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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Jenseits von Katana, Sofia Hartmann
Sofia Hartmann

Jenseits von Katana



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Wer sich nicht wehrt... (Ganzes Kapitel)

Ich stellte mich zum zweiten Mal in der Schlange vor dem großen Schreibtisch an. Ich wollte mich noch einmal versichern, ob hier wirklich nach dem System gearbeitet wurde das ich vermutete und fragte jeden einzelnen der vor mir am Schreibtisch gewesen war, welche Nummer und Lebensaufgabe er für sein nächstes Leben gezogen hatte.

„Wissenschaftler,“ sagte einer.

„Leistungssportler,“ sagte ein anderer.

„Ich werde als Zwitter geboren werden,“ erzählte mir ein anderer. Dann sah er noch einmal auf seinen Zettel. „Ja, und dann werde ich mir mit Prostitution das Geld für eine Geschlechtsumwandlung verdienen. Und danach werde ich mit der Prostitution das Geld für meinen Lebensunterhalt verdienen!“

Na großartig, dachte ich.

„Massenmörder,“ sagte der Nächste. Er grinste. „Ich werde die Psychologen jahrzehntelang an der Nase herumführen! Jedesmal wenn sie glauben, ein Täterprofil von mir zu haben, ändere ich mein Verhalten! Sie werden mich nie bekommen...jedenfalls steht das hier!“ Er lachte, und winkte siegessicher mit seinem Zettelchen, während er davon schwebte.

„Viel Spaß,“ knurrte ich ihm hinterher. Ja, den konnte ich mir sehr gut als verrückten Massenmörder vorstellen.

Schließlich war ich an der Reihe.

„Name...“ sagte der Mann hinterm Schreibtisch. Er sah nicht einmal zu mir auf. Mittlerweile war er richtig schlecht gelaunt und wahnsinnig gelangweilt.

„Antonia Mangold,“ sagte ich. Beim ersten Mal hatte ich mich schließlich als Karo registrieren lassen. Ohne aufzusehen blätterte er in seinen Unterlagen.

„Sie wollen eine Nummer ziehen?“

„Ja.“

Er hielt mir wieder die große Holzkiste entgegen. Ich fischte einen Zettel heraus und rollte ihn sofort auf.

„Geburtsjahr: 2111. Weiblich. Ohne jede Bedeutung für Politik, Wissenschaft, Kultur oder Sport.“

Immerhin. Mit diesem Leben musste ich keinen Präsidenten erschießen.

„Können Sie mir das erklären?“ fragte ich den Mann hinter dem Schreibtisch. Verwundert sah er auf. Bei meinem Anblick zuckte er zusammen.

„Sie schon wieder? Was wollen Sie?“

Ich hielt ihm beide Zettel unter die Nase. „Können Sie mir das erklären?“ fauchte ich.

„Was denn?“ fragte er. „Daß Sie zwei Nummern gezogen haben? Das geht natürlich nicht! Eine davon müssen Sie zurückgeben!“

„Den Teufel werde ich tun! Ich möchte mich beschweren, deswegen bin ich hier!“

„Aber über was denn?“ fragte er mich verwundert.

„Über diese Zustände hier!“

„Was gefällt Ihnen denn daran nicht?“

„Ich habe mir einen Zettel mit einer ganz miesen, neuen Lebensaufgabe gezogen!“

„Na und? Was kann ich dafür?“

„Das ist ungerecht!“

„Natürlich ist es ungerecht,“ sagte er gelangweilt.

