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Belletristik
Buch Leseprobe Krügers Bericht (neue Version), Erik J. Roberts
Erik J. Roberts

Krügers Bericht (neue Version)



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Abschnitt 01


 


Um das Ausmaß der Empfindungen verstehen zu können, das die Begegnung mit Laura Könnecke in mir auslöste, sollten Sie zunächst über einige Hintergründe informiert sein. Die Lebensfreude, die Aufrichtigkeit und Leidenschaft dieser jungen Frau rissen mich mit Wucht aus dem trostlosen Rinnsals meines Lebens. Ihr Erscheinen brachte das Kartenhaus aus faulen Kompromissen, abgestumpften Gefühlen und Heucheleien, in dem ich zuvor gelebt hatte, zum Zusammenbruch. Dafür werde ich ihr immer dankbar sein. Laura weckte in mir zum ersten Mal die Fähigkeit zu lieben, zur wahren Liebe.


Ich will Ihnen hier keine vollständige Beschreibung meiner gescheiterten Ehe mit meiner Frau Iris geben, doch ein paar Bemerkungen scheinen mir nötig, um ihren unbändigen Hass gegen mich zu erklären.


Iris und ich lernten uns gegen Ende meines Medizinstudiums kennen, als mein Praktisches Jahr begann. Vor dieser Zeit hatte ich das Dasein eines emotional verwahrlosten Singles geführt, der sich in ungezählten Nächten durch die medizinische Fachliteratur quälte. Sie ahnen nicht, welches Glück die Abwechslung für mich bedeutete, endlich unter Menschen zu kommen und etwas Nützliches tun zu dürfen! In meinem Praktischen Jahr wurde ich Teil eines junges Teams, das sich mit Leidenschaft um schwerbehinderte Kinder kümmerte. Diesen von Geburt an benachteiligten Geschöpfen ohne Zukunft etwas geben zu können, erwies sich als dankbare und befriedigende Tätigkeit. Ärzte, Pfleger, Pädagogen und andere Beteiligte brachten den Kindern auf unbeschwerte Weise Sinn, Perspektive und Spaß ins Leben, wie sie es anderswo vermutlich nie erfahren werden. Hingebungsvoll versuchten wir, jeder Bastelstunde, jedem Kindergeburtstag, jeder Mahlzeit Außergewöhnlichkeit einzuhauchen. Wir ließen uns auf die Kinder ein und wurden Teil ihrer Familie. Und die Kinder nahmen es dankbar an.


In diesem Klima lernte ich Iris kennen, eine junge Krankenschwester. Sie hatte es von Anfang an auf mich abgesehen, damit ich ihre Träume von einem behüteten Leben in finanzieller Unabhängigkeit erfüllte. Heute weiß ich, dass Iris und ich schon vor unserem Kennenlernen nicht zueinander passten. Mit ihrer sperrigen Figur, den zu klein geratenen Brüsten, dem gelockten, kurzen roten Haar und ihrer schwachen gesundheitlichen Konstitution kam sie nicht annähernd heran an mein erotisches Frauenideal, von dem ich in meinen einsamen Nächten träumte. Aber damals, als ein nach Zärtlichkeit und Erotik lechzender Hund, fiel ich herein auf ihre geschickt ausgelegten Köder. Bei Stationspartys und Ausflügen goss Iris mir Wein nach, tätschelte mein Knie, machte mit kichernden Kolleginnen schlüpfrige Bemerkungen und schmachtete mich an aus ihren dunklen Rehaugen. Bei einer Feier verlor ich schließlich die Geduld und beging den Fehler, nicht länger auf eine Frau warten zu wollen, die ich lieben konnte. Nach einem Glas Weißburgunder zu viel verlor ich die Kontrolle und ließ mich in Iris’ Arme sinken, wobei es natürlich nicht blieb.


Bei unserem ersten umnebelten Mal blieb mir zunächst verborgen, dass sie nie zu einem Höhepunkt kam. Anfangs dachte ich, die Ursachen lägen bei mir, aber weder eine ausgefeilte Liebestechnik noch Sitzungen beim Sexualtherapeuten vermochten an ihrer Anorgasmie etwas zu ändern. Ihr Körper versagte ihr einfach dieses Grundrecht. Erst Laura brachte mir später die Erleuchtung, welches Maß an Lust zwei Menschen einander schenken können. Nach den sexuellen Magerkostjahren des Studiums empfand ich die Regelmäßigkeit der erotischen Bemühungen mit Iris anfänglich als angenehm. Nach ein paar Monaten jedoch bekam diese Annehmlichkeit für mich einen bitteren Beigeschmack. Ich bin ein Mensch, für den es auf Dauer unerträglich ist, wenn die Partnerin nie zur Erfüllung kommt, und nach einiger Zeit fühlte ich mich ebenso unbefriedigt wie sie.


