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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Jascheks Reise, Erdmann Kühn
Erdmann Kühn

Jascheks Reise



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Madeleine


Hinterher ist man immer klüger. Hätte er doch bloß nicht an diesem blöden, potthässlichen Autobahnrasthof bei Dijon angehalten! Der Sprit hätte bestimmt noch bis zur nächsten Tankstelle gereicht. Aber er hatte nach vielen schlechten Erfahrungen in einer längst vergangenen Zeit, in der er noch jung und übermütig und voller Gottvertrauen öfter mit irgendeiner leer gefahrenen Schrottkarre an den unmöglichsten Orten gestrandet war, immer noch eine Riesenpanik davor, irgendwo ohne Sprit liegen zu bleiben. Und dann womöglich auch noch im Ausland. Die Tank­anzeige war noch nicht bei Null, aber es blinkte schon. Also nichts wie raus und nachgetankt.


Es regnete in Strömen. Dabei war angeblich Hochsommer, aber davon spürte er nichts. Das entscheidende Kriterium für „wirklich Sommer“ war für ihn, ob man die Socken aus hatte. Er hatte sie an. Auf der ganzen Fahrt hatte er von Eifel, Lothringen, Burgund kaum etwas gesehen, nur Regen, Nebel und die kratzenden Bewegungen des Schei­benwischers auf der Frontscheibe. Er schlug den Kragen seiner Jeansjacke hoch und stieg aus. 95 Oktan? 98 Oktan? Verflixt, immer die gleiche Schwierigkeit. Warum stand da nicht Super? Aber Normal gab’s ja gar nicht bei franzö­sischen Autos. Also musste 95 Super sein, was auch immer dann 98 sein sollte. Er tankte den alten Fiesta voll. Dann durch den Regen rüber zur Kassiererin im Glashäuschen. „Trois!“ Er hasste lange Sätze, besonders auf Französisch. Er liebte zwar die französische Sprache und hörte ihrer Melodie und Dramatik gerne zu, aber beim Sprechen hatte er eine schwere Zunge und einen sehr eingeschränkten Wortschatz. Bestellen, Bezahlen - das ging, aber für richtige Unterhaltungen und ganze Sätze war sein Französisch zu schlecht.


Auf der Anzeigetafel erschien der Betrag: 53,42 €. Er reichte seine EC-Karte durch das Glas und wartete darauf, seine Geheimzahl eintippen zu können. Ab und zu überfiel ihn heißkalt aus dem Nichts die plötzliche Befürchtung, er würde irgendwann einmal am Schalter stehen und die Nummer wäre aus seinem Hirn getilgt. Nein, er wusste sie noch. Beruhigend. Aber der Apparat streikte anscheinend. Das blasse Mädchen hinter dem Glas murmelte „Désolée!“ und begann die Prozedur von vorne. Nach dem dritten vergeblichen Versuch erklärte sie ihm etwas auf Fran­zösisch, was nur bedeuten konnte, dass seine Karte nicht funktionierte. Er kramte in seinem Portemonnaie, bekam aber nur etwas mehr als 40 Euro zusammen. Er hatte zu Hause völlig vergessen, seine Bargeldkasse aufzufüllen und sich ganz auf seine Karte verlassen, die bisher immer reibungslos funktioniert hatte. Das blasse Mädchen sagte weitere wohltönende Dinge, die er nicht verstand und hantierte noch einmal mit seiner Karte, rieb den Magnet­streifen vorher an ihrem Sweatshirt - wieder ohne Erfolg. Jetzt zuckte sie mit den Schultern, das Lächeln war inzwi­schen aus ihrem Gesicht verschwunden, auch bei ihm breitete sich langsam Nervosität aus. Wie sollte es jetzt weitergehen?


Aus dem regengrauen Hintergrund des Tank-Kiosks hatte sich eine Gestalt gelöst, die näher kam. „You have any problem?“ fragte eine weibliche Stimme in wunder-schönem französischen Englisch. Jaschek schaute zur Seite und sah einen roten Lockenkopf mit lustig blitzenden Augen. Er erklärte, was sein Problem war. Die junge Frau strahlte: „That’s no problem!“, zog einen Zehn-Euroschein aus ihrer Jeans und reichte ihn Jaschek herüber. Er bedankte sich vor Verlegenheit und Freude auf Englisch und Französisch gleichzeitig, bezahlte seine Tankrechnung beim blassen Kassenmädchen, das jetzt auch wieder strahlte, und fragte seine Retterin, wie er das wieder gutmachen könne. „Oh, my friend and I have to be in Sète tonight and need a lift. Can we go with you?“


