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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Im Feuer der Sterne, Elke Meyer
Elke Meyer

Im Feuer der Sterne



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Leseprobe „Im Feuer der Sterne“

1. Buch Moses, Vers 6
Als aber die Menschen sich zu mehren begannen auf Erden und ihnen Töchter
geboren wurden, da sahen die Gottessöhne, wie schön die Töchter der Menschen
waren und nahmen sich Frauen, welche sie wollten.
Zu der Zeit und auch später noch, als die Gottessöhne zu den Töchtern der
Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen auf
Erden. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten.

1.
Katharina ballte ihre Hände hinter dem Rücken zu Fäusten. Sie
schloss für einen Moment die Augen, als könnte sie die ausgehende
Kraft des Talismans fühlen. Sie hielt die Miniatur eines Maya-
Kalenders in Händen, den ihr Vater in Mexiko für sie hatte anfertigen
lassen. Der medaillengroße Glücksbringer aus Ton, trug indianische
Zeichen, kunstvoll auf beiden Seiten eingraviert. Wenn sie traurig und
allein war, was oft vorkam, spendete er Trost und Mut. Heute sollte
er allerdings dem Vater beistehen. Sie erinnerte sich an den Moment,
als er ihn ihr schenkte.
„Dieser Kalender ist etwas ganz Besonderes, Kathi, weil er Wahrheit
und Kraft in sich vereint.“ Ehrfurcht lag in seiner Stimme, als er
ihn ihr überreichte. „Er ist die Verbindung zu einer anderen Welt.
Schau hinauf zu den Sternen. Dort oben liegt der Ursprung der Menschen
und dieser Kalender hilft uns, ihn zu finden.“ Mit leuchtenden
Augen zeigte er zum sternklaren Himmel.
„Kannst du die Plejaden erkennen, die ich dir neulich gezeigt habe,
mein Schatz? Weißt du noch, worauf sie verewigt worden sind?“
„Ja, Papi, auf der Himmelsscheibe von Nebra.“ Sie merkte sich
immer alles, was er ihr erklärte.
„Braves Kind. Du hast meine Worte nicht vergessen und viel gelernt.
Die Plejaden haben das Schicksal der Maya entscheidend beeinflusst,
und auch das unsere. Eines Tages werde ich allen Menschen
beweisen, dass ich Recht habe. Und wenn ich es ihnen erzähle, dann
wirst du mich begleiten, Kathi.“
Er tippte mit seinem Zeigefinger sanft auf Katharinas Brust und sie
nickte. Voller Stolz drückte er sie an sich und gab ihr einen Kuss auf
das leuchtend rote Haar.
Wie konnte er nur glauben, sie könnte seine Worte vergessen haben?
Katharina sah zum Podium hinauf.

Gemeinsame Momente mit dem Vater bedeuteten eine Seltenheit,
denn er verbrachte Monate in Mexiko. Als angesehener Historiker
und Archäologe verweilte er am Ausgrabungsort und verbrachte nur
wenig Zeit mit seiner Familie. Wie gern hätte Katharina ihn in das
exotische Mexiko begleitet. Sie bettelte, flehte ihn jedes Mal an, sie
mitzunehmen.
„Wenn du älter bist, wirst du mich begleiten. Mit zehn Jahren bist
du zu jung und außerdem braucht Mama dich. Sei mein braves Mädchen
und freu dich auf unser nächstes Wiedersehen.“ Seufzend fügte
sich Katharina in ihr Schicksal, selbst wenn es ihr noch so schwer fiel
und die Zeit dazwischen endlos erschien.
Und wenn er dann aus Mexiko zurückkehrte, war ihre Freude grenzenlos
und sie lauschte gebannt seinen Worten. Was er berichtete,
klang abenteuerlich und geheimnisvoll. Die spannenden Geschichten
um das fremde Land regten ihre Fantasie an. Eines Tages, nahm sie
sich vor, würde sie dort auch als Archäologin arbeiten.
Noch immer hallten seine Worte in Katharinas Ohren. Nun schien
sich am heutigen Tag sein Traum endlich zu erfüllen.
Sie saß neben ihrer Mutter Inge in der ersten Reihe des Münchner
Kongresssaales, der bis auf den letzten Platz besetzt war und verfolgte
Vaters Vortrag.
Konrad Richter stand auf dem Podium, die Arme auf das Rednerpult
gestützt und sein Blick glitt über die Reihen der zahlreichen Zuhörer,
bis er auf Katharina verweilte, die zurück lächelte.
Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, schlenkerte sie mit den
Beinen. Mutters schmale Hand legte sich auf Katharinas Knie, begleitet
von einem warnenden Blick. Sofort verstand Katharina die Aufforderung,
lehnte sich auf dem Stuhl zurück und stellte die Beine artig
nebeneinander.
Katharina beobachtete aus dem Augenwinkel, wie Mutter den Rücken
straffte und die schlanken Beine überschlug. Dabei rutschte die
Handtasche von ihren Knien zu Boden, was Vater einen missbilligenden
Blick entlockte. Katharina wollte die Tasche aufheben, wurde
aber mit einer Geste von Mutter zurückgewiesen. Katharina bemerkte
die Röte, die Mutters Gesicht überzog, während diese hastig die Tasche
aufhob. Mutter war attraktiv, mit blondgefärbten, kurzen Haaren.