„Ach,“ sagte ich. „Das wird wohl nicht einmal abgestritten? Ich dachte, wenigstens im Tod sind alle Menschen gleich! Und nun bin ich tot und muss erfahren, daß es hier Leute gibt, die in einer VIP- Lounge sitzen! Hier in diesem Wartesaal treffe ich nur auf Leute, die ein armes, konfliktbeladenes Leben führen werden, wenn sie wieder auf die Welt kommen! Gut ein paar werden auch Wissenschaftler. Oder Arzt. Oder sonst was. Aber wo bitte werden denn hier die Stars gemacht? Die Politiker? Die Schriftsteller? Doch sicher in den entsprechenden VIP- Lounges, oder sehe ich das falsch?“

„Junge Frau,“ sagte der Mann hinter dem Schreibtisch gereizt. „Passen Sie mal auf, ja? Erstens kommt nicht jeder Politiker automatisch in die VIP- Lounge, sondern nur die, die auf Katana etwas bewegt haben! Mit den Stars und den Autoren ist es ebenso! Und die Politiker, die dort tatsächlich landen, die werden natürlich auch in ihrem nächsten Leben wieder Politiker! Stars werden wieder zu Stars! Das sind nun einmal Aufgaben, die nicht jeder einfach so erfüllen kann, das leuchtet doch ein, oder? Für einen solchen Job braucht man Qualifikationen!“

„Nein!“ schrie ich. „Die sollte man sich im Lauf seines Lebens erarbeiten, die werden den Leuten hier auch nicht in die Wiege gelegt!“

„Pssst,“ sagte er beschwichtigend. Er legte seinen Zeigefinger auf die Lippen. „Nicht so laut, wenn ich bitten darf. Sonst werden ja noch alle auf uns aufmerksam!“

„Und was wäre daran so schlimm?“ keifte ich. „Dann würden sich vielleicht noch ein paar Leute mehr Gedanken über euer merkwürdiges Auswahlverfahren machen! Daß sich im Leben ein Mensch nur durch Leistung für etwas qualifizieren kann, das leuchtet mir ein! Aber daß es hier schon im Voraus bestimmt wird, wer im nächsten Leben eine Machtposition erlangen wird und wer nicht, das ist ungerecht! Vor allem dann, wenn die Qualifikation dafür einfach nur eine Machtposition im letzten Leben war! Und wir Idioten hier, in diesem riesigen Wartesaal, wir hatten im letzten Leben keine Bedeutung und im nächsten werden wir auch keine haben! Das sehe ich doch richtig, oder?“

„Wer aber sagt Ihnen denn, daß das falsch ist?“ fragte der Mann hinter dem Schreibtisch verwundert.

„Ich sage das! Vor der großen Weltrevolution, als das Mittelalter zu Ende ging, da hatten zwei Prozent Hochwohlgeborene die Macht über achtundneunzig Prozent der Gesamtbevölkerung! Natürlich hat sich seither vieles verändert, aber ich muss feststellen, daß solche Zustände hier im Jenseits gemacht werden! Das ist das Letzte!“

„Könnten Sie bitte etwas leiser sprechen,“ sagte der Mann.

„Nein,“ sagte ich voller Inbrunst. „In meinem nächsten Leben werde ich nämlich eine linksradikale Terroristin sein, und ich glaube, ich bin bereits dabei, mich auf diese Aufgabe vorzubereiten! Und ich will jetzt sofort Ihren Vorgesetzten sprechen!“

„Das geht nicht,“ sagte der Mann hinter dem Schreibtisch. „Das sagte ich Ihnen aber bereits. Der große Gott hat alle Hände voll zu tun!“

„Dann möchte ich einen Termin!“

Er stöhnte laut auf. „Gut,“ sagte er. Dann zog er ein dickes Buch aus der Schublade. Nachdenklich blätterte er darin herum. „Gut,“ brummte er noch einmal. „Im Jahre 2030. Wir werden Sie dann aufrufen. Vorher geht es leider nicht.“

„Da habe ich leider keine Zeit,“ sagte ich. „Im Jahre 2030 muss ich nämlich leider den Präsidenten erschießen! Vielleicht könnten Sie mir einen Termin geben zu einer Zeit, wenn ich noch nicht wiedergeboren bin! Außerdem bin ich der Meinung, daß hier sofort etwas verändert werden muss! Das Schicksal der Hestaner wird doch sicher auch hier bestimmt, oder?“

„Hestaner?“ fragte er verwirrt.

