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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Landfrauen, Michaela Holst
Michaela Holst

Landfrauen


Schicksalsjahre auf einem Landgut

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Als meine Mutter zum fünften Mal in den Wehen lag, erklärte mein Vater, sollte sie noch eine Ritzenpisserin gebären, könne sie gleich zur Hölle fahren. Meine Mutter betete jeden Tag stundenlang, der Himmel möge ihr diesmal einen Stammhalter bescheren. Obwohl die Hebamme und zwei Freundinnen meinem Vater den Aufenthalt im Gebärzimmer strickt untersagt hatten, kam er dauernd herein, um nach dem Rechten zu sehen. Und da es sich ja schließlich um den Hausherrn handelte, wurden die Proteste der Damen im Laufe der Zeit immer schwächer. Meine Mutter schämte sich sehr, wenn er dann mit Abscheu und trotzdem erwartungsvoll auf ihren Unterleib starrte. Ja, das war damals so. Sie hatten zwar gemeinsam vier Töchter gezeugt, gesehen hatten sie sich gegenseitig aber noch nie unbekleidet. Das schickte sich nicht und meine Mutter achtete streng auf Etikette. Irgendetwas musste sie ja haben, um nicht in ihren eigenen Augen als total überflüssig zu erscheinen. In unserem Haus lebten etliche Dienstboten, die eine dermaßen große Angst vor ihrer Herrschaft hatten, dass sie sich immer wieder heimlich darum stritten, wer denn nun als erstes nach dem Klingeln der Herrschaft loszusprinten hatte. Nicht dass es zu körperlichen Übergriffen seitens meiner Eltern gekommen wäre. Nein, so was gab es bei uns nicht, aber der Psychoterror und die Überheblichkeit, gerade meines Vaters, waren nicht dazu angetan, die Lage im Haus zu entspannen. Er konnte mit Nichtigkeiten fünf Leute gleichzeitig beschäftigen und seine Anweisungen wurden in einem Ton rübergebracht, der sogar unserem Hund irgendwann einmal das Leben kostete. Ich denke, damit wäre die Atmosphäre, die in unserem großen Haus herrschte, einigermaßen gut beschrieben. Wir Töchter sahen immer zu, dass wir unserem Vater möglichst weiträumig aus dem Weg gehen konnten, da wir für ihn nur ein ständiges Ärgernis darstellten. Wir waren eben nur Mädchen. Trotzdem war alles halb so schlimm, da unser Grundstück groß genug war, um sich zu verdrücken. Das taten wir dann auch alle schnellstens, wenn „er” gesichtet wurde. Mit meiner Mutter konnten wir leben. Die hatte zwar einen kleinen Stich nach oben, war aber sonst ganz okay und ließ uns meistens in Ruhe toben. Sie sah das zwar nicht gern, da Toben ja eigentlich unweiblich ist, aber sie war so mit sich selbst und den Ausbrüchen meines Vaters beschäftigt, dass sie uns gern mal übersah und so hatte ich bis jetzt eine relativ schöne Kindheit verlebt. Am liebsten mochte ich meine Tante, eine jüngere Schwester meines Vaters. Diese lebte völlig nutzlos mit in unserem Haus. Meinem Vater war das gar nicht recht, aber sie ließ sich partout nicht vertreiben oder gar zu seinem Nutzen verheiraten. Sie hatte immer Zeit für uns. Sei es, dass wir uns mal wieder das Knie aufgeschlagen oder die Strümpfe zerrissen hatten oder wir waren mal wieder in irgendeinem Busch hängen geblieben. Tante richtete es und, was das Schönste war, sie verpetzte uns nicht. Ich liebte sie heiß und innig und hatte beschlossen, wenn es denn bei mir einmal soweit sein sollte, würde ich sie heiraten. Immer wenn ich davon sprach, brachen allerdings alle nur in großes Gelächter aus. Na ja, die nahmen mich halt nicht ernst, aber eines Tages, da würde ich es ihnen schon noch zeigen. Und dann würde ihnen schon noch das Lachen vergehen. Eine Beziehung war dazu da, um prächtige Stammhalter