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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Johanniskraut und Schokolade, S.P. Reineke
S.P. Reineke

Johanniskraut und Schokolade


Der Zickenzirkel

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Cecilia Jakobs bedauerte, ein modernes Telefon zu haben. Bei einem Altmodischen hätte sie den Hörer auf die Gabel schmettern und dem Angerufenen somit klarmachen können, dass sie angepisst war. Zwar hätte das im Augenblick sowieso keinen Zweck gehabt, weil diese dumme Nuss nicht ans Telefon ging oder nicht zuhause war, aber angepisst war sie trotzdem. Hagen war eben feige. Cecilia hatte ihren Termin bei ihrem Agenten um zwei Tage verschoben, weil Hagens Frau angeblich mit den beiden Kleinen für ein verlängertes Wochenende zu ihren Eltern fahren wollte, und er dann "richtig lange Zeit hatte." Natürlich würde er sich erst so um elf Uhr abends, wenn es dunkel war, zu ihr herüber schleichen, aber wenigstens - endlich mal! - über Nacht bleiben und neben ihr aufwachen, Halleluja! Jetzt war es eben dieser Freitag, an dem sie sich eigentlich bei ihrem Agenten in Frankfurt melden sollte, um mit ihm über den Vertrag zu sprechen, der Cecilia für mindestens drei weitere Jahre über Wasser halten konnte, wenn man es nur richtig anstellte. Jetzt saß sie hier, es war halb eins, und von Hagen keine Spur. "Scheißkerl", flüsterte sie. Ihre Mundwinkel zitterten genauso wie ihre Hände, als sie sich eine Zigarette aus der halbleeren Packung nahm und ansteckte. Seit drei Jahren hatte sie ein Verhältnis mit Hagen. Der wohnte mit seiner kleinen Familie nebenan. Und weil seine Kinder erst drei und fünf waren, wollte er sie nicht verlassen. "Wir leben nur noch nebeneinander her und streiten uns", so hatte er sich bei Cecilia bei jeder Gelegenheit beklagt, "und soviel Unterhalt kann ich mir nicht leisten." Seine Frau arbeitete halbtags, jedenfalls bis der Kleinste kam. Jetzt war sie immer zuhause und deshalb war es so schwer, sich wegzuschleichen. "Der Kleine war ein Unfall. Versöhnungssex. Und sie hatte schon seit zwei Monaten die Pille nicht mehr genommen und mich in die Falle gelockt." Cecilia hatte schwer geschluckt wie immer, wenn er ihr so einen Brocken hinwarf. Immerhin hatten sie damals schon geflirtet, und er hatte immer betont, dass zwischen seiner Frau und ihm nichts mehr liefe. "Das könnte ich auch gar nicht. Ich kann nur mit einer Frau schlafen, die ich auch liebe." Anscheinend konnte er es doch. Und Cecilia, die sich benutzt und billig vorkam, konnte sich von ihm einfach nicht lösen. Ihre Freundinnen redeten ihr abwechselnd gut zu oder machten ihr bittere Vorwürfe, aber Cecilia schaffte den Absprung nicht. Lorena, deren Tochter auch das Ergebnis einer Affäre gewesen war, hatte am meisten Verständnis für sie. Trotzdem war sie die schärfste Kritikerin von Hagen. "Der verarscht dich nach Strich und Faden. Mensch, Cecilia, du bist Schriftstellerin, du bist doch sonst nicht so dumm? Wieso erkennst du denn sein mieses Spiel nicht? Wenn das mir oder Maja passieren würde, Mann, du würdest uns die Hölle so was von heiß machen! Und du hättest völlig Recht damit! Der macht dich doch nur kaputt!" Cecilia hatte nur die Schultern gezuckt. Bis sie sich vor drei Tagen morgens um sechs dabei ertappte, dass sie hinter der Küchengardine verborgen am Fenster stand und darauf wartete, dass Hagen zur Arbeit ging, damit sie ihn wenigstens einmal sah. Am Abend vorher hatte sie auf dem Balkon gestanden und gefroren, immerhin war es ja schon September, und Kette geraucht bis Hagen endlich den Müll raus gebracht hatte. Alle zwei Tage tat er das. Und Cecilia war froh, ihn nicht verpasst zu haben. "Scheiße, bin ich eigentlich völlig bescheuert?" Sie hatte sich von der Gardine zurückgezogen, von wo aus sie einen sehnsuchtsvollen Blick auf Hagens blondes, sich