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Belletristik
Buch Leseprobe JETZT ist ein guter Zeitpunkt, Karina Förster
Karina Förster

JETZT ist ein guter Zeitpunkt



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Prolog



 


Januar 2006


Mein Leben steht wortwörtlich auf dem Kopf. Das liegt nicht nur daran, dass das Auto, in dem ich mich befinde, mit dem Dach auf der Straße liegt. Sie stellte alles in meinem Leben auf den Kopf.


»Der Krankenwagen kommt gleich«, sagt jemand mit angespannter Stimme in einiger Entfernung zu mir.


Ich blinzele einmal kurz, um zu signalisieren, dass ich es höre. Ein Krankenwagen wäre jetzt hilfreich, denn ich spüre, dass in meinem Handrücken ein Fremdkörper steckt. Die Hand kann ich nicht verrücken und will sie auch überhaupt nicht bewegen, um nichts zu riskieren. Ehrlich gesagt, will ich nicht einmal hinsehen.


Obendrein schmerzen Bein und Brustkorb so bestialisch, dass mir der Schmerz direkt den Atem raubt. Ich kann mich nicht bewegen und gehe vom Schlimmsten aus. In diesem Autowrack eingeklemmt, bleibt mir nichts andres übrig, als von dem Schlimmsten auszugehen und auf die Rettungskräfte zu warten.


Wieder einmal.


Ein Licht strahlt mich von der Seite an.


Ich erkenne nicht, woher es kommt. Das Licht scheint extrem hell, dass ich mühsam die Umgebung und das Geschehen erkenne, jedoch blendet es wider Erwarten nicht. Im Gegenteil. Es wärmt und durchströmt mich in einer außergewöhnlich angenehmen Intensität. Ich werde auf unerklärliche Weise in die Höhe gezogen. Das erscheint mir nicht bizarr oder befremdlich, eher scheint es mir in dieser Situation angemessen.


Die Schmerzen verlassen erst meine Hände, den Rumpf und dann die Beine. Je weiter ich schwebend zum Licht aufsteige, desto gewichtsloser fühle ich mich. Mir wird nichts passieren, denn jetzt bin ich von allen Sorgen befreit.


Unter mir sehe ich den völlig zertrümmerten Wagen im Straßengraben liegen. Das Auto kam von der Straße ab, jedoch verschwende ich daran keinen Gedanken.


Mir fällt ein Mann auf, der an die Stelle in den Wagen krabbelt, an der sich noch vor Minuten eine intakte Seitenscheibe befand. Er liegt zur Hälfte in dem Wagen und ruft einer Frau, die an einem anderen Wagen telefoniert, Befehle zu. Ihr rastloser Blick, saust hektisch umher und bleibt an weiteren Autos kleben, die zur Unfallstelle strömen.


Ich verspüre den Drang, den Ersthelfern am liebsten mitzuteilen, dass sie sich nicht um mich sorgen brauchen, kann es aus mir unerfindlichen Gründen allerdings nicht.


Vielleicht, weil es nicht weiter von Belang ist.


An meinem Handgelenk ruckt etwas. Dieses Rucken lenkt mich von dem Geschehen unter mir ab und als ich nachsehe, was ständig an mir zieht, entdecke ich den Gürtel eines Bademantels. Er ist um meine linke Faust gebunden. Das Ende liegt an irgendeinem Punkt in der Ferne, wo ein Reisezug sich durch das Schweizer Rheintal schlängelt.


Ich komme mir wie ein aufsteigender Kinderdrachen vor, der an einer Drachenschnur baumelt. Diese Schnur wurde an einen fahrenden Zug befestigt, der in Richtung Norden fährt. Ich könnte weiter in das angenehme Licht aufsteigen, aber irgendwie hänge ich mit meinem linken Arm an diesem Gürtel fest.


In der Helligkeit fühle ich so auffällig viel Liebe, dass ich dort hinein will. Dieses warme Gefühl erinnert mich an jenen Tag, als ich meine neugeborene Tochter in die Arme nehmen durfte. Ich stand auf, um sie mir in einer stillen Ecke anzusehen, und sprach sanft mit ihr. Sie reckte ihren kleinen Kopf zu mir, als suche sie mich. Ihre Hände schienen ebenfalls etwas zu suchen und ihre Augen irrten unter den geschlossenen Lidern umher.


Ich beugte mich zu ihrer Stirn hinab. Augenblicklich wurde sie ruhig. Ihre Hand berührte meine Wange. In diesem Moment war für dieses winzige Mädchen grenzenlose Liebe in mir, die förmlich überschäumte. Die Sicht auf ihr winziges Gesicht, versperrte meine Tränenflüssigkeit, die sich ihren Weg über meine Wangen bahnte. Ich versprach ihr, sie bestmöglich vor den Wirren der Welt zu beschützen und mit viel Liebe durch diese zu tragen.


Danach trug ich sie zu ihrer, von der langen und anstrengenden Entbindung erschöpften Mutter an das Bett zurück. Braune Augen, die voller Kummer schimmerten, sahen mir zu. In diesem blass gelben Schimmer erkannte ich ihren ganzen Seelenschutt, der sie einst von mir entfernte.


Ich küsste die schweißnasse Stirn mit den verklebten, blonden Haaren und dankte ihr auf diese Weise für dieses Geschenk. Ich beteuerte, Adri, unsere Tochter, zu lieben. Elke weinte schrecklich, weil genau in diesem Moment ihre letzte Hoffnung starb, dass ich sie für dieses Geschenk nochmals lieben könnte, als sei nichts vorgefallen.


Den Raum verlassend, sah ich mich zu dem winzigen Mädchen um, das soeben auf die Welt kam. Ich blendete die Frau aus, die unbewusst alles Vorstellbare unternommen hatte, um mich von sich zu stoßen, und doch dieses schöne Geschenk möglich machte.


Dann traf ich sie.


In einer Sekunde überwältigte sie mein Herz und ertränkte es auf der Stelle in Liebe. Mir war es unmöglich, mich gegen diese Empfindungen zu wehren, denn zu sinnlos erschien es mir. Eines stand fest: Auch sie will ich beschützen und tat es in den schlimmsten Momenten, die das Leben aufbot, als sei es das Natürlichste von der Welt.


Ich sah sie unverfälscht, wenn sie in meinen Armen lag, mit Tieren sprach oder lachte, weil sie mich in eine verbale Falle lockte. Ihre Liebe ist untrennbar mit diesem Band verbunden, welches mich jetzt festhält und letztlich doch nur ein schnöder Gürtel aus Baumwolle ist.


Ein Gedanke manifestiert sich in meinem Kopf und formt sich immer mehr zu einem Willen, der unbändig, und unbeirrbar drängend aufschreit. Ich will nicht in dieses Licht gehen, egal wie warm, wohlig und verlockend es sich anfühlt.


Jetzt ist kein guter Zeitpunkt!


Mit ihrem Gesicht vor meinem inneren Auge stelle ich mich den unerträglichsten Schmerzen, die ich auszuhalten in der Lage bin. Ich weiß, dass sie mich erwarten, wenn ich das angenehm strahlende Licht ablehne. Nie im Leben war mir eine Sache deutlicher, als in diesem Augenblick. Ich wähle sie, obwohl ich mich jetzt nicht zwingend entscheiden muss.


Ich will aber zu ihr!


Seit ich ihr Gesicht in der Fotogalerie an der Wohnzimmerwand sah, wähle ich sie. Ich würde sie immer wieder wählen, sogar unter diesen enormen und unerträglichen Schmerzen. Lieber wäre ich bei dieser Frau, als jemals wieder ohne sie.


Das Licht erlischt, als hätte jemand den Schalter umgelegt. Ich bin in meinem Körper zurück, die Schmerzen kommen langsam, aber unaufhaltsam zurück und rauben mir beinahe den Verstand. Für einen Moment öffne ich meine Augen und sehe verschwommen das Gesicht eines Mannes, der sich über mich beugt. Irgendwo in der Nähe lärmt eine Sirene durchdringend.


Ich atme einen kräftigen Schwall Luft aus, der heißer in meinem Hals brennt, als das Feuer der Hölle.


»Er ist wach! Er lebt!«, freut sich der Mann, der sich über mich beugt.


Ich antworte in einem Mantra, um gegen die entsetzlichen Schmerzen in meinem Körper anzukämpfen: »Wenn ich hier lebend rauskomme, dann heirate ich sie.«


»Dann solltest du besser überleben, Mann!«


»Wenn ich hier lebend rauskomme, dann heirate ich sie. Wenn ich hier lebend rauskomme, dann heirate ich sie. Wenn ich hier lebend rauskomme, dann heirate ich sie.«


 


Kapitel 1


 


August 2005


Der Wagen vor mir blinkt, um auf die nächste Abfahrt zu gelangen. Ich hänge mich in seinen Windschatten, weil ich hier ebenfalls von der Autobahn abfahren will. Die Hinterreifen des Wagens vor mir spritzen das Regenwasser an meine Frontscheibe.


Lamentierend stelle ich den Scheibenwischer eine Stufe höher und bedanke mich lautstark bei dem Fahrer vor mir. Was das betrifft, bin ich typisch Mädchen. Eines, das gleich durchdreht, weil sie ohnehin schon auf einer Wolke rosaroter Emotionen schwebt und ständig redet, redet und redet, um den Gefühlsstau abzubauen. Der Scheibenwischer kratzt geräuschvoll auf der Scheibe hin und her. Er hat Mühe, das Spritzwasser von der Frontscheibe zu entfernen und arbeitet auf Hochtouren. Die Geräusche ähneln einem krächzenden Schluckauf und machen mich noch kribbeliger, als ich ohnehin schon bin.


Ich mag einfach keine Fahrten bei Regen. Auch ohne regennasser Fahrbahn, schlechter Sicht und nervigen Vor-mir-her-Fahrern, bin ich aufgeregt genug, wenn ich hier abfahre.


Die laute Musik aus dem Handy und mein ebenso lauter Sopran können das Geräusch der Scheibenwischer leider nicht übertünchen.


Da ich allein in dem Wagen fahre, stört sich niemand an meinen schiefen Gesangstönen oder Selbstgesprächen. Diesen Monolog führe ich hauptsächlich, weil der Wagen vor mir nicht so will, wie ich es gerne hätte.


Ich bin erleichtert, wenn ich endlich bei meinen Eltern ankomme und aussteigen kann. Sie wohnen in einem dreihundert Seelen Dorf, welches südlich von Berlin liegt. Dort wuchs ich mit meiner kleinen Schwester Britta auf, die ebenfalls in diesem Dorf lebt.


Mein Fuß, der in einem roten Pumps steckt, löst sich vom Gaspedal und ich setze den Blinker, um auf die Bundesstraße zu gelangen. Ab hier lockern sich automatisch meine Muskeln, die Laune hebt sich und ich trällere die Lieder lauter.