„Genau! Ich habe hier noch keine gesehen! Nur eine Frau habe ich getroffen, die als Kind einer hestanischen Asylantenfamilie wiedergeboren werden soll!“

„Was?“ sagte der Mann erstaunt. „Das muss ein Versehen sein. Für die Hestaner sind wir hier nämlich überhaupt nicht zuständig!“

„Aber es sind doch auch Menschen!“

„Schon,“ sagte er. „Aber sie sind anders. Deswegen haben sie auch einen separaten Eingang. Und einen separaten Wartesaal. Hestaner sind...nun ja, sie sind eben anders. Es sind Wilde. Primitive. Eingeborene. Man kann sie nicht mit uns vergleichen.“

„Das bedeutet, sie werden von den anderen Seelen abgesondert.“

„Richtig,“ antwortete der Mann hinter dem Schreibtisch.

„Und dort, wo sie sind, bekommen sie eine Nummer, auf der dann steht, daß sie im nächsten Leben wieder auf Hesta in Armut geboren werden, ja?“

„Natürlich,“ sagte er. „Das könnte man ja sonst wohl auch niemandem zumuten.“ Er sah mich eindringlich an. „Denen macht das nicht so viele aus, glauben Sie mir. Die sind das gewohnt.“

„Das ist eine Schande, wirklich.“

Der Mann hinter dem Schreibtisch stöhnte erneut auf. Dann legte er verzweifelt seinen Kopf auf die Tischplatte und verbarg sein Gesicht in seinen Armen. So verharrte er sehr lange und schwieg dazu. Als er wieder aufsah, rieb er sich die Augen und sagte zu seinem Assistenten an seiner linken Seite: „Ich glaube, ich bin zu alt für diesen Job. Ich mache das nun schon so lange...“

„Herr,“ sagte dieser. „Du weißt, es gibt keinen geeigneten Nachfolger für dich! Halte durch!“

„Ich kann aber nicht mehr!“

„Ich will einen Termin!“ sagte ich energisch.

„Aber es geht doch nicht vor dem Jahr 2030!“ stöhnte der Mann hinter dem Schreibtisch. Dann legte er wieder seinen Kopf auf die Tischplatte. „Der große Gott hat einfach zu viel zu tun!“ seufzte er. „Die Menschen verzweifeln in ihrem Leben schon an den kleinsten, den einfachsten Aufgaben! Sie haben so viele Maschinen entwickelt, die ihnen das Leben erleichtern! Sie haben alle Krankheiten besiegt! Trotzdem haben Hausfrauen das Gefühl, sie müssten wegen der vielen Wäsche verzweifeln und bringen sich um! Prominente werden in Klapsmühlen eingeliefert, weil sie mit dem Stress nicht mehr fertig werden und durchdrehen, dabei wollten sie vorher nichts mehr als ein Star zu werden! Die Leute schlucken chemische Drogen oder kauen Maraniwurzeln, bis ihnen schlecht ist, weil sie denken, sie könnten das Leben nüchtern nicht mehr ertragen! Aber an den großen Gott denkt überhaupt niemand!“

„Doch,“ sagte ich. „Es gibt auf Katana viele, die zu ihm beten. Das habe ich auch getan. Die Regierung hat die Religion verboten, aber trotzdem beten die Menschen zum großen Gott, obwohl man sich mittlerweile damit strafbar macht! Die Menschen tun das heimlich und sie riskieren damit sehr viel. Und was tut er für uns?“