schon leicht lichtendes Haar geworfen hatte, und war wieder ins Bett gegangen. Gegen Mittag hatte sie sich endlich dazu durchgerungen, mit ihm Schluss zu machen. Sie nahm ihr Handy zur Hand. Es wog auf einmal tausend Pfund. Sie tippte eine SMS ,Das wars, mir reicht's, und sah mit klopfendem Herzen auf die Taste, mit der diese vier Worte durch das dichte Handynetz jagen und alles zerstören würden, was sie an Liebe bekommen konnte. Sie konnte es nicht. Später, dachte sie, heute Abend. Sie speicherte die Nachricht im Entwürfe Ordner, wo auch die andere SMS stand, die sie ihm vor zwei Monaten beinahe geschickt hätte: Auf Dir würde ich gerne in den Sonnenuntergang reiten, und setzte sich erleichtert an ihren Computer, um noch eine Kurzgeschichte abzutippen. Ständig vertippte sie sich in ihrer Nervosität. Scheiß Vertipper-Tripper, dachte sie entnervt. Wie immer ging es ihr nach dem Schreiben viel besser. So konnte sie das ganze Gift loswerden, das sich in ihr angestaut hatte. Am liebsten hätte sie Hagen mal so richtig die Meinung in sein markantes Gesicht gesagt, aber sie traute sich nicht. Immer kam er zu ihr und sie nahm sich vor, diesmal endgültig Schluss zu machen und ihm haargenau zu sagen, was sie von ihm und seinem doppelten Spiel hielt. Immer streikte ihre Zunge, wenn er sie in den Arm nahm und ihr die Worte ins Ohr flüsterte, die sie wieder überzeugten dass da mehr war als nur Sex. Und immer wieder verließ er sie nach zwei bis drei Stunden, und sie weinte vor Verlassenheit und in der trostlosen Gewissheit, dass er sich jetzt mindestens zwei Wochen nicht mehr melden würde. Wie immer nahm sie sich dann vor, zu zerstören was sie zerstörte. Welch qualvoller und gleichzeitig süßer Tod. Am Abend, als sie die Entschlossenheit besaß, ihr Leben wieder ganz für sich in die Hand zu nehmen und diese giftgefüllte Nabelschnur zu durchtrennen, und ihr Handy zur Hand nahm, um die SMS abzuschicken, hatte sie eine MMS im Eingang. Von Hagen. Ihre Wangen röteten sich und sie strahlte, als sie das Bild sah, was er ihr geschickt hatte. Ein rotes Herz, unbeholfen aus einem Stück rotem Tonpapier ausgeschnitten, und eine rote Rose. Sie lagen rechts und links auf Hagens Schreibtisch im Büro und flankierten einen Zettel auf dem stand: Freitag? Sie rief zurück, und er erzählte ihr von dem Wochenende, das Sabrina mit den Kindern bei ihren Eltern verbringen wollte. Es war beiliebe nicht das erste Mal, dass Hagen eine Verabredung mit ihr platzen ließ, aber diesmal war es einfach zuviel. Cecilia konnte nicht mehr. Sie schlurfte geschlagen, mit hängenden Schultern und schmerzendem Kopf, ins Wohnzimmer und öffnete den Barschrank. Drei Flaschen Rotwein und eine angebrochene Pulle Martini standen darin. Cecilia nahm eine Flasche Rotwein und ein bauchiges Glas und ließ sich in ihre Couch fallen. Drei Gläser später war ihre Stimmung kein bisschen besser, aber sie war wenigstens ruhiger. Nur ihr Blick schweifte immer wieder zu ihrer Armbanduhr. Schon zehn vor eins. Pisser. Wichser. Blöder Arsch. Warum tust du das? Sie nahm einen tiefen Zug aus ihrem Glas und sah sich mutlos um. Ihre Wohnung war nicht jedermanns Sache. Hagen fand es gut, dass sie ihren eigenen Stil hatte. So konnte man es auch nennen. Sie war Autorin von drei Horrorromanen und ihre Wohnung war entsprechend eingerichtet. Die Wand ihr gegenüber war blutrot gestrichen, Der Fußboden bestand aus schwarzen Fliesen. Diese Wahl hatte Cecilia schon oft bereut. Man sah jeden Fussel auf den verdammten Dingern. Statt einer Schrankwand, wie sie jeder gute Deutsche in seinem Wohnzimmer hatte, besaß sie nur einen TV Schrank und eine Bar. Die Regale, in denen ihre Bücher standen, stammten aus einem Baumarkt und waren sehr günstig gewesen. Das Holz hatte sie düster in grau und schwarz gestrichen. Totenköpfe und Hexen standen in den Fächern und umrahmten die Bücher