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Es war zu einer Zeit, in der alles, was dort war, in einer tiefen Sinnkrise steckte. Jeder, der sich über seine Position nicht völlig im Klaren war, schaukelte mehr oder weniger desorientiert im Sein seines Selbst hin und her – was zum Teil Kopfschmerzen und Übelkeit verursachen konnte, und die hatte keiner wirklich gerne. Wobei dabei natürlich zu sagen ist, dass sich eigentlich niemand wirklich klar über irgendwas war (auch nicht über das Schaukeln) – was auch zur Logik gereicht, denn schließlich war es so im Allgemeinen an der Zeit. Wäre es anders gewesen, so hätten auch andere Zeiten regiert, doch es war so, wie es war, und um das zu veranschaulichen, lauschen wir nun der hochphilosophischen Unterhaltung zwischen einer Raupe und einer Wurst.
Wurst: „Moin.“ Raupe: „Ja, tach auch. Wie geht’s?“ Wurst: „Naja, ich weiß nicht. Ich bin irgendwie unzufrieden. Ich weiß nicht, wo ich stehe. Ich weiß nicht, wer ich wirklich bin.“ Raupe: „Kein Problem, liebe Wurst. Du bist eine Wurst.“ Wurst: „Ja, ne, das ist mir schon klar. Ich wäre aber viel lieber ein Steak.“ Raupe: „Warum?“ Wurst: „Steaks sind gesellschaftlich wesentlich höher angesehen.“ Raupe: „Aha, ich verstehe. Du fühlst dich also nicht wirklich anerkannt in deinem Dasein als Wurst.“ Wurst: „Exakt. Vor allem auch wegen meinem Vornamen, denen mir meine Eltern gaben.“ Raupe: „Wie lautet er denn?“ Wurst: „Hans.“ Raupe: „Oh, okay, damit haben sie dir keinen wirklichen Gefallen getan.“ Wurst: „Es ist nicht nur das. Ich stehe morgens auf, schaue in den Spiegel und frage mich: Bin ich ein Verrückter?“ Raupe: „Und was erhältst du als Antwort?“ Wurst: „Das ist es ja. Keine. Ich lausche, ich harre der Dinge, und was ist: Nix. Nicht mal ich selbst nehme mich also ernst genug, um mir eine klare Antwort auf mein Sein zu geben. Ich meine, wie soll ich denn dann auf andere wirken, wenn ich mich nicht mal selbst erkennen kann?“ Raupe: „Interessant. Du schaust also in den Spiegel und fragst dich vor allem, wie andere dich sehen könnten?“ Wurst: „Das auch, ja. Ist mir schon wichtig. Ich hab ja viel mit anderen zu tun: Frikadellen, Schnitzel, Würstchen aus anderen Familien, dann immer dieser Senf, der so scharfe Bemerkungen über meine äußere Hülle macht … und vor allem … Steaks. Ich komm mir da echt ganz arm vor.“ Raupe: „Du, ich kann das voll und ganz nachvollziehen. Ich verstehe das. Denn schaue mich an: Sind wir uns optisch nicht sogar ähnlich?“ Wurst (stutzt): „Ähm … jetzt, wo du es sagst … ja. Stimmt auffallend. Aber … du bist so locker und cool. Wie machst du das? Verkneifst du es dir, in den Spiegel zu schauen?“ Raupe (lacht): „Oh nein, durchaus nicht. Denn auch ich muss mich erkennen können, um zu sehen, wer ich bin.“ Wurst: „Du bist eine Raupe?“ Raupe: „Bin ich das?“ Wurst: „Ja klar. Das sehe ich doch!“ Raupe: „Richtig. Das ist das, was du siehst. Aber ich sehe etwas anderes. Ich sehe einen Schmetterling.“ Wurst (macht große Augen): Oha. Du meinst also, dass es nicht entscheidend ist, was andere sehen, sondern was man selbst sieht?“ Raupe (lächelt wohlwollend): „Richtig. Sicherlich spielt die Wahrnehmung der anderen eine Rolle. Entscheidend ist aber, wie du dich selbst wahrnimmst. Denn nur du selbst bestimmst, was du bist. Nicht die anderen.“ Wurst (schmollend): Das ist leicht gesagt. Wenn immer alle Hans Wurst zu einem sagen, ist es nicht gerade einfach, in sich selbst etwas anderes zu sehen, als das, was man ist.“ Raupe (seufzt): Du hast es noch nicht ganz begriffen. Ein Beispiel: In Köln, da trinken die Leute Kölsch. Sie trinken das gerne. Obwohl es streng genommen eigentlich obergäriges Pippi ist. Aber sag ihnen das mal. Sie werden dich nur dumm anschauen und den Kopf schütteln. Irrelevant, ob es Pipi ist oder etwas anderes – für sie ist es lecker. Somit kann auch obergäriges Pipi durchaus einen hohen gesellschaftlichen Wert haben.