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Vorübergehende Freundschaft
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er Zug rüttelte mich unsanft aus dem Schlaf. Unerbittlich quietschte und ruckelte er, bis ich schließlich die Augen aufriss und in die Scheinwerfer des Bahnhofs blinzelte. Tatsächlich - ich musste aussteigen. Ich schlüpfte in meine Schuhe, tastete nach meiner Tasche und wankte aus dem Zug hinaus. "Kaffee", dachte ich, während ich schlaftrunken der Bahnhofshalle entgegentorkelte.
Zu meiner großen Freude hatte bereits eine Imbissstube geöffnet, wo ich für ein kleines Vermögen eine Tasse Kaffee erhielt. Drinnen war die Luft viel zu stickig, als dass ich dort meine müden Augen hätte offen halten können. Also ließ ich mich vor dem Lokal auf meiner Tasche nieder, die ächzend unter mir zusammensank.
Meine Gedanken kreisten um die Frage, wie lange wohl der Kaffee in diesem Zugwind meine Hände wärmen würde, als ich plötzlich spürte, wie jemand auf mich zukam. Aufblickend sah ich in ein hageres Gesicht, das, von langen, kastanienbraunen Haaren umrahmt, noch müder wirkte als meines. Vielleicht einer, der schon mehrere Nächte in Parks geschlafen hat, dachte ich und tastete schon in Gedanken nach meinem Portemonnaie, um möglichst schnell auf die erwartete Bitte um Geld reagieren zu können.
"Willste 'n Bier?" fragte der Mann mit dem hageren Gesicht mich unvermittelt. Auf meinen erstaunten Blick hin ergänzte er: "Ich geb' dir eins aus."
Die Frage hatte mich so überrumpelt, dass ich zunächst nicht wusste, was ich antworten sollte. "Ehrlich gesagt", murmelte ich dann, "ein Kaffee wär' mir lieber."
"Auch gut", gab er zurück und verschwand wortlos in der Imbissbude.
Seltsamerweise kam mir keine Sekunde lang der Gedanke, dass es sich bei der Einladung um einen Anmachversuch handeln könnte. Wahrscheinlich lag das daran, dass die Stimme des Mannes völlig frei war von jenem zweideutigen Unterton, der ansonsten für solche Situationen typisch ist. Er strahlte eine Offenheit aus, die mich instinktiv Vertrauen zu ihm fassen ließ.
Während er den Kaffee besorgte, hatte ich Gelegenheit, ihn durch die großen Glasscheiben des Lokals näher zu betrachten. Auf die Entfernung fiel vor allem seine vorgebeugte Haltung auf. Die Lederkleidung, die früher vielleicht einmal eng an seinem Körper angelegen hatte, ihm jetzt aber viel zu weit war, ließ ihn ein wenig verloren aussehen. Eine Vogelscheuche auf Wanderschaft, stand er fremd vor dem Tresen und kramte in seinen Taschen, um den Kaffee zu bezahlen. Seine Bewegungen waren nachlässig und auch ein wenig zittrig - der Kaffee befand sich bereits zu einem guten Teil auf der Untertasse, als er ihn mir reichte. Nachdem ich die alte Tasse neben mich gestellt und die neue entgegengenommen hatte, schob er sich einen herrenlosen Kofferkuli heran und setzte sich neben mich.
Eine Zeit lang saßen wir schweigend nebeneinander. Ab und zu an meinem Kaffee nippend, dämmerte ich vor mich hin, während er den Leuten, die nun allmählich ihren Morgenzügen zustrebten, unbeteiligt nachblickte. Ich dachte, mir, dass ich jetzt wohl ein Gespräch beginnen müsste. Während ich noch über ein geeignetes Thema nachsann, fragte er mich plötzlich: "Weißt du, wo ich gerade herkomme?"
Ich ließ mein pflichtgemäßes "Nee" verlauten und blickte ihn erwartungsvoll an.
"Ausm Knast", sagte er da.
Ich bemühte mich, möglichst gleichgültig zu wirken: "Haste jemand besucht, oder ...?"
"Nee. Ich hab' drei Jahre gesessen. Wegen Gras."
"Drei Jahre!" brach es aus mir heraus. "So lange!"
Er nickte. Um uns her wurde es nun zunehmend hektischer. Immer häufiger wurden Züge ausgerufen, stoßweise strömten die Pendler den Gleisen oder dem Ausgang zu. Einige musterten uns mit unverhohlenem Ärger, wenn sie uns in dem Gedränge umschiffen mussten und so wertvolle Sekunden verloren.