Sie trug auf Vaters Wunsch das dunkelblaue Kostüm.
Doch sie wirkte nervös, strich sich immerzu Haarsträhnen hinter die
Ohren und zupfte am Pony herum. Ihre Körperhaltung drückte Anspannung
aus. Fest umschloss sie den Bügel der Handtasche und
nickte Katharina zu. Dann hüstelte sie und hielt die Hand vor die
grellrot geschminkten Lippen. Ein fast unmerkliches Muskelzucken
in Vaters Gesicht verriet, dass ihm diese erneute Störung nicht entgangen
war. Für einen weiteren Moment unterbrach er, beugte sich
nach vorn über das Mikrofon, nippte am Wasserglas, das vor ihm
stand, räusperte sich und begann den Vortrag fortzusetzen. Katharina
hasste die Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen ihren
geliebten Eltern, die sie ängstigten.
Sie bemerkte glänzende Schweißperlen auf Vaters Halbglatze und
verglich ihn mit dem Vater von Indiana Jones, genauso klug und
wissend, aber ebenso zerstreut. Der anthrazitfarbene Nadelstreifenanzug,
das weiße Hemd mit der roten Fliege und die Nickelbrille
unterstrichen diesen Eindruck. Lampenfieber ließ ihn immer wieder
die Brille zurechtrücken und seinen Schnurrbart erzittern.
Vater wiederholte noch einmal die Textpassage aus dem 1. Buch
Moses, Vers 6. Katharina kannte sie auswendig. Er hatte sie ihr oft
genug vorgesprochen. Danach klappte er die Bibel zu, um sich an die
Zuhörer mit den erwartungsvollen Mienen zu wenden.
„Meine sehr geehrten Damen und Herren, Sie fragen sich sicherlich,
weshalb ich Ihnen eine Passage aus der Bibel vorlese, und was es
mit den Gottessöhnen auf sich hat. Ich möchte Ihnen meine Theorie
dazu erklären, die aus jahrelanger, intensiver Forschung resultiert.
Zum besseren Verständnis muss ich ein wenig ausholen. Darwin war
davon überzeugt, der Mensch habe sich aus dem Affen entwickelt.
Unsere Wissenschaft spricht heute von gemeinsamen Vorfahren. Die
Evolution des Menschen verlief jedoch anders, als bei den übrigen
Primaten. Nach derzeitig gültigen Theorien liegt die Wiege der
Menschheit in Afrika, wo das Leben unserer Vorfahren auf den
Bäumen begann. Später wechselte es in die Savanne, was den aufrechten
Gang zur Folge hatte. Doch das will ich nicht im Detail erläutern.
Das wissen Sie ebenso gut wie ich. Unsere Vorfahren hießen Homo
habilis, Homo erectus. Bitte entschuldigen Sie, wenn ich sie nicht alle
benenne. Diese Menschenarten unterscheiden sich vor allem vom
heutigen Menschen durch die Größe des Gehirns und das abstrakte
Denkvermögen. Die Evolution ist ein langsamer Prozess, der durch
Anpassungen an die Umwelt erfolgt, bei dem so genannte Zwischenstadien
den Übergang bilden. Das bedeutet, dass es dazwischen eine
Spezies gegeben hat, die Eigenschaften zwei verschiedener vereinte.
Aber weshalb haben wir bislang keine Zwischenstadien der menschlichen
Entwicklung gefunden? Bis heute fehlen die entscheidenden
Skelettfunde.
In unseren Lehrbüchern lesen wir vom Cro-Magnon-Mensch und
seinem plötzlichen Erscheinen. Er ist unser Urvater. Da stellen sich
mir die Fragen: Woher kam er so plötzlich? Wie konnte er sich derart
schnell entwickeln? Welche Zwischenstufe gab es? Welche Umstände
veranlassten diese fortgeschrittene Entwicklungsstufe? Fragen über
Fragen, doch keine Antworten. Wir wissen es einfach nicht. Die Spur
unseres Vorfahren verliert sich im Dunkel der Vergangenheit.
Was teilen uns die alten Überlieferungen einzelner Völker über das
Entstehen der Menschen mit? Und da komme ich zu meinem Spezialgebiet,
den Mayas. In ihren Schriften berichten sie von Göttern, die
die Welt und den Menschen erschufen. Überall auf der Welt wurde
von Göttern gesprochen, die vom Himmel herab gestiegen waren. In
der Bibelstelle, die ich eben zitierte, stand, deren Söhne hätten sich
mit den Menschentöchtern vermischt. Die Götter werden nicht nur
in der Bibel erwähnt, sondern sie ziehen sich wie ein roter Faden
durch alle Kontinente und Religionen. Aber wer waren diese Götter
und woher kamen sie? Sind sie reine Fiktion oder existierten sie tatsächlich?
Immer wieder deuten Artefakte auf das Siebengestirn hin,
auch Plejaden genannt oder das Sternbild Orion. Denken Sie an die
Himmelsscheibe von Nebra oder an den Kalender der Mayas, der die
Bewegung des Sieben-Gestirns erwähnt und Menschenopfer rechtfertigte.
