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Belletristik
Buch Leseprobe Heavy Metal, Nick Lubens
Nick Lubens

Heavy Metal


Wie wir die Mauer wegrockten

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„Tilo?“


„Meinst du, er hat einen Hörschaden oder so was?“


„Keine Ahnung. Vielleicht ist er schon tot.“


„Irgendwie sieht er komisch aus, so als hätte er eine Vision oder sowas gehabt!“


„Vision? So ein quatsch. Der ist zugedröhnt. Ich frag mich, wo er den Stoff hergekriegt hat.“


„Quatsch. Der ist einfach nur weg. TILO!“


Ich höre jedes einzelne Wort, das meine Freunde wechseln, allein es ist mir unmöglich, darauf zu reagieren. Wie paralysiert stehe ich vor der kleinen Bühne, auf der sich mit Ausnahme einiger Fusselknäuel schon seit einiger Zeit nichts mehr bewegt und starre mit weit aufgerissenen Augen an die Stelle, an der bis vor einer halben Stunde dieses schwarzhaarige Wesen aus einer anderen Dimension mit ihrer Stimme Emotionen in mir wachgerufen hat, die ich vorher nicht für möglich gehalten hatte.


„Du, das Konzert ist zu Ende.“ Ich spüre, wie mir einer meiner Freunde die Hände auf die Schultern legt und versucht, mich von der Bühne wegzudrehen. Wie ein Baum gegen den Sturm stemme ich mich mit aller Gewalt gegen diesen Versuch, mich aus meiner derzeitigen Position zu entfernen. Ich will für immer hier stehen bleiben, für immer diese unglaubliche Eruption aus Aggression, Tempo und Lautstärke spüren, die mich wie eine Flutwelle überrollt und in magische Gefilde mitgerissen hat.


„Kann es sein, dass er voll in Kerstin verschossen ist?“, höre ich Robert über meinen Zustand spekulieren.


„Kerstin?“, fragt Ole verwundert.


„Na, die Sängerin.“, erwidert Robert, so als müsste allen klar sein, dass dieses schwarzhaarige Energiebündel auf der Bühne nur Kerstin geheißen haben konnte.


„Die mit der Lederjacke?“, vergewissert sich Olaf, der gerade offenbar etwas schwer von Begriff ist. Wer könnte es ihm verdenken, nach diesem Erlebnis.


„Hast du noch eine andere Sängerin gesehen?“, fragt Robert genervt.


„Nee.“, muss Olaf eingestehen.


„Los, wir müssen hier raus!“, mischt sich Sirko in die Diskussion ein. „Die Ordner räumen schon die Stühle vor.


„Und wie kriegen wir Tilo zum Auto?“, fragt Olaf mit leicht weinerlichem Unterton.


„Zur Not müssen wir ihn eben tragen.“, unkt Robert und packt mich am Arm. Ich spüre einen Stoß in den Rücken und ein zweites Paar Hände, dass meinen anderen Arm umkrallt. Gegen eine solche Übermacht bin ich chancenlos, deshalb lasse ich mich nach einem kurzen Gerangel anstandslos von meinen Freunden abführen. Auch, als wir schon vor der Tür stehen, dröhnt das wuchtige „Run for your live“ immer noch in meinem Kopf nach. Ich spüre genau, dass mein Leben eine neue Wendung genommen hat. Ein einziges Konzert hat ausgereicht. Ich bin infiziert, unheilbar verliebt in diese Musik und es wird für mich kein Entkommen geben. Ich spüre alle Anzeichen einer Sucht, wie sie uns im Staatsbürgerkundeunterricht erläutert wurden, als es um die Drogensüchtigen am Westberliner Bahnhof Zoo ging. Ich muss diese Musik wieder hören, ich will dieses Vibrieren im Magen wieder spüren und ich will meinen Kopf schütteln, hin und her, hin und her.


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