Zornig erhob sich der Mann hinter dem Schreibtisch. „Sie, junge Frau...Sie wissen überhaupt nichts! Unser großer Gott ist ständig unterwegs, um das Schlimmste zu verhindern! Weil die Menschen so verflucht blöd sind! Sie kommen hierher, sie ziehen sich eine Nummer, eine Lebensaufgabe, und dann? Da gibt es doch tatsächlich Leute, die diese Aufgabe nicht verstehen! Die stellen nur Unsinn an! Da bekommt einer die Aufgabe, er soll unseren Chirasmus als Weltreligion verbreiten, was tut er? Er fängt einen Glaubenskrieg an und tötet Tausende von Menschen! Ein anderer soll als Revolutionär gegen eine Diktatur kämpfen, und was tut er?“

Er holte tief Luft und schlug mit der Hand auf den Schreibtisch. „Ich sage Ihnen, was er tut!“ brüllte er. „Er emigriert ins Ausland, schließt sich einer Terroreinheit an, die gegen eine ganz andere Regierung vorgeht! Und die Diktatur, die er bekämpfen sollte, die lässt er links liegen! Ständig muss der große Gott irgendwo eingreifen, nur weil die Leute zu blöd sind, einen einfachen Zettel zu lesen, und das zu tun, was draufsteht!“

„Ich will ihn trotzdem sprechen,“ sagte ich ungerührt.

Er begann zu weinen. „Könnte mir bitte jemand diese Frau vom Hals schaffen,“ wimmerte er.

Ich beschloss, ihn für heute in Ruhe zu lassen. „Ich gehe,“ sagte ich. „Schon gut. Beruhigen Sie sich.“

Er atmete auf, sichtbar erleichtert. „Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis,“ sagte er.

„Aber ich komme wieder.“

„Das hatte ich befürchtet,“ sagte er.

Er klang dabei sehr verzweifelt. Ich suchte meinen Sitzplatz wieder auf. Glücklicherweise saßen dort noch immer die gleichen Leute.

„Möchtest du dein nächstes Leben gegen ein anderes tauschen?“ fragte ich die Frau, die mich vorher getröstet hatte.

„Das würde ich gerne,“ sagte sie. „Aber das geht ja leider nicht.“

„Doch,“ sagte ich. Ich holte den Zettel aus meiner Tasche, den ich eben gezogen hatte. Der Mann hinter dem Schreibtisch hatte diesen nämlich über der ganzen Diskussion schlichtweg vergessen.

„Wie hast du das gemacht?“ fragte sie erstaunt, während sie den Zettel aufrollte. „Es darf sich doch jeder nur eine Nummer ziehen!“

„Ja, wenn alle so blöd sind und sich daran halten,“ sagte ich.

Sie las den Zettel und ein entspanntes Lächeln huschte über ihr Gesicht.

„Es gibt immer Schlupflöcher,“ sagte ich.

„Es wird ein langweiliges und bedeutungsloses Leben sein,“ sagte sie. „Aber sehr viel besser als das andere. Und länger vor allem!“ Sie drückte mir den Zettel mit ihrer alten Nummer in die Hand. „Wie hast du das gemacht?“ fragte sie ein zweites Mal.

„Wir müssen uns das nicht gefallen lassen,“ sagte ich. „Hier herrscht ein wirklich mieses System. Ich finde, man sollte etwas dagegen tun.“

„Wie denn?“ fragte der junge, zukünftige Mediziner. „Was können wir schon ändern? Und außerdem, ich persönlich bin ja sehr zufrieden mit der Nummer, die ich gezogen habe...“

„Das ist ja genau das Ding,“ erwiderte ich. „Ich habe keine Ahnung von Politik, aber eins weiß ich genau: das, was hier läuft, das ist nichts anderes als das, was im Leben passiert! Die Leute ziehen sich eine Nummer, sind traurig über das Schicksal, das ihnen dadurch blüht, aber sie sagen sich: Was kann ich schon dagegen tun? Was kann ich denn schon bewirken? Außerdem...mir persönlich geht es ja gar nicht so schlecht, und die paar Leute, denen es richtig dreckig geht...ja, dann sieht man eben einfach nicht hin! Und ich sage euch, wir müssen etwas dagegen tun! Wie im Himmel, also auch auf Erden! Mir war früher die Bedeutung dieses Satzes aus der Heiligen Schrift nicht klar, aber jetzt weiß ich, was er bedeutet!“

„Hm,“ sagte der junge Forscher.