“ Wurst (verzieht das Gesicht): „Wie kann man nur Pipi trinken?“ Raupe: „Die Frage stellt sich nicht. Für denjenigen, der es gerne trinkt, ist es kein Pipi, sondern ein Genussmittel. Und inzwischen sieht die ganze Welt es genauso. Es ist zwar Pipi, aber eben doch eine Spezialität.“ Wurst: „Du meinst also, ich soll mir einreden, dass ich ein Steak bin?“ Raupe: „Nicht ganz. Du sollst dir nicht etwas einreden, was du nicht bist. Du bist ja eine Wurst. Aber eine Wurst kann genauso toll sein, wie ein Steak. Nur weil die Allgemeinheit meint, dass eine Wurst weniger akzeptabel als ein Steak ist, musst du das nicht auch denken. Es gibt schließlich Leute, die keine Steaks mögen. Außerdem hast du als Wurst einen entscheidenden Vorteil.“ Wurst: „Echt? Was denn?“ Raupe: „Du hast zwei Enden. Und da du zwei Enden hast, hast du auch zwei Anfänge. Egal wie du dich drehst, du bist immer vorne. Das kann ein Steak nicht von sich behaupten.“ Wurst: „Dir ist aber schon klar, dass du dich mit meinem Arsch unterhältst?“ Raupe: „Siehst du, jetzt hast du es endlich begriffen.“ Wurst: „Ähm, … ja… also … hmm… danke.“ Raupe: „Gern geschehen. Ich muss jetzt auch weiter.“ Wurst: „Okay. Tschöö.“
Von links oben, besser gesagt, die Richtung war nicht genau zu bestimmen, denn es kam immer darauf an, wie herum man den Spiegel hielt, schoss ein gefiedertes Etwas hinab. Ja, sicher, es war ein Vogel, doch in Anbetracht dessen, dass wir nicht wissen, was dieser Vogel morgens in seinem Spiegel sieht, einigen wir uns doch auf den Begriff „Etwas“. Ich schätze, damit werden wir allen gerecht – vor allem dem Vogel, schließlich wollen wir eine weitere Sinnkrise ja nicht unbedingt herausfordern.
Nun gut, dieses Etwas stürzte sich also auf die Raupe. Mit einem knackigen „Schmatz“ vertilgte das Etwas die Raupe, schluckte genüsslich und machte dann doch ein etwas verwirrtes und leicht angeekeltes Gesicht. „Schmeckt irgendwie nach Wurst“, sagte das Etwas.
Ein paar Meter weiter sang im hohen Gras versteckt eine überglückliche Wurst: „Ich bin eine Steak, ich bin ein Steak!“
Hakket (der eigentlich ein Brötchen ist, wäre er nicht ein Gurkensalat)
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Es ist schon beachtlich, auf welch kunterbunt gemischtes Wörtergut ein neugieriger Leser an den freien Stränden der Literatur zu stoßen vermag. In der Anthologie "Humoriges Strandgut" ist der Saum des gedanklichen Horizonts nicht überwuchert von schwerlastigen Literaturexponaten. Sondern vielmehr bevölkert mit ungeschliffenen und ulkigen, aber auch deutlich gezeichneten Kleinodien der Fantasie. Wie es dem natürlichen Lauf der Gezeiten entspricht, finden sich die gesammelten Fundstücke in überraschenden Kompositionen vereint. Der entdeckungsfreudige Leser, einzelne Textgebilde zur Hand nehmend, lässt sich auf ein unvorhersehbares Spiel mit dem Meer der Geschichten ein. So zusammengewürfelt der Bestand des "Humorigen Strandguts" mitunter wirken mag - sind es doch gerade diese unvorhersehbaren Treibgüter, die kraft ihres ungekünstelten Wirkens bestechen. Keine intellektuell ausgefeilten Kolosse, stattdessen persönliche und unaufdringliche Texte, welche einer zeitweiligen Beachtung und Verinnerlichung mehr als wert sind. Hinter dem schelmischen Grinsegesicht und seinem Algentoupet liegt manche Überraschung im Sand bereit, man muss nur gewillt sein, leichten Gemütes, Ausschau haltend hineinzutauchen und nach diesen farbenfrohen und vielfältigen Strandgütern zu greifen.
J. Pedersen "Nordlicht"
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