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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Himmel muss warten, Bettina Schlager
Bettina Schlager

Himmel muss warten



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Es wäre unsinnig zu behaupten, Bopol glaubte, vor Aufregung zu sterben. Schließlich war er schon seit einer geraumen Weile tot. Auch dieser ein unangebrachter Ausdruck.
Tod: Zustand, in dem alle Vorgänge im Körper eingestellt worden sind. So ein Unfug, dachte Bopol. Nichts war eingestellt. Nur umgestellt.
Bopol war bereit. Er hatte die Probezeit bestanden, mit dem Archivar gesprochen, nach Präzedenzfällen gesucht. Sich mit seinen Kollegen ausgetauscht, Rat eingeholt. Nichts konnte ihn jetzt noch aufhalten. Gar nichts.
Außer Justus.

***

„Kommt ja überhaupt nicht in Frage! Schließlich hat sie dich nicht ausdrücklich darum gebeten", schnaubte Justus und schüttelte unwillig den Kopf.
Ausdrücklich! Was sollte das schon heißen? Befehl, Wunsch, Bitte. Wo lag der Unterschied? Hatte auch ER nicht die Welt zuerst erwünscht, erdacht? War die Kraft der Vorstellung nicht Voraussetzung für das Ausdrückliche?
„Sie hat es sich gewünscht." Bopol bemühte sich, ruhig zu bleiben.
„Pah! Man muss schon den Mut finden, zur Tat zu schreiten. Mit ein bisschen wünschen ist es nicht getan. Glaubt sie denn an uns?"
Genau diese Frage hatte Bopol befürchtet. Natürlich nicht. Weder an uns noch an Gott noch an sonst irgendetwas Unbeweisbares. Verärgert beobachtete er, wie Justus triumphierend lächelte.
„Gut. Du hörst meine Gedanken. Und ich spüre Catherines Wünsche. Außerdem ist Ablehnung auch nichts anderes als Hingabe."
„Soso. Menschen sollten es zumindest fertig bringen, verwandte Seelen selbst zu erkennen, ohne unsere Mithilfe. Es ist nicht unsere Aufgabe, ihnen diese Arbeit abzunehmen."
„Das möchte ich auch gar nicht", beharrte Bopol. „Sie ist intelligent genug, das selbst zu schaffen. Ein wenig Schutzengelhilfe könnte dabei allerdings nicht schaden."
„Soso. Intelligenz allein genügt aber nun mal nicht. Und du bist kein Schutzengel. So weit bist du noch nicht!"
„Wer könnte diesen Job besser erledigen als ich? Rainer versucht schon lange, sie zu erreichen. Ohne Erfolg. Er ist ziemlich frustriert."
Betont ruhig sah Justus Bopol an. „Frustriert? Blödsinn! Er hat nur keine Lust, sich anzustrengen, schwelgt in seiner Poesie. Ich habe nie behauptet, dass euer Job ein reines Zuckerschlecken ist. Es gibt eine Hierarchie hier oben, mein Lieber. Schutzengel spielen ist ein hartes Stück Arbeit. Das schafft man nicht so hoppla hopp."
„Harte Arbeit schockiert mich nicht! Ich kenne die Spielregeln, kenne Catherine - besser als irgend jemand sonst."
„Und sie? Das Dämchen hat doch keine Ahnung, welche Arbeit auf sie zukommt. Da soll deine Motivation ausreichen? Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden? Oder was?"
Justus schien sich in Fahrt zu reden. Das konnte er auf keinen Fall zulassen. Er schloss für einen Moment die Augen. Ganz ruhig. Ich lasse mich nicht provozieren. Ich bin die Ruhe in Person, heiter, gelassen und souverän.
„Bitte, lass es mich versuchen! Ist es nicht auch unsere Aufgabe, den Menschen zu helfen? Ich kann doch nicht tatenlos zusehen, wie sie an ihrem Schicksal vorbei lebt! Sie erholt sich so langsam von meinem Tod und bumm, schon kommt der nächste Schlag."
Justus verdrehte die Augen und legte mit einer gezierten Geste die Fingerkuppe seines linken Daumens auf das Gegenstück der rechten Hand. Konzentriert fuhr er dann mit den beiden Zeigefingern fort, bis sie auf gleicher Höhe aufeinander trafen und einen perfekten Winkel bildeten. Bedächtig fuhr er mit diesem Spiel fort, bis er endlich bei den kleinen Fingern angelangt war.
Heiter, gelassen und souverän, wiederholte Bopol innerlich, wieder und wieder. Ich platze gleich, wie ein zu stark aufgeblasener Luftballon. Ja, genau so sieht er aus mit seinem runden Kopf und dem schmalen Kinn auf der knotigen Gurgel.
„Schicksalsschläge gehören zum Leben, nur so reifen die Menschen. Was ist das überhaupt für ein Problem?"
„Er wird sterben. Bald."
„Wer, er?"
„Der Mann, den sie sich aussuchen wird. Du hast dich überhaupt nicht auf unser Gespräch vorbereitet!"
Bopols Augen verdunkelten sich, wie immer, wenn er sich aufregte.
„Du bist so was von starrsinnig! Ist sie das auch wert?"
„Unbedingt."
Scharf sah Justus ihn an. Er war von diesem hochbegabten Neuzugang begeistert gewesen und hatte ihn ins Herz geschlossen. Diese ungläubige Nichte war ganz offensichtlich wichtig für ihn. Er schnaubte leise. Leben. So oder so eine tödliche Sache.

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