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Im Feuer der Sterne


von Elke Meyer

belletristik
ISBN10-Nummer:
3940235210
ISBN13-Nummer:
9783940235213
Ausstattung:
broschiert, 188 Seiten
Preis:
14,90 €
Verlag:
Sieben Verlag
Kontakt zum Autor oder Verlag:
info[at]sieben-verlag.de
Leseprobe
Leseprobe „Im Feuer der Sterne“ 1. Buch Moses, Vers 6 Als aber die Menschen sich zu mehren begannen auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden, da sahen die Gottessöhne, wie schön die Töchter der Menschen waren und nahmen sich Frauen, welche sie wollten. Zu der Zeit und auch später noch, als die Gottessöhne zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen auf Erden. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten. 1. Katharina ballte ihre Hände hinter dem Rücken zu Fäusten. Sie schloss für einen Moment die Augen, als könnte sie die ausgehende Kraft des Talismans fühlen. Sie hielt die Miniatur eines Maya- Kalenders in Händen, den ihr Vater in Mexiko für sie hatte anfertigen lassen. Der medaillengroße Glücksbringer aus Ton, trug indianische Zeichen, kunstvoll auf beiden Seiten eingraviert. Wenn sie traurig und allein war, was oft vorkam, spendete er Trost und Mut. Heute sollte er allerdings dem Vater beistehen. Sie erinnerte sich an den Moment, als er ihn ihr schenkte. „Dieser Kalender ist etwas ganz Besonderes, Kathi, weil er Wahrheit und Kraft in sich vereint.“ Ehrfurcht lag in seiner Stimme, als er ihn ihr überreichte. „Er ist die Verbindung zu einer anderen Welt. Schau hinauf zu den Sternen. Dort oben liegt der Ursprung der Menschen und dieser Kalender hilft uns, ihn zu finden.“ Mit leuchtenden Augen zeigte er zum sternklaren Himmel. „Kannst du die Plejaden erkennen, die ich dir neulich gezeigt habe, mein Schatz? Weißt du noch, worauf sie verewigt worden sind?“ „Ja, Papi, auf der Himmelsscheibe von Nebra.“ Sie merkte sich immer alles, was er ihr erklärte. „Braves Kind. Du hast meine Worte nicht vergessen und viel gelernt. Die Plejaden haben das Schicksal der Maya entscheidend beeinflusst, und auch das unsere. Eines Tages werde ich allen Menschen beweisen, dass ich Recht habe. Und wenn ich es ihnen erzähle, dann wirst du mich begleiten, Kathi.“ Er tippte mit seinem Zeigefinger sanft auf Katharinas Brust und sie nickte. Voller Stolz drückte er sie an sich und gab ihr einen Kuss auf das leuchtend rote Haar. Wie konnte er nur glauben, sie könnte seine Worte vergessen haben? Katharina sah zum Podium hinauf. Gemeinsame Momente mit dem Vater bedeuteten eine Seltenheit, denn er verbrachte Monate in Mexiko. Als angesehener Historiker und Archäologe verweilte er am Ausgrabungsort und verbrachte nur wenig Zeit mit seiner Familie. Wie gern hätte Katharina ihn in das exotische Mexiko begleitet. Sie bettelte, flehte ihn jedes Mal an, sie mitzunehmen. „Wenn du älter bist, wirst du mich begleiten. Mit zehn Jahren bist du zu jung und außerdem braucht Mama dich. Sei mein braves Mädchen und freu dich auf unser nächstes Wiedersehen.“ Seufzend fügte sich Katharina in ihr Schicksal, selbst wenn es ihr noch so schwer fiel und die Zeit dazwischen endlos erschien. Und wenn er dann aus Mexiko zurückkehrte, war ihre Freude grenzenlos und sie lauschte gebannt seinen Worten. Was er berichtete, klang abenteuerlich und geheimnisvoll. Die spannenden Geschichten um das fremde Land regten ihre Fantasie an. Eines Tages, nahm sie sich vor, würde sie dort auch als Archäologin arbeiten. Noch immer hallten seine Worte in Katharinas Ohren. Nun schien sich am heutigen Tag sein Traum endlich zu erfüllen. Sie saß neben ihrer Mutter Inge in der ersten Reihe des Münchner Kongresssaales, der bis auf den letzten Platz besetzt war und verfolgte Vaters Vortrag. Konrad Richter stand auf dem Podium, die Arme auf das Rednerpult gestützt und sein Blick glitt über die Reihen der zahlreichen Zuhörer, bis er auf Katharina verweilte, die zurück lächelte. