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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Leben im Käfig, Raik Thorstad
Raik Thorstad

Leben im Käfig


Gay Romance

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Es sollte ihm leicht fallen. Schließlich war er nicht auf dem Weg zu seiner Hinrichtung, auch wenn es sich so anfühlte. Alles, was Andreas wollte, war in den Garten gehen. Schwimmen. Es sollte ihm nicht solche Angst machen. Es war nicht logisch, nicht erklärbar und schon gar nicht sinnvoll, doch er konnte sich nicht gegen das nagende Gefühl in seinem Magen, die Schwäche in seinen Beinen zur Wehr setzen.


Andreas konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, wie alt er gewesen war, als er begann, sich in speziellen Situationen nicht wohl in seiner Haut zu fühlen. Anfangs war es nur ein unbestimmtes Gefühl von Nervosität gewesen, das von seinem Körper Besitz ergriff und ihn dazu brachte, gewisse Orte zu meiden. Er wollte nicht zu seinen Klassenkameraden nach Hause eingeladen werden, mochte den Schwimmunterricht im Hallenbad nicht und gruselte sich vor den engen Sitzreihen im Kino. Als er zehn Jahre alt war - es war sein letztes Jahr auf der Grundschule, daran erinnerte er sich genau -, waren sein unterdrücktes Zittern und seine blasse Nase zum ersten Mal seiner Lehrerin aufgefallen. Er hatte alles abgestritten, obwohl er nicht wusste, warum. Nach der Unterrichtsstunde hatte er sich im Schutz der Toiletten übergeben und war anschließend wie von Höllenhunden getrieben nach Hause gerannt. Sein Fahrrad, seine Jacke, sein Ranzen blieben in der Schule zurück. Nichts hätte ihn weniger interessieren können.


Ein paar Wochen später besuchte er die Schule nur noch sporadisch, schwänzte oder klagte morgens am Frühstückstisch über allerlei Krankheitssymptome, um daheimbleiben zu dürfen. Und wenn alles nichts half, machte er sich zum Schein auf den Weg, nur um auf halber Strecke wieder umzudrehen und zurück in die Villa zu schlüpfen, sobald seine Eltern aus dem Haus waren. Wieder wusste er nicht, warum er so handelte. Er wusste nur, dass es richtig war und sich gut anfühlte - besser als der Aufenthalt in einem Klassenraum mit fünfundzwanzig anderen Kindern und dem Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Natürlich blieb sein Verhalten nicht unbemerkt. Eine Reihe unangenehmer Gespräche und Untersuchungen folgten. Lehrer nahmen ihn beiseite und fragten ihn, ob bei ihm zu Hause alles in Ordnung sei. Die Eltern der anderen Kinder redeten über ihn. Er konnte sie miteinander tuscheln sehen, wenn er einmal einen Tag in der Schule durchgestanden hatte und den Pausenhof verließ. Und egal, wer ihn fragte, nie ließ er etwas auf seine Familie kommen. Bei ihnen stand alles zum Besten, abgesehen von der Kleinigkeit, dass seine Eltern selten daheim waren und nicht viel Zeit für ihn hatten. Dass es ihm panische Angst machte, sich außerhalb der Villa und gerade in Menschenmengen aufzuhalten, erwähnte er nie. Er war zu jung, um seine Ängste artikulieren zu können, aber alt genug, um zu spüren, dass er merkwürdig war. Anders als der Rest.


Über die Jahre hatte sich die Schlinge um seinen Hals enger gezogen. Natürlich hatte es Versuche gegeben, ihm zu helfen. Es war nicht so, dass seine Eltern sich keine Sorgen um ihn machten. Nur waren sie mit der Diagnose, die gestellt wurde, nicht einverstanden. Kurz nach seinem zwölften Geburtstag fiel zum ersten Mal das Wort exzentrisch. Sein Vater hatte es in den Mund genommen. Er hatte mit seinem Schwiegervater telefoniert und war dabei gegen Ende laut geworden. Andreas, der im Wohnzimmer vor dem Fernseher hockte, hörte Richard von Winterfeld brüllen: „Mein Sohn ist nicht krank und braucht mit Sicherheit auch keinen verdammten Seelenklempner. Er ist halt etwas Besonderes und etwas exzentrisch. Das wächst sich aus!"