Dreißig Minuten Fahrt liegen noch vor mir, die mich mit jedem Meter in meine Kindheit und Jugend befördern. Ich häute mich und werde zu der Franka, die mit ihrem Finger aus der Rührschüssel den Teig des Schokoladenkuchens nascht. Meine Mutter klopft mir ärgerlich auf die Finger, weil sie Panik bekommt, dass sie in das Mixgerät gelangen. Ich werde zu der Franka, die vor Vaters Füßen hockt und gebannt seinen unzähligen Kindheitsabenteuern lauscht. Ich werde die Franka, die mit Vaters gezüchteten Kaninchen auf dem Rasen sitzt und geistesabwesend in das weiche, flauschige Fell versinkt.


Es ist die Franka, die die tosende und pulsierende Hauptstadt hinter sich lässt, in der sie momentan wohnt. Ich lasse die Großstadt hinter mir, als sei Berlin ein viel zu enger Schuh, der noch nie so richtig passte, aber in der Einkaufstüte landete.


Kehldorf war zu keiner Zeit ein enger Schuh für mich.


Nicht im Kindergarten, nicht in der Schule und erst recht nicht in der Lehre zur Floristin, trotzdem zog ich nach Berlin. Es erschien mir zu jener Zeit logisch dort zu wohnen, wo mein Freund arbeitete, und zog in seine Nähe, bis wir uns kurz darauf trennten.


Nun, das liegt zwei Jahre zurück und ich bin über ihn weg.


Ich sah ein, dass er ein Honk war, wie meine Schwester Britta es gerne ausdrückte. Beängstigend schnell war mein Liebeskummer überwunden und hinterher fragte ich mich, ob es Liebe war. Sein Gesicht verschwand aus meinem Kopf, als sei er nie Teil meines Lebens gewesen.


Tagsüber arbeite ich seitdem in meinem Blumenladen. Abends treffe ich mich mit Freunden, tüftele Konzepte für Kunden aus oder gehe in einer Schwimmsporthalle meine Bahnen ziehen.


Mein Leben ist ausgefüllt. Ein Mister Wonder wäre schön, aber ich erwarte ihn nicht inständig bittend. Er kommt, wenn er kommen will. Ich bin dreißig und fühle mich beileibe noch nicht unter Zeitdruck. Meine Freundinnen hingegen hören ihre innere Uhren schon deutlicher ticken und hyperventilieren, weil sie feststellen, dass sie gerade ihren Eisprung haben. Manchmal fällt eine Verabredung deswegen ins Wasser und ich stehe dann ohne Begleitung da. Falls ein Treffen doch nicht ausfällt, ist die Art der Temperaturmessung, die Lagerung der Hüfte nach dem Geschlechtsakt und die größtmögliche Erhöhung von fruchtbaren Spermien Dauerthema.


Nun, bezüglich dieser Themen bin ich in derartigen Tricks kundig und zeitgleich unglaublich desinteressiert daran. In meinem Hirn rattere ich die Farbpalette für bestellte Brautsträuße durch. Meine Synapsen verknoten sich bei den Gedanken, ob der Blumenschmuck in der Kirche zu dem Brautstrauß und zur Tischdekoration harmoniert.


Jedes Hochzeitspaar ist anders knifflig und oft bleibt nicht ausreichend Zeit, um über ihre Wünsche zu sprechen. Viele Kunden sind unvorbereitet und erwarten, dass ich ihnen die Eier legende Wollmilchsau bringe. Mal angenommen, meine Freundinnen sprechen über Wollmilchsäue mit mir, wüsste ich Antworten, die ihnen weiterhelfen würden, aber so fühle ich mich überfordert und hebe nur ahnungslos die Achseln.


Sie wollen Kinder, Mann, Haus und philosophieren stundenlang darüber. Meine Freundinnen befinden sich thementechnisch auf der Venus, während ich mich auf dem Planeten Neptun aufhalte. Ich bin davon überzeugt, dass die Natur die Fortpflanzung seit Millionen von Jahren regelt. Sollte ein Sperma auf eine Eizelle treffen, wird es nicht fieberhaft daran vorbeieilen, sondern genau dorthin.


Irgendwann nach der erfolgreichen Befruchtung der Eizelle rücken zwangsläufig andere Themen in den Vordergrund und auch dazu fehlt mir der Bezug zu meinem derzeitigen Leben. Die perfekt Kacka aufsaugende Windel wird Gesprächsthema, übrigens dicht gefolgt von der Kindergärtnerin, die das eigene Kind benachteiligt oder mit dem eigenen Mann schläft. Was uns zwangsläufig zu den Scheidungsanwälten, Unterhaltsforderungen und Besuchszeiten der Kinder führt.


Oh Gott, da will ich nicht hin!


Lass mich bitte noch für eine Zeit hier auf dem Planeten Neptun verweilen und das Leben als ledige Frau genießen! Lass mich für die nächsten drei Wochen das Kind meiner Eltern und die große Schwester meiner kleinen Schwester sein! Ich will Hasen streicheln, im grünen Gras liegen und mit einem Grashalm im Mund in die Wolken sehen, bis ich zum Kaffeetisch gerufen werde. Ich will bei der Trauung in der Kirche Rotz und Wasser heulen, weil mein Vater meine kleine Schwester Britta zum Altar führt. Dorthin, wo David nervös auf sie wartet.


Der Regen geht jetzt in fiesen Sprühregen über. Na super! Mir fällt durch die extrem kleinen Tropfen, die Sicht auf die Straße schwer und irgendwie zeichnen sich bei mir erste Symptome von lästigen Kopfschmerzen ab. Ich bin das Sitzen hinter dem Lenkrad leid und brauche eine kleine Pause.


Bei der nächsten Gelegenheit halte ich an einem Feld mit Kühen an. Gemächlich traben sie zu mir an den Zaun. Bestimmt freuen sie sich über die nette Abwechslung, die ihnen mein Besuch bietet. Sie kennen garantiert keine Termine, die unaufhaltsam näher rücken.


Wären sie nicht nur für einen Zweck auf der Welt, würde ich sehr gerne mit ihnen tauschen. Nur mal für einen Tag, quasi Urlaub auf der Weide. Ich würde bis zum Abwinken Gras fressen, den halben Tag lang wiederkäuen und mir mit dem Schwanz die lästigen Fliegen vom Fell klopfen.


Jedes Tier, das mir auf der anderen Seite des Elektrozauns entgegenkommt, betrachte ich eingehend. Ich spreche leise mit ihnen und erzähle von mir. Einige sind scheu, andere unerschrocken. Ab und zu darf ich eine berühren, wenn sie mir mutig ihren Kopf entgegen streckt, dann platze ich aber innerlich vor Glück.


Schon früh erkannte ich, dass Tiere zu mir kommen.


Ich genieße es, leise mit ihnen zu sprechen, sie zu betrachten und zu streicheln. Sie verstehen irgendwie, dass ich sie sehr mag, so auch die Prachtexemplare, die gerade zu mir traben. Noch heute spreche ich mit Tieren, wenn kein Mensch in der näheren Umgebung ist. Mit fünf träumte ich von einem Bauernhof mit Kälbern, Hühnern, Gänsen und vielen Hunden, weil ich Tiere liebe, doch das Leben hatte andere Pläne mit mir.


Kälber halten sich schlecht in Mietwohnungen und Koppeln sind in Großstädten Mangelware. Irgendwann werden süße Kälber zu riesengroßen Kühen. Da wird die Kuh in einer Wohnung ruck zuck zu einer Problemkuh. Das Schicksal will ich dann doch keinem süßen Kälbchen zumuten. Ich scheue mich aktuell sogar davor, mir einen Hund anzuschaffen. Den kann ich zwar problemlos in den Blumenladen mitnehmen, weil es mein eigenes Geschäft ist, aber ein Hund braucht Auslauf. Zumindest die Rasse, die locker als Kalb durchgeht.


Geerdet und glückselig steige ich wieder in meinen Wagen und fahre weiter. An dem Kreisverkehr, der kurz darauf in meinem Sichtfeld erscheint, nehme ich die dritte Ausfahrt. Hier stehen die ersten Häuser meines Heimatdorfes, deren Fenster mit hübschen Blumen dekoriert sind. Es ist jedes Mal ein freundlicher Willkommensgruß, der mich beinahe losweinen lässt. Dieser Blumengruß signalisiert mir meine Ankunft.


Fahre ich hier entlang, fühle ich mich zugehörig und verbunden. Jeder Pflasterstein und jeder Bordstein scheint mir vertraut. Vor etlichen Jahren lief ich hier, täglich zum Schulbus entlang. Ich lasse die Fensterscheibe absinken, fahre langsamer und sauge den vertrauten Geruch der Heimat ein.


Die Fassaden der Häuser sind mir so wohlbekannt wie die Gesichter meiner Familie. Die Menschen, die Freud, Leid und Schmerz hinter all diesen Haustüren teilen, sind mit meiner eigenen Lebensgeschichte verwoben. Seit Generationen verweben sich hier die Dorfbewohner miteinander. Für mich führen Fäden von Haus zu Haus, die für andere unsichtbar sind.


Auf diese Weise entstand über die Jahre mein ganz privater Teppich. Dieser imaginäre Teppich, mit seinem vielfältigen, bunten Muster erstaunt mich jedes Mal neu, wenn ich vor dem Betreten die Schuhe respektvoll ausziehe.


Einer dieser schönen Muster, das ich bestaune, ist der kleine Tante-Emma-Laden, der gegenüber der Kirche und neben dem Goldenen Hirschen liegt. Unsere Tante Emma heißt Erna, ist ungefähr siebzig und führt den Laden in vierter Generation.


Seit ich denken kann, steckt Tante Erna mir heimlich Bonbons zu und lächelt verschwörerisch. Später, in meiner Schulzeit half ich gerne nach dem Unterricht im Laden aus. Für meinen Einsatz bekam ich ein kleines Taschengeld von ihr, was aber nie der wahre Grund war, warum ich mich gerne im Laden aufhielt.


Tante Erna ist so liebenswert, gütig und zuckersüß wie ihre Bonbons. Ihr Lachen steckt mich an. Tante Ernas Naturell ist so unkompliziert und einnehmend, dass nicht nur ich gerne bei ihr stehe, auch der eine oder andere Kunde, der eigentlich Eier einkaufen will, tut dies gerne. Für mich ist sie ein menschlicher Magnet.


Ein letzter Parkplatz ist vor dem Laden frei. Zügig parke ich in diese Lücke ein und ziehe die Handbremse an. Ein Blick in den Rückspiegel prüft, ob kleine Reste der braunen Wimperntusche unter meinen Unterlidern kleben. Im Spiegel blicken mir blaugraue Augen entgegen, die von meinen mittellangen, blonden Haaren eingerahmt sind und keine Spuren von verlaufener Schminke zeigen. Ich bin adrett genug, um Tante Erna unter die Augen zu treten.