Das wiederum war für Jaschek gar kein Problem, er fuhr ja allein und freute sich über nette Gesellschaft, die ihn bis zum Mittelmeer wach halten würde. Was ihn kurzzeitig etwas irritierte, war die Tatsache, dass der Freund schon bei seinem Auto stand und auch das Gepäck schon vor sei­nem Kofferraum aufgebaut hatte. Aber beide, die Locken­frau und ihr Freund, waren von einer so entwaffnenden Freundlichkeit, dass Jascheks Bedenken schnell verflogen. Madeleine, so hieß die Frau, setzte sich zu Jaschek nach vorn, Julio, ihr Begleiter, teilte sich die Rückbank mit seinem Seesack und Jascheks Gitarre. Madeleine und Julio waren ausgesprochen amüsante, anregende und aufmerk­same Konversationspartner - wie geschaffen, um Jaschek die lange Fahrt auf der Autobahn in den Süden zu ver­kürzen - die Kilometer schienen dahinzufliegen und seine Stimmung wurde immer gelöster und fröhlicher.


„Hey, Jaschek, is that your real name?“


„I’m only Jaschek, everybody calls me so.“


„It sounds not very German.“


„My grandfather’s father came from Poland.“


Jaschek wusste bald alles über Madeleines fünf Brüder und Julios Weltreisen und erzählte ihnen von seiner Arbeit als Redakteur und von seinem Freund Schorsch, der schon im Ferienhäuschen am Herault auf ihn wartete. Madeleine verstand es immer wieder, das Gespräch in Gang zu halten. Sie hatte eine glockenhelle Stimme, die nie schrill wurde, sondern sich angenehm und leicht in Jascheks Gehörgänge schmeichelte. Mehrmals ertappte sich Jaschek dabei, der Melodie ihrer Stimme zu lauschen und dabei den Inhalt zu vernachlässigen. Madeleine schien das zu bemerken und fragte nach: „Hey, Jaschek, are you sure you’re listening to me?“


„I’m listening to every single word you say, Madeleine. But sometimes I listen to your melody and then I miss some words. Sorry!“


„You’re listening to my melody? That’s funny, Jaschek!“


Hier mischte sich Julio von hinten ein: „If Jaschek is listening to your melody, you might as well sing!“ Jaschek schmunzelte, Madeleine blinzelte fragend zu ihm hinüber und fing direkt an zu singen, einfach so, was ihr gerade in den Sinn kam. Bald fiel Julio von hinten mit einem sanften Bariton ein und Jaschek summte den Bass, bei einem Lied konnte er sogar mitsingen, das hatte er früher mit seinen Kindern im Urlaub oft gesungen: „Un kilomètre à pied, ça use, ça use, un kilomètre à pied, ça use le solier ...“


Jaschek war glücklich und in bester Ferienlaune. Der Regen hatte, wie so oft hinter Lyon, inzwischen aufgehört, die Abendsonne beschien die provenzalischen Berge, Burgen und Dörfer in rot-goldenem Licht und verzauberte sie. Gleich klumpenweise fiel der Alltagstress und die An­spannung der letzten Monate von Jaschek ab und löste sich wie das schlechte Wetter in der Abendsonne einfach in Wohlgefallen auf. Er genoss diese Fahrt Kilometer für Kilometer, und von ihm aus hätte sie immer so weiter­gehen können. Wie lange war das her, dass er das letzte Mal Tramper mitgenommen hatte? Jahrzehnte! Es gab ja kaum noch welche. Und dann gleich so ein Glücksgriff: Zwei junge Leute, die eine so ansteckende Art von Fröh­lichkeit ausstrahlten, dass man wie verwandelt wurde. Jaschek fühlte sich schon auf der Hinfahrt zu seinem Urlaub vollständig erholt.


Madeleine drehte jetzt das Autoradio an. Jaschek fragte sie, ob sie nach „travel information“ suche und überlegte, was Stau wohl auf Englisch heißt. Madeleine lachte ihr kleines, übermütiges Lachen und sagte: „You need travel information?“ Dabei blitzten ihre Augen hell auf. „Ask me, I give you travel information: The sun is shining, the view is fantastique, and on the ‘Autoroute du Sud’ there is a little German car on its way to the big ocean with a very nice and good-looking German driver called Jaschek“ - jetzt zog sie die Nase kraus und versuchte ihre Stimme ganz tief zu machen - „who has a very dark voice.“