und wunderschöne Maiden zu produzieren, die man sobald wie möglich geschäftlich gut einsetzen konnte. Wenn ich heimlich die Menschen aus unseren Kreisen belauschte, hörte ich immer wieder, dass es am besten sei, nur einen Stammhalter zu haben und drei oder vier Maiden. Gab es mehr als einen Stammhalter, konnte es zu Kompetenzrangeleien kommen, die dem elterlichen Betrieb großen Schaden zufügen konnten. Und drei oder vier Maiden konnte man gut mit anderen begüterten Herren verheiraten und so nicht nur die unnützen Esserinnen loswerden, sondern gleichzeitig auch noch einige viel versprechende geschäftliche Beziehungen vertiefen oder sogar neu knüpfen. Tja, bei uns lief das nun überhaupt nicht so. Bis jetzt hatte es keinen Stammhalter gegeben. Mein Vater war darüber sehr unglücklich und meine Mutter deswegen zwangsläufig auch. Er beachtete sie kaum noch, da er ihr die Schuld an dem Dilemma gab. Nur nachts schlich er sich in ihr Zimmer, um es noch ein aller, aller letztes Mal zu versuchen. Ich hatte mich heimlich hinter den bodenlangen Fenstervorhängen versteckt, um zu sehen, wie es ist, wenn der Klapperstorch ein Kind bringt. Trotz intensiver Drängelei meinerseits, hatte meine Mutter mir streng verboten, während der Geburt dieses Zimmer zu betreten. Ich hatte das natürlich nicht verstanden. Was konnte denn so schlimm daran sein, wenn ein Storch durch das große Fenster kam und ein Kind brachte? Die Neugier, die mich schon öfter mal in gefährliche Situationen gebracht hatte, siegte allerdings auch diesmal über meine Angst und meine Vernunft und so hatte ich mich in das Gebärzimmer und hinter den Vorhang geschlichen. Ja, ja, meine Neugier! Wenn ich heute daran denke, was hat sie mir doch für Erkenntnisse beschert. Ich war zwar damals erst acht Jahre alt, aber die Erfahrungen, die ich bis dahin gesammelt hatte, waren schon ziemlich wichtig für mein späteres Leben. Da fällt mir eine Geschichte ein, die wirklich prägsam für mich war: Unser riesiges Haus besaß so viele Gänge und Türen, dass ich es mir schon sehr früh zur Aufgabe gemacht hatte, alle einmal begangen oder geöffnet zu haben, bevor ich alt und grau werden würde. Die blöden Spiele meiner jüngeren Schwestern fand ich stinklangweilig und so setzte ich mich immer mal wieder ab. Wenn ich die Lust verspürte, mich aus ihren Spielen auszuklinken, schlug ich einfach das Suchspiel vor, um mich heimlich verdrücken zu können. Ich fand es ziemlich lustig, wenn die anderen in unserem riesigen Park krampfhaft nach mir suchten und nach mir riefen, während ich heimlich durch die verlassenen Gänge huschte und wieder einmal eine neue Tür entdeckt hatte. Da ich auch schon einmal beim „Schnüffeln” – so nannte es meine Mutter – erwischt worden war, hatte ich meine Techniken im Laufe der Zeit Stück für Stück verfeinert. Ich hatte z. B. herausgefunden, wie ich mich fast lautlos über die Flure bewegen konnte. Außerdem konnte ich mittlerweile ganz leise die Türen öffnen. Das war gar nicht so schwer. Ich muss-te nur die Tür ganz fest gegen den Rahmen pressen und schon konnte ich die Klinke leicht und fast ohne Geräusch niederdrücken. Dann öffnete ich die Tür nur eine ganze Winzigkeit, um die Lautstärke des Knarrens der Angeln zu testen. So konnte ich mir manches Zimmer ansehen, ohne erwischt zu werden. Ach, was war da alles zu sehen! Wahre Schätze lagen da offen vor mir. Edle Möbel und Teppiche, so weit das Auge reichte. Am liebsten hatte ich Schränke und Kommoden; Kommoden noch lieber als Schränke, da die meistens für mich einfacher zu erreichen und zu öffnen waren.


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