Freilich ist sie nicht meine Tante, aber ich nenne sie seit dem Kindergarten so. Meine Mutter kehrte mit mir nach der Arbeit täglich in ihren Laden ein, um einzukaufen, und merkte, dass Tante Erna mich lieb gewann. Ab da kam sie auch vorbei, um einige Zeit zu Plaudern. Später kam ich nach dem Schultag, machte mit ihr meine Hausaufgaben, übernahm kleinere Arbeiten im Laden und saß neben ihr an der Kasse. In meiner Lehrzeit änderte sich nicht viel an diesen Ablauf. Ich half ihr, plauderte mit ihr und den Kunden, aß Bonbons, weinte bei Liebeskummer oder anderen Nöten meiner kleinen Seele.


Obwohl wir ein inniges, herzliches und wohlwollendes Verhältnis pflegen, bot sie mir in all der Zeit niemals das Erna an. Was das betrifft, ist unser Dorf altmodisch. Die Alten sind der Dreh- und Angelpunkt. Sie sind das seelische Gericht, die weisen Eulen, die neben der Kirche und dem Bürgermeister das Dorfleben inoffiziell regeln.


Die ältesten Dorfbewohner besprechen sich bei Auseinandersetzungen. Mit den Betroffenen versuchen sie, eine erste Lösung zu erzielen. Normalerweise einigen sich beide Parteien in diesen schlichtenden Gesprächen. In sehr seltenen Fällen muss die Dorfgemeinschaft beraten und schlichten. Wir nennen das hinter vorgehaltener Hand Kriegsrat.


Tante Erna ist im Kriegsrat. Ihre umsichtige Denkweise und ihr entschlossenes Auftreten trugen dazu bei. Sie ist ein sehr hoch angesehenes Dorfmitglied. Wie alle im Kriegsrat tätigen Alten trägt sie die Fahne des guten Zusammenlebens und des Miteinanders der Gemeinschaft empor. Der Kriegsrat urteilt weise, verlässlich und gerecht. Es ist wie mit den Jahreszeiten, jede hat seine Aufgabe und seinen Zweck. Ich erfülle meine Aufgabe, Tante Erna ihre.


Sie aus einer Laune heraus Erna zu nennen, käme mir dementsprechend im Traum nicht in den Sinn.


Kurz vor meiner Abreise band ich ihr einen großen Strauß mit blauen Wildblumen, der auf der Rückbank liegt und noch in dem seidenen Papier eingewickelt ist, welches das Logo meines Blumenladens ziert. Mit einem breiten Lächeln schnappe ich mir den Strauß und steige aus dem Auto. Zum Glück lässt jetzt der Nieselregen nach, ebenso wie meine Kopfschmerzen.


Nun steuere ich gemächlich auf den Lebensmittelladen zu. Für einen Samstagnachmittag ist er eifrig besucht. Um diese Uhrzeit verirren sich selten Kunden her. Meistens unternehmen die Familien Ausflüge. Andere Dorfbewohner treffen sich in einen der unzähligen Vereine des Dorfes oder hocken im Goldenen Hirschen um ein Glas Bier zusammen. Nach den wöchentlichen Besuchen in den Vereinen plagt jeden der entsetzliche Durst auf neue Nachrichten aus dem Dorf. Getratscht wird überall gerne.


Schon vor der großen Eingangstür höre ich Tante Erna lachen, weil der kehlig, rauchige Ton bis hier her an mein Ohr dringt.


Unweigerlich wird mein Lächeln noch breiter. Der eingewickelte Strauß schützt mein Gesicht, bis ein lang gezogenes Ah an meine Ohren dringt. Tante Erna erspäht mich und erkennt das Seidenpapier meines Ladens, wobei sie kräftig in die Hände klatscht. Ihr kleiner, zierlicher Körper hüpft vor Freude auf und ab, als ich den Blumenstrauß sinken lasse.


»Komm zu mir, meine kleine Honigschnute, lass dich drücken!«, winkt sie mich ungeduldig heran. Ich rieche den typischen Geruch des Ladens, der einer Mischung aus Weichspüler, frischem Brot und Süßigkeiten ähnelt. Dieser vertraute Duft schlägt mir entgegen, als sie mich umarmt und fest an sich drückt. Sekunden später werde ich hinter den Bedientisch gezogen und noch ausgiebiger geherzt.


»Bist dünn geworden, kleine Honigschnute! Gibt es in Berlin etwa nichts zu futtern?«


»Schon, aber allein schmeckt es nur halb so gut. Außerdem gibt es ja in den nächsten drei Wochen Hausmannskost bei Mama. Da werde ich kugelrund nach Berlin fahren, sollst sehen! Keine Hose wird mir dann passen.«


»Drei Wochen?«, fragt Tante Erna mit geweiteten Augen und legt ihre dritten Beißerchen frei. »Na, dann gehe ich mal davon aus, dass wir uns in der nächsten Zeit viel sehen werden?«


»Ja, genau so lange, bis ich dir über bin, denn ich gönne mir ganze drei Wochen Urlaub. Für dich, damit ich dir im Laden zur Hand gehen kann und für Britta, die doch mit den Hochzeitsvorbereitungen in der letzten Phase steckt und total aufgelöst ist. Wer kann sie besser herunter holen, als ihre Schwester? Es ist mein erster großer Urlaub seit Jahren und wenn Britta heiratet, muss das einfach mal sein.«


»Ach Kind, einer alten Schachtel wie mir, musst du nicht erzählen, wie hart das Los der Selbstständigkeit sein kann, aber wollen wir es andererseits? Ich will schon seit Jahren nach Rom reisen. Wer weiß, wie lange es der klapprige Körper mitmacht. Ich wollte schon als kleines Mädchen mal in das Kolosseum«, schwärmt sie und kassiert nebenbei eine Kundin ab. »Wer weiß, vielleicht treffe ich in meinem Alter ja die Grande Amore[1]. Wer kann schon zu einem heißblütigen italienischen Signor[2] nein sagen?«


»Ja, aber Paris ist doch die Stadt der Liebe. Die Franzosen sind zudem die besseren Ehemänner, hörte ich mal. Schließlich haben die Sozialisten ihre Spuren hinterlassen. Die Italiener sind dagegen die reinsten Machos, schwöre ich dir«, rufe ich ihr aus der kleinen Küche zu.


In die ging ich, um eine Vase mit Wasser zu füllen, was jetzt rauschend aus dem Hahn läuft und das Gefäß füllt, welches ich passend zur Farbe der Blüten auswählte. Ich stelle den Strauß hinein, entferne behutsam das seidene Papier und stupse die blauen Blüten in Form. Mit Vase in der Hand gehe ich in den Verkaufsraum zurück, als mir der Anblick gefällt und stelle sie in Sichtweite von Tante Erna auf.


»Stimmt«, kichert sie neben mir und knufft mich in meine Taille. »Paris ist die Stadt der Liebe und Rom ist die Ewige Stadt, wenn die Flammen sie nicht durch Zufall verschlingt, weil Nero Platz für seine Domus Aurea[3] braucht. Warum heißt es eigentlich Ewige Stadt?«


Tante Erna ist von dem Bukett aus blauen Wildblumen hingerissen. Verzückt schlägt sie ihre Hände vor das tief zerfurchte Gesicht. Nero, Rom und Paris scheinen vergessen.


»Ist der schön! Du machst mir mit deinen Blumensträußen immer eine so große Freude. Jetzt rührst du eine alte Schachtel zu Tränen und ich muss dir vorkommen, als bekäme ich nie einen Strauß Blumen geschenkt. Dabei bin ich überhaupt nicht gefühlsduselig oder so.«


Ich fahre sanft über ihren Rücken und küsse ihren schütteren Lockenkopf. Sie frisierte heute Morgen ihre Haare aufwendig. Staub kann Tante Erna unter Umständen und altersbedingt akzeptieren. Ein ungepflegtes Äußeres, verabscheut sie hingegen abgrundtief. Jeden Tag kleidet sie sich adrett, selbst, wenn es ihr emotional schlecht geht.


»Das warst du noch nie, ausgenommen bei Blumen und mir«, flüstere ich.


Insgeheim freue ich mich, dass es noch Menschen gibt, denen ich mit Blumen vom Wiesenrand eine Freude bereiten kann. Unsere innige Umarmung wird unterbrochen, weil Kunden ihren Einkauf bezahlen wollen. Ich stelle mich hinter Tante Erna auf, reiche ihr Papiertüten für das Obst, Stifte oder Klammern, wenn sie diese benötigt. Im Wechsel dafür erhalte ich ein Bonbon, den ich jetzt auspacke und in meinen Mund stopfe.


Wir plauschen mit Bekannten aus dem Dorf, wenn wir sie abkassieren. Bei den Bewohnern des kleinen Neubauviertels beäugen wir neugierig den Einkauf in ihren Körben und philosophieren anschließend über das Leben der neuen Dorfbewohner. Ihre Vorlieben, politische Orientierung, die Anzahl der Kinder, alles wird in Erwägung gezogen, nachdem wir den Einkauf inspiziert hatten. Unsere Vermutungen sind immer lustig, aber nie ernst gemeint oder gar in Stein gemeißelt.


Es gab heftige Proteste, als der Bürgermeister die Freigabe der Fläche als Baugrundstücke verlauten ließ. Viele Dorfbewohner fühlten sich übergangen, einige sogar ihrer Kultur beraubt. Noch heute, sieben Jahre später, geht ein tiefer Riss zwischen Neubaubewohnern und Dorfbewohnern. Misstrauisch beäugen die Alteingesessenen die Neuen, zumal sich nur wenige von ihnen aktiv am Dorfleben beteiligen. Der Kriegsrat vermittelte in der Phase der allgemeinen Unruhe, war gegen die Politik des Bürgermeisters jedoch machtlos. Alle Kompromisse wurden ausgeschlagen, abgelehnt und sorgten eine Wahl später dafür, dass der Bürgermeister nicht wieder gewählt wurde.


»Paris ist leider überbewertet«, sagt Harald, der im Laden hin und her läuft. Sein Einkaufswagen ist vollgepackt. Mit Harald ging ich zur Schule. Seine dreijährige Tochter streckt eben die Hand zum rosa Kaubonbon aus, den Tante Erna ihr schenkt.


»Na, Sarah? Ist heute Besuchswochenende bei Papi?«, fragt Tante Erna.