Ohne sich um das Gewusel zu kümmern, begann mein neuer Bekannter zu erzählen: "Weißt du, das war damals echt 'ne geile Zeit. Wir haben da zusammen in so 'nem Haus gelebt, ich und 'n paar Freunde, ganz weit draußen. War fast schon ländlich. Einmal haben wir uns sogar überlegt, ob wir uns ein paar Hühner anschaffen sollten. - Magst du Hühner?" fragte er mich unvermittelt.
"Ich weiß nicht. Eher die Eier als die Hühner."
"Eben", lachte er. "So 'n Huhn, das macht halt auch 'ne Menge Dreck, und vor allem gackern die Viecher ja laufend. Also haben wir das mit den Hühnern lieber gelassen. Aber es war auch ohne Hühner sehr idyllisch. Weißt du, da hat keiner einfach so sein Ding abgezogen - es war echt einer für den andern da. Wir haben alles miteinander geteilt: gemeinsames Haus, gemeinsame Kasse, gemeinsamer Kühlschrank... Natürlich hatte jeder sein eigenes Zimmer, aber wenn man Probleme hatte, ist man einfach in die Küche gegangen und ... na ja, es war halt immer jemand da, wenn man mal nicht so gut drauf war."
Er blickte starr vor sich hin. Fast schien es, als hätte er mich vergessen. Durch die Lautsprecher tönten die ersten Verspätungsmeldungen. "Irgendwann habe ich dann den Wolf kennen gelernt", fuhr er nach einer Weile fort. "Ich bin immer gern in die 'Sahara' gegangen - das war so 'ne Junkie-Kneipe -, und irgendwann saß er halt auch an der Bar. Er ist mir natürlich gleich aufgefallen. Der hatte so herrlich lange blonde Locken - und Augen hatte der ... Ich hab' ihn spontan zu 'nem Bier eingeladen, 'n Joint hab' ich ihm natürlich auch angeboten. Wir haben uns auf Anhieb bombig verstanden. Der Wolf, der konnte dir stundenlang zuhören, aber du konntest auch so richtigen Scheiß mit ihm machen - ein echter Kumpel eben! Von da an habe ich ihn fast immer getroffen, wenn ich in die Sahara gegangen bin. Wir haben ewig miteinander gequatscht. Und schließlich hat er mir auch von sich erzählt. Dass sein Vater vor ein paar Monaten gestorben ist, dass er keine richtige Bleibe hat, kein Geld, keine Freunde und so. Mensch, das ist mir echt nahe gegangen! Wir hatten zwar bei uns im Haus kein Zimmer mehr frei, aber mein Zimmer war sehr groß, und da hab' ich ihm halt angeboten, zu mir zu ziehen. - Hättste doch auch gemacht, oder?"
"Ja, klar", entgegnete ich (auch wenn ich mir dessen gar nicht so sicher war) und blickte ihn aufmunternd an. Er tat mir leid, wie er mich so flehentlich und auch ein wenig verwirrt anschaute.
Erleichtert über meine zustimmende Antwort, fuhr er fort: "Die anderen haben mir erst mal schwer Kontra gegeben. So 'ne eingeschworene Gemeinschaft, und dann kommt plötzlich ein Neuer dazu, den man gar nicht richtig kennt - da ist man natürlich misstrauisch, das habe ich ja auch verstanden. Aber ich wollt' eben unbedingt was für den Wolf tun, und irgendwann haben die andern das auch eingesehen - so ist der Wolf dann zu uns gezogen. Am Anfang haben wir uns alle ganz super verstanden. Der Wolf war halt ein netter Junger, der hatte so was ... Na, irgendwie musste man ihn einfach mögen. Aber nach 'ner Weile gab's dann doch Ärger; weil er ja auch die ganze Zeit auf unsere Kosten gelebt hat. Da meinten die anderen eben, er könnte auch mal irgendwas beisteuern. Außerdem ist er öfter mal für 'ne Nacht verschwunden, einfach so, ohne jede Erklärung, und das hat einige misstrauisch gemacht."
Er verfiel in ein kurzes Schweigen, dann fragte er mich plötzlich: "Hast du einen Freund?"
"Wie bitte?" - Ich hatte ihn nicht gleich verstanden, denn mittlerweile war der morgendliche Bahnhofsbetrieb voll im Gange. Züge fuhren ab und kamen an, Lautsprecherstimmen überschlugen sich, Menschen stolperten und fluchten.
"Na, einen Freund", wiederholte er, "einen richtigen, meine ich. - Hast du keinen Freund?"
"Doch, schon ..."
"Kannst du dir vorstellen, deinem Freund zu misstrauen?"
"Nein - dann wär's doch kein Freund!"