Ich behaupte, die Götter waren keine Erfindung der Menschen,
sondern kamen aus den Tiefen des Alls. Vielleicht aus einer anderen
Dimension, und wir sind ihre Kinder. Jawohl, ich glaube, wir selbst
sind die Außerirdischen auf diesem Planeten.“
Im Kongresssaal herrschte Stille. Eine ungeheure Spannung lag in
der Luft. Katharinas Herz klopfte zum Zerspringen. Irgendetwas
stimmte hier nicht, das konnte sie spüren. Ängstlich richtete sie den
Blick auf Mutter, die mit angespannter Miene zum Rednerpult starrte.
Dann brach ein Sturm der Empörung los.
Katharina und Mutter saßen starr auf ihren Plätzen, während die
Wissenschaftler um sie herum aufsprangen und Vater wüst beschimpften.
Drohgebärden folgten, einige stürmten sogar Kopf
schüttelnd aus dem Saal.
Irgendjemand brüllte in den Raum: „Früher hätte man Ketzer wie
ihn verbrannt!“ Wieder andere riefen, der Vortrag wäre eine Schande
für die wissenschaftliche Welt.
Vater stand noch immer am Rednerpult und versuchte mit seiner
Stimme den Lautstärkepegel zu übertönen, was kläglich misslang, da
das Mikrofon versagte. Er versuchte mit Gesten die aufgebrachte
Menge zu besänftigen.
Da flog etwas über die Köpfe der Zuhörer in den ersten Reihen,
vorbei an Katharina und direkt auf Vater zu. Ein Ei klatschte in sein
Gesicht, zerbrach, und der zähe Brei floss seine Wange hinab. Tränen
der Scham schossen in Katharinas Augen.
Mutter erhob sich zitternd und bleich, umfasste grob Katharinas
Arm und zog sie in Richtung Ausgang. Katharina wollte nur noch so
schnell wie möglich diesen Ort verlassen. Wütende Rufe begleiteten
sie. Sie konnte nicht verstehen, weshalb die Leute auf Vater so zornig
waren.
Katharina lag unter der Bettdecke und lauschte in die Dunkelheit.
Vater war noch immer nicht nach Hause gekommen. Das gleichmäßige
Ticken des Weckers begann zu nerven. Mutter saß bestimmt
noch im Wohnzimmer und wartete auf ihn. Katharina wäre gern an
ihrer Seite geblieben, wurde aber ins Bett geschickt. Sie hörte, wie
Mutter flüsternd telefonierte. Sie konnte kein Wort verstehen, aber
das Flüstern klang aufgeregt.
Unruhig wälzte Katharina sich im Bett hin und her. Irgendwann
hörte sie das Aufschließen der Haustür; Vater kam nach Hause. Endlich!
Laute Stimmen drangen aus dem Wohnzimmer herüber. Die Eltern
stritten sich wieder. Immer wenn Vater Zuhause war, gerieten sie in
einen heftigen Streit.
Dann war es plötzlich still. Schleppende Schritte näherten sich dem
Kinderzimmer. Die Tür wurde leise geöffnet, und Vater steckte den
Kopf herein, wie er es jeden Abend tat, um ihr noch eine gute Nacht
zu wünschen. Er lächelte sie müde an.
„Na, meine Prinzessin? Du schläfst ja noch nicht.“
„Ich habe dich gehört, Papa. Gibst du mir noch einen Gutenachtkuss?“
„Natürlich, Kathi“, antwortete er und trat ein. Er setzte sich auf die
Bettkante und ergriff ihre Hand.
„Papa, warum waren die Leute böse auf dich? Sie haben mir Angst
gemacht.“ Katharinas Stimme zitterte, genau so wie ihr Körper.
Er seufzte und legte seine warme Hand auf die ihre. Es dauerte einen
Moment bis er antwortete.
„Sie waren nicht böse. Sie wollten mir nur nicht glauben. Als Galileo
Galilei den Menschen damals erzählte, die Erde sei rund, haben
sie ihm auch nicht geglaubt. Er wurde ausgelacht und verspottet.“
„Aber er hatte Recht, Papa, so wie du. Bestimmt werden die anderen
das erkennen, und dann bist du auch berühmt wie Galilei.“
„Galilei musste für seine Theorien büßen. Heute wird jede neue
Theorie zuerst belächelt oder als Lüge bezeichnet. Da muss ich schon
einen stichhaltigen Beweis erbringen und das ist nicht so ganz einfach,
weil ich nicht weiß, wo ich suchen soll.“
„Du arbeitest doch in dem großen Ausgrabungscamp in Mexiko
und wirst es bestimmt finden“, antwortete sie mit Überzeugung. Vater
wirkte traurig, sie musste ihn aufheitern.
„Mexiko ist riesig, viel größer als Deutschland und die Suche gleicht
der nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. Oft dauert es sehr
lange bis man das entscheidende Indiz findet.“
„Was ist denn ein Indiets?“
Vater lachte auf. „Indiz, Kathi-Schatz. Ein Indiz ist ein Beweisstück.“
„Ach, so wie der Kalender?“ Katharina setzte sich im Bett auf.