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, schlenkerte sie mit den Beinen. Mutters schmale Hand legte sich auf Katharinas Knie, begleitet von einem warnenden Blick. Sofort verstand Katharina die Aufforderung, lehnte sich auf dem Stuhl zurück und stellte die Beine artig nebeneinander. Katharina beobachtete aus dem Augenwinkel, wie Mutter den Rücken straffte und die schlanken Beine überschlug. Dabei rutschte die Handtasche von ihren Knien zu Boden, was Vater einen missbilligenden Blick entlockte. Katharina wollte die Tasche aufheben, wurde aber mit einer Geste von Mutter zurückgewiesen. Katharina bemerkte die Röte, die Mutters Gesicht überzog, während diese hastig die Tasche aufhob. Mutter war attraktiv, mit blondgefärbten, kurzen Haaren. Sie trug auf Vaters Wunsch das dunkelblaue Kostüm. Doch sie wirkte nervös, strich sich immerzu Haarsträhnen hinter die Ohren und zupfte am Pony herum. Ihre Körperhaltung drückte Anspannung aus. Fest umschloss sie den Bügel der Handtasche und nickte Katharina zu. Dann hüstelte sie und hielt die Hand vor die grellrot geschminkten Lippen. Ein fast unmerkliches Muskelzucken in Vaters Gesicht verriet, dass ihm diese erneute Störung nicht entgangen war. Für einen weiteren Moment unterbrach er, beugte sich nach vorn über das Mikrofon, nippte am Wasserglas, das vor ihm stand, räusperte sich und begann den Vortrag fortzusetzen. Katharina hasste die Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen ihren geliebten Eltern, die sie ängstigten. Sie bemerkte glänzende Schweißperlen auf Vaters Halbglatze und verglich ihn mit dem Vater von Indiana Jones, genauso klug und wissend, aber ebenso zerstreut. Der anthrazitfarbene Nadelstreifenanzug, das weiße Hemd mit der roten Fliege und die Nickelbrille unterstrichen diesen Eindruck. Lampenfieber ließ ihn immer wieder die Brille zurechtrücken und seinen Schnurrbart erzittern. Vater wiederholte noch einmal die Textpassage aus dem 1. Buch Moses, Vers 6. Katharina kannte sie auswendig. Er hatte sie ihr oft genug vorgesprochen. Danach klappte er die Bibel zu, um sich an die Zuhörer mit den erwartungsvollen Mienen zu wenden. „Meine sehr geehrten Damen und Herren, Sie fragen sich sicherlich, weshalb ich Ihnen eine Passage aus der Bibel vorlese, und was es mit den Gottessöhnen auf sich hat. Ich möchte Ihnen meine Theorie dazu erklären, die aus jahrelanger, intensiver Forschung resultiert. Zum besseren Verständnis muss ich ein wenig ausholen. Darwin war davon überzeugt, der Mensch habe sich aus dem Affen entwickelt. Unsere Wissenschaft spricht heute von gemeinsamen Vorfahren. Die Evolution des Menschen verlief jedoch anders, als bei den übrigen Primaten. Nach derzeitig gültigen Theorien liegt die Wiege der Menschheit in Afrika, wo das Leben unserer Vorfahren auf den Bäumen begann. Später wechselte es in die Savanne, was den aufrechten Gang zur Folge hatte. Doch das will ich nicht im Detail erläutern. Das wissen Sie ebenso gut wie ich. Unsere Vorfahren hießen Homo habilis, Homo erectus. Bitte entschuldigen Sie, wenn ich sie nicht alle benenne. Diese Menschenarten unterscheiden sich vor allem vom heutigen Menschen durch die Größe des Gehirns und das abstrakte Denkvermögen. Die Evolution ist ein langsamer Prozess, der durch Anpassungen an die Umwelt erfolgt, bei dem so genannte Zwischenstadien den Übergang bilden. Das bedeutet, dass es dazwischen eine Spezies gegeben hat, die Eigenschaften zwei verschiedener vereinte. Aber weshalb haben wir bislang keine Zwischenstadien der menschlichen Entwicklung gefunden? Bis heute fehlen die entscheidenden Skelettfunde. In unseren Lehrbüchern lesen wir vom Cro-Magnon-Mensch und seinem plötzlichen Erscheinen. Er ist unser Urvater. Da stellen sich mir die Fragen: Woher kam er so plötzlich? Wie konnte er sich derart schnell entwickeln? Welche Zwischenstufe gab es? Welche Umstände veranlassten diese fortgeschrittene Entwicklungsstufe? Fragen über Fragen, doch keine Antworten. Wir wissen es einfach nicht. Die Spur unseres Vorfahren verliert sich im Dunkel der Vergangenheit. Was teilen uns die alten Überlieferungen einzelner Völker über das Entstehen der Menschen mit? Und da komme ich zu meinem Spezialgebiet, den Mayas. In ihren Schriften berichten sie von Göttern, die die Welt und den Menschen erschufen. Überall auf der Welt wurde von Göttern gesprochen, die vom Himmel herab gestiegen waren. In der Bibelstelle, die ich eben zitierte, stand, deren Söhne hätten sich mit den Menschentöchtern vermischt. Die Götter werden nicht nur in der Bibel erwähnt, sondern sie ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Kontinente und Religionen. Aber wer waren diese Götter und woher kamen sie? Sind sie reine Fiktion oder existierten sie tatsächlich? Immer wieder deuten Artefakte auf das Siebengestirn hin, auch Plejaden genannt oder das Sternbild Orion. Denken Sie an die Himmelsscheibe von Nebra oder an den Kalender der Mayas, der die Bewegung des Sieben-Gestirns erwähnt und Menschenopfer rechtfertigte. Ich behaupte, die Götter waren keine Erfindung der Menschen, sondern kamen aus den Tiefen des Alls. Vielleicht aus einer anderen Dimension, und wir sind ihre Kinder. Jawohl, ich glaube, wir selbst sind die Außerirdischen auf diesem Planeten.