»Danke, Tante Erna. Darf ich ihn gleich essen?«, fragt die blasse Sarah im Flüsterton, die so klein ist, dass sie nur mit viel Mühe über den Bedientisch sehen kann. Nach einem zustimmenden Kopfnicken von Harald steckt sie das Bonbon komplett in den Mund. Ihre runden braunen Augen nehmen interessiert den Ablauf des Kassierens wahr.


»Es heißt nur, sie sei die Stadt der Liebe«, erzählt Harald weiter und legt den gescannten Einkauf in einen mitgebrachten Beutel aus Jute. Seine Nase rümpft er abfällig. »Tatsächlich empfand ich sie eher als hektisch und unfreundlich. Ich würde Paris definitiv nicht wählen, wenn ich frisch verliebt wäre. Eher, wenn ich Halligalli brauche und da wäre Berlin wesentlich leichter zu erreichen.«


»Ja was?«, platzt Tante Erna ungläubig und sieht fragend in die kleine Runde. »Wohin kann ich denn mit meinem verliebten Herz reisen, wenn schon nicht nach Paris?«


Ratlos zucken Harald und ich mit unseren Achseln, denn fraglich bleibt, in wen sie verliebt ist. Ich bemerke hinter Harald einen Mann, der vor dem Regal mit dem Haarshampoo steht. Bemüht konzentriert, liest er die Inhaltsangabe auf den Verpackungen. Verstohlen sieht er her, als bemerke er jetzt meinen interessierten Blick.


»Frisch Verliebte, sehnen sich nach der Stille, die sie in Paris sowieso nicht finden«, raune ich und beobachte ihn weiterhin. Seine Augen weiten sich vor Schreck und der Kopf hebt sich. Ganz augenscheinlich ist es ihm peinlich, dass ich ihn beim Lauschen ertappe. Rasch senkt er den Blick auf das Produkt in seiner Hand und studiert erneut die Inhaltsangaben. Die entzückenden Augen sind aus meinem Blickfeld entschwunden.


Sechs Augenpaare mustern mich wachsam und drehen ihre Köpfe in die Richtung, in die ich starrte. Ich bemerke es und gehe wieder irgendeiner Tätigkeit nach, um geschäftig zu wirken. Der nächste Kunde stellt seinen Einkaufskorb auf den Tisch. Ich merke sehr wohl, dass Tante Erna meine vorgetäuschte Geschäftigkeit sehr skeptisch aus dem Augenwinkel verfolgt.


Harald erkundigt sich bei mir, wie lange ich auf Besuch bleibe und fragt, ob wir uns in dieser Zeit auf einen Kaffee treffen. Tante Erna kassiert ihn schweigend ab, während ich herum eiere von wegen Hochzeit von Britta, keine Zeit und viel zu tun. Kurz darauf verlässt er mit seiner Tochter den Laden und Erna mustert mich eingehend.


»Keine Zeit, he?«, fragt sie gedehnt.


Ich zucke mit den Achseln, schlendere durch den Laden und hole mir eine Flasche Mineralwasser. Es ist ein Vorwand, um ihren Blicken zu entgehen. Auf dem Weg zurück bemerke ich, dass der Mann noch immer die Inhaltsangaben studiert, als sei es ein Beipackzettel einer Tablettenverpackung. Vertieft in die winzigen Buchstaben, zuckt er vor Schreck zusammen, als ich ihn anspreche.


»Das hier brennt nicht in den Augen und enthält keine Silikone«, sage ich und tippe auf eine Flasche im Regal, deren Verpackung in Perlmutt schimmert. Das Shampoo, auf das ich deute, ist ohne diese Inhaltsstoffe und garantiert sucht er so ein Produkt.


Ihm gleitet die Plastikflasche aus den Fingern, so erschrocken wirkt er.


Hektisch versucht er, sie zu halten, jedoch misslingt der ungeschickte Versuch das Shampoo zu fangen. Die Flasche fällt zu Boden und rutscht quer über den grauen Fliesenboden. Erst, als er sie endlich ergreifen kann, richtet er sich vor mir auf.


Blaugraue Augen mustern mich sekundenschnell. Ein Gefühl, dies einmal geträumt zu haben, beschleicht und lähmt mich für einen klitzekleinen Atemzug.


Seine Fingerspitzen fahren verlegen in das aschblonde Haar, das perfekt frisiert aussieht. Anscheinend legt er viel Wert auf sein erstaunlich ansehnliches Äußeres. Vielleicht ist er aber auch verunsichert, weil ich in ansprach. Sein Haar ist kurz geschnitten, was das Amüsante an der Sachlage ist. Ein Mann mit kurzen Haaren studiert aufmerksam die Inhaltsangaben einer Shampooflasche. Ich gehe jede Wette ein, dass er kein Haarshampoo benutzt, aber genau das weckte meine Neugier, ob er wirklich Shampoo kaufen will. Mit einem Gespräch finde ich es heraus.


»Verzeihen Sie bitte«, murmelt er halblaut und offenbart perfekt geformte Zähne, die zudem eine atemberaubend weiße Farbe haben.


Abwesend stellt er die Flasche in das Regal zurück und die, die ordentlich in Reih und Glied aufgereiht stehen, schwanken gefährlich. Seine Augen richten sich mehr auf mich, als dorthin, wohin er blindlings greift. Aus der obersten Reihe entnimmt er sich meine Empfehlung. Scheu lächelt er mich an und hebt die teure Shampooflasche mehrmals in die Höhe, als hätte er auch von selbst darauf kommen müssen.


»Dann sollte ich die nehmen, denn ich vertraue Ihnen da«, sagt er und streicht sich sein sorgfältig gebügeltes Hemd aus hellblauer Baumwolle in Form. Ohne Frage, er legt sehr viel Wert auf sein Äußeres.


»Wirklich?«, frage ich belustigt, weil er auf mich einen nervösen Eindruck macht. Ich strecke mich und öffne die Flasche Mineralwasser, die zischend die Stille durchbricht.


»Honigschnute! Bitte erst zahlen, dann verzehren!«, ertönt die nach Befehl klingende Stimme von Tante Erna hinter mir, bevor er antworten kann. Dementsprechend schließt er seinen Mund und schaut zu Tante Erna. Was das betrifft, ist sie ein echter Feldwebel, dem niemand hier entkommt. Ich erlebte schon Szenen mit. Nicht einmal bei kleinen, durstigen Mädchen mit herzerwärmenden Kulleraugen macht sie eine Ausnahme. Noch nie ging sie deswegen einen Kompromiss ein, denn bei Geld hört ihre Freundschaft eindeutig auf.


Ich will nichts riskieren, also drehe ich mich um. Tante Ernas ausgestreckter Finger weist auf ein Schild, welches in Kassennähe angebracht ist. Ich lächle dem Mann entschuldigend an, stelle mich geduldig in die Kassenschlange und reiche ihr einen Euro, als ich an der Reihe bin. Brummig legt sie mir das Restgeld in die geöffnete Hand.


»Ich mach los«, murmle ich, übergehe ihr strenges Gesicht und schnappe mir meine Handtasche, die ich vorhin hinter dem Tisch deponierte. »Wir sehen uns morgen. Ich sah, dass die Regale staubig sind und Morgen wische ich sie dir ab.«


»Du bist ein Schatz. Grüße deine Eltern, Britta und David von mir. Nimm den hier für unterwegs oder deine Schwester mit!«, sagt sie mit schon viel besserer Laune. Sie reicht mir ein Bonbon, der sofort in meine Hosentasche wandert und für Britta vorgesehen ist. Ich beuge mich für eine kleine Umarmung vor.


»Hab Dank für die schönen Blumen, Honigschnutchen. Ich werde Freude daran haben.«


Das bezweifele ich nicht. Glücklich und gut gelaunt gehe ich zur Glastür. Die Türglocke läutet, als ich den Laden verlasse. Ich steige in meinen Wagen und fahre die letzten fünfhundert Meter zu dem Haus meiner Eltern.


 


Kapitel 2


 


Meine Schwester Britta läuft mir freudestrahlend entgegen, als ich in der Einfahrt meines Elternhauses parke. Sie sah mich durch das Küchenfenster und ganz sicher erwartet sie mich längst ungeduldig.


»Franka! Wo warst du so lange?«, fragt sie, als sie auf mich zugelaufen kommt und ihre Arme ausbreitet.


Ich öffne den Mund und lege das Bonbon zwischen meine Vorderzähne. Gekränkt blickt sie jetzt drein und stoppt in ihrer Bewegung, während ich den Schlüssel aus dem Zündschloss ziehe.


»Ich fasse es nicht! Dein erster Gedanke ist Tante Erna, wenn du herkommst und ich sehe immer in die Röhre. Du Rabenschwester bringst mir nicht einmal einen mit!«, schimpft sie.


Das sagt sie immer und weiß wohl, dass ich so nicht bin, denn sie schielt zu meiner Hand. Die sucht in dieser Sekunde aus der Hosentasche das Bonbon heraus, das Tante Erna mir nicht ohne Grund mitgab. Britta streckt ihre Hand erwartungsvoll aus und das Bonbon landet in ihrer flachen, ausgestreckten Hand. Ich vergaß noch nie, ihr ein Bonbon mitzubringen. Glücklich strahlt sie mich an. Erst nach diesem Ritual ist Zeit für eine gefühlvolle und ausgiebige Umarmung.


»Ich freue mich so, dich endlich zu sehen«, flüstert sie mir in mein Ohr, »und will ganz viel mit dir besprechen. In den nächsten Tagen will ich dir und Mama das Kleid zeigen, ein Friseurbesuch steht auf dem Plan, um die Frisuren zu proben, und mit Sophie geht es für einen Tag in eine tolle Wellnessoase. Hast du die E-Mail mit meinen Fotos von den Haarkränzen gelesen?«


Sophie ist Brittas beste Freundin. Beide Mütter entbanden etwa zeitgleich und gingen mit den Babys gemeinsam spazieren. Diese Freundschaft ist somit die älteste, die ich kenne und ein Ende ist nicht abzusehen.


»Ja. Ich finde die Idee ausgezeichnet und binde sie den Blumenkindern«, lobe ich ihre Entscheidung. Die Wahl des Blumenschmucks überlässt sie mir und als Fachfrau übernahm ich diesen Part sehr gerne.


»Komm mit! Papa wartet. Mama bringt die Gästewohnung auf Vordermann, weil sich Davids Eltern ankündigten und darin einquartiert werden.«


»Oh, sie schickte dich fort, um selbst alles auf Hochglanz zu wienern? Da will sie sich bestimmt nicht vor deinen Schwiegereltern blamieren, weil irgendwo Staub liegt«, lache ich und streife mir die Pumps an der Haustür ab.