„Ja, wie der Kalender.“
„Aber dann hast du doch den Beweis!“
„Leider nicht ganz. Auf diesem Kalender befinden sich wichtige Informationen
aber nicht der absolute Beweis. Ich brauche einen genauen
Hinweis über die Herkunft der Götter oder alte Aufzeichnungen
der Mayas. Verstehst du? Doch es wurde nichts gefunden, was
mir helfen könnte.“
Katharina seufzte. „Das ist aber kompliziert. Wenn ich mit dir nach
Mexiko reise, dann finden wir zusammen den Beweis, Papa!“
„Später, Kathi, wenn du erwachsen bist. Dann verspreche ich dir,
mit dir zusammen nach Mexiko zu reisen und danach zu suchen. Es
ist schon spät. Jetzt musst du schlafen.“
Katharina verspürte keine Lust mehr vertröstet zu werden, aber sie
war zu müde, um zu widersprechen. „Ja, Papa, dann fahren wir gemeinsam.
Und morgen sprechen wir weiter.“ Sie rieb sich die Augen
und gähnte herzhaft.
„Ich glaube, das müssen wir für eine Weile verschieben.“
„Warum denn?“ Katharina ahnte, was dahinter steckte. Immer wieder
verschob Vater wichtige Gespräche. Sein leerer, nach vorn gerichteter
Blick verriet ihr, wie sehr er sich in Gedanken weit entfernte.
„Weil ich morgen bereits nach Mexiko zurückfliege.“
„Nein, Papi, bitte nicht“, bettelte Katharina mit weinerlicher Stimme.
„Aber ich muss doch den Beweis finden.“
„Aber ich möchte, dass du noch bei mir bleibst. Du bist doch erst
vorgestern angekommen. Ich wollte dir noch mein Buch zeigen, das
Mami mir geschenkt hat. Du …“
„Später, Kathi, später, wenn ich wieder Zuhause bin“, unterbrach
er und tätschelte ihre Hand.
Immer wieder verschob er alles auf später. Tränen stiegen in Katharinas
Augen, die sie fortblinzelte. Noch ein weiteres Mal versuchte
sie Vater vom Bleiben zu überzeugen, jedoch erfolglos. Er versprach
ihr aber, noch eine Weile am Bett sitzen zu bleiben, bis sie einschliefe.
Nach wenigen Minuten verlangte der Schlaf sein Recht und ließ
Katharinas Augen zufallen. Sie kuschelte sich in die Kissen.
Konrad Richter erhob sich und sah auf seine Tochter hinab, die wie
ein rothaariger Engel im weißen Bett lag. Ihr Haar schimmerte wie
Kupfer und umgab ihren Kopf wie ein ausgebreiteter Fächer. Die
langen schwarzen Wimpern warfen Schatten auf ihre zartrosa Wangen.
„Vielleicht ist es mir nicht vergönnt, den Beweis zu finden. Ich liebe
dich mein Kind, auch wenn ich nicht immer bei dir sein kann“,
flüsterte er.
Er beugte sich hinab und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn, bevor
er das Licht löschte.

2.

Die untergehende Sonne tauchte die Ausgrabungsstätte mit den
vier steil aufragenden Monolithen in goldenes Licht. Katharina kniete
im Schatten der tonnenschweren Steinquader und betrachtete ehrfürchtig
das Naturschauspiel.
Endlich war sie dem Beweis für Vaters Theorien näher gekommen.
Mit Hilfe seiner Aufzeichnungen hatte sie die Opferstätte und den
Kalender, stumme Zeugen einer längst vergessenen Epoche, gefunden.
Leider konnte sie wegen seines frühen Todes den Moment des
Triumphes mit ihm nicht teilen. Katharinas Augen füllten sich mit
Tränen, als sie sich an seine eifrige Suche erinnerte, die erfolglos geblieben
war.
Nun lag eine runde, steinerne Scheibe vor ihr, in die vor langer Zeit
Menschenhände einen Kalender meißelten. Er war der Beweis für
eine Geschichte, die lange vor der Existenz der Mayas lag, aus einer
Zeit, die fremd und unwirklich erschien und doch existiert hatte. Die
Mayas kannten sie. In ihren zahlreichen Überlieferungen erzählten sie
vom Ursprung der Menschheit. Viele Wissenschaftler setzten diese
Legenden und Mythen Märchen gleich.
Auch sie hatte sich lange geweigert, daran zu glauben, was an dem
Spott lag, den Vater zu spüren bekam. In dem Moment, in dem sich
alle von ihm zurückzogen, beschlichen auch sie die Zweifel. Heute
schämte sie sich dafür, denn sie wusste, dass er sich nicht geirrt hatte.
Katharinas Blick richtete sich in die Ferne. Noch vor einem Jahr
hatten sie zusammen hier oben gestanden und diskutiert, an welcher
Stelle sie mit den Ausgrabungen beginnen wollten. Es schien eine
Ewigkeit zurückzuliegen. Seine Vermutungen und Spekulationen
beschrieb er in einem Buch. Ein ketzerisches Werk, wie viele seiner
Kollegen behaupteten. Der Skandal, den es auslöste, stürzte ihn ins
Grab.
Verdammt! Warum war alles so gekommen? Weshalb war er so
verbohrt gewesen und hatte auf seinen Thesen beharrt? Aber die
Besessenheit in ihm schob die Wirklichkeit beiseite. Sie sah auf den
Kalender hinab und ballte die Fäuste, als trüge er die Schuld an Vaters
Tod. An diesem Relikt klebte Blut, nicht nur das ihres Vaters.
