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Belletristik
Buch Leseprobe Jasmin – Zeit der Träume, Annette Hennig
Annette Hennig

Jasmin – Zeit der Träume



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Prolog
Binz, Insel Rügen, 2012
Clemens Meerbusch blickte gedankenverloren zur Eingangstür des großen Saals im Kurhaus Binz. Einwohner als auch Gäste des Badeortes strömten herein und füllten die Stuhlreihen. Manche blickten erwartungsvoll, andere schienen nur aus Neugier gekommen zu sein und wieder andere schwatzten leise miteinander und schenkten seinem Schützling in diesen Augenblicken keine Beachtung. Die meisten jedoch lächelten der jungen Frau, die nervös und händeknetend neben ihm saß, wohlwollend und aufmunternd zu.
Sein Blick ruhte eine Weile auf der alten Gräfin von Langenberg, die in der ersten Reihe Platz genommen hatte. Für ihre zweiundneunzig Jahre hielt sie sich auffallend gerade und blickte ebenso auffallend streng in die Augen seines Schützlings, als wollte sie sagen: Los nun, Mädchen! Beginn endlich, atme noch einmal durch und zögere nicht länger! Alles wird gut. Ich weiß genau, dass du es kannst – ich weiß genau, was in dir steckt.
Die junge Frau an seiner Seite – die in den letzten zwei Jahren zu einer kleinen Berühmtheit geworden war – hatte ihm einmal erzählt, sie verstehe sich mit der Gräfin auch ohne Worte. Sie würden einander nur ansehen, und noch bevor dieeine den Mund öffne und die Lippen bewege, wisse die andere, was sie sagen wolle. Solange sie denken könne, sei es zwischen ihnen so gewesen. In stillem Einvernehmen verstanden, liebten und achteten sie einander.
Neben Flora von Langenberg saß Lillyana, diese attraktive Frau mit dem dunklen Haar und den Augen, die ihn in den beiden vergangenen Jahren stets skeptisch gemustert hatten. Nicht nur einmal hatte er sich unter ihren strengen Blicken unwohl gefühlt, die ihn anzuklagen schienen, als trüge er Schuld daran, dass sich alles anders entwickelt hatte, als es ihr recht war.
Clemens Meerbusch nickte ihr kurz zu, stellte fest, wie stolz sie ihren Kopf und wie gerade sie den Nacken hielt – und dennoch unruhig auf ihrem Stuhl hin und her rutschte. Mit der Einladung in ihren Händen wedelte sie sich Luft zu. Er sah ihre geröteten Wangen und wurde der kleinen Schweißperlen gewahr, die auf ihrer Stirn glitzerten. Sie schien genauso aufgeregt wie sein Schützling neben ihm, wenn nicht gar noch ein wenig mehr. Und er wusste, dass es nicht nur die Schwüle dieses heißen Junitages war, mit der sie kämpfte.
Die junge Frau an seiner Seite durchlebte diese Aufregung – dieses Kribbeln am ganzen Körper, das Herzrasen und den pochenden Puls hinter ihren Schläfen, wie sie ihm ihren Zustand einmal beschrieben hatte – nicht zum ersten Mal. In den vergangenen Monaten war er mit ihr durch ganz Deutschlandgereist, doch hier, in ihrer Heimat, schien für sie alles noch viel aufregender zu sein. Er konnte sie gut verstehen, schließlich kannte sie die meisten der Menschen, die in den Saal drängten. Hin und wieder flüsterte sie ihm zu, wer von ihnen ihr das Rechnen, Lesen und Schreiben beigebracht hatte und wem sie es verdanke, dass sie das Schwimmen so mühelos beherrschte. Und er wusste aus ihren Erzählungen in den Pausen langer, arbeitsreicher Tage, wer sie auf dem Weg, den sie beharrlich gegangen war, begleitet und gefördert hatte.
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Gerade pustete sie sich eine vorwitzige Haarsträhne aus der Stirn, die nicht in ihrer eleganten Hochsteckfrisur bleiben wollte. Ihm stockte der Atem. Entzückend – einfach entzückend fand er diese Geste, die er so oft an ihr beobachtete.
Sie klemmte die Strähne mit einer energischen Handbewegung hinters Ohr, und er wusste, dass sie dort nicht lange bleiben würde. Dann ginge alles von Neuem los: Sie würde wieder pusten,genervt die Augen verdrehen und lächeln, wenn sie seine Blicke auffing. Die Glut, die sich dann in seinem ganzen Körper breitmachte, um gleich darauf in seinen Lenden zu verweilen, musste er mit ganzer Kraft zurückdrängen.
Clemens Meerbusch sah, wie ihr Blick zu den Gästen in der ersten Reihe huschte. Lächelnd schaute sie einen nach dem anderen an. Für einen kurzen Moment schloss sie die Augen. Er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen und sein Herz schlug einen verzweifelten Rhythmus. Er konnte sich nicht sattsehen an ihrem Gesicht, dem atemberaubend schönen Mund und den geschlossenen Lidern mit den langen Wimpern, die jetzt auf ihren Wangen ruhten und nicht minder erotisch auf ihn wirkten. Als sie die Augen wieder aufschlug, traf sich ihr Blick mit dem Viola Leforts, dieser schönen Frau, die er kaum kannte. Erst zum zweiten Mal sah er sie heute, doch er wusste um die traurige Geschichte, die ihr widerfahren war. Viola Lefort hob beide Hände vor die Brust, ballte sie zu Fäusten, streckte dann die Daumen in die Höhe und wollte damit wohl zum Ausdruck bringen, dass sie der jungen Frau Glück wünschte.