Jaschek merkte, wie er rot anlief. In seinem Alter, mit über 50, bekam man nicht mehr allzu oft Komplimente. Genauer gesagt, so gut wie gar nicht mehr. Wenn man mal absah von so seltsamen Bemerkungen wie: Man hätte sich für sein Alter ganz gut gehalten. Sein ehemals dunkelbraunes Haar war inzwischen silbern, das gab ihm etwas Seriöses, okay, das hatte schon was. Aber um die Hüften hatte sich ein immer deutlicher sichtbarer Rettungsring abgelagert, seine Frau Jule nannte dies liebevoll „Hüftgold“, und auch sein Bäuchlein wurde immer stattlicher, so dass man inzwischen schon von einem Bauch sprechen musste. Das machte ihm doch etwas aus, und beim Baden zog er sein T-Shirt erst immer ganz zum Schluss aus, weil ihm Hüftgold und Bauch peinlich waren. Aber das sah Madeleine ja jetzt nicht, alles war schön verpackt unter dem weiten T-Shirt.


Jaschek lächelte und antwortete: „But he’s not alone in his little red German car, there also are a nice young man with black curls and the prettiest French girl you can imagine. She has a sweet voice which makes your heart singing all the time ...“ Madeleine strahlte ihn an und gab ihm einen dicken Kuss auf die rechte Wange. Jaschek lief zum zweiten Mal rot an, während Madeleine zwitscherte: „Oh yes, singing!“ und den Senderknopf des mittelalterlichen Radios weiterdrehte, bis sie gefunden hatte, was sie suchte: „Ella elle l’a - dü dü di dü, dü di dü, Ella elle l’a“ sang sie aus vollem Hals mit France Gall, Julio und Jaschek bildeten den Background-Chor.


Kurz hinter Montpellier machte Madeleine den Vorschlag, von der Autobahn abzufahren und auf der Landstraße weiter bis Sète zu fahren. Dort sollte Jaschek die beiden absetzen, damit sie mit der Fähre nach Marokko übersetzen konnten. Jaschek würde dann von dort aus noch etwa eine halbe Stunde brauchen, bis er beim Ferienhaus seines Freundes war. Den kleinen Schlenker nach Sète machte er natürlich gerne, weil er Madeleine nicht nur zehn Euro schuldete, sondern jeden erdenklichen Gefallen tun würde, Hauptsache, sie blieb hier noch ein bisschen neben ihm im Auto und zwitscherte. Julio schien es gewohnt zu sein, sich diskret im Hintergrund zu halten. Er zeigte jedenfalls keine Anzeichen von Eifersucht. „Blöder Gedanke, bloß weil er Sizilianer ist, muss er ja nicht sofort ein Messer zücken, wenn seine Freundin mich küsst!“ murmelte Jaschek vor sich hin. „Dit-moi, what did you say?“ flötete Madeleine. Jaschek wurde zum dritten Mal rot und stotterte etwas von „bloß laut gedacht“.


Um abzulenken, fragte er, wie weit es bis zur nächsten Ausfahrt sei. „Wir fahren nicht an der Ausfahrt raus, das ist zu teuer!“ verkündete Madeleine fröhlich. Gleich käme rechts eine große Baustelle, und eines der Baustellentore sei abends meistens nicht abgeschlossen. Sie hätten diese kleine Abkürzung schon öfter benutzt und dabei viel Geld gespart, denn die Autobahngebühren seien unverschämt hoch. Das fand Jaschek auch, aber er wusste nicht recht, ob er sich auf dieses Spiel einlassen sollte, dafür war er eigentlich etwas zu alt und zu ängstlich. Dann fiel ihm siedend heiß ein, dass er ja kein Geld dabei hatte und seine Karte streikte. Er musste sich darauf einlassen, er hatte gar keine andere Chance!


Alles ging gut so weit: An der besagten Stelle fuhr er langsam rechts auf den Standstreifen hinüber, Madeleine hielt Ausschau nach dem Tor. Da war es! Jaschek stoppte und stellte die Warnblinker ein. Sein Herz klopfte bis zur Halsschlagader. Julio sprang aus dem Auto und öffnete das Tor, das tatsächlich unverschlossen war. Jaschek lenkte sein Auto mit zitternden Händen hindurch und wartete dann auf Julio, der das Tor wieder schloss und ins Auto hüpfte. Jaschek schaute sich noch einmal um. Kein Auto war stehen geblieben. Der Verkehr rauschte in beiden Rich-tungen ganz normal vorbei. Sein heftig hüpfendes Herz beruhigte sich langsam wieder. Langsam fuhr er auf dem sandigen Baustellenweg weiter, Madeleine dirigierte ihn. Nur noch da vorne um die Ecke, dann waren sie schon auf der Landstraße. Jascheks Hände zitterten immer noch ein bisschen. Madeleine lachte: „Poor Jaschek, don’t be afraid, it’s not illegal, you just had no money!“ Um ihn zu trösten, legte sie ihre linke Hand auf seine rechte, die sich ans Lenkrad klammerte. Jaschek lächelte tapfer zu ihr hinüber, fuhr um die Kurve - und da standen sie, mit Blaulicht!


