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Belletristik
Buch Leseprobe Junge Liebe, Ingeborg Kuhl de Solano
Ingeborg Kuhl de Solano

Junge Liebe


Erinnerungen – Reflexionen – Erkenntnisse

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Wir begegneten uns zum ersten Mal in seiner Werkstatt hinter dem Städel. Das war im Frühjahr 1952. Eine damalige Kollegin von mir hat uns miteinander bekannt gemacht. Ihr Freund war ein Freund von Hans. Ich nahm Hans mit allen meinen Sinnen auf. Er war ein schöner und lieber Mensch und ein Mann von starker Aura. Er wirkte auf mich sehr ernst, konnte aber auch, wie ich immer mehr feststellte, sehr fröhlich und schalkhaft lustig sein. Mir fiel auch auf, wie zurückhaltend, ja schüchtern er war – was ich damals, im Vergleich zu anderen jungen Männern, die ich kennengelernt hatte, eigentlich als reizvoll, ja für mich als junges Mädchen fast wie eine Herausforderung empfand.
Heute interpretiere ich diese seine Art eher als Schutzhaltung – Schutzhaltung gegenüber anderen und der Umwelt generell – aber auch als Schau nach innen, eine Art Introvertiertheit.
Auf jeden Fall war er für mich als damals Siebzehnjährige mit seinen 24 Jahren ein »fertiger« Mann und somit eine naturgegebene Attraktion.
Ich schaute ihm gerne bei seinen damals ersten Arbeiten zu und fertigte auch, wo immer sich dazu eine Gelegenheit bot und ich Lust dazu hatte, gerne Zeichnungen an, auch von seinen früheren Werken, die ich jetzt wieder »hervorgekramt« habe.
Und während wir miteinander sprachen, lauschte jeder von uns beiden interessiert auf das, was der andere sagte. Es entstanden geistreiche und tief religiös geprägte schöne Gespräche, so wie auch immer mehr in der Folgezeit. Wir erkannten auch schnell unsere Kongruenzen, sowohl in Bezug auf unsere Weltsicht wie unseren starken Glauben.
Wir trafen uns zum gemeinsamen Besuch von Kunst-Ausstellungen in Museen und Galerien (oft in der Zimmergalerie Franck), bei Freunden wie den Göpferts, oder in seiner Familie. Im April 1952 besuchten wir sogar mal meine Urgroßmutter in Schwalbach im Taunus, wo sie wenig später in ihrem schönen eigenen Haus verstarb.
Unsere inneren Welten fanden immer mehr zueinander, besonders bei unseren langen Spaziergängen durch die von uns beiden geliebte Natur. Wir spürten, dass all das, was jeder von uns bis dahin in sich angesammelt hatte, sich wunderbar ergänzte, aufblühte; dass das wohltat und in ruhigschöner, besonnener Harmonie auch von großer gegenseitiger Achtung getragen war.
Was uns damals ebenfalls bereits einte, waren unsere Künstler-Seelen, nur dass sich seine bereits ganz klar manifestierte, während sich die meine erst im mittleren bzw. späten Alter verwirklichte, ohne sich jedoch nicht einmal entfernt mit seinen Werken je messen zu können. So vieles zeichnete sich für uns klar ab … was fehlte da eigentlich noch? – Ja, etwas Wesentliches – doch darauf werde ich erst später weiter unten eingehen.
Dazu passte allerdings bereits etwas, was Hans eines Tages für mich rezitierte. Es war ein kurzes, wundervolles mittelalterliches Gedicht. Es hätte von Walther von der Vogelweide stammen können. Ich gebe es hier mal in unser heutiges Deutsch übertragen wieder:
»Du bist mein (min)
ich bin Dein (din)
des sollst Du gewiss sein (sin)
Du bist verschlossen
in meinem (minen) Herzen
Verloren ist das Schlüsselein (slüsselin);
drum musst Du immer darinnen sein (sin)«
Das waren klare Worte von ihm, bedeutungsvoll für mich.
In dieser Zeit sprach Hans oft über den Heiligen Sebastian, der ihn immer noch sehr beschäftigte. Ich erinnere mich noch genau daran und las später auch einiges über ihn. Er war im 3. oder 4. Jh. n. Chr. in Mailand geboren und später ein römischer Offizier und Angehöriger der als staatsfeindlich betrachteten Religion des Christentums. Deswegen wurde er eines Tages aus der Armee ausgeschlossen und schließlich zum Opfer der grausamen und blutigen Verfolgungen unter dem römischen Kaiser Diokletian, wurde mit Pfeilen durchbohrt und anschließend erschlagen. Im Mittelalter wurde er als Pest-Patron verehrt, galt aber auch als Patron der Steinmetze u. a.
All das hatte Hans wohl angeregt, eine Skulptur dieses Märtyrers zu schaffen. Ich zeichnete diese gelegentlich genauso wie seine bereits Jahre zuvor (1948) entstandene »Sitzende«, die mich bis heute begeistert.
Bis dahin hatte natürlich jeder von uns, die wir übrigens beide evangelisch und sehr gläubig waren, ein gutes Teil seiner eigenen persönlichen Entwicklung und erste Berufserfahrungen hinter sich, über die wir immer wieder mal sprachen. Ich möchte dazu hier nur einiges kurz wiedergeben. Schließlich ist die erste Prägung von Menschen nicht unwichtig, gerade dann, wenn Mann Mann und Frau Frau wird und beide zusammenkommen.