Wie viele Menschen waren seinetwegen zum Opfer gefallen? Sie
schauderte bei der Vorstellung, dass der Hügel, auf dem sie kniete,
mit dem Blut unzähliger Unschuldiger getränkt war. Doch nur der
verfärbte Staub zeugte von den Untaten.
Mit dem Pinsel entfernte sie die letzten Sandspuren, einzig begleitet
vom Zirpen der Zikaden. Seit Stunden kniete sie bei unerträglicher
Hitze auf dem Sandboden, um Zentimeter für Zentimeter die rotbraunen
Staubschichten zu entfernen. Aber es hatte sich gelohnt,
alles war unversehrt. Nun müsste der Fund nur noch katalogisiert
und verpackt werden, um ihn ins mexikanische Nationalmuseum
transportieren zu lassen.
Obwohl sie völlig erschöpft war, lächelte sie zufrieden. In der Zwischenzeit
war es dunkel geworden. Aber Katharina wollte die Arbeit
noch nicht beenden. Die Kollegen belächelten ihren Eifer. Sollten sie
doch, sie mussten ja auch nicht das Ansehen ihrer Väter wieder herstellen.
Sie klopfte gegen die Laternenscheibe, bevor sie den Docht
anzündete.
Der Generator war vor einer Stunde ausgefallen. Ohne die Laterne
hätte sie die Arbeit nicht fortsetzen können. War sie nicht genau so
besessen wie Vater? So wollte sie doch nie sein. Aber es war dieser
Zwang in ihr, seine Persönlichkeit ins rechte Licht zu rücken.
Schweiß rann ihr von der Stirn und tropfte auf den staubigen Stein.
Wenn es doch nur nicht so heiß wäre, dann hätte sie die abendliche
Stimmung unter dem blauen Sternenhimmel genießen können.
Seit Tagen litt Mexiko unter einer extremen Hitzewelle. Selbst in
den Nächten sank die Temperatur um maximal ein Grad. Der Boden
war ausgetrocknet und hart, die Pflanzen verdorrt. Nur die Kakteen
trotzten den Temperaturen. Die Medien berichteten von einem kli11
matischen Jahrhundertphänomen. Natürlich war sie heiße Sommer in
Mexiko gewöhnt, aber dieser hier übertraf alles, was sie bisher kennen
gelernt hatte. Sie wischte mit dem Handrücken über die schweißnasse
Stirn.
Endlich war die Arbeit beendet und sie steckte den Pinsel ins Etui,
das sich in der Gesäßtasche ihrer Jeans befand. Gähnend streckte sie
die schmerzenden Arme. Geschafft! Erschöpft, aber glücklich war
sie.
Ein erneuter Blick zum Himmel verriet, dass auch jetzt keine Wolke
zu erkennen war. Manchmal gab es einen schnellen Wetterumschwung,
doch im Moment sah es nicht danach aus. Jeder sehnte sich
nach Abkühlung und Regen. Ihre helle Haut litt unter der intensiven
Sonnenbestrahlung, trotz Creme, und schälte sich. Das Los aller Rothaarigen.
Sie zog eine Grimasse. Schon in ihrer Kindheit hatte Mutter
darauf geachtet, dass sie sich nie zu lange in der Sonne aufhielt.
Wehmut erfüllte Katharinas Herz, als sie an sie dachte. Sie konnte
sich gar nicht mehr an ihr Gesicht erinnern. Das rote Haar war ihr
Erbe an Katharina. Doch sie hatte es nie gemocht und immer gefärbt.
Vater hingegen war immer sehr stolz auf Katharinas Rotschopf gewesen.
Liebevoll bezeichnete er ihn immer als ‚Feuermähne’.
In Mexiko wurde eine rothaarige Frau wie ein Weltwunder bestaunt,
weil diese Haarfarbe hier selten vorkam. Deshalb zog sie die
Aufmerksamkeit der Männerwelt auf sich, auch die von Angelo. Der
Gedanke an ihn ließ sie lächeln und die schmerzhaften Erinnerungen
an die Vergangenheit verdrängen. Immer wieder fand er Komplimente
für ihre Haarpracht und ihre katzenhaft grünen Augen. Seine Aufmerksamkeit
tat ihr gut und ließ sie die Einsamkeit für einen Augenblick
vergessen.
Plötzlich fiel ihr ein, dass Angelo vermutlich noch immer im Pickup
auf sie wartete. Dabei hatte sie ihm fest versprochen, heute pünktlich
zu sein. Nun war es zu spät, und sie musste sich wieder entschuldigen.
Das kurze Aufleuchten eines Blitzes am Himmel unterbrach ihre
Gedanken. Die Wettererscheinung war seltsam, weil sie eine Rauchwolke
hinter sich her zog, die sich in Nichts auflöste.
„Katharina, jetzt halluzinierst du schon. Ein Blitz am wolkenfreien
Himmel?“ Ihre Stimme war von Staub und Hitze rau. Aufmerksam
beobachtete sie das Firmament und wartete gespannt, ob sich das
Schauspiel wiederholte. Da kein weiterer Blitz folgte, zuckte sie mit
den Schultern. Vermutlich eine Sinnestäuschung, die ihrem Erschöpfungszustand
zuzurechnen war.