“ Im Kongresssaal herrschte Stille. Eine ungeheure Spannung lag in der Luft. Katharinas Herz klopfte zum Zerspringen. Irgendetwas stimmte hier nicht, das konnte sie spüren. Ängstlich richtete sie den Blick auf Mutter, die mit angespannter Miene zum Rednerpult starrte. Dann brach ein Sturm der Empörung los. Katharina und Mutter saßen starr auf ihren Plätzen, während die Wissenschaftler um sie herum aufsprangen und Vater wüst beschimpften. Drohgebärden folgten, einige stürmten sogar Kopf schüttelnd aus dem Saal. Irgendjemand brüllte in den Raum: „Früher hätte man Ketzer wie ihn verbrannt!“ Wieder andere riefen, der Vortrag wäre eine Schande für die wissenschaftliche Welt. Vater stand noch immer am Rednerpult und versuchte mit seiner Stimme den Lautstärkepegel zu übertönen, was kläglich misslang, da das Mikrofon versagte. Er versuchte mit Gesten die aufgebrachte Menge zu besänftigen. Da flog etwas über die Köpfe der Zuhörer in den ersten Reihen, vorbei an Katharina und direkt auf Vater zu. Ein Ei klatschte in sein Gesicht, zerbrach, und der zähe Brei floss seine Wange hinab. Tränen der Scham schossen in Katharinas Augen. Mutter erhob sich zitternd und bleich, umfasste grob Katharinas Arm und zog sie in Richtung Ausgang. Katharina wollte nur noch so schnell wie möglich diesen Ort verlassen. Wütende Rufe begleiteten sie. Sie konnte nicht verstehen, weshalb die Leute auf Vater so zornig waren. Katharina lag unter der Bettdecke und lauschte in die Dunkelheit. Vater war noch immer nicht nach Hause gekommen. Das gleichmäßige Ticken des Weckers begann zu nerven. Mutter saß bestimmt noch im Wohnzimmer und wartete auf ihn. Katharina wäre gern an ihrer Seite geblieben, wurde aber ins Bett geschickt. Sie hörte, wie Mutter flüsternd telefonierte. Sie konnte kein Wort verstehen, aber das Flüstern klang aufgeregt. Unruhig wälzte Katharina sich im Bett hin und her. Irgendwann hörte sie das Aufschließen der Haustür; Vater kam nach Hause. Endlich! Laute Stimmen drangen aus dem Wohnzimmer herüber. Die Eltern stritten sich wieder. Immer wenn Vater Zuhause war, gerieten sie in einen heftigen Streit. Dann war es plötzlich still. Schleppende Schritte näherten sich dem Kinderzimmer. Die Tür wurde leise geöffnet, und Vater steckte den Kopf herein, wie er es jeden Abend tat, um ihr noch eine gute Nacht zu wünschen. Er lächelte sie müde an. „Na, meine Prinzessin? Du schläfst ja noch nicht.“ „Ich habe dich gehört, Papa. Gibst du mir noch einen Gutenachtkuss?“ „Natürlich, Kathi“, antwortete er und trat ein. Er setzte sich auf die Bettkante und ergriff ihre Hand. „Papa, warum waren die Leute böse auf dich? Sie haben mir Angst gemacht.“ Katharinas Stimme zitterte, genau so wie ihr Körper. Er seufzte und legte seine warme Hand auf die ihre. Es dauerte einen Moment bis er antwortete. „Sie waren nicht böse. Sie wollten mir nur nicht glauben. Als Galileo Galilei den Menschen damals erzählte, die Erde sei rund, haben sie ihm auch nicht geglaubt. Er wurde ausgelacht und verspottet.“ „Aber er hatte Recht, Papa, so wie du. Bestimmt werden die anderen das erkennen, und dann bist du auch berühmt wie Galilei.“ „Galilei musste für seine Theorien büßen. Heute wird jede neue Theorie zuerst belächelt oder als Lüge bezeichnet. Da muss ich schon einen stichhaltigen Beweis erbringen und das ist nicht so ganz einfach, weil ich nicht weiß, wo ich suchen soll.“ „Du arbeitest doch in dem großen Ausgrabungscamp in Mexiko und wirst es bestimmt finden“, antwortete sie mit Überzeugung. Vater wirkte traurig, sie musste ihn aufheitern. „Mexiko ist riesig, viel größer als Deutschland und die Suche gleicht der nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. Oft dauert es sehr lange bis man das entscheidende Indiz findet.“ „Was ist denn ein Indiets?“ Vater lachte auf. „Indiz, Kathi-Schatz. Ein Indiz ist ein Beweisstück.“ „Ach, so wie der Kalender?“ Katharina setzte sich im Bett auf. „Ja, wie der Kalender.“ „Aber dann hast du doch den Beweis!