»Du sagst es«, stöhnt Britta und rollt mit ihren blauen Augen. »Du hast den Garten noch nicht gesehen. Sie rannte wochenlang mit der Rosenschere umher und kein Grashalm wächst mehr in der falschen Richtung und die, die ihre Schnittkur überlebten, werden sich sehr genau überlegen, wohin sie wachsen.«


Ich stelle mir bildlich vor, wie meine detailversessene Mutter mit dem unbändig wachsenden Rasen kämpft. Im Endeffekt wird niemand interessieren, wie der Rasen aussieht, aber meine Mutter ist halt meine Mutter. Was Ordnung betrifft, ist sie sehr gewissenhaft, und schrullig.


»Erzählst du Franka gerade, dass ich sie die ganze Zeit über nur als Hauch eines Schattens ausfindig machen kann«, schaltet sich Papa ein, der uns im Flur entgegeneilt. Wir umarmen uns.


»Hallo Papa. Nun, ich leiste dir bei Bedarf gerne Gesellschaft«, grinse ich und küsse seine stoppelige Wange eingehend, bis er mich von sich schiebt. »Nach der Hochzeit entspannt sie sich garantiert.«


»Hallo Franka. Willkommen.«


Mein Vater überragt mich um einen halben Kopf. Er ist kräftig gebaut und seine riesigen Hände, werkeln gerne und ausgiebig in der Werkstatt. Die richtete er sich in einer Ecke der Garage ein. Ein Tag ohne einen Gang in seine heiß geliebte Werkstatt, ist ein verlorener Tag für ihn. Meine kreative Ader vererbte er ohne Zweifel an mich.


»Ich würde euch ja gestehen, dass ich die ganze Woche entspannt in der Werkstatt werkelte, fürchte aber, dass ihr es petzen geht.«


»Wir?«, entrüsten sich Britta und ich. Beleidigt sehen wir ihn an.


»Es war so wunderbar«, schwärmt er mit verklärten und verdrehten Augen. »Kein mach hier, mach dort und wenn es nach mir geht, kann immer irgendwer heiraten, damit sie ausgiebig irgendwo putzen geht.« Er lacht solange, bis er husten muss.


Ich denke eher, dass er in diesem Fall schneller durchdreht, als ihm angenehm wäre. Meine Eltern lieben sich zu sehr, um lange voneinander getrennt sein zu können. Vermutlich sehnt er sich jetzt schon nach der Zeit, in der die Hochzeit Geschichte ist und will mit Mama wieder den gewohnten Alltag als Rentnerehepaar genießen.


»Dann hättest du eben mehr Kinder fabrizieren müssen«, gluckst Britta altklug und schleicht sich vorbei, um in die Küche zu gelangen. Er lässt resigniert die Schultern hängen.


»Dabei bin und war ich schon immer mit euch drei Frauen bis zum Anschlag beschäftigt. Bin ich froh, dass ich demnächst mit David männliche Unterstützung bekomme. Herr im Himmel schicke mir schleunigst einen weiteren Schwiegersohn. Mit dem kommt dann in dieser, von Frauen wimmelnden Familie, wieder ein Gegengewicht!«


Mein Vater hebt seine Hände in die Höhe, um auf diese Weise seinem Flehen Nachdruck zu verleihen, aber sein schmunzelndes Gesicht verrät mir, dass er es als Spaß meint. Ich hatte auch nie den Eindruck, dass er unter uns drei Frauen leiden musste.


»Gewöhne dich langsam an einen Schwiegersohn, Papa«, schlage ich einen Kompromiss vor und hake mich in seinen angewinkelten Unterarm. Ich führe Papa in die Küche. »Wenn ich dir richtige Unterstützung und ein gutes Gleichgewicht mit nach Hause bringen soll, musst du mir schon Zeit einräumen, denn Mister Wonder muss ich doch erst finden. Der wartet ja nun mal nicht an jeder Hausecke auf mich. Berlin ist riesig, aber auch randvoll mit merkwürdigen Figuren. Ich bringe dir einen dieser schrecklich schrägen Vögel mit, wenn du unbedingt willst. Mal sehen, was du dir dann vom lieben Herrgott erflehst.«


»Genau«, ruft Britta gackernd. »Bringe hier bloß nicht den erst besten Vogel an, denn damit wäre ihm nicht wirklich geholfen. Lass Papa nur für seine Frechheiten zappeln, Franka! Wer so dreist um ein Gleichgewicht bettelt, obwohl seine drei Damen ihn nach Strich und Faden verwöhnen, der ist entweder übergeschnappt oder närrisch.«


»Oder tollkühn«, merke ich breit grinsend an, »wobei ich das an unserem Papa mag.«


»Ihr seid meine Engel«, raspelt er nun Süßholz und küsst meine Stirn. »Lass dir getrost Zeit mein Schatz, denn ich will einen richtig netten Schwiegersohn, der nach Möglichkeit so nett wie David ist.«


Britta und ich lachen ausgelassen über seine Schmeichelei und verdrehen die Augen. Er lernte bei uns Frauen, die Wogen schnell zu glätten.


Papa hat recht, David trägt Britta auf Händen. Tag und Nacht arbeitet er an dem Haus, welches er und Britta nach der Hochzeit beziehen wollen. Sein ursprünglicher Plan war, dass es noch vor der Hochzeit bezugsfertig ist. Papa hilft ihm bei den Bauarbeiten, wo er kann, aber leider verschob sich der Einzugstermin auf mindestens drei Monate nach der Hochzeit.


Britta und David ergänzen sich perfekt. In jeder Lebenslage halten sie zusammen und sind unzertrennlich. Er liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab und ohne etwas auszusprechen, weiß sie, was er sagen will. Selbst streiten steht bei ihnen unter dem Stern, den Andern zu achten. Neben meinen Eltern sind sie für mich ein Traumpaar und wie füreinander geschaffen.


 


Wir sitzen inzwischen am Küchentisch. Mit warmen und duftenden Kaffee aus riesigen Bechern gehen wir den Sitzplan für die Hochzeitsfeier durch. Britta verschiebt die Namen kreuz und quer an unterschiedliche Tische, die sie in ihren Plan einzeichnete.


Es gilt sehr vieles zu beachten: Wer kommt mit wem aus dem Dorf aus, ohne sich in die Haare zu geraten, wie mischen sich Freunde und Familie, Familie und Familie, et cetera. Britta will die Bildung von Grüppchen vermeiden, stagniert allerdings an einem Punkt.


Sie rauft sich die blonden Haare, die sie sich seit Jahren wachsen lässt. Abwesend trinkt Britta literweise Kaffee und kaut nervös die Kekse, die Papa eben auf den Tisch stellte. Familie Römer scheint jeden ihrer Pläne zu durchkreuzen. Sie kommen durch ihre eigenwillige Art mit niemand im Dorf so recht klar, können aber nicht allein irgendwo sitzen. Das entspräche auch nicht unserer Auffassung von einem ausgewogenen Dorfleben.


»Ich gehe Mama holen«, sage ich nach einer halben Stunde des Hin und Her Überlegens, welches zu keinem brauchbaren Ergebnis führt. »Sie kann dir gewiss sagen, wer es für mehr als eine Stunde neben Familie Römer aushält und gehen damit auf Nummer sicher. Ich frage sie einfach mal.«


Papa und Britta senken einverstanden mit ihren Köpfen. Sie legen eine wohlverdiente Zigarettenpause ein, während ich barfuß die Treppen in den Keller hinab steige.


Die Gästewohnung, die Mama für Davids Eltern vorbereitet, liegt im Kellergeschoss des Hauses. Sie und Britta vermieten sie gemeinsam. Mama ist die Frau für das Gröbste vor Ort und Britta übernimmt die Vermarktung auf unterschiedlichen Vermietungsportalen, die deutschlandweit zugänglich sind. Die Wohnung ist oft gebucht. Meist wird sie von Monteuren angemietet, die irgendwo in der Nähe auf Baustellen arbeiten.


Ich spähe durch die Eingangstür, als ich an der Gästewohnung ankomme und entdecke Mama, die den Fußboden wischt. Einen Moment sehe ich ihr dabei zu. Sie richtet sich auf, streicht eine ihrer grau schimmernden Strähnen aus dem Gesicht und wirkt sehr erschöpft.


Ihre schlanke Figur wird von einem leichten Sommerkleid umhüllt, das sie sehr jung aussehen lässt. Britta und ich erbten unsere hellblonden Haare, die seidig sind, glänzen, von ihr. Es fällt fließend weich um unsere ovalen Gesichter. Ich gehe langsam auf sie zu.


»Soll ich für dich weitermachen?«, frage ich und nehme ihr behutsam den Stiel des Schrubbers aus der Hand. »Du bist bestimmt hundemüde. Wie lange putzt du hier schon?«


»Hallo, Liebes«, sagt sie, umarmt mich und lässt sich ohne Protest den Schrubber aus der Hand abluchsen. »Schön, dass du da bist. Wie lange stehst du schon hier?«


»Wollen wir eine kleine Pause einlegen? Wir plaudern etwas darüber und du ruhst dich nebenbei aus. Danach helfe ich dir, damit du schneller Feierabend machen kannst.«


»Sehr gerne«, sagt sie und geht mit mir zur Terrasse der Gästewohnung, auf der Tisch und Stühle aufgestellt wurden.


Ermattet lässt sie sich schwerfällig in einen bequemen Stuhl sinken und sieht auf den Rasen. Ihr ovales Gesicht ist farblos, weil sie sich mit all den Vorbereitungen zu viel zumutet. Garantiert schleicht ihr auch in den wenigen Pausen durch den Kopf, was noch zu erledigen ist und grübelt dabei, wie viel Zeit noch bis zur Hochzeit bleibt.


Meine Mutter ist eine getriebene Frau, die kaum zur Ruhe kommt. Für mich liegt der Drang zum Perfektionismus in ihrer Kindheit begraben und sie schaffte es nie, ein Kraut dagegen zu finden.


»Wie war deine Fahrt?«, erkundigt sie sich müde.


»Ich bin hier und das war meine Fahrt«, schmunzele ich und streiche dabei sanft über ihren oberen Rücken, der sehr verspannt ist. Ich will nicht über meine Reise reden, denn schließlich bin ich ja jetzt zuhause.


»Oh, das tut so gut«, murmelt sie und entspannt sich erkennbar, als ich ihre Muskeln vorsichtig lockere. »Massierst du mir nachher bitte die Füße?«


»Gerne. Morgen kann ich hier fegen, wenn du willst«, biete ich ihr an.


Zum einen kann ich so etwas Zeit mit ihr zubringen, zum anderen hoffe ich, dass sie innerlich zur Ruhe kommt. Natürlich steigt damit das Arbeitspensum, weil zwei Leute mehr schaffen. Es ist ihr ganz persönlicher Teufelskreis und der Tag, an dem meine Mutter unbeschäftigt in der Ecke sitzt, ist garantiert der, an dem ihr letztes Stündchen schlägt.