Sie mögen sich fragen, warum ich mich überhaupt auf die Ehe mit einer Frau einließ, die ich weder liebte noch dauerhaft wirklich attraktiv fand. Auf diese Frage fallen mir nur dünne Antworten ein. Einsamkeit stellte gewiss den Hauptgrund dar, der andere war wohl der alte Bruder Bequemlichkeit. Immerhin liebte Iris mich bis zum spektakulären Untergang unserer Ehe mit ganzer Kraft, und sie tat alles für den Erhalt ihres Lebenskonstrukts: Sie briet mir Frühstückseier, bügelte meine Wäsche, hielt unsere noble Vierzimmerwohnung vorzüglich in Ordnung und organisierte klassische Konzertabende und Feten mit ihren zahllosen Freunden, von denen mir die meisten auf die Nerven fielen. Ich bin ein Mensch, der gern mal alle Türen für ein paar Tage verschließt, sich einigelt und zwei Kilo Bücher vertilgt. Kommunikation im Überfluss bringt mir schon der Beruf.


Wenn Sie mich fragen, ob es für mich mit Iris echte Glücksmomente gab, antworte ich mit einem klaren Nein – allenfalls Eheroutine und emotionales Gleichgewicht auf niedrigem Niveau. Doch nie von Glück erfüllte Augenblicke, wie ich sie später mit Laura erfahren durfte.


Ob es für Iris Glücksmomente mit mir gab? Ich glaube schon. Nach mehreren gescheiterten Beziehungen verschaffte unsere labile Ehe ihr eine gewisse Stellung in ihrem Kreis. Verheiratet mit einem Arzt, der bald eine eigene Praxis eröffnen würde, war sie durchdrungen von dem brennenden Wunsch, ein florierendes Familienunternehmen aus dem Boden zu stampfen. Sie selbst konnte übrigens nicht Medizin studieren; ihr bescheidenes Abendabitur ließ es nicht zu.


Vor acht Jahren dann gab es in unserer trostlosen Ehe einen Wendepunkt, den selbst Iris aus medizinischen Gründen für unmöglich gehalten hatte: Sie gebar uns unsere Tochter Mathilda. Ich brauche Ihnen als dreifachem Vater bestimmt nichts über die Liebe zu Kindern zu erzählen. Mathildas Geburt war ein Ereignis, das alles veränderte, sogar das Verhältnis zu meiner Frau. Sie ist das wunderschönste Kind auf Erden, aufgeweckt, voller Sanftmut und Güte, ausgestattet mit einer enormen Portion Intelligenz und hervorragenden Talenten. Sie sollten sie einmal Gitarre spielen oder singen hören! Mathilda ist für mich ein unablässiger Quell der Freude. Für sie beschloss ich, eigene Bedürfnisse in den Hintergrund zu stellen und ihr eine harmonische Kindheit zu bereiten. Ich begann, Iris gegenüber manches zu schlucken und zu verschweigen, Kompromisse zu schließen. Die Schwangerschaft schenkte meiner Frau die vermutlich glücklichsten Jahre ihres Lebens. Leider brach infolge der jüngsten Ereignisse auch für Mathilda die Welt, sprich, die Vorstellung einer heilen Familie, zusammen. Ich kann ihren Schock nur ahnen, und natürlich quälen mich Selbstvorwürfe. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht verzweifelt ins Kissen boxe. Die Untersuchungshaft treibt mich noch in den Wahnsinn! Es ist das erste Mal, dass ich von ihr so lange getrennt bin. Ich kann nur hoffen, dass Iris Mathilda nicht für ihre Zwecke instrumentalisiert und ihr einimpft, dass ihr Vater ein Monster ist. Doch in dieser Hinsicht vertraue ich auf Mathildas Intelligenz und ihre Instinkte, denn zwischen uns existiert ein starkes Band aus Liebe, Verständnis und Vertrauen.


