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> Belletristik > Kein Wetter für Rote Schuhe
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Belletristik
Buch Leseprobe Kein Wetter für Rote Schuhe, Ulrike Winkler
Ulrike Winkler

Kein Wetter für Rote Schuhe



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Der leise Schmerz ist der schlimmste von allen.



Als ich das Fenster aufreiße, merke ich erstaunt, dass selbst der Regen heute Nacht anders klingt. Entrückt und surreal trommelt er unaufhörlich auf die Holzplanken meiner Dachterrasse. Ich fühle mich nicht sicher hier, doch der kühle Nachtwind durchströmt meine Lungen und lässt mich seit langem wieder das Gefühl haben, etwas zu empfinden: Kälte. Wärmende Kälte. Unentschlossen nehme ich eines meiner zerfledderten alten Notizbüchlein aus der Schublade in der Küche und greife nach dem stumpfen Bleistift vor mir. Ich schreibe grundsätzlich nur mit Bleistiften, weil man mit ihnen etwas schreiben und anschließend mit einem Radiergummi wieder auslöschen kann. Wenn man sich bemüht und nie allzu fest mit der Miene auf das Papier drückt, sieht man nach dem Ausradieren nichts mehr. Keine Spur mehr von dem, was dort einmal stand. Es sieht aus wie vorher. Blank, selbst wenn man es gegen das Licht hält, erahnt man lediglich Spuren des Geschriebenen. 


Die Texte aus Wörtern über dich und mich sind so mit einem Ruck eliminiert. Was nichts daran ändert, dass mich alles stets an dich erinnert. 



Das Knarren der alten Dielen, der Duft von Rhabarber und das Knistern von weißer Bettwäsche. Eine wohlige Wärme breitet sich in mir aus, und ich merke, dass ich langsam dort ankomme, wo ich längst hätte sein sollen. In meinem Kopf reihen sich farblose Steine aneinander. Ich hatte nie vorgehabt, je wieder an diesen Ort zurückzukehren. Ich weiß, dass ich nun nicht mehr umkehren kann und unsere Geschichte erzählen muss.


Nach einem kurzen, unentschlossenen Blick in die Dunkelheit hinaus gebe ich mir einen Ruck und beginne zu schreiben: 



„Ich bin wieder da ...“



*


 


Rückblickend kann ich nicht sagen, weshalb ich mich gerade an diesem Morgen so intensiv und schmerzlich an dich erinnerte. Vielleicht war es diese ganz besondere und so spezielle Atmosphäre der ersten Atemzüge eines neuen Tages, welche mir dich an jenem Morgen so greifbar nahebrachte. Vielleicht war es aber auch einfach nur so, dass ich mir eingestehen musste, dass ich mich immer und unaufhörlich an dich erinnere – manchmal und besonders in solchen Momenten wie an diesem anbrechenden Morgen. Oder es war die warme Farbe der ersten Sonnenstrahlen, welche gerade die über die Hügel Sienas kriechende Dämmerung der frühen Morgenstunden durchdrang und mir mit messerscharfer Klarheit die Erinnerung an dich ins Herz rief. Mit einem Schlag spürte ich einen intensiven Schmerz, den ich eigentlich längst nicht mehr bereit war auszuhalten.


Eine Farbnuance des Rhodonits-Rosés mischte sich unter die ersten Sonnenstrahlen, und wahrscheinlich war es dieser optische Eindruck, der mich derart haltlos werden ließ. Das ganz spezielle Rhodonit-Rosé dieses Edelsteins hatte ich zu deiner Farbe auserkoren. Es verbindet die Reinheit von Weiß mit der Kraft von Rot und bedeutet so viel wie Rosenduft. 


Entschlossen, die Erinnerungen nicht weiter aufkommen zu lassen, kroch ich wieder unter die Bettdecke und versuchte, noch einmal in den Schlaf zu finden. Es war einer der wenigen Tage, an denen ich ausschlafen konnte, und wie immer an solchen Tagen war ich viel zu früh wach. 


Ich absolvierte gerade mein letztes Assistenzarztjahr in meiner Ausbildung zur Chirurgin an der Azienda Ospedaliera Universitaria Senese in Siena und befand mich in einem dauerhaften Zustand von Schlafmangel – durch die unzähligen Nacht- und Wochenenddienste sowie mein ansonsten sehr ausschweifendes Leben. In wenigen Wochen würde ich meine Abschlussprüfungen machen und hatte bereits ein lukratives Angebot der Klinik erhalten, die mich als Chirurgin unbedingt fest einstellen wollte. Eigentlich, so sollte man meinen, wären meine Aussichten durchaus glänzend gewesen.