»Das wäre großartig«, bedankt sie sich im Vorfeld. Ihre Augen gleiten unruhig über all die unerledigten Aufgaben. Ich massiere sie, bis sie genüsslich ihre Augen schließt.


»Britta zermartert sich oben in der Küche den Kopf, neben wem sie Familie Römer auf der Feier setzt«, sage ich beiläufig und knete ihre Muskulatur locker.


»Hm«, überlegt sie angestrengt und lässt die Augen verschlossen, »der Architekt kann mit jedem und beruhigt selbst mich, wenn er im Raum ist.«


»Horch, horch, eine lebende Schlaftablette für Familie Römer? Klingt nach gähnend langweilig. Kenne ich den?«, frage ich kichernd.


»Nein, du würdest dann ja nicht nachfragen, oder? Er plante das Haus von Britta und David und wohnt im Neubauviertel zur Miete.«


Das Haus der beiden ist unkonventionell und beiden auf den Leib geschneidert. Es bietet nicht nur viel Licht und praktisch durchdachte Wohnräume, sondern auch pfiffige Details. Sie machen das Haus zu einem echten Wohnerlebnis und die Arbeiten hinken nicht umsonst mehrere Monate hinterher. Es wird ein zeitloses Haus in einer Zeit, die in einem viel zu schnellen Takt schlägt.


»Er hat wohl noch keinen Plan für sein eigenes Traumhaus fertig, was?«, entfährt es mir gackernd. »Der Schuster hat bekanntlich immer die schlechtesten Leisten.«


»Wer weiß, wer weiß. Gehst du morgen wieder zu Erna?«


Sie setzt voraus, dass ich bei Tante Erna war, bevor ich herkam und jeder in der Familie weiß, ich halte nicht bei ihr, weil es rein zufällig auf dem Heimweg liegt.


»Ja, ich sah vorhin, dass es mal wieder an der Zeit ist, die Regale im Shop zu putzen. Der Staub muss dringend von den Lampen und einige Regale hängen windschief. An die Wohnung mag ich da gar nicht erst denken, denn dort tummeln sich garantiert Wollmäuse. In ihrem Alter möchte ich ihr das nicht mehr zumuten. Da ich hier auch bei den Vorbereitungen gebraucht werde, dachte ich mir, dass ich vormittags zu ihr gehe und euch nachmittags bei den Vorbereitungen mithelfe.«


»Das ist für mich in Ordnung. Erna kann das wirklich nicht mehr so gut und in ihrem Alter braucht sie jede Hilfe. Auf Leitern klettern oder in den Ecken krabbeln, was da alles passieren kann. Sie ist schließlich nicht mehr die Jüngste. Ich frage mich sowieso, wie sie das ganze Pensum schafft. Ich fühle mich wie einhundert, wenn ich hier unten reinige, dabei ist sie viel mehr unterwegs, als ich und sieht taufrisch aus.«


»Du machst auch viel und rennst den ganzen Tag umher, vergleiche dich nicht! Ich mache dir folgenden Vorschlag. Ich wische jetzt das Wohnzimmer der Gästewohnung zu Ende und du wartest hier auf mich. Wir gehen zusammen Abendbrot essen und Britta die Schlaftablette empfehlen, danach massiere ich deine Füße und lasse dir ein Schaumbad einlaufen.«


»Sage Britta nicht, dass du den Boden wischen durftest, denn ich lehnte ihre ab Hilfe. «


Ich stehe auf und verschließe mit den Fingern einen imaginären Reißverschluss an meinem Mund. Zu genau kenne ich den Grund, warum Mama Britta nicht um Hilfe bittet. Sie will meine Schwester entlasten, die mit der Planung der Feierlichkeiten und dem Hausbau beschäftigt ist.


Nach einer halben Stunde ist die Arbeit in der Gästewohnung erledigt. Die Handtücher hängen vorschriftsmäßig. Auf dem Tisch stehen frische Blumen in einer Vase und in einer Schale liegt frisches Obst. Zufrieden steigen wir Arm in Arm die Treppen hinauf, nachdem meine Mutter noch einen Staubfussel von der Küchenzeile wischt.


Aus der Küche weht uns ein angenehmer Duft entgegen, der uns an Rührei erinnert. Am Tisch beim Abendbrot sitzend, erörtern wir die letzten Details des Sitzplans. Er wird nach dem Essen feierlich als abgehakt erklärt, weil ein einschläfernder Sitznachbar für Familie Römer gefunden wurde. Morgen Abend bereiten wir endlich die kleinen Tischkärtchen vor.


Der Abend klingt gemütlich auf dem Sofa aus. Wir schöpfen Kraft für die anstehenden Arbeiten, die uns in den nächsten Tagen erwarten, unterhalten uns und lachen über Kleinigkeiten. Meistens amüsieren wir uns über kleine Pech und Pannen Szenarien, die Britta zum Besten gibt und mit den Vorbereitungen der Hochzeit zu tun haben.


 


Kapitel 3



 


»Nein, das Kleid passt perfekt zu deiner Figur, Britta«, sagt Sophie, die mit Britta und mir auf einen der unzähligen Kosmetikstühle liegen. Heute sind wir in einem Wellnesstempel und lassen uns seit den frühen Morgenstunden mit Sauna, schwimmen und augenblicklich mit einer Gesichtsmaske verwöhnen.


Seit einem Jahr ist Sophie mit André verheiratet. Beide bauen ihr Haus neben dem von Britta und David. Seit ich denken kann, hockten Britta und Sophie gemeinsam in irgendeiner Ecke und steckten ihre Köpfe zusammen. Damals waren sie sogar noch mit Baumwollwindeln um die Hüfte bekleidet, die nie wirklich gut hielten. Sie gingen später Hand in Hand zum Schulbus. Die getrennten Wege in ihrer Lehrzeit waren schmerzlich für sie, taten ihrer innigen Freundschaft aber keinen Abbruch.


Jeder von uns bekam soeben von einem Angestellten eine klebrige und kleistrige Masse auf das Gesicht gestrichen, die angenehm nach frischen Kräutern duftet. Zwei Gurkenscheiben zieren unsere Augenlider und halten sie geschlossen.


»Ich will nicht wie eine aufgeplatzte Wassermelone auf meiner Hochzeit aussehen. In fünfzig Jahren will ich mir schließlich auch noch die Fotos ansehen.«


»Das verstehe ich nicht, Britta. Du bist von Hause aus eine aufgeplatzte Melone«, stichelt Sophie, die gerne die dargebotenen Zweifel nährt und Britta foppt.


»Sophie!«, empört sich Britta lang gezogen.


»Was?«


»Du bist wie immer äußerst hilfsbereit. Ich fühle mich jetzt durch deinen unsachlichen Kommentar so richtig ermutigt.«


»In fünfzig Jahren wirst du dir die Fotos von der Hochzeit ansehen und denken: Mann, war ich da noch rank und blutjung«, bemerke ich abgeklärt.


»Ein Kinderspiel nach fünfzig Jahren, vier Kindern und eintausend Schwangerschaftsstreifen«, gackert Sophie. Sie ist dabei so laut, dass ihre Liege merkwürdige Geräusche macht, weil sie nicht still liegen kann.


»Vier?«, frage ich bestürzt und will meine Augen entsetzt öffnen. Die Gurkenscheiben, die meine Augenlider kühlen, hindern mich jedoch daran. »Ich will noch nicht einmal an eins denken.«


»Keine Sorge, Schwesterchen. Selbstverständlich nacheinander und nur, so Gott will.«


»Wird David auch zu seiner Meinung befragt?«, erkundige ich mich.


»Wirke ich auf dich so, dass ich ihn heirate, nur um in null Komma nichts vier Kinder zu bekommen, ohne ihn vorher zu fragen?«


Ich schweige und überlege ernsthaft, wobei ich mich erinnere, dass sie sich viele Kinder wünschte, wie ich mir als Kind einen Bauernhof mit vielen Tieren wünschte.


»Ich meine, wenn es so kommt, werde ich eben im Alter kugelig wie eine Wassermelone. Nach vier Kindern ist das wohl der Tribut an Mutter Natur, aber solange David an meiner Seite ist, ist meine Welt in Ordnung.«


»Wenn seine Welt auch in Ordnung ist, wird er dich aufgeplatzte Wassermelone lieben«, meint Sophie gelassen, dennoch höre ich einen kleinen Unterton heraus. Ich weiß, dass sie noch keine Kinder plant.


»Selbst wenn du jetzt schon die Figur einer Wassermelone hättest, Schwesterchen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass er fünfzig Jahre und mehr mit dir verbringen will. Selbst zwanzig Kinder und unzählige Schwangerschaftsstreifen werden ihn nicht davon abbringen, morgens neben dir aufwachen zu wollen«, sinniere ich. Für meine Ausführungen ernte ich ein langes Schweigen von Sophie und Britta. Es ist Zustimmung. Bei Britta zu einhundert Prozent Rührung.


»So soll es sein«, murmelt Sophie mehr zu sich, als zu uns und unterbricht als erste das eingetretene Schweigen.


Wieder folgt eine Weile Stille, bevor Britta kleinlaut sagt: »Ich habe noch keine Zeit schwanger zu werden. Erst will ich heiraten, danach das Haus beziehen und für ein verlängertes Wochenende in die Schweizer Winteralpen reisen. Mama und Papa schenkten uns eine Reise in eine lauschige Berghütte. Die Hütte gehört einem Bekannten von einem Bekannten. Ist nichts aus einem Reisekatalog. Beziehungen, versteht ihr? Sie liegt schön abgelegen, ist autark und soll sehr idyllisch sein.«


»Wow!«, entfährt es mir. »Spendabel, spendabel, die alten Herrschaften. Das war bestimmt teuer. Das lobe ich mir mal als Hochzeitsreise. Alle wollen immer dorthin verreisen, wo es exotisch ist, dabei ist schön abgelegen doch romantisch und heutzutage exotisch.«


»Ja, genau meine Worte. Die Alpen waren Mamas und Papas Idee. David und ich wollen nicht auf irgendeine Hochzeitsreise gehen. Wir wünschen uns einfach irgendwo für ein paar Tage allein. Wie auf einer Insel, ganz romantisch und abgelegen. Dort oben haben wir dann ausreichend Zeit, um uns ausgiebig Gedanken über Nachwuchs zu machen.«


»Klingt total romantisch«, sagt Sophie schwärmerisch.


»Das ist es und ich sah Fotos von der Hütte. Stellt euch vor, es gibt drei Schlafzimmer und zwei wunderbar breite Sofas vor einem todschicken Kamin. Das heißt, wir können jeden Tag woanders unser Glück probieren.«


Unter unseren Gesichtsmasken brüllen wir los und bekommen uns nur schwer wieder ein.