namhafter Horrorautoren: Stephen King, Dean Koontz, Anne Rice. Und ihre eigenen standen stolz daneben. Ein echtes Skelett stand in der rechten Ecke neben der Bar und hielt scheinbar ein Tablett mit Gläsern. Eine mannshohe Hexe mitsamt Strohbesen prangte auf der anderen Seite. Jetzt im September, wo Halloween sich näherte, klebten an all ihren Fenstern Fledermäuse und Kunstblut aus Silikon. Spinnennetze mit Plastikspinnen hingen in allen Ecken. Den Lampenschirm hatte sie mit dunkelrotem Transparentpapier umwickelt, sodass das Licht im Raum blutig und unheimlich geworden war. Im Bad hing ein aufblasbares Skelett in der Dusche, so als ob sich dort jemand vor langer Zeit erhängt hatte. In den nächsten Tagen kam noch mehr Deko in alle Ecken, Cecilia war nur noch nicht dazu gekommen, in den Keller zu gehen und ihre vier Umzugskartons voll mit schaurigen Dingen die Treppe heraufzuhieven. Im Moment war ihr auch nicht danach. Sie war stocksauer und zu Tode betrübt. Was dachte sich Hagen dabei? Nicht mal anzurufen? Nicht einmal soviel Respekt besaß er vor ihr, Bescheid zu sagen. Sie konnte es einfach nicht begreifen. Es war gemein. Wie konnte einem ein Mensch nur so egal sein? Sie trank noch ein Glas und fühlte Tränen auf ihren Wangen. Wie sehr hatte sie sich auf heute Abend gefreut. Sie trug jeden Tag schwarz, aber heute Abend hatte sie sich zusätzlich noch ihre schwarze Spitzenunterwäsche angezogen, die Hagen so liebte. Darüber trug sie ein undurchsichtiges, dafür aber hauteng anliegendes Top mit tiefem Ausschnitt. Das Dekolletee schimmerte matt von dem seidigen, parfümierten Körperpuder mit Glitzerpartikeln, das sie großzügig aufgetragen hatte. Ihr Make-up war perfekt, die Lippen dunkelrot und die Wimpern getuscht. Eine enge Jeans schnürte ihr unangenehm den Magen ab, saß dafür aber gut und ließ ihren Hintern viel schmaler aussehen. Unbequem war sie aber wie die Hölle und sie konnte kaum damit sitzen. Und jetzt... Cecilia hatte einen fest geregelten Tagesablauf. Sie stand um spätestens neun Uhr auf, erledigte alle Einkäufe und Haushaltsaufgaben, und dann setzte sich an ihren Computer und schrieb. Jetzt, da es schon nach ein Uhr in der Nacht und an schlafen nicht zu denken war, würde sie um neun nicht aufstehen können. Alles brachte dieser Kerl durcheinander. Und dafür hatte sie den Termin mit ihrem Agenten verschoben, für einen Haufen leerer Versprechungen und heißer Luft. Cecilia stand entnervt auf und ging in ihr Computerzimmer. Ablenkung brauchte sie jetzt, oder sie drehte durch. Sie fuhr ihren PC hoch und versank in der tröstlichen Anonymität des Internets. Nur ihre Freunde auf dem Liebeskummer Messageboard würden sie jetzt verstehen. Aber als sie einen Eintrag erstellen wollte, glitten ihre zittrigen Hände von den Tasten ab. Was erwartete sie? Dass jemand sie tatsächlich ermutigte, sich diesen Mist noch länger anzutun? Jeder, aber wirklich jeder auf diesem Board würde ihr zwar Trost spenden, aber auch gleichzeitig sagen, warum lässt du dir das gefallen? Nein, jetzt konnte und wollte sie nichts schreiben. Die Stille dröhnte regelrecht durch ihre Wohnung. Sie spürte wieder, wie allein sie eigentlich war. Cecilia Jakobs, erfolgreiche Autorin, aber einsam und verschroben. Allein. Dieses Wort erschien ihr von all den schrecklichen Worten in ihren Horrorromanen am schlimmsten zu sein. Allein. Allein kommen wir zur Welt und allein sterben wir auch. Tränen tropften auf ihre Tastatur. Trotzig wischte sie sie weg. Warum musste Hagen im Nebenhaus wohnen? Innerlich lauschte sie auf Geräusche durch die dünne Wand, Streitereien mit seiner Frau, seine schöne, dunkle Stimme. Cecilia wollte nicht mehr auf ihn warten, aber sie fühlte die Anspannung in ihren Muskeln. Sie saß sprungbereit, um schnell zur Tür zu laufen, falls es doch noch klingelte.


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