Damit Sie meine persönliche Situation vor dem Kennenlernen Lauras besser einschätzen können, vielleicht ein paar Details über meine Arbeit. Der Berufseinstieg nach dem Studium geriet für mich zu einem Schock, gegen den sich meine triste Ehe ausnahm wie das Paradies. Sie müssen sich vorstellen, dass ich nach dem Ende meines Praktischen Jahres den Arztberuf über alles liebte. Und dann dieses Desaster! Schon am ersten Tag in der neuen Klinik, in der ich nach langer Suche endlich eine Stelle als Assistenzarzt bekommen hatte, zappelte ich hilflos im Netz der Sozio- und Psychopathen der Station für Innere Medizin des St. Josef Krankenhauses. Von der ersten Minute an beging ich den Grundfehler, defensiv und konfliktscheu aufzutreten. Gegenwärtig ereilen mich Konflikte ja im Überfluss, damals aber hätte ich auf meiner Brust sofort ein Schild mit der Aufschrift „STOPP!“ anbringen sollen. Bis hierher und nicht weiter! Ich kann das nur jedem raten, der in die Netze des allgegenwärtigen Phänomens Mobbing gerät. Dieses Monster treibt leider fast überall sein Unwesen, und es wütet besonders brutal in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und Krisen, wie wir sie gegenwärtig erleben. Obwohl dieser Horror jetzt seit ein paar Wochen hinter mir liegt, möchte ich immer noch meine Wut auf einem großen Platz herausschreien. Manchmal direkt und frontal, meist aber subtil und hintergründig mobbten meine Kollegen einander, wobei es natürlich nur um eins ging: die oberen Sprossen der Hierarchieleiter zu erreichen – und dabei alle anderen aus dem Weg zu räumen.


Doch von Anfang an: Voller Tatendrang schlüpfte ich am ersten Tag in meinen frisch gestärkten weißen Kittel. Iris hatte ihn fein hergerichtet, gute Arbeit. Wie üblich, wenn man eine neue Stelle antritt, wo man Lokalitäten und Abläufe noch nicht kennt, spürte ich ein unsicheres Gefühl in der Magengrube. „Das schaffst du schon, keine Angst!“ Diesen Spruch hatte Iris mir mit auf den Weg gegeben.


Keine Stunde verging, da begann bereits der Kompetenzentzug: Doktor Krüger, der Laufbursche. Auf traurige Einzelheiten möchte ich lieber verzichten. Das Grauen bahnte sich seinen Weg und hieß für den Rest des Vormittags Chefvisite. Professor Dr. Meier-Finsen versprühte unwiderstehlichen Charme, besaß Charisma und ein entwaffnendes Lächeln. Aus strahlend blauen Augen zwischen graumelierten Schläfen sah er mich an, und einen Augenblick lang fühlte ich mich plötzlich doch noch willkommen in der Abteilung. Meine sonst so gesunde Menschenkenntnis versagte bei ihm kläglich, und ich brauchte lange, um dahinterzukommen, dass sich hinter der Fassade aus Charme, Noblesse und Eloquenz ein egoistisches und gewissenloses Schwein verbarg – und damit drücke ich mich noch vornehm aus! Aber natürlich war ich nicht der einzige, der auf ihn hereinfiel. Hätte Prof. Dr. Meier-Finsen Sie, Herr Wiechmann, zur Teilnahme an einer klinischen Studie überreden wollen, bei der die Hälfte aller Probanden mit Sicherheit stirbt, hätten selbst Sie als erfahrener Jurist voller Vertrauen unterschrieben und noch geglaubt, Ihrer Gesundheit etwas Gutes zu tun. Ich habe nie wieder jemanden getroffen, der Menschen raffinierter manipulieren konnte – leider auch mich, eine Zeitlang. Beiläufig, am Rande unserer ersten Visite, stellte er mir in Aussicht, dass ich wichtige wissenschaftliche Studien betreuen könnte: Veröffentlichungen, Drittmittel, der Facharzt, eine Spezialisierung zum Gastroenterologen und, wer weiß, wenn alles gut lief, vielleicht sogar die Habilitation winkten! Das motivierte mich, den unsicheren Berufsanfänger, natürlich nachhaltig – und schon zappelte ich in seinen Fängen.


Nach der Chefvisite fielen Stationsarzt Dr. Michel und Oberärztin Dr. Hager sofort über mich her wie Heuschrecken über das frische Grün. Ich will wirklich nicht jammern, aber ich sage Ihnen: Das berühmte Sprichwort mit dem Sprung ins kalte Wasser trifft diesen Albtraum nicht einmal annähernd! Ich kam mir vor wie ein Krebs, der in kochendes Wasser geworfen worden ist.