»Die Hütte liegt in einem hübschen Tal«, erzählt Britta unbeirrt weiter. »Rings um das Haus ist das Tal bewaldet und vielleicht begegnen uns ja Heidi, Almödi und der Ziegenpeter. Ich komme nicht mehr auf den Namen des Ortes, aber sicher irgendetwas am Ende mit li oder ch.«


Britta ahmt den kratzenden Dialekt der Schweizer nach.


»Da fällt mir im Übrigen ein, ich sah neulich einen interessanten Bericht«, säuselt Sophie. »Darin erwähnten sie, dass die Anzahl der Spermien bei einem Mann steigt, wenn er in seinem eigenen Bett …«


»Na hör mal, Sophie! Ich sagte doch vorhin, dass wir lediglich über Nachwuchs nachdenken wollen. Nachdenken, hörst du? Er kann in unserem Haus gerne zu Höchstleistungen auflaufen, nicht im Urlaub. Da will ich nur gerne mal …«


»Schon verstanden«, unterbreche ich sie rasch. »In jedem Zimmer probieren, ob er …«


»Oh, nein!«, ruft Sophie aus. »Sehe jetzt nur ich Bilder vor meinem inneren Auge oder geht dir das auch so, Franka?«


»Du ahnst es nicht«, gestehe ich gedehnt und sehe Bilder in Endlosschleife in meinem Kopf, die ich lieber nicht sehen wollen würde. Ein Haus voller Betten, in den ein Paar auf Hochzeitsreise alles rausholt, was täglich an Liebe möglich ist. »Vielleicht ist es machbar, auf Themen umzuschwenken, die sich weniger um drei Schlafzimmer in drei Tagen drehen. Ich will mir meine Schwester und mein Schwager nicht bei, hä, hä, vorstellen.«


Bei hä, hä, hüstelte ich. Sophie kichert albern, bis ihre Liege verdächtig knarrt.


»Du bist stellenweise echt so katholisch wie Mama!«, wirft mir Britta vor. »Deine Augen werden dann schmal, als wärst du in Asien oder auf der Toilette geboren. Du bist echt die Tochter deiner Mutter! Über so ein Thema muss man sich doch auch mal entspannt unterhalten können, ohne ständig die Ernsthaftigkeit dabei zu untergraben. Schließlich fließt der Verkehr nur durch ausreichend und fundierten Informationen von allen Seiten.«


Sophie gackert wie üblich und ihre Liege macht wieder Geräusche, als winde sie sich vor Lachen. Sie steuert nie nennenswerte Informationen zu einem freien Verkehrsfluss bei, obwohl sie mit André ständig und überall herumknutscht. Was will Britta jetzt also von mir? Ständig sagt sie, ich sei verklemmt und benutzt dabei das Wort katholisch, als sei es ein Schimpfwort.


»Keine Sorge. Mein Verkehr fließt frei, Schwesterchen«, gebe ich an, wie eine Tüte Mücken. »Nur, weil ich ohne Mister Wonder hier liege, heißt das noch lange nicht, dass ich im Stau feststecke. Stelle dir vor, ich springe von Autodach zu Autodach, wenn mir danach ist und sehe nach, bei wem ich alles mitfahren kann, während ihr beide auf einem überladenen Umzugstransporter hockt. Hat noch irgendwer Fragen?«


Sophie prustet lauthals los. »Ne!«


Ich bin jetzt in voller Fahrt und drehe den imaginären Lautsprecher auf lauteste Stufe. Dieses katholisch will ich nicht auf mir sitzen lassen.


»Ich komme, praktisch gesehen, jeden Tag in den Genuss eines anderen Autofahrers, wenn ich will und es darauf anlege, Schwesterchen. Wenn, dann bin ich hier die Schlampe unter uns drei katholischen Bräuten. So viel zu dem Thema, ich bin die Tochter meiner katholischen Mutter!«


In unserer Nähe räuspert sich irgendwer. Ich bemerkte gar nicht, wie jemand in den Raum trat.


»Wenn die Damen jetzt fertig wären, würde ich Ihnen gerne die Masken abwaschen«, sagt eine männliche Stimme.


Britta und Sophie gackern los, wobei Britta grunzt, als wäre sie ein Ferkel. Ich hebe vorsichtig meine Gurkenscheiben von den Augen und sehe mich im Raum um. An mein Fußende steht der junge Mann, der uns die Gesichtsmasken auftrug.


»Wie lange stehen Sie schon dort?«, erkundige ich mich.


»Ich verließ den Raum gar nicht«, entgegnet er zauberhaft schmunzelnd und tritt zu mir an die Liege. Sophie biegt sich neben mir auf ihrer Liege, denn es plagt sie ein gigantischer Lachanfall, der sich nicht so rasch legen wird.


»Dann würde ich jetzt mal der Schlampe unter den drei katholischen Bräuten die Maske abwaschen, damit sie wieder von Auto zu Auto springen kann«, säuselt er.


Zum Glück kann er die rote Gesichtsfärbung unter der Maske nicht erkennen. Sophie und Britta krümmen sich lachend und bekommen Atemnot.


 


Die Tage bei meiner Familie vergehen viel zu schnell. Meine Mutter und ich bekommen das Brautkleid zu sehen, basteln kleine Gastgeschenke für die Hochzeitsgäste, nachdem wir alle Tischkarten fertiggestellt hatten. Mama und ich schlafen beinahe jeden Abend erschöpft auf dem Sofa ein, während Papa durch alle Kanäle zappt, die der Fernsehapparat bietet.


Wie geplant, verbringe ich die Vormittage bei Tante Erna. In ihrem Laden reinige ich jedes Regal nacheinander. Zuerst räume ich die Waren Etage für Etage aus, dann wische ich die Regalböden gründlich ab und sortiere anschließend alles wieder ordentlich ein. Ich erneuere beschädigte Preisschilder an den Regalen und entferne abgelaufene Konserven. Bis der ganze Laden auf Hochglanz gebracht ist, vergingen beinahe zwei Wochen. Ich bin sehr gründlich und fürchte, dass ich die Tochter meiner Mutter bin.


Zumindest irgendwie.


Na ja, ehrlich gesagt, ein bisschen, aber definitiv nicht katholisch.


Jetzt blitzt und funkelt es in jeder Ecke. Tante Erna ist begeistert und sehr glücklich über die Hilfe. Sie bereitet jeden Tag ein aufwendiges Mittagessen für uns vor, das aus Suppe, Hauptgang und Nachtisch besteht. Wir essen es gemeinsam in der winzigen Küche, die zum Laden gehört. Aus den vollgestopften Regalen quillt die Weihnachtsdekoration der letzten zwei Jahrhunderte, die Tante Erna so liebt. Wir genießen diese gemeinsame Zeit ohne viele Worte. Sie würde auch für mich kochen, wenn ich ihren Laden nicht putze. Das merke ich daran, dass unsere Mittagspausen so schnell vergehen und kaum zu spüren ist, dass uns so viele Lebensjahre trennen.


Müde und erschöpft liege ich am Abend neben meiner Mutter gekuschelt auf dem Sofa. Papa ist dadurch der Herr über die Fernbedienung. Er schaltet im Sekundentakt alle Kanäle durch.


»Heinz, kannst du nicht mal ein Programm anlassen? Ich werde ganz irre und schreie gleich entnervt los«, sagt meine Mutter stark erholungsbedürftig.


»Das wäre mal etwas ganz Neues, Schatzi«, entgegnet Papa.


»Komm du mir heute Abend ins Bett, dann Schatzi ich dir eine«, lacht sie und wirft die Packung Taschentücher an seinen Kopf.


»Franka? Habe ich dir mal erzählt, was das Wort Schatzi bedeutet?«, fragt Papa.


»Nein, aber wie ich dich kenne, wirst du es mir gleich erklären, zumindest gehe ich ganz stark davon aus, wenn ich mir deinen Gesichtsausdruck betrachte.«


»Ja, sehr gerne, denn ich sehe ja, dass du förmlich darauf drängst, es zu erfahren. Es besteht aus zwei Wörtern und wurde von einem pfiffigen Mann zusammengesetzt. Er wollte vermeiden, dass seine Frau erfuhr, was er wirklich über sie dachte.«


»Hieß dieser pfiffige Mann rein zufällig Heinz?«, fragt meine Mutter und spitzt ihre Ohren.


»Lass ihn, Mama! Ich will sehen, wie er jetzt die Kuh vom Eis bringen will!«


»Für mich ist das kein Glatteis und ja, es war ein pfiffiger Vorfahre von dem Prachtexemplar, welches dir gegenüber sitzt.«


»Dann schieß mal los, Prachtexemplar!«, sagt meine Mutter wissbegierig und sitzt auf glühenden Kohlen. Theatralisch wendet Papa sich zu uns, stützt seine Arme auf die Knie ab und setzt eine todernste Miene auf. Üblicherweise kommt eine große Posse dabei raus, wenn er so tut.


»Ganz einfach, es ist eine Kombination aus den Wörtern Schaf und Ziege. Kurz: Schazi


Ich lache lauthals los und krümme mich laut lachend auf dem Sofa, während meine Mutter ihre Arme vor der Brust verschränkt und ihn strafend an sieht. Mein Vater guckt zwischen mir, die amüsiert lacht und meiner Mutter, die ihre Augen zusammenkneift, hin und her.


»Lustig, Schazi?«, fragt er sie und grinst frech über das ganze Gesicht.


»Nun weiß ich wenigstens nach dreiunddreißig Ehejahren, was du insgeheim über mich denkst«, brummt Mama.


»Ja«, sagt er, »und nur du bist mein Schazi.«


Mit wohlbekannter Unschuldsmiene schwört er hoch und heilig.


»Keine Ahnung, ob mich das jetzt an dieser Stelle beruhigt. Ich bin ernsthaft empört«, schnieft sie. Papa beugt sich für einen innigen Kuss zu ihr. Mama schlängelt sich in seinen Armen, ist ihm aber nicht ernsthaft böse.


»Sage mal, Franka. War heute nicht die Party von Britta im Goldenen Hirschen?«, fragt er mich, als er in seinem Sessel sitzt.


Britta lud heute Abend ein paar Freundinnen ein, um noch einmal die Sau als unverheiratete Frau raus zu lassen. Im Goldenen Hirschen ist heute Disco. Sie will statt eines Junggesellinnenabschieds eine Party mit Musik, Tanzen bis zum Abwinken und unzähligen Longdrinks.


»Morgen Vormittag will ich bei Tante Erna im Laden einige wichtige Reparaturen vornehmen und kann nicht lange auf der Party bleiben. Um zehn, ist auch noch genug los, falls ich hier nicht einschlafe. Es ist kuschelig bei euch. Dein Herumgeschalte kann rein theoretisch die Discobeleuchtung sein, so schnell, wie du von Programm zu Programm umschaltest. Wie du siehst, befinde ich mich beleuchtungstechnisch in einer Disco. Die Tanzfläche ist nur viel weicher, ohne Gedrängel und so angenehm von der Lautstärke, dass ich sogar höre, welche schweinischen Sachen du Mama in das Ohr flüsterst.«


Meine Mutter errötet.