“ „Leider nicht ganz. Auf diesem Kalender befinden sich wichtige Informationen aber nicht der absolute Beweis. Ich brauche einen genauen Hinweis über die Herkunft der Götter oder alte Aufzeichnungen der Mayas. Verstehst du? Doch es wurde nichts gefunden, was mir helfen könnte.“ Katharina seufzte. „Das ist aber kompliziert. Wenn ich mit dir nach Mexiko reise, dann finden wir zusammen den Beweis, Papa!“ „Später, Kathi, wenn du erwachsen bist. Dann verspreche ich dir, mit dir zusammen nach Mexiko zu reisen und danach zu suchen. Es ist schon spät. Jetzt musst du schlafen.“ Katharina verspürte keine Lust mehr vertröstet zu werden, aber sie war zu müde, um zu widersprechen. „Ja, Papa, dann fahren wir gemeinsam. Und morgen sprechen wir weiter.“ Sie rieb sich die Augen und gähnte herzhaft. „Ich glaube, das müssen wir für eine Weile verschieben.“ „Warum denn?“ Katharina ahnte, was dahinter steckte. Immer wieder verschob Vater wichtige Gespräche. Sein leerer, nach vorn gerichteter Blick verriet ihr, wie sehr er sich in Gedanken weit entfernte. „Weil ich morgen bereits nach Mexiko zurückfliege.“ „Nein, Papi, bitte nicht“, bettelte Katharina mit weinerlicher Stimme. „Aber ich muss doch den Beweis finden.“ „Aber ich möchte, dass du noch bei mir bleibst. Du bist doch erst vorgestern angekommen. Ich wollte dir noch mein Buch zeigen, das Mami mir geschenkt hat. Du …“ „Später, Kathi, später, wenn ich wieder Zuhause bin“, unterbrach er und tätschelte ihre Hand. Immer wieder verschob er alles auf später. Tränen stiegen in Katharinas Augen, die sie fortblinzelte. Noch ein weiteres Mal versuchte sie Vater vom Bleiben zu überzeugen, jedoch erfolglos. Er versprach ihr aber, noch eine Weile am Bett sitzen zu bleiben, bis sie einschliefe. Nach wenigen Minuten verlangte der Schlaf sein Recht und ließ Katharinas Augen zufallen. Sie kuschelte sich in die Kissen. Konrad Richter erhob sich und sah auf seine Tochter hinab, die wie ein rothaariger Engel im weißen Bett lag. Ihr Haar schimmerte wie Kupfer und umgab ihren Kopf wie ein ausgebreiteter Fächer. Die langen schwarzen Wimpern warfen Schatten auf ihre zartrosa Wangen. „Vielleicht ist es mir nicht vergönnt, den Beweis zu finden. Ich liebe dich mein Kind, auch wenn ich nicht immer bei dir sein kann“, flüsterte er. Er beugte sich hinab und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn, bevor er das Licht löschte. 2. Die untergehende Sonne tauchte die Ausgrabungsstätte mit den vier steil aufragenden Monolithen in goldenes Licht. Katharina kniete im Schatten der tonnenschweren Steinquader und betrachtete ehrfürchtig das Naturschauspiel. Endlich war sie dem Beweis für Vaters Theorien näher gekommen. Mit Hilfe seiner Aufzeichnungen hatte sie die Opferstätte und den Kalender, stumme Zeugen einer längst vergessenen Epoche, gefunden. Leider konnte sie wegen seines frühen Todes den Moment des Triumphes mit ihm nicht teilen. Katharinas Augen füllten sich mit Tränen, als sie sich an seine eifrige Suche erinnerte, die erfolglos geblieben war. Nun lag eine runde, steinerne Scheibe vor ihr, in die vor langer Zeit Menschenhände einen Kalender meißelten. Er war der Beweis für eine Geschichte, die lange vor der Existenz der Mayas lag, aus einer Zeit, die fremd und unwirklich erschien und doch existiert hatte. Die Mayas kannten sie. In ihren zahlreichen Überlieferungen erzählten sie vom Ursprung der Menschheit. Viele Wissenschaftler setzten diese Legenden und Mythen Märchen gleich. Auch sie hatte sich lange geweigert, daran zu glauben, was an dem Spott lag, den Vater zu spüren bekam. In dem Moment, in dem sich alle von ihm zurückzogen, beschlichen auch sie die Zweifel. Heute schämte sie sich dafür, denn sie wusste, dass er sich nicht geirrt hatte. Katharinas Blick richtete sich in die Ferne. Noch vor einem Jahr hatten sie zusammen hier oben gestanden und diskutiert, an welcher Stelle sie mit den Ausgrabungen beginnen wollten. Es schien eine Ewigkeit zurückzuliegen. Seine Vermutungen und Spekulationen beschrieb er in einem Buch. Ein ketzerisches Werk, wie viele seiner Kollegen behaupteten. Der Skandal, den es auslöste, stürzte ihn ins Grab. Verdammt! Warum war alles so gekommen? Weshalb war er so verbohrt gewesen und hatte auf seinen Thesen beharrt? Aber die Besessenheit in ihm schob die Wirklichkeit beiseite. Sie sah auf den Kalender hinab und ballte die