Iris und mein Arbeitsumfeld boten zu dieser Zeit also manche Gründe für Enttäuschungen und Frustrationen, und vermutlich hätte ich, wäre es so weitergegangen, meinem Leben eines Tages mit einem Sprung vom Klinikdach ein Ende gesetzt. Doch da war ja noch mein großes Glück Mathilda. Da Iris auf der Kinderrehabilitation im Dreischichtsystem arbeitete, oblag es mir, unsere Tochter zur Schule zu bringen und sie von dort abzuholen. Kann es für einen stolzen Vater schönere Pflichten gegeben? Liebend gern ließ ich mir von ihren Einsen berichten und von ihren kleinen Sorgen, um deren Lösung wir uns gemeinsam bemühten; kindliche Kleinigkeiten, keine schlafraubenden Probleme. Oft verbrachten wir die Nachmittage im Museum, in der Tobewelt, gingen Eis essen, im Park spazieren oder einfach schwofen. Geduldig unterhielt ich mich in der Schule regelmäßig mit ihrer Lehrerin, der Hortnerin oder den Supermüttern (von denen ich übrigens nie eine attraktiv fand) über die Organisation des nächsten Schulfestes, die Milchverteilung, den Kuchenbasar oder den Unsinn der Schulreform. Jeder betrachtete mich als voll integriertes, angesehenes Mitglied der Gesellschaft. Niemand ahnte etwas von meinen geheimen Träumen, meinen Süchten – oder gar von meiner latenten Parthenophilie.


Mit meinem starken, zeitweilig suchthaften Interesse an pubertären Mädchen, das ich an dieser Stelle offen eingestehe, lebe ich schon seit meiner eigenen Pubertät, obwohl es mir erst seit ein paar Jahren bewusst geworden ist. Damals fixierte sich offenbar ein bestimmtes Frauenbild in meinem Kopf. Vielleicht liegt es daran, dass ich in dieser Phase bei Mädchen selbst nie große Erfolge verbuchen konnte? Bedauerlicherweise setzte dieser Trend sich aufgrund meiner Schüchternheit fort bis in das frühe Erwachsenenalter. Meine erotische Vorliebe möchte ich nicht als absolut bezeichnen, denn ich finde auch Frauen über fünfzig attraktiv; ebenso wenig könnte ich behaupten, jedes picklige, zickige, ungelenke oder gar pummelige junge Ding fessle meine Aufmerksamkeit. Aufgrund meines anspruchsvollen Geschmacks weckt nur ein ganz bestimmter, sehr seltener Typ meine Begierde.


Lassen Sie mich an dieser Stelle den Idealtyp jener jungen Frau schildern, deren unvergleichlicher Körper die Gabe besitzt, in mir Ströme untröstlicher Lust zu wecken, deren Erfüllung ich vor der Beziehung mit Laura selbst für unmöglich gehalten hätte.


Das frische, strahlende Glück sollte eine gewisse Unvollkommenheit ausstrahlen, eine Verletzlichkeit gleichsam, im Spannungsfeld zwischen behüteter Kindheit und ersten Verheißungen des Erwachsenseins. Pubertäre Unausgeglichenheit mag gelegentlich zu Gefühlsausbrüchen führen; mein Typ dagegen ruht schon in sich und zeigt deshalb selten derartige Stimmungsschwankungen. Sie trägt ihre köstlichen Formen zur Schau ohne Wissen: die zerbrechlichen Schultern, die knabenhaften Hüften, den geschmeidigen Rücken. Ehrfurcht und Entzücken ergreifen mich, wenn die Art und Weise, wie eine solche Frau ihre jugendlichen Brüste trägt, nicht Unsicherheit ausstrahlt, sondern Selbstbewusstsein und Vollkommenheit. Von anderen Köstlichkeiten durfte ich mangels Nähe stets nur träumen: die unbeschreibliche Zartheit der Haut, der Flaum der Arme, der jugendliche Geruch und andere unaussprechliche Sinnlichkeiten.


Erotische Fantasien, die um Frauen dieses Typs kreisten, angeregt durch flüchtige Begegnungen, Filme oder Bilder, raubten mir zeitweilig fast den Verstand und stießen mich aufgrund ihrer Unerreichbarkeit in Depressionen. In dieser Phase wäre ich bereit gewesen, ein Körperteil von mir zu opfern oder ein schnelles Ende zu akzeptieren, nur um ein solch bezauberndes Geschöpf einmal berühren zu dürfen!