»He!«, protestiert Papa und schmeißt nun die Packung Taschentücher, die er vorhin an den Kopf bekam, zu mir. »Sei nicht so frech! Geh tanzen! Schlafen kannst du im hohen Alter noch genug.«


»Heinz! Lass doch ein Programm an, Herrgott noch mal!«


»Du hörst auf zu fluchen, Kerstin Schazi und du gehst dich gefälligst amüsieren, Franka! Du putzt den halben Tag bei Erna den Laden und anschließend hilfst du Britta und Mama. Es ist dein Urlaub und du solltest daher auch mal etwas anderes zu Gesicht bekommen als die, die dich sowieso schon nerven, wenn du auf Besuch bist.«


Ich rücke zu seinem Sessel und umarme ihn. Sein angenehmes Parfüm steigt mir in die Nase. »Ihr nervt mich nicht. Ich habe euch doch nicht, wenn ich in Berlin bin. Ihr seid mein Urlaub, auch wenn ich bei Erna im Laden arbeite, oder hier helfe.«


Seine große Hand sucht meine kleine. Er hält sie liebevoll umschlungen, lässt aber nicht locker.


»Junge Leute sollten unter jungen Leuten sein, nicht mit ihren alten Knackereltern vor der Glotze hocken«, entgegnet er.


»Na, ich sehe schon, dass ihr mich unbedingt loswerden wollt und ich will dem romantischen Fernsehabend nicht im Weg stehen. Vor der Glotze hängen und über das Programm palavern kann ich ja im Alter noch«, sage ich, küsse seine Wange und stehe auf.


»So ist es, Liebes«, sagt meine Mutter tiefer in das Sofa rutschend.


Sie grinst Papa glücklich an und klemmt ihre Unterlippe zwischen den Zähnen, als wäre sie fünfzehn.


 


Eine Stunde später bin ich geduscht, frisiert und angezogen. Ich entschied mich für eine weich fallende, kurzärmlige Bluse und eine leichte, silbergraue Sommerhose, die meinen hellblonden Typ schmeichelt. Sie ist dreiviertel lang und zeigt meine schlanken Fesseln. Die kleinen Füße stecken in farblich passenden Pumps.


Ich hole mir von Mama zwei erhobene Daumen für mein Outfit ab. Meine Eltern einigten sich auf ein Programm, sitzen Arm in Arm auf dem Sofa und wünschen mir viel Spaß, als ich mich in der Tür stehend verabschiede.


Zur Party gehe ich zu Fuß, denn es sind nur knapp fünfhundert Meter von meinem Elternhaus zu laufen. Der Sommerabend ist angenehm mild. Der Goldene Hirsch ist Herberge, Restaurant und Dorfdisco in einem. Brittas Hochzeitsfeier wird dort in einigen Tagen stattfinden.


Auf dem kleinen Parkplatz, den wir liebevoll Marktplatz nennen, herrscht reger Betrieb. Neben den geparkten Autos drängeln sich rauchende Menschen, die in Grüppchen stehen. Sie lachen, reden und schreien durcheinander. Die Stimmung ist ausgelassen und perfekt für eine laue Samstagnacht im August.


 Dumpf dringt die Musik an mein Ohr und der Bass kriecht in den Magen, je näher ich komme. Hier und da treffe ich Freunde und Bekannte, halte mit jedem einen kurzen Plausch, bevor ich mich in den Gastraum drängele, der stickig und dröhnend laut ist. Die Tanzfläche ist sehr gut gefüllt. Schwitzende Leiber bewegen sich rhythmisch zum Takt der Musik und in den flackernden Lichtern der Musikorgel. Hier im Gastraum treffe ich viele Freunde und Bekannte, arbeite mich aber konsequent zu Britta und ihren Freundinnen vor.


Sie sitzen an einem langen Tisch in der hinteren Ecke. Alle jubeln mir zu, als ich mich tanzend nähere. Wie ich sehe, ist jeder hier in bester Partylaune und hebt wild kreischend die Hände, um mich zu grüßen. Jede Frau bekommt eine Umarmung und einen Wangenkuss, bis ich vor Britta stehe. Sie zieht mich sofort zur Bar und bestellt mir etwas, was mich in einer Sekunde auf das Alkoholniveau ihrer Partygäste befördert.


Hinterher zieht sie mich zur Tanzfläche, wo Sophie, bereits eine flotte Sohle auf das Parkett legt. Wir tanzen den wild schlagenden Takt mit, reißen unsere Hände klatschend in die Höhe und singen aus Leibeskräften den Text mit. Es dauert nicht lange, bis alle Partygäste auf der Tanzfläche stehen und frenetisch den Takt klatschend, tanzend und singend folgen. Unser Gesang übertönt beinahe die Musik und lockt die Massen an den Rand der Tanzfläche. Wir lassen die Sau raus, nehmen Britta in unsere Mitte und feiern sie gebührend.


Hüpfend tanze ich zum Tisch und setze mich, um etwas zu verschnaufen, denn meine Lunge braucht eine Pause. Britta tanzt inzwischen mit jedem ihrer Gäste, lacht und feiert in der Mitte stehend, bis immer mehr Atem schöpfen wollen. Ich plaudere mal hier, mal dort und gehe tanzen, wenn mir ein Lied gefällt. Irgendwann will ich an die frische Luft, weil ein langsames Lied alle Verliebten auf die Tanzfläche lockt und mich davon vertreibt.


»Franka, grüß dich!«, sagt Harald und kommt mir auf dem Parkplatz entgegen. Anscheinend hat er heute kein Besuchswochenende und kann feiern. Er ist wenige Zentimeter kleiner als ich, was ihn früher aber nicht daran hinderte, meine Hände zu suchen, als wir in einem kleinen Trupp zum Schulbus liefen.


Harald hat eine lange, schmale Nase und Augen, die flink und eifrig in der Gegend herum irren. In seiner Nähe werde ich aus Sympathie regelmäßig nervös und kann es mir nicht erklären.


»Na, Harald? Du musst doch nachher eigentlich aufstehen. Was machst du hier, wenn du schon längst in das Bett gehörst?«


Harald arbeitet bei seinem Vater in der Backstube der ortsansässigen Bäckerei. Die machen die appetitlichsten Brötchen weit und breit. Leider verwechselt er meine Begeisterung für die produzierten Backwaren mit Interesse an ihm. Er kommt sogar extra aus der Backstube, wenn ich Brötchen kaufe.


»Ich verrate dir meinen Trick. Ich gehe gar nicht erst schlafen.«


»Trick?«, frage ich ungläubig nach. Er nickt eifrig und nippt an seiner Bierflasche.


»Du meinst Alkohol und Tabletten sind ein Trick?«


»Mann, Franka! Schreie das doch gleich auf dem Marktplatz heraus!«, zischt er leise und kommt näher.


»Harald, wir stehen auf dem Marktplatz!«, lache ich und besänftige ihn sofort damit. Mein Lachen wirkt schon immer bei Harald und auch jetzt strahlt er zufrieden. Ich schätze, dass ich sein Gesicht in Schlammpfützen drücken kann. Solange ich dabei lache, nimmt er es mir nicht krumm. Meine Hand deutet auf die lärmende Musik, die hinter mir aus der Tür dringt.


»Ich gehe wieder zu Brittas Party. Wir sehen uns ja bestimmt noch.«


»Spätestens auf der Hochzeit«, ruft er mir nach. »Reserviere mir einen Tanz!«


»Ich schreibe ihn auf meine Karte«, erwidere ich und Harald setzt mir nach.


»Warum bis zur Hochzeit warten?«


Kurz vor den Toiletten des Goldenen Hirschen rase ich um die Ecke. Durch mein hohes Tempo pralle ich direkt gegen jemand, dessen Parfüm sehr verführerisch duftet. Ich lief so schwungvoll, dass er nicht mehr ausweichen konnte.


»Na hoppla«, entschuldige ich mich und erkenne, wem ich da in die Arme lief, dem blonden Mann, der das Shampoo kaufte.


»Alles in Ordnung?«, fragt er. Ich streiche meine Haare verlegen hinter die Ohren, während seine Augen zu Harald fahren. »Hallo Harald.«


»Hallo Chris.«


Chris heißt er, aha. Christoph, Christopher, Christian, mir fallen sofort tausend Namen ein und überlege, was zu ihm passen würde.


»Alles in Ordnung?«, fragt er noch einmal.


»Tut mir leid«, entschuldige ich mich bei ihm, woraufhin er erleichtert seine Arme sinken lässt.


»Tanzen wir nachher?«, will Harald hinter mir wissen und tritt dichter. Seine Hand berührt vertraulich meinen Oberarm.


Ich sehe Chris an und nicke. Die symmetrischen Gesichtszüge vor mir werden weich. Er rasierte sich heute nicht. Da ist es leicht, mir in Gedanken auszumalen, wie ich sein raues Kinn liebkose und mich nach seinen richtigen Namen erkundige. Sein Kinn ist männlich und nicht zu eckig, ich finde es durch und durch erotisch. Große, offene Augen durchbohren mich auf sehr angenehme Weise.


»Wäre eine Möglichkeit«, raune ich völlig woanders mit meiner glühenden Fantasie und ziehe in dieser beide Mundwinkel weit nach oben. Er tut es mir nach. Ich zerschmelze und will nicht einmal dagegen ankämpfen.


Einige Gäste, die zu den Toiletten wollen oder von dort kommen, drängeln sich zwischen uns, denn der Gang hier ist sehr beengt. Wir stehen uns mitten im Weg gegenüber und wollen uns nicht bewegen.


»Wirklich alles in Ordnung?«, fragt Chris.


»Nichts passiert«, versichere ich ihm.


Er nickt, lächelt zu Harald, der uns verwundert und mit geöffnetem Mund beobachtet. Chris regt sich und geht an mir vorbei.


»Hat das Shampoo in den Augen gebrannt?«, rufe ich ihm fragend nach. Ganz charmant lacht er auf, als amüsiere ihn meine Frage, während er sich zu mir umdreht.


»Ich probierte es nicht aus, weil es nicht für mich war«, sagt er und hebt entschuldigend seine Achseln.


»Das solltest du aber!«, rufe ich ihm nach, weil er sich erneut zum Gehen wendet.


 


[1] große Liebe


[2] Ital. Mann


[3] Goldenes Haus, 80 ha größer Palast, den Nero nach dem verehrenden Feuersturm 64 n. Christus erbauen ließ.


 


 


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