Fäuste, als trüge er die Schuld an Vaters Tod. An diesem Relikt klebte Blut, nicht nur das ihres Vaters. Wie viele Menschen waren seinetwegen zum Opfer gefallen? Sie schauderte bei der Vorstellung, dass der Hügel, auf dem sie kniete, mit dem Blut unzähliger Unschuldiger getränkt war. Doch nur der verfärbte Staub zeugte von den Untaten. Mit dem Pinsel entfernte sie die letzten Sandspuren, einzig begleitet vom Zirpen der Zikaden. Seit Stunden kniete sie bei unerträglicher Hitze auf dem Sandboden, um Zentimeter für Zentimeter die rotbraunen Staubschichten zu entfernen. Aber es hatte sich gelohnt, alles war unversehrt. Nun müsste der Fund nur noch katalogisiert und verpackt werden, um ihn ins mexikanische Nationalmuseum transportieren zu lassen. Obwohl sie völlig erschöpft war, lächelte sie zufrieden. In der Zwischenzeit war es dunkel geworden. Aber Katharina wollte die Arbeit noch nicht beenden. Die Kollegen belächelten ihren Eifer. Sollten sie doch, sie mussten ja auch nicht das Ansehen ihrer Väter wieder herstellen. Sie klopfte gegen die Laternenscheibe, bevor sie den Docht anzündete. Der Generator war vor einer Stunde ausgefallen. Ohne die Laterne hätte sie die Arbeit nicht fortsetzen können. War sie nicht genau so besessen wie Vater? So wollte sie doch nie sein. Aber es war dieser Zwang in ihr, seine Persönlichkeit ins rechte Licht zu rücken. Schweiß rann ihr von der Stirn und tropfte auf den staubigen Stein. Wenn es doch nur nicht so heiß wäre, dann hätte sie die abendliche Stimmung unter dem blauen Sternenhimmel genießen können. Seit Tagen litt Mexiko unter einer extremen Hitzewelle. Selbst in den Nächten sank die Temperatur um maximal ein Grad. Der Boden war ausgetrocknet und hart, die Pflanzen verdorrt. Nur die Kakteen trotzten den Temperaturen. Die Medien berichteten von einem kli11 matischen Jahrhundertphänomen. Natürlich war sie heiße Sommer in Mexiko gewöhnt, aber dieser hier übertraf alles, was sie bisher kennen gelernt hatte. Sie wischte mit dem Handrücken über die schweißnasse Stirn. Endlich war die Arbeit beendet und sie steckte den Pinsel ins Etui, das sich in der Gesäßtasche ihrer Jeans befand. Gähnend streckte sie die schmerzenden Arme. Geschafft! Erschöpft, aber glücklich war sie. Ein erneuter Blick zum Himmel verriet, dass auch jetzt keine Wolke zu erkennen war. Manchmal gab es einen schnellen Wetterumschwung, doch im Moment sah es nicht danach aus. Jeder sehnte sich nach Abkühlung und Regen. Ihre helle Haut litt unter der intensiven Sonnenbestrahlung, trotz Creme, und schälte sich. Das Los aller Rothaarigen. Sie zog eine Grimasse. Schon in ihrer Kindheit hatte Mutter darauf geachtet, dass sie sich nie zu lange in der Sonne aufhielt. Wehmut erfüllte Katharinas Herz, als sie an sie dachte. Sie konnte sich gar nicht mehr an ihr Gesicht erinnern. Das rote Haar war ihr Erbe an Katharina. Doch sie hatte es nie gemocht und immer gefärbt. Vater hingegen war immer sehr stolz auf Katharinas Rotschopf gewesen. Liebevoll bezeichnete er ihn immer als ‚Feuermähne’. In Mexiko wurde eine rothaarige Frau wie ein Weltwunder bestaunt, weil diese Haarfarbe hier selten vorkam. Deshalb zog sie die Aufmerksamkeit der Männerwelt auf sich, auch die von Angelo. Der Gedanke an ihn ließ sie lächeln und die schmerzhaften Erinnerungen an die Vergangenheit verdrängen. Immer wieder fand er Komplimente für ihre Haarpracht und ihre katzenhaft grünen Augen. Seine Aufmerksamkeit tat ihr gut und ließ sie die Einsamkeit für einen Augenblick vergessen. Plötzlich fiel ihr ein, dass Angelo vermutlich noch immer im Pickup auf sie wartete. Dabei hatte sie ihm fest versprochen, heute pünktlich zu sein. Nun war es zu spät, und sie musste sich wieder entschuldigen. Das kurze Aufleuchten eines Blitzes am Himmel unterbrach ihre Gedanken. Die Wettererscheinung war seltsam, weil sie eine Rauchwolke hinter sich her zog, die sich in Nichts auflöste. „Katharina, jetzt halluzinierst du schon. Ein Blitz am wolkenfreien Himmel?