Laura entsprach meinem Wunschbild auf fast unwirkliche Weise. Sie war das lebende Ideal, seine endgültige, unwiderrufliche Verkörperung. Zum ersten Mal begegnete ich ihr vor drei Jahren nach den Osterferien auf dem Schulhof.


 


Es war der 16. April, ein milder, aber trüber Frühlingstag. Ich hatte Mathilda an der Hand und ließ meinen Blick müßig über den Schulhof schweifen. Da blieb er plötzlich hängen an einer zarten Gestalt mit kastanienbraunem Haar. Welch erlesene Grazie, dachte ich, wie schon bei vielen Mädchen dieses Alters, als ein geübter stiller Genießer jugendlicher Schönheit.


Bereits wenige Sekunden später fesselte mich etwas Undefinierbares, etwas, das da war neben ihrem hübschen Erscheinungsbild mit dem anmutigen Pagenschnitt, der leicht aufspringenden Nackenpartie oder ihrer geschmackvollen, eigenwilligen Art, sich zu kleiden. Ich erinnere mich genau, was sie an diesem Tag trug: eng anliegende, körperbetonte Jeans, einen weißen Rollkragenpullover und darüber eine dunkelanthrazitfarbene Wickeljacke mit Schalkragen. Doch das, was mich gefesselt hatte, war weder ihre Kleidung noch ihr Aussehen. Es war die Kraft, die Stärke ihrer Persönlichkeit, ihr reifer, intelligenter Blick und ihr unwiderstehlicher Charme.


Unweigerlich, wie in einem Sog, wurde ich bei meinen nächsten Besuchen auf dem Schulhof zum heimlichen Beobachter dieser dreizehnjährigen Schönheit. Kleinste Details, das Licht auf ihrem Haar, die Stellung ihres Arms, wenn sie etwas erklärte, die Rundung ihrer Schulter, dies alles sog ich aus der Distanz in mich auf. Sie ahnen nicht, Herr Wiechmann, wie ich meine Beobachtungsgabe fokussierte, obwohl mich die Regeln des gesellschaftlichen Lebens weiter von ihr entfernt hielten als jede irdische Distanz es zu beschreiben vermag! Schon das morgendliche Ritual der Begrüßung ihrer drei Freundinnen (vor Beginn des Unterrichts umarmten und küssten sie sich innig) weckte in mir zärtlichste Empfindungen und ein tiefes Glück. Laura unterhielt sich immer angeregt mit ihnen und wirkte bei dieser Konversation weder schüchtern noch zurückhaltend, vielmehr natürlich und bescheiden. Alles andere auf dem Schulhof interessierte mich nicht, nahm ich kaum wahr. Keine ihrer Freundinnen vermochte mein Interesse zu wecken. Ich kostete diese Momente so lange aus wie nur möglich und verlängerte sie bald, indem ich Mathilda fünf Minuten früher zur Schule brachte, ihr beim Hineingehen lange zuwinkte und mich dabei an Lauras Erscheinung labte. In immer klareren, deutlicheren Tagträumen malte ich mir aus, wie es wäre, sie in die Arme zu schließen und zu küssen.


Sie heimlich bewundern, sie aus der Ferne anbeten zu dürfen, wurde bald ein unbeschreibliches, nie auszukostendes Glück. Laura schien meine verstohlenen Blicke nicht zu bemerken, denn sie schenkte mir höchstens beiläufig Beachtung. Wie sie mir später berichtete, irrte ich hier: Sie hatte mein Interesse sehr wohl bemerkt und geriet deshalb in Verlegenheit. Vielleicht hätte ich das gelegentliche nervöse Schütteln ihres Haares so deuten können.


Der Mai nahte. Die Wolken zerstreuten sich, die Sonne brach durch und gewann an Kraft. Je öfter ich Laura begegnete, umso heftiger wurde mein Verlangen. Träume von wilder Leidenschaft raubten mir jede Nacht den Schlaf, und am Tag malte ich mir aus, wie es wäre, diese himmlische junge Frau später, als Achtzehnjährige, kennenzulernen. Obwohl ich ihr von Anfang an bedingungslos verfallen war, gestand ich mir erst jetzt ein, dass ich sie mit jeder Ader und jedem Nerv begehrte. Ich begann sie zu lieben. Ja, ich liebte sie. Ich liebte sie mehr, als ich irgendetwas oder irgendwen zuvor geliebt hatte. Glauben Sie mir: Bis auf den Genuss ihrer Schönheit aus der Entfernung bedeutet eine solche Liebe, eine Liebe, deren Erfüllung unmöglich ist, Seelenqualen.


 


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