Aber es hatte sich nicht ausgewachsen. Zumindest nicht bis zum jetzigen Zeitpunkt. Stattdessen war es schlimmer geworden. In den ersten ein oder zwei Jahren verschaffte der angeheuerte Privatlehrer Andreas etwas Erleichterung. Er wusste bis heute nicht, wie sein Vater es geschafft hatte, auf lange Sicht Hausunterricht für ihn durchzusetzen. In der heimischen Bibliothek unterrichtet zu werden, löste Andreas' Problem jedoch nicht. Mit jedem Tag schien sein Lebensraum ein bisschen enger zu werden. Jahr für Jahr fühlte er sich unwohler an fremden Orten, erwischte sich dabei, dass er permanent nach einem Fluchtweg suchte. Die schlechten Erfahrungen häuften sich und machten ihm immer mehr Angst. Irgendwann fragte er sich auch, was seine Mitmenschen dachten, wenn er plötzlich wie von der Tarantel gestochen ein Restaurant oder einen Supermarkt verließ. Schwitzend, zitternd, bleich, als hätte er ein Gespenst gesehen. Nach und nach entstand eine undefinierbare Todesangst, die ihn zu einem Tier auf der Flucht reduzierte. Sicher fühlte er sich nur in der Villa und auf dem umliegenden Gelände, bis er auch dieses Refugium aufgeben musste. Zuerst verlor er den Garten an die irrationalen Ängste. Er könnte zusammenbrechen, ein Flugzeug könnte auf das Grundstück fallen oder eine plötzliche Windhose ihn gegen den nächsten Baum schleudern.


Schwachsinn, das wusste er. Dennoch hatte er seinen Horrorvisionen nichts entgegenzusetzen.


Im Verlauf des letzten Jahres war hinzugekommen, dass er sich auch in den meisten Räumen des Hauses nicht mehr wohlfühlte. Ständig hatte er das Gefühl, seine Anwesenheit im Wohnzimmer oder in der Küche rechtfertigen zu müssen. Wann immer er sein Zimmer verließ, spürte er den Druck fremder Erwartungen auf seinen Schultern lasten. Noch wehrte Andreas sich dagegen, doch in der letzten Zeit fürchtete er vermehrt den Tag, an dem ihm selbst seine eigenen vier Wände keine Sicherheit mehr bieten würden. Was dann aus ihm werden sollte, war ihm schleierhaft. Ernsthaft Gedanken darüber machen wollte er sich jedoch auch nicht. Da steckte er lieber den Kopf in den Sand und gab den Vogel Strauß.


Nun macht schon, mahnte Andreas seine unwilligen Füße, die sich weigerten, den letzten Absatz der Treppe zu nehmen und in den Flur zu treten.


Warum sollten wir?, wisperte sein innerer Schweinehund in seinem Hinterkopf. Draußen ist es nicht sicher. Du musst nicht schwimmen gehen. Es ist nicht nötig, dass du dich in Gefahr bringst. Es ist dumm, für nichts und wieder nichts Risiken einzugehen.


Nein, nötig war es nicht. Aber Andreas wollte gerne. Allein beim Gedanken an das kühle Wasser lief ihm ein angenehmer Schauer über den Rücken. Er liebte es, sich zu bewegen. Die Einzelhaft in seinem Kopf und seinem Zimmer führte dazu, dass er nur zwei Gefühlszustände kannte. Entweder er war rastlos und suchte verzweifelt nach einem Weg, seine überschüssige Energie loszuwerden oder er hing stundenlang bewegungslos auf seinem Bett oder vor seinem Computer; zu faul, um auch nur auf die Toilette zu gehen oder sich etwas zu trinken holen. Dazwischen gab es nichts.


In diesem Moment brannte der Hunger nach körperlicher Bewegung in seinen Adern. Tief atmete Andreas durch, stellte sich den Geruch des Grases draußen vor, das Gefühl von Sonne und Wind auf seinem Gesicht. Diese Vorstellung gab ihm etwas Kraft. Entschlossen zerrte er an dem Band seiner schwarzen Badeshorts und strich sich die störenden Haare aus dem Gesicht. Dann übersprang er die letzten Stufen und durchquerte den Flur. Im steril eingerichteten Wohnzimmer angekommen schob er seine Zweifel in den hintersten Winkel seines Bewusstseins und machte sich an der Terrassentür zu schaffen, bevor die Angst die Chance hatte, von ihm Besitz zu ergreifen.