“ Ihre Stimme war von Staub und Hitze rau. Aufmerksam beobachtete sie das Firmament und wartete gespannt, ob sich das Schauspiel wiederholte. Da kein weiterer Blitz folgte, zuckte sie mit den Schultern. Vermutlich eine Sinnestäuschung, die ihrem Erschöpfungszustand zuzurechnen war. Steif erhob sie sich vom steinigen Boden und massierte die Beine. Dann klopfte sie mit den Händen Staub und Sand aus der Kleidung. Die Jeans war unterhalb der Knie aufgescheuert und ließ die bloße Haut erkennen. Große Schwitzflecken zeichneten sich überall auf ihrem Baumwollhemd ab. Welch erotischer Anblick. Katharina verzog den Mund zu einem Lächeln. Dennoch würde Angelo sie mit einem begehrenden Blick betrachten, wie er es immer tat, selbst in diesem Zustand. „Katharina? Sie sollten jetzt die Arbeit beenden. Es ist schon spät und Dr. Benetti wartet bereits seit einer knappen Stunde im Pickup auf Sie.“ Erschrocken fuhr sie zusammen. In ihren Gedanken verloren hatte sie Professor van Hoogens Schritte auf dem weichen Sandboden nicht gehört. Nun stand dieser direkt vor ihr, den riesigen Sombrero aus seinem kantigen Gesicht nach hinten geschoben. Sein Körper steckte in einem beigen Baumwolloverall, dessen Ärmel bis zum Ellbogen hochgekrempelt waren und seine sehnigen Unterarme entblößten. Niemand hätte beim ersten Eindruck hinter diesem sportlich drahtigen Mann einen Archäologen vermutet. Katharina musste zu ihm aufsehen. Van Hoogen zog den Hut kurz vom Kopf, um sich mit einem Taschentuch über seine Stoppelfrisur zu wischen. Auch ihm machte die Hitze stark zu schaffen, obwohl er sich die meiste Zeit im klimatisierten Büro unterhalb der Ausgrabungsstätte aufhielt. „In wenigen Stunden könnte ein heftiger Regen wieder alles unterspülen. Ich möchte das Kalenderrad noch katalogisieren.“ „Das werde ich für Sie tun. Sie haben Feierabend. Keinen Widerspruch.“ Seine Miene drückte Entschlossenheit aus. Als sie nickte, umspielte seine Lippen das gewohnt schiefe Lächeln. „Morgen wird es bestimmt noch nicht regnen. Es ist keine Wolke am Himmel zu sehen. Dann können Sie und Angelo die Arbeit in Ruhe fortsetzen“, ergänzte er und umfasste sanft ihren Arm. „Eben sah ich einen Blitz am Himmel. Vielleicht droht doch ein Unwetter“, wandte sie ein. „Glauben Sie mir, der Wetterbericht hat keinen Regen vorausgesagt. Manchmal spielen einem die Sinne einen Streich.“ „Vielleicht haben Sie Recht, Professor. Aber Sie wissen doch, wie viel mir dieser Fund bedeutet. “ „Natürlich kann ich Sie verstehen. Ihr Vater wäre stolz auf Sie, aber er würde auch wollen, dass Sie an sich denken. Sie haben in den letzten Wochen wie eine Wahnsinnige gearbeitet. Vertrauen Sie mir. Ich werde mich darum kümmern.“ Sie nickte wortlos, fühlte sich erschöpfter, als sie zugab. Die letzten Wochen hatten an ihren Kräften gezehrt. Van Hoogen sah zum Himmel empor. „Welch ein wundervoller Abend“, sagte er andächtig. „Das Licht der Sterne hat etwas Beruhigendes.“ Katharina blickte ebenfalls nach oben. „Als Kind sagte mein Vater immer, der Blick in den Sternenhimmel ist ein Blick in die Vergangenheit. Mit fünf begriff ich nicht, was er meinte, es klang so geheimnisvoll. Später habe ich es zwar verstanden, doch erst heute ist mir bewusst, dass viele der Sterne, die wir sehen, nicht mehr existieren. Das raubt fast jede Illusion, nicht wahr? Dennoch besitzen sie für mich eine besondere Ausstrahlung.“ „Schon immer haben die Sterne die Menschen fasziniert, denken Sie an Ihren Vater.“ „Ja, er liebte das All und seine Geheimnisse. Es hat uns schließlich geholfen, diesen sensationellen Fund zu entdecken. Mein Vater hat mir immer wieder erzählt, wie die Mayas ihr Leben nach den Sternen ausrichteten. Sie glaubten sogar an einen Weltuntergang, wenn die Plejaden den Zenit überschritten. Um das Unglück abzuwenden, brachten sie Menschenopfer dar. Aber er ahnte, dass dahinter noch eine wichtigere Entdeckung lag als dieser Zyklus.“ „Sehen Sie, Katharina.“ Van Hoogen zeigte mit ausgestrecktem Arm nach oben. „Dort links erkennen Sie das schicksalsträchtige Sternbild der Plejaden. Bald wird es wieder den Zenit überschreiten, so wie damals.“ „Ja, aber hoffentlich bedeutet es nicht tatsächlich das Ende der Welt, und wir müssen wie die Mayas ein Menschenopfer bringen, um den Untergang abzuwenden“, antwortete Katharina schmunzelnd, woraufhin er rau auflachte. „Vielleicht bringt es nicht den Untergang der Welt, sondern eine entscheidende Wendung in unser Leben. Ihr Vater glaubte an die Astrologie, den Einfluss der Sterne auf unser Leben.“ „Ich weiß, aber diese Ansicht teile ich nicht. Wie könnte ein Stern, der aus Gasgemischen und Stein besteht, die Schicksale der Menschen beeinflussen? Daran kann ich einfach nicht glauben.