„Ich glaube, der große Gott ist so sehr damit beschäftigt, unter den Lebenden zu wirken, daß er gar nicht weiß, was hier im Jenseits für Zustände herrschen,“ sagte ich.

In diesem Moment wurde mir plötzlich bewusst, daß es ihn tatsächlich gab: der große Gott existierte. Der Mann am Schreibtisch hatte völlig selbstverständlich von ihm gesprochen. Ich hätte sogar einen Termin bei ihm haben können. Ich hätte ihn sehen und sprechen können. Zwar erst im Jahr 2030, aber man hätte mir diesen Termin gegeben. Es gab ihn. Ich hatte nicht an ein Hirngespinst geglaubt. An ein Märchen, wie man uns in Imania glauben machen wollte. Er existierte.

„Ich weiß gar nicht, was du willst,“ sagte der junge, zukünftige Forscher in diesem Moment. „Es wird immer viele unwichtige Menschen geben und wenige wichtige. Wenn jeder wichtig wäre, wo kämen wir dann hin?“

„Da hast du Recht,“ sagte ich. „Aber es kann doch nicht richtig sein, daß die Leute, die in ihrem letzten Leben wichtig waren, hier in einer VIP- Lounge sitzen und sich dort eine Aufgabe ziehen, die sie im nächsten Leben wieder wichtig werden lässt, oder? Es kann nicht richtig sein, daß diese Aufgaben sich von vornherein erst gar nicht in der Kiste befinden, aus der jeder, egal was er im letzten Leben war, seine Aufgabe zieht! Es kann nicht richtig sein, daß im Jenseits Unterschiede gemacht werden!“

„Es ist aber scheinbar ein etabliertes System,“ antwortete der junge Forscher. „Wenn sich ein System erst einmal etabliert hat, dann nimmt man es allgemein ernst, und dann ist eben alles so wie es ist. Ein System, das über lange Zeit funktioniert hat, wird selten angezweifelt.“

„Das ist aber nur die Bequemlichkeit derer, denen es eigentlich in diesem System einigermaßen gut geht. Weißt du, in meinem letzten Leben als Antonia Mangold habe ich mich nur für Musik interessiert, sonst für überhaupt nichts! Aber sogar ich war gerührt, als ich sah, wie die Bürger Veraniens die Grenzen eingerissen haben und sich mit Imania vereint haben! Das konnten sie nur erreichen, weil alle zusammenhielten, weil sich die Menschen das System nicht mehr gefallen ließen!“

„Was für Grenzen?“ fragte der junge Forscher. „Und was ist Veranien?“

„Wann bist du denn gestorben?“ fragte ich ihn.

„Es war 1572.“ Und dann fügte er stolz hinzu: „Ich war Inquisitor!“

„Na wie schön,“ antwortete ich. „Dann hattest du ja eine Menge Spaß in deinem letzten Leben! Vor allem aber hast du viel verpasst! Warst du denn seither nie wieder unter den Lebenden?“

„Nur zweimal,“ sagte er mit finsterer Mine. „Ich musste mir mit ansehen, wie die göttlichen Gesetze von einer Splittergruppe unserer Kirche verändert wurden! Ich sah mir mit an, wie aus unserer heiligen Großkirche eine neue Religion geboren wurde, die Gottes Sohn als Oberhaupt nicht mehr akzeptierte!“