Steif erhob sie sich vom steinigen Boden und massierte die Beine.
Dann klopfte sie mit den Händen Staub und Sand aus der Kleidung.
Die Jeans war unterhalb der Knie aufgescheuert und ließ die bloße
Haut erkennen. Große Schwitzflecken zeichneten sich überall auf
ihrem Baumwollhemd ab. Welch erotischer Anblick. Katharina verzog
den Mund zu einem Lächeln. Dennoch würde Angelo sie mit
einem begehrenden Blick betrachten, wie er es immer tat, selbst in
diesem Zustand.
„Katharina? Sie sollten jetzt die Arbeit beenden. Es ist schon spät
und Dr. Benetti wartet bereits seit einer knappen Stunde im Pickup
auf Sie.“
Erschrocken fuhr sie zusammen. In ihren Gedanken verloren hatte
sie Professor van Hoogens Schritte auf dem weichen Sandboden
nicht gehört. Nun stand dieser direkt vor ihr, den riesigen Sombrero
aus seinem kantigen Gesicht nach hinten geschoben. Sein Körper
steckte in einem beigen Baumwolloverall, dessen Ärmel bis zum Ellbogen
hochgekrempelt waren und seine sehnigen Unterarme entblößten.
Niemand hätte beim ersten Eindruck hinter diesem sportlich
drahtigen Mann einen Archäologen vermutet.
Katharina musste zu ihm aufsehen. Van Hoogen zog den Hut kurz
vom Kopf, um sich mit einem Taschentuch über seine Stoppelfrisur
zu wischen. Auch ihm machte die Hitze stark zu schaffen, obwohl er
sich die meiste Zeit im klimatisierten Büro unterhalb der Ausgrabungsstätte
aufhielt.
„In wenigen Stunden könnte ein heftiger Regen wieder alles unterspülen.
Ich möchte das Kalenderrad noch katalogisieren.“
„Das werde ich für Sie tun. Sie haben Feierabend. Keinen Widerspruch.“
Seine Miene drückte Entschlossenheit aus.
Als sie nickte, umspielte seine Lippen das gewohnt schiefe Lächeln.
„Morgen wird es bestimmt noch nicht regnen. Es ist keine Wolke am
Himmel zu sehen. Dann können Sie und Angelo die Arbeit in Ruhe
fortsetzen“, ergänzte er und umfasste sanft ihren Arm.
„Eben sah ich einen Blitz am Himmel. Vielleicht droht doch ein
Unwetter“, wandte sie ein.
„Glauben Sie mir, der Wetterbericht hat keinen Regen vorausgesagt.
Manchmal spielen einem die Sinne einen Streich.“
„Vielleicht haben Sie Recht, Professor. Aber Sie wissen doch, wie
viel mir dieser Fund bedeutet. “
„Natürlich kann ich Sie verstehen. Ihr Vater wäre stolz auf Sie, aber
er würde auch wollen, dass Sie an sich denken. Sie haben in den letzten
Wochen wie eine Wahnsinnige gearbeitet. Vertrauen Sie mir. Ich
werde mich darum kümmern.“

Sie nickte wortlos, fühlte sich erschöpfter, als sie zugab. Die letzten
Wochen hatten an ihren Kräften gezehrt.
Van Hoogen sah zum Himmel empor. „Welch ein wundervoller
Abend“, sagte er andächtig. „Das Licht der Sterne hat etwas Beruhigendes.“
Katharina blickte ebenfalls nach oben. „Als Kind sagte mein Vater
immer, der Blick in den Sternenhimmel ist ein Blick in die Vergangenheit.
Mit fünf begriff ich nicht, was er meinte, es klang so geheimnisvoll.
Später habe ich es zwar verstanden, doch erst heute ist mir
bewusst, dass viele der Sterne, die wir sehen, nicht mehr existieren.
Das raubt fast jede Illusion, nicht wahr? Dennoch besitzen sie für
mich eine besondere Ausstrahlung.“
„Schon immer haben die Sterne die Menschen fasziniert, denken
Sie an Ihren Vater.“
„Ja, er liebte das All und seine Geheimnisse. Es hat uns schließlich
geholfen, diesen sensationellen Fund zu entdecken. Mein Vater hat
mir immer wieder erzählt, wie die Mayas ihr Leben nach den Sternen
ausrichteten. Sie glaubten sogar an einen Weltuntergang, wenn die
Plejaden den Zenit überschritten. Um das Unglück abzuwenden,
brachten sie Menschenopfer dar. Aber er ahnte, dass dahinter noch
eine wichtigere Entdeckung lag als dieser Zyklus.“
„Sehen Sie, Katharina.“ Van Hoogen zeigte mit ausgestrecktem
Arm nach oben. „Dort links erkennen Sie das schicksalsträchtige
Sternbild der Plejaden. Bald wird es wieder den Zenit überschreiten,
so wie damals.“
„Ja, aber hoffentlich bedeutet es nicht tatsächlich das Ende der
Welt, und wir müssen wie die Mayas ein Menschenopfer bringen, um
den Untergang abzuwenden“, antwortete Katharina schmunzelnd,
woraufhin er rau auflachte.