Madeleine schrie „Zut!“ und war blitzschnell aus dem noch ausrollenden Auto gesprungen. Julio versuchte das gleiche hinten mit dem Seesack, stolperte aber und blieb neben dem Auto liegen. Im Nu waren die beiden Flics da, kaum hatte Jaschek den Motor ausgeschaltet und die Hand­bremse gezogen, hatte schon einer mit gezückter Pistole die Tür aufgerissen und schrie Jaschek an. Der verstand kein Wort, hob aber vorsichtshalber beide Arme nach oben und kletterte vorsichtig wie in Zeitlupe aus seinem Wagen. Der andere Polizist hatte inzwischen Julio, der immer noch am Boden lag, Handschellen angelegt und rannte in die Rich­tung, in der Madeleine verschwunden war. Auch Jaschek wurden jetzt die Arme auf den Rücken gerissen, das tat höllisch weh, und mit einem hässlichen metallischen Klick schnappten die Handschellen zu.


Beide Männer wurden in das Polizeiauto gebracht, in dem es dermaßen stickig war und nach Schweiß stank, dass Jaschek übel wurde. Während der Polizist sein Auto inspi­zierte und alles Gepäck aus dem Inneren hinaus in den Sand warf, fluchte Julio in einem fort und schüttelte immer wieder den Kopf. Plötzlich hielt er inne, schaute zu Jaschek hinüber und sagte: „I hope she is fast enough. They should not catch her!“ Jaschek nickte zustimmend und fing wieder an zu zittern, gleichzeitig war ihm hundeübel vor Angst und vom Schweißgeruch. Der Flic hatte nach einer Weile anscheinend erfolglos sein Reisegepäck durchwühlt, schleppte nun den Seesack heran und fragte Julio, ob das seiner wäre. Julio bejahte. Während der Polizist den kom­pletten Inhalt in den Sand kippte und darin herumwühlte, fragte Jaschek leise seinen Nachbarn: „Is there anything illegal in there?“ „Oh, not really. Drugs, lots of medicine and stolen passports ...“- Auf Jascheks entsetzten Blick hin lächelte er beschwichtigend und flüsterte: „Sorry, it was a joke! No drugs.“ Jascheks Gesicht war jetzt kalkweiß, er musste würgen und übergab sich, bevor er ohnmächtig auf seinem Sitz zusammensackte.


Als er wieder zu sich kam, lag er auf der Seite vor dem Polizeiwagen im Sand. Sofort erkannte Jaschek, wo der beißende Schweißgeruch herkam: Der zweite, dickere Polizist war zurück, stand direkt neben Jaschek, und stank erbärmlich. So erbärmlich, dass es sogar den scharfen Geruch von Kotze auf Jascheks Klamotten übertönte. Der Dicke schien sehr wütend zu sein und trat auf Julio ein, der ebenfalls auf dem Boden lag, ein Stück weiter weg von Jaschek. Julio schien das nicht all zu viel auszumachen, ja er zwinkerte Jaschek sogar zu und formte mit seinen Lippen den Namen „Madeleine“ und spitzte dann den Mund, als wollte er pfeifen. Jaschek verstand sofort: Made­leine war dem Dicken davongeflogen, das machte den so wütend, und wahrscheinlich auch die Tatsache, dass der Polizeiwagen vollgekotzt war.


Inzwischen traf Verstärkung ein: Ein großer Kastenwagen und ein Abschleppwagen, der Jascheks Fiesta an den Haken nahm, waren gekommen. Julio und Jaschek wurden in den Kastenwagen gebracht und dort festgekettet, zwischen ihnen saß der Dünne, Dickerchen war anschei­nend dazu verdammt, den Stinkewagen alleine zu fahren. Während der Fahrt nach Montpellier hatte Jaschek kaum noch Gelegenheit, mit Julio Kontakt aufzunehmen, aber er ahnte schon, dass der mit seiner Bemerkung über „stolen passports“ und „medicine“ keine Scherze gemacht hatte, so martialisch, wie sie beide hier behandelt wurden. Und eigentlich wollte er es auch gar nicht so genau wissen, er wollte bloß raus aus diesem Wagen, endlich aufwachen aus diesem schlechten Traum. Er wachte tatsächlich auf, als die Schiebetür eine verschlafene Viertelstunde später aufge­rissen wurde und der Dicke etwas Unverständliches bellte und Jaschek und Julio aus dem Wagen zerrte.


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