Ich fand nicht mehr in den Schlaf zurück und blinzelte in die ersten warmen Sonnenstrahlen des Morgens – erbarmungslos traf mich wieder einen Schimmer des durchdringenden Rhodonit-Rosés, und einmal mehr war mein Herz bleischwer. Nie hatte ich diese Farbe in der aufgehenden Morgensonne wahrgenommen, sie sogar äußerst selten überhaupt in der Natur entdeckt. Und nur zweimal hatte ich diese Farbe an einem Menschen registriert. An meiner so sehr geliebten Großmutter und an dir.


Ich teile, so lange ich denken kann, Menschen in Farben ein. Ich erinnere mich nicht genau, wann ich damit begonnen habe, aber von jeher existiert in mir ein riesiges Register an Menschenfarben. Ein unermesslich großes Repertoire an Farbnuancen liegt zwischen all meinen Herz- und Hirnwindungen und ist daraus nicht mehr zu verdrängen.


Sehe ich einen Menschen – dazu muss ich präzisierend sagen: Sehe ich ihn öfter, baue ich also einen Bezug zu ihm auf – erscheint an seinem Hals irgendwann eine bestimmte Farbe. Diese nehme ich mehr links als rechts wahr. Auf der rechten Halsseite ist sie eher blasser und oft sehe ich dort nur ein leichtes, kaum wahrnehmbares Flackern der Farbe. Aber links am Hals erscheinen bei den meisten Menschen in meinem Leben deutliche Farben, und das ist auch der Grund, warum ich oft nicht in die Augen sehe, sondern nahezu ausschließlich an den Hals. Eine Eigenschaft, die andere seltsam finden, aber für mich ist nun mal nicht der Augenkontakt das essentiell Wichtige an einem anderen Menschen – es ist immer der Kontakt zu seiner Halsfarbe. 


Soweit also mein Erinnerungsvermögen zurückreicht, waren es stets Farben, die mir geholfen haben, die Menschen in meinem Leben zu sortieren, was für mich meist mehr Fluch als Segen gewesen war. Lange Zeit wusste ich nichts mit dieser unerwünschten Gabe anzufangen, habe verzweifelt alles versucht, um sie wieder loszuwerden. Es gab sogar eine Zeit in meiner Kindheit, in der ich mir ein „Halsverbot“ auferlegte – ich wollte mich zwingen, keinen Hals mehr an einem anderen Menschen zu taxieren. Ein Versuch, den ich keine zwei Tage durchhielt …


Mittlerweile habe ich in mir ein schier unerschöpfliches Repertoire an Farben angelegt. Es reicht mir nicht, einen Menschen der Kategorie grün, blau, rot oder gelb zuzuordnen. Im Grunde habe ich noch keinem Menschen eine dieser eindeutigen Farben zugeordnet, sondern eher extravagante Namen von Unterfarbtönen dafür verwendet. Lapislazuli-Blau – das ist eine Mischung aus Azur- und Hellblau, die man nur schwer beschreiben kann. Aber es gibt einen Menschen in meinem Leben, der ist lapislazuli-blau. Mosaikrot – das ist jemand, der hellgelb bis dunkelkarminrot, in gewisser Weise auch weiß oder etwas beige ist. Jemand, der sehr schwer zu fassen ist, den ich schwer einordnen kann. 


Die Sache mit den Halsfarben erschwert meinen Alltag immens. Ich will keinem Menschen in meinem Leben dieselbe Farbe geben, die ich schon einem anderen zugeordnet habe. Immer sind es kleine Nuancen, die sich unterscheiden. Also suche ich ständig nach neuen Namen, wenn mir wieder ein anderer Farbton aufgefallen ist – ein anstrengendes und aufreibendes Unterfangen. Inzwischen sind all die Menschen um mich herum in Hunderte, vielleicht Tausende von Farben eingeteilt. Als Kind versuchte ich oft, den Halsfarben durch etwas Ablenkung wie beispielsweise dem Betrachten des Himmels zu entkommen. Doch die vielen fluoreszierenden Nuancen des Himmels ließen mich nicht ruhiger werden. Im Gegenteil – jeder Schlag meines Herzens tanzte als veilchenblaue Explosion vor meinen Augen.


Selbst völlig farblose Objekte können mich wie Diamanten oder Kristalle anstrahlen. Manchmal erscheinen mir auch Farben, wenn ich schlafe. Wenn es regnet, werde ich von Farbformationen umgeben, die im Takt des Prasselns pulsieren.


Keiner kann ahnen, wie viel Energie und Zeit mir diese Sinneseindrücke oft rauben. Ich denke wirklich, ich werde über diese Sache noch irgendwann verrückt …


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