Der Temperaturunterschied war enorm. Kaum, dass Andreas die ersten Schritte auf den rauen Sandstein der Terrasse tat, spürte er die Hitze über seine nackten Fußsohlen züngeln. Ein schwerer Duft stieg ihm in die Nase, halb heißer Asphalt, halb der süßliche Duft der Zierrosen, die in ihren Beeten traurig die Köpfe hängen ließen. Automatisch sah er zu den fast mannshohen Hecken hinüber, die das Anwesen in Richtung der benachbarten Grundstücke abgrenzten. Mit dem Haus in seinem Rücken konnte er durch einen mageren Baumbestand in einiger Entfernung den Elbstrand erkennen. Mit Sicherheit tummelten sich dort bei diesem Wetter viele Sonnenanbeter, aber damit musste er sich glücklicherweise nicht auseinandersetzen. Sein Ziel war der nierenförmige Pool in der Mitte des Gartens.


Mit den besten Absichten betrat Andreas die gepflegte Rasenfläche. Die ersten Meter bewältigte er problemlos, doch kaum, dass er den Schatten der Villa verließ, spürte er die Schwäche in seinen Beinen. Seine Knie wurden weich, fühlten sich an, als würden sie ihm jeden Moment den Dienst versagen.


Was habe ich erwartet, murrte Andreas innerlich. Die allgegenwärtige Frustration, die ihm mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen war, drohte ihn zu verschlingen. Warum tat er sich das hier an? Um eine Runde im Pool zu planschen? Er war doch kein Kind mehr, verflucht. Außerdem würde es ihm keinen Spaß machen. Das wusste er jetzt schon. Er würde sich die ganze Zeit über schlecht fühlen und am Ende im Wasser einen Krampf bekommen. Er könnte jetzt oben sein und sich mit dem neuen Computerspiel auseinandersetzen, das am Morgen geliefert worden war. Aber nein, er musste sich ja etwas beweisen, bei dem Versuch scheitern und sich hinterher fragen, warum er lebensunfähig war. Sein Dasein im Gefängnis war doch angenehm, solange er nicht wie ein Idiot gegen die Mauern rannte und sich eine blutige Nase holte. Warum also? Wofür? Für wen?


Bis Andreas die weiß geflieste Umrandung des Pools erreichte, hatte die Angst sein Denken übernommen. Über Jahre erlernte Mechanismen griffen nach ihm und ließen es nicht zu, dass er etwas anderes empfand, als das was die Angst ihm vorgab. Der Wunsch zu schwimmen, sich zu bewegen, frische Luft zu schnappen schmolz ersatzlos dahin und ließ nichts zurück außer der vagen Frage, warum er überhaupt nach draußen gegangen war.


Die Antwort fand er in dem Gespräch mit seiner Mutter vor einer Stunde. Sie hatte ihn motiviert, alte Sehnsüchte geweckt - die Sehnsucht nach einem normalen Leben. Früher war er oft draußen gewesen. Es war nie etwas passiert und er hatte sich gut gefühlt, wenn er auf den Grund des Pools tauchte und dort wie ein Delphin entlangglitt. Es hatte ihm ein Gefühl von Freiheit vermittelt und er liebte die Stille unter Wasser.


Spring, befahl er sich selbst. Tu es. Und sei es nur, damit sie sich freut und ein besseres Gewissen hat. Denk nicht ... denk nicht.


Das Wasser kam ihm entgegen und fing seinen Körper auf. Für den Bruchteil einer Sekunde empfand er so etwas wie Glück. Nach Tagen, in denen die Temperaturen stetig nach oben geklettert waren und Hamburg in eine Wüste verwandelten, ächzte seine Haut erleichtert auf. Kurz glaubte er, klarer denken zu können als noch vor wenigen Minuten. Andreas spuckte etwas Flüssigkeit aus und schüttelte wild den Kopf, sodass ihm die Haare um die Ohren flogen und als Schleier auf die Wasseroberfläche niedergingen. Er warf sich nach vorne, kraulte mit langen Bewegungen auf das Ende des Beckens zu und drehte unter Wasser um, als er es erreichte. Die ganze Zeit über gab es nur einen Gedanken in seinem Kopf: „Du darfst nicht denken."


