten nur wenige aus. Viele kamen nach ein paar Monaten völlig verwahrlost und mit Narben übersät zurück. Manche mussten wohl erst die andere Seite kennen lernen, um zu verstehen, in welcher Freiheit die Frauen im Frauenreich lebten. Nach der Ankunft der Flüchtlinge bestand das Frauenreich noch fast fünfhundert Jahre. Nachlassende Aufmerksamkeit auf Seiten der Frauen und der Neid der Männer, die in den Reichen ringsum lebten, führten schließlich zum Untergang und zur Versklavung der Frauen, die den Wert ihrer Lebensweise nicht mehr zu schätzen wussten.


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