„Vielleicht bringt es nicht den Untergang der Welt, sondern eine
entscheidende Wendung in unser Leben. Ihr Vater glaubte an die
Astrologie, den Einfluss der Sterne auf unser Leben.“
„Ich weiß, aber diese Ansicht teile ich nicht. Wie könnte ein Stern,
der aus Gasgemischen und Stein besteht, die Schicksale der Menschen
beeinflussen? Daran kann ich einfach nicht glauben.“
Van Hoogen betrachtete sie aus dem Augenwinkel, erwiderte aber
nichts.
„Katharina, es ist schon spät. Sie sollten Ihren Freund nicht länger
warten lassen. Heute war ein anstrengender Tag.“
Freundschaftlich klopfte er ihr auf die Schulter. Vater hatte oft von
Professor van Hoogen geschwärmt, dessen sensiblen Umgang mit
den Mitarbeitern bewundert. Obwohl er viel von ihnen erwartete,
konnte er sie stets motivieren. Dieses Einfühlungsvermögen bewunderte
sie an ihm.
„Sie wissen doch genau, Professor, dass Dr. Benetti nur ein guter
Kollege ist.“ Sie wollte nicht, dass er etwas falsch verstand. Angelo
war ein guter Freund, mehr nicht.
„Ob er das auch so sieht?“
Diese Frage ließ sie unbeantwortet, grinste van Hoogen nur an.
Nachdem sie sich von ihm verabschiedet hatte, begab sie sich auf den
Weg zum Parkplatz, wo Angelo wartete.
Sie sehnte sich nach einer erfrischenden Dusche. Die Beine
schmerzten, als sie dem schmalen und steilen Pfad folgte, der vom
Hügel hinunter zum Zentrum des Ausgrabungscamps führte. Ihre
Gedanken beschäftigten sich mit dem Gespräch zuvor. Van Hoogen
war einer der besten Archäologen der Welt für indianische Geschichte.
Sie war stolz darauf mit einem solch berühmten Mann zusammenarbeiten
zu dürfen.
Er hatte ihr nach Vaters Tod gestattet, die Ausgrabungen fortzusetzen
und zu ihrer Unterstützung Dr. Angelo Benetti engagiert, der
kurz zuvor von einem anderen Ausgrabungscamp aus Guatemala
eingetroffen war. Das Wissen ihres Vaters, das er an sie weitergegeben
hatte und Angelos Erfahrungen führten zu diesem erfolgreichen
Fund. Angelo war der netteste und kompetenteste Mitarbeiter im
gesamten Team. Er war ein sportlicher Typ, nicht so drahtig und
groß wie van Hoogen, eher von kräftiger Gestalt. Seine schwarzes,
gewelltes Kurzhaar, die gebräunte Haut und eine Reihe makelloser,
weißer Zähne unterstrichen seine Attraktivität.
Tief im Herzen sehnte sie sich danach, einem Mann zu begegnen,
der sie vom ersten Moment an faszinierte, mit Herzklopfen und
Schmetterlingen im Bauch. Aber bei Angelo empfand sie nichts dergleichen.
Angelo hatte geduldig in seinem Pickup auf sie gewartet. Durch das
geöffnete Seitenfenster erkannte sie sein Profil. Gedankenverloren
starrte er nach vorn, während er eine Zigarette rauchte. Sie mochte es
nicht, wenn er rauchte. Aber er konnte tun und lassen, was er wollte.
Er bemerkte sie erst, als sie direkt neben dem Wagen stand. „Hallo,
cara“, begrüßte er sie mit strahlendem Lächeln. Immer benutzte er
einen italienischen Kosenamen, was sie schmalzig fand. Auf seiner
Oberlippe zeichneten sich schwarze Bartstoppeln ab.
„Hallo, Angelo. Mein Name lautet Katharina, nicht cara. Spar dir
die Koseworte für deine Geliebte auf“, wies sie ihn lächelnd, aber
bestimmt zurecht. Er zog schmollend einen Mundwinkel nach unten,
um gleich darauf sein gewohntes Lächeln zu zeigen. Ob er es irgendwann
aufgeben würde?
„Du weißt genau, dass es keine andere für mich geben wird. Dir
gehört mein Herz.“
Sie verdrehte die Augen und stöhnte auf. Angelo stieg aus dem
Wagen, um ihr die Tür zu öffnen. Er besaß das vorbildliche Verhalten
eines Gentlemans. Er duftete angenehm nach Deo und Seife, was
verriet, dass er in der Zwischenzeit im Haupthaus des Ausgrabungscamps
geduscht hatte. Daneben kam sie sich verschwitzt und unästhetisch
vor. Was mochte er nur an ihr finden? Vor allem, da sie ihn
jedes Mal zurückwies. Im Team arbeiteten einige attraktive Frauen,
die um seine Gunst buhlten.
Sanft umfasste Angelo ihre Schultern und schob sie ein Stück beiseite,
um die Wagentür zu öffnen. „Voilà.“ Mit einer übertriebenen
Verbeugung bedeutete er ihr einzusteigen. Immer wieder schaffte er
es, sie zum Lachen zu bringen.