Er war auf halbem Weg zur anderen Seite des Pools, als ein Knall aus einem der umliegenden Gärten seine Aufmerksamkeit weckte. Die Reaktion erfolgte prompt. Die Angst jagte ihm ungefragt Gift in das Gehirn. Er war nicht in der Lage das Geräusch als Nebensächlichkeit abzutun. Es war bedrohlich, seine Lage lebensgefährlich, der fremde Einfluss potentiell tödlich. Eine anderen Schluss ließ sein Kopf nicht zu.


Hastig tauchte Andreas zum Rand des Beckens, wusste er doch, dass die körperliche Reaktion auf den Fuß folgen würde. Ihm wurde schwach zumute und seine Arme schienen ihn nicht mehr tragen zu wollen. Zu der irrationalen Angst, dass er den Beckenrand nicht erreichen würde, mischte sich die Sorge, dass ihn jemand beobachten könnte. Ihn und seine peinliche Vorstellung. Ein knapper Meter wurde für Andreas zu einer schier unüberwindlichen Entfernung und entsprechend überrascht war er, als seine Fingerspitzen gegen die Fliesen stießen. Zitternd lehnte er die Stirn gegen die gekachelte Wand, sammelte Kraft und verfluchte die Tatsache, dass der Pool so weit vom Haus entfernt war. Etwas in ihm war sich sicher, dass er diese Strecke nicht überwinden konnte. Gleichzeitig wusste er, dass er nur in seinem Zimmer zur Ruhe kommen würde. Doch wie immer, wenn die Panik nach ihm griff, hatte sein Verstand nicht die geringste Chance gegen seinen Fluchtinstinkt. Als er sich mit bebenden Oberarmen aus dem Pool kämpfte, schlug er sich ungestüm das Schienbein am Beckenrand auf. Er sah weder das Blut, das ins Wasser lief, noch spürte er den brennenden Schmerz.


Die rettende Terrassentür schien meilenweit entfernt, kam nicht näher, so sehr Andreas auch rannte. Die Luft wurde ihm knapp, sein Magen wollte ihm durch den Hals entgegen springen und die Schwäche in seinen Beinen nahm gefährliche Ausmaße an. Er stolperte, stürzte um ein Haar und hinterließ feuchte Fingerabdrücke auf dem Glas der Schiebetür, bevor er ins Innere der Villa stolperte. Er musste sein Zimmer erreichen, sich hinlegen, schlafen. Wenn er aufwachte, würde es ihm besser gehen - viel besser. Aber das war es nicht, was er wollte. Er wollte nicht schlafen, nicht krank sein, nicht auf dem Bett liegen und sich damit auseinandersetzen, was für ein Versager er war.


Wie so oft hatte er jedoch keine Wahl. Nach einer Panikattacke war er stets erschöpft, brauchte wenigstens für eine Stunde Ruhe, damit er sich regenerieren konnte. Wie ein geschlagener Hund kroch Andreas die Treppe hoch und verbarrikadierte sich in seinem unordentlichen Zimmer. Nur am Rande fiel ihm auf, dass seine Mutter recht gehabt hatte: Es roch muffig und unangenehm. Das war sein letzter Gedanke, bevor er sich krachend auf sein Bett warf und sich ein Kissen über das Gesicht zog.


Als er eine Weile später erwachte, fühlte er sich wie der Schwächling, der er war. Ungebetene Überlegungen forderten seine Aufmerksamkeit ein; allen voran die Frage, wie es mit ihm weitergehen sollte. Um die Stimmen zum Schweigen zu bringen, ging er in den Keller, um sich seinen kleinen Sieg für den Tag zu holen. Lächerlich, wenn man sich vor Augen hielt, dass der Aufenthalt in einem anderen Raum als seinem Zimmer anstrengend für ihn war. Aber auch darüber wollte er nicht genauer nachdenken. Das Laufband wartete auf ihn, schnurrte fast unhörbar unter seinen Schritten. Er kam nicht umhin, sich zu fühlen wie ein Hamster in seinem Laufrad. Und weil er dieses Gefühl nicht ertragen konnte, erhöhte er das Tempo des Bandes bis zu dem Punkt, an dem die Anstrengung jede weitere Überlegung verbot.


 


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