"Siehst du, genau das habe ich denen damals auch gesagt. Ich hab' mich sogar noch für den Wolf eingesetzt, als wir wieder mal nach Amsterdam gefahren sind. Du weißt schon - von wegen Coffeeshops und so. Wir haben das immer mit 'ner kleinen Zelttour verknüpft: ein bisschen bummeln, ein bisschen Landschaftgucken und so. Der Wolf wollte da unbedingt mit, und ich hab' schließlich auch durchgesetzt, dass er mitkommen darf. Schließlich sind wir mit unserm alten VW-Bus gefahren, da war sowieso noch Platz. In Amsterdam war's dann echt lustig. Es war Sommer, und wir hatten ein super Wetter ... Einmal sind wir in ein Gewitter geraten, da haben wir uns mitten in Amsterdam vor 'ne Kirche geknallt. Den Wolf hättste auswringen können - er hatte nun mal so schöne lange Haare ... Ich hab' sie ihm mit meinem Pulli trocken gerubbelt ... Ey, stell' dir vor, ich hab' noch meinen Pulli für den geopfert, und der ..."
Für einen Moment schien es, als würde ihm die Stimme versagen. Ich blickte erschrocken zu ihm herüber und sah, dass ihm Tränen über die Wangen liefen.
"Auf der Heimfahrt haben wir inner Raststätte Halt gemacht", erzählte er weiter. "Nach dem Essen war der Wolf dann plötzlich weg. Ich dachte zuerst, der wär' aufm Klo. Aber wie ich da runter gehe, steht der plötzlich da und telefoniert! Der ist vielleicht erschrocken, als er mich gesehen hat! Mir hat er doch immer gesagt, er kennt niemanden, und jetzt muss er plötzlich aus Holland Leute anrufen. Aber ich habe nichts gesagt; ich dachte, der erklärt dir das sicher selbst noch."
Er wischte sich mit den Ärmeln seiner Lederjacke übers Gesicht, dann fasste er in die Hosentasche, offenbar um ein Taschentuch zu suchen. Da er nichts fand, fragte er mich: "Haste was zum Schnäuzen?"
Ich kramte ein Papiertuch heraus, das ich aus der Zugtoilette mitgenommen hatte. Als ich es ihm gab, trafen sich für Sekundenbruchteile unsere Blicke. Ich sah in seine blutunterlaufenen Augen, und ich musste an das Gefängnis denken, an die vielen Tage und Nächte, in denen diese Augen gegen die Wand gestarrt hatten.
Er schnäuzte sich und steckte das Tuch dann in seine Tasche: "Ich darf's doch behalten, ey?"
"Klar. Im Zug gibt's genug davon."
Er besann sich kurz und erzählte dann weiter: "Als wir wieder über die Grenze sind, stehen da plötzlich lauter Bullen. Die haben uns gleich aus dem Auto rausgezerrt - du weißt ja, wie zärtlich die sind. Nach dem Gras mussten die Kerle nicht lange suchen. Die wussten genau, wo das versteckt war. Danach sind wir alle in so 'nen fahrenden Käfig gesteckt worden - nur der Wolf nicht! Ey, der war mit denen sogar per Du! Kannst du dir das vorstellen? Der ist mit den Bullen per Du, und ich dachte, das ist mein Freund! Mensch, und wie der geguckt hat: so ganz eiskalt! Ich kann dir sagen, ich war fix und fertig!"
Seine Augen füllten sich wieder mit Tränen. Er griff nach dem Tuch, das ich ihm gegeben hatte, und schnäuzte sich erneut. Erst jetzt merkte ich, dass schon hier und da Leute stehen geblieben waren und uns anglotzten.
"Das Schlimmste war dieses Heimtückische", ergänzte er. "Die wussten ganz genau, dass ich auf so 'ne Typen stehe - die haben den extra auf mich angesetzt!"
"So eine Sauerei!" gab ich ihm Recht, während ich den verstohlen glotzenden Passanten direkt ins Gesicht blickte, um sie zu vertreiben.
"Wo willst du eigentlich hin?" fragte er mich nach einer Weile, als er sich wieder ein wenig beruhigt hatte.
"Ich wollte mit dem nächsten Zug nach B. fahren", entgegnete ich.
"Mensch, der fährt ja in fünf Minuten", sagte er und sprang auf. "Da musste dich aber beeilen!"
Etwas benommen erhob ich mich, woraufhin ich sogleich spürte, wie sich die Stacheln eines übernächtigten Gesichts in meine Wangen bohrten.
"Mach's gut, ey", flüsterte er, während ich mich bemühte, ihm nicht noch einmal in seine müden Augen zu sehen. Im nächsten Augenblick hatten die Ströme der Reisenden uns auseinander gerissen.
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