„Das wusste aber doch jeder, daß der, den ihr Gottes Sohn nanntet, in Wirklichkeit nur ein Priester war, der von anderen Priestern als solcher gewählt wurde! Ihr wolltet den Gläubigen ein lebendes Oberhaupt der Kirche präsentieren! Der große Gott hatte nur einen wirklichen Sohn, und das war Justus!“

„Vielleicht hast du Recht,“ sagte er. „Aber als ich mir dann auch noch mit ansehen musste, daß man die Inquisition abschaffte...also, da war ich so verzweifelt, daß ich mir eine Nummer zog. Was hat denn das Leben für einen Sinn ohne die Inquisition?“

„Naja,“ sagte ich. „Für dich wird sich ja nicht viel ändern. Du hast in deinem letzten Leben Menschen gequält, das darfst du ja dann in deinem nächsten Leben auch wieder tun!“

„Ich dachte, medizinische Forschungen würde man inzwischen an Versuchstieren machen?“

„Ja, das war auch so,“ gab ich Auskunft. „Aber die Tierschützer haben dagegen massiv protestiert. Seither holt man sich für medizinische Versuche Menschen aus Hesta.“

Ein erfreutes Lächeln war seine Antwort. Dann sagte er: „Das ist gut! An Menschen kann man für Menschen doch ganz anders forschen! Ein Tier hat doch einen ganz anderen Körperbau!“

Für eine Weile herrschte Schweigen und Nachdenklichkeit in unserer Runde. „Du hast Recht,“ sagte plötzlich meine Nachbarin. „Ich habe darüber nachgedacht, und vielleicht können wir ja tatsächlich etwas gegen dieses System unternehmen!“

„Mit Sicherheit können wir das,“ sagte ich. „Ich kann solche Missstände nicht einfach hinnehmen. Schließlich werde ich in meinem nächsten Leben Terroristin!“

„Aber was können wir tun?“ fragte sie.

„Vielleicht wäre es ja für den Anfang in Ordnung, wenn wir erst einmal versuchen, uns so viele Nummern wie möglich zu ziehen...der Mann am Schreibtisch sieht ja die Leute, die vor ihm stehen, nicht einmal an! Wir geben einfach jedes Mal einen anderen Namen an und ziehen eine Nummer. Vielleicht können wir noch ein paar weitere Seelen für diese Idee gewinnen, ich glaube, damit könnten wir hier einiges durcheinanderbringen!“

Die Leute an unserem Tisch schwiegen. Man sah ihnen an, daß sie alle über dieser Idee grübelten.

„Es ist keine schlechte Idee,“ sagte der alte Mann plötzlich.

„Aber es ist gegen das Gesetz!“ antwortete meine Nachbarin.

„Welches Gesetz?“ fragte der Alte.

„Dieses Gesetz ist nicht in Ordnung. Es ist nicht richtig, wenn die Großen wieder groß werden und die Kleinen wieder klein...alle müssen die gleichen Chancen haben!“

„Wir sind aber viel zu wenige,“ sagte ich entschlossen.

„Selbst wenn wir uns so viele Nummern wie möglich ziehen, wie oft ginge das? Dreimal? Viermal? Und dann? Letztlich können wir uns dann aus diesen Nummern nur ein einigermaßen erträgliches Leben aussuchen, aber bewirken werden wir damit nichts.“

„Nun ja,“ sagte ich. „Wir müssten damit rechnen, daß wir wieder eine Nummer ziehen, mit der wir ein bedeutungsloses Leben führen werden. Allerdings finde ich den Gedanken viel tröstlicher, daß da auch ein paar Nummern in der Kiste liegen, mit der so mancher eventuell die Chance hat, ein besseres Leben zu bekommen. Ein Star zu werden."

In diesem Moment erschien die Leinwand wieder. Darauf war ein großer, runder Tisch zu erkennen. Um diesen Tisch herum saßen einige Männer. Ein paar von ihnen kamen mir bekannt vor. „Ah,“ sagte der Opa. „Zeit für den politischen Stammtisch!“

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