Anfangs, als er die Geschichte der Frauen mit den blumigen Namen zum ersten Mal gehört hatte, war er unschlüssig gewesen, hatte nicht gewusst, ob er der alten Gräfin zusagen sollte, diese Geschichte zu verlegen. Dass sie gutes Geld in dieKasse des Verlagshauses seiner Väter spülen und der jungen Frau, die sie niederschreiben wollte, zu großem Erfolg verhelfen
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würde, dessen war er sich von Anfang an sicher gewesen. Nur schien ihm die Geschichte zu heftig, zu emotional, viel zu nah an der Grenze zu Unrechtem, nicht weit entfernt sogar von einem Verbrechen. Doch als die junge Frau, mit der ihn heute Freundschaft verband, kämpferisch das Kinn nach vorn gereckt und ihn mit ihren wasserblauen Augen herausfordernd angeblickt hatte, war es geschehen. Ohne lange zu zögern, hatte er der alten Gräfin seine Hilfe zugesichert und die junge Frau unter seine Fittiche genommen. Mit widerstreitenden Gefühlen war er später immer tiefer in die Geschichte der von Langenbergs vorgedrungen, was ihn zeitweilig seinen Schlaf kostete. Als er das ganze Ausmaß der traurigen Geschichte erfasst hatte, war er hart mit sich ins Gericht gegangen, hatte mit sich gehadert und es doch nicht verhindern können, der alten Gräfin Respekt zu zollen. Trotz allem, was sie getan und auch unterlassen hatte, wares ihr in der schwierigen Zeit des Krieges doch gelungen, die von Langenbergs nicht nur über Wasser zu halten. Nein, sie hatte die Familie gerettet! Sie besaß nicht viele gute Eigenschaften und machte es ihren Lieben bis heute nicht leicht, sie zu mögen. Wollte sie überhaupt gemocht werden, überlegte er jetzt.
»Clemens!«
Ertappt schreckte er aus seinen Gedanken auf. »Ja, was ist?«
»Wir sollten beginnen! Der Saal ist voll, kein einziger Platz mehr frei und die Dame vom Einlass hat bereits die Tür geschlossen.« Sie schaute ihn aus ihren großen blauen Augen warnend an.
Er wusste, was ihr durch den Kopf ging, und grinste spitzbübisch. Dann umfasste er das Mikrofon, das vor ihr auf dem Tisch stand, räusperte sich und bog es zu sich herüber. Wie gewohnt schnippte er mit dem Zeigefinger dagegen, was ein ohrenbetäubendes Pfeifen auslöste.
Sie schnappte nach Luft und bedachte ihn mit einem genervten Blick. Er konnte es einfach nicht lassen! Wie oft hattesie ihn ermahnt, ihn gebeten, diese unsäglich dumme Geste zu unterlassen, wollte er nicht Gefahr laufen, dass ihr eines Tages das Trommelfell platze. Er hatte nur gelacht und ihre Worte nicht ernst genommen. Sie war so süß, wenn sie vor Wut bebte. Er konnte sich dieses Szenario einfach nicht verkneifen und veranstaltete es in jeder Stadt, in der sie zu Gast waren. Damit gewann er im Bruchteil von Sekunden die Aufmerksamkeit des ganzen Saals und grinste sie anschließend belustigt an, wobei seine Augen Funken sprühten.
Sie wisse nicht, ob ihr Lampenfieber schuld daran sei, dass in ihrem Bauch ein ganzer Schwarm Schmetterlinge einen verrückten Tanz aufführte, oder ob sein Blick dieses Gefühl in ihr auslöse, hatte sie einmal einer Freundin anvertraut. Er hatte nicht absichtlich gelauscht und sich schnell aus dem Staub gemacht, um nur ja nicht ertappt zu werden.
Ein leiser Seufzer entkam ihm und er blickte angelegentlich auf das Blatt mit seinen Aufzeichnungen, das vor ihm auf dem Tisch lag. Als er wieder aufschaute, lächelte die alte Gräfin ihn vielsagend an, als sei ihr klar, was in ihm vorging.
»Meine sehr geehrten Damen und Herren«, eröffnete er den Abend. Er nickte der jungen Frau an seiner Seite aufmunternd zu, in deren Bauch sich auf dieses Signal hin auf wundersame Weise die Schmetterlinge beruhigten. Wie schon in den vergangenen Wochen atmete sie noch einmal tief durch, schaute in dieGesichter der Anwesenden, ohne allerdings nur einen einzigen von ihnen zu erkennen. Dann schlug sie das Buch auf, das vor ihr lag, und rückte die Kladde noch einmal zurecht, in der sie in Stichpunkten notiert hatte, was sie in den nächsten fünfundvierzig Minuten erzählen wollte.
Und Clemens Meerbusch wusste, dass ihr letzter Gedanke, bevor sie mit ihren Ausführungen beginnen würde, wieder einem einzigen Menschen galt: der Frau, die es ihr ermöglicht hatte, diesen ihren Traum zu leben.


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