“ Van Hoogen betrachtete sie aus dem Augenwinkel, erwiderte aber nichts. „Katharina, es ist schon spät. Sie sollten Ihren Freund nicht länger warten lassen. Heute war ein anstrengender Tag.“ Freundschaftlich klopfte er ihr auf die Schulter. Vater hatte oft von Professor van Hoogen geschwärmt, dessen sensiblen Umgang mit den Mitarbeitern bewundert. Obwohl er viel von ihnen erwartete, konnte er sie stets motivieren. Dieses Einfühlungsvermögen bewunderte sie an ihm. „Sie wissen doch genau, Professor, dass Dr. Benetti nur ein guter Kollege ist.“ Sie wollte nicht, dass er etwas falsch verstand. Angelo war ein guter Freund, mehr nicht. „Ob er das auch so sieht?“ Diese Frage ließ sie unbeantwortet, grinste van Hoogen nur an. Nachdem sie sich von ihm verabschiedet hatte, begab sie sich auf den Weg zum Parkplatz, wo Angelo wartete. Sie sehnte sich nach einer erfrischenden Dusche. Die Beine schmerzten, als sie dem schmalen und steilen Pfad folgte, der vom Hügel hinunter zum Zentrum des Ausgrabungscamps führte. Ihre Gedanken beschäftigten sich mit dem Gespräch zuvor. Van Hoogen war einer der besten Archäologen der Welt für indianische Geschichte. Sie war stolz darauf mit einem solch berühmten Mann zusammenarbeiten zu dürfen. Er hatte ihr nach Vaters Tod gestattet, die Ausgrabungen fortzusetzen und zu ihrer Unterstützung Dr. Angelo Benetti engagiert, der kurz zuvor von einem anderen Ausgrabungscamp aus Guatemala eingetroffen war. Das Wissen ihres Vaters, das er an sie weitergegeben hatte und Angelos Erfahrungen führten zu diesem erfolgreichen Fund. Angelo war der netteste und kompetenteste Mitarbeiter im gesamten Team. Er war ein sportlicher Typ, nicht so drahtig und groß wie van Hoogen, eher von kräftiger Gestalt. Seine schwarzes, gewelltes Kurzhaar, die gebräunte Haut und eine Reihe makelloser, weißer Zähne unterstrichen seine Attraktivität. Tief im Herzen sehnte sie sich danach, einem Mann zu begegnen, der sie vom ersten Moment an faszinierte, mit Herzklopfen und Schmetterlingen im Bauch. Aber bei Angelo empfand sie nichts dergleichen. Angelo hatte geduldig in seinem Pickup auf sie gewartet. Durch das geöffnete Seitenfenster erkannte sie sein Profil. Gedankenverloren starrte er nach vorn, während er eine Zigarette rauchte. Sie mochte es nicht, wenn er rauchte. Aber er konnte tun und lassen, was er wollte. Er bemerkte sie erst, als sie direkt neben dem Wagen stand. „Hallo, cara“, begrüßte er sie mit strahlendem Lächeln. Immer benutzte er einen italienischen Kosenamen, was sie schmalzig fand. Auf seiner Oberlippe zeichneten sich schwarze Bartstoppeln ab. „Hallo, Angelo. Mein Name lautet Katharina, nicht cara. Spar dir die Koseworte für deine Geliebte auf“, wies sie ihn lächelnd, aber bestimmt zurecht. Er zog schmollend einen Mundwinkel nach unten, um gleich darauf sein gewohntes Lächeln zu zeigen. Ob er es irgendwann aufgeben würde? „Du weißt genau, dass es keine andere für mich geben wird. Dir gehört mein Herz.“ Sie verdrehte die Augen und stöhnte auf. Angelo stieg aus dem Wagen, um ihr die Tür zu öffnen. Er besaß das vorbildliche Verhalten eines Gentlemans. Er duftete angenehm nach Deo und Seife, was verriet, dass er in der Zwischenzeit im Haupthaus des Ausgrabungscamps geduscht hatte. Daneben kam sie sich verschwitzt und unästhetisch vor. Was mochte er nur an ihr finden? Vor allem, da sie ihn jedes Mal zurückwies. Im Team arbeiteten einige attraktive Frauen, die um seine Gunst buhlten. Sanft umfasste Angelo ihre Schultern und schob sie ein Stück beiseite, um die Wagentür zu öffnen. „Voilà.“ Mit einer übertriebenen Verbeugung bedeutete er ihr einzusteigen. Immer wieder schaffte er es, sie zum Lachen zu bringen. „Danke, Signor“, sagte sie lachend. Bevor sie einstieg, versuchte sie das Haar zu lockern, das ihr am Kopf klebte. Als sie den Kopf schüttelte und ihr langes Haar sein Gesicht berührte, wurde er unvermutet ernst. Er stand dicht vor ihr, nach Katharinas Geschmack viel zu dicht. Begehren lag in seinem Blick. Ehe sie nachdenken konnte, zog er sie ungestüm in die Arme. Sein Gesicht näherte sich langsam dem ihren. Das ging ihr entschieden zu weit, denn sie wollte ihre gute Freundschaft nicht durch ein schwieriges Liebesverhältnis aufs Spiel setzen. „Angelo, bitte nicht“, flüsterte sie und stemmte die Hände gegen seine Brust. Unter ihrer Handfläche spürte sie seinen beschleunigten Herzschlag. Maßlose Enttäuschung spiegelte sich in seinem Gesicht wider. Die zwanglose Situation von eben war verflogen. Mit südländischer Hitze presste er verärgert seine Lippen zusammen und gab sie widerwillig frei. Katharina bedauerte, ihn verletzt zu haben, aber sie wollte bei ihm keine Hoffnung wecken, die sie nicht erfüllen könnte. „Warum?