„Danke, Signor“, sagte sie lachend. Bevor sie einstieg, versuchte sie
das Haar zu lockern, das ihr am Kopf klebte. Als sie den Kopf schüttelte
und ihr langes Haar sein Gesicht berührte, wurde er unvermutet
ernst. Er stand dicht vor ihr, nach Katharinas Geschmack viel zu
dicht. Begehren lag in seinem Blick. Ehe sie nachdenken konnte, zog
er sie ungestüm in die Arme. Sein Gesicht näherte sich langsam dem
ihren. Das ging ihr entschieden zu weit, denn sie wollte ihre gute
Freundschaft nicht durch ein schwieriges Liebesverhältnis aufs Spiel
setzen.
„Angelo, bitte nicht“, flüsterte sie und stemmte die Hände gegen
seine Brust. Unter ihrer Handfläche spürte sie seinen beschleunigten
Herzschlag. Maßlose Enttäuschung spiegelte sich in seinem Gesicht
wider. Die zwanglose Situation von eben war verflogen. Mit südländischer
Hitze presste er verärgert seine Lippen zusammen und gab sie
widerwillig frei. Katharina bedauerte, ihn verletzt zu haben, aber sie
wollte bei ihm keine Hoffnung wecken, die sie nicht erfüllen könnte.
„Warum?“, fragte er.
„Weil ich dich nicht liebe, Angelo. Du bist mein liebster Kollege
und Freund, aber …“
Er legte einen Finger sanft auf den Mund und schüttelte den Kopf.
Die anderen sahen in ihnen das ideale Paar. Sie teilten viele Gemeinsamkeiten,
arbeiteten im gleichen Beruf und liebten das Tanzen.
Doch es gab es kein Herzklopfen, wenn er sie ansah oder berührte.
Zaghaft streichelte sie seine Wange. Er griff nach ihrer Hand und
hielt sie fest.
„Kein Mitleid bitte, cara. Lass uns jetzt nach Hause fahren“, forderte
er sie mit traurigem Blick auf.
Schweigend fuhren sie in seinem Pickup die einsame Landstraße
entlang, die das Ausgrabungscamp mit dem kleinen Ort verband, in
dem Katharina wohnte. Die Klimaanlage im Wagen war ausgefallen
und sie mussten die Fensterscheiben herunter kurbeln. Jeder von
ihnen hing seinen eigenen Gedanken nach. Angelo hielt das Steuer
fest umklammert, wütend und enttäuscht.
Katharina streckte den Kopf zum Fenster hinaus. Ihr Weg führte
sie am Kakteenwald vorbei. Sie sog genüsslich den vertrauten Geruch
ein. Wenn die Kakteen wie jetzt Blüten trugen, war ihr Duft besonders
intensiv und süß. Baumhohe Exemplare streckten sich wie Hände
dem Himmel entgegen. An einigen Stellen war der Kakteenbewuchs
so dicht, dass er von den Bauern als Zaun genutzt wurde. Es
war die raue, bizarre Schönheit, die sie begeisterte. Dieses Land hatte
sich in ihr Herz geschlichen und ließ sie nicht mehr los.
Sie liebte die abwechslungsreiche Vegetation, die Berge, den würzigen
Duft, der stets in der Luft lag, die fröhlichen, immer hilfsbereiten
Menschen. Doch vor allem faszinierte sie der Sternenhimmel. Ihr
Blick glitt erneut empor. Die Sterne hatten das Leben der Mayas bestimmt.
Ihr Vater hatte sich in seiner Freizeit intensiv mit der Astrologie
beschäftigt und an deren Einfluss geglaubt.
„Katharina, du träumst schon wieder“, unterbrach Angelo ihre Gedanken.
„Und sicherlich nicht von mir, nicht wahr?“ Er konnte seine
Sticheleien einfach nicht lassen.
„Nein, von meinem Vater, wenn du es genau wissen willst.“
Er bog in die Auffahrt zu ihrem Haus und hielt den Wagen kurz
darauf an. Das weiße Holzhaus im amerikanischen Stil hatte Vater
bauen lassen. Die grünen Fensterläden harmonierten mit dem Weiß
und dem schwarzen Dach. Eine Veranda umgab das gesamte Gebäude,
deren Balustrade von violetter Bougainville umschlungen wurde.
Zu jeder Tageszeit fand man einen geeigneten Sitzplatz.
Das war ihr Zuhause, in dem sie sich geborgen fühlte. Hier hatte sie
die glücklichsten Jahre ihres Lebens verbracht. Große Büsche von
Weihnachtssternen umrahmten den schmalen Kiesweg, der zur Haustür
führte. In Deutschland konnte man Weihnachtssterne nur in der
Vorweihnachtszeit kaufen. Hier gediehen sie zu Prachtexemplaren,
die bei der herrschenden Trockenheit täglich bewässert werden mussten.
Das war Josés Aufgabe.
Als sie sich zu Angelo umdrehte, erkannte sie in seinen Augen die
Frage, ob er sie ins Haus begleiten dürfte. Aber sie musste jetzt allein
sein und verabschiedete sie sich von ihm. Er wartete noch eine ganze
Weile im Wagen bei laufendem Motor und sah ihr nach. Als sie die
Tür aufschloss, bemerkte sie aus dem Augenwinkel, wie er wütend
mit der Hand aufs Lenkrad schlug.

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