Zu Hans
Was über ihn geschrieben wurde, gerade in Katalogen zu Ausstellungen, betrifft ja überwiegend seinen Werdegang und seine Werke.
Die aus meiner Sicht vollständigsten Informationen bietet die Dissertation von Claire Hellweg: »Hans Steinbrenner: Die Entwicklung der Formensprache im plastischen Werk«, erschienen 1991.
Deshalb hier nur eine kurze Zusammenfassung zu ihm als kleine Übersicht für den Leser dieses Buches, das ich im Jahr 2018 schreibe. Er wäre dieses Jahr 90 Jahre alt geworden.
Hans Steinbrenner war, wie ich, Frankfurter, geboren am 25.3.1928. Zu unserer Zeit wohnte er noch bei seinen Eltern in der May-Siedlung im Stadtteil Praunheim. Er hatte vier Geschwister, von denen sein 1935 geborener Bruder Klaus übrigens einige Jahre mit Hans zusammen in dessen Werkstatt ebenfalls bildhauerte (1958–1963) und später als Architekt in den USA war. Ich gehe davon aus, dass die Familie in sicheren Verhältnissen lebte, denn der Vater war Prokurist bei einer Versicherungsgesellschaft; aber sieben Köpfe wollen auch ernährt werden.
Hans hätte gerne Chemie oder Maschinenbau studiert, hatte aber 1944 nur die Mittlere Reife an der Westend-Mittelschule abgelegt. Er versuchte jedoch, aus allem das Beste zu machen und arbeitete bis 1945, dem Kriegsende, zunächst als Praktikant bei einer Maschinenbaufabrik. Danach nimmt er im Rahmen eines Jugend-Förderprogramms der US-Besatzung leichte Tätigkeiten in einem Büro wahr und wird schließlich von einem US-Offizier, der selbst ein Atelier leitet und an einem solchen Programm teilnimmt, für die Gestaltung von Plakaten eingestellt. Ich erinnere mich, dass er auch recht gut Englisch sprach.
Mit 18 Jahren wendet sich das Blatt zu seinen Gunsten, und dies dank seines allseits festgestellten Talents und seiner Bemühungen.

Von 1946/47 bis 1948/49 besucht er für fünf Semester die Werkkunstschule in Offenbach/M., die »Meisterschule für das gestaltende Handwerk«, heute »Hochschule für Gestaltung«. Dort erlernt er in der Klasse für Schrift und Werbegraphik die Schriftkunst und Schriftanwendung und beschäftigt sich nebenbei mit der Gestaltung von Ton und Gips.
Dem folgen von 1949 bis 1952 sieben Semester in der Bildhauer-Klasse des Städel, der »Staatlichen Hochschule für Bildende Künste«, bei Hans Mettel, und im Anschluss daran, auch noch in unserer gemeinsamen Zeit, ab Oktober 1952 bis 1953/54 drei Semester an der Kunst-Akademie in München, bei Toni Stadler, ebenfalls in der Bildhauer-Klasse.
Als wir uns in seiner Städel-Werkstatt kennenlernten, arbeitete er gerade hochintensiv am Aufbau des von ihm angestrebten Berufes, der Bildhauerei, steckte aber noch ganz in seiner gegenständlichen Frühphase. In dieser Zeit schenkte er mir seine »Christus-Johannes-Gruppe«.
Das ist das, was ich von ihm damals alles erfuhr und kennenlernte, solange er in Frankfurt/M. weilte, aber auch immer wieder ein Stückchen mehr, wenn er in den Semesterferien aus München kam und solange blieb wie nur möglich.
Übrigens gibt Frau Dr. Hellweg am Ende ihrer Dissertation auch die aus verschiedensten Quellen zusammengestellten philosophischen Reflexionen von Hans Steinbrenner über sich selbst, über die Kunst im allgemeinen wie über seine Werke wieder. Diese stammen aus den Jahren 1965, 1967/68, 1973 und 1975. Es lohnt sich, sie zu lesen.
Diese eigenen Betrachtungen spiegeln vieles von dem wieder, wie ich Hans damals bereits kennenlernte.


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