“, fragte er. „Weil ich dich nicht liebe, Angelo. Du bist mein liebster Kollege und Freund, aber …“ Er legte einen Finger sanft auf den Mund und schüttelte den Kopf. Die anderen sahen in ihnen das ideale Paar. Sie teilten viele Gemeinsamkeiten, arbeiteten im gleichen Beruf und liebten das Tanzen. Doch es gab es kein Herzklopfen, wenn er sie ansah oder berührte. Zaghaft streichelte sie seine Wange. Er griff nach ihrer Hand und hielt sie fest. „Kein Mitleid bitte, cara. Lass uns jetzt nach Hause fahren“, forderte er sie mit traurigem Blick auf. Schweigend fuhren sie in seinem Pickup die einsame Landstraße entlang, die das Ausgrabungscamp mit dem kleinen Ort verband, in dem Katharina wohnte. Die Klimaanlage im Wagen war ausgefallen und sie mussten die Fensterscheiben herunter kurbeln. Jeder von ihnen hing seinen eigenen Gedanken nach. Angelo hielt das Steuer fest umklammert, wütend und enttäuscht. Katharina streckte den Kopf zum Fenster hinaus. Ihr Weg führte sie am Kakteenwald vorbei. Sie sog genüsslich den vertrauten Geruch ein. Wenn die Kakteen wie jetzt Blüten trugen, war ihr Duft besonders intensiv und süß. Baumhohe Exemplare streckten sich wie Hände dem Himmel entgegen. An einigen Stellen war der Kakteenbewuchs so dicht, dass er von den Bauern als Zaun genutzt wurde. Es war die raue, bizarre Schönheit, die sie begeisterte. Dieses Land hatte sich in ihr Herz geschlichen und ließ sie nicht mehr los. Sie liebte die abwechslungsreiche Vegetation, die Berge, den würzigen Duft, der stets in der Luft lag, die fröhlichen, immer hilfsbereiten Menschen. Doch vor allem faszinierte sie der Sternenhimmel. Ihr Blick glitt erneut empor. Die Sterne hatten das Leben der Mayas bestimmt. Ihr Vater hatte sich in seiner Freizeit intensiv mit der Astrologie beschäftigt und an deren Einfluss geglaubt. „Katharina, du träumst schon wieder“, unterbrach Angelo ihre Gedanken. „Und sicherlich nicht von mir, nicht wahr?“ Er konnte seine Sticheleien einfach nicht lassen. „Nein, von meinem Vater, wenn du es genau wissen willst.“ Er bog in die Auffahrt zu ihrem Haus und hielt den Wagen kurz darauf an. Das weiße Holzhaus im amerikanischen Stil hatte Vater bauen lassen. Die grünen Fensterläden harmonierten mit dem Weiß und dem schwarzen Dach. Eine Veranda umgab das gesamte Gebäude, deren Balustrade von violetter Bougainville umschlungen wurde. Zu jeder Tageszeit fand man einen geeigneten Sitzplatz. Das war ihr Zuhause, in dem sie sich geborgen fühlte. Hier hatte sie die glücklichsten Jahre ihres Lebens verbracht. Große Büsche von Weihnachtssternen umrahmten den schmalen Kiesweg, der zur Haustür führte. In Deutschland konnte man Weihnachtssterne nur in der Vorweihnachtszeit kaufen. Hier gediehen sie zu Prachtexemplaren, die bei der herrschenden Trockenheit täglich bewässert werden mussten. Das war Josés Aufgabe. Als sie sich zu Angelo umdrehte, erkannte sie in seinen Augen die Frage, ob er sie ins Haus begleiten dürfte. Aber sie musste jetzt allein sein und verabschiedete sie sich von ihm. Er wartete noch eine ganze Weile im Wagen bei laufendem Motor und sah ihr nach. Als sie die Tür aufschloss, bemerkte sie aus dem Augenwinkel, wie er wütend mit der Hand aufs Lenkrad schlug.
Klappentext
Als Kind erlebt Katharina wie ihr Vater, ein angesehener Archäologe, wegen seiner revolutionären Theorien von anderen Wissenschaftlern verspottet wird. Jahre später arbeitet sie selbst als Archäologin in einem Ausgrabungscamp in Mexiko, bemüht den Ruf des Vaters zu rehabilitieren. Katharina entdeckt ein steinernes Fragment mit unbekannten Maya-Glyphen. Nach alter Maya-Legende sagt dieser Fund eine Wende im Leben voraus. Diese zeichnet sich wenig später ab, als sie im Tal der Kakteen einen Fremden aus einem Feuer rettet. Kian ist nicht nur ein faszinierender Mann, sondern beeindruckt sie mit seinem Wissen über die Maya. Ist er der Schlüssel zu den Glyphen? Eine Liebe entflammt, aber sie steht unter keinem guten Stern. Kian kann nicht bleiben ... Ein packender Roman um das Wissen der Maya, dem Ursprung der Menschheit und der Macht der Gefühle.